Gedankengewimmel
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 352
ISBN: 978-3-7116-0854-3
Erscheinungsdatum: 26.01.2026
Kurze Alltagsbeobachtungen, ehrliche Gedanken und feine Anekdoten. Gedankengewimmel erzählt sowohl reflektierend als auch augenzwinkernd vom ganz normalen Leben mit seinen vielschichtigen Momenten. Ein Buch zum Schmunzeln, Wiedererkennen und Hinterfragen.
Mannheim, 1948
Meine Großmutter wollte mit mir in Mannheim Tante Lily besuchen. Wir fuhren von Heidelberg nach Mannheim und dort mit der Straßenbahn dahin, wo Tante Lily wohnte.
Wir fuhren durch eine Wüste. Rechts und links an der Straße die Grundstücke, die man enttrümmert hatte. Ich fragte meine Großmutter: „Ja, wo ist denn nun Mannheim?“
In einem Stadtviertel standen noch einige Gebäude, die oberen Stockwerke zerstört und notdürftig gesichert. Da lebte in einer Kellerwohnung Tante Lily.
Es gab Plätzchen und Tee.
Bad Homburg vor der Höhe 1949
Die Familie machte an einem Wochenende einen Ausflug nach Homburg vor der Höhe im Taunus.
Der große Kurpark war wie ein Paradies. Äußerst gepflegte Rasenflächen, Blumenrabatten. Unter den schattigen Bäumen stand als Besonderheit der Siamesische Tempel.
Und es gab einladende, weiß lackierte Sitzbänke. Wir Kinder wollten eine Cola trinken, aber die Eltern bedeuteten uns, dass man hier im Kurpark keine Cola trinken könne, sondern nur das äußerst gesunde Mineralwasser, für das Bad Homburg weithin berühmt war. Davon mussten wir ein Glas zu uns nehmen. Das Zeug hat abscheulich geschmeckt.
Die Bestätigung einer Erfahrung, die ich schon gemacht hatte: Die besonders gesunden Sachen, mit denen wir traktiert wurden, schmeckten abscheulich – Lebertran und nun das Mineralwasser in Bad Homburg.
Besuch bei Hermann Friedmann
Meine Eltern besuchten 1949 den berühmten Hermann Friedmann. Als kleines Kind begleitete ich sie.
Meines Vaters Beruf war damals, die Leitung des Amerika-Hauses in Heidelberg als deutscher Assistent bei der Programmgestaltung zu beraten.
Dabei war er wohl auf Hermann Friedmann aufmerksam geworden.
Der lebte damals in einem kleinen Gasthaus in Neckarsteinach.
Man saß beisammen, seine Frau spielte auf ihrer Geige.
Friedmann erzählte seinen Werdegang.
Er war 1873 in Bialystok in Nordpolen zur Welt gekommen. Seine Eltern gingen mit dem kleinen Hermann nach Riga, wo der Junge aufwuchs.
Die Stationen seines Lebens waren, wie ich Jahre später seiner Autobiografie „Sinnvolle Odyssee“ entnahm, Riga, Dorpat, Heidelberg, Basel, Berlin, Helsinki.
1934 ging er nach England, 1948 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er dann in Heidelberg 1957 verstarb.
Sein Metier war die Juristerei. Seine Liebe galt aber der Philosophie.
Zu seiner juristischen Tätigkeit gehörte, dass er in den 20er-Jahren tätig war, einen langjährigen Rechtsstreit um finnische Schiffe, die während des 1. Weltkrieges beschlagnahmt worden waren, beizulegen.
Seine philosophischen Werke waren 1929 „Die Welt der Formen“ und 1949 „Wissenschaft und Symbol“. Erwähnenswert ist auch „Nietzsche and the Germans“ in dem Sammelband „In tyrannos“ 1944.
In England hat er eine herausragende Rolle im „PEN-Club deutscher Autoren im Ausland“ gespielt.
