Fristen
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 320
ISBN: 978-3-7116-0978-6
Erscheinungsdatum: 28.01.2026
Das belletristische Werk bietet einen Einblick in die teils komplizierte Welt der Beziehungen. Dies betrifft nicht nur die klassische Liebesbeziehung, sondern auch jene zu den Eltern und Geschwistern. Liebe, Wut und Trauer liegen hierbei sehr nahe beieinander.
Davor
Bristol, Mittwoch, 06.07.2005,
Max: Wut
Max’ Faust saust auf die Kommode nieder. Wieder steht ihm die Szene vor Augen, mittags in der Kantine.
Verdammt, Steven! Und ich dachte, wir hätten einen guten Draht zueinander. Ja, das dachte ich wirklich.
Die Wut lässt sich nicht einfach runterschlucken. Selbst nach dem dritten Cognac tigert Max immer noch durch das Wohnzimmer, in Gedanken Steven anklagend.
Ich meinte tatsächlich kurz, in dir einen Seelenverwandten gefunden zu haben und dass wir nicht nur die Begeisterung für Radsport teilen.
Erst letzte Woche hatten wir uns zufällig auf dem „Bristol to Bath Cycle Path“ beim Radfahren getroffen und festgestellt, dass das Radfahren für uns beide der ideale Ausgleich zum Büroalltag ist. Ich habe dich sogar mit zu mir nach Hause genommen, dir meine Raupenzucht und einen Teil meiner Schmetterlingssammlung gezeigt. Kein einziges abfälliges Wort kam von dir. Deine Fragen, deine Bewunderung, dein Interesse … alles nur geheuchelt!
Max’ abwehrende Handbewegung macht die Enttäuschung leider nicht ungeschehen. Er lässt sich aufs Sofa plumpsen, steht aber sofort wieder auf, läuft erneut im Zimmer auf und ab, getrieben von innerem Aufruhr.
Und dann habe ich mich in der Kantine heute Mittag auch noch extra neben dich gesetzt. Shit! Ich dachte tatsächlich, wir könnten Freunde sein. Doch weit gefehlt. Daisy betrat die Kantine. Ich war wieder einmal überrascht, wie heftig mein Körper in letzter Zeit auf sie reagiert. Fühlte sich fast so an, als durchzuckte mich ein kurzer Stromstoß, als hätte ich einen elektrischen Zaun berührt. Sollte natürlich niemand mitbekommen. Ich rückte meinen Stuhl zurecht. Dabei quietschte der Boden. Anne vom Kfz-Schadenservice schaute prompt zu mir. Sah man mir was an?
„Daisy“, rief Steven, „komm doch zu uns, ich habe dir extra einen Platz freigehalten!“ Er deutete auf den Platz, genau uns gegenüber. Ich stutzte. Bis dahin hatte ich keine Ahnung gehabt, dass es Stevens Wasserflasche war, die er dort hingestellt hatte und jetzt zu sich zog. Und überhaupt, seit wann hatte Steven ein Auge auf Daisy geworfen?
Daisy strahlte uns beide an, nahm gegenüber Platz und grüßte auch die anderen am Tisch. „Wie cool, alle, die ich besonders mag, auf einem Haufen!“
Alle, die ich besonders gern mag. Sie hatte mich dabei kurz angesehen. Nein, das bildete ich mir nicht ein. Bei Daisys Worten durchströmte es mich warm und innerlich jubilierte ich: Sie mag mich also wirklich, hat mich letztens nicht einfach so nach Hause gefahren, weil sie ein netter Mensch ist.
„Ich werde ja am Samstag zum dritten Mal 29, ähm … oder zum vierten Mal?“, verkündete sie dann augenzwinkernd.
„Ich wollte euch gern alle einladen auf eine selbst gemachte vegetarische Pizza. Und ich will euch vorwarnen, bei mir gibt es keine alkoholischen Getränke. Aber ich kann sehr leckere Cocktails ohne Alkohol mixen. Wer kommt?“
„I“, brachte ich gerade mal heraus, da fiel Steven mir ins Wort. „Du, der Max, der ist schwer beschäftigt. Der kann nicht. Er muss am Wochenende seine Raupen graulen.
Ganz zu schweigen von den Puppen, die auf ihn warten.“
Und dann machte Steven eine vielsagende Pause.
Ich verschluckte mich fast, konnte es nicht fassen. Was sollte denn das auf einmal? Ich hatte das Gefühl, von innen heraus einzufrieren.
„Was für Puppen, sag schon!“, forderte Anne Steven zum Weiterreden auf und schaute sich sensationslüstern um.
„Oha, Puppen und unser Max. Jetzt wird es interessant!“, dröhnte Kollege Braun und feixte. „Ich dachte, er wäre so der Ich-finde-meine-große-Liebe-und-bleibe-für-immer-treu-Typ.“
Steven richtete sich kerzengerade auf, wohl um seine gut trainierte Brust unter dem leicht durchsichtigen weißen Hemd noch besser zur Geltung zu bringen. Er ließ seinen Blick über die Runde schweifen: „Na, die Schmetterlingspuppen in seinem Kühlschrank.“
Braun lachte schallend. „Ach ne … nicht dein Ernst!“
Wa-rum? Was gab es da zu lachen, frage ich mich. Ich hätte so gern etwas gesagt, aber brachte kein Wort heraus. Am schlimmsten war, dass Daisy mich mit einem Ausdruck von Ekel und Entsetzen ansah. War das etwa Stevens Absicht gewesen?
