Gefährten des Winters
Mit Schlittenhunden durch Lappland
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 256
ISBN: 978-3-7116-1480-3
Erscheinungsdatum: 09.03.2026
Begleiten Sie den Autor auf seinen Abenteuern mit Schlittenhunden durch das weite Lappland. Auf ursprüngliche Weise, in heftigen Stürmen und über die endlosen Flächen der subarktischen Tundra, erlebt er eine Reise, auf der man das Leben mit jeder Faser spürt.
Prolog
Als das große Rennen in Särna sein Ende gefunden hatte, war für mich klar geworden, dass ich mit meinen Hunden an keinem Rennen mehr teilnehmen würde.
In all den Jahren habe ich teilweise miterlebt, dass bei so manchem Musher der sportliche Ehrgeiz so weit ging, dass Hunde bisweilen mit Schmerzmitteln gedopt wurden. Dass bei den großen Rennen in Alaska und Kanada immer wieder Hunde während des Rennens ums Leben gekommen sind. Ich habe selbst erlebt, dass nach dem Rennen in Särna, dem Polardistans, sich Musher über den Zustand der Strecke beschwert hatten.
Wir sprechen hier von einer Distanz von ca. 300 km. Wie soll eine solche Strecke vollständig und über Tage hinweg immer in einem tadellosen Zustand erhalten werden? Bei der Zucht von Schlittenhunden wird mittlerweile nur noch Wert auf Schnelligkeit gelegt. All diese Vorgänge, die ich im Laufe der Jahre miterlebt hatte, haben dazu geführt, dass meine Haltung zum Sport mit Tieren sich deutlich verändert hat. Ich tue mich schwer damit, seinen persönlichen Ehrgeiz auf Tiere zu übertragen, um sportliche Erfolge zu erringen.
Natürlich gibt es Musher, die nur deshalb an einem Rennen teilnehmen, weil es einen schönen Trail gibt, weil alles organisiert ist und man einfach mit seinen Hunden dort unterwegs sein kann. Das ist für mich in Ordnung und das ist auch sicherlich ein großer Teil derer, die an solchen Schlittenhunderennen teilnehmen.
Aber das war irgendwann nicht mehr meine Intention. Meine Vorstellung vom Unterwegssein mit meinen Hunden war, in Anlehnung an die indigenen Völker des Nordens, autark in der Wildnis zu reisen.
Das bedeutet für mich, das Einlassen auf die Unwägbarkeiten der Wildnis, das Einlassen auf die Fähigkeiten meiner Hunde und das Vertrauen in meine Gefährten und meine eigenen Fähigkeiten.
Ich wollte nachempfinden, wie das ist, mit dem, was zum Überleben notwendig ist, allein zurechtzukommen. Sich in Regionen zu begeben, in denen kein Handyempfang mehr vorhanden ist. Also völlig allein auf sich gestellt sein. Das hat nichts mit dem Suchen nach einem Adrenalin-Kick zu tun, sondern damit, als Mensch auf sich selbst zurückgeworfen zu sein und damit umzugehen.
Diese Art und Weise, mit Schlittenhunden zu arbeiten, ist für mich – und da spreche ich auch nur für mich – die einzige Art eines sinnerfüllten Umgangs mit diesen Hunden.
Natürlich kann ich all jene Musher (Schlittenhundelenker) verstehen, die mit ihren Hunden Rennen bestreiten, und die großen Rennen in Alaska und Kanada haben auch etwas von jener Situation der indigenen Völker, die auf ihre Hunde angewiesen waren, aber es ist ein Unterschied, ob ich auf einem Rennen unterwegs bin, das im Grunde permanent überwacht wird, oder ob ich mich völlig eigenverantwortlich und allein auf den Weg mache.
Dabei entsteht eine Symbiose zwischen Mensch und Tier, die ganz weit in der Vergangenheit der Menschheitsgeschichte dereinst begonnen hat. Ob das dann einstmals Pferde, Esel, Yaks im Himalaya oder eben Schlittenhunde in der Arktis vor einigen tausend Jahren waren – Mensch und Tier haben auf diese Weise für ihr gemeinsames Überleben zusammengearbeitet.
Mir ist natürlich klar, dass in unserer heutigen Zeit kaum noch Platz für ein tatsächliches Nachvollziehen solcher Unternehmungen vorhanden ist. Unsere Welt ist dafür mittlerweile fast schon zu klein geworden. Es sei denn, man begibt sich in die Antarktis oder den äußersten Norden von Grönland. Aber selbst an der Nordostküste von Grönland, einer der abgelegensten Regionen der Welt, würde man irgendwann auf die Sirius-Patrouille stoßen, die seit dem Zweiten Weltkrieg von den Dänen dort eingerichtet wurde. Diese Patrouille besteht aus einem Hundegespann mit 12 Hunden und zwei Elitesoldaten der dänischen Armee.
Diese Patrouille überwacht den Nationalpark Nordostgrönland mit seiner fast 1 Million Quadratkilometer großen Fläche. Und dabei sind immer zwei Teams unterwegs, eines von Nord nach Süd und ein weiteres von Süd nach Nord.
Also selbst hier wäre man nicht ganz allein. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, auf eines dieser Teams zu stoßen, äußerst gering ist.
Meine Vorstellung war nun, unter unseren heutigen Bedingungen, ein ganz klein wenig von dem zu erfahren, was vor langer Zeit der Normalzustand gewesen ist. Zu reisen, wie das die Nomaden der Arktis gemacht haben. Ich weiß natürlich, dass ich dadurch nur einen ganz winzigen Einblick in diese Art zu leben erhalten werde, aber es ist für mich der Versuch, es ein wenig nachzuvollziehen.
