Glasperlenreihe

Glasperlenreihe

Gina Hofmann


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 292
ISBN: 978-3-99130-180-6
Erscheinungsdatum: 20.10.2022
Große Veränderungen in Tracys Leben - neuer Job, neue Liebe, Schicksalsschläge. Die besondere Gabe des Sehens von Gedanken hilft der jungen Frau. Ein Armband aus Glasperlen führt sie, heilt den Seelenschmerz. Zeit für Ankunft und Neustart.
2 - Der Club

Sie fuhren eine knappe halbe Stunde und hielten vor einem großen Gebäude, dessen Fassade mit kreisenden Scheinwerfern beleuchtet wurde. Automatisch hielt Tracy den Atem an, als sie den riesigen schwarzen Kopf eines Panthers über dem Eingangstor entdeckte: „The Black Panther! Zoe, ist das dein Ernst?“ „Überraschung! Na los, aussteigen und rein ins Vergnügen!“ Schon hatte sie den Wagen verlassen, und Tracy folgte ihr mit klopfendem Herzen. The Black Panther war zurzeit eines der angesagtesten Lokale in New York, wo sich das Who is Who der Stadt traf und dessen Besitzer sich nie in der Öffentlichkeit zeigte. Was die Gerüchteküche natürlich anheizte und dem Club so zu noch mehr Aufmerksamkeit verhalf. Obwohl es erst knapp vor 23 Uhr, und somit relativ früh für einen Clubbesuch war, hatte sich bereits eine lange Menschenschlange vor dem Eingang gebildet, in der Hoffnung, von der strengen Security eingelassen zu werden. Zoe hatte bemerkt, dass Tracy stehen geblieben war, und zupfte sie lachend am Ärmel: „Atmen nicht vergessen, Honey!“ „Sieh dir nur die Massen an, wie sollen wir da reinkommen?“, keuchte Tracy. „Damit!“ Zoe fuchtelte mit einer goldenen Karte vor ihrer Nase herum, und Tracy kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: „Du hast eine goldene Clubkarte vom Black Panther? Mein Gott, Zoe, du steckst voller Geheimnisse!“ „Du hast ja keine Ahnung, Honey!“ Mit diesen Worten schnappte sie die neu gewonnene Freundin bei der Hand und ging mit ihr um die Ecke zum VIP-Eingang, wo sie ein Hüne von einem Mann im schwarzen Anzug in Empfang nahm.
Der Kerl hatte eine Glatze und überragte Zoe sicher um vierzig Zentimeter, aber als er sie erkannte, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus: „Zoe, lang nicht mehr gesehen! Hast heute Verstärkung mitgebracht, hm?“ Seine Augen ruhten auf Tracy, und er winkte sie heran, während Zoe ihm freundschaftlich in den Arm knuffte: „Hi Großer, alles roger bei dir? Du lässt uns doch hoffentlich hinein, ich bürge für meine Freundin!“ Der Hüne ließ ein tiefes Lachen hören und öffnete ihnen die Tür: „Ich werde mir ganz sicher keine Schwierigkeiten einhandeln, indem ich euch in der Kälte stehen lasse. Viel Spaß euch beiden!“ Zoe führte Tracy einen Gang entlang, dessen Wände mit schwarzen Teppichen ausgeschlagen waren und jeden Laut ihrer Schritte verschluckten. Tracys Aufregung wuchs, und sie war doch tatsächlich ein wenig nervös. Am Ende stand so etwas wie eine Empfangsdame an einem Pult, notierte ihre Namen, scannte ihre Kreditkarten ein und nahm ihnen die Mäntel und Handtaschen ab, die sie in zwei Schließfächer packte. Verschlossen wurden diese mit schwarzen Armbändern, die sie anschließend an die beiden Frauen aushändigte. „Damit kannst du bezahlen, die Toiletten und auch das Schließfach öffnen!“, erklärte Zoe und zog Tracy tiefer in das Gebäude.
