Cover: Henrys 17. Sommer

Henrys 17. Sommer
Eine Feriensoap


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 474
ISBN: 978-3-7116-0717-1
Erscheinungsdatum: 14.07.2025
Ereignisreiche Sommerferien eines 17-Jährigen mit seinen Großeltern. Sie vermitteln dem Heranwachsenden ethische Werte und lassen ihn eigene Erfahrungen machen, bei denen vor allem Mädchen eine wichtige Rolle spielen.
Kapitel 1 – Mittwoch
Es fängt ganz harmlos an …


Henry sauste mit seinem Mountainbike die School Street hinunter. Er fühlte sich richtig gut an diesem sonnigen Nachmittag, denn nun begannen endlich die Sommerferien – und er hatte ein ordentliches Zeugnis in der Tasche! Auf der Straße war nicht viel los. Vor ihm zuckelte Bills Eiswagen her.
Bill’s Fine Ice stand himbeerrot in dicken, rundlichen Buchstaben auf der mintgrünen Rückwand. Es kribbelte Henry, die lahme Kiste zu überholen, aber gerade ging der linke Blinker an und der Wagen bog zum Marktplatz ab. Er hielt immer schräg gegenüber von Pete’s Pizza Paradise. Pete verkaufte zwar auch Eis, aber das war etwas teurer als bei Bill. Einige Kinder warteten schon auf das Bimmeln seiner Glocke. Henry überquerte die Hauptstraße und fuhr geradeaus weiter in die Milton Road. Hier gab es kaum noch Geschäfte. An der nächsten Ecke fegte der alte Nick Stupensky den Bürgersteig vor seinem Eisenladen. Henry fuhr langsamer und winkte ihm zu.
Nick hörte kurz auf zu fegen, tippte mit dem Zeigefinger an den Schirm seiner unvermeidlichen Baseballmütze und rief:
„Wohl Ferien, wie?“
Henry streckte grinsend die rechte Faust mit dem Daumen nach oben in die Luft und bog in bedenklicher Schräglage nach rechts ab. Hier, in der Wilbur Lane, war Henry zu Hause. In der baumbestandenen Straße reihten sich hübsch gestrichene Wohnhäuser aneinander, gesäumt von gepflegten, bunten Vorgärten.
Vor dem weißen Lattenzaun legte er eine Vollbremsung hin, sprang vom Rad und schaute neugierig in den Alu-Briefkasten mit der Nummer 8. Garrett – Waltham stand darauf. Garrett, das war der Name seiner Großeltern – Waltham, das war er. Endlich war sein Heft da! Henry hatte nämlich ein Abonnement für die Romanserie „LARRY LOGAN, der Retter des Universums“, und er wartete jedes Mal ungeduldig auf die neueste Fortsetzung. Aber zunächst stellte er sein Rad in die geräumige Garage, die sich dicht an der rechten Seite des Hauses befand. Das Rolltor stand offen, das Auto fehlte. Ach ja, seine Leute waren zum Einkaufen fort.
Henry blickte missbilligend auf das Regal an der Rückwand und den anderen Krempel, der sich nach und nach hier angesammelt hatte. Er würde auf jeden Fall an einem der nächsten Tage mal aufräumen, vor allem dieses vermüllte Regal. Alte Farbtöpfe, Plastikboxen mit rostigen Schrauben und anderen Metallteilen, Werkzeuge, schief gestapelte Blumentöpfe in verschiedenen Größen, ein Packen alter Zeitungen, ein defekter Radiowecker, ausgelatschte Schuhe – Opa konnte anscheinend nichts wegwerfen.
Henry betrat die überdachte Veranda. Das war eine kunstvolle, weiß gestrichene Holzkonstruktion an der Vorderseite des Hauses mit einer Sitzbank und einem Schaukelstuhl in der Ecke. Von der Decke hing eine Lampe mit einem verschnörkelten Schirm aus angelaufenem Kupfer herab. Bei starkem Wind fing sie an zu schaukeln und quietschte leise an ihrer Kette. Moffat, der grau gefleckte Hauskater, lag auf der Bank auf einer zusammengefalteten Decke und schlief.
