Cover: Ich sitze am Meer, er im Knast

Ich sitze am Meer, er im Knast


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 436
ISBN: 978-3-7116-1301-1
Erscheinungsdatum: 17.12.2025
Es erleben viele, aber nur die wenigsten erzählen davon: Psychische Gewalt und emotionale Abhängigkeit. Schonungslos ehrlich wird die wahre Geschichte um eine junge Frau erzählt, die gleich zweimal an einen falschen Mann gerät. Und sich schließlich wehrt.
Teil 1
Oktober 2015–Juni 2017



Ich war vor Kurzem neunzehn Jahre alt geworden, als ich Mirko in einem Studentenclub kennenlernte. Ich war noch Jura-Studentin und er mit einem gefälschten Studentenausweis für Maschinenbau da. Wir tanzten zusammen. Aber nicht auf typische Club-Tanz-Art, bei der die Frau ihren Po sowieso nur in den Schritt des Mannes drückt. Wir tanzten auf eine ganz andere Art miteinander, auf Hip-Hop-Art. Wir lieferten uns einen kleinen Battle und unterhielten uns danach vor dem Club bei einer Zigarette. Als meine Freundinnen gehen wollten, wäre ich am liebsten noch bei ihm geblieben, aber wir hatten Nummern ausgetauscht und schon am nächsten Tag schrieb er mir.
Wie versprochen hatte er mir einen Track von einem Lied geschickt, das er selbst geschrieben und aufgenommen hatte. Es war ein Liebeslied an seine Ex-Freundin. Er rappte hobbymäßig, hatte hin und wieder ein paar Tracks aufgenommen, war aber selbstständig mit einer eigenen Firma. Nur wenige Tage später verabredeten wir uns zu einem Date. Wir gingen essen in einem schicken japanischen Restaurant, tranken zwei Flaschen Wein, holten uns danach am Kiosk noch mal was zu trinken und redeten bis spät in die Nacht an einem Weiher im Düsseldorfer Volksgarten. Erst um vier Uhr morgens brachte er mich nach Hause. Ich hatte die Zeit so sehr genossen, dass ich nicht wollte, dass das Date endete. Also lud ich ihn mit zu mir in die Wohnung ein. Wir unterhielten uns weiter und schliefen irgendwann nebeneinander ein. So ein Date hatte ich noch nie gehabt. Nach diesem ersten Date waren wir offiziell zusammen und ich schwebte im siebten Himmel.
Mir war bewusst, wie schnell das alles ging, doch ich war glücklich. Mehr zählte für mich nicht. Ich war zwar vollzeit mit meinem Studium und Nebenjob beschäftigt, doch Mirko brachte mich dazu, den Fokus auf die schönen Dinge im Leben zu legen. Ich mochte Hip-Hop schon vorher, doch er war großer Fan und brachte mir viel bei. Wir unterhielten uns viel, tranken, hörten Musik, tanzten in seiner Wohnung im Wohnzimmer und ab und zu lud er mich spontan zum Essen ein. Es gab nur ein Manko: Wir schliefen nicht miteinander. Ich hatte zwar bemerkt, dass er mir auswich, sobald ich Anstalten machte, intimer zu werden, oder dass er einen Moment von sehr leidenschaftlichen Küssen abbrach, aber ich dachte zunächst, dass er einfach ein sehr anständiger Kerl war. Nach zwei Wochen klärte er mich jedoch auf. Wir saßen in meiner Einzimmerwohnung auf meinem Bett und tranken Wein, als er wieder einen nachdenklichen Blick bekam.
„Ist dir nicht aufgefallen, dass wir noch nicht miteinander geschlafen haben?“, fragte er mich plötzlich.
„Doch. Schon.“
„Hast du dich nicht gefragt, warum das so ist?“, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern. „Ja, schon.“
„Es ist nicht so, dass ich nicht will.“ Er machte eine kleine Pause. „Aber ich darf nicht.“ Er schaute mich an, so lange, bis ich nachfragte.
„Ich bin sexsüchtig.“
Ich lachte. „Ja, genau.“
„Nein! Es stimmt. Ich bin sexsüchtig und in Sextherapie. Mein Therapeut meinte, dass ich so lange keinen Sex mehr haben darf, bis ich es einfach nicht mehr aushalte und an nichts anderes mehr denken kann. Und dann muss ich langsam wieder anfangen, am besten mit Softpornos oder so.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. So etwas hatte ich noch nie gehört.
„Und wie lange dauert das ungefähr?“, fragte ich schließlich.
„Keine Ahnung. An dem Punkt bin ich noch nicht.“
Diesen Punkt erreichte er nie während unserer Beziehung.