Die silberne Schiebetür mit dem großen Pantherkopf öffnete sich automatisch, als sie herantraten, und schlagartig befanden sie sich im Herzstück des Etablissements. Der Club war riesig und erstreckte sich über mehrere Etagen, dessen Highlight die riesige Tanzfläche im Erdgeschoss bildete. Grelles Stroboskoplicht glitt über die tanzenden Besucher und ließ ihre Bewegungen wie in Zeitlupe erscheinen. Farblich war der Club ganz in Silber und Schwarz gehalten, silberne Bars, schwarze Böden und Stufen mit eingelassenen Scheinwerfern. Die Geländer der Galerien waren aus Glas und in unregelmäßigen Abständen mit dem Pantherkopf verziert. Die unterste Etage wurde komplett von der Tanzfläche und einer großen, geschwungenen Bar eingenommen, während in den anderen Stockwerken Nischen mit Sitzbänken und kleinen Tischen eingebaut worden waren. Jede Etage verfügte über eine eigene Bar, und das DJ-Pult, inklusive computergesteuerter Lichttechnik, befand sich in einer Lounge im ersten Stock. Die Musik war laut, und Tracy fühlte das Dröhnen der Bässe in ihrem Magen, was ihr allerdings keineswegs unangenehm war. Sie war überwältigt von den vielfältigen Eindrücken und stellte entzückt fest, dass sie sich vollkommen unbewusst in den Farben des Clubs gekleidet hatte.
„Zuerst einmal einen Drink!“, schrie Zoe ihr ins Ohr und führte sie weiter nach hinten ans andere Ende der Bar. Hier war es etwas ruhiger, und man konnte sich auch noch unterhalten, ohne schreien zu müssen. Die Bardame, eine rothaarige Schönheit in Jeans und weißem T-Shirt mit dem obligatorischen Pantherkopf, kam auf sie zu. „Hallo Zoe, Schatz! Das Übliche für dich?“ „Wie immer, danke Sally. Das ist übrigens Tracy.“ Sally reichte ihr über die Bar hinweg die Hand: „Freut mich, Tracy, was darf ich dir bringen?“ „Ein Tequila Sunrise wäre ganz toll, danke.“ Während die Thekenkraft ihre Drinks mixte, wandte sich Tracy Zoe zu: „Jetzt erzähl mal, wie bist du an die goldene Clubkarte gekommen? Und wage es ja nicht, irgendein schmutziges Detail darüber zu verschweigen!“ Da musste Zoe lachen: „Welch verwerfliche Gedanken du doch hast, das gefällt mir. Aber ich muss dich enttäuschen, die Geschichte ist weder spektakulär noch illegal oder so.“ Sally brachte einen Martini und den Tequila Sunrise, scannte ihre Armbänder, und die beiden Frauen prosteten sich zu. „Ein Freund hat mich um Hilfe gebeten, als das EDV-System des Clubs vor einiger Zeit gehackt und alles lahmgelegt wurde.“ Sie nahm einen weiteren Schluck von ihrem Martini und leckte sich genüsslich über die Lippen: „Ich konnte das System wieder in Gang bringen und die IP-Adresse des Hackers ausforschen. Die Karte war ein Dankeschön, das ist alles!“
„Womit sie maßlos untertrieben hat, die gute Zoe hat den Club vor dem Ruin bewahrt, das ist die Wahrheit!“ Erschrocken wandten sich die Frauen der tiefen Stimme zu, die einem großen, schlanken Mann gehörte: „Welch viel zu seltener Glanz in meiner bescheidenen Hütte, wie schön dich zu sehen, Zoe!“ Er trat einen Schritt auf die lächelnde Zoe zu, nahm sie kurz in den Arm und küsste sie auf die Stirn. „Hey du, tut mir leid, dass ich mich so lange nicht mehr habe blicken lassen. Aber dafür hab ich dir jemanden mitgebracht. Das ist Tracy, sie lebt erst seit einigen Monaten in New York, und wir brauchen dringend etwas Ablenkung vom Alltag. Tracy, das ist Mike, seines Zeichens Besitzer dieses Clubs!“ Tracy glaubte nicht richtig zu hören, das wurde ja immer besser. Lächelnd wendete sich Mike ihr zu und ließ seine unglaublich dunklen Augen über sie gleiten. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig, schwarze Haare, maßgeschneiderter schwarzer Anzug, schwarzes Hemd und ein entwaffnendes Lächeln, das augenblicklich ihr Herz flattern ließ.
