Goldene Weiden
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 266
ISBN: 978-3-7116-1022-5
Erscheinungsdatum: 15.09.2025
Von der Familie vergessen, von der Freundin ausgenutzt, gerät Helena in ein Gefühlschaos – und wird in eine fremde Welt katapultiert. Wie kann sie dieser existenziellen Not entkommen und zu dem Menschen zurückfinden, den sie am meisten vermisst: sich selbst?
I
Annabel kam ursprünglich auf die Idee mit dem Kiosk. Kaum jemand anderes saß hier, wenn wir hier saßen, aber das war genau das, was Annabel gefiel. Sie schwärmte für den kleinen Laden mitten in dem riesigen Einkaufscenter, weil er so anders war und so unbekannt.
Direkt daneben befanden sich die öffentlichen Toiletten, ich verstand also, warum man sich diesen Ort nicht zum gemütlichen Essen aussuchte, aber Annabel meinte, dann hätte man es immerhin nicht so weit.
Jenn wiederum weigerte sich, etwas anderes zu probieren als Pommes, obwohl wir nun bereits regelmäßig hier auftauchten. Sie zog es vor, in einer normalen Pizzeria zu essen. Inmitten anderer Menschen, meinte sie, denn dort fühlte sie sich wohler.
Diese Meinungsverschiedenheit war vorprogrammiert, jedes Mal, nachdem wir bestellt hatten, zahlten und uns dann an die weißen Tische setzten.
Ich lauschte beiden Seiten sehr aufmerksam, hielt mich aber lieber raus. Wenn mir langweilig wurde, holte ich meinen Schlüssel aus der Tasche und drehte an den Anhängerringen. Einer der Anhänger war eine silberne Sonne aus Edelstahl, die ich von Annabel zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Es war deshalb mein Lieblingsanhänger.
Natürlich hätten wir uns, anstatt des Einkaufscenters, in der Nähe der Universität eine Cafeteria suchen können. Aber das Gelände war groß und unübersichtlich; für viele Studiengänge musste man weit rausfahren, zu den Fakultäten am Stadtrand. Die Nachmittage kamen mir inmitten der großen Einrichtung als einfacher Mensch oft vor wie eine Ewigkeit.
Annabel studierte nicht, deshalb entschieden wir uns dagegen. Oft begann Jenn, damit zu prahlen, wie gut sie sich mittlerweile auskannte, und das wiederum kratzte an Annabels Geduld.
Im Einkaufscenter war abends immer noch einiges los, also begann ich irgendwann mit einer eigenen Tradition, die ich durchführte, solange Annabel und Jenn diskutierten.
Ich beobachtete die vorbeilaufenden Menschen, dachte mir Geschichten zu ihnen aus und überlegte, welche Musik sie hören würden.
Manchmal passte das Lied, das gerade durch die Lautsprecher des Centers tönte, perfekt und förderte somit meine Vorstellungskraft.
Bei dem nächsten Lied jedoch blickte ich erwartungsvoll zu Jenn.
„Oh man!“, rief sie und schlug sich die Hände vors Gesicht, bevor sie Annabel böse anstarrte.
„I didn’t realize –“
Es war jedes Mal dasselbe und langsam hasste ich, dass das Lied so oft im Radio lief. Ich hasste es nicht, weil das Lied blöd war oder weil Annabel jedes Mal laut mitgrölte, ich hasste es, weil ich dann immer sehen konnte, dass sich Annabel und Jenn eigentlich überhaupt nicht leiden konnten.
„That my life would change“, sie machte eine dramatische Pause, „forever!“
„Jedes Mal“, sagte Jenn mit diesem Funkeln in den Augen, als würde sie gleich aufstehen und schreien. „Jedes verdammte Mal! Irgendwann reicht es doch auch! Warum musst du jedes Mal mitsingen?“
Ich verstand nicht, warum Jenn so genervt davon war. Es war nur ein Lied, aber sie hackte immer darauf herum. Vielleicht tat sie es mit Absicht, um einen Streit anzufangen, und vielleicht sang Annabel auch absichtlich mit, um die Auseinandersetzung auszulösen.
Der Streit wurde unterbrochen, denn der Mann vom Kiosk rief uns zu.
„Ich gehe schon!“, sagte ich sofort, um der Situation zu entfliehen, und stolperte zu dem Fast-Food-Stand. Der Mann hielt mir das Essen, umwickelt mit weißen Servietten, entgegen und ich nahm sie ihm vorsichtig ab.
„Danke“, sagte ich und drehte mich wieder um. Die beiden Hotdogs wärmten meine Hände und die Pommesschachtel balancierte ich dazwischen.
Annabel hatte aufgehört zu singen und Jenn funkelte mich wütend an, ehe ich unseren Tisch erreichte. Ich ignorierte den Blick, denn ich sah ihn oft genug. Sobald Jenn nicht mehr das süße, aufgesetzte Lächeln trug, sah sie gemein aus. Nie wollte ich sie so sehen, deshalb wich ich ihren Blicken aus, solange, bis sie nicht mehr sauer auf irgendetwas war.
Jenn griff nach ihren Pommes und schüttelte sogleich die Tube mit Mayonnaise.
„Morgen müssen wir mal wieder Pizza essen gehen“, sie tunkte ein Pommes nach der anderen in die Soße und hatte den Kopf auf eine Hand gestützt.
Annabel wischte sich mit ihrer Serviette über den Mund. „Na schön. Aber bestell dir dann mal was anderes als Margherita.“
„Vielleicht“, lautete Jenns gleichgültige Antwort. „Wann sehen wir uns denn morgen?“
„Ich bin früh zu Hause.“ Annabel wandte sich an mich. „Wie sieht’s bei dir aus, Helena?“
„Ich kann erst ab zwanzig Uhr.“
„Dann also zwanzig Uhr.“ Jenn aß zufrieden ihre Pommes weiter. Ständig wechselte ihre Stimmung schneller, als ein Blitz einschlug.