„Hi Moffat“, rief Henry zur Begrüßung. Der Kater hob ein wenig seinen dicken Kopf und blinzelte. Henry kraulte ihn etwas, aber Moffat wollte weiterschlafen. Die Tür zur Küche war mal wieder nicht abgeschlossen.
„So ein Leichtsinn heutzutage“, murmelte Henry vor sich hin.
In der geräumigen Küche holte er sich ein Glas Orangensaft und setzte sich damit an den Tisch. Bei dieser Wärme wurde man schnell durstig. Henry ließ die Stille im Haus auf sich wirken.
Ja, er lebte bei den Großeltern, solange er denken konnte. Seine Eltern waren bei einem Verkehrsunfall gleichzeitig ums Leben gekommen. Damals war er etwa zwei Jahre alt. Henry kannte sie nur von den Fotos in dem Album, das in seinem Bücherregal stand. Daneben gab es noch ein kleineres rotes Album mit einigen Hochzeitsbildern. Sein Lieblingsbild zeigte eine hübsche, junge Frau mit einem Baby auf dem Arm – das waren Mama und er, und sie schaute glücklich lächelnd in sein kleines Gesicht. Er hatte das Bild eingerahmt, und dann hing es eine ganze Weile neben dem Bücherregal an seiner Bettwand. Zufällig kam er einmal dazu, wie Oma vor dem Bild stand und weinte. Da hängte er es ab.
Opa und Oma waren die Eltern seiner Mutter, und Henry fühlte sich bei ihnen sehr gut aufgehoben. Oma mit ihren 55 Jahren hätte genauso gut seine richtige Mutter sein können. Die anderen Großeltern lebten ziemlich weit weg im Süden, irgendwo in Florida. Außer einem obligatorischen Telefonat zu Weihnachten gab es wohl keine weiteren Kontakte. Papas Eltern waren reiche Leute und pflegten offenbar nur mit ihresgleichen engeren Umgang. Deshalb waren sie wohl zunächst überhaupt nicht von der Idee ihres Sohnes Paul begeistert, ein „einfaches“, erst achtzehnjährigen Mädchen zu heiraten, bis er ihnen seine Marian persönlich vorgestellt hatte.
Henry nahm die Milchflasche mit auf die Veranda und goss etwas in Moffats Schale. Irgendwann würde diese Schlafmütze ja wohl wach werden. Seinen neuesten „Larry Logan“ hatte er vorhin auf den Schaukelstuhl gelegt. Inzwischen war es kurz nach drei. Henry setzte sich neben Moffat auf die Bank und begann in dem Heft zu blättern. Auf dem bunten Titelbild stiegen Larry und seine Assistentin Ranya gerade aus dem Raumgleiter und betraten den Dschungelplaneten Morb, den Ort ihres aktuellen Abenteuers. Ranya sah natürlich wieder toll aus in ihrem silbergrauen Minioutfit. ‚Trotzdem‘, dachte Henry, ‚für einen Dschungelplaneten ist es vielleicht doch nicht ganz das Richtige …‘ Im Heft schaute er sich immer zuerst die Bilder an – Comiczeichnungen mit klaren Strichen, die den Eindruck erweckten, der Weltraum sei vor allem von hübschen, langbeinigen Mädchen bevölkert. Na ja, realistisch erschien ihm das nun wirklich nicht, aber er fand diesen Anblick auf jeden Fall erfreulicher als eklige Aliens mit sabbernden Gebissen. Larry war gerade auf der Suche nach den fünf Morb-Kristallen. Sie gehörten zu einer geheimnisvollen riesigen Maschine, von der man noch nicht genau wusste, wozu sie eigentlich gut war. Henry versank in der Geschichte …
Lautes Hupen teleportierte ihn in die Wirklichkeit der Wilbur Lane zurück. Der alte 84er-Ford Pick-up fuhr gerade in die Garage. Henry legte das Heft beiseite und ging vor, um Oma und Opa zu begrüßen.