„Willkommen in meinem Heim, wunderschöne Tracy!“ Er nahm ihre beiden Hände in seine und küsste sie wie selbstverständlich auf beide Wangen. Sein Händedruck war fest, und sie genoss den Duft seines sicherlich sündhaft teuren Aftershaves. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus, die nicht nur vom Cocktail herrührte. „Freut mich, dich kennenzulernen, Mike“, hörte sie sich selbst wie aus weiter Ferne sagen. Er hielt ihre Hände immer noch, als er sie nach ihren Wünschen für diese Nacht fragte. Zoe antwortete mit einem schelmischen Grinsen: „Tanzen, trinken und das Leben feiern, falls du sie irgendwann wieder loslässt, mein Guter!“ Mike ließ ein tiefes, aber warmherziges Lachen hören: „Das tue ich wirklich nur ungern, doch ihr sollt bekommen, was ihr euch wünscht. Sally, die Drinks der Ladys gehen heute aufs Haus, lass ihre Gläser nicht leer werden!“ Damit machte er kehrt und mischte sich mit geschmeidigen, ja beinahe katzenhaften Bewegungen unter seine Gäste. „Wow, jetzt weiß ich auch, warum der Club The Black Panther heißt, was für ein Typ!“, seufzte Tracy und kippte den Rest ihres Drinks hinunter. „Ja, sein Name ist hier Programm, und unser wilder Kater hat mehr als ein Auge auf dich geworfen, meine Liebe!“ „Habe ich kein Problem damit, man muss nehmen, was man kriegt, und es genießen!“ Lachend winkte Zoe nach der zweiten Runde Drinks: „Bin ganz deiner Meinung, wir beide haben offenbar mehr gemeinsam, als ich dachte. Cheers, Honey!“
Während die beiden Frauen ihre Köpfe zusammensteckten, war Mike beim DJ angekommen, gab einige Anweisungen und setzte sich danach im zweiten Stock an die Bar, von wo aus er die Tanzfläche besonders gut beobachten konnte. Mittlerweile war die maximale Anzahl von Gästen im Club und die Stimmung aufgeheizt und elektrisierend. Die Musikrichtung wechselte vom harten Techno Beat zu mehr tanzbarer House Music, und Zoe rief entrückt: „Der gute Mike hält, was er verspricht, höchste Zeit zum Tanzen, Tracy!“ Damit zog sie ihre Freundin hinter sich her mitten auf die bereits überfüllte Tanzfläche und begann sich im Takt der Musik wirklich sehr gekonnt zu bewegen. Schon etwas angeheitert vom Alkohol tat es ihr Tracy gleich, und die beiden steigerten sich in eine Art Tanzduell, dem sich andere Gäste begeistert anschlossen. Bald standen sich zwei Gruppen gegenüber und versuchten sich mit ausgefallenen Tanzschritten zu überbieten, die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt. Ein junger Mann schnappte sich Tracy und wirbelte sie lachend über die Tanzfläche, als Zoe voller Freude einem bereits graumeliertem Mann um den Hals fiel, der sie hochhob und küsste. Die beiden verschwanden eng umschlungen an die Bar, während Tracy sich gerne noch länger den Armen dieses überaus guten Tänzers überließ.
Unbekümmert fegte sie über die Tanzfläche, nichts ahnend, dass zwei dunkle Augen jede ihrer Bewegungen verfolgten. Es dauerte nicht allzu lange, bis Zoe ihr auf die Schulter tippte: „Stört es dich, wenn ich jetzt abhaue, wir möchten gerne ein bisschen Spaß haben.“ Dabei deutete sie auf den graumelierten Mann, der am Rand der Tanzfläche auf sie wartete. „Kein Problem, ich komme zurecht, genießt es nur, ihr beide.“ Zoe hauchte ihr einen Kuss auf die Wange: „Danke, Honey, gleichfalls, du wirst nicht lange alleine bleiben, glaube mir!“ Bevor Tracy etwas erwidern konnte, war Zoe auch schon auf und davon. Also stürzte sie sich wieder in die Menge und legte so richtig los, bis die Musik abermals wechselte und langsamere Töne aus den Lautsprechern dröhnten, ausgerechnet ein Lieblingslied von Eileen.
