Ihre Wege führten nach Okzitanien – Band 1
Don Lucianos Imperium
EUR 36,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 752
ISBN: 978-3-99130-400-5
Erscheinungsdatum: 17.05.2024
Organisiertes Verbrechen im historischen Okzitanien. Luciano erbt das kriminelle Imperium seines Vaters Don Edoardo, des mächtigsten Gangsters von Frankreich. In einer Welt voller Korruption und sexueller Perversität wird er zum Mörder blonder Jünglinge.
1.
In Torino kehrt das piemontesische Königshaus mit seinem Hofstaat wieder ein
Am 20. Mai des Jahres 1814 zog, nach dem Untergang Napoleons, das piemontesische Königshaus mit seinem Hofstaat wieder in die Residenzstadt Turin ein. Die Bewohner von Turin staunten nicht schlecht, als der Hofstaat mit Prunk und Pracht in die Stadt kam. Die Gestalten glichen Mumien. Die Kostüme der Savoyer stammten aus dem vergangenen Jahrhundert. Der neue König von Sardinien-Piemont, Vittorio Emanuele I. stellte die alten Verhältnisse wieder her, als hätte es die Französische Revolution gar nie gegeben. Als Erstes schafften die zurückgekehrten Savoyer die Gleichstellung aller vor dem Gesetz ab und führten wieder feudale Rechte ein; kein Buch und keine Zeitung durften gedruckt werden ohne die Genehmigung einer kirchlichen Kommission. Wer eine Reise unternahm, brauchte ein Leumundszeugnis vom zuständigen Polizeipräsidenten. Die Post aus dem Ausland wurde strengstens kontrolliert, alle Beamten, die eine französische Schreibweise benutzten, wurden entlassen. Die Piemonteser standen nun wieder unter der Schutzmacht der Österreicher. Der Kleinstaat wurde zum Marionettenstaat. Fürst Metternich wurde der Berater, besser gesagt, der Verwalter des Piemont. Dass der Handel zwischen den Piemontesern und den Franzosen bei diesen Verhältnissen zum Erliegen kam, war nur verständlich. Das Königshaus Piemont unternahm alles, damit die Grenze zu Frankreich unter bester Kontrolle war. Der Reise- und Handelsverkehr zwischen dem Piemont und Frankreich wurde vollständig unterbrochen. Die Schließung der Landesgrenze hatte für die Bewohner der okzitanischen Bergtäler fatale Folgen. Die vielen Wagenführer, Kutscher und Säumer waren auf einen Schlag ohne Verdienst. In den Gasthäusern blieben nicht nur die Fremden aus, sondern auch die Einheimischen. Die Regierung stellte den Unterhalt der Handelswege ein. Was dazu führte, dass die Wegemacher ohne Arbeit waren. Die Baumeister und Kunstschmiede waren ebenfalls ohne Arbeit. Die Okzitanier mussten ihre Kunstarbeiten wieder in den weit entlegenen Städten verkaufen. Die Armut kehrte in die okzitanischen Bergtäler zurück. Es dauerte nicht lange, bis in den Bergtälern eine Auswanderung einsetzte. Die Zurückgebliebenen waren wiederum die alten und kranken Menschen. Das Landwirtschaftsland verwilderte, und auf den Alpweiden gab es sozusagen kein Vieh mehr. Die Zeit der Savoyer mit ihrer reaktionären Regierungsweise sollte noch bis zum Jahr 1859 dauern. Im Unabhängigkeitskrieg 1859, bei einer Doppelschlacht, Solferino und San Martino, am Gardasee, siegten die Piemonteser und Franzosen gegen die Österreicher. Im Jahr 1861 wurde das Königreich Italien ausgerufen. König wurde Vittorio Emanuele von Sardinien-Piemont. Turin wurde Hauptstadt von Italien, aber nur bis ins Jahr 1865, danach wurde Florenz Hauptstadt und kurze Zeit später Rom.
2.
Die okzitanischen Handelswege
Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Schmugglerpfade in den Okzitanischen Alpen zu passablen Handelswegen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, bei den Fehden zwischen Habsburg und Frankreich, kam der Handels- und Reiseverkehr auf den okzitanischen Handelswegen zum Erliegen. Die Handelswege wurden nur noch von Schmugglern benutzt. Den Bewohnern der okzitanischen Bergtäler entgingen somit wichtige Einnahmequellen. Sie mussten allein aus den Erträgen der Landwirtschaft und ihrem Kunsthandwerk leben. Die Armut in den okzitanischen Bergtälern nahm deshalb rasant zu. Viele Bergbewohner, vor allem die jungen Männer, mussten auswandern, um in der Fremde Geld zu verdienen. Für die Zurückgebliebenen war das Leben sehr hart. Monsieur Tod kam ins Tal herein. Er marschierte talauf und talab. Er setzte sich an die Betten der schwer kranken Menschen. Ihm waren alle Menschen willkommen. Ob jung oder alt.
Im Jahr 1798, als Napoleon das Piemont besetzte, gab es für die Menschen am Okzitanischen Handelsweg wieder einen Lichtblick. Die Tal- und Bergbewohner gingen gemeinsam ans Werk. Sie setzten den vernachlässigten Handelsweg wieder instand. Es vergingen nur wenige Monate, bis der Weg durchgehend repariert war. Danach setzte bald der Handels- und Reiseverkehr erneut in vollem Umfang ein. Für die okzitanische Bevölkerung entstanden wieder Verdienstmöglichkeiten, indem sie den Reisenden die verschiedensten Dienstleistungen anbieten konnten. Am größten war die Nachfrage im Bereich der Verpflegung. Wer Speise und Trank sowie Nachtlager anbieten konnte, profitierte am meisten vom Verkehr auf den Handelswegen. Es waren vor allem die Warenagenten und ‑händler, welche das Geld für Speis und Trank ausgaben. Insbesondere für alkoholische Getränke, wie Wein und Branntwein. Die Wagenmacher und die Hufschmiede sowie die Sattler hatten aber auch einen ansehnlichen Verdienst. Denn es gab immer etwas zu reparieren. Sei es, einen Wagen instand zu setzen, ein Pferd zu beschlagen oder einen Sattel zu flicken.