„Na, Junge, endlich Ferien, wie?“, lächelte Opa. Oma drückte ihn an sich. Henry hatte ihr seit einiger Zeit abgewöhnt, ihn auf die Wange zu küssen; schließlich war er seit wenigen Wochen 17 und ein gutes Stück größer als sie!
Die Einkäufe befanden sich in Pappkartons auf der Ladefläche, und Henry half mit, die Sachen einzuräumen. Dann wurde es ernst. Opa setzte sich im Wohnzimmer in seinen Ohrensessel und Henry überreichte ihm das Zeugnis. Er hatte im vergangenen Schuljahr gut gearbeitet und war vor allem auf die Bestnote in Mathe stolz.
Opa las die Beurteilung laut vor, stand auf, schüttelte Henry die Hand und gab ihm das Zeugnis zurück.
„Gut gemacht, Junge!“, sagte er. „Bin sehr zufrieden. Lass aber jetzt auf keinen Fall nach. Denk dran, du lernst für deine Zukunft. Ein künftiger Maschinenbauer muss sich vor allem ernsthaft mit Mathematik befassen, auch wenn einem heute die Computer eine Menge Routinearbeit abnehmen. Unsere Maschinen und die Computer stecken voller Mathematik. Die Funktionsweise eines Krans zum Beispiel beruht im Wesentlichen auf den Hebelgesetzen, aber es sind natürlich auch …“
Oma unterbrach ihn: „Jetzt komm mal wieder runter, Alfred, der Junge lernt doch wirklich genug. In seinem Alter muss man nicht nur an die Schulnoten denken. Jetzt sind Ferien, und da soll er ausspannen. Also, was wünscht sich der fleißige Schüler heute zu Abend?“
Normalerweise bestimmte Oma, was auf den Tisch kam. Das war irgendeine uralte Familiensitte, daran rüttelte niemand. Aber, wie man sieht, gab es auch Ausnahmen. Opa klopfte seinem Enkel nochmals anerkennend auf die Schulter und setzte sich wieder in den Sessel, um den heutigen Burlingham Examiner zu lesen.
Henry ging in die Küche. Er hatte sich gerade Kartoffelsalat mit Schnitzel und Sauerkraut bestellt. Oma stand am Waschbecken und putzte die Kartoffeln.
„Kann ich was helfen?“, fragte er. Oma sagte: „Du kannst den Mülleimer mit hinausnehmen; ich rufe dann, wenn das Essen fertig ist. Das dauert aber noch. Der Salat muss eine Weile durchziehen.“
Omas Eltern waren 1932 als junges Ehepaar aus Deutschland eingewandert. Im Schlafzimmer hing ein bräunliches Schwarz-Weiß-Foto von ihnen aus dieser Zeit. Da standen sie in ihrem Sonntagsstaat steif und mit todernsten Mienen und sahen viel älter aus, als sie derzeit wirklich waren. Jedenfalls hatte Oma die deutsche Küche von ihrer Mutter übernommen. Und dazu gehörte unbedingt ein großer Tonkrug mit selbst hergestelltem Sauerkraut. Henry war ganz wild darauf, besonders auf die Möhrenscheiben darin mit ihrem mild-säuerlichen Geschmack.
