Sonstiges & Allerlei

Familienstand: Indiskutabel!

Sabine Roy

Familienstand: Indiskutabel!

Leseprobe:

TOM SCHUBERT – perplex schaut Frau Dr. Bögler auf den Namen, der ihr schwarz auf weiß entgegenprangt. „Tom Schubert“, flüstert sie leise vor sich hin und es tauchen wieder Bilder vor ihrem geistigen Auge auf, die sie schon längst verloren glaubte. Ist es der Tom Schubert, den sie kennt, oder einfach nur eine Namensgleichheit? Unbewusst streicht sie mit ihrer Rechten über das Deckblatt der dünnen Krankenakte, hebt langsam den Kopf und lässt gedankenverloren den Blick über den Schreibtisch, die Grünpflanzen, das Mobiliar und aus dem Fenster schweifen. Sind es jetzt fünf oder schon bald sechs Jahre her, das ihr Tom das erste Mal begegnete? Sie weiß es nicht mehr genau. Aber an ihre erste Begegnung wird sie sich wohl immer in ihrem Leben erinnern:

Sie hat uns der Himmel geschickt!

Es war ein etwas unfreundlicher Herbsttag; regnerisch, windig und zeitig dämmrig. Die Leute eilten mit gesenkten Köpfen ihren Zielen hinterher. Nur Linda Bögler ließ heute alles langsamer angehen. Bereits am Nachmittag hatte sie ihr Arbeitspensum bewältigt und beschloss danach, sich auf die Suche nach Weihnachtsgeschenken für ihre Mutter und die Tante zu begeben. Zunächst holte sie die bestellten Konzertkarten im Theater ab. „Darüber wird sich Mom bestimmt freuen“, wusste sie genau. Dann machte sie sich auf den Weg in einen großen Elektronikmarkt und hoffte noch auf ein umfangreiches Angebot. Zum Glück fand sie in der Nähe einen Parkplatz und beschloss in diesem Moment das hübsche, kleine Café nebenan im Anschluss zu besuchen. Aus dem großen Gebäude schallte ihr schon laute Musik entgegen. „Warum nur muss zur optischen Reizüberflutung noch unbedingt eine akustische sein?“, fragte sich Linda und suchte mit den Augen die Beschilderung ab. „Da, Klassik!“, sie hatte gefunden, was sie suchte. Intensiv vertiefte sich Linda in das Angebot, las gründlich „Was?“ und „Wer?“ und hielt schließlich drei CDs in der Hand, die in die engere Wahl kamen. „Ich werde aber noch einmal reinhören, bevor ich eine Entscheidung treffe“, beschloss sie. Suchend wanderte ihr Blick umher. In diesem Moment hörte Linda, ganz in ihrer Nähe, einen schrillen, lauten Schrei, der sogar noch die Musik übertönte. Blitzschnell wandte sie den Kopf nach links und sah, wie ein junger Mann, die Arme hoch in die Luft gereckt, in ein CD-Regal stürzte, an diesem herunterrutschte, in die Knie brach, sich halb um die eigene Achse drehte und aus einer Höhe von etwa 90 Zentimetern frontal mit dem Gesicht donnernd auf den Boden schlug. Krachend rutschten viele CDs nach unten und auch das gegenüberliegende Regal begann bedrohlich zu schwanken. Während Linda auf den jungen Mann zu rannte, beobachtete sie eine ältere Frau, die sich bemühte, den Sturz des Mannes zu verhindern oder wenigstens abzumindern. Hatte sie geschrien? Noch bevor Linda bei ihm ankam, nahm sie wahr, wie sich einige Leute in ihrer unmittelbaren Umgebung mit abfälligen Bemerkungen abwandten, andere jedoch, von der Neugier geplagt, stehen blieben und fasziniert das Geschehen beobachteten. Fast gleichzeitig mit Linda kam eine Verkäuferin angestürzt. Ein einziger Blick auf das Geschehen sagte Linda: „Es war ein epileptischer Anfall!“ „Bitte schicken Sie die Gaffer weg!