Am Handelsweg entlang wurden Gasthäuser, Wagen- und Warenscheunen, Stallungen und Wohnhäuser gebaut. Da der Handelsweg wieder stark benutzt wurde, entstanden dementsprechend Wegschäden. Die größten Schäden am Handelsweg wurden aber durch Unwetter hervorgerufen. Und die waren reichlich an der Zahl. Somit überbrachte eine Delegation der Regierung in Paris ein Gesuch, mit der Bitte, die großen Kosten für den teuren Unterhalt des Handelsweges mitzufinanzieren. Ein halbes Jahr später entsprach die königliche Regierung dem Gesuch. Zur Überraschung der okzitanischen Bevölkerung erklärte sich die Regierung in Paris bereit, die ganzen Kosten für den Wegunterhalt zu übernehmen. Dies geschah nicht aus Liebe zu der okzitanischen Bevölkerung.
Der König interessierte sich kaum für die okzitanische Bevölkerung. Es war vielmehr Berechnung. Die französischen Truppen waren im Piemont stationiert. Also war man an einer direkten Landverbindung von Turin nach Marseille interessiert. Der Waffennachschub für die Schlachten musste sichergestellt sein. Der Entscheid aus Paris erfreute die okzitanische Bevölkerung. Nun waren sie eine der größten Ausgabequellen los. Zu erwähnen ist noch, dass der Handelsweg zuvor zum größten Teil im Frondienst unterhalten wurde.
In der Folge entstanden dank dem positiven Bescheid aus Paris neue Arbeitsplätze. Was ein weiteres Auswandern der jungen Leute etwas bremste. Natürlich zogen die jungen Menschen nicht nur aus, weil sie keine Arbeit fanden, auch weil das Leben in der Bergwelt karg und öde war. Zudem gab es immer mehr junge Menschen, die nach Marseille zogen, wo sie die Gelegenheit hatten, sich weiterzubilden. Oder ein Studium an der Marseiller Universität anzufangen.
Eine weitere lukrative Einnahmequelle stellte der Verkauf der verschiedensten Handwerks- und Kunstarbeiten dar. Dadurch, dass nun ein großer Teil der okzitanischen Erzeugnisse am Handelsweg verkauft werden konnte, wurde den Herstellern und Händlern der weite Weg in die Städte erspart. Der Verkehr auf den okzitanischen Handelswegen nahm kontinuierlich zu. Es kam die Zeit, da fehlte es an allen Enden an Arbeitskräften. Die Abwanderungen der jungen Leute, welche die Bergtäler in der Vergangenheit verlassen hatten, fehlten nun. Es fehlten vor allem Wagenführer und Säumer. Für diese schweren Arbeiten kamen nur junge, kräftige Männer infrage. Eben die Männer, welche die Bergtäler aus wirtschaftlichen und anderen Gründen verlassen hatten. Die Wagenführer mussten große Erfahrung mit dem Lenken von mehrspännigen, schweren Transportwagen in den Bergen haben. Diese Voraussetzungen erfüllten bloß wenige Männer. Und für den Warentransport über die Berge kamen nur junge Männer infrage, die mit den Bergen bestens vertraut waren. Der Warentransport über die Bergübergänge war mit etlichen Gefahren verbunden. Der Säumer kam überall dort zum Einsatz, wo die Handelswege nicht befahrbar waren. Neben dem Warentransport brauchte es ebenfalls Männer mit Bergerfahrung für den Personenverkehr. Die sogenannten Reisebegleiter, deren Aufgabe darin bestand, die Reisenden heil über die hohen Berge zu bringen. Natürlich waren sie auch für das Gepäck der Reisenden verantwortlich. Dazu verwendeten sie, je nach der Menge des Gepäckes, ein oder zwei Maultiere. Für die Reiseagenten war es alles andere als einfach, Männer für diese Aufgaben zu finden. Die meisten Männer, die Bergerfahrungen aufwiesen, waren gegenüber fremden Menschen nicht allzu gut gesinnt. Es kam noch hinzu, dass die okzitanischen Männer im Allgemeinen wortkarge, in sich gekehrte Menschen waren. Die Männer aus der okzitanischen Bergwelt eigneten sich somit nicht unbedingt als Reisebegleiter. Es fand sich aber gleichwohl eine Handvoll Okzitanier, die sich für diese Aufgabe instruieren ließen. Doch reichte dies nicht aus. Für die fehlenden Reiseführer mussten sich die Reiseagenten in der okzitanischen Bergwelt die Schuhe ablaufen. Obwohl sich die Männer bei ihnen zuhauf meldeten. Leider eigneten sich die meisten dieser Leute nicht, da sie keine oder nur geringe Bergerfahrungen aufwiesen. Nicht wenige von ihnen kamen aus der großen Hafenstadt Marseille. Die Männer nahmen lange, beschwerliche Märsche auf sich, um bei einem okzitanischen Reise- oder Warenagenten eine Anstellung zu bekommen. Doch war der weite Weg ins okzitanische Bergtal nicht für alle umsonst. Der eine oder andere hatte Glück, eine Anstellung zu erhalten. Von den Säumern und Reisebegleitern wurde vieles abverlangt. Sie mussten mit den Gefahren auf dem Weg über die hohen Bergübergänge vertraut sein. Sie mussten mit den Launen des Bergwetters vertraut sein. Ihnen musste bekannt sein, wie schnell sich der strahlend blaue Himmel in ein grauschwarzes Monster verwandeln konnte. Ihnen musste bekannt sein, wie rasch sich ein lauer Sommerwind in einen reißenden Sturm verwandeln konnte. Sie mussten wissen, wie man sich bei Unwettern in den Bergen verhielt. Ihnen musste bekannt sein, an welchen Stellen die Gefahr von Lawinen und Steinschlag bestand. Zudem musste ihnen bekannt sein, dass sich nach einem Unwetter der Regen in Schnee verwandeln konnte. Die Säumer und Reisebegleiter mussten den Weg finden, wenn er unter den Schneemassen begraben war. Es bestanden tatsächlich viele, harte Anforderungen an die Männer. Da war es nur verständlich, dass man die einheimischen Männer den Männern aus dem Flachland vorzog. Hinzu kam, dass die okzitanischen Einwohner zuverlässige und fleißige Leute waren.