Auf der Veranda hockte Moffat und schleckte seine Milchschale aus. Henry leerte den Mülleimer. Dann setzte er sich auf die Bank und las in seinem Heft weiter. ‚Ich würde eines Tages auch gerne mal die Welt retten‘, dachte er. Aber dazu brauchte man ziemlich sicher so einen MASTER-Helm wie Larry mit Infrarotsichtgerät und GalaktoNet-Computer, der auf Gedankenimpulse reagierte und alle Informationen auf der Innenseite der Absorberbrille abbildete. Und man brauchte ganz sicher auch eine tolle Assistentin wie Ranya … Auf Seite 36 gab es eine technische Zeichnung des neuesten Raumgleiters. Leider war die Heftseite zu klein, um alle Details zu bringen. Henry wollte später oben in seinem Zimmer damit anfangen, den Raumgleiter auf ein großes Blatt Zeichenkarton zu übertragen und die fehlenden Details selbst zu erfinden. Er hatte schon ein paar akkurate Zeichnungen verschiedener Raumfahrzeuge angefertigt und farbig gestaltet. Um das Gesamtbild herum befanden sich Detailansichten mechanischer Ausrüstungen, so wie Henry sie vor seinem geistigen Auge sah – ausfahrbare Laderampen, bewegliche Steuerdüsen, versenkbare Landestützen und dergleichen mehr. Deswegen meinte Opa auch, mit diesem technischen Vorstellungsvermögen sei er der geborene Maschinenbauer. Opa hatte nämlich bis vor Kurzem hier bei MecMatic als Konstrukteur von Verpackungsautomaten gearbeitet. Henry fand die Idee gut. Ihn faszinierten blank gedrehte und polierte Maschinenteile. Der alte Nick an der Ecke hatte davon so einiges in seinem Lager. Aber nun ging ja die Geschichte weiter …
Die Suche nach den Morb-Kristallen war natürlich ziemlich schwierig. Larry fand heraus, dass der Anführer eines Morb-Stammes einen dieser Kristalle hatte. Der wollte ihn aber nur im Tausch gegen Ranya herausrücken. Na ja, solche Probleme gab es am laufenden Band. Es würde wohl noch ein paar Fortsetzungen brauchen, bis endlich alle Kristalle beisammen waren.
Später rief Oma zum Essen. Henry schaufelte so einiges in sich hinein. Omas Kartoffelsalat mit Essig und Öl war unübertrefflich.
„Meine Güte, hast du wieder Appetit!“, rief Oma und freute sich, dass es ihm schmeckte.
„Ja, ja, der Junge wächst, der kann es brauchen. In seinem Alter hatte ich auch ständig Hunger. Damals gab es bloß nicht immer genug für alle auf dem Tisch“, erinnerte sich Opa.
Er stammte aus einer sechsköpfigen Familie; die Mutter war häufig krank, und die Arztrechnungen waren teuer. Der Vater arbeitete hier im Sägewerk und verdiente nicht viel. Die Zeiten mussten damals hart gewesen sein.
Oben in seinem Zimmer kramte Henry die Utensilien zusammen, um die Zeichnung des Raumgleiters zu beginnen. Opa hatte aus seiner Firma nach der Umstellung auf Computer ein kleines Zeichenbrett und Profi-Tintenstifte mitgebracht und die Sachen erst mal in Henrys Zimmer abgestellt. Da blieben sie dann auch, weil Henry Verwendung dafür fand. Innen an der Tür hatte er ein mannshohes Poster der NASA mit der riesigen Saturn-V-Mondrakete aufgeklebt. Unter der Zimmerdecke hing das Modell eines Spaceshuttles. Opa und er hatten es in den letzten Winterferien aus einem Baukasten zusammengesetzt.
Henrys Wandregal war mit Büchern aller Art gefüllt – ziemlich viele für die Verhältnisse eines Siebzehnjährigen; die meisten davon stammten allerdings noch von seinem Vater. Henry war eine richtige Leseratte und er vergaß bei seinen Geschichten schnell Zeit und Raum. Oma drängelte deshalb immer wieder mal, doch hinauszugehen, sich mit den Schulfreunden zu treffen und gemeinsam etwas zu unternehmen. Draußen – das war für ihn am liebsten die Bank auf der Veranda. Aber morgen wollte er mit seinem Mountainbike auf die Piste, das war schon abgemacht. Im Radio hatten sie schönes Wetter angesagt.
Die Umrisse des Raumgleiters nahmen Gestalt an, aber er würde noch einige Tage für die Zeichnung brauchen. Mit den Stiften musste man sich ganz schön vorsehen, weil die Tinte Zeit zum Trocknen brauchte. Da war ein dünner Strich schnell verschmiert. Am Anfang passierte ihm das ziemlich oft, und dann wollte er den ganzen Kram schon mal an die Wand knallen.