Wie sollen die Kollegen auch wissen, dass es gute Gründe dafür gibt, was so zusammenhanglos dahingesagt nur lächerlich wirkt. Ich hatte es Steven doch erklärt.
Durch das Aufbewahren der Puppen im Kühlschrank kann ich verhindern, dass die Schmetterlinge zu einem ungünstigen Zeitpunkt schlüpfen.
„Stimmt das?“, sprach Daisy mich direkt an. „Ist das nicht Tierquälerei?“
Ich war wie schockgefrostet. Daisys Gesichtsausdruck bei ihrer Frage brannte sich in mein Herz. Es tat weh.
John, sowieso nicht gerade mein Lieblingskollege, brummte etwas wie „bestimmt illegal.“ Ausgerechnet John musste den Mund aufmachen. Apropos eklig …, der bohrt beim Nachdenken immer in der Nase und hält jeden am Arm fest, wenn er mit einem spricht. Der weiß wohl gar nicht, was er für eine widerliche Angewohnheit hat.
Mein Stuhl fiel sogar um, als ich ihn zurückstieß und wortlos die Kantine verließ, niemanden mehr eines Blickes würdigend, einfach wegwollte.
Ich rannte die Treppe zu den Büros hinunter. In diesem Moment fühlte sich die Vorstellung, auch nur einen von ihnen noch mal sehen zu müssen, unerträglich an. Daisys Blick voll Abscheu und Enttäuschung verfolgte mich. Ich schnappte mir nur noch Unterlagen von meinem Schreibtisch, stopfte sie samt Laptop in die Tasche und verließ das Gebäude.
Für den Außentermin, den ich kurzerhand vorgezogen hatte, rief ich den Kunden vom Auto aus an. Wie beeindruckt Herr Collin mich angesehen hat, während ich ihm erklärte, welche Vorteile der erhöhte Versicherungsschutz in der Folgepolice gegenüber dem bisherigen Vertrag bietet, tat mir richtig gut. Diese Bewunderung, sogar Dankbarkeit, die Herr Collin mir vermittelte, weil er sich gut beraten fühlte und alles nachvollziehen konnte, entspannte mich kurzfristig ein wenig.
Mit den Worten: „Wissen Sie, ich möchte verstehen, wofür ich mein Geld ausgebe, verstehen, ob die Beitragserhöhung wirklich gerechtfertigt ist.“, verabschiedete sich Herr Collin von mir. Für zwei Stunden war es mir gelungen, die Szene in der Kantine auszublenden. Aber so richtig genießen konnte ich meinen Erfolg nicht.
Zu Hause angekommen, steht nun wieder alles vor meinen Augen. Ich brauchte sofort einen Cognac. Das erste Glas habe ich gleich hinuntergestürzt – und ein zweites hinterher.
„Ffuck you, Sch-tevn!“ Max tigert durch das Wohnzimmer, bleibt vor dem Bilderrahmen mit je einem besonders prächtigen Exemplar der Falter „Blauer Eisvogel, Schwalbenschwanz und Totenkopfschwärmer“ stehen. Alle von ihm selbst gefangen in einem Frankreichurlaub vor vielen Jahren, als man sich als Sammler noch nicht wie ein Verbrecher fühlen musste. Bewunderung erntete man für die Schönheit seiner Schätze, die sich dem Betrachter erst richtig auf den ausgebreiteten Flügeln offenbart.
Max streicht mit den Fingerspitzen über das Glas des Rahmens. Ich und ein Tierquäler! Er verdreht die Augen.
Ich bewahre eure Schönheit für die Nachwelt. „So sssieht’s doch aus!“, schreit Max die Wand an. So ein ungerechter Vorwurf. Als wäre es nicht genug, dass die Naturschützer so tun, als ob Schmetterlingssammler für das Verschwinden vieler Falter verantwortlich sind. „So’n Schwachsinn!“ Spucketröpfchen fliegen gegen das Glas.
Schmetterlingssammler sind die Bewahrer der Artenvielfalt. Zumindest waren sie es über viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, versichert sich Max in Gedanken. Immer mehr Arten sterben aus. Bald wird man ihre Schönheit nur noch hinter Glas bestaunen können. Immerhin das dank Sammlern wie mir. Die Landwirtschaft, Dünger, Pestizide, Monokulturen, das sind die Killer dieser herrlichen Tiere. Doch nicht ich! Sein heftiges Kopfnicken löst leichten Schwindel und Übelkeit bei ihm aus.
Er hat noch nichts gegessen. Mit einer abfälligen Handbewegung füllt er noch mal nach. Dabei hat er Daisys Gesichtsausdruck vor Augen und stöhnt. Das Gedankenkarussell dreht sich weiter.
