Glasperlenreihe

Glasperlenreihe

Gina Hofmann


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 240
ISBN: 978-3-99130-116-5
Erscheinungsdatum: 30.05.2022
Eileen ist nicht wie andere Menschen. Sie hat eine besondere Gabe von ihrer Großmutter geerbt, die von früh auf ihr Leben bestimmt. Doch erst im Erwachsenenalter zeigt sich, welche Kräfte wirklich in ihr stecken und wie sie ihr Leben verändern werden …
1 - Eileen

Lachend lief Eileen mit einem Eichhörnchen barfuß über die Blumenwiese um die Wette. Das zierliche Tierchen war flink und gewitzt, versuchte sie Haken schlagend und immer wieder auf Bäume kletternd abzuhängen. Doch Eileen folgte ihm lachend und genoss den warmen Boden unter ihren Füßen, den lauen Wind, der sanft über ihren Körper strich, und das lebhafte Zwitschern der Vögel. Mit jedem Schritt tankte sie Energie und Wohlbefinden, sie war glücklich. Doch irgendetwas störte plötzlich die Idylle. Ein tiefes Brummen, das kam und ging. Immer lauter wurde es und langsam aber sicher verschwanden der blaue Himmel, das grüne Gras und ihr kleiner, tierischer Freund.
Eileen drehte sich im Bett um und griff tastend nach ihrem Handy, das auf dem Nachttisch sehr vehement und unnachgiebig vibrierte. Nach einigen Versuchen gelang es ihr, das Teufelsding zu besänftigen. Verwirrt öffnete sie die Augen, alles war dunkel und sie wusste nicht, wo sie sich befand, welcher Tag und welche Uhrzeit waren. Langsam klärte sich ihr Verstand, Havanna, ja, sie war in Havanna in einem Hotel und es war höchste Zeit, aufzustehen und den Tag zu begrüßen. Sie schwang die Beine aus dem Bett und zog die Vorhänge auf. Gerade konnte man das erste Morgengrauen wahrnehmen. Schnell ging sie auf die Toilette und zog sich ihre Laufklamotten an. Es gab nichts Schöneres für sie, als bei Sonnenaufgang zu joggen. Sie war schon in sehr vielen Städten dieser Erde gelaufen, das brachte ihr Beruf als Flugbegleiterin so mit sich und es gehörte zu ihrem Ritual, noch eine Stunde früher als nötig aufzustehen, um ihrem Hobby zu frönen.
Auch an diesem Tag war das nicht anders. Kurz darauf verließ sie das Hotel und machte sich auf den Weg zur Uferpromenade, wo sie eine halbe Stunde laufen wollte. Langsam erhob sich die Sonne über dem Meer. Mit einem unglaublichen Farbspektakel schob sie sich Zentimeter für Zentimeter in den Himmel. Was für ein erhebendes und unbegreiflich schönes Naturschauspiel. Tief in ihrem Inneren konnte Eileen die ungeheure Energie spüren, die von der Sonne ausging. Sie nahm sie auf und fühlte, wie sie in jede ihrer Zellen eindrang, sie belebte und ihr gesamtes Sein einnahm. Dieses Gefühl war unbeschreiblich und begleitete sie den ganzen Tag lang, egal wie schwierig der Job war oder was ihr sonst noch in die Quere kam. Ihre Kollegen nannten sie deswegen liebevoll „Sonnenscheinchen“ und damit konnte sie hervorragend leben.
