Sonstiges & Allerlei

Frau Kaiser und die Steine auf ihrem Weg

Ulla Garden

Frau Kaiser und die Steine auf ihrem Weg

Leseprobe:

1

„Hi Ladys, ihr habt aber viel vor!“ Maximilian strahlte die beiden jungen Frauen, die mit Getränkekisten und vollen Einkaufstüten vor dem Lift in der Tiefgarage warteten, mit einem Lächeln an, das für eine gute Zahnpasta-Werbung taugen würde. Und er sah verdammt gut aus mit dem lockigen schwarzen Haar, den dunklen Augen, dem leicht nach oben gezwirbelten Schnauzbart und dem kleinen Bärtchen auf dem Kinn. „Logo, meine Freundin feiert heute ihren Geburtstag“, erwiderte eine der beiden jungen Frauen lachend. „Kommt doch einfach auch dazu, wir haben sowieso zu wenig Jungs“, ergänzte sie. „He Leni, komm, lad die beiden doch ein, oder hat es dir die Sprache verschlagen?“, forderte sie ihre Freundin auf.
Leni war tatsächlich sprachlos, aber eigentlich sollte sie ihre Freundin Julia ja kennen, die ließ kaum mal eine Gelegenheit für einen Flirt aus.
„Oh, ihr wollt auch in den vierten Stock“ plauderte Julia munter weiter als alle in den Lift eingestiegen waren und Johannes den Knopf für den vierten Stock gedrückt hatte.
Zu viert und dann noch mit den ganzen Einkäufen war es in der Kabine ziemlich eng, und Leni war nicht auf das Kribbeln gefasst, das sie plötzlich überkam, als sie so nah neben Johannes stand. Sie sah auf ihre Schuhspitzen und hoffte, dass der Lift nicht stecken blieb.
„Wohnt ihr auch hier?“, wollte Julia dann auch noch wissen.
„Ja also, ich wohne hier, und das ist mein Bruder Max, der ist zu Besuch hier“, erwiderte Johannes trocken, ohne eine Miene zu verziehen.
„Na kommt Mädels, ich helfe euch tragen“, bot Maximilian freundlich an, als der Lift oben angekommen war und stellte dann die Getränkekisten vor Lenis Wohnungstür ab.
„Danke, und nicht vergessen, um 19 Uhr hier bei Leni, wir erwarten euch! Tschühüs.“
„Verdammt noch mal, Julia, weisch du denn nid, wer des isch?“, wetterte Leni los, nachdem sie die Sachen rein getragen und die Tür geschlossen hatten.
„Nö, aber die sind doch total süß, vor allem der Schwarzhaarige“, schwärmte Julia.
„Oh Mann, der andere isch doch der blöde Typ von nebenan, der die Wohnung einfach nid so haben wollte, wie ich sie entworfen habe, und du lädsch den einfach zu mir ein, du ticksch doch nid mehr ganz richtig.“ Leni war stinksauer.
„Na und, das macht doch nichts. Ich wette, die sind cool drauf und eine Bereicherung für deine Party“, plauderte Julia träumerisch weiter.
„Ach, ich weiß nid, ich werde dem Typ auf jeden Fall aus dem Weg gehen, du kannst dich ja mit dem Bruder amüsieren, wenn du willst“, brummelte Leni vor sich hin.
„Oh ja, und genau das werde ich auch tun“, erwiderte Julia mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Also weißt du Leni, so kriegst du nie nen Kerl“, sagte sie achselzuckend.

„Mensch Max, musst du denn immer alle Frauen anbaggern?“
„Hey, entspann dich Alter, die sind doch klasse. Du hast mir gar nicht gesagt, dass da so eine heiße Braut neben dir wohnt“, konnte Maximilian es sich nicht verkneifen, seinen Bruder zu provozieren. „Die sieht echt spitze aus, so stell ich mir die Lorelei vor, mit diesen langen goldenen Haaren“, schwärmte er weiter. „Sie ist irgendwie so natürlich und nicht so aufgedonnert wie die Blondine.“
„Wir gehen da auf keinen Fall hin“, unterbrach Johannes die Schwärmerei seines Bruders barsch.
„Und ob wir das tun, meinst du, ich lass mir die beiden entgehen? Wir gehen jetzt eine Kleinigkeit für das Geburtstagskind besorgen. Los, auf geht’s“, drängte Maximilian seinen Bruder.
„Du spinnst doch total!“
„Das ist ja wohl auch nichts Neues“, feixte Maximilian.