Übermannt von den Erinnerungen an die letzten Tage, floh Tracy beinahe von der Tanzfläche und rannte direkt in Mikes Arme, der nun an der unteren Bar auf sie wartete. „Hey, nicht so stürmisch, meine Liebe!“ Er hielt ihr einen Drink und ein Sodawasser hin: „Lieber das Wasser, ich bin fast am Verdursten, danke.“ Seine dunklen Augen musterten sie aufmerksam: „Du tanzt und du lachst, aber in deinen Augen liegt eine tiefe Traurigkeit. Was kann ich tun, um dir diese Wehmut zu nehmen?“ Seine Worte berührten ihr Herz, fast war es ihr, als könne er in ihre Seele blicken. Er legte seinen Arm um sie, und sie schmiegte sich dankbar an ihn, genoss seine Nähe und merkte, wie sich ihr Puls beschleunigte. Langsam wanderte seine Hand tiefer, bis sie sanft auf ihrem Po liegen blieb, und bevor sie richtig darüber nachdachte, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Schenk mir eine Stunde deiner wertvollen Zeit!“ „Um was zu tun, Tracy?“ „Um mich zärtlich und auch leidenschaftlich zu lieben, bis ich alles um mich herum vergessen kann!“ Er drückte sie fester an sich und biss ihr flüsternd ins Ohrläppchen: „Ich denke, das ist ein guter Plan. Komm!“
Mike führte sie die Treppe hinauf bis in den zweiten Stock, wo sich am Ende des Ganges eine kaum sichtbare Aufzugtür verbarg, die er mit einer Keycard öffnete und sie hineinschob. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, zog er sie heran und küsste sie leidenschaftlich, aber keineswegs drängend. Tracy seufzte wohlig, legte ihre Arme um seinen Hals und vergrub ihre Finger in seinen Haaren. Mit einem Handgriff öffnete er den Knopf von ihrem Neckholder, und als Tracy vor ihm aus dem Lift trat, ließ sie das Kleid einfach zu Boden gleiten. Sie hatte keinen Blick für die exklusive Wohnung mit den teuren Designermöbeln, sondern spürte nur die sanften Berührungen seiner Hände auf ihrem Körper, als er hinter sie trat. „Wie ich vorhin schon sagte, du bist wunderschön, Tracy!“ Seine Stimme wirkte jetzt heißer, und sie konnte seine Erregung fühlen, als sie sich umdrehte und ihm sein Sakko von den Schultern streifte: „Und du, Mike, hast eindeutig zu viel an!“ Quälend langsam öffnete sie einen Knopf seines Hemdes nach dem anderen, während Mike sie Schritt für Schritt Richtung Schlafzimmer drängte.
Tracy genoss die prickelnden Bläschen des Champagners auf ihrem Gaumen für einen Moment, bevor sie ihn ihre Kehle hinablaufen ließ. Gemeinsam mit Mike lag sie in seinem Whirlpool in einem Badezimmer, in das mit Sicherheit ihre halbe Wohnung passen würde. Aus einer Stunde waren zwei geworden, und sie fühlte sich richtig gut und befreit. Mike musterte sie mit einem Schmunzeln über den Rand seines Wodkaglases hinweg: „Deinen strahlenden blauen Augen nach zu urteilen, habe ich meine Mission wohl erfüllt.“ „Nur nicht überheblich werden, aber ja, du machst dich ziemlich gut als verruchter Missionar!“ Wieder ertönte sein tiefes, etwas gefährlich wirkendes Lachen, das vom Summen seines Handys unterbrochen wurde. Kurz lauschte er, nachdem er abgehoben hatte: „Ist in Ordnung, ich bin in zehn Minuten unten, bring ihnen inzwischen eine Flasche von unserem besten Champagner.“ Mit einem Schluck kippte er den restlichen Inhalt seines Glases hinunter: „Sorry, meine Liebe, aber die Pflicht ruft. Bleib ruhig noch, und genieße das Bad, solange du willst.“ Erstaunt hob Tracy ihre Augenbrauen und beobachtete ihn, wie er aus der Wanne stieg und sich abtrocknete: „Ist das nicht ein wenig unvorsichtig, eine fremde Frau einfach so alleine in deiner Wohnung zu lassen?“ Wieder schenkte er ihr dieses entwaffnende Lächeln: „Nun, ich würde dich nach den letzten beiden Stunden nicht mehr als fremd bezeichnen, hübsche Tracy. Aber falls es dich beruhigt, ich verfüge über ein äußerst ausgeklügeltes Überwachungssystem, das sich automatisch aktiviert, sobald ich die Wohnung verlasse.“ „Lass mich raten, Zoes Werk?“ Er kämmte sich die Haare: „Genauso ist es!“, und verließ mit federnden Schritten das Badezimmer, was Tracy einen Blick auf sein ansehnliches Hinterteil gewährte. Schade, sie hätte locker zwei weitere Stunden durchgehalten, man kann eben nicht alles haben.