Der Personen- und Reiseverkehr über die okzitanischen Bergübergänge verlief lange Zeit reibungslos. Die Warenhändler und Reiseagenten verdienten gutes Geld. Aber auch die Säumer und Reisebegleiter profitierten vom zunehmenden Reise- und Warenverkehr auf den okzitanischen Handelswegen. Die große Nachfrage nach ihnen erlaubte es, für ihre schweren und gefährlichen Arbeiten mehr Geld zu verlangen. Das missfiel den habgierigen Agenten. So kam es, dass einige der Agenten in Marseille und Umgebung Männer für den Warentransport und die Reisebegleitung über die Berge anheuerten. Männer, die absolut keine Bergerfahrung hatten. Den Agenten war bewusst, dass diese Männer den anspruchsvollen Aufgaben nicht gewachsen waren. Für sie zählte nur eines, das Anhäufen von Geld. Zudem vertrauten sie darauf, dass sich die erfahrenen Säumer und Reisebegleiter der unerfahrenen Männer annahmen. Was nicht der Fall war. Im Gegenteil. Es kam unter den Einheimischen und Fremden zu unliebsamen Auseinandersetzungen. Dadurch, dass immer mehr fremde Männer auf den okzitanischen Handelswegen eingesetzt wurden, kam es zu einem Zerfall der Löhne. Das Einkommen der okzitanischen Säumer und Reisebegleiter verkleinerte sich von Monat zu Monat. Die Einwohner der okzitanischen Täler hegten auf die auswärtigen Männer und auf die Agenten einen großen Groll. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, bei denen sogar Menschen ums Leben kamen. Die Gewalttaten in den okzitanischen Bergtälern nahmen dermaßen zu, dass die Landespolizei in Marseille Verstärkung anfordern musste.
Die Einwohner der okzitanischen Bergtäler versanken in Resignation. Der Traum von einem besseren Leben verblasste zusehends. Der Reise- und Warenverkehr wurde zu zwei Dritteln von auswärtigen Männern bestritten. Während in den Bergen die Unerfahrenheit und Unzuverlässigkeit der Männer aus dem Flachland zu schrecklichen Unfällen führte, saßen ihre Vorgänger zu Hause oder reisten umher, um eine neue Arbeit zu finden. Die gierigen Waren- und Reiseagenten erkannten zu spät, dass der Einsatz dieser unerfahrenen und zum Teil kriminell veranlagten Männer ihren Untergang herbeiführte. Sie erkannten zu spät, dass einige der Männer in Marseille zum organisierten Verbrechen gehörten. Diese Männer ließen sich nur aus einem Grund anheuern. Sie hatten es auf die Handelsware abgesehen. So kam es, dass die Warendiebstähle stark zunahmen. Die kriminellen Männer begründeten den Warenverlust dadurch, dass sie in den Bergen von Banditen überfallen wurden. Und es an ein Wunder grenze, dass sie von den Übeltätern nicht umgebracht wurden.
Hätten sich die Warenagenten Zeit und Mühe genommen, hätten sie schnell herausgefunden, dass die angeblich gestohlene Ware im Piemont auf dem Schwarzmarkt verhökert wurde. Aber diese Herren ließen sich nicht so tief herab, dass sie den weiten Weg über die Berge auf sich genommen hätten. Während sich Männer für sie in den Bergen schwertaten, saßen sie in den feudalen Schankstuben, wo sie sich stundenlang mit den Spielkarten vergnügten. Natürlich sorgten sie auch für ihr leibliches Wohl.
Es kam dann die Zeit, in der die Trabanten ihnen nacheiferten. Sie verbrachten die Zeit zwar nicht in den feudalen Schankstuben, sondern in den düsteren Spelunken, von denen es an den okzitanischen Handelswegen einige gab. Diese Männer machten sich kein Gewissen, was die liegengebliebene Handelsware oder die wartenden Reisenden anbelangte. Der einst so gute Ruf der okzitanischen Handelswege war dahin. Die viel gelobte Zuverlässigkeit der Säumer und der Reisebegleiter verwandelte sich in das Gegenteil. Die Unzuverlässigkeit sowie die kriminellen Machenschaften der Säumer und Reisebegleiter wurden beiderseits der Landesgrenzen bekannt. Vor allem waren es die Reisenden, welche die unzumutbaren Zustände, die auf den okzitanischen Handelswegen herrschten, in die Lande hinaustrugen. So kam es, dass der Reiseverkehr auf den Handelswegen beinahe zum Stillstand kam. Der starke Rückgang der Reisenden schadete den Schankhäusern und vielen anderen Dienstleistungsbetrieben. Wie etwa den Hufschmieden, Coiffeuren, Kleidergeschäften und vielen anderen.
Da die Reiseagenten auf eigene Rechnung arbeiteten, mussten sie sich wenigstens nicht vor Repressalien gegen sie fürchten. Sie machten sich einfach auf den Weg nach Marseille. Für diese Art Menschen gab es dort genügend Verdienstmöglichkeiten. Bei den Warenagenten sah es etwas anders aus. Diese waren Untergebene von meist großen Warenhändlern. Sie arbeiteten auf Provisionsbasis. Die Provision wurde ihnen dann ausbezahlt, wenn die Ware ihr Ziel erreicht hatte. Aber sie hafteten für die Ware, sobald sie sich auf den okzitanischen Handelswegen befand. Die meisten Warenagenten standen im Dienst skrupelloser Geschäftemacher aus Marseille. Da mussten die Warenagenten bestimmt mit Repressalien rechnen, wenn sie sich die Ware stehlen ließen oder sie in den Warenlagern liegen blieb. Und dies war oft der Fall. Die Warenlager häuften sich zusehends an. Die Warenagenten verloren die Kontrolle über den Säumern. Sie gaben sich intensiv dem Kartenspiel und anderen Vergnügungen hin, um das Gebaren der Säumer und Reiseführer zu durchschauen. Erst als sie Besuch von ihren Auftraggebern erhielten, gingen ihnen die Augen auf. Zwei Warenagenten bezahlten für ihre Versäumnisse mit dem Leben. Ihre Leichen wurden etwas oberhalb von Guillestre auf dem Grund der tiefen Combe du Queyras entdeckt. Ihre zerschmetterten Leiber lagen auf einer Geröllbank des Bergflusses Guil. Als bekannt wurde, dass die beiden Warenagenten mit zerschmetterten Leibern auf dem Grund der Combe du Queyras gefunden worden waren, ergriffen die restlichen Warenagenten bei Nacht und Nebel die Flucht.