Das alles war natürlich kein Gegenstand der Gespräche mit meinen Eltern. Da ging es vielmehr um Erinnerungen an Ostpreußen und an das Baltikum, in ostpreußischem und baltischem Dialekt.
Aber eins ist mir als Kind erinnerlich geblieben. Das war die Erzählung einer Episode aus seiner Universitätszeit in Dorpat.
Der Anatom Prof. Rauber schilderte in seiner Naturbegeisterung das Liebesleben der Frösche, bei dem Männchen und Weibchen sich monatelang begatten. In der lauschenden Stille des vollgepackten Hörsaales erklang der Stoßseufzer eines russischen Studenten: „Gliiicklicher Tier!“ Das Auditorium lachte.
Das erzählte Friedmann. Ich, damals drei Jahre alt, verstand die Pointe noch nicht ganz, fand es aber ganz köstlich.
Lehrer Burckhardt
In der Volksschule hatten wir in der 3. und 4. Klasse einen ganz fantastischen Lehrer, Burckhardt. Er unterrichtete uns in Erdkunde, Heimatkunde und Naturkunde. Ob er uns auch in anderen Fächern unterrichtete, weiß ich nicht mehr.
Die Fächer, an die ich mich erinnere, waren eine klug für unsere Altersstufe zusammengestellte Mischung aus Geografie, Botanik, Zoologie und der Geschichte der Region. Sie begann mit dem homo heidelbergensis (dem ältesten Menschenfund in Europa; sein Überrest, ein Unterkiefer, wurde südlich von Heidelberg gefunden). Die Geschichte reichte dann bis heute.
Die Schulhefte dieses Unterrichts habe ich aufgehoben und später zu zwei kleinen Bänden gebunden. Die Gegenstände:
Der Himmel der Heimat (Himmelsrichtungen)
Sonne und Sommer (auch Sonnenfinsternis)
Wind und Wetter
Wald und Wetter
Der Kreislauf des Wassers
Wie eine Quelle entsteht
Zur Heimat:
Der Heiligenberg bei Heidelberg
Das Schulgrundstück und seine Umgebung
Die Bodenformen
Heidelberg, Mannheim und Umgebung
Der Stadtteil Handschuhsheim
Stadtteil Neuenheim, Weststadt, Altstadt
Geschichte Heidelbergs
Das Heidelberger Schloss
Unser Trinkwasser
Gas
Elektrizität
Die Orte am Neckar
Der Odenwald
Schwetzingen
Mannheim und seine Fabriken
Baden und seine Landschaften
Wie die Rheinebene entstand
Der Schwarzwald
Die Naturkunde:
Frühling
Der Maikäfer
Bienen
Der Teich- oder Wasserfrosch
Vom Wald (wie bei anderen Themen mit einer kleinen
Exkursion der Klasse in den
Wald begleitet; im Heft findet sich als Abschrift von der Tafel: „Der
größte Feind des Waldes ist der Mensch“)
Das Getreidefeld
Der Hamster
Früchte des Waldes
Haustiere: Pferd, Hausrind, Hund, Hauskatze, Hausschwein
Das Eichhörnchen
Der Feldhase
Der Mensch
Das Hauskaninchen
Das Haushuhn
Der Lehrer Burckhardt war, was ich ein pädagogisches Urgestein nennen möchte. Er war zutiefst geprägt von der pädagogischen Reformbewegung der 20er-Jahre. Die Ideen waren größtmögliche Anschaulichkeit des Unterrichts und sensibles Eingehen auf die Einzelheiten. Und es war Arbeitsunterricht: Die Gegenstände sollten gemeinsam erarbeitet und dann in Hausaufgaben möglichst getreu in den Schulheften wiedergegeben werden.