Nach einigen Minuten kam Mike, bereits wieder im Anzug, noch einmal zurück und legte eine der goldenen Clubkarten auf den Waschtisch aus schwarzem Marmor: „Die ist für dich, ich habe sie auch schon personalisiert.“ Ein nicht so schöner Gedanke, von Bezahlung für geleistete Dienste, kam Tracy in den Sinn. Und wieder war es, als könne er in ihre Seele blicken: „Betrachte sie als Einladung, denn ich denke, wir sollten das bei Gelegenheit wiederholen, meine Liebe!“ Damit beugte er sich zu ihr hinunter und schenkte ihr einen zärtlichen Kuss zum Abschied. „Ja, vielleicht sollten wir das, Black Panther!“ Er zwinkerte ihr lächelnd zu und ging davon. Lange hielt es Tracy nicht mehr im Whirlpool, alleine war der Spaßfaktor ziemlich niedrig. Nachdem sie trocken war, suchte sie ihre Klamotten zusammen, zog sich an und streifte mit der Clubkarte in der Hand neugierig durch die Wohnung. Sie war sich sicher, dass Mike sie beobachtete, konnte seine Blicke beinahe spüren, und doch entdeckte sie nicht eine Kamera. Als sie an seinem Schreibtisch vorüberging, fiel ihr eine Webcam am Computermonitor ins Auge. Auch wenn diese ausgeschaltet schien, so, wie sie Zoe kannte, gehörte dieses kleine Ding ganz sicher zur Überwachungsanlage. Sie trat einen Schritt zurück, beugte sich etwas hinunter, versenkte demonstrativ die goldene Karte in ihrem Dekolletee und leckte sich lächelnd über ihre Lippen, ihr spezieller Abschiedsgruß. Tracy sollte recht behalten, als sie sich dem Computer näherte, erwachte das Display von Mikes Handy zum Leben, und Tracys Darbietung entlockte ihm ein kurzes Lachen, was irritierte Blicke seiner Gesprächspartner zur Folge hatte.
Gut gelaunt verließ Tracy den Club, Mike hatte sie nirgends mehr entdecken können, und auch die Empfangsdame war bereits weg. Sie öffnete das Schließfach, schlüpfte in ihren Mantel und trat hinaus in die kalte Nacht. Der Hüne verrichtete immer noch seinen Dienst und winkte ihr ein Taxi herbei: „Gute Nacht, Tracy, komm gut nach Hause.“ Aha, Mike hatte seine Mitarbeiter also schon über ihren besonderen Status informiert, ein Geschäftsmann durch und durch, das musste man ihm lassen. Was für eine Nacht, sie würde ihr lange im Gedächtnis bleiben.