Einige Tage später trafen sich in Guillestre sechs Männer, deren Visagen Bände sprachen. Es konnte sich bei den Männern nur um Mitglieder des organisierten Verbrechens aus Marseille handeln. Hinzu kam, dass der Warendiebstahl stetig zunahm. Die Landespolizei hatte nicht genug Leute, um all die Warenlager zu beschützen. Die Diebe wurden immer dreister. Sie gingen so weit, dass sie nachts ganze Wagenladungen in den Lagern entwendeten und sich auf den Weg in die am nächsten gelegene Stadt machten, wo sie ihr Diebesgut an Hehler verkauften. Aber einen großen Teil der Ware horteten sie in sicheren Verstecken, wie zum Beispiel in Felshöhlen. Wovon es in den Bergtälern genug gab. Das Desaster führte schlussendlich dazu, dass der eine oder andere Warenagent Todesdrohungen erhielt. Dies nicht nur von der Bevölkerung der Bergtäler, sondern auch von ihren Auftraggebern.
Schon bald trafen in den okzitanischen Bergtälern neue Waren- und Reiseagenten ein. Sie wurden vor allem von den großen Handelsbetrieben in Marseille unter Vertrag genommen. Diese Agenten brachten neuen Wind in die Täler. Alle einheimischen Männer, soweit sie sich noch in den Bergtälern befanden, wurden von den Agenten angeheuert. Die Agenten boten den Einheimischen das Doppelte von dem, was ihre Vorgänger bezahlten. Bis auf einige wurde das Angebot von Einheimischen dankbar angenommen. Die wenigen, die nicht zusagten, stellten an die Agenten Bedingungen. Sie verlangten, dass sämtliche Säumer und Reisebegleiter, welche den Anforderungen nicht entsprachen, umgehend entlassen werden müssten. Dem willigten die Agenten ein, da es so oder so ihr Ziel war, diese Männer zu entlassen. Es kam wieder Leben in die Täler. Die zum Bersten gefühlten Warenlager leerten sich nach und nach. Die Reisenden mussten nicht mehrere Tage in den Gasthäusern ausharren, bis sie einen Reisebegleiter fanden. In den okzitanischen Bergtälern zog der Frieden ein. Die Kriminalität nahm ab. Die Zahl der Reisenden nahm von Woche zu Woche zu. Die Zunahme des Reise- und Handelsverkehrs bewirkte, dass sich allerlei Geschäftemacher an den okzitanischen Handelswegen niederließen. Die meisten von ihnen waren Verkäufer von allerlei neuartigem Krimskrams. Ja sogar Bordellbetreiber und Zuhälter verschlug es in die okzitanischen Bergtäler. Die meisten von ihnen blieben aber nicht lange, da ihnen die Einheimischen deutlich zu verstehen gaben, dass sie nicht erwünscht waren. Die Bewohner der okzitanischen Bergtäler waren über den Zuzug der Fremden zwar nicht besonders glücklich. Anderseits brachten die Fremden Geld und schafften Arbeitsplätze. Dank dem regen Reiseverkehr konnten die Einheimischen einen großen Teil ihrer handwerklichen Erzeugnisse zu Hause verkaufen. Dies ersparte ihnen manch langen Marsch in die nächstgelegenen Städtchen.
Das okzitanische Kunsthandwerk war in den piemontesischen wie in den französischen Bergtälern von einer großen Vielfalt geprägt. Da gab es die Kunstschmiede, die weit und breit die schönsten Schmiedearbeiten herstellten. Auf ihren Ambossen entstanden die kunstvollsten Fenstergitter und Treppengeländer. Ja sogar Möbel, wie Tische, Stühle und Betten, schmiedeten sie. Dazu kamen die eisernen Kirchturmverzierungen und die wunderschönen Wirtshausschilder.
Neben dem eisernen Kunsthandwerk gab es das tönerne Kunsthandwerk. Die okzitanischen Tonarbeiten bezogen sich vor allem auf das Herstellen der bekannten Santons. Santons waren biblische Personen in Miniaturform. Der Begriff Santon stammt vom provenzalischen Wort Santon, was so viel wie „kleiner Heiliger“ heißt. Die Santons bestanden aus gebranntem und angemaltem Ton. Sie waren damals die Seele der Okzitanier. Diese wunderbaren Tonfiguren fehlten beinahe in keiner okzitanischen Weihnachtskrippe. Nun gab es neben den eisernen und tönernen Kunstwerken auch noch die Weberkunst der okzitanischen Frauen. In den einfachen Stuben der okzitanischen Familien wurden die schönen bunten Stoffe gewoben. Diese Stoffe wurden weit über Frankreich hinaus bekannt.
Dadurch, dass die Reisenden das okzitanische Kunsthandwerk kauften, wurde es in aller Herren Ländern bekannt. Bald kamen Warenhändler aus Marseille und anderen Städten in die Bergtäler, um ganze Wagenladungen zu ergattern. Die kunsthandwerklichen Erzeugnisse gelangten von Marseille aus über den Seeweg in die ganze Welt hinaus. In Paris war die okzitanische Kunst aus den Bergtälern sehr beliebt. Die Bekanntheit des okzitanischen Kunsthandwerkes führte dazu, dass immer mehr Menschen in die Bergtäler kamen. Die Reisenden schwärmten in ihrer Heimat von der Handwerkskunst der Okzitanier. Aber nicht nur das. Sie erzählten auch von der Schönheit der Berge und der Faszination, sie zu überqueren. Sie beschrieben das unbeschreibliche Gefühl, das einen ergriff, wenn man den höchsten Punkt des Weges erreicht hatte, von dem man bei guter Sicht in die weite Bergwelt hineinsehen konnte. In ein fremdes Land. In ein Land, in dem die Menschen anders lebten. Eine andere Kultur gepflegt wurde. Natürlich berichteten sie auch von ihren erlebten Abenteuern. Wobei sie oft etwas übertrieben. Da die Weitererzähler die Abenteuergeschichten ihrerseits auch noch ausschmückten, weckte dies bei vielen jungen Menschen die Abenteuerlust.