Draußen war es inzwischen dunkel geworden. ‚Für heute reicht es mal wieder‘, dachte Henry. Er ging hinunter, um Oma und Opa Gute Nacht zu sagen. Die beiden saßen in der Stube auf dem Sofa sehr eng beieinander und schauten fern. Auf dem Tisch vor ihnen stand eine Flasche Portwein. Henry blieb in der Tür stehen und sagte:
„Schlaft gut! Und nochmals vielen Dank für das leckere Essen!“
„Ist schon in Ordnung, hast es dir redlich verdient“, erwiderte Oma, „schlaf auch gut. Brauchst ja morgen nicht so früh aufzustehen. Und vergiss nicht das Zähneputzen!“
„Martha!“, rief Opa tadelnd. Henry seufzte innerlich. ‚Immer diese Ermahnungen! Ich bin doch nicht mehr im Kindergarten!‘ Aber der Oma konnte er einfach nicht böse sein. Die durfte das.




Kapitel 2 – Donnerstag
Junge trifft Mädchen


Henry wurde von der Helligkeit im Zimmer geweckt. ‚Du meine Güte! Es ist ja gleich halb acht!‘
Erschrocken spannten sich seine Muskeln, weil er aus dem Bett springen wollte. Doch dann dämmerte ihm die Erkenntnis, dass er ja Ferien hatte – schöne, lange Sommerferien! Entspannt legte er sich zurück und achtete auf die Geräusche im Haus. Unten lief das Radio. Eine Tür fiel zu. Draußen hupte ein Auto. Es war still hier am Stadtrand, fast wie auf dem Land. Die Wilbur Lane mündete in eine Schotterstraße, die zur Farm der Watsons hinausführte, und so war auf der Straße kaum etwas los. Eigentlich war im ganzen Ort nichts los. Beaselbrook war nämlich eine abseits gelegene Kleinstadt mit ungefähr 3.800 Einwohnern. Die nächstgrößere Stadt Burlingham mit ihren ungefähr 80.000 Einwohnern lag immerhin 55 Meilen entfernt.
Henry hatte sich vorgenommen, demnächst mal für einen Tag mit dem Bus hinzufahren. Mike und Freddy würden bestimmt auch gerne mitkommen. Dort gab es nämlich ein Verkehrsmuseum, das er sich unbedingt mal wieder anschauen wollte. Sein letzter Besuch dort mit Opa war drei oder vier Jahre her, und die Eindrücke waren inzwischen ziemlich verblasst. Henry fand die alten Gefährte toll. Sie sahen noch richtig schön maschinell aus, nicht so glatt und windkanalmäßig wie die modernen Fahrzeuge. Er überlegte eine Weile, was er wohl mit dem Rest der Woche anfangen könnte, und merkte dabei, dass er eigentlich ausgeschlafen war. Er hörte, wie das Rolltor der Garage aufging und das Auto davonfuhr.
Oma hatte einen Zettel für ihn auf den Küchentisch gelegt. Sie wollte zum Friseur, und Opa fuhr sie hin.
Die Sachen vom Frühstück standen noch auf dem Tisch. Er langte wieder ordentlich zu und räumte anschließend auf. Dann schrieb er unter Omas Notiz: Bin mit dem Rad unterwegs. Ich rufe an, wenn es später wird.“
Henry fuhr also los Richtung Marktplatz. ‚Mal sehen, ob schon jemand von den Jungs da ist‘, dachte er und trat in die Pedale. An der Ecke winkte er Nick zu, der in der geöffneten Tür seines Ladens stand und mit dem rechten Zeigefinger zum Gruß an seine Mütze tippte.