Natürlich waren dabei die Ideen des ersten bedeutenden Pädagogen der Neuzeit, Johannes Amos Comenius, wirksam. Einer seiner zentralen Gedanken findet sich in einem seiner pädagogischen Hauptwerke: „Orbis sensualium pictus“ – die Welt als Gemälde für die Sinne.
Lehrer Burckhardt machte mit uns, wie erwähnt, Spaziergänge in den Stadtteilen und in den Wald. Dann beschrieb und malte er die Gegenstände mit unzähligen Farbkreiden, deren Verbrauch beträchtlich war, an die Tafel, wir malten sie ab. Ich fügte nach eigenem Gusto auch kleine Zeichnungen hinzu oder klebte, wenn es das gerade gab, passende Zeitungsausschnitte über die Sache dazu.
Ich habe diesen Lehrer sehr geliebt. Am Morgen wartete ich vor seinem Haus auf ihn. Wenn er dann kam, bat ich darum, ihm seine Schultasche tragen zu dürfen. Er akzeptierte das.
Er hat mich deswegen nicht bevorzugt behandelt.
Alle paar Wochen sammelte er die Schulhefte ein, nahm sie mit nach Hause und korrigierte sie sorgfältig. In meinen Heften findet sich immer, mit roter Tinte geschrieben, ein Lob über meinen Fleiß und meine Zeichnungen – und regelmäßig ein Tadel wegen meiner miserablen Handschrift.
Brot und Wein
Brot und Wein waren seit alters Grundnahrungsmittel.
Und wie die antiken Völker allen elementaren Lebensbedürfnissen göttliche Bedeutung zuschrieben, so war das Brot in ihren Augen eine Gabe der fruchtbarkeitsspendenden Erdgöttin Demeter.
Und der Wein die Gabe des weithergekommenen Gottes Dionysos. Da schwingt eine Ahnung davon nach, dass der Weinbau im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung aus Mesopotamien in den Mittelmeerraum kam.
Das Brot diente der Aufrechterhaltung der leiblichen Existenz, der Wein der Beflügelung des Geistes.
Das Christentum hat diese Heiligung elementarer Lebensbedürfnisse übernommen.
Das Wasser wurde zum Mittel der Reinigung eines neugeborenen Kindes bei der Taufe. Und füllte an den Eingängen der Kirche die Weihwasserbecken.
Das Feuer entzündete den Kerzenschein in den Kirchen, die Weihrauchkessel und die ewigen Lichter an den Gräbern.
Schaurig wurde es, als es nach 1487, dem Erscheinungsjahr des „Hexenhammers“ von H. Institorius und J. Sprenger, dazu diente, die Scheiterhaufen zu entzünden, auf denen Hexen und Hexer verbrannt wurden.
Und nach Wasser und Feuer nun Brot und Wein.
Sie erhielten eine zentrale Bedeutung beim liturgischen Mittelpunkt der katholischen Messe und im Protestantismus beim Abendmahl.
Das Brot sollte der Leib Christi darstellen: Brot als Grundlage der leiblichen Existenz.
Und der Wein erlebte eine eigentümliche Metamorphose: er sollte das Blut Christi darstellen.
Die Handelsbeziehungen zwischen Germanen und Römern
Um die Zeitenwende herum hat man sich die Sache so vorzustellen. Auf der einen Seite eine voll entwickelte, ja überreife Zivilisation, mit perfekt ausgebautem Militärsystem, Kleiderluxus und verfeinertem kulinarischen Geschmack mit Wein, edlem Obst und raffinierten Leckereien. Petronius Arbiter hat derlei beschrieben.
Auf der anderen Seite ein von Tacitus verherrlichtes Naturvolk. Das Militärsystem: rohe Gewalthaufen. Die Kleidung: Hosen, grobe Leinenkittel und Felle. Die Nahrung bestand aus Fleisch, Brot, einfachem Gemüse und Met.
Was haben die Germanen im Handel mit den Römern erworben? Im Wesentlichen Waffen und Wein, dessen Anbau ihnen unbekannt war.