Wieder zurück im Hotel ging sie unter die Dusche, zog sich ihre Uniform an und packte schnell ihren Koffer, aus dem sie sicher die Hälfte des Jahres lebte. Sie liebte ihren Beruf, den sie nun schon seit vier Jahren ausübte. Mit Menschen zu arbeiten, sie zu umsorgen, zu beruhigen und mit allen Kulturen dieser Welt Kontakt zu haben, erfüllte sie mit Freude. Eigentlich hatte sie nach dem College ein Medizinstudium begonnen, doch bald festgestellt, dass dies nicht ihr Weg ist. Es hatte sich einfach nicht richtig angefühlt, und Eileen traf alle ihre Entscheidungen nach ihrem Bauchgefühl. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Also hatte sie das Studium nach zwei Semestern beendet, aber eine Sanitäterausbildung abgeschlossen und anschließend für einige Zeit in einem Pflegeheim gejobbt. Die Bewohner hatten sie sehr schnell ins Herz geschlossen und eines Tages hatte ein äußerst liebenswürdiger Herr zu ihr gesagt: „Meine Liebe, so ein junges, hübsches Ding wie Sie sollte nicht den ganzen Tag mit alten, nörgelnden Menschen zu tun haben. Sie gehören hinaus in die weite Welt. Ich finde Sie sehen aus wie eine Stewardess oder wie das heutzutage heißt.“
Tja, und diese Idee hatte sie nicht mehr losgelassen. Wie immer, wenn es etwas Wichtiges zu entscheiden gab, hatte sie einen langen Spaziergang in ihrem Lieblingspark gemacht. Barfuß, denn sie wollte, nein, sie musste einfach das Gras unter ihren Fußsohlen spüren. Eileen hatte ihre Umwelt immer schon anders wahrgenommen als ihre Mitmenschen. Für sie war es wichtig, alles zu erfühlen, Blumen, Erde, Tiere, Bäume und alles, was ihr unterkam. Durch dieses „Fühlen“ konnte Eileen ihre Umgebung verstehen, fast so, als spreche die Natur mit ihr. Sie konnte Stimmungen von Pflanzen, Tieren und Menschen wahrnehmen, Energien aufsaugen, aber auch verteilen. Was sie in der Schule eher zu einer Außenseiterin gemacht hatte. Nur wenige hatten mit ihrer Art umgehen können. Von den meisten wurde sie für einen Freak gehalten, ähnlich wie Doktor Doolittle.
Auch ihren Eltern hatte es große Probleme bereitet, ihre Tochter so zu akzeptieren, besonders ihrer Mutter. Das hatte ihr sehr weh getan und doch spürte sie die Hilflosigkeit ihrer Mum, sobald sie diese berührte, was den Schmerz etwas linderte. Anders waren die Dinge hingegen bei ihren Großmüttern gelegen. Die hatten etwas Besonderes in ihr gesehen, vor allem Grandma Cathleen, ihre Oma mütterlicherseits. Von ihr hatte Eileen auch teilweise ihr Aussehen geerbt. Eine schlanke Figur, grüne, sehr ausdrucksstarke Augen und hohe Wangenknochen, nur die roten Haare hatten sich nicht ganz durchgesetzt, ihre waren rotbraun. Ja, sie konnte ihre irische Abstammung nicht verbergen. Großmutter Cathleen hatte dieselbe Begabung besessen, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. Sie war Eileens Fels in der Brandung gewesen, hatte ihr geholfen ihre Einzigartigkeit zu verstehen, sie wegen ihrer Einsamkeit getröstet und sie motiviert ihre Kräfte zu erforschen und positiv zu nutzen. Grandma Mary war im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern aus Österreich geflohen, nachdem Hitler das Land besetzt hatte. Sie war die Güte in Person gewesen und hatte nach dem Leitsatz „Probleme sind da, um gelöst zu werden!“ gelebt.
Nachdem beide Frauen ihre Ehemänner früh verloren, sich ausgezeichnet verstanden und ergänzt hatten, bildeten sie eine Wohngemeinschaft. Gemeinsam hatten sie es sich zur Aufgabe gemacht, Eileen unter ihre Fittiche zu nehmen und ihr ein Zuhause zu geben, in dem sie sich geliebt und geborgen gefühlt hatte. Das war ihren Eltern, die beide als Archäologen oft Monate lang im Ausland arbeiteten, sehr entgegengekommen. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Bei ihren Großmüttern war Eileen sehr behütet aufgewachsen und zu einer starken, selbstständigen, jungen Frau geworden. Dank Grandma Cathleen hatte sie gelernt, sich ihren Mitmenschen gegenüber zu öffnen und positive Energien fließen zu lassen, ohne ihre besonderen Fähigkeiten preiszugeben. Seither klappte die zwischenmenschliche Interaktion gut. Sie hatte es geschafft, Freunde zu gewinnen, und die Liebe kennen gelernt, wenn sich auch noch keine langfristige Beziehung ergeben hatte.