Einmal hatte ich sie genau dabei beobachten können, wie sie weinte und weinte, als sie mir von einer gescheiterten Beziehung erzählte. Sie hatte fürchterlich geweint und ich hatte ihr den Rücken gestreichelt und genau zugehört, als sie schilderte, dass sie hintergangen wurde und wie sehr ihr Herz gebrochen war. Beinahe hätte ich mitgeweint, so traurig war ihre Geschichte, doch dann erhielt sie einen Anruf. Sie hatte ihn entgegengenommen, mit einem vollgeheulten Taschentuch in der Hand, und als sie erkannte, dass eine ihrer Freundinnen am anderen Ende der Leitung war, fing sie an zu strahlen und zu quietschen, stand auf und lachte bestimmt eine halbe Stunde schrill über etwas, das ich mir nur durch Wortfetzen zusammenreimen konnte. Ihre Traurigkeit war wie verblasst und stattdessen hatte ich alleine auf ihrer Couch gesessen, mit der Geschichte, die sie bei mir ablud. Die halbe Stunde, die sie glücklich telefonierte, dachte ich über die gescheiterte Beziehung nach und versank so sehr darin, dass ich wirklich meine Tränen zurückhalten musste.
Als Jenn irgendwann auflegte, hatte sie mich gefragt, warum ich so traurig aussah. Ich schüttelte den Kopf und sagte, es sei nichts, und realisierte erst am Abend, dass es das erste Mal war, dass ich einer Freundin ins Gesicht gelogen hatte.
Jenn konnte ihre Pommes essen, als sei die Welt in Ordnung, und ich sah ihr gerne und lange dabei zu.
Und tatsächlich setzten wir uns am nächsten Tag, Jenn zuliebe, gesittet in eine Pizzeria. Sie kam kurz nach zwanzig Uhr und erzählte viel von ihrem anstrengenden Tag.
Das Aprilwetter war ausnahmsweise angenehm und als die Nacht drohte, anzubrechen, schlenderten wir noch eine Weile durch die Läden.
In meinen Händen hielt ich nun eine erfolgreich gekaufte Packung Batterien für meinen Wecker. Er gab langsam immer öfter den Geist auf, aber ich konnte mich nicht von ihm trennen.
„Kauf dir doch endlich mal einen Neuen“, Annabel verstand nicht, warum ich diese Uhr so zwanghaft mit neuen Batterien am Leben halten wollte. „Irgendwann klingelt er mal nicht und dann verschläfst du!“
„Ich weiß“, seufzte ich. Trotzdem würde ich ihn nicht wegwerfen. Die Batterien aber verstaute ich unbehagt in meiner Stofftasche, sodass Annabel nicht dauernd darauf starrte.
Der Wecker gehörte einfach dazu. Er passte perfekt in die Wohnung, die zwar nur zwei richtige Zimmer hatte, wenn man das Bad wegließ, dafür aber mein eigenes kleines Paradies war. Sie spiegelte mich in gewisser Weise wider, jeder Gegenstand hatte eine kleine Geschichte und viele Bedeutungen. Die Wände hingen voll mit Bandpostern, Zeichnungen und Lichterketten, auf den Fensterbänken hausten pflegeleichte Zimmerpflanzen und selbst das hellgrüne Geschirr hatte zwar schon einige Tage hinter sich, war aber, genau wie der Wecker, ein wichtiger Teil von mir.
Jeden Abend warf ich zuerst meine Tasche vor dem Bett ab, sendete Annabel und Jenn eine Textnachricht, dass ich gut angekommen war, und legte das Telefon auf das kleine Schränkchen am Fußende des Bettes. An meinem Schreibtisch ließ ich mich dann nieder, atmete lange aus und verharrte einen Moment lang, ohne mich zu bewegen, bevor ich anfing, zu lernen.
Sobald ich müde wurde, ging ich schlafen.
Es war ein so einfacher Tagesablauf, der durch Annabel und Jenn hin und wieder ein wenig Abwechslung bekam.
Die Nächte schlichen noch immer sehr schnell über die Stadt und viele Läden hatten bereits geschlossen. Das war etwas, was Annabel sehr störte; sie meinte, auch nach zwanzig Uhr bräuchte sie manchmal noch etwas Dringendes vom Supermarkt. Ich nickte dann immer nur stumm und zustimmend, Jenn schüttelte dagegen den Kopf.
„Dann geht man eben früher einkaufen“, murmelte sie und fing an zu gähnen. Mittlerweile war es stockdunkel, nur von den noch nicht geschlossenen Läden und den Straßenlaternen wurde unser Weg beleuchtet.
„Passiert bei euch heute noch etwas Spannendes?“, fragte Jenn in die Runde.
Annabel blickte Jenn etwas entgeistert an. „Wieso fragst du das? Jedes Mal hörst du die gleiche Antwort. Mein Berichtsheft schreibt sich leider noch nicht von allein.“
„Es hätte ja sein können, dass etwas Interessantes passiert“, meinte Jenn.
Annabel antwortete nicht, sie atmete nur tief aus und warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. „Wenn du etwas Lustiges erleben willst, Jenn, dann trödel noch ein bisschen rum. Wenn wir die Tram in fünf Minuten verpassen, kannst du dich auf entspannte zwei Stunden auf einer Parkbank einstellen.“
Offensichtlich hatten wir die Zeit vergessen. Langsam, aber sicher näherten wir uns also der Bushaltestelle. Ich überprüfte, wann mein nächster Bus kam, und hatte Glück – in zwölf Minuten. Annabel und Jenn hatten ihre Tram nur ganz knapp erwischt, sie stand nämlich bereits an der Haltestelle. Für eine hektische Umarmung hatte es noch gereicht, dann waren die beiden verschwunden. Ich musste leider genau auf die andere Seite der Stadt.
Alleine wartete ich also und beobachtete Menschen, die mir nicht so ganz geheuer waren. Ich klammerte mich an den Henkel meiner Stofftasche und hielt den Blick fest nach links gerichtet, bis der Bus endlich auftauchte. Ich stieg ein, setzte mich an einen Platz, sah aus dem Fenster, und der Bus fuhr los.