In Torino kehrt das piemontesische Königshaus mit seinem Hofstaat wieder ein
Am 20. Mai des Jahres 1814 zog, nach dem Untergang Napoleons, das piemontesische Königshaus mit seinem Hofstaat wieder in die Residenzstadt Turin ein. Die Bewohner von Turin staunten nicht schlecht, als der Hofstaat mit Prunk und Pracht in die Stadt kam. Die Gestalten glichen Mumien. Die Kostüme der Savoyer stammten aus dem vergangenen Jahrhundert. Der neue König von Sardinien-Piemont, Vittorio Emanuele I. stellte die alten Verhältnisse wieder her, als hätte es die Französische Revolution gar nie gegeben. Als Erstes schafften die zurückgekehrten Savoyer die Gleichstellung aller vor dem Gesetz ab und führten wieder feudale Rechte ein; kein Buch und keine Zeitung durften gedruckt werden ohne die Genehmigung einer kirchlichen Kommission. Wer eine Reise unternahm, brauchte ein Leumundszeugnis vom zuständigen Polizeipräsidenten. Die Post aus dem Ausland wurde strengstens kontrolliert, alle Beamten, die eine französische Schreibweise benutzten, wurden entlassen. Die Piemonteser standen nun wieder unter der Schutzmacht der Österreicher. Der Kleinstaat wurde zum Marionettenstaat. Fürst Metternich wurde der Berater, besser gesagt, der Verwalter des Piemont. Dass der Handel zwischen den Piemontesern und den Franzosen bei diesen Verhältnissen zum Erliegen kam, war nur verständlich. Das Königshaus Piemont unternahm alles, damit die Grenze zu Frankreich unter bester Kontrolle war. Der Reise- und Handelsverkehr zwischen dem Piemont und Frankreich wurde vollständig unterbrochen. Die Schließung der Landesgrenze hatte für die Bewohner der okzitanischen Bergtäler fatale Folgen. Die vielen Wagenführer, Kutscher und Säumer waren auf einen Schlag ohne Verdienst. In den Gasthäusern blieben nicht nur die Fremden aus, sondern auch die Einheimischen. Die Regierung stellte den Unterhalt der Handelswege ein. Was dazu führte, dass die Wegemacher ohne Arbeit waren. Die Baumeister und Kunstschmiede waren ebenfalls ohne Arbeit. Die Okzitanier mussten ihre Kunstarbeiten wieder in den weit entlegenen Städten verkaufen. Die Armut kehrte in die okzitanischen Bergtäler zurück. Es dauerte nicht lange, bis in den Bergtälern eine Auswanderung einsetzte. Die Zurückgebliebenen waren wiederum die alten und kranken Menschen. Das Landwirtschaftsland verwilderte, und auf den Alpweiden gab es sozusagen kein Vieh mehr. Die Zeit der Savoyer mit ihrer reaktionären Regierungsweise sollte noch bis zum Jahr 1859 dauern. Im Unabhängigkeitskrieg 1859, bei einer Doppelschlacht, Solferino und San Martino, am Gardasee, siegten die Piemonteser und Franzosen gegen die Österreicher. Im Jahr 1861 wurde das Königreich Italien ausgerufen. König wurde Vittorio Emanuele von Sardinien-Piemont. Turin wurde Hauptstadt von Italien, aber nur bis ins Jahr 1865, danach wurde Florenz Hauptstadt und kurze Zeit später Rom.
2.
Die okzitanischen Handelswege
Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Schmugglerpfade in den Okzitanischen Alpen zu passablen Handelswegen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, bei den Fehden zwischen Habsburg und Frankreich, kam der Handels- und Reiseverkehr auf den okzitanischen Handelswegen zum Erliegen. Die Handelswege wurden nur noch von Schmugglern benutzt. Den Bewohnern der okzitanischen Bergtäler entgingen somit wichtige Einnahmequellen. Sie mussten allein aus den Erträgen der Landwirtschaft und ihrem Kunsthandwerk leben. Die Armut in den okzitanischen Bergtälern nahm deshalb rasant zu. Viele Bergbewohner, vor allem die jungen Männer, mussten auswandern, um in der Fremde Geld zu verdienen. Für die Zurückgebliebenen war das Leben sehr hart. Monsieur Tod kam ins Tal herein. Er marschierte talauf und talab. Er setzte sich an die Betten der schwer kranken Menschen. Ihm waren alle Menschen willkommen. Ob jung oder alt.
Im Jahr 1798, als Napoleon das Piemont besetzte, gab es für die Menschen am Okzitanischen Handelsweg wieder einen Lichtblick. Die Tal- und Bergbewohner gingen gemeinsam ans Werk. Sie setzten den vernachlässigten Handelsweg wieder instand. Es vergingen nur wenige Monate, bis der Weg durchgehend repariert war. Danach setzte bald der Handels- und Reiseverkehr erneut in vollem Umfang ein. Für die okzitanische Bevölkerung entstanden wieder Verdienstmöglichkeiten, indem sie den Reisenden die verschiedensten Dienstleistungen anbieten konnten. Am größten war die Nachfrage im Bereich der Verpflegung. Wer Speise und Trank sowie Nachtlager anbieten konnte, profitierte am meisten vom Verkehr auf den Handelswegen. Es waren vor allem die Warenagenten und ‑händler, welche das Geld für Speis und Trank ausgaben. Insbesondere für alkoholische Getränke, wie Wein und Branntwein. Die Wagenmacher und die Hufschmiede sowie die Sattler hatten aber auch einen ansehnlichen Verdienst. Denn es gab immer etwas zu reparieren. Sei es, einen Wagen instand zu setzen, ein Pferd zu beschlagen oder einen Sattel zu flicken.