Und womit haben sie diesen Handel bezahlt? Fleisch, Gemüse und Met brauchten die Römer nicht, das ägyptische Bier war viel besser.
Was konnten die Germanen verkaufen, wenn ihnen mal wieder der leckere Wein ausgegangen war oder die Waffen rostig geworden waren?
Da war zum einen der Bernstein von der Ostseeküste, der dem Altertum seit der Zeit der alten Griechen bekannt war und dem Schmuckbedürfnis der griechischen und römischen Frauen diente.
Und dann waren es die Felle der bei den Jagden erlegten Tiere, vom Bärenfell bis zu den feinen Fellen der Hermeline. Wenn es kalt in Rom wurde, kleidete man sich gern in Pelzkleidung, und der Hermelinbesatz auf den Luxusgarderoben der römischen Damen nahm sich sehr apart aus.
Und wenn die gefragten Dinge nicht in genügender Menge vorhanden waren und der Durst zu groß wurde, gab es ein letztes Mittel.
Die römischen Frauen waren wie heute die meisten Italienerinnen dunkelhaarig. Das gefiel nicht mehr.
Es kam die Sitte auf, dass sich die Damen die Köpfe scheren ließen und sich mit Perücken mit einer lockigen Prachtfülle an blonden Haaren schmückten. Da diese Haare nicht nachwuchsen, war der Bedarf an blondem Haar sehr groß.
Also griff der durstige Germane zur Schere und ließ seine Frau und seine Töchter kommen. Dass sie danach sehr kahlgeschoren aussahen, machte nichts – diese Haare wuchsen ja nach –, bis zum nächsten Mal.
Die Wirtschaftswissenschaften nennen das einen Synergieeffekt. Die Germanen hatten vorübergehend keinen Durst mehr, die römischen Männer froren im Winter nicht, und die römischen Damen hatten Luxusgarderoben mit Hermelinbesatz, Bernsteinschmuck und ganz entzückende blonde Perücken.
Aber wehe dem Römer, der es bei einem Gelage gewagt hätte, der von ihm angebeteten Schönen an seiner Seite beim Liebesspiel die Perücke zu lüften!
...
Meine Großmutter wollte mit mir in Mannheim Tante Lily besuchen. Wir fuhren von Heidelberg nach Mannheim und dort mit der Straßenbahn dahin, wo Tante Lily wohnte.
Wir fuhren durch eine Wüste. Rechts und links an der Straße die Grundstücke, die man enttrümmert hatte. Ich fragte meine Großmutter: „Ja, wo ist denn nun Mannheim?“
In einem Stadtviertel standen noch einige Gebäude, die oberen Stockwerke zerstört und notdürftig gesichert. Da lebte in einer Kellerwohnung Tante Lily.
Es gab Plätzchen und Tee.
Bad Homburg vor der Höhe 1949
Die Familie machte an einem Wochenende einen Ausflug nach Homburg vor der Höhe im Taunus.
Der große Kurpark war wie ein Paradies. Äußerst gepflegte Rasenflächen, Blumenrabatten. Unter den schattigen Bäumen stand als Besonderheit der Siamesische Tempel.
Und es gab einladende, weiß lackierte Sitzbänke. Wir Kinder wollten eine Cola trinken, aber die Eltern bedeuteten uns, dass man hier im Kurpark keine Cola trinken könne, sondern nur das äußerst gesunde Mineralwasser, für das Bad Homburg weithin berühmt war. Davon mussten wir ein Glas zu uns nehmen. Das Zeug hat abscheulich geschmeckt.
Die Bestätigung einer Erfahrung, die ich schon gemacht hatte: Die besonders gesunden Sachen, mit denen wir traktiert wurden, schmeckten abscheulich – Lebertran und nun das Mineralwasser in Bad Homburg.