Unsere Welt ist derart durchorganisiert, technisiert und mit allerlei Versicherungen abgedeckt, sodass Wildnis im Sinne von Unwägbarkeiten beim Unterwegssein draußen so gut wie nicht mehr vorkommt.
Ich glaube, dass der Respekt vor unserer Umwelt ein Stück weit auch dadurch entstehen kann, indem wir uns eben dieser Umwelt einmal ohne großartige Rückversicherung aussetzen. Die Winter in Lappland sind dafür bestens geeignet.
Ob nun mit Skiern oder Hundegespann, ist es gleichermaßen spannend und erlebnisreich. Wobei ich natürlich mein Hundegespann vorziehe. Einfach, weil ich es unendlich liebe, mit meinen Hunden allein unterwegs zu sein.
Das Sich-Aussetzen den Widrigkeiten der wilden Natur in Lappland führt zumindest bei mir auch dazu, dass ich die Annehmlichkeiten unserer Art zu leben nicht als gottgegeben und als Normalzustand betrachte, sondern diesen Umstand als ein hohes Gut schätze.
Etwa ein Jahr nach dem großen Rennen in Schweden ist Jokka gestorben, und das hat mich in eine Art Schmerz und Trauer gestürzt, wie ich es zuvor nie erlebt hatte. Jokka war für mich wie ein Bruder, ich habe ihn geliebt, wie man einen Gefährten nur lieben kann. Er hat meinen Blick auf die Welt der Tiere in einer Weise geöffnet, wie ich das niemals zuvor erlebt hatte. Seit Jokka habe ich mehr über Tiere begriffen als je zuvor.
Seine Gefährtin Kasuuta, meine Bergsteigerhündin, lebte noch einige Jahre bei mir und half mir mit Hunden, die ich stets über Gaby bekam, das Gespann immer wieder neu aufzubauen. Kasuuta war eine Malamute, wie er im Buche steht. Eine phantastische Leithündin, eine harte Arbeiterin, und bei den vielen Bergtouren, die ich mit ihr in all den Jahren unternommen hatte, war sie immer eine sichere Begleiterin.
Wenn Hunde gehen, ist das für mich immer ein sehr schmerzhafter und extrem trauriger Lebensabschnitt, aber bei Jokka und Kasuuta, meinen ersten Hunden, war es, als hätte man mir ein Stück meines Herzens herausgerissen.
Aber nachdem bei Gaby, meiner guten Freundin und Malamutezüchterin, immer wieder Hunde abgegeben wurden, weil sie von ihren Besitzern nicht mehr gewollt waren, war klar: Diese Hunde kommen zu mir. Und so hatte ich in all den Jahren immer vier Malamuten, mit denen ich immer häufiger in Nordschweden und dann in Lappland unterwegs war.
Und so entstand dann irgendwann der Wunsch, mit meinen Hunden auf eine sehr ursprüngliche Art unterwegs zu sein und die einsamen Landschaften des Nordens zu erkunden.
1 Finnland/Schweden
Nun war er da … der Ruhestand!!
Aber eigentlich ist Ruhestand die falsche Formulierung, denn im Grunde begann damit ein neues Kapitel in meinem Leben.
Ruhestand klingt eher nach sich zur Ruhe setzen, Füße hochlegen, Beschaulichkeit. Aber das war nun absolut nicht das, was sich nunmehr abzeichnete. Und schon gar nicht das, was ich ab jetzt wollte!
Mein Arbeitsleben lag hinter mir und nun hatte ich die Zeit für mein zweites Leben, das ich neben der Arbeit immer geführt hatte. Für meine Hunde, den hohen Norden und meinen Sport, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte.
Nicht, dass ich nicht gern gearbeitet hätte, die Mitarbeiter, mit denen ich in den letzten Jahren zu tun hatte, waren allesamt sehr umgänglich und wir hatten ein fast freundschaftliches Verhältnis. Meine Arbeit als Betriebsleiter eines Logistikzentrums einer großen Lebensmittelfilialkette war bisweilen sehr fordernd und zeitintensiv, besonders die ersten Jahre. Es war eine Zeit, die mir sehr viel abverlangt hatte. Arbeitstage von 12 oder gar 14 Stunden in den ersten Jahren meiner dortigen Tätigkeit waren keine Seltenheit. Das Logistikzentrum hatte ich von einem Kollegen übernommen, der mir, gelinde gesagt, etwas undurchschaubare Strukturen hinterlassen hatte.
Die mussten geordnet werden und in einen für alle Beteiligten zufriedenstellenden Zustand gebracht werden. Dies kostete viel Zeit und Kraft. Aber letztlich, durch meine engsten Mitarbeiter, ist es gelungen, den Betrieb im Lauf der Jahre so zu strukturieren, dass sich unsere Belegschaft bei ihrer Arbeit wohlgefühlt hat. Dies war mein Ziel: eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich Mitarbeiter wertgeschätzt und damit wohl fühlen. Die Leistung und damit auch Produktivität kamen dadurch von selbst. Und das hatte ich in hohem Maße eben diesen engsten Mitarbeitern zu verdanken, und die letzten Jahre waren dadurch dann auch so gut wie nie wirklich stressig. Wenngleich der zeitliche Aufwand nicht wesentlich geringer wurde, aber eben deutlich stressfreier.
Allerdings war dadurch die Zeit, die ich mit meinen vier Hunden verbringen konnte, sehr limitiert. Während der Sommermonate begann der Tag um 5:30 Uhr, ich war dann mit den ersten zwei Hunden auf der ersten Joggingrunde, danach mit den anderen beiden die zweite Runde. Dann eine Gymnastikeinheit, dann Frühstück und dann ins Büro.