Am Handelsweg entlang wurden Gasthäuser, Wagen- und Warenscheunen, Stallungen und Wohnhäuser gebaut. Da der Handelsweg wieder stark benutzt wurde, entstanden dementsprechend Wegschäden. Die größten Schäden am Handelsweg wurden aber durch Unwetter hervorgerufen. Und die waren reichlich an der Zahl. Somit überbrachte eine Delegation der Regierung in Paris ein Gesuch, mit der Bitte, die großen Kosten für den teuren Unterhalt des Handelsweges mitzufinanzieren. Ein halbes Jahr später entsprach die königliche Regierung dem Gesuch. Zur Überraschung der okzitanischen Bevölkerung erklärte sich die Regierung in Paris bereit, die ganzen Kosten für den Wegunterhalt zu übernehmen. Dies geschah nicht aus Liebe zu der okzitanischen Bevölkerung.
Der König interessierte sich kaum für die okzitanische Bevölkerung. Es war vielmehr Berechnung. Die französischen Truppen waren im Piemont stationiert. Also war man an einer direkten Landverbindung von Turin nach Marseille interessiert. Der Waffennachschub für die Schlachten musste sichergestellt sein. Der Entscheid aus Paris erfreute die okzitanische Bevölkerung. Nun waren sie eine der größten Ausgabequellen los. Zu erwähnen ist noch, dass der Handelsweg zuvor zum größten Teil im Frondienst unterhalten wurde.
In der Folge entstanden dank dem positiven Bescheid aus Paris neue Arbeitsplätze. Was ein weiteres Auswandern der jungen Leute etwas bremste. Natürlich zogen die jungen Menschen nicht nur aus, weil sie keine Arbeit fanden, auch weil das Leben in der Bergwelt karg und öde war. Zudem gab es immer mehr junge Menschen, die nach Marseille zogen, wo sie die Gelegenheit hatten, sich weiterzubilden. Oder ein Studium an der Marseiller Universität anzufangen.
Eine weitere lukrative Einnahmequelle stellte der Verkauf der verschiedensten Handwerks- und Kunstarbeiten dar. Dadurch, dass nun ein großer Teil der okzitanischen Erzeugnisse am Handelsweg verkauft werden konnte, wurde den Herstellern und Händlern der weite Weg in die Städte erspart. Der Verkehr auf den okzitanischen Handelswegen nahm kontinuierlich zu. Es kam die Zeit, da fehlte es an allen Enden an Arbeitskräften. Die Abwanderungen der jungen Leute, welche die Bergtäler in der Vergangenheit verlassen hatten, fehlten nun. Es fehlten vor allem Wagenführer und Säumer. Für diese schweren Arbeiten kamen nur junge, kräftige Männer infrage. Eben die Männer, welche die Bergtäler aus wirtschaftlichen und anderen Gründen verlassen hatten. Die Wagenführer mussten große Erfahrung mit dem Lenken von mehrspännigen, schweren Transportwagen in den Bergen haben. Diese Voraussetzungen erfüllten bloß wenige Männer. Und für den Warentransport über die Berge kamen nur junge Männer infrage, die mit den Bergen bestens vertraut waren. Der Warentransport über die Bergübergänge war mit etlichen Gefahren verbunden. Der Säumer kam überall dort zum Einsatz, wo die Handelswege nicht befahrbar waren. Neben dem Warentransport brauchte es ebenfalls Männer mit Bergerfahrung für den Personenverkehr. Die sogenannten Reisebegleiter, deren Aufgabe darin bestand, die Reisenden heil über die hohen Berge zu bringen. Natürlich waren sie auch für das Gepäck der Reisenden verantwortlich. Dazu verwendeten sie, je nach der Menge des Gepäckes, ein oder zwei Maultiere. Für die Reiseagenten war es alles andere als einfach, Männer für diese Aufgaben zu finden. Die meisten Männer, die Bergerfahrungen aufwiesen, waren gegenüber fremden Menschen nicht allzu gut gesinnt. Es kam noch hinzu, dass die okzitanischen Männer im Allgemeinen wortkarge, in sich gekehrte Menschen waren. Die Männer aus der okzitanischen Bergwelt eigneten sich somit nicht unbedingt als Reisebegleiter. Es fand sich aber gleichwohl eine Handvoll Okzitanier, die sich für diese Aufgabe instruieren ließen. Doch reichte dies nicht aus. Für die fehlenden Reiseführer mussten sich die Reiseagenten in der okzitanischen Bergwelt die Schuhe ablaufen. Obwohl sich die Männer bei ihnen zuhauf meldeten. Leider eigneten sich die meisten dieser Leute nicht, da sie keine oder nur geringe Bergerfahrungen aufwiesen. Nicht wenige von ihnen kamen aus der großen Hafenstadt Marseille. Die Männer nahmen lange, beschwerliche Märsche auf sich, um bei einem okzitanischen Reise- oder Warenagenten eine Anstellung zu bekommen. Doch war der weite Weg ins okzitanische Bergtal nicht für alle umsonst. Der eine oder andere hatte Glück, eine Anstellung zu erhalten. Von den Säumern und Reisebegleitern wurde vieles abverlangt. Sie mussten mit den Gefahren auf dem Weg über die hohen Bergübergänge vertraut sein. Sie mussten mit den Launen des Bergwetters vertraut sein. Ihnen musste bekannt sein, wie schnell sich der strahlend blaue Himmel in ein grauschwarzes Monster verwandeln konnte. Ihnen musste bekannt sein, wie rasch sich ein lauer Sommerwind in einen reißenden Sturm verwandeln konnte. Sie mussten wissen, wie man sich bei Unwettern in den Bergen verhielt. Ihnen musste bekannt sein, an welchen Stellen die Gefahr von Lawinen und Steinschlag bestand. Zudem musste ihnen bekannt sein, dass sich nach einem Unwetter der Regen in Schnee verwandeln konnte. Die Säumer und Reisebegleiter mussten den Weg finden, wenn er unter den Schneemassen begraben war. Es bestanden tatsächlich viele, harte Anforderungen an die Männer. Da war es nur verständlich, dass man die einheimischen Männer den Männern aus dem Flachland vorzog. Hinzu kam, dass die okzitanischen Einwohner zuverlässige und fleißige Leute waren.