Bei der letzten Betriebsweihnachtsparty hatten wir doch richtig Spaß, Daisy. Ich dachte sogar, dass du gern in meiner Nähe warst. Gut, teils verdankte ich das John. Der hatte zu viel Wein getrunken, legte immer wieder seinen Arm um dich und versuchte, dich an sich heranzuziehen. Du musstest viel Kraft aufwenden, um dich von ihm loszureißen. Da habe ich dich einfach angesprochen, dich mit ans Buffet genommen und gefragt, ob du auch so gern Tiramisu magst.
Du hast mich so freudig und sichtlich erleichtert angestrahlt, mich, deinen Retter, und gesagt:
„Und ob Max. Danke.“
Max lächelt in Gedanken.
Danach haben wir uns noch länger unterhalten, uns sogar Witze erzählt und miteinander darüber gelacht. Dabei stellten wir fest, dass wir dieselbe Art Humor bevorzugen. Ich bin zum ersten Mal ins Wanken gekommen, fand mich stark zu dir hingezogen, was mich selbst überraschte. Kolleginnen waren für mich immer tabu. Aber du hast mich geflasht, Daisy. Seither lächeln wir uns viel öfter an. Und dennoch hielt mich die Tatsache, dass du meine Kollegin bist, zurück, endlich Initiative zu ergreifen.
Steven hat offensichtlich damit kein Problem. Er ist erst seit April in der Firma, doch sein smartes Äußeres und sein selbstbewusstes Auftreten kommen gut an. Das fällt sogar mir als Mann auf. Dazu kommt, dass er es mit den Kunden gut kann. Die vielen Versicherungsabschlüsse, die er in der kurzen Zeit schon vorzuweisen vermag, sprechen für sich.
„Shit! Merde! Ich scheiß auf deine Freundschaft, Sch-teven! Du bis wie ein u-umgekippter Wein mit ssaurem Nachhall. Jawoll. Un üwerhaupt … ich haawe auch sch … on Raup’n ausch äh ausgesetzt. Sätz it nämlich! Genau se Opposit. Von wegen Tiierquäler. Un …, Daisy, anyway I will miss your party. Hanna. Hanna ruf ich jetz an.“
Max schnappt sich zwei Scheiben Käse, schlingt sie runter und wählt Hannas Nummer.
Düsseldorf, Hanna:
Erstes Telefonat mit Max
Hanna zählt sieben, acht, neun, zehn, bevor sie ihre Übung zum Song der Bee Gees „Stayin’ alive“ abbricht. Ihr Handy vibriert aufdringlich lang. Keine Chance, es zu ignorieren, könnte ja wichtig sein.
Sie wischt sich mit einem Frotteetuch über die Stirn und den Nacken. Oh nein, muss das jetzt sein … Um diese Zeit ruft normalerweise keiner an. Wer sie näher kennt, weiß, dass dann bei ihr Gymnastik angesagt ist, genauer gesagt Bauch-Beine-Po, und sie nicht gestört werden will. Ob etwas mit Mum ist? Nein, es ist Max. Kurz zögert sie. Oh Mann, es ist wirklich schon fast drei Monate her, dass sie ihren großen Bruder zuletzt gehört hat. Doch sie wollte ihn sowieso verständigen, dass Mum die Grippe schlimm erwischt hat. Und nach ihrem Dad wollte sie sich auch mal wieder erkundigen. Passt also.
„Hallo Max, what’s up, dear.“
„Hanna?“
Lallt Max etwa?
„Max, alles okay bei dir?“
„Nein, nichts is okay … unnich, ich brauch jetz … kannsumir zuhören?“
„Klar“, sagt Hanna, obwohl sich alles in ihr versteift. Denn es scheint wieder einmal nur um Max zu gehen. Max hat, Max braucht, Max kann … Sie ärgert sich über Max und über sich selbst. Sie weiß, warum sie sich nicht darum reißt, mit ihm zu telefonieren. Warum fällt es ihr so schwer, anderen Menschen zu sagen, was sie will oder nicht will?
Während sie sich ärgert, regt Max sich über einen Steven auf. Ist wohl ein neuer Kollege. „Die anderen haben auch noch gelacht. Haben über seine f … fiesen Sch-prüche gelacht.“ Zum Glück hat Max nicht mitbekommen, dass Hanna über „die Puppen, die auf ihn warten“ auch fast laut losgelacht hätte. Sie hat sich die Hand vor den Mund gehalten, das Lachen unterdrückt und sich dann geräuspert. Vielleicht sollte sie versuchen, ihn zu beruhigen und sagt deshalb: „Du, so schlimm klingt das für mich gar nicht. Warum hast du nicht einfach mitgelacht?“
„Mitgelacht? Verarscht du mich? Wllsu mir innen Rücken fallen? Das war total hinnerlistig von dem. Unnas alles vor Daisy.“
Sieh da, denkt Hanna, mein Bruder will dieser Daisy wohl imponieren und fürchtet nun, als Spinner vor ihr dazustehen. Kann mich nicht erinnern, dass Max sie irgendwann besonders erwähnt hat.