Draußen konnte ich außer Straßenlaternen leider nichts erkennen. Ich sah eher mich selbst in der Spiegelung. Eine Weile lang musterte ich das Gesicht, das mich durch das Fenster anstarrte. Die Buslichter spiegelten sich in den braunen, müden Augen und bei jedem abrupten Ruckler ließ ich meinen Kopf mitschwingen, während der Bus über die holprige Straße fuhr. Meine Haare sahen wuschig aus, deshalb strich ich sie hastig auf beiden Seiten hinters Ohr.
Der Bus war nicht allzu voll und sehr still, die abendliche Stimmung überschattete die Sitzreihen.
Wir verließen die Innenstadt und kurz erkannte ich nicht mehr, wo wir uns befanden. Da der Weg zu den Stadtteilen außerhalb noch nie völlig ausgeleuchtet war, bestand kein Grund zur Sorge.
Dachte ich zumindest. Denn als der Bus eine Weile weiterfuhr und ich mir vollkommen sicher war, dass wir mittlerweile längst in der Nähe meines vertrauten Stadtteils angekommen sein mussten, erkannte ich die Gegend hinter den Busfensterscheiben immer noch nicht. Ich spähte nach vorne, wo normalerweise immer angezeigt wurde, was die nächste Bushaltestelle war, aber die Anzeige war aus. Auch versuchte ich, mich daran zu erinnern, ob ich vielleicht die Busnummer verwechselt hatte, aber es gab keine Zweifel in meinem Gedächtnis, dass ich in die Nummer 513 eingestiegen war. Eine andere Strecke außer der, die ich kannte, fuhr dieser Bus auch nicht.
Kurz hatte ich den Gedanken, den Busfahrer zu fragen, aber ich beschloss lieber, solange weiterzufahren, bis ich wusste, wo ich war, um dann umsteigen zu können.
Ich holte mein Telefon aus der Tasche und textete Annabel und Jenn, ich wollte ihnen diesen seltsamen Vorfall mitteilen. Leider hatte ich überhaupt keinen Empfang und die Nachrichten gingen nicht durch, also packte ich das Handy wieder zurück in die Tasche.
Drei Bushaltestellen später drückte ich auf den Stoppknopf, es hatte keinen Sinn. Ich hatte keinen Schimmer, wo die nächste Bushaltestelle war, also stand ich direkt auf, hängte die Tasche über die Schulter, prüfte noch einmal nach, ob ich alles hatte, und hielt mich an einer Stange direkt vor der Türe fest.
Ich sah nach links und rechts und starrte die Menschen an, die dort saßen. Allesamt sahen komplett unbekümmert aus, so als wäre ich tatsächlich einfach im falschen Bus.
Irgendwann hielt der Bus dann an und mit leichter Verzögerung öffneten sich die Türen.
Eine kalte Brise zischte mir entgegen, sodass es mir schwerfiel, aus dem warmen Bus zu treten. Ich hatte keinen Pullover dabei, denn ursprünglich hatte ich ja damit gerechnet, etwas früher wieder zu Hause zu sein. Jetzt aber musste ich erst mal herausfinden, wo ich gelandet war. Der Boden unter mir war nicht aus Stein, mein Gewicht wurde etwas abgefedert. Es war wie Erde, die über Jahre plattgetreten wurde.
Einige Schritte entfernte ich mich von der Tür, drehte mich um und sah dem abfahrenden Bus hinterher, ich wollte die Nummer noch einmal überprüfen. Dort stand in leuchtend orangenen Zahlen die Nummer 513.
Jetzt war ich verwirrt und kurz hatte ich das Gefühl, das Gleichgewicht zu verlieren. Einen Moment lang wurde mir schwarz vor Augen und ich hielt mich an einer Straßenlaterne fest, die etwas weiter neben mir stand und die ich erst jetzt bemerkte, denn sie leuchtete nicht.
Als ich wieder klar sehen konnte, fiel mir auf, dass nirgends in der Nähe eine Bushaltestelle zu sehen war, noch nicht einmal ein Haltestellenschild. Sofort kramte ich wieder nach meinem Telefon, vielleicht hatte ich jetzt Empfang und konnte jemanden anrufen.
Aber diesmal brach ich wirklich in Panik aus. Ich konnte es nirgends finden. Genauso wenig wie meinen Geldbeutel, meinen Schlüssel sowie das soeben gekaufte Päckchen mit Batterien. Wie hatte ich nicht bemerken können, dass diese Dinge fehlten? Außer ihnen hatte ich nichts dabei, was das Gewicht in meiner Tasche ausmachte. Alles, was ich jetzt noch darin hatte, war ein Kugelschreiber und ein Notizbuch, in das ich alle möglichen Dinge reinschrieb. Das half mir im Moment aber nicht allzu viel.
Ich kniete mich auf den Boden und durchsuchte den Beutel samt meinen Hosentaschen zwei weitere Male, logischerweise ohne Erfolg. Ich fing an zu schwitzen, aber gleichzeitig fror und zitterte ich am ganzen Körper. Ich verstand nichts mehr, kniete am Boden und kam mir vor wie ein Straßenköter, auf allen Vieren auf dem dreckigen Boden und diesem hektischen Blick in den Augen.
Die Straßenlaterne ging an und ließ mich fürchterlich zusammenzucken. Aber selbst das Licht half mir kein bisschen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand.
Außerdem stand ich neben der einzigen Laterne weit und breit, nur mit ganz angestrengt zusammengekniffenen Augen erkannte ich weitere schwache Lichter, völlig verloren in der dunklen Ferne. Das konnte nicht Allburg sein, dachte ich, denn dort wurde darauf geachtet, dass die Laternen einen ganz bestimmten Abstand zueinander hatten, und diese sinnlos weit voneinander weg stehenden Lichter entsprachen mit Sicherheit nicht der legalen Norm.