Einige Monate zuvor

„Tja Frau Kaiser, der Kunde ist König, auch wenn er noch so seltsame Wünsche hat, und ich wäre wirklich froh, wenn Sie sich endlich mit Herrn von Moeltenhoff einigen könnten. So langsam vergeht mir die Lust mit Ihnen beiden“, wurde Leni vom Bauleiter ermahnt.
„Ja sicher, der Kunde ist König – aber ich bin die Kaiserin.“ Das rutschte ihr einfach so raus.
Mit einem schallenden Lachen quittierte Ralf Steiner diesen Ausspruch. „Aber wissen Sie was, das können Sie ihm jetzt gleich selber sagen, da kommt er nämlich.“
„Guten Tag Herr von Moeltenhoff“, begrüßte er den Mann, der jetzt auf der Baustelle auf sie zukam, mit Handschlag. „Darf ich Sie mit unserer Architektin Frau Kaiser bekannt machen?“, und wies dabei auf Leni.
Die war erst mal total sprachlos, nach dem, was der Bauleiter ihr bisher über diesen schwierigen Kunden erzählt hatte, hatte sie einen älteren, mürrischen Herrn erwartet. Mit so einem jungen Mann hatte sie nicht gerechnet. Sie schätzte ihn auf Mitte bis Ende 30, wobei der Schutzhelm und das ernste Gesicht ihn vielleicht auch etwas älter wirken ließen, als er in Wirklichkeit war. Sie errötete leicht, was sie aber dank des Schutzhelms und dem etwas gesenkten Kopf einigermaßen verbergen konnte.
„Nun Frau Kaiser, sie wollten doch mit dem Kunden reden“, versuchte der Bauleiter, sie aus der Reserve zu locken.
„Ja, ähm, also, ich habe da einen Vorschlag, wie wir uns vielleicht einigen könnten“, begann sie stockend. „Aber eins sage ich Ihnen gleich, Sie als Kunde sind zwar der König, aber ich bin die Kaiserin“, warf sie dann doch tatsächlich selbstbewusst ein.
Ein kurzes, erstauntes Lächeln, das aussah, als habe sich ein kleiner Sonnenstrahl durch eine Wolkendecke gestohlen, huschte über das bisher sehr ernste Gesicht des Kunden.
„Na dann lassen Sie mal seh’n“, erwiderte er nicht unbedingt sehr begeistert. Leni fiel seine dunkle, weiche Stimme auf, das klingt ja wie Samt, dachte sie sich, und errötete erneut.
Leni erklärte ihm anhand der Zeichnungen auf ihrem Laptop ausführlich und sachlich in aller Ruhe ihre Ideen, wie sie sich wohl einigen könnten und demonstrierte in den diversen Abschnitten des großen, offenen Raumes, wie sie sich das jeweils vorstellte. Sie erklärte ihm, dass die Renovierung eines bestehenden Gebäudes nicht so einfach wäre, dass dies vorher der Dachboden gewesen war und dass die vorgesehenen Säulen oder Stützpfeiler für die Statik notwendig und seine Vorstellungen einfach nicht realisierbar wären.
„Na ja, also das gefällt mir doch ganz gut, was Sie da vorschlagen“, gab er sich geschlagen.
„Prima, dann machen wir das so, jetzt brauchen wir noch den Küchenplan von Ihnen“.
„Küchenplan? Wofür brauchen Sie denn sowas?“, fragte er konfus.
„Wir sollten sobald wir möglich wissen, wo wir die Anschlüsse für Wasser und Strom in der Küche legen müssen. Wenn Sie uns schon solchen Druck mit dem Bezugstermin machen, dann müssen Sie jetzt aber auch mal Gas geben“, drängte sie ihn. Bei sich dachte sie: Mensch der hat ja überhaupt keine Ahnung.
„Und woher bekomme ich einen Küchenplan?“, kam dann auch prompt die nächste Frage.
„Na vom Küchenstudio oder Möbelhaus, irgendwo müssen Sie ja wohl ihre Küche kaufen.“ Sie wurde leicht ungeduldig, während er sie einfach nur verwirrt anschaute. „Passen Sie auf, ich gebe Ihnen hier die Karte von dem Küchenstudio, das die Küche in der Nachbarwohnung einrichtet. Wenn Sie keine bessere Idee haben, gehen Sie dort hin, suchen sich eine Küche aus, und die sollen den Plan dann gleich an Herrn Steiner oder mich schicken. Hier haben Sie noch meine Karte mit meiner Email-Adresse.“
Sie verschwieg allerdings, dass ihr Chef die Nachbarwohnung gekauft hatte und an sie weitervermieten wollte.
„Aber bitte warten Sie nicht mehr lange, sonst können wir Ihre Wohnung nicht fertig machen“, ermahnte sie ihn nochmals.
„Ja danke, ich melde mich dann wieder“, etwas verwirrt verabschiedete Johannes sich von den beiden und verließ die Baustelle.