“, konnte Linda noch der Verkäuferin zurufen, als sie schon am Boden kniete und der älteren Frau half, den jungen Mann, der heftig mit Armen und Beinen zuckte, in die stabile Seitenlage zu drehen. Endlich gelang es den beiden Frauen. Während Linda den Kopf des Mannes weit nach hinten überstreckte und kontrollierte, ob die Atemwege frei waren, entdeckte sie eine klaffende Wunde am Stirnansatz, die sich weiter in das Haar hineinzog. Sie sah, dass die Nase schief war, und gebrochen schien und nahm auch den dünnen Blutfaden wahr, der dem jungen Mann aus dem Mund rann. Irgendjemand reichte ihr eine zusammengerollte Decke zu, die sie geschickt unter seinem Kopf platzierte. Währenddessen versuchte die ältere Frau weitere Gefahrenquellen aus dem Bereich der immer noch zuckenden Arme und Beine zu bringen, um wenigstens hier noch zusätzliche Verletzungen zu vermeiden. So bemühten sich beide Frauen um den Verletzten. Linda stellte fest, dass der Rhythmus der Zuckungen und sein gepresster Atem schneller wurden –, so, als strebten sie einem Höhepunkt zu. „Ich höre die Sirene. Jetzt kommt endlich ein Arzt.“ Die Stimme der alten Frau war kaum vernehmbar. Ein letztes Mal bäumte sich der Körper des jungen Mannes auf und sank dann kraftlos zurück. Die bisher weit aufgerissenen Augen fielen ihm zu. „Jetzt schläft er“, flüsterte die ältere Frau und strich dabei über sein blutverschmiertes Gesicht. „Sind Sie die Mutter?“ Linda flüsterte jetzt ebenfalls. Ein leichtes Kopfnicken bestätigte ihre Vermutung. „Bitte reichen Sie mir doch Tempotaschentücher“, bat Linda, die mit der linken Hand die Wundränder am Kopf fest zusammenpresste. Aber trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass Blut zwischen ihren Fingern hindurchsickerte. Während sie nach dem Zellstofftuch griff, nahm sie aus den Augenwinkeln einen Trupp weißer Kittel wahr, der sich eilends in ihre Richtung bewegte. „Guten Tag, ich bin Dr. Matschenz. Ist Ihr Sohn Epileptiker?“ „Ja!“ Es erfolgte eine kurze Untersuchung durch den Arzt, dann informierte er die zwei mitgekommenen Rettungssanitäter: „Holt die Trage! Wir müssen ihn mitnehmen.“ „Haben Sie die Chipkarte dabei?“, wandte er sich fragend an die Mutter. Aber die antwortete nicht. Erstarrt blickte sie auf die Brust des vierten Weißkittels. Als Linda ihrem Blick folgte, las sie: „NOTFALLSEELSORGER“ – und verstand. Behutsam nahm sie die ältere Frau in den Arm: „Es ist alles richtig. Ihr Sohn schläft jetzt! Er wird auch nur mitgenommen, damit seine Verletzungen behandelt werden können!“ „Haben Sie die Chipkarte dabei?“, drang jetzt die ungeduldige Stimme des Arztes in das Bewusstsein der Mutter. „Ja, die haben wir immer bei uns.“ Inzwischen hatte ihr Sohn einen Turban aus Mullbinden um den Kopf, der sich langsam rot zu färben begann. Die zwei Rettungssanitäter erschienen wieder mit der Trage, senkten sie ab und auf: „Eins, zwei, drei!“ wurde der verletzte junge Mann darauf gelegt. Dann wurde das Gerät wieder aufgebockt. Seine Mutter hob den herabhängenden linken Arm hoch und legte ihn auf seinen Bauch. Nun zog sie ihre Jacke aus und legte sie über ihren Sohn, denn der schien inzwischen Schüttelfrost zu haben und zitterte. „So, wir bringen Ihren Sohn jetzt in die Notaufnahme des Krankenhauses. Sie können sich ruhig Zeit lassen, vielleicht gehen Sie noch eine Tasse Kaffee trinken und kommen und dann langsam, ganz langsam nach!“, mit diesen Worten setzte sich die Weißkittel-Truppe in Bewegung. Hastig griff die Mutter nach dem Arm des Arztes und zwang ihn so stehen zu bleiben. Verständnislos schaute die Mutter auf den Arzt: „Wie meinen Sie das, ich soll ihnen langsam nachkommen? Ich bin doch hier und komme gleich mit Ihnen?!