„Hinnerlistig und fies is das, Hanna. Mich als Tierquäler su beseichnen.“
„Max, sag mal: Ist das Fangen von Schmetterlingen nicht sowieso inzwischen verboten? Wo hast du die denn her?
Und was machst du damit?“
„Hanna, hör mal su … Ich vervoll-vollständige nur noch meine Sammlung. Verstehst du? Ich speschia-lisiere mich jetzt auf die Sucht, äh die Z-Zucht. Verstehst du? Ich sorge dafür, dass dort, wo du keine Schmetterlinge mehr findest, sie wieder anzutreffen sind. Wie klingt das?“
„Hm … für mich klingt es so: Du hast das Fangen noch nicht ganz eingestellt und lügst dir selbst in die Tasche.“
„Waas?“, Hanna, nich auch noch du. Ich hab einen Auftrag.“
Einen Auftrag? Ist ihr etwas entgangen? Hat er vielleicht eine Möglichkeit gefunden, legal seiner Leidenschaft nachzugehen?
„Et voilá une belle merde.“ In seiner Empörung wechselt Max ins Französische und spricht plötzlich viel deutlicher, fällt Hanna auf. Und das Fluchen beherrscht er immer noch. Fluchen und Kraftausdrücke waren ihnen daheim verboten. Damit Mum ihn nicht sofort verstand, hatte Max sich diesen speziellen französischen Wortschatz nebenbei angeeignet. Das half aber nur kurz.
„Vielleicht verstehe ich dich ja auch falsch. Max, beruhige dich. Erklär mir das mal bei anderer Gelegenheit. Aber eines ist mir klar: Du willst nicht, dass Daisy einen schlechten Eindruck von dir hat.“
„Einen falschen Hanna, einen ganz falschen! Ich sammle für die Nachwelt. Verstehst du? Ich vermache meine Sammlung einem Naturkundemuseum. Was sagst du jetzt?!“
Hanna hört, wie Max Rauch ausstößt. Er raucht also immer noch. Oder wieder? Beim letzten Telefonat hatte er ihr versichert, damit aufhören zu wollen. Und er bemüht sich offenbar jetzt, deutlich zu sprechen. Und Daisy ist bestimmt nicht der einzige Mensch, der aufgespießte Insekten widerlich findet. Davon ist Hanna überzeugt. Auf die Sache mit dem Naturkundemuseum möchte sie jetzt nicht auch noch eingehen. „Hanna? Bist du noch da? Hast … hast du gehört?“, hakt Max nach.
„Ja sicher, das kannst du ja gleich morgen bei Daisy klarstellen, oder? Sprich mit ihr Max. Erklär ihr, warum du das machst und wofür es nützlich ist. Wenn sie dich wirklich mag, wird Stevens Gerede sie womöglich nicht völlig abgeschreckt haben. Sie muss nachvollziehen können, warum du das machst. Was ganz anderes. Sag mal, rauchst du immer noch so viel?“
„Ne, nur manchmal, nur jetzt. Im Büro gar nicht.“
Ob das etwas mit dieser Daisy zu tun hat, fragt sich Hanna. Verheimlicht er das Rauchen vor ihr oder vermeidet es zumindest in ihrer Gegenwart? Vielleicht täte ihm diese Daisy ja gut. Hatte sie nicht vorhin aus seinem Redeschwall herausgefiltert, dass Daisy nur alkoholfreie Getränke an ihrem Geburtstag servieren will? Und vegetarische Pizza? Sie scheint auf eine bewusste Ernährung Wert zu legen. Oh, oh, … das könnte natürlich auch eine Herausforderung werden.
Ob Max das gar nicht bewusst ist? Amantes amentes. Liebende sind wirklich manchmal ein bisschen von Sinnen und wollen keinen Haken sehen. Hanna atmet hörbar ein und fragt sich: Wer gibt hier wem Ratschläge? Der große Bruder jedenfalls nicht. Aber wir haben wieder Kontakt. Max allein mit Dad … das hat wahrscheinlich in den Jahren auf ihn abgefärbt.
„Ich geh eh nicht zu Daisys Party.“
Max’ Worte lassen Hanna aufhorchen.
„Und wieso das jetzt nicht?“
„Ich fahre doch am Wochenende in Urlaub. Wieder durch Frankreich.“
„Ach ja? Warum hast du das nicht gleich gesagt. Das ist doch ideal. Kläre vorher alles. Der Abstand tut euch bestimmt beiden gut, um alles sacken zu lassen.“
„Meinst du?“
„Auf jeden Fall. Lass es nicht lange anstehen. Schaffe Klarheit. Carpe diem, Bruderherz.“
„Na gut, Hanna. Ich hoffe, du hast recht. Und wie geht es Mum?“
Wenigstens nach ihr fragt er noch … Hanna nutzt die Chance.