Besuch bei Hermann Friedmann
Meine Eltern besuchten 1949 den berühmten Hermann Friedmann. Als kleines Kind begleitete ich sie.
Meines Vaters Beruf war damals, die Leitung des Amerika-Hauses in Heidelberg als deutscher Assistent bei der Programmgestaltung zu beraten.
Dabei war er wohl auf Hermann Friedmann aufmerksam geworden.
Der lebte damals in einem kleinen Gasthaus in Neckarsteinach.
Man saß beisammen, seine Frau spielte auf ihrer Geige.
Friedmann erzählte seinen Werdegang.
Er war 1873 in Bialystok in Nordpolen zur Welt gekommen. Seine Eltern gingen mit dem kleinen Hermann nach Riga, wo der Junge aufwuchs.
Die Stationen seines Lebens waren, wie ich Jahre später seiner Autobiografie „Sinnvolle Odyssee“ entnahm, Riga, Dorpat, Heidelberg, Basel, Berlin, Helsinki.
1934 ging er nach England, 1948 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er dann in Heidelberg 1957 verstarb.
Sein Metier war die Juristerei. Seine Liebe galt aber der Philosophie.
Zu seiner juristischen Tätigkeit gehörte, dass er in den 20er-Jahren tätig war, einen langjährigen Rechtsstreit um finnische Schiffe, die während des 1. Weltkrieges beschlagnahmt worden waren, beizulegen.
Seine philosophischen Werke waren 1929 „Die Welt der Formen“ und 1949 „Wissenschaft und Symbol“. Erwähnenswert ist auch „Nietzsche and the Germans“ in dem Sammelband „In tyrannos“ 1944.
In England hat er eine herausragende Rolle im „PEN-Club deutscher Autoren im Ausland“ gespielt.
Das alles war natürlich kein Gegenstand der Gespräche mit meinen Eltern. Da ging es vielmehr um Erinnerungen an Ostpreußen und an das Baltikum, in ostpreußischem und baltischem Dialekt.
Aber eins ist mir als Kind erinnerlich geblieben. Das war die Erzählung einer Episode aus seiner Universitätszeit in Dorpat.
Der Anatom Prof. Rauber schilderte in seiner Naturbegeisterung das Liebesleben der Frösche, bei dem Männchen und Weibchen sich monatelang begatten. In der lauschenden Stille des vollgepackten Hörsaales erklang der Stoßseufzer eines russischen Studenten: „Gliiicklicher Tier!“ Das Auditorium lachte.
Das erzählte Friedmann. Ich, damals drei Jahre alt, verstand die Pointe noch nicht ganz, fand es aber ganz köstlich.
Lehrer Burckhardt
In der Volksschule hatten wir in der 3. und 4. Klasse einen ganz fantastischen Lehrer, Burckhardt. Er unterrichtete uns in Erdkunde, Heimatkunde und Naturkunde. Ob er uns auch in anderen Fächern unterrichtete, weiß ich nicht mehr.
Die Fächer, an die ich mich erinnere, waren eine klug für unsere Altersstufe zusammengestellte Mischung aus Geografie, Botanik, Zoologie und der Geschichte der Region. Sie begann mit dem homo heidelbergensis (dem ältesten Menschenfund in Europa; sein Überrest, ein Unterkiefer, wurde südlich von Heidelberg gefunden). Die Geschichte reichte dann bis heute.