In den Wintermonaten beziehungsweise Herbstmonaten habe ich dann die Hunde mit dem Trainingswagen in den Abendstunden trainiert. Ich hatte das Glück und konnte von meinem Haus weg starten, musste nicht noch extra irgendwohin fahren, um mit den Hunden arbeiten zu können. Die Wochenenden verbrachte ich dann fast ausschließlich mit meinen Hunden.
Durch die Trennung von meiner Frau vor ein paar Jahren lag die Verantwortung für meine vier Gefährten dann natürlich allein bei mir. Durch meinen zeitintensiven Beruf war das naturgemäß eine ziemliche Herausforderung. Es war allerdings für mich nie ein Thema gewesen, die Anzahl meiner Hunde zu reduzieren oder gar abzugeben. Dazu hänge ich einfach viel zu sehr an meinen vierbeinigen Freunden.
Meine Hunde waren es und sind es bis heute, die es mir immer wieder ermöglichten, den Ärger des Alltages zu vergessen, mich darauf zu freuen, mit ihnen unterwegs zu sein. Das Zusammensein mit meinen Hunden nach der Arbeit hat stets dazu geführt, völlig abschalten zu können.
Weil die Prioritäten dann ganz woanders lagen. Waren es tagsüber Kennzahlen, Besprechungen, Organisieren von Arbeitsprozessen, eben alles, was bei der Leitung eines großen Betriebes tagtäglich anfällt, zu erledigen, waren nach Feierabend meine Hunde der Mittelpunkt meines Handelns. Das hat meine Gedanken immer in eine ganz andere Richtung gelenkt und damit die Probleme des Arbeitstages in den Hintergrund gedrängt. Und mich damit nicht mehr belastet.
So habe ich dann die Gelegenheit einer Vorruhestandsregelung genutzt, um mein Arbeitsleben früher als ursprünglich geplant zu beenden und mein zweites Leben, nämlich meine Hunde, meine Reisen in den hohen Norden und meinen Sport, in der Weise leben zu können, wie ich mir das immer vorgestellt hatte.
Dieses zweite Leben hat mich stets begleitet, ganz früher war es der Leistungssport als Gewichtheber und danach die Leidenschaft für Skandinavien, Grönland und Schlittenhunde. Dies alles habe ich allerdings stets sozusagen „berufsbegleitend“ gemacht. Der Stellenwert dieses „zweiten Lebens“ war aber stets gleichbedeutend mit meinem Arbeitsleben. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass genau dieser Umstand es mir über viele Jahre hinweg ermöglichte, die bisweilen sehr kräftezehrende Arbeit als Führungskraft eines großen Betriebes schadlos zu überstehen.
Die glückliche Fügung des Altersteilzeitgesetzes, das seinerzeit noch bestand, ermöglichte mir einen vorzeitigen Übergang in den Ruhestand und die Chance, dieses zweite Leben nunmehr ausschließlich führen zu können.
Der Abschied von den vielen langjährigen beruflichen Weggefährten war dennoch sehr emotional, und an jenem Abend, als die Verabschiedung stattfand, habe ich immer wieder mal heftig geschluckt.
Aber dann war dieser Teil meines Lebens endgültig zu Ende und es begann ein völlig anderes Dasein. Waren all die Jahrzehnte zuvor geprägt von Terminen, von Projekten und zahllosen Besprechungen, von Tagungen, immer wieder neue Herausforderungen, letztlich von sehr viel Fremdbestimmung, so war dies alles mit einem Schlag Vergangenheit.
Ich muss gestehen, der erste Tag meines neuen Lebens fühlte sich an wie Urlaub. Mit den Hunden lange Spaziergänge zu machen, im Winter mit den Hunden arbeiten, in aller Ruhe Zeitung lesen und frühstücken, kannte ich nur aus Urlaubszeiten.
Nunmehr sollte dies der Dauerzustand werden. So recht konnte ich mir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen.
Doch das sollte sich noch ändern.
Nun hatte ich mit meinen Hunden seit vielen, vielen Jahren in Schweden immer wieder lange Reisen unternommen. In den ersten Jahren waren das Wildniswanderungen im Herbst mit Jokka, meinem ersten Hund, in Nordschweden und Lappland. Wir waren dort mit Zelt und Rucksack unterwegs, wobei Jokka stets Packtaschen trug, in welchen sein Futter transportiert wurde. Wir waren dort meistens 2 bis 3 Wochen in abgelegenen, einsamen Landschaften unterwegs. Beide haben wir während dieser langen Touren in all den Jahren gelernt, uns wie selbstverständlich in der Wildnis zu bewegen.
Als dann die Anzahl der Hunde größer wurde, war der Winter die bevorzugte Zeit des Reisens in den hohen Norden. Und so waren wir oft mit Freunden und deren Hunden immer für ein paar Wochen, was halt der Jahresurlaub so hergab, im Schnee dort oben unterwegs.
Aber dies alles war halt nur im Rahmen der Zeit möglich, die der Jahresurlaub hergab.
Und das hatte sich nun geändert.
Der Plan für meine erste Unternehmung im Ruhestand war eine lange Reise mit meinen Hunden nach Finnland zu einer Hütte am Jeri-See, um dann von dort aus lange Touren in der Umgebung zu unternehmen. Sara, meine Malamutehündin aus dem Tierheim, die wegen ihres schwierigen Wesens nicht mehr vermittelbar war, Kayla, ebenfalls eine Malamutin, die einem sogenannten Musher nicht mehr genehm war und die ich bei mir aufgenommen hatte, und Ayuk, ein Grönländer-Mädchen, die auf Umwegen zu mir gekommen ist. Ayuk stammt aus einem ungeplanten Wurf und es gab auch bereits einen Käufer, dieser ist dann aus unbekannten Gründen abgesprungen, und dann hat mich ihre Züchterin Gaby Geidel gefragt, ob ich den Platz für die kleine Grönländerin hätte.