Rückblickend könnte man meinen, so schnell wie es angefangen hatte, war es auch wieder vorbei. Wir waren gerade mal zwei Wochen zusammen – er hatte mir das gerade erst mit der Sextherapie erzählt –, als ich mit Mirko und ein paar seiner Freunde zur Jura-Campus-Party meiner Universität ging. Es war ein lustiger Abend, bis jemand an meine Schulter tippte. Es war David. Er war auch Student an der Uni. Ich war ihm vor einiger Zeit in einer Kneipe begegnet, als ich mit ein paar Studienkolleginnen aus war. Er war mir sofort aufgefallen und wir hatten uns nett unterhalten, doch er hatte kein Interesse gezeigt. Jetzt stand er vor mir und grinste mich an.
„Hi! Lange nicht gesehen. Weißt du noch, wer ich bin?“ Ich brauchte einen kurzen Augenblick.
„David! Was machst du denn hier?“, ich freute mich, ihn zu sehen, und wir nahmen uns zur Begrüßung in den Arm.
„Ich bin mit ein paar Freunden hier. Und du?“
In dem Moment gesellte sich Mirko zu uns. Ich deutete zu Mirko und seinen Freunden, die in der Nähe im Kreis standen und sich unterhielten.
„Ich bin mit den Chaoten hier.“ In dem Moment brach es aus Mirko heraus.
„Ist das dein scheiß Ernst?!“ Er sah mich mit wildem Blick an, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge. Mein Magen drehte sich sofort um. Ich sah entschuldigend zu David, der mich nur irritiert ansah.
„Sorry, ich geh mal gucken, was los ist.“
Ich ließ David stehen und suchte in der Menge nach Mirko. Ich stand mitten im Getümmel, als ich sah, wie er über die Treppe in Richtung Bahnhaltestelle verschwand. Ich drängelte mich durch die Menge und lief ihm hinterher. Kurz vor der Bahnhaltestelle holte ich ihn ein.
„Mirko! Jetzt bleib stehen! Was ist denn los?“
„Das weißt du ganz genau! Geh doch ficken mit dem Typen!“ Er drehte sich noch nicht mal um, als er die Worte ausspuckte.
„Was redest du denn da?“
„Halt mich nicht für blöd! Ich hab’s doch genau gesehen. Du wolltest dem nicht sagen, dass wir zusammen sind. Du hast mich geleugnet!“ Mir wurde heiß und kalt. Ich hatte tatsächlich gezögert, Mirko als meinen Freund vorzustellen. Ich konnte mir nur nicht erklären, warum. Es sollte mehr als anderthalb Jahre dauern, bis ich das herausfand. Durch eine Psychotherapie.