Die Straße war, wie ich feststellte, nichts weiter als ein breiter Weg und hinter mir befand sich eine riesige Fläche an Wiese. Nachdem ich also mit Sicherheit noch einmal feststellte, dass ich mein Telefon und den Rest meiner Sachen wohl nicht so schnell wiederhaben würde, stand ich auf und fing an zu laufen. Irgendetwas musste ich ja tun. Ich hoffte, irgendwann an einen Ort mit einem mir vertrauten Ortsschild zu gelangen.
Eine Weile lief ich mit einem mulmigen Gefühl, ich war total aufgewühlt und versuchte, Tränen zurückzuhalten. Ich befahl mir, mich zu beherrschen, denn es hatte so oder so keinen Zweck.
Es wurde immer kälter. Eine warme, flauschige Decke in einem gemütlichen Bett schien im Moment die schönste, unnahbare Vorstellung zu sein. Ich sah mein Bett vor mir, sehnte mich danach, es war wie eine Fata Morgana.
Doch so schnell, wie sie erschien, so schnell verschwand sie auch wieder und ich sah die kalte, von gedämpften Straßenlaternen beleuchtete Realität vor mir. War es denn die Realität? Es fühlte sich nicht so an, es war unnormal, es gefiel mir nicht. Ich wollte nur in meine Wohnung, so wie jedes Mal, wenn ich in der Stadt war. Was sollte das hier? Meine Emotionen wendeten sich von einer Sekunde auf die nächste um hundertachtzig Grad. Wütend war ich jetzt, wütend darauf, dass Dinge nicht einfach normal verlaufen konnten.
Meine Beine trugen mich trotz allem immer weiter und weiter, bis ich ein seltsames Geräusch hinter mir vernahm. Es klang wie das Laufen eines Pferdes. Verwirrt drehte ich mich um und wurde langsamer. Tatsächlich konnte ich etwas Leuchtendes auf mich zukommen sehen. Ich wusste nicht recht, ob ich Angst haben sollte. Ich blieb einfach stehen.
Das Getrappel des Pferdes wurde lauter und deutlicher und meine Augen meinten, eine Pferdekutsche zu sehen, was ich ihnen aber nicht glaubte. Dennoch hatten sie Recht. Es war tatsächlich eine altertümliche Pferdekutsche, ein Mann saß darin und hatte eine kleine Lampe in der Hand.
Der Mann brachte die Kutsche zum Stehen, als er neben mir war. Altes Holz und rostiges Metall konnte ich sehen, die Kutsche war wohl schon sehr alt. Natürlich war sie alt, dachte ich dann völlig entrüstet über mich selbst. Schon seit Jahrzehnten fuhren die Menschen in keinen Kutschen mehr.
Das Pferd war ganz still, es gab kaum einen Mucks von sich. Anders als der Fahrer, der nun das Licht näher zu mir streckte, um mich besser erkennen zu können.
„Guten Abend“, sagte er schließlich.
„Hallo“, war alles, was ich nach kurzem Zögern herausbrachte.
„Wo wollen Sie hin? Es ist schon spät.“ Er musterte mich. „Ist Ihnen nicht kalt?“
„Ich habe keine Jacke dabei“, antwortete ich vorsichtig, worauf der Fremde leise lachte. Das irritierte mich ein bisschen.
„Soll ich Sie den restlichen Weg bis zur nächsten Stadt mitnehmen?“
Obwohl er sehr freundlich klang, wollte ich auf keinen Fall mit ihm mitfahren. In einer Kutsche fuhr man nur auf diesen Festivals, auf denen es Popcorn, Zuckerwatte und viele andere Süßigkeiten gab. Nur dort würde ich erwarten, eine Pferdekutsche zu sehen.
Die Männer, die sie fuhren, sahen meistens aus wie in einem alten Film, mit Anzug und Krawatte und einem schicken Hut. Sie lächelten immer freundlich und meistens sah man junge Paare mit ihren kleinen Kindern in diesen Kutschen fahren. Immer sah es so falsch aus, die Mischung aus historisch gekleideten Männern und den übereifrigen Müttern, die ihre Kinder in den bunten Polyesterkleidchen mit der modernsten Digitalkamera fotografierten.
Der Mann vor mir sah aber kein bisschen so aus wie die Männer auf den Festivals. Er trug abgetragene Kleidung; ein beiges Hemd, umhüllt mit einem langen Stoffmantel, auf dem Kopf trug er eine Schiebermütze. Er hatte ein freundliches Gesicht und einen Schnauzer.
Ich sagte lange nichts, also ergriff er wieder das Wort.
„Ich weiß zwar nicht, woher Sie kommen, aber Sie sollten wirklich nicht die Nacht hier draußen verbringen.“
„In welchen Ort fahren Sie?“, ich war noch immer nicht ganz überzeugt.
„Patchville.“
Kurz war ich nicht sicher, ob ich richtig verstanden hatte. „Patchville? Ich habe noch nie davon gehört.“
„Wirklich nicht? Es ist eine sehr schöne kleine Stadt. Sie ist gleich da vorne“, erklärte er und zeigte geradeaus. Ich folgte seinem Blick, aber da war nichts, nur Dunkelheit und ein oder zwei Straßenlaternen in der Ferne.
„Warum fahren Sie mit einer Kutsche?“
Er zog die Augenbrauen zusammen, was ich zuerst als einen Scherz interpretierte. Aber seine Stimme sagte mir, dass es alles andere als ein Scherz war.
„Mit was sollte ich sonst fahren?“ Es war eine rhetorische Frage, weshalb ich nicht mehr darauf antwortete. Entweder log der Mann wie eine Eins oder ich wurde eben im Bus in Wirklichkeit ohnmächtig und all das war nur ein Fiebertraum.
Einen Moment lang schwiegen wir uns an. Ein Schauer durchfuhr mich, ich atmete Nebel aus. Es war wirklich kälter als gedacht.