„Ja sagen Sie mal, wie haben Sie das jetzt hingekriegt, der frisst Ihnen ja aus der Hand, bei mir hat der immer kategorisch alles abgelehnt, was wir vorgeschlagen haben. Ich muss schon sagen, den haben Sie ganz schön rumgekriegt“, lachte der
Bauleiter.
„Na ja, es ist lange nicht das, was ich eigentlich entworfen habe, aber immer noch besser als das 0–8–15, das er haben wollte“, erwiderte sie.



Die Brüder betraten die Wohnung, und kurz darauf war ein anerkennender Pfiff zu hören, worauf alle Gespräche wie auf Kommando verstummten.
„Wow, geile Wohnung! Die ist ja der Megaburner! Hey Joey, Alter, warum ist deine Wohnung nicht so hammermäßig geworden?“, ließ sich Maximilian in voller Lautstärke vernehmen.
In Leni kochte die Wut über diesen schwierigen Kunden wieder hoch. „Nun, ganz einfach, weil er es nicht so haben wollte“, ließ sie sich in etwas süffisantem Ton vernehmen. „Die romantischen Phantasien einer überkandidelten Architektin wollte er nicht in seiner Wohnung haben.“
Alle Augen waren jetzt auf Johannes gerichtet. Diejenigen, die die Geschichte kannten, hatten ein Grinsen im Gesicht, die Gesichter der anderen ähnelten eher Fragezeichen. Johannes war wie zur Salzsäule erstarrt und schaute Leni mit großen Augen und offenem Mund an.
„Ja ähm, also, ähm“, stammelte er „du bist, ähm, Sie sind die KAISERIN?“ „Das ist mir jetzt aber wirklich peinlich, ich hab Sie nicht wiedererkannt“, fügte er ziemlich kleinlaut hinzu und haderte im Stillen mit dem Bauleiter, der wohl seine Meinung über diese Architektin an sie weitergegeben hatte. Wohl oder übel mussten sie jetzt die Geschichte ihrer ersten Begegnung auf der Baustelle erzählen.
„Typisch mein großer Bruder“, Maximilian schüttelte den Kopf.