So ist Ayuk dann bei mir angekommen. Und diese drei begleiteten mich auf dieser langen Reise ins Nordland.
Der Jeri-See liegt östlich von Muonio im nördlichen Finnland und ich hatte im Jahr davor mit meinem alten Freund Norbert Schehle diese Region besucht. Norbert ist Inhaber eines Reiseunternehmens mit dem Schwerpunkt arktische Reiseziele. Für Norbert hatte ich in den vergangenen Jahren als Tourguide in Grönland Touristen auf Trekkingtouren geführt. Daraus hat sich dann in den Jahren eine tiefe Freundschaft entwickelt.
Er hatte mich eingeladen, auf einer sogenannten Polarlichttour mit Touristen in Lappland mir das Ganze anzuschauen, um zukünftig vielleicht selbst wieder als Tourguide unterwegs zu sein.
Im Rahmen dieser Tour besuchten wir eine Familie in Rauhala, einem kleinen Ort am Jeri-See, die Norbert aus früheren Zeiten kannte. Diese Familie Järvinen besitzt eine kleine Blockhütte an eben diesem See und vermietet diese auch. Damals ist die Idee entstanden, die Hütte zu mieten und als Basislager für Touren mit meinen Hunden zu nutzen.
Dies habe ich mit den Järvinens besprochen und auch die Zusage erhalten, im Jahr darauf für etwa 4 Wochen die Hütte zu mieten.
Die Polarlichttour war im Übrigen eine wunderschöne Unternehmung und führte von Rovaniemi über Muonio, Kautokeino in Norwegen bis nach Hammerfest und wieder zurück nach Rovaniemi. Wir waren im Februar unterwegs und hatten jeden Abend unglaubliche, wunderschöne Polarlichter. Es war ordentlich kalt und die Tage recht kurz, aber dafür lange dunkle Nächte und somit für Beobachtungen von Aurora Borealis bestens geeignet.
Diese Art von Polarlichttouren erfreut sich zunehmender Beliebtheit und wird immer öfter gebucht. Es bietet den Menschen im hohen Norden die Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen und den Besuchern eine faszinierende Landschaft und ein unglaubliches Naturschauspiel zu erleben.
Allerdings musste ich mir und Norbert eingestehen, dass ich mich mit Touristen, die lediglich eine solche Reise konsumieren, um dann das Thema Polarlicht abhaken zu können, nicht beschäftigen kann und möchte. Das Interesse dieser Leute an dem Land und der Kultur der Sami, an den Besonderheiten des Lebens im hohen Norden, war eher oberflächlich, und da wäre es mir schwergefallen, mit eben solchen Menschen auf einer Tour unterwegs zu sein.
Mir sind die Regionen im hohen Norden mit ihren liebenswerten und beeindruckenden Menschen sehr ans Herz gewachsen. Ein Leben in dieser kargen, kalten, einsamen Landschaft bringt besondere Menschen hervor, die dann aber auch ein besonderes Verhältnis zu eben dieser Landschaft mit ihrer faszinierenden Natur haben. Es ist der Respekt dieser Menschen vor ihrer Lebenswelt, vor den Umständen ihrer Existenz, vor der Natur, der mich immer wieder beeindruckt und tief berührt.
Und da tue ich mich einfach schwer, wenn ich mit Touristen unterwegs bin, die eine solche Reise lediglich als Konsumerlebnis betrachten.
Ansonsten war diese Reise jedoch hilfreich, konnte ich doch eine Region kennenlernen, die ich in der Vergangenheit noch gar nicht bereist hatte.
Im Jahr darauf, Ende Februar, hatte ich alles gepackt, im Anhänger den Schlitten, die ganze Ausrüstung für die Hunde und mich, um längere Touren unternehmen zu können.
Im Hundewohnmobil, das ich mir für den Ruhestand angeschafft hatte, meine Hunde in ihren Boxen, Kleidung und Verpflegung für die ersten Wochen in Finnisch-Lappland.
Ich hatte mir die Straßenkarte angesehen und beschlossen, die Route über Göteborg, Stockholm, entlang der schwedischen Ostseeküste bis hinauf nach Haparanda über die finnische Grenze zu nehmen.
Ein wenig Bauchgrummeln machte mir die gewaltige Entfernung schon, immerhin 2700 km lagen vor uns. Da konnte eine Menge passieren.
3 lange Tage Fahrt durch Schweden, vorbei an Göteborg – dort hatte ich mir bei einem Reifenhändler Spikes geliehen, um die langen Strecken in Lappland besser bewältigen zu können –, weiter durch Stockholm, übernachten auf irgendwelchen Parkplätzen, dann weiter über Sundsvall, Umeå, Luleå, bei Haparanda über die Grenze nach Finnland Richtung Tornio.
Normalerweise benutze ich kein Navi, aber nachdem ich mich in Finnland bis dahin nicht besonders gut auskannte, habe ich ab der finnischen Grenze eben ein solches Navigationsgerät benutzt.
Werde ich so schnell nicht wieder machen.
Nördlich von Kolari lotste mich dieses vermaledeite Teil über eine bergige Strecke, die zwar geografisch die kürzere war, aber die Straße war sehr schmal und schlecht geräumt. Was das Navi natürlich nicht wissen konnte. Aber sein Algorithmus ist nun mal so gestrickt, dass der kürzeste Weg gewählt wird, unabhängig vom Wetter. Und nun kommt der User ins Spiel: Er sollte sich trotz Navi immer wieder mal die Straßenkarte betrachten, um sich der Plausibilität der vorgeschlagenen Navi-Route zu vergewissern.