Tief in ihre Gedanken versunken war Eileen durch den Park geschlendert und hatte sich eine Entscheidungshilfe für den nächsten Schritt in ihrem Leben gewünscht. Ein jäher Schmerz in ihrem rechten Fuß hatte sie ausgebremst: „Au, verdammt, was soll das denn?“ Da war sie doch tatsächlich gegen einen Zeitungsständer gerannt. Sie hatte sich gebückt, um den Schaden zu begutachten, und sich selbst ein blindes Huhn gescholten. Mitten in der Bewegung war ihr Blick auf der Zeitung hängen geblieben und sie hatte beschlossen, ein Exemplar zu erstehen. Als sie das gute Stück vom Ständer genommen hatte, war ihr die Zahl 32 durch den Kopf gegangen und sie hatte ihrem Instinkt folgend diese Seite aufgeschlagen. Ihre Finger hatten zu kribbeln begonnen und das Herz hatte ihr bis zum Hals geschlagen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass gerade jetzt etwas Besonders vor sich ging. Sie war bei den Inseraten gelandet. Schnell hatten ihre Augen die Seite überflogen und die Anzeige einer Fluggesellschaft gefunden, die dringend Personal jeglicher Art suchte. Wie immer, wenn das Schicksal für sie die Weichen stellte, waren ihre Knie ganz weich geworden und nach einigen tiefen Atemzügen war die Entscheidung gefallen, sie würde sich dort bewerben und sehen, was es bringt.
Sie hatte eine der Stellen bekommen und nun war sie hier in Havanna auf dem Weg in den Frühstücksraum, wo sie ihre Kollegen größtenteils schon erwarteten. Tracy, eine blondes, quirliges Persönchen und mittlerweile eine gute Freundin, winkte ihr zu und deutete auf einen Tisch, den sie wohl reserviert hatte. Sie war eine der wenigen Menschen, die von Eileens Gabe wussten und gut damit umgehen konnte. „Guten Morgen, Sonnenscheinchen“, eilte sie auf Eileen zu und umarmte sie stürmisch. Dann schaute sie ihr tief in die Augen, schob sie ein Stück von sich weg und sagte theatralisch: „Du meine Güte, falls das überhaupt noch möglich ist, dann strahlst du heute noch mehr als sonst. Hattest wohl eine aufregende Nacht!“ Verschwörerisch blinzelte sie ihrer Freundin zu. Eileen stieß ihr spielerisch den Ellbogen gegen die Rippen: „Ich heiße ja nicht Tracy und werfe mich jedem Kerl an den Hals, der mich nett anlächelt.“ Das brachte ihr nur ein Schulterzucken von Tracy ein, die sich gerade einen Teller schnappte und auf das Frühstücksbuffet zustürmte: „Selber schuld, du weißt ja nicht, was du da versäumst. Nun sag schon, was ist denn los?“ „Weiß nicht genau, es kommt mir so vor, als ob das heute ein besonderer Tag wird.“ – „Ein besonderer Tag, wie heute lerne ich den Mann meines Leben kennen oder heute gewinne ich im Lotto?“ Eileen wollte etwas entgegnen, aber Tracy kam ihr zuvor: „Ist ja auch egal, komm, los, Essen fassen, die Zeit drängt und ich hab mächtig Kohldampf.“ Eileen schmunzelte vor sich hin, sie liebte diesen etwas chaotischen Zug an ihrer Freundin.
Kurz danach versammelte sich die Crew vor dem Hotel, wo bereits ein Flughafentaxi auf sie wartete. Allerdings waren sie noch nicht vollständig: „Wo ist denn Frank, der Pilot der Stunde?“, wollte Eileen wissen. „Du kennst ihn doch, einen schlimmeren Morgenmuffel als ihn gibt es nicht“, gab Tracy zurück. In dem Augenblick kam er aus dem Hotel geschlendert, als koste ihn jeder Schritt seine letzten Kräfte. Einen Coffee-to-go in der Hand, die Sonnenbrille auf und mit nach unten hängenden Mundwinkeln stieg er in das Auto und ließ sich neben Eileen in den Sitz fallen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz unter den Kollegen, Frank morgens niemals anzusprechen, wenn es nicht von äußerster Wichtigkeit war. Seine darauf folgenden Schimpftiraden waren berüchtigt und wer ihn nicht besser kannte, hätte wohl das Weite gesucht. Ebenso wurde ihm im Auto immer der Platz neben Eileen freigehalten, die in auf ihre ganz besondere Weise fit für den Arbeitstag machte. Also startete der Wagen und machte sich durch den irrwitzigen Verkehr in Havanna auf den Weg zum Flughafen. Was gut und gerne eine Stunde oder mehr dauern konnte und sie deswegen noch früher los mussten. Frank zog seine Kappe über die Augen und brummte: „Weckt mich, wenn wir beim Flughafen ankommen.“ Alle Augen richteten sich auf Eileen und sie reckte zwinkernd den Daumen hoch, was allen Anwesenden ein Schmunzeln entlockte.