Die Schulhefte dieses Unterrichts habe ich aufgehoben und später zu zwei kleinen Bänden gebunden. Die Gegenstände:
Der Himmel der Heimat (Himmelsrichtungen)
Sonne und Sommer (auch Sonnenfinsternis)
Wind und Wetter
Wald und Wetter
Der Kreislauf des Wassers
Wie eine Quelle entsteht
Zur Heimat:
Der Heiligenberg bei Heidelberg
Das Schulgrundstück und seine Umgebung
Die Bodenformen
Heidelberg, Mannheim und Umgebung
Der Stadtteil Handschuhsheim
Stadtteil Neuenheim, Weststadt, Altstadt
Geschichte Heidelbergs
Das Heidelberger Schloss
Unser Trinkwasser
Gas
Elektrizität
Die Orte am Neckar
Der Odenwald
Schwetzingen
Mannheim und seine Fabriken
Baden und seine Landschaften
Wie die Rheinebene entstand
Der Schwarzwald
Die Naturkunde:
Frühling
Der Maikäfer
Bienen
Der Teich- oder Wasserfrosch
Vom Wald (wie bei anderen Themen mit einer kleinen
Exkursion der Klasse in den
Wald begleitet; im Heft findet sich als Abschrift von der Tafel: „Der
größte Feind des Waldes ist der Mensch“)
Das Getreidefeld
Der Hamster
Früchte des Waldes
Haustiere: Pferd, Hausrind, Hund, Hauskatze, Hausschwein
Das Eichhörnchen
Der Feldhase
Der Mensch
Das Hauskaninchen
Das Haushuhn
Der Lehrer Burckhardt war, was ich ein pädagogisches Urgestein nennen möchte. Er war zutiefst geprägt von der pädagogischen Reformbewegung der 20er-Jahre. Die Ideen waren größtmögliche Anschaulichkeit des Unterrichts und sensibles Eingehen auf die Einzelheiten. Und es war Arbeitsunterricht: Die Gegenstände sollten gemeinsam erarbeitet und dann in Hausaufgaben möglichst getreu in den Schulheften wiedergegeben werden.
Natürlich waren dabei die Ideen des ersten bedeutenden Pädagogen der Neuzeit, Johannes Amos Comenius, wirksam. Einer seiner zentralen Gedanken findet sich in einem seiner pädagogischen Hauptwerke: „Orbis sensualium pictus“ – die Welt als Gemälde für die Sinne.
Lehrer Burckhardt machte mit uns, wie erwähnt, Spaziergänge in den Stadtteilen und in den Wald. Dann beschrieb und malte er die Gegenstände mit unzähligen Farbkreiden, deren Verbrauch beträchtlich war, an die Tafel, wir malten sie ab. Ich fügte nach eigenem Gusto auch kleine Zeichnungen hinzu oder klebte, wenn es das gerade gab, passende Zeitungsausschnitte über die Sache dazu.
Ich habe diesen Lehrer sehr geliebt. Am Morgen wartete ich vor seinem Haus auf ihn. Wenn er dann kam, bat ich darum, ihm seine Schultasche tragen zu dürfen. Er akzeptierte das.
Er hat mich deswegen nicht bevorzugt behandelt.
Alle paar Wochen sammelte er die Schulhefte ein, nahm sie mit nach Hause und korrigierte sie sorgfältig. In meinen Heften findet sich immer, mit roter Tinte geschrieben, ein Lob über meinen Fleiß und meine Zeichnungen – und regelmäßig ein Tadel wegen meiner miserablen Handschrift.
Brot und Wein
Brot und Wein waren seit alters Grundnahrungsmittel.
Und wie die antiken Völker allen elementaren Lebensbedürfnissen göttliche Bedeutung zuschrieben, so war das Brot in ihren Augen eine Gabe der fruchtbarkeitsspendenden Erdgöttin Demeter.
Und der Wein die Gabe des weithergekommenen Gottes Dionysos. Da schwingt eine Ahnung davon nach, dass der Weinbau im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung aus Mesopotamien in den Mittelmeerraum kam.
Das Brot diente der Aufrechterhaltung der leiblichen Existenz, der Wein der Beflügelung des Geistes.
Das Christentum hat diese Heiligung elementarer Lebensbedürfnisse übernommen.
Das Wasser wurde zum Mittel der Reinigung eines neugeborenen Kindes bei der Taufe. Und füllte an den Eingängen der Kirche die Weihwasserbecken.