In dem Moment, in dem ich Mirko den gesamten Weg von der Uni fast bis zu meiner Wohnung hinterherrannte, wollte ich nur eins: die Zeit zurückdrehen. Ich schämte mich und wollte Mirko nicht verlieren. Ich wollte mit ihm zusammenbleiben. Ich fing an zu weinen und schrie fast nach ihm. Ich fühlte mich hundeelend. Hatte ich jetzt alles versaut?
Er ließ sich nicht von seiner Meinung abbringen, beschimpfte mich als Bitch und Schlampe und nannte uns getrennte Leute. Letztendlich sprang er in die Bahn, die in der Nähe meiner Wohnung hielt. Ich ging weinend nach Hause und schrieb Mirko verzweifelt Nachrichten, ob wir nicht miteinander reden könnten. Er wollte nicht.
Eine ganze Woche lang herrschte Funkstille. Ich machte mir Vorwürfe und in meinem Frust traf ich mich mit zwei Männern, mit denen ich mich in meiner Single-Zeit unregelmäßig hin und wieder getroffen hatte. Es ging jedes Mal nur ums Spaßhaben, auch wenn einer der beiden mein Ex-Freund war. Im Jugendjargon hieß es Freundschaft Plus.
Ich hatte mich damit abgefunden, dass das mit Mirko nichts wurde, bis er sich nach einer Woche plötzlich meldete. Wir trafen uns und sprachen uns aus.
Ich beharrte darauf, dass ich ihn nicht leugnen wollte, und gestand ihm ein, dass ich direkt hätte sagen müssen, dass er mein Freund war. Im Gegenzug entschuldigte sich Mirko für die Beleidigungen.
„Du hast mich halt verletzt, ich war total wütend.“ Ich schluchzte und letztendlich nahmen wir uns in die Arme. Wir waren wieder zusammen.

Später, nach ein paar Monaten, fand Mirko das mit den beiden Männern heraus. Ich hatte ab und zu Tagebuch geführt und an einem Vormittag, als ich in der Bibliothek lernte und Mirko bei mir allein in der Wohnung war, fand er es in meinem Nachttisch. Es war das zweite Mal, dass wir getrennt waren, doch schon am nächsten Tag, nach meinem unendlichen Flehen und Betteln, waren wir wieder zusammen. Seitdem hatte ich permanent das Gefühl, in Mirkos Schuld zu stehen. Dieses Gefühl verstärkte sich sogar noch, als Mirko mir gestand, dass er sich mit einer anderen Frau getroffen hatte, nachdem er das mit meinen Abenteuern in unserer getrennten Zeit erfahren hatte. Er hatte es getan, um „das Gleichgewicht in der Beziehung wiederherzustellen“. Anstatt wütend zu werden, weinte ich, weil ich mir die Schuld an seinem Seitensprung gab. Nach meiner Auffassung war ich ihm zwar nicht fremdgegangen, er dagegen schon, aber dennoch wollte ich ihm nie wieder so etwas antun.