Bald konnte Eileen Franks gleichmäßige Atemzüge vernehmen und sie passte sich seiner Atmung an. Sie öffnete all ihre Kanäle, sammelte Energien und bündelte sie. Als der Flughafen in Sichtweite war, legte sie ihre Fingerspitzen auf Franks linke Hand und ließ die Energien fließen. Sanfte Vibrationen glitten durch ihren Körper, fanden ihren Weg über ihren Arm und ihre Finger auf seine Haut. So konnte sie Kontakt mit seinem Körper aufnehmen und ein Seufzen seinerseits zeigte ihr, dass sie zu ihm durchgedrungen war. Seine tiefe Entspannung sprang auf sie über und sie begegnete ihr mit Freude. Langsam steigerte sie ihre und damit auch Franks Herzfrequenz und sendete ihm positive Energien. Sie dachte an den wunderschönen Sonnenaufgang, spürte förmlich, wie ihre Beine beim Joggen über den Asphalt flogen, ihr Herz gegen den Brustkorb hämmerte und das Gefühl von unbändiger Freiheit. Ihre Behandlung zeigte Wirkung. Frank begann sich zu regen, gähnte herzhaft, schob seine Kappe höher und blinzelte mit wachen Augen in die Runde, genau als der Wagen vor dem Flughafen stehen blieb. Eileen nahm ihre Finger von seiner Hand und atmete tief durch. Es kostete sie Kraft, mit anderen Menschen oder auch Tieren direkt in Kontakt zu treten. Dank ihres langen, intensiven Trainings mit Grandma Cathleen, inklusive so manchen „Unfällen“, hatte sie gelernt ihre Defizite wieder zu kompensieren. Durch gezielte Atemtechnik, ähnlich autogenem Training, gelang es ihr, sich sehr schnell wieder zu regenerieren, sofern sie es nicht ausufern ließ. Frank sah sie von der Seite lächelnd an, drückte ihr, wie jedes Mal, einen sanften Kuss auf die Wange und sagte: „Danke, Sonnenscheinchen. Nun denn, meine Lieben, lasst uns den Vogel in die Luft bringen!“ – „Und ihn der Sonne entgegenfliegen!“, antworteten alle lachend. Es war ihr Schlachtruf, wenn sie in dieser Konstellation miteinander flogen.


2 - Der Flug

An diesem Tag flogen sie von Havanna zurück nach Charlotte, North Carolina, ihrem Heimatflughafen. Tracy war diesmal in der First Class eingeteilt und Eileen in der Economy Class. Das machte ihr nichts aus, für sie waren alle Passagiere gleich. Es gab welche mit Flugangst, ständig nörgelnde, denen man nichts recht machen konnte, und freundliche, problemlose, mit denen man gerne länger Gelegenheit hätte zu plaudern, quengelnde Kinder mit überforderten, der Verzweiflung nahen Eltern, widerspenstige Teenager und noch viele andere. Der Kontostand spielte dabei keine Rolle. Im Gegenteil, Passagiere der First Class waren des Öfteren noch viel anstrengender, sie bezahlten viel und erwarteten einen dementsprechenden Service. Geduld war für die Meisten ein Fremdwort. Aber Tracy konnte gut mit ihnen umgehen und nahm so einiges in Kauf, glaubte sie doch fest daran, hier einmal ihrem Märchenprinzen zu begegnen.