Die Party nahm wieder Fahrt auf, und Maximilian und Leni tanzten oft zusammen, wobei sie vergnügt über dies und jenes plauderten. Selbst einen flotten Rock ’n’ Roll legten sie hin, der von den anderen mit Applaus belohnt wurde. Julia verfolgte das mit saurer Miene, hatte sie sich doch vorgenommen, diesen tollen Kerl für sich zu erobern. Und jetzt hatte ausgerechnet Leni ihn am Haken. Als sie es einfach nicht mehr aushalten konnte, schnappte sie sich Maximilian.
„Hey, wie wär es denn mal mit Partnerwechsel?“, schlug sie verschwörerisch vor.
„Ja gut, ich muss mich sowieso um die Getränke kümmern“, und somit überließ Leni ihrer Freundin ihren Tanzpartner und stellte im Vorübergehen fest, dass ihr Nachbar sich in einem angeregten Gespräch mit ihrem Bruder Tobias befand. Einige Zeit später sah sie Maximilian dann aber mit ihrer Freundin Romy plaudern, während Johannes auf sie zukam und fragte, ob sie wohl mit ihm tanzen wolle. Da sie nicht unhöflich sein wollte, willigte sie ein. Eigentlich war sie solche Förmlichkeiten auf einer Party nicht gewohnt, da tanzte einfach jeder mit jedem, oder auch alleine, wie es gerade passte. Kaum hatte er sie im Arm, da dachte sie: Ich glaub, ich bin im falschen Film, warum hab ich jetzt Schmetterlinge im Bauch? Ausgerechnet bei DEM, das kann einfach nicht sein!
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen mit meiner Wohnung so viel Ärger bereitet habe, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das fertig aussieht.“
„Und wie gefällt es Ihnen?“
„Nicht übel.“ Wieder huschte dieses kurze Sonnenstrahl-Lächeln über sein Gesicht. „Sorry, aber ich habe Sie wirklich nicht wiedererkannt. Privat sehen Sie so anders aus.“
Sie sahen sich in die Augen, und Leni bekam tatsächlich weiche Knie, sie hatte das Gefühl, als versinke sie in diesen großen, traurigen, grau-blauen Augen. Er musste wohl doch auch nicht ganz so gefühllos sein, wie es den ersten Anschein hatte, denn am Ende des Tanzes nahm er sie beiseite.
„Hör zu, ich finde dich wirklich sympathisch, aber ich bin momentan noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Vor ein paar Monaten sind mein Sohn und meine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“
„Oh, das tut mir sehr leid. Das kann ich gut verstehen, meine Mutter hat auch sehr lange gebraucht, bis sie den Tod von meinem Vater überwunden hatte.“ Leni war nun voller Mitgefühl für diesen Mann.
„Dein Vater ist verunglückt?“
„Ja, bei einer Skitour wurde er von einer Lawine begraben“, erwiderte sie traurig.
„Das ist ja schrecklich, wie alt warst du da? Ähm, ja, wir sagen doch du, oder?“, fragte er verlegen grinsend.
„Ja einverstanden, wir wären eh die einzigen, die sich hier siezen. Ich war zwölf, als es passierte, und das war wirklich eine schlimme Zeit. Zum Glück haben unsere Großeltern sich um uns gekümmert.“
„Ich glaube, da klingelt schon die ganze Zeit ein Handy“, machte er Leni auf ein Smartphone aufmerksam, das in ihrer Nähe lag.
„Mal seh’n, wem das gehört.“ „Sven, dein Handy klingelt.“ Keine Antwort. Sie sah auf dem Display, dass es Svens Frau war, die versuchte, ihren Mann zu erreichen.
„Hallo Kathrin, hier isch Leni“, meldete sie sich.
„Hi Leni, sag mal, ist Sven da?“
„Ja sicher, ich kann ihn nur gerade nid sehn, warte mal, ich schau mal auf dem Balkon nach. Ne, hier isch er nid, dann isch er wohl aufem Klo. Soll er dich zurückrufen? Isch es so weit?“
„Ja, er soll unbedingt gleich nach Hause kommen, ich muss in die Klinik.“
„Ja klar, ich schick ihn sofort nach Hause, Tschüs und alles Gute!“
„Danke Leni.“
Leni rief nach Sven, aber der gab immer noch keine Antwort, und so machte sie einfach die Musik aus.
„Weiß jemand, wo Sven ist?“, rief sie in den Raum.
Maximilian deutete mit dem Daumen auf ihre Schlafzimmertür.
„Waaaas, in meinem Schlafzimmer!!!??? Das gibt es doch nicht!!!“
Sie riss die Tür auf und sah, wie Sven und Julia sich in ihrem Bett vergnügten.
„Sofort raus hier! Sven, deine Frau isch in den Wehen, und du treibsch es hier mit meiner Freundin! Hasch du denn gar keinen Anstand?! Raus hier, alle beide, und ich will euch hier nie wieder sehen.“ Sie war außer sich vor Zorn.
Die beiden Ertappten zogen sich rasch wieder an, und Sven kam mit schuldbewusster Miene aus dem Schlafzimmer.
„Sven, deine Frau muss in die Klinik, fahr sofort heim. Und vergiss dein Handy nid!“
Leni war schockiert, so eine Frechheit, einfach ihr Schlafzimmer zu benutzen. Jetzt hatte sie ein für alle Mal genug von Julia. So viel Unverfrorenheit hätte sie selbst von Julia nicht erwartet, weil Maximilian nicht angebissen hatte, musste ihr Kollege Sven dran glauben.
„Leute, ich glaube, wir machen Schluss für heute. Ich hab genug“, brachte sie entnervt hervor. Ihre beste Freundin Romy und ihre Schwägerin Miriam versuchten, sie zu beruhigen, aber der Abend war jetzt endgültig für sie verdorben. Erst lädt Julia den ungeliebten Nachbarn ein, und ausgerechnet bei dem bekam sie Schmetterlinge im Bauch und jetzt auch das noch. Die gute Stimmung war dahin und nach und nach verabschiedeten sich die Gäste.