In den nächsten Monaten verging fast kein Tag, an dem wir uns nicht sahen. Die meiste Zeit war ich bei Mirko. Der Hauptgrund war, dass seine Wohnung größer war als meine, wenn auch nicht unbedingt sauberer. Seine gesamte Küche stand voll mit Tüten, gefüllt mit Pfandflaschen und Altglas. Sogar der Balkon war voll davon. Nach gewisser Zeit sah ich es gar nicht mehr. Was ich nach geraumer Zeit aber sehr wohl sah, war Mirkos Alkoholkonsum. Nahezu jeden zweiten Abend leerte er alleine zwei Flaschen Wein und meist noch zwei bis fünf Bierflaschen dazu. Seine Termine für den nächsten Tag legte er sich meistens nicht vor zehn Uhr. Am Wochenende trank er regelmäßig von Freitagabend bis Sonntagmittag durch. Dabei ging er fast nie vor drei oder vier Uhr morgens ins Bett, wenn er überhaupt schlief. Oft kam er, aufgeputscht durch den Alkohol, spontan auf die Idee, noch feiern zu gehen. Ich lehnte meistens ab, weil ich müde von der Woche war oder am nächsten Morgen zeitig in die Bibliothek wollte zum Lernen. Jedes Mal, wenn Mirko betrunken war, merkte ich, dass ich extrem auf meine Wortwahl achten musste. Er rastete schnell aus wegen der kleinsten Kleinigkeiten, drehte mir meine Worte im Mund rum und verschwand manchmal sogar einfach über Nacht, ohne mir zu sagen, wo er hinging.
Es dauerte ein paar Monate, bis ich mir sicher genug war und Mirko auf den Alkohol ansprach. Ich suchte einen nüchternen Moment aus, denn ich wollte keinen weiteren Streit provozieren. Er reagierte ruhiger, als ich erwartet hatte.
„Ja, ich habe ein Problem mit Alkohol.“ Er schaute mir dabei kaum in die Augen. Ich überredete ihn, am kommenden Wochenende gänzlich auf den Alkohol zu verzichten. Testweise. Er hielt sich dran und wir waren am Samstag so früh wach, dass wir erst nicht wussten, was wir mit der Zeit anfangen sollten. Schließlich gingen wir zusammen einkaufen, räumten seine Wohnung auf, kochten zusammen und schauten King of Queens weiter. Es war ein schönes Wochenende. Ich war stolz auf Mirko. Er wirkte viel gelöster, war viel witziger, machte Scherze und brachte mich zum Lachen.
So bist du eigentlich wirklich, das ist der echte Mirko, dachte ich mir und verliebte mich neu in ihn. Ich war voller Hoffnung, dass er den Alkohol in den Griff bekommen würde, und ich wollte ihm dabei helfen. Ich wollte ihn aus diesem Alkoholsumpf rausholen. Die ständige Wesensveränderung durch den Alkohol ertrug ich nicht und es stresste mich. Ich wusste genau, was das Programm am Wochenende war, und erst jetzt, wo er einmal nüchtern war, spürte ich die Erleichterung in mir. Für das nächste Wochenende verabredeten wir, dass nur an einem Abend getrunken werden würde. Ich trank mit und so wurden zwei Flaschen Wein diesmal von zwei Personen geleert. Wie versprochen, trank er den Samstag und Sonntag nichts.
Doch es blieb nicht lange dabei. Schon bald folgten Geburtstage, Freunde wollten feiern gehen oder kamen zum Grillen vorbei.
Jedes Mal, wenn ich ablehnte, mit zu trinken, hoffte ich, dass Mirko ebenfalls verzichtete, um nicht immer alleine zu trinken, doch es kümmerte ihn nicht. Schon bald war er im alten Trott.