„Kommen Sie schon, Sie können mir vertrauen.“
Letztendlich, dachte ich, hatte ich keine bessere Wahl. Also ging ich einen Schritt auf die Kutsche zu, um herauszufinden, wie genau ich aufsteigen musste. Es stellte sich als relativ einfach heraus, obwohl ich kurz Angst hatte, von der Radkappe abzurutschen.
...
Annabel kam ursprünglich auf die Idee mit dem Kiosk. Kaum jemand anderes saß hier, wenn wir hier saßen, aber das war genau das, was Annabel gefiel. Sie schwärmte für den kleinen Laden mitten in dem riesigen Einkaufscenter, weil er so anders war und so unbekannt.
Direkt daneben befanden sich die öffentlichen Toiletten, ich verstand also, warum man sich diesen Ort nicht zum gemütlichen Essen aussuchte, aber Annabel meinte, dann hätte man es immerhin nicht so weit.
Jenn wiederum weigerte sich, etwas anderes zu probieren als Pommes, obwohl wir nun bereits regelmäßig hier auftauchten. Sie zog es vor, in einer normalen Pizzeria zu essen. Inmitten anderer Menschen, meinte sie, denn dort fühlte sie sich wohler.
Diese Meinungsverschiedenheit war vorprogrammiert, jedes Mal, nachdem wir bestellt hatten, zahlten und uns dann an die weißen Tische setzten.
Ich lauschte beiden Seiten sehr aufmerksam, hielt mich aber lieber raus. Wenn mir langweilig wurde, holte ich meinen Schlüssel aus der Tasche und drehte an den Anhängerringen. Einer der Anhänger war eine silberne Sonne aus Edelstahl, die ich von Annabel zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Es war deshalb mein Lieblingsanhänger.
Natürlich hätten wir uns, anstatt des Einkaufscenters, in der Nähe der Universität eine Cafeteria suchen können. Aber das Gelände war groß und unübersichtlich; für viele Studiengänge musste man weit rausfahren, zu den Fakultäten am Stadtrand. Die Nachmittage kamen mir inmitten der großen Einrichtung als einfacher Mensch oft vor wie eine Ewigkeit.
Annabel studierte nicht, deshalb entschieden wir uns dagegen. Oft begann Jenn, damit zu prahlen, wie gut sie sich mittlerweile auskannte, und das wiederum kratzte an Annabels Geduld.
Im Einkaufscenter war abends immer noch einiges los, also begann ich irgendwann mit einer eigenen Tradition, die ich durchführte, solange Annabel und Jenn diskutierten.
Ich beobachtete die vorbeilaufenden Menschen, dachte mir Geschichten zu ihnen aus und überlegte, welche Musik sie hören würden.
Manchmal passte das Lied, das gerade durch die Lautsprecher des Centers tönte, perfekt und förderte somit meine Vorstellungskraft.
Bei dem nächsten Lied jedoch blickte ich erwartungsvoll zu Jenn.
„Oh man!“, rief sie und schlug sich die Hände vors Gesicht, bevor sie Annabel böse anstarrte.
„I didn’t realize –“
Es war jedes Mal dasselbe und langsam hasste ich, dass das Lied so oft im Radio lief. Ich hasste es nicht, weil das Lied blöd war oder weil Annabel jedes Mal laut mitgrölte, ich hasste es, weil ich dann immer sehen konnte, dass sich Annabel und Jenn eigentlich überhaupt nicht leiden konnten.
„That my life would change“, sie machte eine dramatische Pause, „forever!“
„Jedes Mal“, sagte Jenn mit diesem Funkeln in den Augen, als würde sie gleich aufstehen und schreien. „Jedes verdammte Mal! Irgendwann reicht es doch auch! Warum musst du jedes Mal mitsingen?“
Ich verstand nicht, warum Jenn so genervt davon war. Es war nur ein Lied, aber sie hackte immer darauf herum. Vielleicht tat sie es mit Absicht, um einen Streit anzufangen, und vielleicht sang Annabel auch absichtlich mit, um die Auseinandersetzung auszulösen.
Der Streit wurde unterbrochen, denn der Mann vom Kiosk rief uns zu.
„Ich gehe schon!“, sagte ich sofort, um der Situation zu entfliehen, und stolperte zu dem Fast-Food-Stand. Der Mann hielt mir das Essen, umwickelt mit weißen Servietten, entgegen und ich nahm sie ihm vorsichtig ab.
„Danke“, sagte ich und drehte mich wieder um. Die beiden Hotdogs wärmten meine Hände und die Pommesschachtel balancierte ich dazwischen.
Annabel hatte aufgehört zu singen und Jenn funkelte mich wütend an, ehe ich unseren Tisch erreichte. Ich ignorierte den Blick, denn ich sah ihn oft genug. Sobald Jenn nicht mehr das süße, aufgesetzte Lächeln trug, sah sie gemein aus. Nie wollte ich sie so sehen, deshalb wich ich ihren Blicken aus, solange, bis sie nicht mehr sauer auf irgendetwas war.
Jenn griff nach ihren Pommes und schüttelte sogleich die Tube mit Mayonnaise.
„Morgen müssen wir mal wieder Pizza essen gehen“, sie tunkte ein Pommes nach der anderen in die Soße und hatte den Kopf auf eine Hand gestützt.
Annabel wischte sich mit ihrer Serviette über den Mund. „Na schön. Aber bestell dir dann mal was anderes als Margherita.“
„Vielleicht“, lautete Jenns gleichgültige Antwort. „Wann sehen wir uns denn morgen?“
„Ich bin früh zu Hause.“ Annabel wandte sich an mich. „Wie sieht’s bei dir aus, Helena?“
„Ich kann erst ab zwanzig Uhr.“
„Dann also zwanzig Uhr.“ Jenn aß zufrieden ihre Pommes weiter. Ständig wechselte ihre Stimmung schneller, als ein Blitz einschlug.