“ „Aber gute Frau, das geht nicht! Wir können Sie nicht mitnehmen und es ist ja auch gar nicht nötig. Ihr Sohn schläft jetzt, und wenn er wach wird, sind Sie ja schon längst wieder da!“, war die zurechtweisende Antwort. „Aber wenn er vorher wach wird?“ Angstvoll griff die Mutter nach dem Handgelenk des Arztes und umklammerte es. „Wenn er vorher wach wird? Er kann Ihnen keine wichtigen Fragen beantworten! Er ist doch hirngeschädigt! Außerdem kann er weglaufen, wenn er kein bekanntes Gesicht sieht und Panik bekommt!“ Ihre Stimme wurde immer lauter und sie brach in lautes Schluchzen aus. Wortlos löste der Arzt die ihn umklammernden Finger, drehte sich seitwärts und bemerkte schließlich über seine Schulter: „Schön ruhig bleiben, gute Frau, wir haben ja seine Chipkarte.“ Dann folgte er seinem Team in den Rettungswagen. Dort reichte er der Mutter ihre Jacke hinaus und schloss nachdrücklich die Tür. In kurzem Abstand waren ihm die Mutter und auch Linda gefolgt, die nun beide hilflos am Straßenrand standen und dem davonfahrenden Auto nachsahen. Unaufhörlich rannen die Tränen über das faltige Gesicht der alten Frau. Immer und immer wieder schnäuzte sie sich die Nase. „Wenn er nun wegläuft aus der Notaufnahme? Der Arzt gibt ihn ja dort nur zur Weiterbehandlung ab!“ Fragend hob die Mutter ihren Kopf und schaute Linda an. „Warum haben Sie mich nicht mitgenommen? Gerade heute sind wir beide mit der Straßenbahn unterwegs.“ Linda, ein wenig größer als die ältere Frau, nahm sie in die Arme und streichelte ihren Rücken. Wortlos hielten sich die zwei völlig fremden Frauen umfangen. Die eine die andere in ihrer großen Not Trost spendend; die andere unendlich dankbar für die Anteilnahme und das Mitgefühl. Beide nicht ahnend, dass heute eine Verbindung für ihr weiteres Leben geknüpft wurde.
Links und rechts strömten die Leute an den zwei Frauen vorbei, ohne sie weiter zu beachten. Plötzlich richtete sich Linda auf. „Mein Auto ist ganz in der Nähe geparkt. Sind Sie einverstanden, wenn ich Sie in die Notaufnahme fahre?“ Energisch wischte sich die Mutter die letzten Tränen aus dem Gesicht. „Ich wäre Ihnen unendlich dankbar! Selbstverständlich übernehme ich die Benzinkosten! Aber haben Sie überhaupt so viel Zeit?“ Anstelle einer Antwort schob Linda ihren Arm unter den der Mutter. „Nach rechts, bitte, auf den Parkplatz.“ Zügig gelang es den zwei Frauen den Parkplatz zu verlassen und sich in den fließenden Verkehr einzufädeln. Zaghaft streichelte die Linke der Mutter Lindas Hand, die locker das Lenkrad hielt. „Ich möchte Ihnen ganz, ganz herzlich für Ihre Unterstützung danken. Selten genug begegnet uns so viel Hilfsbereitschaft. Übrigens, mein Name ist Schubert und unser Sohn heißt Tom.“ „Ich bin Linda Bögler.“ In den nächsten Minuten wurde kaum ein Wort zwischen den Frauen gewechselt. Linda musste sich voll auf den Verkehr konzentrieren und Frau Schubert hing ihren Gedanken nach. Dementsprechend drückte ihre gesamte Körperhaltung völlige Resignation aus. Zusammengesunken, den Kopf tief auf die Brust gesenkt, beide Hände im Schoß verkrampf, richtete sie sich kerzengerade auf, als das Krankenhaus in Sichtweite kam. „Bevor wir uns gleich verabschieden, möchte ich Ihnen von ganzem Herzen Danke sagen. Mögen auch Sie immer Hilfe bekommen, wenn Sie diese am nötigsten haben. Danke für alles!!!“ Mit Tränen in den Augen neigte sich Frau Schubert zu Linda hinüber, um sie ein letztes Mal zu umarmen. Diese war auf einen frei gewordenen Parkplatz gerollt, hatte den Motor abgestellt und bemerkte lächelnd: „Nun möchte ich aber auch wissen, ob Tom auf uns gewartet hat und sich Ihre ärgsten Befürchtungen nicht erfüllen. Ich bleibe einfach bei Ihnen! Darf ich?