Der Personen- und Reiseverkehr über die okzitanischen Bergübergänge verlief lange Zeit reibungslos. Die Warenhändler und Reiseagenten verdienten gutes Geld. Aber auch die Säumer und Reisebegleiter profitierten vom zunehmenden Reise- und Warenverkehr auf den okzitanischen Handelswegen. Die große Nachfrage nach ihnen erlaubte es, für ihre schweren und gefährlichen Arbeiten mehr Geld zu verlangen. Das missfiel den habgierigen Agenten. So kam es, dass einige der Agenten in Marseille und Umgebung Männer für den Warentransport und die Reisebegleitung über die Berge anheuerten. Männer, die absolut keine Bergerfahrung hatten. Den Agenten war bewusst, dass diese Männer den anspruchsvollen Aufgaben nicht gewachsen waren. Für sie zählte nur eines, das Anhäufen von Geld. Zudem vertrauten sie darauf, dass sich die erfahrenen Säumer und Reisebegleiter der unerfahrenen Männer annahmen. Was nicht der Fall war. Im Gegenteil. Es kam unter den Einheimischen und Fremden zu unliebsamen Auseinandersetzungen. Dadurch, dass immer mehr fremde Männer auf den okzitanischen Handelswegen eingesetzt wurden, kam es zu einem Zerfall der Löhne. Das Einkommen der okzitanischen Säumer und Reisebegleiter verkleinerte sich von Monat zu Monat. Die Einwohner der okzitanischen Täler hegten auf die auswärtigen Männer und auf die Agenten einen großen Groll. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, bei denen sogar Menschen ums Leben kamen. Die Gewalttaten in den okzitanischen Bergtälern nahmen dermaßen zu, dass die Landespolizei in Marseille Verstärkung anfordern musste.
Die Einwohner der okzitanischen Bergtäler versanken in Resignation. Der Traum von einem besseren Leben verblasste zusehends. Der Reise- und Warenverkehr wurde zu zwei Dritteln von auswärtigen Männern bestritten. Während in den Bergen die Unerfahrenheit und Unzuverlässigkeit der Männer aus dem Flachland zu schrecklichen Unfällen führte, saßen ihre Vorgänger zu Hause oder reisten umher, um eine neue Arbeit zu finden. Die gierigen Waren- und Reiseagenten erkannten zu spät, dass der Einsatz dieser unerfahrenen und zum Teil kriminell veranlagten Männer ihren Untergang herbeiführte. Sie erkannten zu spät, dass einige der Männer in Marseille zum organisierten Verbrechen gehörten. Diese Männer ließen sich nur aus einem Grund anheuern. Sie hatten es auf die Handelsware abgesehen. So kam es, dass die Warendiebstähle stark zunahmen. Die kriminellen Männer begründeten den Warenverlust dadurch, dass sie in den Bergen von Banditen überfallen wurden. Und es an ein Wunder grenze, dass sie von den Übeltätern nicht umgebracht wurden.
Hätten sich die Warenagenten Zeit und Mühe genommen, hätten sie schnell herausgefunden, dass die angeblich gestohlene Ware im Piemont auf dem Schwarzmarkt verhökert wurde. Aber diese Herren ließen sich nicht so tief herab, dass sie den weiten Weg über die Berge auf sich genommen hätten. Während sich Männer für sie in den Bergen schwertaten, saßen sie in den feudalen Schankstuben, wo sie sich stundenlang mit den Spielkarten vergnügten. Natürlich sorgten sie auch für ihr leibliches Wohl.
Es kam dann die Zeit, in der die Trabanten ihnen nacheiferten. Sie verbrachten die Zeit zwar nicht in den feudalen Schankstuben, sondern in den düsteren Spelunken, von denen es an den okzitanischen Handelswegen einige gab. Diese Männer machten sich kein Gewissen, was die liegengebliebene Handelsware oder die wartenden Reisenden anbelangte. Der einst so gute Ruf der okzitanischen Handelswege war dahin. Die viel gelobte Zuverlässigkeit der Säumer und der Reisebegleiter verwandelte sich in das Gegenteil. Die Unzuverlässigkeit sowie die kriminellen Machenschaften der Säumer und Reisebegleiter wurden beiderseits der Landesgrenzen bekannt. Vor allem waren es die Reisenden, welche die unzumutbaren Zustände, die auf den okzitanischen Handelswegen herrschten, in die Lande hinaustrugen. So kam es, dass der Reiseverkehr auf den Handelswegen beinahe zum Stillstand kam. Der starke Rückgang der Reisenden schadete den Schankhäusern und vielen anderen Dienstleistungsbetrieben. Wie etwa den Hufschmieden, Coiffeuren, Kleidergeschäften und vielen anderen.
Da die Reiseagenten auf eigene Rechnung arbeiteten, mussten sie sich wenigstens nicht vor Repressalien gegen sie fürchten. Sie machten sich einfach auf den Weg nach Marseille. Für diese Art Menschen gab es dort genügend Verdienstmöglichkeiten. Bei den Warenagenten sah es etwas anders aus. Diese waren Untergebene von meist großen Warenhändlern. Sie arbeiteten auf Provisionsbasis. Die Provision wurde ihnen dann ausbezahlt, wenn die Ware ihr Ziel erreicht hatte. Aber sie hafteten für die Ware, sobald sie sich auf den okzitanischen Handelswegen befand. Die meisten Warenagenten standen im Dienst skrupelloser Geschäftemacher aus Marseille. Da mussten die Warenagenten bestimmt mit Repressalien rechnen, wenn sie sich die Ware stehlen ließen oder sie in den Warenlagern liegen blieb. Und dies war oft der Fall. Die Warenlager häuften sich zusehends an. Die Warenagenten verloren die Kontrolle über den Säumern. Sie gaben sich intensiv dem Kartenspiel und anderen Vergnügungen hin, um das Gebaren der Säumer und Reiseführer zu durchschauen. Erst als sie Besuch von ihren Auftraggebern erhielten, gingen ihnen die Augen auf. Zwei Warenagenten bezahlten für ihre Versäumnisse mit dem Leben. Ihre Leichen wurden etwas oberhalb von Guillestre auf dem Grund der tiefen Combe du Queyras entdeckt. Ihre zerschmetterten Leiber lagen auf einer Geröllbank des Bergflusses Guil. Als bekannt wurde, dass die beiden Warenagenten mit zerschmetterten Leibern auf dem Grund der Combe du Queyras gefunden worden waren, ergriffen die restlichen Warenagenten bei Nacht und Nebel die Flucht.