…
Als das große Rennen in Särna sein Ende gefunden hatte, war für mich klar geworden, dass ich mit meinen Hunden an keinem Rennen mehr teilnehmen würde.
In all den Jahren habe ich teilweise miterlebt, dass bei so manchem Musher der sportliche Ehrgeiz so weit ging, dass Hunde bisweilen mit Schmerzmitteln gedopt wurden. Dass bei den großen Rennen in Alaska und Kanada immer wieder Hunde während des Rennens ums Leben gekommen sind. Ich habe selbst erlebt, dass nach dem Rennen in Särna, dem Polardistans, sich Musher über den Zustand der Strecke beschwert hatten.
Wir sprechen hier von einer Distanz von ca. 300 km. Wie soll eine solche Strecke vollständig und über Tage hinweg immer in einem tadellosen Zustand erhalten werden? Bei der Zucht von Schlittenhunden wird mittlerweile nur noch Wert auf Schnelligkeit gelegt. All diese Vorgänge, die ich im Laufe der Jahre miterlebt hatte, haben dazu geführt, dass meine Haltung zum Sport mit Tieren sich deutlich verändert hat. Ich tue mich schwer damit, seinen persönlichen Ehrgeiz auf Tiere zu übertragen, um sportliche Erfolge zu erringen.
Natürlich gibt es Musher, die nur deshalb an einem Rennen teilnehmen, weil es einen schönen Trail gibt, weil alles organisiert ist und man einfach mit seinen Hunden dort unterwegs sein kann. Das ist für mich in Ordnung und das ist auch sicherlich ein großer Teil derer, die an solchen Schlittenhunderennen teilnehmen.
Aber das war irgendwann nicht mehr meine Intention. Meine Vorstellung vom Unterwegssein mit meinen Hunden war, in Anlehnung an die indigenen Völker des Nordens, autark in der Wildnis zu reisen.
Das bedeutet für mich, das Einlassen auf die Unwägbarkeiten der Wildnis, das Einlassen auf die Fähigkeiten meiner Hunde und das Vertrauen in meine Gefährten und meine eigenen Fähigkeiten.
Ich wollte nachempfinden, wie das ist, mit dem, was zum Überleben notwendig ist, allein zurechtzukommen. Sich in Regionen zu begeben, in denen kein Handyempfang mehr vorhanden ist. Also völlig allein auf sich gestellt sein. Das hat nichts mit dem Suchen nach einem Adrenalin-Kick zu tun, sondern damit, als Mensch auf sich selbst zurückgeworfen zu sein und damit umzugehen.
Diese Art und Weise, mit Schlittenhunden zu arbeiten, ist für mich – und da spreche ich auch nur für mich – die einzige Art eines sinnerfüllten Umgangs mit diesen Hunden.
Natürlich kann ich all jene Musher (Schlittenhundelenker) verstehen, die mit ihren Hunden Rennen bestreiten, und die großen Rennen in Alaska und Kanada haben auch etwas von jener Situation der indigenen Völker, die auf ihre Hunde angewiesen waren, aber es ist ein Unterschied, ob ich auf einem Rennen unterwegs bin, das im Grunde permanent überwacht wird, oder ob ich mich völlig eigenverantwortlich und allein auf den Weg mache.
Dabei entsteht eine Symbiose zwischen Mensch und Tier, die ganz weit in der Vergangenheit der Menschheitsgeschichte dereinst begonnen hat. Ob das dann einstmals Pferde, Esel, Yaks im Himalaya oder eben Schlittenhunde in der Arktis vor einigen tausend Jahren waren – Mensch und Tier haben auf diese Weise für ihr gemeinsames Überleben zusammengearbeitet.
Mir ist natürlich klar, dass in unserer heutigen Zeit kaum noch Platz für ein tatsächliches Nachvollziehen solcher Unternehmungen vorhanden ist. Unsere Welt ist dafür mittlerweile fast schon zu klein geworden. Es sei denn, man begibt sich in die Antarktis oder den äußersten Norden von Grönland. Aber selbst an der Nordostküste von Grönland, einer der abgelegensten Regionen der Welt, würde man irgendwann auf die Sirius-Patrouille stoßen, die seit dem Zweiten Weltkrieg von den Dänen dort eingerichtet wurde. Diese Patrouille besteht aus einem Hundegespann mit 12 Hunden und zwei Elitesoldaten der dänischen Armee.
Diese Patrouille überwacht den Nationalpark Nordostgrönland mit seiner fast 1 Million Quadratkilometer großen Fläche. Und dabei sind immer zwei Teams unterwegs, eines von Nord nach Süd und ein weiteres von Süd nach Nord.
Also selbst hier wäre man nicht ganz allein. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, auf eines dieser Teams zu stoßen, äußerst gering ist.
Meine Vorstellung war nun, unter unseren heutigen Bedingungen, ein ganz klein wenig von dem zu erfahren, was vor langer Zeit der Normalzustand gewesen ist. Zu reisen, wie das die Nomaden der Arktis gemacht haben. Ich weiß natürlich, dass ich dadurch nur einen ganz winzigen Einblick in diese Art zu leben erhalten werde, aber es ist für mich der Versuch, es ein wenig nachzuvollziehen.
Unsere Welt ist derart durchorganisiert, technisiert und mit allerlei Versicherungen abgedeckt, sodass Wildnis im Sinne von Unwägbarkeiten beim Unterwegssein draußen so gut wie nicht mehr vorkommt.