“ Überrascht nickte Frau Schubert. Linda glaubte sogar ein kurzes Lächeln in den Mundwinkeln zu sehen. In der Annahme der Notaufnahme schilderte Frau Schubert den Sachverhalt. „Gut, aber nur eine Person darf herein!“, hieß es. Linda Bögler nickte zustimmend. Zügig schritt Frau Schubert durch eine Tür, ging durch eine zweite und kam auf einen langen Gang. Dort standen links und rechts eine Liege hinter der anderen. Sie sah in alte Gesichter, in junge, in weinende, in schmerzverzerrte … In einem Zwischengang dann fand sie endlich ihren Sohn. „Tom, Mutti ist da! Mein kleiner Liebling!“ Zärtlich streichelte sie ihm über die blutverschmierte Wange, das blutverkrustete Ohr und hauchte ein Küsschen auf seinen Mund. Dabei entdeckte sie, dass auch die Oberlippe eingerissen war. Sofort schossen ihr Tränen in die Augen. Tom lag apathisch da, erkannte aber seine Mutter und versuchte ein Lächeln. Mühsam nuschelte er: „Du bist lieb.“ Dann fielen ihm wieder die Augen zu. Unruhig wanderte seine rechte Hand über die Decke, die man über ihn ausgebreitet hatte. Frau Schubert nahm Toms Hände in ihre. Dadurch wurde er deutlich ruhiger. Nach einiger Zeit bemerkte sie: „Du, Tom, ich muss dringend zur Toilette, bin aber gleich wieder da!“ Ein kaum merkliches Nicken antwortete ihr. An der Tür informierte sie Linda: „Ich habe Tom gefunden. Er liegt noch auf der Trage, schläft aber immer wieder ein. Bestimmt wird es noch eine ganze Weile dauern, bis wir dran sind. Ich glaube, Sie können jetzt beruhigt nach Hause fahren. Und noch einmal, liebe Frau Bögler, ganz, ganz herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!“ Dabei umarmte Frau Schubert Linda ein letztes Mal strich liebevoll über deren Arm und verschwand in der Richtung ihres Sohnes. Der schlief immer noch. Nun ging Frau Schubert doch noch zur Toilette und bat eine vorbeieilende Krankenschwester: „Bitte, Schwester, ich bräuchte unbedingt etwas Tee und einen Löffel. Mein Sohn ist jetzt mit seiner Medikamentengabe fällig und ich möchte kein Risiko eingehen.“ „Einen kleinen Moment bitte, ich bringe Ihnen gleich das Gewünschte!“ Als Frau Schubert mithilfe der Schwester die Medikamente zerkleinerte und Tom einzuflößen versuchte, fragte sie zaghaft nach: „Können Sie mir ungefähr sagen, wie lange es noch dauern wird? Ich würde gern meinen Mann informieren, damit er uns abholen kommt.“ „Vor Ihrem Sohn sind noch zwei Patienten dran. Der behandelnde Arzt entscheidet dann über weitere notwendige Untersuchungen. Ich denke, vor 21 Uhr werden Sie sicherlich nicht fertig sein.“ „Danke!“
Ziemlich entgeistert schaute Frau Schubert jedoch auf, als nach etwa zwanzig weiteren Minuten Linda Bögler durch die Tür gehinkt kam. Sie balancierte in der rechten Hand ein Tablett mit je zwei Kaffee to go und Baguettes. „Sie sind ja immer noch hier! Sagen Sie nur, hat Tom Sie bei seinem Anfall etwa auch mit verletzt? Ich habe gerade bemerkt, dass Sie humpeln.“ Sekundenlang schien das Lächeln bei Linda wie weggewischt: „Nein, Tom ist völlig schuldlos. Ich hinke schon immer, seit meiner Geburt. Aber ich glaube, momentan gibt es Wichtigeres. Damit Sie mir nicht auch noch umfallen, habe ich inzwischen für eine kleine Stärkung gesorgt. Dabei werde ich Ihnen Gesellschaft leisten und aufpassen, dass Sie auch einmal an sich denken!“, zwinkerte Linda Frau Schubert zu. Beherzt griffen beide Frauen zu, aber nicht ohne Tom vorher noch einmal liebevoll gestreichelt zu haben.