„Gar nicht gut, Max. Ihre Erkältung hat sich zu einer dollen Grippe gemausert. Ruf sie doch mal an.“
„Nicht dein Ernst. Merkst du nicht, in welcher Verfassung ich bin? Nach dem Urlaub, Hanna. Versprochen. Gib ihr Get-well-wishes weiter.“
„Du drückst dich immer noch vor dem Kontakt mit Mum.“
...
Bristol, Mittwoch, 06.07.2005,
Max: Wut
Max’ Faust saust auf die Kommode nieder. Wieder steht ihm die Szene vor Augen, mittags in der Kantine.
Verdammt, Steven! Und ich dachte, wir hätten einen guten Draht zueinander. Ja, das dachte ich wirklich.
Die Wut lässt sich nicht einfach runterschlucken. Selbst nach dem dritten Cognac tigert Max immer noch durch das Wohnzimmer, in Gedanken Steven anklagend.
Ich meinte tatsächlich kurz, in dir einen Seelenverwandten gefunden zu haben und dass wir nicht nur die Begeisterung für Radsport teilen.
Erst letzte Woche hatten wir uns zufällig auf dem „Bristol to Bath Cycle Path“ beim Radfahren getroffen und festgestellt, dass das Radfahren für uns beide der ideale Ausgleich zum Büroalltag ist. Ich habe dich sogar mit zu mir nach Hause genommen, dir meine Raupenzucht und einen Teil meiner Schmetterlingssammlung gezeigt. Kein einziges abfälliges Wort kam von dir. Deine Fragen, deine Bewunderung, dein Interesse … alles nur geheuchelt!
Max’ abwehrende Handbewegung macht die Enttäuschung leider nicht ungeschehen. Er lässt sich aufs Sofa plumpsen, steht aber sofort wieder auf, läuft erneut im Zimmer auf und ab, getrieben von innerem Aufruhr.
Und dann habe ich mich in der Kantine heute Mittag auch noch extra neben dich gesetzt. Shit! Ich dachte tatsächlich, wir könnten Freunde sein. Doch weit gefehlt. Daisy betrat die Kantine. Ich war wieder einmal überrascht, wie heftig mein Körper in letzter Zeit auf sie reagiert. Fühlte sich fast so an, als durchzuckte mich ein kurzer Stromstoß, als hätte ich einen elektrischen Zaun berührt. Sollte natürlich niemand mitbekommen. Ich rückte meinen Stuhl zurecht. Dabei quietschte der Boden. Anne vom Kfz-Schadenservice schaute prompt zu mir. Sah man mir was an?
„Daisy“, rief Steven, „komm doch zu uns, ich habe dir extra einen Platz freigehalten!“ Er deutete auf den Platz, genau uns gegenüber. Ich stutzte. Bis dahin hatte ich keine Ahnung gehabt, dass es Stevens Wasserflasche war, die er dort hingestellt hatte und jetzt zu sich zog. Und überhaupt, seit wann hatte Steven ein Auge auf Daisy geworfen?
Daisy strahlte uns beide an, nahm gegenüber Platz und grüßte auch die anderen am Tisch. „Wie cool, alle, die ich besonders mag, auf einem Haufen!“
Alle, die ich besonders gern mag. Sie hatte mich dabei kurz angesehen. Nein, das bildete ich mir nicht ein. Bei Daisys Worten durchströmte es mich warm und innerlich jubilierte ich: Sie mag mich also wirklich, hat mich letztens nicht einfach so nach Hause gefahren, weil sie ein netter Mensch ist.
„Ich werde ja am Samstag zum dritten Mal 29, ähm … oder zum vierten Mal?“, verkündete sie dann augenzwinkernd.
„Ich wollte euch gern alle einladen auf eine selbst gemachte vegetarische Pizza. Und ich will euch vorwarnen, bei mir gibt es keine alkoholischen Getränke. Aber ich kann sehr leckere Cocktails ohne Alkohol mixen. Wer kommt?“
„I“, brachte ich gerade mal heraus, da fiel Steven mir ins Wort. „Du, der Max, der ist schwer beschäftigt. Der kann nicht. Er muss am Wochenende seine Raupen graulen.
Ganz zu schweigen von den Puppen, die auf ihn warten.“
Und dann machte Steven eine vielsagende Pause.
Ich verschluckte mich fast, konnte es nicht fassen. Was sollte denn das auf einmal? Ich hatte das Gefühl, von innen heraus einzufrieren.
„Was für Puppen, sag schon!“, forderte Anne Steven zum Weiterreden auf und schaute sich sensationslüstern um.
„Oha, Puppen und unser Max. Jetzt wird es interessant!“, dröhnte Kollege Braun und feixte. „Ich dachte, er wäre so der Ich-finde-meine-große-Liebe-und-bleibe-für-immer-treu-Typ.“
Steven richtete sich kerzengerade auf, wohl um seine gut trainierte Brust unter dem leicht durchsichtigen weißen Hemd noch besser zur Geltung zu bringen. Er ließ seinen Blick über die Runde schweifen: „Na, die Schmetterlingspuppen in seinem Kühlschrank.“
Braun lachte schallend. „Ach ne … nicht dein Ernst!“
Wa-rum? Was gab es da zu lachen, frage ich mich. Ich hätte so gern etwas gesagt, aber brachte kein Wort heraus. Am schlimmsten war, dass Daisy mich mit einem Ausdruck von Ekel und Entsetzen ansah. War das etwa Stevens Absicht gewesen?