Neben dem Alkohol kam ein weiteres Problem in die Beziehung: Eifersucht. Bei nahezu jedem Streit, der im Suff entstand, ging es um meine Vergangenheit und um die Männer, mit denen ich zusammen gewesen war. Ich sollte mit keinem Kontakt haben. Das hatte ich auch nicht. Alle Kontakte hatte ich blockiert und gelöscht.
Dann geschah es eines Tages, dass mein Ex-Freund in der Stadt im Auto an mir vorbeifuhr. Ich hatte ihn zu spät erkannt, sonst hätte ich gegrüßt. Es war Ben, der Ex, mit dem ich in der Woche geschlafen hatte, als Mirko und ich kurz getrennt gewesen waren. Sofort hatte ich ein ungutes Gefühl und ich sollte bestätigt werden: Am späten Abend saß ich bei Mirko auf der Couch. Wir schauten wieder King of Queens, als mein Handy klingelte. Die Nummer hatte ich nicht eingespeichert. Ich ging ran. Es war Ben. Er wollte wissen, wie es mir ging. Mir drehte sich sofort der Magen um. Mirko hatte zu dem Zeitpunkt schon wieder diverse Bier intus. Er merkte, dass etwas nicht stimmte, und schaute mich an.
„Ben. Mir geht’s gut. Danke, dass du nachfragst, aber …“ Mirko riss mir das Handy aus der Hand.
„Wer ist da? … Warum rufst du Mia so spät an? … Lüg mich nicht an! Läuft da was? … Ruf Mia gefälligst nicht mehr an, hast du verstanden?!“
Ich versuchte, auf Mirko einzureden, doch es half nichts. Ich konnte leise hören, wie Ben verwundert versuchte, Mirko zu beruhigen, doch das machte es nur schlimmer. Mirko legte auf und pfefferte mein Handy in eine Ecke des Wohnzimmers.
„War das wirklich nötig?“, fragte ich.
„Anders lernt er es ja nicht. Und du hättest auch mal energischer sein können. Warum hast du so lange mit dem geredet?“
„Ich … ich war halt verwundert über seinen Anruf.“ Ich kam ins Stammeln. Ich sah schon den nächsten Wutausbruch auf mich zurollen und wusste nicht, wie ich dem entrinnen konnte. Ich fühlte mich wie ein Käfer, der auf dem Rücken lag. Meine Atmung wurde schneller, meine Hände schwitzig und ich überlegte fieberhaft, wie ich die Situation entschärfen konnte. Zunächst sah es so aus, als ob Mirkos Zorn sich ausschließlich auf Ben und seinen Anruf konzentrierte, doch dann schlug es urplötzlich um und er traf mich. Er beleidigte mich aufs Äußerste, nannte mich Schlampe und Missgeburt. Es eskalierte und wir schrien uns an. Ich verteidigte mich mit allem, was ich hatte, doch ich kam gegen Mirko nicht an. Irgendwann schnappte ich mir meine Sachen und verschwand aus seiner Wohnung. Es war tief in der Nacht, als ich verheult durch Düsseldorf zu meiner Wohnung lief. Ich hatte längst das Rauchen angefangen und rauchte auf dem Weg, circa eine halbe Stunde, mindestens fünf Zigaretten. Er schrieb mir ununterbrochen Nachrichten mit Beleidigungen und machte mir mehr als deutlich klar, wie sehr ich ihn verletzt hatte. Schon wieder.
Am nächsten Tag durfte ich zu ihm fahren und wir sprachen miteinander. Die Situation schien geklärt und an diesem Abend schlief ich schon früh erschöpft ein.
An einem anderen Abend waren wir in meiner Wohnung. Mirko trank, wir unterhielten uns und hörten Musik. Irgendwann schlief ich ein. Mitten in der Nacht wurde ich wach und fand eine leere Wohnung vor. Mirko war verschwunden. In meiner Küche herrschte das pure Chaos. Er musste sich – wie immer im Suff – noch etwas Aufwendiges gekocht haben. Einfach nur Nudeln mit etwas Tomatensoße war ihm zu langweilig. Er brauchte es immer „aufwendiger“, auch wenn es nur um Gewürze ging. Doch er hatte, wie es schien, nur ein paar Bissen genommen. Ein fast voller Teller stand noch auf der Anrichte. Ich schaute auf mein Handy. Auf dem Sperrbildschirm in der Vorschaufunktion las ich Mirkos Nachricht:
„Du scheiß Missgeburt! Brauchst dich nie wieder bei mir melden!“. Sofort drehte sich mir wieder der Magen um. Was ist denn jetzt schon wieder passiert?
Ich entsperrte mein Handy und fand mich in einem Facebook-Chat mit einem alten Schulkollegen wieder. Die letzte Nachricht im Chat war über vier Jahre her. Wir hatten über Hausaufgaben und eine Projektarbeit für den Biologie-Leistungskurs geschrieben.
Mirko musste an meinem Handy gewesen sein, als ich geschlafen hatte. Ihm hatte nicht gefallen, was er gefunden hatte, und war einfach abgehauen. Für ihn spielte es keine Rolle, dass der Chat schon über vier Jahre alt war und ich seither nie wieder Kontakt mit dem Schulkollegen hatte. Für ihn war es eine weitere Lüge und ein weiterer Betrug meinerseits gewesen.