Gerade, als der letzte Schluck getrunken war, wurde Tom aufgerufen. „Sind Sie die Betreuerin?“, wurde Frau Schubert gefragt. „Ja, aber in erster Linie bin ich seine Mutter“, entgegnete sie stolz und schob in sehr aufrechter Haltung die Liege mit ihrem Sohn in das Behandlungszimmer. Linda zog sich wartend in eine Ecke zurück. Nach fünf Minuten steckte Frau Schubert den Kopf aus der Tür: „Hallo, Linda! Es dauert noch! Tom wurde gesäubert und wird dann an der Stirn und Lippe genäht. Danach müssen wir noch zum Röntgen; wegen der Nase.“ Als Frau Schubert nach einer reichlichen halben Stunde die Liege mit ihrem Sohn aus dem Behandlungszimmer hievte, wurde ihr diese von einem jungen Mann abgenommen. „Auf zum Röntgen!“, gab er seine Info weiter. Wortlos schloss sich Linda dem Dreiergespann an. Im Fahrstuhl dann nahm sie Toms abrasierte Haare, die immer noch neben seinem Kopf lagen, griff nach den alten, blutbefleckten Kopfverbänden auf seinem Bauch und wickelte alles in die rot durchtränkte Unterlage, die sie unter seinem Kopf hervorzog. Frau Schubert drückte dankbar ihre Hand. In der Röntgenabteilung übergab Linda als Erstes einer Schwester die blutbefleckten Dinge und bat um saubere Unterlagen. Tom war so schläfrig, dass sie ihn zu viert auf die Liege zum Röntgen heben mussten. Nach rund 30 Minuten ging es wieder, mit der Röntgenaufnahme, zurück in die Notaufnahme. Jetzt war ein anderes Behandlungszimmer frei. Linda schlüpfte einfach mit Frau Schubert hinein und wartete geduldig mit ihr auf den Arzt. Als der eintraf, war er noch voll mit dem Studium der Röntgenaufnahme beschäftigt. Er bat Frau Schubert zu sich und erklärte: „Schauen Sie, hier hat sich Ihr Sohn die Nase gebrochen. Es ist ein glatter Bruch. Ich werde die Nase nur etwas richten. Hier, der Wangenknochen ist angebrochen und heilt auch von allein. Sie sehen, dass das rechte Auge Ihres Sohnes schon stark geschwollen ist. In den nächsten Tagen dann wird es in allen möglichen Farben leuchten. Durch den Sturz ist das Gehirn Ihres Sohnes angeschwollen, weil es gegen die Schädeldecke geschleudert wurde. Erst wenn die Schwellung zurückgeht, kann man mögliche Verletzungen feststellen. Beobachten Sie ihn in der nächsten Zeit genau. Bei irgendwelchen Auffälligkeiten kommen Sie dann bitte sofort mit dem jungen Mann wieder her. Gute Besserung und auf Wiedersehen!“ Schon hielt der Arzt die Türklinke in der Hand. „Halt, halt – bitte noch einen Moment“, sprang Frau Schubert auf. „Was ist denn mit den Fäden am Kopf und in der Lippe? Lösen die sich von allein auf oder müssen sie gezogen werden?“ Gejagt vom Zeitdruck öffnete der Arzt die Tür: „Ihr Hausarzt wird die Fäden ziehen. Gehen Sie so etwa in zehn Tagen zu ihm.“ Frau Schubert sank wieder zurück auf den Stuhl und in sich zusammen. Plötzlich stand Linda mitten im Raum. Laut und deutlich bat sie: „Würden Sie die Tür noch einmal schließen? Ich wollte Sie fragen, warum bei so einem schweren Sturz, ich war zugegen, kein CT gemacht wird!