Wie sollen die Kollegen auch wissen, dass es gute Gründe dafür gibt, was so zusammenhanglos dahingesagt nur lächerlich wirkt. Ich hatte es Steven doch erklärt.
Durch das Aufbewahren der Puppen im Kühlschrank kann ich verhindern, dass die Schmetterlinge zu einem ungünstigen Zeitpunkt schlüpfen.
„Stimmt das?“, sprach Daisy mich direkt an. „Ist das nicht Tierquälerei?“
Ich war wie schockgefrostet. Daisys Gesichtsausdruck bei ihrer Frage brannte sich in mein Herz. Es tat weh.
John, sowieso nicht gerade mein Lieblingskollege, brummte etwas wie „bestimmt illegal.“ Ausgerechnet John musste den Mund aufmachen. Apropos eklig …, der bohrt beim Nachdenken immer in der Nase und hält jeden am Arm fest, wenn er mit einem spricht. Der weiß wohl gar nicht, was er für eine widerliche Angewohnheit hat.
Mein Stuhl fiel sogar um, als ich ihn zurückstieß und wortlos die Kantine verließ, niemanden mehr eines Blickes würdigend, einfach wegwollte.
Ich rannte die Treppe zu den Büros hinunter. In diesem Moment fühlte sich die Vorstellung, auch nur einen von ihnen noch mal sehen zu müssen, unerträglich an. Daisys Blick voll Abscheu und Enttäuschung verfolgte mich. Ich schnappte mir nur noch Unterlagen von meinem Schreibtisch, stopfte sie samt Laptop in die Tasche und verließ das Gebäude.
Für den Außentermin, den ich kurzerhand vorgezogen hatte, rief ich den Kunden vom Auto aus an. Wie beeindruckt Herr Collin mich angesehen hat, während ich ihm erklärte, welche Vorteile der erhöhte Versicherungsschutz in der Folgepolice gegenüber dem bisherigen Vertrag bietet, tat mir richtig gut. Diese Bewunderung, sogar Dankbarkeit, die Herr Collin mir vermittelte, weil er sich gut beraten fühlte und alles nachvollziehen konnte, entspannte mich kurzfristig ein wenig.
Mit den Worten: „Wissen Sie, ich möchte verstehen, wofür ich mein Geld ausgebe, verstehen, ob die Beitragserhöhung wirklich gerechtfertigt ist.“, verabschiedete sich Herr Collin von mir. Für zwei Stunden war es mir gelungen, die Szene in der Kantine auszublenden. Aber so richtig genießen konnte ich meinen Erfolg nicht.
Zu Hause angekommen, steht nun wieder alles vor meinen Augen. Ich brauchte sofort einen Cognac. Das erste Glas habe ich gleich hinuntergestürzt – und ein zweites hinterher.
„Ffuck you, Sch-tevn!“ Max tigert durch das Wohnzimmer, bleibt vor dem Bilderrahmen mit je einem besonders prächtigen Exemplar der Falter „Blauer Eisvogel, Schwalbenschwanz und Totenkopfschwärmer“ stehen. Alle von ihm selbst gefangen in einem Frankreichurlaub vor vielen Jahren, als man sich als Sammler noch nicht wie ein Verbrecher fühlen musste. Bewunderung erntete man für die Schönheit seiner Schätze, die sich dem Betrachter erst richtig auf den ausgebreiteten Flügeln offenbart.
Max streicht mit den Fingerspitzen über das Glas des Rahmens. Ich und ein Tierquäler! Er verdreht die Augen.
Ich bewahre eure Schönheit für die Nachwelt. „So sssieht’s doch aus!“, schreit Max die Wand an. So ein ungerechter Vorwurf. Als wäre es nicht genug, dass die Naturschützer so tun, als ob Schmetterlingssammler für das Verschwinden vieler Falter verantwortlich sind. „So’n Schwachsinn!“ Spucketröpfchen fliegen gegen das Glas.
Schmetterlingssammler sind die Bewahrer der Artenvielfalt. Zumindest waren sie es über viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, versichert sich Max in Gedanken. Immer mehr Arten sterben aus. Bald wird man ihre Schönheit nur noch hinter Glas bestaunen können. Immerhin das dank Sammlern wie mir. Die Landwirtschaft, Dünger, Pestizide, Monokulturen, das sind die Killer dieser herrlichen Tiere. Doch nicht ich! Sein heftiges Kopfnicken löst leichten Schwindel und Übelkeit bei ihm aus.
Er hat noch nichts gegessen. Mit einer abfälligen Handbewegung füllt er noch mal nach. Dabei hat er Daisys Gesichtsausdruck vor Augen und stöhnt. Das Gedankenkarussell dreht sich weiter.