Es vergingen mehrere Wochen, in denen sich das alte Muster wiederholte: Im nüchternen Zustand war Mirko ein liebevoller Freund, der witzig war, sich rührend um mich kümmerte und mich in allem unterstützte, Ideen für gemeinsame Unternehmungen und sogar Urlaube hatte. Diese nüchternen Tage bestärkten mich in meinem Glauben daran, dass das der wahre Mirko war. Dann kamen die Tage und Nächte, in denen er trank und eine 180-Grad-Wendung seiner Persönlichkeit zeigte. Es wurde zunehmend anstrengender und exzessiver. Er hatte den Kampfsport wieder für sich entdeckt und verlangte von mir, dass ich nachts um zwei Uhr mit ihm trainierte. Ich sollte Pratzen halten, während er Schläge und Tritte übte. Oft genug trat er zu hart zu und ich musste abbrechen. Verweigerte ich es von Anfang an, gab es Streit darüber, warum ich ihn nicht in seinem Vorhaben unterstützte. Das wäre als seine Freundin schließlich meine Pflicht.
Eines Nachts, wir waren in seiner Wohnung, wurde ich wieder wach, weil das Bett neben mir leer war. Sofort ging ich davon aus, dass er erneut ohne Nachricht verschwunden war und spürte sofort das Ziehen in meiner Magengrube. Doch dann sah ich Licht durch den unteren Türschlitz durchleuchten. Ich stand auf, ging in die Küche und blieb erstarrt stehen. Da lag Mirko. Mit dem Gesicht auf dem Boden. Regungslos. In Boxershorts. Seine Jeans hing ihm an den Knien. Am Oberkörper trug er seine Jacke, als ob er rausgehen wollte. Auf dem Tisch standen zwei leere Flaschen Wein, mehrere leere Flaschen Bier und eine leere Zigarettenschachtel. Sofort schossen mir die Tränen in die Augen. Ich hielt ihn für tot.

Starr vor Schock konnte ich mich einige Sekunden lang nicht bewegen. Dann zuckte er plötzlich und stöhnte. Er lebte. Ich erwachte aus meiner Stockstarre und mein blankes Entsetzen schlug um in blinden Hass. Ich hasste ihn. Ich hasste ihn dafür, dass er sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte. Ich hasste ihn dafür, dass er nicht wie ein normaler Mensch mit seiner Partnerin ein normales Leben führen konnte. Ich hasste ihn dafür, dass er mir einen solchen Schrecken eingejagt hatte. Aus einem Impuls heraus holte ich mein Handy und fotografierte ihn in seinem Elend. Sobald er ausgenüchtert war, würde ich es ihm zeigen. Nur ihm. Er sollte sehen, was ich mit ansehen musste. Er musste endlich begreifen, wie schlimm seine Sucht war. Nachdem ich das Foto gemacht hatte, weckte ich ihn. Ich wollte ihm helfen, seine Hose wieder anzuziehen, doch er wollte nicht. Er raunzte mich an und stand schwankend auf. Ich verlor endgültig meine Geduld. Ich packte meine Sachen und verschwand aus seiner Wohnung. Es war mir egal, ob er nochmal betrunken umfallen würde. Es war mir egal, ob er weiter trank. Ich wollte nur noch von ihm weg.
Als ich in meiner Wohnung war, stellte sich augenblicklich das Gefühl von Sicherheit ein. Hier war niemand, der mich beleidigte, dem ich es nie recht machen konnte, der sich nicht selbst zerstörte und mir die Schuld gab. Ich konnte sofort einschlafen. Am nächsten Morgen fragte er mich, wo ich wäre. Als ich ihn fragte, ob er sich noch an irgendetwas erinnern könnte, kam ein „Nein“ als Antwort. Kein Wunder. Eigentlich hatte ich vorgehabt, ihm das Foto persönlich zu zeigen, doch ich wollte nicht mehr abwarten. Ich kochte noch immer vor Wut. Dass er sich an nichts mehr erinnern konnte, machte es nur noch schlimmer. Ich schickte ihm das Foto und erklärte ihm, dass ich abgehauen war, weil ich diesen Anblick nicht mehr ertrug. Zunächst rastete er aus und warf mir vor, dass ich lieber Fotos machen würde, anstatt ihm zu helfen. Wir stritten uns, doch ich blieb diesmal hart. Erst am Abend, als er vorbeikam und wir spazieren gingen, um zu reden, entschuldigte er sich bei mir. Nie wieder würde er es so weit kommen lassen.