Die Mitte des Marktplatzes zierte ein Springbrunnen mit einer Statue von Malcolm Finley, dem berühmten Sohn der Stadt. Er stand in seiner altertümlichen Kleidung würdevoll auf dem Podest, in der rechten angewinkelten Hand ein aufgeschlagenes Buch, den Blick seherisch in die Ferne gerichtet. Es war sein Buch, „Universal Principles“, damals wohl ein Meilenstein in der Naturwissenschaft. Inzwischen wurde das Buch von Tauben bevölkert, die es mal wieder gehörig vollgesaut hatten. An dem viereckigen Marmorsockel befanden sich ringsum vier verschnörkelte Wasserspeier, die in ein rundes Becken spritzten. Auf der steinernen Umrandung konnte man gut sitzen. Ein paar Kinder aßen gerade ihr Eis; eine alte Frau ruhte sich wohl vom Einkaufen aus und hatte ihre Tasche zwischen den Füßen stehen. Henry stellte sein Rad ab und setzte sich dazu. Irgendeiner von den Freunden würde schon auftauchen. Man hatte sich schließlich verabredet.
Die Turmuhr am Rathaus in der Nähe schlug zehn. Mike kam angeradelt und schaute sich suchend um. Henry winkte. Mike und er saßen in der Klasse an einem Tisch. Mike gehörte auch zu den eher ruhigen Typen, und sie kamen prima miteinander klar. Er setzte sich neben Henry. „Na Alter, auch schon auf Achse? Ziemlich heiß heute. Haste schon was Konkretes vor?“
Henry meinte: „Mal sehen, Freddy kommt sicher auch noch. Dann könnten wir eigentlich mal wieder zum alten Bahnhof.“
Die beiden schauten über den sonnenbeschienenen kleinen Platz. Auf der Straßenseite gegenüber wurde bei Pete’s Pizza Paradise die Tür geöffnet. Pete kurbelte die Markisen herunter. Sie waren in den italienischen Landesfarben Grün-Weiß-Rot gestreift. Seine Frau trug die weißen Plastikstühle hinaus, und Pete stellte die Tische dazu. Mittags setzten sich bei dem sonnigen Wetter die Leute gerne draußen hin.
„’ne Pizza wär auch nicht schlecht zur Abwechslung“, meinte Mike. Mike hielt Essen für ziemlich wichtig, und das sah man ihm auch ohne Weiteres an. Ein Mädchen kam von rechts.
„Mann, guck mal, das Pferd!“, sagte Mike und stieß Henry in die Seite. Es war Sally aus der Klasse unter ihnen. Sie war dünn und trug gerne kurze Röcke – so wie heute. Der Grund für ihren Spitznamen waren ihre aktuellen Schuhe – ziemlich klobige Treter mit einer Riesensohle. Die wirkten an ihr wie überdimensionale Pferdehufe, vor allem wenn man sie von hinten sah. Seitdem sie damit herumlief, war sie für die drei Freunde also das Pferd. Sally setzte sich bei Pete an einen der Tische. Sie sah sich um und entdeckte Mike und Henry, ließ sich aber nichts anmerken. Henry hatte ihr nämlich mal eine Abfuhr erteilt und seitdem war sie beleidigt.
In dem Augenblick tauchte Freddy tatsächlich auch noch auf. Freddy war ein richtig sportlicher Typ, unverkennbar muskulös, quasi das Alternativprogramm zu Mike. Aber er wirkte immer leicht gehemmt und sagte nur das Nötigste, außer wenn er mit Henry und Mike zusammen war. Da kamen schon mal ein paar vollständige Sätze zusammen. Nun war das Trio komplett. Also radelte man los zum alten Bahnhof.
Der Bahnhof war schon lange außer Betrieb, denn den Personenverkehr nach Burlingham hatte man Mitte der Achtzigerjahre eingestellt. Die Güterzüge, vor allem Holztransporte, rollten allerdings noch ein paar Jahre weiter. Das Bahnhofsgebäude selbst wurde weiterhin genutzt. Oben in der Wohnung hingen Gardinen hinter geputzten Fenstern – da wohnte also jemand. Unten hatte der hiesige Landhandel ein Lager eingerichtet. Die Bahnanlage war ziemlich heruntergekommen; die Gleisbetten waren verkrautet, die Schienen rostig. Das umfangreiche Gelände mit einem kleinen Bahnbetriebswerk für die alten Dampfloks gehörte immer noch der Eisenbahngesellschaft Boston & Burlingham. Die hatte ein paar Schilder aufgestellt: Privat – Betreten verboten, aber das war für die Jungen natürlich kein Argument. Sie kamen manchmal hierher und kletterten in den drei alten Güterwaggons herum, die man anscheinend vergessen hatte.