Bei der letzten Betriebsweihnachtsparty hatten wir doch richtig Spaß, Daisy. Ich dachte sogar, dass du gern in meiner Nähe warst. Gut, teils verdankte ich das John. Der hatte zu viel Wein getrunken, legte immer wieder seinen Arm um dich und versuchte, dich an sich heranzuziehen. Du musstest viel Kraft aufwenden, um dich von ihm loszureißen. Da habe ich dich einfach angesprochen, dich mit ans Buffet genommen und gefragt, ob du auch so gern Tiramisu magst.
Du hast mich so freudig und sichtlich erleichtert angestrahlt, mich, deinen Retter, und gesagt:
„Und ob Max. Danke.“
Max lächelt in Gedanken.
Danach haben wir uns noch länger unterhalten, uns sogar Witze erzählt und miteinander darüber gelacht. Dabei stellten wir fest, dass wir dieselbe Art Humor bevorzugen. Ich bin zum ersten Mal ins Wanken gekommen, fand mich stark zu dir hingezogen, was mich selbst überraschte. Kolleginnen waren für mich immer tabu. Aber du hast mich geflasht, Daisy. Seither lächeln wir uns viel öfter an. Und dennoch hielt mich die Tatsache, dass du meine Kollegin bist, zurück, endlich Initiative zu ergreifen.
Steven hat offensichtlich damit kein Problem. Er ist erst seit April in der Firma, doch sein smartes Äußeres und sein selbstbewusstes Auftreten kommen gut an. Das fällt sogar mir als Mann auf. Dazu kommt, dass er es mit den Kunden gut kann. Die vielen Versicherungsabschlüsse, die er in der kurzen Zeit schon vorzuweisen vermag, sprechen für sich.
„Shit! Merde! Ich scheiß auf deine Freundschaft, Sch-teven! Du bis wie ein u-umgekippter Wein mit ssaurem Nachhall. Jawoll. Un üwerhaupt … ich haawe auch sch … on Raup’n ausch äh ausgesetzt. Sätz it nämlich! Genau se Opposit. Von wegen Tiierquäler. Un …, Daisy, anyway I will miss your party. Hanna. Hanna ruf ich jetz an.“
Max schnappt sich zwei Scheiben Käse, schlingt sie runter und wählt Hannas Nummer.
Düsseldorf, Hanna:
Erstes Telefonat mit Max
Hanna zählt sieben, acht, neun, zehn, bevor sie ihre Übung zum Song der Bee Gees „Stayin’ alive“ abbricht. Ihr Handy vibriert aufdringlich lang. Keine Chance, es zu ignorieren, könnte ja wichtig sein.
Sie wischt sich mit einem Frotteetuch über die Stirn und den Nacken. Oh nein, muss das jetzt sein … Um diese Zeit ruft normalerweise keiner an. Wer sie näher kennt, weiß, dass dann bei ihr Gymnastik angesagt ist, genauer gesagt Bauch-Beine-Po, und sie nicht gestört werden will. Ob etwas mit Mum ist? Nein, es ist Max. Kurz zögert sie. Oh Mann, es ist wirklich schon fast drei Monate her, dass sie ihren großen Bruder zuletzt gehört hat. Doch sie wollte ihn sowieso verständigen, dass Mum die Grippe schlimm erwischt hat. Und nach ihrem Dad wollte sie sich auch mal wieder erkundigen. Passt also.
„Hallo Max, what’s up, dear.“
„Hanna?“
Lallt Max etwa?
„Max, alles okay bei dir?“
„Nein, nichts is okay … unnich, ich brauch jetz … kannsumir zuhören?“
„Klar“, sagt Hanna, obwohl sich alles in ihr versteift. Denn es scheint wieder einmal nur um Max zu gehen. Max hat, Max braucht, Max kann … Sie ärgert sich über Max und über sich selbst. Sie weiß, warum sie sich nicht darum reißt, mit ihm zu telefonieren. Warum fällt es ihr so schwer, anderen Menschen zu sagen, was sie will oder nicht will?
Während sie sich ärgert, regt Max sich über einen Steven auf. Ist wohl ein neuer Kollege. „Die anderen haben auch noch gelacht. Haben über seine f … fiesen Sch-prüche gelacht.“ Zum Glück hat Max nicht mitbekommen, dass Hanna über „die Puppen, die auf ihn warten“ auch fast laut losgelacht hätte. Sie hat sich die Hand vor den Mund gehalten, das Lachen unterdrückt und sich dann geräuspert. Vielleicht sollte sie versuchen, ihn zu beruhigen und sagt deshalb: „Du, so schlimm klingt das für mich gar nicht. Warum hast du nicht einfach mitgelacht?“
„Mitgelacht? Verarscht du mich? Wllsu mir innen Rücken fallen? Das war total hinnerlistig von dem. Unnas alles vor Daisy.“
Sieh da, denkt Hanna, mein Bruder will dieser Daisy wohl imponieren und fürchtet nun, als Spinner vor ihr dazustehen. Kann mich nicht erinnern, dass Max sie irgendwann besonders erwähnt hat.
„Hinnerlistig und fies is das, Hanna. Mich als Tierquäler su beseichnen.“
„Max, sag mal: Ist das Fangen von Schmetterlingen nicht sowieso inzwischen verboten? Wo hast du die denn her?