5 Sterne
Fesselnd und ehrlich - 06.05.2026
Sylvia Hammen

Am Anfang dachte ich, das ist ein Buch nur für junge Frauen, damit sie bei der Partnerwahl besondere Vorsicht walten lassen. Ich, 62, las es trotzdem, meine Tochter hatte es mir geschenkt.Je weiter ich las desto mehr merkte ich, dass es nicht nur um das Thema Partnerwahl ging, sondern um den Umgang mit Menschen allgemein. Auf Achtung, Respekt, Aufmerksamkeit und Verständnis kommt es an, zu jeder Zeit im Leben. Ich bin erschüttert über das was Manila, oder Mia, wie sie im Buch heißt, zugestoßen ist. Das Buch ist nüchtern, aber auch emotional, mit Herzblut und spannend geschrieben. Ich konnte es schnell kaum noch aus der Hand legen.

5 Sterne
Ich sitze am Meer, er im Knast - 30.12.2025
B.B.

Dieses Buch hat mich tief berührt. Zu wissen, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert, verleiht jedem Wort ein besonderes Gewicht. Man spürt beim Lesen, dass hier nicht einfach erzählt wird, sondern dass Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse verarbeitet wurden, die wirklich gelebt sind.Die Autorin schreibt ehrlich, sensibel und mit großer innerer Stärke. Es gelingt ihr, Schmerz, Hoffnung und Entwicklung so authentisch darzustellen, dass man sich den Figuren - und damit der Realität hinter der Geschichte - sehr nahe fühlt. Manche Passagen hallen lange nach und regen zum Nachdenken an.Es zeigt wie kraftvoll Worte sein können, wenn sie aus Wahrheit entstehen. Ein Buch das bleibt - leise, eindringlich und aufrichtig.

5 Sterne
Ich sitze am Meer, er im Knast - 30.12.2025
B.B.

Dieses Buch hat mich tief berührt. Zu wissen, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert, verleiht jedem Wort ein besonderes Gewicht. Man spürt beim Lesen, dass hier nicht einfach erzählt wird, sondern dass Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse verarbeitet wurden, die wirklich gelebt sind.Die Autorin schreibt ehrlich, sensibel und mit großer innerer Stärke. Es gelingt ihr, Schmerz, Hoffnung und Entwicklung so authentisch darzustellen, dass man sich den Figuren - und damit der Realität hinter der Geschichte - sehr nahe fühlt. Manche Passagen hallen lange nach und regen zum Nachdenken an.Es zeigt, wie kraftvoll Worte sein können, wenn sie aus Wahrheit entstehen. Ein Buch, das bleibt - leise, eindringlich und aufrichtig.

5 Sterne
Ich sitze am Meer, er im Knast - 30.12.2025
B.B.

Dieses Buch hat mich tief berührt. Zu wissen, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert, verleiht jedem Wort ein besonderes Gewicht. Man spürt beim Lesen, dass hier nicht einfach erzählt wird, sondern dass Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse verarbeitet wurden, die wirklich gelebt sind.Die Autorin schreibt ehrlich, sensibel und mit großer innerer Stärke. Es gelingt ihr, Schmerz, Hoffnung und Entwicklung so authentisch darzustellen, dass man sich den Figuren - und damit der Realität hinter der Geschichte - sehr nahe fühlt. Manche Passagen hallen lange nach und regen zum Nachdenken an.Es zeigt, wie kraftvoll Worte sein können, wenn sie aus Wahrheit entstehen. Ein Buch, das bleibt - leise, eindringlich und aufrichtig.

5 Sterne
Sehr  - 20.12.2025
Meike Greiffenberg

sehr fesselnd geschrieben, mscvg wahnsinnig Lust auf "MEER"/"mehr"!!!!!

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