Einmal hatte ich sie genau dabei beobachten können, wie sie weinte und weinte, als sie mir von einer gescheiterten Beziehung erzählte. Sie hatte fürchterlich geweint und ich hatte ihr den Rücken gestreichelt und genau zugehört, als sie schilderte, dass sie hintergangen wurde und wie sehr ihr Herz gebrochen war. Beinahe hätte ich mitgeweint, so traurig war ihre Geschichte, doch dann erhielt sie einen Anruf. Sie hatte ihn entgegengenommen, mit einem vollgeheulten Taschentuch in der Hand, und als sie erkannte, dass eine ihrer Freundinnen am anderen Ende der Leitung war, fing sie an zu strahlen und zu quietschen, stand auf und lachte bestimmt eine halbe Stunde schrill über etwas, das ich mir nur durch Wortfetzen zusammenreimen konnte. Ihre Traurigkeit war wie verblasst und stattdessen hatte ich alleine auf ihrer Couch gesessen, mit der Geschichte, die sie bei mir ablud. Die halbe Stunde, die sie glücklich telefonierte, dachte ich über die gescheiterte Beziehung nach und versank so sehr darin, dass ich wirklich meine Tränen zurückhalten musste.
Als Jenn irgendwann auflegte, hatte sie mich gefragt, warum ich so traurig aussah. Ich schüttelte den Kopf und sagte, es sei nichts, und realisierte erst am Abend, dass es das erste Mal war, dass ich einer Freundin ins Gesicht gelogen hatte.
Jenn konnte ihre Pommes essen, als sei die Welt in Ordnung, und ich sah ihr gerne und lange dabei zu.
Und tatsächlich setzten wir uns am nächsten Tag, Jenn zuliebe, gesittet in eine Pizzeria. Sie kam kurz nach zwanzig Uhr und erzählte viel von ihrem anstrengenden Tag.
Das Aprilwetter war ausnahmsweise angenehm und als die Nacht drohte, anzubrechen, schlenderten wir noch eine Weile durch die Läden.
In meinen Händen hielt ich nun eine erfolgreich gekaufte Packung Batterien für meinen Wecker. Er gab langsam immer öfter den Geist auf, aber ich konnte mich nicht von ihm trennen.
„Kauf dir doch endlich mal einen Neuen“, Annabel verstand nicht, warum ich diese Uhr so zwanghaft mit neuen Batterien am Leben halten wollte. „Irgendwann klingelt er mal nicht und dann verschläfst du!“
„Ich weiß“, seufzte ich. Trotzdem würde ich ihn nicht wegwerfen. Die Batterien aber verstaute ich unbehagt in meiner Stofftasche, sodass Annabel nicht dauernd darauf starrte.
Der Wecker gehörte einfach dazu. Er passte perfekt in die Wohnung, die zwar nur zwei richtige Zimmer hatte, wenn man das Bad wegließ, dafür aber mein eigenes kleines Paradies war. Sie spiegelte mich in gewisser Weise wider, jeder Gegenstand hatte eine kleine Geschichte und viele Bedeutungen. Die Wände hingen voll mit Bandpostern, Zeichnungen und Lichterketten, auf den Fensterbänken hausten pflegeleichte Zimmerpflanzen und selbst das hellgrüne Geschirr hatte zwar schon einige Tage hinter sich, war aber, genau wie der Wecker, ein wichtiger Teil von mir.
Jeden Abend warf ich zuerst meine Tasche vor dem Bett ab, sendete Annabel und Jenn eine Textnachricht, dass ich gut angekommen war, und legte das Telefon auf das kleine Schränkchen am Fußende des Bettes. An meinem Schreibtisch ließ ich mich dann nieder, atmete lange aus und verharrte einen Moment lang, ohne mich zu bewegen, bevor ich anfing, zu lernen.
Sobald ich müde wurde, ging ich schlafen.
Es war ein so einfacher Tagesablauf, der durch Annabel und Jenn hin und wieder ein wenig Abwechslung bekam.
Die Nächte schlichen noch immer sehr schnell über die Stadt und viele Läden hatten bereits geschlossen. Das war etwas, was Annabel sehr störte; sie meinte, auch nach zwanzig Uhr bräuchte sie manchmal noch etwas Dringendes vom Supermarkt. Ich nickte dann immer nur stumm und zustimmend, Jenn schüttelte dagegen den Kopf.
„Dann geht man eben früher einkaufen“, murmelte sie und fing an zu gähnen. Mittlerweile war es stockdunkel, nur von den noch nicht geschlossenen Läden und den Straßenlaternen wurde unser Weg beleuchtet.
„Passiert bei euch heute noch etwas Spannendes?“, fragte Jenn in die Runde.
Annabel blickte Jenn etwas entgeistert an. „Wieso fragst du das? Jedes Mal hörst du die gleiche Antwort. Mein Berichtsheft schreibt sich leider noch nicht von allein.“
„Es hätte ja sein können, dass etwas Interessantes passiert“, meinte Jenn.
Annabel antwortete nicht, sie atmete nur tief aus und warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. „Wenn du etwas Lustiges erleben willst, Jenn, dann trödel noch ein bisschen rum. Wenn wir die Tram in fünf Minuten verpassen, kannst du dich auf entspannte zwei Stunden auf einer Parkbank einstellen.“
Offensichtlich hatten wir die Zeit vergessen. Langsam, aber sicher näherten wir uns also der Bushaltestelle. Ich überprüfte, wann mein nächster Bus kam, und hatte Glück – in zwölf Minuten. Annabel und Jenn hatten ihre Tram nur ganz knapp erwischt, sie stand nämlich bereits an der Haltestelle. Für eine hektische Umarmung hatte es noch gereicht, dann waren die beiden verschwunden. Ich musste leider genau auf die andere Seite der Stadt.
Alleine wartete ich also und beobachtete Menschen, die mir nicht so ganz geheuer waren. Ich klammerte mich an den Henkel meiner Stofftasche und hielt den Blick fest nach links gerichtet, bis der Bus endlich auftauchte. Ich stieg ein, setzte mich an einen Platz, sah aus dem Fenster, und der Bus fuhr los.