Einige Tage später trafen sich in Guillestre sechs Männer, deren Visagen Bände sprachen. Es konnte sich bei den Männern nur um Mitglieder des organisierten Verbrechens aus Marseille handeln. Hinzu kam, dass der Warendiebstahl stetig zunahm. Die Landespolizei hatte nicht genug Leute, um all die Warenlager zu beschützen. Die Diebe wurden immer dreister. Sie gingen so weit, dass sie nachts ganze Wagenladungen in den Lagern entwendeten und sich auf den Weg in die am nächsten gelegene Stadt machten, wo sie ihr Diebesgut an Hehler verkauften. Aber einen großen Teil der Ware horteten sie in sicheren Verstecken, wie zum Beispiel in Felshöhlen. Wovon es in den Bergtälern genug gab. Das Desaster führte schlussendlich dazu, dass der eine oder andere Warenagent Todesdrohungen erhielt. Dies nicht nur von der Bevölkerung der Bergtäler, sondern auch von ihren Auftraggebern.
Schon bald trafen in den okzitanischen Bergtälern neue Waren- und Reiseagenten ein. Sie wurden vor allem von den großen Handelsbetrieben in Marseille unter Vertrag genommen. Diese Agenten brachten neuen Wind in die Täler. Alle einheimischen Männer, soweit sie sich noch in den Bergtälern befanden, wurden von den Agenten angeheuert. Die Agenten boten den Einheimischen das Doppelte von dem, was ihre Vorgänger bezahlten. Bis auf einige wurde das Angebot von Einheimischen dankbar angenommen. Die wenigen, die nicht zusagten, stellten an die Agenten Bedingungen. Sie verlangten, dass sämtliche Säumer und Reisebegleiter, welche den Anforderungen nicht entsprachen, umgehend entlassen werden müssten. Dem willigten die Agenten ein, da es so oder so ihr Ziel war, diese Männer zu entlassen. Es kam wieder Leben in die Täler. Die zum Bersten gefühlten Warenlager leerten sich nach und nach. Die Reisenden mussten nicht mehrere Tage in den Gasthäusern ausharren, bis sie einen Reisebegleiter fanden. In den okzitanischen Bergtälern zog der Frieden ein. Die Kriminalität nahm ab. Die Zahl der Reisenden nahm von Woche zu Woche zu. Die Zunahme des Reise- und Handelsverkehrs bewirkte, dass sich allerlei Geschäftemacher an den okzitanischen Handelswegen niederließen. Die meisten von ihnen waren Verkäufer von allerlei neuartigem Krimskrams. Ja sogar Bordellbetreiber und Zuhälter verschlug es in die okzitanischen Bergtäler. Die meisten von ihnen blieben aber nicht lange, da ihnen die Einheimischen deutlich zu verstehen gaben, dass sie nicht erwünscht waren. Die Bewohner der okzitanischen Bergtäler waren über den Zuzug der Fremden zwar nicht besonders glücklich. Anderseits brachten die Fremden Geld und schafften Arbeitsplätze. Dank dem regen Reiseverkehr konnten die Einheimischen einen großen Teil ihrer handwerklichen Erzeugnisse zu Hause verkaufen. Dies ersparte ihnen manch langen Marsch in die nächstgelegenen Städtchen.
Das okzitanische Kunsthandwerk war in den piemontesischen wie in den französischen Bergtälern von einer großen Vielfalt geprägt. Da gab es die Kunstschmiede, die weit und breit die schönsten Schmiedearbeiten herstellten. Auf ihren Ambossen entstanden die kunstvollsten Fenstergitter und Treppengeländer. Ja sogar Möbel, wie Tische, Stühle und Betten, schmiedeten sie. Dazu kamen die eisernen Kirchturmverzierungen und die wunderschönen Wirtshausschilder.
Neben dem eisernen Kunsthandwerk gab es das tönerne Kunsthandwerk. Die okzitanischen Tonarbeiten bezogen sich vor allem auf das Herstellen der bekannten Santons. Santons waren biblische Personen in Miniaturform. Der Begriff Santon stammt vom provenzalischen Wort Santon, was so viel wie „kleiner Heiliger“ heißt. Die Santons bestanden aus gebranntem und angemaltem Ton. Sie waren damals die Seele der Okzitanier. Diese wunderbaren Tonfiguren fehlten beinahe in keiner okzitanischen Weihnachtskrippe. Nun gab es neben den eisernen und tönernen Kunstwerken auch noch die Weberkunst der okzitanischen Frauen. In den einfachen Stuben der okzitanischen Familien wurden die schönen bunten Stoffe gewoben. Diese Stoffe wurden weit über Frankreich hinaus bekannt.
Dadurch, dass die Reisenden das okzitanische Kunsthandwerk kauften, wurde es in aller Herren Ländern bekannt. Bald kamen Warenhändler aus Marseille und anderen Städten in die Bergtäler, um ganze Wagenladungen zu ergattern. Die kunsthandwerklichen Erzeugnisse gelangten von Marseille aus über den Seeweg in die ganze Welt hinaus. In Paris war die okzitanische Kunst aus den Bergtälern sehr beliebt. Die Bekanntheit des okzitanischen Kunsthandwerkes führte dazu, dass immer mehr Menschen in die Bergtäler kamen. Die Reisenden schwärmten in ihrer Heimat von der Handwerkskunst der Okzitanier. Aber nicht nur das. Sie erzählten auch von der Schönheit der Berge und der Faszination, sie zu überqueren. Sie beschrieben das unbeschreibliche Gefühl, das einen ergriff, wenn man den höchsten Punkt des Weges erreicht hatte, von dem man bei guter Sicht in die weite Bergwelt hineinsehen konnte. In ein fremdes Land. In ein Land, in dem die Menschen anders lebten. Eine andere Kultur gepflegt wurde. Natürlich berichteten sie auch von ihren erlebten Abenteuern. Wobei sie oft etwas übertrieben. Da die Weitererzähler die Abenteuergeschichten ihrerseits auch noch ausschmückten, weckte dies bei vielen jungen Menschen die Abenteuerlust.