3 - Nachtschicht

Ausgeschlafen und äußerst gut gelaunt, telefonierte Tracy mit Eileen und erzählte ihr von der letzten Nacht, wobei sie nicht allzu viele Details für sich behielt. „Ich bin mir sicher, er trägt Kontaktlinsen, kein Mensch kann von Natur aus so dunkle Augen haben. Außerdem sind seine Haare gefärbt, eigentlich ist er blond.“ „Du liebe Güte, Tracy, du hast aber auch ein Talent, an die außergewöhnlichsten Männer zu geraten. Hört sich für mich so an, als würde er seine wahre Identität verschleiern, bestimmt ist Mike gar nicht sein richtiger Name.“ „Dem stimme ich zu, macht aber nichts, solange der Sex gut ist.“ Ein fröhliches Lachen war Eileens typische Reaktion auf ihre Offenheit, und es tat so gut, sie endlich wieder befreit lachen zu hören. „Also wird es eine Fortsetzung mit dem geheimnisvollen Typen geben, oder vielleicht sogar mehr?“ „Nach mehr steht mir momentan nicht der Sinn, aber die goldene Karte wird ihrer Bestimmung gerecht werden, denke ich. Was ist mit dir, wirst du endlich meinen Rat beherzigen und dein Schneckenhaus verlassen?“ Eileen ließ ein demonstratives Stöhnen hören: „Ja, du Nervensäge! Jason holt mich später ab, und wir gehen ins Kino.“ „Das ist toll, dann könnt ihr ja nachher ins Happy Place kommen, Mina macht heute ihre berühmte Lachs-Spinat-Lasagne.“ „Na, ich weiß nicht, so viele Menschen, du weißt schon.“
Seit der Berichterstattung über das Geiseldrama und einer Pressekonferenz Eileens kannten die Menschen ihr Gesicht, und sie wurde des Öfteren in der Öffentlichkeit angesprochen. Was dazu führte, dass sie sich immer mehr zurückzog, und dem musste, Tracys Meinung nach, eine Ende gemacht werden. „Aber Süße, du weißt doch, solange ich Nachtschicht im Diner habe, wird dich bestimmt niemand belästigen!“ Jetzt musste Eileen wieder lachen: „Oh ja, ich zweifle nicht im Geringsten daran, wenn ich an den armen Reporter im Krankenhaus denke.“ „Armen Reporter!“, äffte Tracy ihre Freundin nach: „Diese Schmeißfliege hat bekommen, was sie verdient hat!“ Tracy hatte den Journalisten entdeckt, als er sich in Eileens Krankenzimmer schwindeln wollte, und ihn ordentlich vermöbelt. Heute noch kochte die Wut in ihr hoch, wenn sie daran zurückdachte. „Tracy, der Typ war mit blauen Flecken übersät, du kannst von Glück reden, dass er dich nicht wegen Körperverletzung angezeigt hat!“ Das Vibrieren ihres Handys zeigte Tracy einen eingehenden Anruf an: „Wie auch immer, ich muss Schluss machen, Zoe ruft an. Wir sehen uns dann später im Diner, hab dich lieb, Süße!“
Noch bevor Eileen etwas erwidern konnte, legte sie auf und war mit Zoe verbunden: „Hi, Zoe, ausgeschlafen und befriedigt?“ Zoes Lachen perlte wie klares Wasser durchs Telefon: „Kann ich beides mit ja beantworten, und bei dir, wie siehts aus an der Mike-Front, hat er all deine Wünsche erfüllt?“ „Hat er eindeutig und vielleicht noch ein bisschen mehr.“ „Das war zu erwarten, er ist kein Mann, der sich mit halben Sachen zufriedengibt. Freut mich, dass es mit euch beiden geklappt hat.“ „Und wer hat dich heute Nacht glücklich gemacht, Zoe?“ „Oh, das war Sebastian, mein ‚switch on, switch off lover‘. Er lebt nicht in New York, kommt nur ab und zu geschäftlich her, und diese Gelegenheiten nutzen wir möglichst effektiv aus. Das gestern war reines Glück, er war überraschend herbeordert worden, und als er mich am Handy nicht erreichen konnte, suchte er im Club nach mir.“ Tracy wagte einen Blick auf die Uhr: „Darüber darfst du mir bei einem Essen mehr erzählen, meine Liebe. Aber jetzt muss ich los, hab heute Nachtschicht im Happy Place, und Mina kann Unpünktlichkeit nicht leiden.“ Die beiden verabschiedeten sich, Tracy schlüpfte in Jeans und T-Shirt, schnappte sich ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zur U-Bahn.
5 Sterne
Tracy ist eine Frau die ihr Leben lebt - 24.11.2022
Cencic Herta

in allen Belangen. Auch dieser Buch ist fesselnd, man taucht in diese Geschichte ein und will es nicht aus den Händen geben. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil dieser Serie, kann diese Schriftstellerin und ihre Werke nur weiter empfählen.

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