Draußen konnte ich außer Straßenlaternen leider nichts erkennen. Ich sah eher mich selbst in der Spiegelung. Eine Weile lang musterte ich das Gesicht, das mich durch das Fenster anstarrte. Die Buslichter spiegelten sich in den braunen, müden Augen und bei jedem abrupten Ruckler ließ ich meinen Kopf mitschwingen, während der Bus über die holprige Straße fuhr. Meine Haare sahen wuschig aus, deshalb strich ich sie hastig auf beiden Seiten hinters Ohr.
Der Bus war nicht allzu voll und sehr still, die abendliche Stimmung überschattete die Sitzreihen.
Wir verließen die Innenstadt und kurz erkannte ich nicht mehr, wo wir uns befanden. Da der Weg zu den Stadtteilen außerhalb noch nie völlig ausgeleuchtet war, bestand kein Grund zur Sorge.
Dachte ich zumindest. Denn als der Bus eine Weile weiterfuhr und ich mir vollkommen sicher war, dass wir mittlerweile längst in der Nähe meines vertrauten Stadtteils angekommen sein mussten, erkannte ich die Gegend hinter den Busfensterscheiben immer noch nicht. Ich spähte nach vorne, wo normalerweise immer angezeigt wurde, was die nächste Bushaltestelle war, aber die Anzeige war aus. Auch versuchte ich, mich daran zu erinnern, ob ich vielleicht die Busnummer verwechselt hatte, aber es gab keine Zweifel in meinem Gedächtnis, dass ich in die Nummer 513 eingestiegen war. Eine andere Strecke außer der, die ich kannte, fuhr dieser Bus auch nicht.
Kurz hatte ich den Gedanken, den Busfahrer zu fragen, aber ich beschloss lieber, solange weiterzufahren, bis ich wusste, wo ich war, um dann umsteigen zu können.
Ich holte mein Telefon aus der Tasche und textete Annabel und Jenn, ich wollte ihnen diesen seltsamen Vorfall mitteilen. Leider hatte ich überhaupt keinen Empfang und die Nachrichten gingen nicht durch, also packte ich das Handy wieder zurück in die Tasche.
Drei Bushaltestellen später drückte ich auf den Stoppknopf, es hatte keinen Sinn. Ich hatte keinen Schimmer, wo die nächste Bushaltestelle war, also stand ich direkt auf, hängte die Tasche über die Schulter, prüfte noch einmal nach, ob ich alles hatte, und hielt mich an einer Stange direkt vor der Türe fest.
Ich sah nach links und rechts und starrte die Menschen an, die dort saßen. Allesamt sahen komplett unbekümmert aus, so als wäre ich tatsächlich einfach im falschen Bus.
Irgendwann hielt der Bus dann an und mit leichter Verzögerung öffneten sich die Türen.
Eine kalte Brise zischte mir entgegen, sodass es mir schwerfiel, aus dem warmen Bus zu treten. Ich hatte keinen Pullover dabei, denn ursprünglich hatte ich ja damit gerechnet, etwas früher wieder zu Hause zu sein. Jetzt aber musste ich erst mal herausfinden, wo ich gelandet war. Der Boden unter mir war nicht aus Stein, mein Gewicht wurde etwas abgefedert. Es war wie Erde, die über Jahre plattgetreten wurde.
Einige Schritte entfernte ich mich von der Tür, drehte mich um und sah dem abfahrenden Bus hinterher, ich wollte die Nummer noch einmal überprüfen. Dort stand in leuchtend orangenen Zahlen die Nummer 513.
Jetzt war ich verwirrt und kurz hatte ich das Gefühl, das Gleichgewicht zu verlieren. Einen Moment lang wurde mir schwarz vor Augen und ich hielt mich an einer Straßenlaterne fest, die etwas weiter neben mir stand und die ich erst jetzt bemerkte, denn sie leuchtete nicht.
Als ich wieder klar sehen konnte, fiel mir auf, dass nirgends in der Nähe eine Bushaltestelle zu sehen war, noch nicht einmal ein Haltestellenschild. Sofort kramte ich wieder nach meinem Telefon, vielleicht hatte ich jetzt Empfang und konnte jemanden anrufen.
Aber diesmal brach ich wirklich in Panik aus. Ich konnte es nirgends finden. Genauso wenig wie meinen Geldbeutel, meinen Schlüssel sowie das soeben gekaufte Päckchen mit Batterien. Wie hatte ich nicht bemerken können, dass diese Dinge fehlten? Außer ihnen hatte ich nichts dabei, was das Gewicht in meiner Tasche ausmachte. Alles, was ich jetzt noch darin hatte, war ein Kugelschreiber und ein Notizbuch, in das ich alle möglichen Dinge reinschrieb. Das half mir im Moment aber nicht allzu viel.
Ich kniete mich auf den Boden und durchsuchte den Beutel samt meinen Hosentaschen zwei weitere Male, logischerweise ohne Erfolg. Ich fing an zu schwitzen, aber gleichzeitig fror und zitterte ich am ganzen Körper. Ich verstand nichts mehr, kniete am Boden und kam mir vor wie ein Straßenköter, auf allen Vieren auf dem dreckigen Boden und diesem hektischen Blick in den Augen.
Die Straßenlaterne ging an und ließ mich fürchterlich zusammenzucken. Aber selbst das Licht half mir kein bisschen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand.
Außerdem stand ich neben der einzigen Laterne weit und breit, nur mit ganz angestrengt zusammengekniffenen Augen erkannte ich weitere schwache Lichter, völlig verloren in der dunklen Ferne. Das konnte nicht Allburg sein, dachte ich, denn dort wurde darauf geachtet, dass die Laternen einen ganz bestimmten Abstand zueinander hatten, und diese sinnlos weit voneinander weg stehenden Lichter entsprachen mit Sicherheit nicht der legalen Norm.
Die Straße war, wie ich feststellte, nichts weiter als ein breiter Weg und hinter mir befand sich eine riesige Fläche an Wiese. Nachdem ich also mit Sicherheit noch einmal feststellte, dass ich mein Telefon und den Rest meiner Sachen wohl nicht so schnell wiederhaben würde, stand ich auf und fing an zu laufen. Irgendetwas musste ich ja tun. Ich hoffte, irgendwann an einen Ort mit einem mir vertrauten Ortsschild zu gelangen.