Alles lief routinemäßig, das Boarding mit anschließender, mehr oder weniger erfolgreicher, Sitzplatzsuche und den damit verbundenen Querelen hatten sie heute gut überstanden. Das Handgepäck war verstaut, die Passagiere angeschnallt und die Startbahn vom Tower freigegeben worden. Das Flugzeug beschleunigte und erhob sich elegant gen Himmel. Für Eileen war es immer noch ein erhebendes Gefühl, der Schwerkraft zu trotzen und die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. Als sie ihre Flughöhe erreicht hatten, begann sie mit ihren Kollegen, die Passagiere mit Getränken zu versorgen, tröstete im Vorbeigehen Babys, beschenkte Kinder mit Malsets und aufblasbaren Flugzeugen und hatte für jeden Fluggast ein Lächeln übrig. Sie war in ihrem Element und diese gute Laune übertrug sich auf so manchen Gast. Gerade schob sie den Servierwagen zurück zur Bordküche, als Tracy, sich durch den Gang kämpfend, auf sie zukam. Ihr Gesicht wies hektische rote Flecken auf und Eileen konnte ihre Hauptschlagader am Hals pochen sehen, kurzum, sie war knapp vor dem Explodieren.
Eileen zog ihre Augenbrauen hoch, während sie ihrer Freundin zusah, wie sie ihr entgegenpreschte: „Das ist nicht gut, nein, gar nicht gut!“, dachte sie sich. „Was ist …“, weiter kam Eileen nicht. Tracy packte sie am Arm und flehte förmlich: „Eileen, du musst mitkommen. Irgend so ein Spaßvogel hat sich doch tatsächlich eine Zigarre in der First Class angezündet! Da vorne ist die Hölle los, die feinen Damen kreischen hysterisch herum und die Männer wollen ihm eine verpassen. Ehrlich, ich habe Angst, sie lynchen ihn noch. Alles Zureden hilft nichts, er lächelt nur leise vor sich hin und genießt dieses Luft verpestende Teufelszeug auch noch. Der hat doch nicht alle Tassen im Schrank.“ Damit schleifte sie ihre Freundin auch schon hinter sich her, bevor diese noch irgendwie reagieren konnte. „Du bist die Einzige, die das in den Griff bekommt, Zeit für dein Voodoo-Dings!“ So bezeichnete Tracy Eileens besondere Art, mit Anderen umzugehen. Mit einem Augenaufschlag, der jeden Dackel neidisch machen könnte, blickte sie Eileen an und zog sie weiter mit sich. „Na gut, ich sehe mal, was ich tun kann“, gab Eileen gepresst von sich, es blieb ihr ja auch gar nichts anderes übrig.
Als sie beim Durchgang zur First Class ankamen, konnte sie schon die lautstarke Diskussion wahrnehmen, die dort in Gange war. Die Stimmung war sichtlich aufgeladen, Aggressionen und zum Zerreißen gespannte Nerven sprangen Eileen förmlich an. Sie seufzte laut, sprach sich in Gedanken selbst Mut zu und betrat die Höhle des Löwen. Tracy klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter. „Du machst das schon, ich bin direkt hinter dir!“ Eileen schenkte ihr einen vernichtenden Blick und schritt entschlossen auf den Übeltäter zu. Steven, einer ihrer Kollegen, stand gestikulierend vor ihm und versuchte den Mann wohl schon zum wiederholten Male zur Vernunft zu bringen. Allerdings gingen seine Erklärungen in den Unmutsäußerungen der anderen Passagiere fast unter. Sie vernahm einzelne Wortfetzen wie: die Airline verklagen, die Zigarre ins Maul stopfen und Ähnliches. Ich möchte mein Geld zurück, war noch eine der netteren Reaktionen. Eileen trat an Steven heran, tippte ihm leicht auf den Arm, damit er sie wahrnahm. Er sah sie resigniert an und war sichtlich erfreut, sich aus dem Staub machen zu können. Beim Weggehen drückte er ihr noch ein leeres Whiskyglas in die Hand, das offensichtlich als provisorischer Aschenbecher diente. „Viel Glück“, raunte er ihr ins Ohr, als er erleichtert das Weite suchte.
Eileen betrachtete stumm den Passagier. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig mit auffällig blonden Haaren und sehr gepflegten Händen – ein Geschäftsmann durch und durch. Er hatte seine Augen geschlossen und paffte in aller Seelenruhe seine Zigarre, während ein Schmunzeln seine Lippen umspielte, als ob das hier das Normalste der Welt wäre. Die empörten Reaktionen der anderen Fluggäste prallten an ihm ab, ja, er schien sie nicht einmal richtig wahrzunehmen. Zuerst musste Eileen für Ruhe sorgen, so konnte sie keinen Kontakt mit ihm herstellen. Sie straffte ihre Schultern, sammelte sich und begann mit ruhiger, aber keinen Widerspruch duldender Stimme zu sprechen: „Ladies und Gentlemen, ich bitte sie um Ruhe!“ Nacheinander blickte sie allen Beteiligten eindringlich in die Augen. Ihr ganzer Körper strahlte Autorität aus und ihre stechend grünen Augen, die sie kurz auf jedem ruhen ließ, verliehen ihr eine gewisse Gefährlichkeit. Das zeigte Wirkung, denn ein Passagier nach dem anderen verstummte. Augenblicklich berührte der Zigarrenrauch ihre Sinne. Eileen roch Erde, holzige Noten von der Tabakpflanze und fühlte sogar noch die Energie der Sonne in ihr wirken. Gut so, jetzt war sie bereit für den nächsten Schritt.