Und was machst du damit?“
„Hanna, hör mal su … Ich vervoll-vollständige nur noch meine Sammlung. Verstehst du? Ich speschia-lisiere mich jetzt auf die Sucht, äh die Z-Zucht. Verstehst du? Ich sorge dafür, dass dort, wo du keine Schmetterlinge mehr findest, sie wieder anzutreffen sind. Wie klingt das?“
„Hm … für mich klingt es so: Du hast das Fangen noch nicht ganz eingestellt und lügst dir selbst in die Tasche.“
„Waas?“, Hanna, nich auch noch du. Ich hab einen Auftrag.“
Einen Auftrag? Ist ihr etwas entgangen? Hat er vielleicht eine Möglichkeit gefunden, legal seiner Leidenschaft nachzugehen?
„Et voilá une belle merde.“ In seiner Empörung wechselt Max ins Französische und spricht plötzlich viel deutlicher, fällt Hanna auf. Und das Fluchen beherrscht er immer noch. Fluchen und Kraftausdrücke waren ihnen daheim verboten. Damit Mum ihn nicht sofort verstand, hatte Max sich diesen speziellen französischen Wortschatz nebenbei angeeignet. Das half aber nur kurz.
„Vielleicht verstehe ich dich ja auch falsch. Max, beruhige dich. Erklär mir das mal bei anderer Gelegenheit. Aber eines ist mir klar: Du willst nicht, dass Daisy einen schlechten Eindruck von dir hat.“
„Einen falschen Hanna, einen ganz falschen! Ich sammle für die Nachwelt. Verstehst du? Ich vermache meine Sammlung einem Naturkundemuseum. Was sagst du jetzt?!“
Hanna hört, wie Max Rauch ausstößt. Er raucht also immer noch. Oder wieder? Beim letzten Telefonat hatte er ihr versichert, damit aufhören zu wollen. Und er bemüht sich offenbar jetzt, deutlich zu sprechen. Und Daisy ist bestimmt nicht der einzige Mensch, der aufgespießte Insekten widerlich findet. Davon ist Hanna überzeugt. Auf die Sache mit dem Naturkundemuseum möchte sie jetzt nicht auch noch eingehen. „Hanna? Bist du noch da? Hast … hast du gehört?“, hakt Max nach.
„Ja sicher, das kannst du ja gleich morgen bei Daisy klarstellen, oder? Sprich mit ihr Max. Erklär ihr, warum du das machst und wofür es nützlich ist. Wenn sie dich wirklich mag, wird Stevens Gerede sie womöglich nicht völlig abgeschreckt haben. Sie muss nachvollziehen können, warum du das machst. Was ganz anderes. Sag mal, rauchst du immer noch so viel?“
„Ne, nur manchmal, nur jetzt. Im Büro gar nicht.“
Ob das etwas mit dieser Daisy zu tun hat, fragt sich Hanna. Verheimlicht er das Rauchen vor ihr oder vermeidet es zumindest in ihrer Gegenwart? Vielleicht täte ihm diese Daisy ja gut. Hatte sie nicht vorhin aus seinem Redeschwall herausgefiltert, dass Daisy nur alkoholfreie Getränke an ihrem Geburtstag servieren will? Und vegetarische Pizza? Sie scheint auf eine bewusste Ernährung Wert zu legen. Oh, oh, … das könnte natürlich auch eine Herausforderung werden.
Ob Max das gar nicht bewusst ist? Amantes amentes. Liebende sind wirklich manchmal ein bisschen von Sinnen und wollen keinen Haken sehen. Hanna atmet hörbar ein und fragt sich: Wer gibt hier wem Ratschläge? Der große Bruder jedenfalls nicht. Aber wir haben wieder Kontakt. Max allein mit Dad … das hat wahrscheinlich in den Jahren auf ihn abgefärbt.
„Ich geh eh nicht zu Daisys Party.“
Max’ Worte lassen Hanna aufhorchen.
„Und wieso das jetzt nicht?“
„Ich fahre doch am Wochenende in Urlaub. Wieder durch Frankreich.“
„Ach ja? Warum hast du das nicht gleich gesagt. Das ist doch ideal. Kläre vorher alles. Der Abstand tut euch bestimmt beiden gut, um alles sacken zu lassen.“
„Meinst du?“
„Auf jeden Fall. Lass es nicht lange anstehen. Schaffe Klarheit. Carpe diem, Bruderherz.“
„Na gut, Hanna. Ich hoffe, du hast recht. Und wie geht es Mum?“
Wenigstens nach ihr fragt er noch … Hanna nutzt die Chance.
„Gar nicht gut, Max. Ihre Erkältung hat sich zu einer dollen Grippe gemausert. Ruf sie doch mal an.“
„Nicht dein Ernst. Merkst du nicht, in welcher Verfassung ich bin? Nach dem Urlaub, Hanna. Versprochen. Gib ihr Get-well-wishes weiter.“
„Du drückst dich immer noch vor dem Kontakt mit Mum.“
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