“ „Unser CT-Gerät ist schon seit Tagen ausgebucht. Es sind einfach keine Termine frei! Deshalb sind die Beobachtungen durch Familienangehörige viel schneller und sicherer.“ Aber Linda gab nicht nach: „Wir wünschen aber für Tom ein CT!“ Offenbar hatte sie damit aber die Geduld des Arztes überstrapaziert. „Sie wünschen – so, so, sie wünschen! Zu Weihnachten dürfen Sie sich etwas wünschen! Ich habe Ihnen doch die Situation erklärt, oder haben Sie mich nicht verstanden? Wer sind Sie überhaupt, dass Sie sich schon jetzt etwas wünschen?“ Aufrecht stand Linda vor dem Arzt, schaute ihm ruhig, aber entschlossen in die Augen: „Ich bin Dr. Linda Bögler. Und jetzt wünsche ich bitte Ihren Stationsarzt zu sprechen!“ Frau Schubert hatte sich während des Wortwechsels erstaunt aufgerichtet und atemlos den Dialog verfolgt. Ihre rechte Hand streichelte dabei Tom unablässig. Als der Arzt wortlos den Raum verließ, eilte sie zu ihrer neuen Bekannten: „Linda, du bist … entschuldige, ich bin ganz durcheinander. Sie sind Ärztin, Frau Dr. Linda Bögler?“ Mitten in ihren Bewegungen stoppte sie und ließ ihre Arme langsam nach unten sinken. Linda nickte nur und nahm sie wortlos in die Arme.
Nach einiger Zeit bat eine Schwester Frau Dr. Bögler zum Gespräch mit dem Stationsarzt und nach einer weiteren knappen Stunde schoben beide Frauen Tom zum CT. Dort blieb Linda die gesamte Zeit an Toms Seite. Inzwischen war auch Toms Vater mit dem Auto in der Notaufnahme eingetroffen. Linda ließ sich sämtliche Untersuchungsbefunde aushändigen und reichte Frau Schubert ihr Visitenkärtchen mit den Worten: „Wenn Sie es möchten, dann lassen Sie sich bitte morgen telefonisch von meiner Sprechstundenhilfe einen Termin in vier oder fünf Tagen geben. Ich würde mir Tom dann einmal kurz anschauen und ihm in zehn Tagen auch die Fäden ziehen. Natürlich nur, wenn Sie möchten! Sie können auch gern zu Ihrer Hausärztin gehen.“ Frau Schubert war der Situation noch nicht ganz gewachsen. „Entschuldigung, Frau Dr. Bögler, was für eine Ärztin sind Sie überhaupt? Doch nicht etwa Chirurgin?“ „Nein, ich bin Neurologin und Psychiaterin.“ „Uns hat Sie der liebe Herrgott geschickt!!!“, war Frau Schubert überzeugt. „Unsere Neurologin geht in einem halben Jahr in Rente. Wir sind schon seit einiger Zeit auf der Suche nach einer passenden Ärztin für Tom. Jetzt haben wir sie gefunden!“ Dankbar hatte sie bei diesen Worten ihre Hände übereinandergelegt und auf der Brust gekreuzt. Aber dann öffnete sie doch ihre Arme ganz weit, um Linda ein letztes Mal zu umarmen und flüsterte ihr zu: „Sie sind ein tolles Mädchen, danke, Frau Dr. Bögler!“ Herr Schubert hatte sich inzwischen zu den Frauen gesellt, Linda ebenfalls seinen Dank abgestattet und Tom behutsam in sein Auto gebettet.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 168
ISBN: 978-3-95840-243-0
Erscheinungsdatum: 04.10.2016
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