Ich glaube, dass der Respekt vor unserer Umwelt ein Stück weit auch dadurch entstehen kann, indem wir uns eben dieser Umwelt einmal ohne großartige Rückversicherung aussetzen. Die Winter in Lappland sind dafür bestens geeignet.
Ob nun mit Skiern oder Hundegespann, ist es gleichermaßen spannend und erlebnisreich. Wobei ich natürlich mein Hundegespann vorziehe. Einfach, weil ich es unendlich liebe, mit meinen Hunden allein unterwegs zu sein.
Das Sich-Aussetzen den Widrigkeiten der wilden Natur in Lappland führt zumindest bei mir auch dazu, dass ich die Annehmlichkeiten unserer Art zu leben nicht als gottgegeben und als Normalzustand betrachte, sondern diesen Umstand als ein hohes Gut schätze.
Etwa ein Jahr nach dem großen Rennen in Schweden ist Jokka gestorben, und das hat mich in eine Art Schmerz und Trauer gestürzt, wie ich es zuvor nie erlebt hatte. Jokka war für mich wie ein Bruder, ich habe ihn geliebt, wie man einen Gefährten nur lieben kann. Er hat meinen Blick auf die Welt der Tiere in einer Weise geöffnet, wie ich das niemals zuvor erlebt hatte. Seit Jokka habe ich mehr über Tiere begriffen als je zuvor.
Seine Gefährtin Kasuuta, meine Bergsteigerhündin, lebte noch einige Jahre bei mir und half mir mit Hunden, die ich stets über Gaby bekam, das Gespann immer wieder neu aufzubauen. Kasuuta war eine Malamute, wie er im Buche steht. Eine phantastische Leithündin, eine harte Arbeiterin, und bei den vielen Bergtouren, die ich mit ihr in all den Jahren unternommen hatte, war sie immer eine sichere Begleiterin.
Wenn Hunde gehen, ist das für mich immer ein sehr schmerzhafter und extrem trauriger Lebensabschnitt, aber bei Jokka und Kasuuta, meinen ersten Hunden, war es, als hätte man mir ein Stück meines Herzens herausgerissen.
Aber nachdem bei Gaby, meiner guten Freundin und Malamutezüchterin, immer wieder Hunde abgegeben wurden, weil sie von ihren Besitzern nicht mehr gewollt waren, war klar: Diese Hunde kommen zu mir. Und so hatte ich in all den Jahren immer vier Malamuten, mit denen ich immer häufiger in Nordschweden und dann in Lappland unterwegs war.
Und so entstand dann irgendwann der Wunsch, mit meinen Hunden auf eine sehr ursprüngliche Art unterwegs zu sein und die einsamen Landschaften des Nordens zu erkunden.
1 Finnland/Schweden
Nun war er da … der Ruhestand!!
Aber eigentlich ist Ruhestand die falsche Formulierung, denn im Grunde begann damit ein neues Kapitel in meinem Leben.
Ruhestand klingt eher nach sich zur Ruhe setzen, Füße hochlegen, Beschaulichkeit. Aber das war nun absolut nicht das, was sich nunmehr abzeichnete. Und schon gar nicht das, was ich ab jetzt wollte!
Mein Arbeitsleben lag hinter mir und nun hatte ich die Zeit für mein zweites Leben, das ich neben der Arbeit immer geführt hatte. Für meine Hunde, den hohen Norden und meinen Sport, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte.
Nicht, dass ich nicht gern gearbeitet hätte, die Mitarbeiter, mit denen ich in den letzten Jahren zu tun hatte, waren allesamt sehr umgänglich und wir hatten ein fast freundschaftliches Verhältnis. Meine Arbeit als Betriebsleiter eines Logistikzentrums einer großen Lebensmittelfilialkette war bisweilen sehr fordernd und zeitintensiv, besonders die ersten Jahre. Es war eine Zeit, die mir sehr viel abverlangt hatte. Arbeitstage von 12 oder gar 14 Stunden in den ersten Jahren meiner dortigen Tätigkeit waren keine Seltenheit. Das Logistikzentrum hatte ich von einem Kollegen übernommen, der mir, gelinde gesagt, etwas undurchschaubare Strukturen hinterlassen hatte.
Die mussten geordnet werden und in einen für alle Beteiligten zufriedenstellenden Zustand gebracht werden. Dies kostete viel Zeit und Kraft. Aber letztlich, durch meine engsten Mitarbeiter, ist es gelungen, den Betrieb im Lauf der Jahre so zu strukturieren, dass sich unsere Belegschaft bei ihrer Arbeit wohlgefühlt hat. Dies war mein Ziel: eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich Mitarbeiter wertgeschätzt und damit wohl fühlen. Die Leistung und damit auch Produktivität kamen dadurch von selbst. Und das hatte ich in hohem Maße eben diesen engsten Mitarbeitern zu verdanken, und die letzten Jahre waren dadurch dann auch so gut wie nie wirklich stressig. Wenngleich der zeitliche Aufwand nicht wesentlich geringer wurde, aber eben deutlich stressfreier.
Allerdings war dadurch die Zeit, die ich mit meinen vier Hunden verbringen konnte, sehr limitiert. Während der Sommermonate begann der Tag um 5:30 Uhr, ich war dann mit den ersten zwei Hunden auf der ersten Joggingrunde, danach mit den anderen beiden die zweite Runde. Dann eine Gymnastikeinheit, dann Frühstück und dann ins Büro.