Das Feuer entzündete den Kerzenschein in den Kirchen, die Weihrauchkessel und die ewigen Lichter an den Gräbern.
Schaurig wurde es, als es nach 1487, dem Erscheinungsjahr des „Hexenhammers“ von H. Institorius und J. Sprenger, dazu diente, die Scheiterhaufen zu entzünden, auf denen Hexen und Hexer verbrannt wurden.
Und nach Wasser und Feuer nun Brot und Wein.
Sie erhielten eine zentrale Bedeutung beim liturgischen Mittelpunkt der katholischen Messe und im Protestantismus beim Abendmahl.
Das Brot sollte der Leib Christi darstellen: Brot als Grundlage der leiblichen Existenz.
Und der Wein erlebte eine eigentümliche Metamorphose: er sollte das Blut Christi darstellen.
Die Handelsbeziehungen zwischen Germanen und Römern
Um die Zeitenwende herum hat man sich die Sache so vorzustellen. Auf der einen Seite eine voll entwickelte, ja überreife Zivilisation, mit perfekt ausgebautem Militärsystem, Kleiderluxus und verfeinertem kulinarischen Geschmack mit Wein, edlem Obst und raffinierten Leckereien. Petronius Arbiter hat derlei beschrieben.
Auf der anderen Seite ein von Tacitus verherrlichtes Naturvolk. Das Militärsystem: rohe Gewalthaufen. Die Kleidung: Hosen, grobe Leinenkittel und Felle. Die Nahrung bestand aus Fleisch, Brot, einfachem Gemüse und Met.
Was haben die Germanen im Handel mit den Römern erworben? Im Wesentlichen Waffen und Wein, dessen Anbau ihnen unbekannt war.
Und womit haben sie diesen Handel bezahlt? Fleisch, Gemüse und Met brauchten die Römer nicht, das ägyptische Bier war viel besser.
Was konnten die Germanen verkaufen, wenn ihnen mal wieder der leckere Wein ausgegangen war oder die Waffen rostig geworden waren?
Da war zum einen der Bernstein von der Ostseeküste, der dem Altertum seit der Zeit der alten Griechen bekannt war und dem Schmuckbedürfnis der griechischen und römischen Frauen diente.
Und dann waren es die Felle der bei den Jagden erlegten Tiere, vom Bärenfell bis zu den feinen Fellen der Hermeline. Wenn es kalt in Rom wurde, kleidete man sich gern in Pelzkleidung, und der Hermelinbesatz auf den Luxusgarderoben der römischen Damen nahm sich sehr apart aus.
Und wenn die gefragten Dinge nicht in genügender Menge vorhanden waren und der Durst zu groß wurde, gab es ein letztes Mittel.
Die römischen Frauen waren wie heute die meisten Italienerinnen dunkelhaarig. Das gefiel nicht mehr.
Es kam die Sitte auf, dass sich die Damen die Köpfe scheren ließen und sich mit Perücken mit einer lockigen Prachtfülle an blonden Haaren schmückten. Da diese Haare nicht nachwuchsen, war der Bedarf an blondem Haar sehr groß.
Also griff der durstige Germane zur Schere und ließ seine Frau und seine Töchter kommen. Dass sie danach sehr kahlgeschoren aussahen, machte nichts – diese Haare wuchsen ja nach –, bis zum nächsten Mal.
Die Wirtschaftswissenschaften nennen das einen Synergieeffekt. Die Germanen hatten vorübergehend keinen Durst mehr, die römischen Männer froren im Winter nicht, und die römischen Damen hatten Luxusgarderoben mit Hermelinbesatz, Bernsteinschmuck und ganz entzückende blonde Perücken.
Aber wehe dem Römer, der es bei einem Gelage gewagt hätte, der von ihm angebeteten Schönen an seiner Seite beim Liebesspiel die Perücke zu lüften!
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