Die plötzliche Stille veranlasste auch den Mann, seine Augen zu öffnen. Etwas belustigt musterte er sie: „Ah, aller guten Dinge sind drei. Sie können sich ihre Belehrungen sparen, Lady. Fast zwei Jahre habe ich praktisch Tag und Nacht an diesem Projekt gearbeitet und gerade eben erfahren, das der Deal geklappt hat. Das muss man doch feiern und bei diesen Preisen hier sollte dieser kleine Luxus auch noch drinnen sein.“ Sehr interessant, er hat es gerade eben erfahren? Auch darauf musste sie später noch eingehen. „Sie haben vollkommen Recht, Sir“, entgegnete sie ihm schmunzelnd. Ihre Kollegen hatten ihn bestimmt schon über Sicherheitsvorschriften und die potenziellen Gefahren genauestens informiert. Diese Litanei ein weiteres Mal zu wiederholen, wäre bestimmt vergebens gewesen. „Jetzt gibt sie ihm auch noch Recht!“, empörte sich eine Dame in der nächsten Reihe. Eileen ignorierte den Einwand und verlor sich im Grau der Augen des Rauchers, der sie überrascht anstarrte und in seinem Tun innehielt. „Natürlich gehören besondere Ereignisse auch gebührend gefeiert“, ihr Lächeln verstärkte sich und wie zufällig legte Eileen ihre Hand auf seinen Unterarm.
Glücksgefühle, Freude und Stolz durchfluteten ihren Körper, die Verbindung war hergestellt. „Ich freue mich sehr für Sie, allerdings tut es mir sehr leid für ihre Zigarre, die von ausgezeichneter Qualität zu sein scheint.“ „Es tut ihnen leid für meine … Zigarre?“, stammelte der Passagier verwirrt. Eileen nahm noch einen langen Atemzug und sog den Duft tief ein. Sie öffnete sich und ohne den Augenkontakt abzubrechen offenbarte sie dem Mann ihre Gefühle: „Natürlich, Sir. Bedenken Sie nur, wie viel Zeit so eine Tabakpflanze braucht zu wachsen, wie viel Sonnenlicht und Regen sie benötigt. Ganz abgesehen von der liebevollen Pflege der Bauern, die sie beobachten, vor Schädlingen schützen und genau den richtigen Zeitpunkt erkennen, um die Blätter zu ernten. Und die Arbeiter in den Fabriken, die in mühevoller Handarbeit die Zigarren drehen, sie vorsichtig verpacken und darauf achten, dass sie bei der richtigen Temperatur und Luftfeuchtigkeit gelagert und transportiert werden. So viele Mühe und Hingabe, damit sie eine Zigarre von dieser Qualität in den Händen halten und genießen dürfen. Allerdings sollte das auch in einer Umgebung geschehen, die ihrer würdig ist. Im Kreise ihrer Familie, die Sie die letzten Monate sicherlich oft entbehren mussten, und ihrer Freunde, von denen Sie so manche bestimmt schon länger nicht mehr gesehen haben. Das ist der richtige Rahmen für so ein edles Produkt.“
5 Sterne
Ich konnte das Buch nicht weglegen - 09.08.2022
Melanie

Das Buch ist wahnsinnig spannend und echt toll geschrieben. Wenn man das Buch liest, will man gar nicht mehr aufhören zu lesen, da man ständig wissen möchte, wie es mit Eileen weitergeht. Ich habe das Buch innerhalb weniger Tage durchgelesen gehabt. Man taucht richtig in die Welt von Eileen ein. Eine wirklich wunderbare Geschichte mit ganz tollen Charakteren. Ganz klare Kaufempfehlung!

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