In den Wintermonaten beziehungsweise Herbstmonaten habe ich dann die Hunde mit dem Trainingswagen in den Abendstunden trainiert. Ich hatte das Glück und konnte von meinem Haus weg starten, musste nicht noch extra irgendwohin fahren, um mit den Hunden arbeiten zu können. Die Wochenenden verbrachte ich dann fast ausschließlich mit meinen Hunden.
Durch die Trennung von meiner Frau vor ein paar Jahren lag die Verantwortung für meine vier Gefährten dann natürlich allein bei mir. Durch meinen zeitintensiven Beruf war das naturgemäß eine ziemliche Herausforderung. Es war allerdings für mich nie ein Thema gewesen, die Anzahl meiner Hunde zu reduzieren oder gar abzugeben. Dazu hänge ich einfach viel zu sehr an meinen vierbeinigen Freunden.
Meine Hunde waren es und sind es bis heute, die es mir immer wieder ermöglichten, den Ärger des Alltages zu vergessen, mich darauf zu freuen, mit ihnen unterwegs zu sein. Das Zusammensein mit meinen Hunden nach der Arbeit hat stets dazu geführt, völlig abschalten zu können.
Weil die Prioritäten dann ganz woanders lagen. Waren es tagsüber Kennzahlen, Besprechungen, Organisieren von Arbeitsprozessen, eben alles, was bei der Leitung eines großen Betriebes tagtäglich anfällt, zu erledigen, waren nach Feierabend meine Hunde der Mittelpunkt meines Handelns. Das hat meine Gedanken immer in eine ganz andere Richtung gelenkt und damit die Probleme des Arbeitstages in den Hintergrund gedrängt. Und mich damit nicht mehr belastet.
So habe ich dann die Gelegenheit einer Vorruhestandsregelung genutzt, um mein Arbeitsleben früher als ursprünglich geplant zu beenden und mein zweites Leben, nämlich meine Hunde, meine Reisen in den hohen Norden und meinen Sport, in der Weise leben zu können, wie ich mir das immer vorgestellt hatte.
Dieses zweite Leben hat mich stets begleitet, ganz früher war es der Leistungssport als Gewichtheber und danach die Leidenschaft für Skandinavien, Grönland und Schlittenhunde. Dies alles habe ich allerdings stets sozusagen „berufsbegleitend“ gemacht. Der Stellenwert dieses „zweiten Lebens“ war aber stets gleichbedeutend mit meinem Arbeitsleben. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass genau dieser Umstand es mir über viele Jahre hinweg ermöglichte, die bisweilen sehr kräftezehrende Arbeit als Führungskraft eines großen Betriebes schadlos zu überstehen.
Die glückliche Fügung des Altersteilzeitgesetzes, das seinerzeit noch bestand, ermöglichte mir einen vorzeitigen Übergang in den Ruhestand und die Chance, dieses zweite Leben nunmehr ausschließlich führen zu können.
Der Abschied von den vielen langjährigen beruflichen Weggefährten war dennoch sehr emotional, und an jenem Abend, als die Verabschiedung stattfand, habe ich immer wieder mal heftig geschluckt.
Aber dann war dieser Teil meines Lebens endgültig zu Ende und es begann ein völlig anderes Dasein. Waren all die Jahrzehnte zuvor geprägt von Terminen, von Projekten und zahllosen Besprechungen, von Tagungen, immer wieder neue Herausforderungen, letztlich von sehr viel Fremdbestimmung, so war dies alles mit einem Schlag Vergangenheit.
Ich muss gestehen, der erste Tag meines neuen Lebens fühlte sich an wie Urlaub. Mit den Hunden lange Spaziergänge zu machen, im Winter mit den Hunden arbeiten, in aller Ruhe Zeitung lesen und frühstücken, kannte ich nur aus Urlaubszeiten.
Nunmehr sollte dies der Dauerzustand werden. So recht konnte ich mir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen.
Doch das sollte sich noch ändern.
Nun hatte ich mit meinen Hunden seit vielen, vielen Jahren in Schweden immer wieder lange Reisen unternommen. In den ersten Jahren waren das Wildniswanderungen im Herbst mit Jokka, meinem ersten Hund, in Nordschweden und Lappland. Wir waren dort mit Zelt und Rucksack unterwegs, wobei Jokka stets Packtaschen trug, in welchen sein Futter transportiert wurde. Wir waren dort meistens 2 bis 3 Wochen in abgelegenen, einsamen Landschaften unterwegs. Beide haben wir während dieser langen Touren in all den Jahren gelernt, uns wie selbstverständlich in der Wildnis zu bewegen.
Als dann die Anzahl der Hunde größer wurde, war der Winter die bevorzugte Zeit des Reisens in den hohen Norden. Und so waren wir oft mit Freunden und deren Hunden immer für ein paar Wochen, was halt der Jahresurlaub so hergab, im Schnee dort oben unterwegs.
Aber dies alles war halt nur im Rahmen der Zeit möglich, die der Jahresurlaub hergab.
Und das hatte sich nun geändert.
Der Plan für meine erste Unternehmung im Ruhestand war eine lange Reise mit meinen Hunden nach Finnland zu einer Hütte am Jeri-See, um dann von dort aus lange Touren in der Umgebung zu unternehmen. Sara, meine Malamutehündin aus dem Tierheim, die wegen ihres schwierigen Wesens nicht mehr vermittelbar war, Kayla, ebenfalls eine Malamutin, die einem sogenannten Musher nicht mehr genehm war und die ich bei mir aufgenommen hatte, und Ayuk, ein Grönländer-Mädchen, die auf Umwegen zu mir gekommen ist. Ayuk stammt aus einem ungeplanten Wurf und es gab auch bereits einen Käufer, dieser ist dann aus unbekannten Gründen abgesprungen, und dann hat mich ihre Züchterin Gaby Geidel gefragt, ob ich den Platz für die kleine Grönländerin hätte.