„Wie ist das, wollen wir drei morgen was zusammen unternehmen? Ich war noch nie im Schwarzwald“, sagte Maximilian beim Abschied.
„Ja, warum nid. Wandert ihr gerne, oder wollen wir einfach mal zum Titisee fahren?“
„Ein bisschen spazieren gehen wäre nicht schlecht, aber es muss ja nicht gleich eine richtige Wanderung sein.“
Sie verabredeten sich für den nächsten Vormittag und verbrachten einen schönen Tag im Schwarzwald, wobei Johannes eigentlich nur der stille Mitläufer war. Im Laufe des Tages erfuhr sie, dass die beiden ungleichen Brüder zwar denselben Vater, aber nicht dieselbe Mutter haben, dass sie aber zusammen auf einem Gutshof im Münsterland aufgewachsen sind, der in der nächsten Generation von ihrer jüngeren Schwester und deren Mann übernommen werden wird. Immerhin wagte sich Johannes so weit vor, dass er fragte, warum sie Leni genannt wurde, sie heiße doch Helene.
„Ach, das kommt von meinem Bruder. Als ich zur Welt kam, konnte er Helene noch nicht aussprechen, und so wurde daraus Leni. Außerdem endet hier bei uns im Badischen doch fast alles auf i“, lachte sie. Sie erzählte dann auch noch, dass ihre Mutter während der Schwangerschaft so gerne den „Coupe Belle Hélène“ gegessen hatte und ihr Vater deshalb auf die Idee gekommen war, sie Helene zu nennen.
Im Stillen beschloss Johannes, sie einfach Lene zu nennen, da Leni ihm zu kindisch klang.
„Hör zu Bruderherz, lass die Finger von Lene, die ist zu schade für dich!“, drohte Johannes seinem Bruder nach der Rückkehr.
„Warum, du bist wohl selber scharf auf sie?“, entgegnete dieser scherzhaft.
„Quatsch, aber ich möchte nicht, dass du sie unglücklich machst. Basta!“

Die nächsten Monate vergrub sich Johannes in seiner Wohnung und arbeitete jede freie Minute an seiner Dissertation, die er nach dem Unfall seiner Frau begonnen hatte, um sich von seiner Trauer abzulenken. Die beiden Nachbarn sahen sich selten, aber wenn sie sich trafen, dann wechselten sie jetzt immerhin ein paar freundliche Worte. Und jedes Mal, wenn Maximilian zu Besuch kam, wurde zu dritt etwas unternommen. Er hatte schon lange bemerkt, dass Leni und Johannes sich im Grunde genommen mochten, aber keiner auf den anderen zugehen wollte. Er versuchte immer wieder, seinen Bruder dazu zu bewegen, doch mal mit Leni allein etwas zu unternehmen, aber der meinte nur, dass Max sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern solle.

Im Sommer konnten sie Johannes sogar einmal dazu überreden, sich mit Lenis Bruder und seiner Familie am Baggersee zu treffen. Obwohl er diese Art von Vergnügen eigentlich gar nicht mochte, sagte er schlussendlich doch zu, denn er fand Tobias sehr sympathisch und freute sich auf eine Unterhaltung mit ihm. Während die beiden Männer sich tatsächlich gut unterhielten, tobten Leni und Maximilian mit den beiden Kindern rum. Leni schlug mit ihrem Neffen Purzelbäume, lernte ihm, das Rad zu schlagen und Handstand zu machen, oder sie machte Laufübungen mit der einjährigen Sina. Sie fand es lustig, wie diese mit dem dicken Windelpaket am Po auf ihren kurzen stämmigen Beinchen daher stapfte. Währenddessen war Miriam froh, dass sich mal jemand um ihre Kinder kümmerte und döste entspannt in der Sonne.
Tobias schmunzelte und meinte: „Ja ja, das ist sie wieder, die alte Leni.“ Auf Johannes’ fragenden Blick hin erzählte er, dass Leni ein sehr temperamentvolles Kind gewesen war und die Eltern manchmal Mühe hatten, sie zu bändigen. Johannes war erstaunt, wie sportlich und gelenkig Leni war und ertappte sich zu seinem eigenen Erstaunen bei dem Gedanken: Wie sie wohl im Bett ist?

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 176
ISBN: 978-3-99107-470-0
Erscheinungsdatum: 22.03.2021
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 15,90
EUR 9,99

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