Eine Weile lief ich mit einem mulmigen Gefühl, ich war total aufgewühlt und versuchte, Tränen zurückzuhalten. Ich befahl mir, mich zu beherrschen, denn es hatte so oder so keinen Zweck.
Es wurde immer kälter. Eine warme, flauschige Decke in einem gemütlichen Bett schien im Moment die schönste, unnahbare Vorstellung zu sein. Ich sah mein Bett vor mir, sehnte mich danach, es war wie eine Fata Morgana.
Doch so schnell, wie sie erschien, so schnell verschwand sie auch wieder und ich sah die kalte, von gedämpften Straßenlaternen beleuchtete Realität vor mir. War es denn die Realität? Es fühlte sich nicht so an, es war unnormal, es gefiel mir nicht. Ich wollte nur in meine Wohnung, so wie jedes Mal, wenn ich in der Stadt war. Was sollte das hier? Meine Emotionen wendeten sich von einer Sekunde auf die nächste um hundertachtzig Grad. Wütend war ich jetzt, wütend darauf, dass Dinge nicht einfach normal verlaufen konnten.
Meine Beine trugen mich trotz allem immer weiter und weiter, bis ich ein seltsames Geräusch hinter mir vernahm. Es klang wie das Laufen eines Pferdes. Verwirrt drehte ich mich um und wurde langsamer. Tatsächlich konnte ich etwas Leuchtendes auf mich zukommen sehen. Ich wusste nicht recht, ob ich Angst haben sollte. Ich blieb einfach stehen.
Das Getrappel des Pferdes wurde lauter und deutlicher und meine Augen meinten, eine Pferdekutsche zu sehen, was ich ihnen aber nicht glaubte. Dennoch hatten sie Recht. Es war tatsächlich eine altertümliche Pferdekutsche, ein Mann saß darin und hatte eine kleine Lampe in der Hand.
Der Mann brachte die Kutsche zum Stehen, als er neben mir war. Altes Holz und rostiges Metall konnte ich sehen, die Kutsche war wohl schon sehr alt. Natürlich war sie alt, dachte ich dann völlig entrüstet über mich selbst. Schon seit Jahrzehnten fuhren die Menschen in keinen Kutschen mehr.
Das Pferd war ganz still, es gab kaum einen Mucks von sich. Anders als der Fahrer, der nun das Licht näher zu mir streckte, um mich besser erkennen zu können.
„Guten Abend“, sagte er schließlich.
„Hallo“, war alles, was ich nach kurzem Zögern herausbrachte.
„Wo wollen Sie hin? Es ist schon spät.“ Er musterte mich. „Ist Ihnen nicht kalt?“
„Ich habe keine Jacke dabei“, antwortete ich vorsichtig, worauf der Fremde leise lachte. Das irritierte mich ein bisschen.
„Soll ich Sie den restlichen Weg bis zur nächsten Stadt mitnehmen?“
Obwohl er sehr freundlich klang, wollte ich auf keinen Fall mit ihm mitfahren. In einer Kutsche fuhr man nur auf diesen Festivals, auf denen es Popcorn, Zuckerwatte und viele andere Süßigkeiten gab. Nur dort würde ich erwarten, eine Pferdekutsche zu sehen.
Die Männer, die sie fuhren, sahen meistens aus wie in einem alten Film, mit Anzug und Krawatte und einem schicken Hut. Sie lächelten immer freundlich und meistens sah man junge Paare mit ihren kleinen Kindern in diesen Kutschen fahren. Immer sah es so falsch aus, die Mischung aus historisch gekleideten Männern und den übereifrigen Müttern, die ihre Kinder in den bunten Polyesterkleidchen mit der modernsten Digitalkamera fotografierten.
Der Mann vor mir sah aber kein bisschen so aus wie die Männer auf den Festivals. Er trug abgetragene Kleidung; ein beiges Hemd, umhüllt mit einem langen Stoffmantel, auf dem Kopf trug er eine Schiebermütze. Er hatte ein freundliches Gesicht und einen Schnauzer.
Ich sagte lange nichts, also ergriff er wieder das Wort.
„Ich weiß zwar nicht, woher Sie kommen, aber Sie sollten wirklich nicht die Nacht hier draußen verbringen.“
„In welchen Ort fahren Sie?“, ich war noch immer nicht ganz überzeugt.
„Patchville.“
Kurz war ich nicht sicher, ob ich richtig verstanden hatte. „Patchville? Ich habe noch nie davon gehört.“
„Wirklich nicht? Es ist eine sehr schöne kleine Stadt. Sie ist gleich da vorne“, erklärte er und zeigte geradeaus. Ich folgte seinem Blick, aber da war nichts, nur Dunkelheit und ein oder zwei Straßenlaternen in der Ferne.
„Warum fahren Sie mit einer Kutsche?“
Er zog die Augenbrauen zusammen, was ich zuerst als einen Scherz interpretierte. Aber seine Stimme sagte mir, dass es alles andere als ein Scherz war.
„Mit was sollte ich sonst fahren?“ Es war eine rhetorische Frage, weshalb ich nicht mehr darauf antwortete. Entweder log der Mann wie eine Eins oder ich wurde eben im Bus in Wirklichkeit ohnmächtig und all das war nur ein Fiebertraum.
Einen Moment lang schwiegen wir uns an. Ein Schauer durchfuhr mich, ich atmete Nebel aus. Es war wirklich kälter als gedacht.
„Kommen Sie schon, Sie können mir vertrauen.“
Letztendlich, dachte ich, hatte ich keine bessere Wahl. Also ging ich einen Schritt auf die Kutsche zu, um herauszufinden, wie genau ich aufsteigen musste. Es stellte sich als relativ einfach heraus, obwohl ich kurz Angst hatte, von der Radkappe abzurutschen.
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