So ist Ayuk dann bei mir angekommen. Und diese drei begleiteten mich auf dieser langen Reise ins Nordland.
Der Jeri-See liegt östlich von Muonio im nördlichen Finnland und ich hatte im Jahr davor mit meinem alten Freund Norbert Schehle diese Region besucht. Norbert ist Inhaber eines Reiseunternehmens mit dem Schwerpunkt arktische Reiseziele. Für Norbert hatte ich in den vergangenen Jahren als Tourguide in Grönland Touristen auf Trekkingtouren geführt. Daraus hat sich dann in den Jahren eine tiefe Freundschaft entwickelt.
Er hatte mich eingeladen, auf einer sogenannten Polarlichttour mit Touristen in Lappland mir das Ganze anzuschauen, um zukünftig vielleicht selbst wieder als Tourguide unterwegs zu sein.
Im Rahmen dieser Tour besuchten wir eine Familie in Rauhala, einem kleinen Ort am Jeri-See, die Norbert aus früheren Zeiten kannte. Diese Familie Järvinen besitzt eine kleine Blockhütte an eben diesem See und vermietet diese auch. Damals ist die Idee entstanden, die Hütte zu mieten und als Basislager für Touren mit meinen Hunden zu nutzen.
Dies habe ich mit den Järvinens besprochen und auch die Zusage erhalten, im Jahr darauf für etwa 4 Wochen die Hütte zu mieten.
Die Polarlichttour war im Übrigen eine wunderschöne Unternehmung und führte von Rovaniemi über Muonio, Kautokeino in Norwegen bis nach Hammerfest und wieder zurück nach Rovaniemi. Wir waren im Februar unterwegs und hatten jeden Abend unglaubliche, wunderschöne Polarlichter. Es war ordentlich kalt und die Tage recht kurz, aber dafür lange dunkle Nächte und somit für Beobachtungen von Aurora Borealis bestens geeignet.
Diese Art von Polarlichttouren erfreut sich zunehmender Beliebtheit und wird immer öfter gebucht. Es bietet den Menschen im hohen Norden die Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen und den Besuchern eine faszinierende Landschaft und ein unglaubliches Naturschauspiel zu erleben.
Allerdings musste ich mir und Norbert eingestehen, dass ich mich mit Touristen, die lediglich eine solche Reise konsumieren, um dann das Thema Polarlicht abhaken zu können, nicht beschäftigen kann und möchte. Das Interesse dieser Leute an dem Land und der Kultur der Sami, an den Besonderheiten des Lebens im hohen Norden, war eher oberflächlich, und da wäre es mir schwergefallen, mit eben solchen Menschen auf einer Tour unterwegs zu sein.
Mir sind die Regionen im hohen Norden mit ihren liebenswerten und beeindruckenden Menschen sehr ans Herz gewachsen. Ein Leben in dieser kargen, kalten, einsamen Landschaft bringt besondere Menschen hervor, die dann aber auch ein besonderes Verhältnis zu eben dieser Landschaft mit ihrer faszinierenden Natur haben. Es ist der Respekt dieser Menschen vor ihrer Lebenswelt, vor den Umständen ihrer Existenz, vor der Natur, der mich immer wieder beeindruckt und tief berührt.
Und da tue ich mich einfach schwer, wenn ich mit Touristen unterwegs bin, die eine solche Reise lediglich als Konsumerlebnis betrachten.
Ansonsten war diese Reise jedoch hilfreich, konnte ich doch eine Region kennenlernen, die ich in der Vergangenheit noch gar nicht bereist hatte.
Im Jahr darauf, Ende Februar, hatte ich alles gepackt, im Anhänger den Schlitten, die ganze Ausrüstung für die Hunde und mich, um längere Touren unternehmen zu können.
Im Hundewohnmobil, das ich mir für den Ruhestand angeschafft hatte, meine Hunde in ihren Boxen, Kleidung und Verpflegung für die ersten Wochen in Finnisch-Lappland.
Ich hatte mir die Straßenkarte angesehen und beschlossen, die Route über Göteborg, Stockholm, entlang der schwedischen Ostseeküste bis hinauf nach Haparanda über die finnische Grenze zu nehmen.
Ein wenig Bauchgrummeln machte mir die gewaltige Entfernung schon, immerhin 2700 km lagen vor uns. Da konnte eine Menge passieren.
3 lange Tage Fahrt durch Schweden, vorbei an Göteborg – dort hatte ich mir bei einem Reifenhändler Spikes geliehen, um die langen Strecken in Lappland besser bewältigen zu können –, weiter durch Stockholm, übernachten auf irgendwelchen Parkplätzen, dann weiter über Sundsvall, Umeå, Luleå, bei Haparanda über die Grenze nach Finnland Richtung Tornio.
Normalerweise benutze ich kein Navi, aber nachdem ich mich in Finnland bis dahin nicht besonders gut auskannte, habe ich ab der finnischen Grenze eben ein solches Navigationsgerät benutzt.
Werde ich so schnell nicht wieder machen.
Nördlich von Kolari lotste mich dieses vermaledeite Teil über eine bergige Strecke, die zwar geografisch die kürzere war, aber die Straße war sehr schmal und schlecht geräumt. Was das Navi natürlich nicht wissen konnte. Aber sein Algorithmus ist nun mal so gestrickt, dass der kürzeste Weg gewählt wird, unabhängig vom Wetter. Und nun kommt der User ins Spiel: Er sollte sich trotz Navi immer wieder mal die Straßenkarte betrachten, um sich der Plausibilität der vorgeschlagenen Navi-Route zu vergewissern.
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