...
5 Sterne
Ein Buch für alle Altersgruppen - 01.11.2025
Linda Danz

Henrys 17. Sommer ist ein feinfühlig geschriebenes Buch über das Erwachsenwerden, die erste Liebe und die Suche nach sich selbst. John Bechliner versteht es, mit einer schönen, klaren Sprache und einer stimmigen Wortwahl eine Atmosphäre zu schaffen, in die man sich leicht hineinversetzen kann. Die Beschreibungen sind lebendig, die Szenen wirken greifbar.Im Mittelpunkt steht Henry, ein 17-jähriger Junge, der durch seine Vernunft, Vertrauenswürdigkeit und Intelligenz auffällt. Er ist gehorsam, nachdenklich und sensibel – Eigenschaften, die ihn zu einer eher ungewöhnlichen Figur machen, wenn man sie mit vielen heutigen Jugendlichen vergleicht. Gerade das verleiht dem Buch einen besonderen, fast zeitlosen Charme.Bechliner gelingt es, die Gefühlswelt eines Jugendlichen eindrucksvoll einzufangen, ohne in Klischees zu verfallen. Die Geschichte wirkt ruhig und authentisch, fast nostalgisch, und lädt zum Innehalten ein.Was besonders schön ist: Henrys 17. Sommer ist nicht nur ein Buch für Jugendliche. Auch als Erwachsener kann man daraus wertvolle Gedanken mitnehmen – über Freundschaft, Beziehungen, Verantwortung, Ehe und Kindererziehung. Viele der stillen Beobachtungen und Dialoge im Buch regen dazu an, über das eigene Leben, über Werte und über den Umgang miteinander nachzudenken.Henrys 17. Sommer ist somit nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch ein Buch, das generationenübergreifend berührt.

5 Sterne
Ein Buch für alle Altersgruppen - 16.10.2025
Linda Danz

Henrys 17. Sommer ist ein feinfühlig geschriebenes Buch über das Erwachsenwerden, die erste Liebe und die Suche nach sich selbst. John Bechliner versteht es, mit einer schönen, klaren Sprache und einer stimmigen Wortwahl eine Atmosphäre zu schaffen, in die man sich leicht hineinversetzen kann. Die Beschreibungen sind lebendig, die Szenen wirken greifbar. Im Mittelpunkt steht Henry, ein 17-jähriger Junge, der durch seine Vernunft, Vertrauenswürdigkeit und Intelligenz auffällt. Er ist gehorsam, nachdenklich und sensibel – Eigenschaften, die ihn zu einer eher ungewöhnlichen Figur machen, wenn man sie mit vielen heutigen Jugendlichen vergleicht. Gerade das verleiht dem Buch einen besonderen, fast zeitlosen Charme.Bechliner gelingt es, die Gefühlswelt eines Jugendlichen eindrucksvoll einzufangen. Die Geschichte wirkt ruhig und authentisch, fast nostalgisch, und lädt zum Innehalten ein.Was besonders schön ist: Henrys 17. Sommer ist nicht nur ein Buch für Jugendliche. Auch als Erwachsener kann man daraus wertvolle Gedanken mitnehmen – über Freundschaft, Beziehungen, Verantwortung, Ehe und Kindererziehung. Viele der stillen Beobachtungen und Dialoge im Buch regen dazu an, über das eigene Leben, über Werte und über den Umgang miteinander nachzudenken.Henrys 17. Sommer ist somit nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch ein Buch, das generationenübergreifend berührt.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Henrys 17. Sommer

Doreen Brigadon

Was Funken, Glücksbringer und die "Drei" gemeinsam haben

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder