Cover: Fahrendes Leben

Fahrendes Leben
Mit Pferden, Wagen und Ziegen unterwegs


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 320
ISBN: 978-3-7116-0840-6
Erscheinungsdatum: 23.07.2025
Zugvögel fliegen über Faidella Richtung Süden. Ihr kontinuierliches Kreischen: Jeden Frühling, jeden Herbst hören wir es, und es weckt ein spezielles Gefühl in uns: die Sehnsucht nach dem Süden, nach der wärmenden Sonne, die Sehnsucht nach Ferne ...
Erster Reisetag – „Wir tun, was wir können.“

„Macht die Straße frei! Aber sofort!“
Der Mann mit grauem Anzug und passender Krawatte im weißen BMW kochte vor Wut.
„Wir tun, was wir können.“
Aber Joschi stand wie angewurzelt auf dem Asphalt. Keine Bewegung mehr.
„Ich bin Arzt im Dienst, ich rufe die Polizei!“, brüllte er mit hochrotem Gesicht, und um seine Worte zu unterstreichen, stand er auf die Hupe. ‚Die könnte dann ja schieben helfen‘, ging es mir durch den Kopf. Seine selbstgewählte angeschnallte Unbeweglichkeit auf dem Autositz und unsere für den Schwarzwald ungewöhnliche Erscheinung machten ihn rasend.
Aber da war noch was, rechts im Wald knackte es und ich hörte urwaldähnliche Geräusche, unsere beiden Ziegen wechselten auf die linke Straßenseite und Sulla schnaubte, schüttelte unruhig den Kopf.
„Mach die Bremse auf!“, rief ich Domenica zu und hörte das Quietschen der Kurbel, „jetzt!“ Domenica trieb die beiden Pferde an und ich versuchte von hinten anzuschieben und tatsächlich, Sulla legte sich ins Geschirr und Joschi machte mit. Nur wenige Meter weiter war eine Ausweichmöglichkeit, der Drehkranz knarrte bedenklich, als Domenica unseren Planwagen durch den Graben lenkte.
Immer noch hupend, mit heulendem Motor und quietschenden Reifen preschte der Arzt im Dienst vorbei.
Wir fanden uns an einem ungepflegten Grillplatz wieder. Immerhin genügend Gras für unsere Tiere und so spannten wir erstmal unsere Pferde aus, banden Sulla mit langem Strick an einen Baum, Joschi und die beiden Ziegen konnten frei weiden, die blieben dann bei uns.
Auch wir hatten Hunger, Mittag war bestimmt längst vorbei, zum Glück hatten wir uns vor der Abfahrt Brote mit unserem Ziegenkäse gerichtet, die packten wir jetzt aus. Der Nebel wurde dichter, es war recht ungemütlich. ‚Määäh‘, plötzlich rannten die Ziegen zu uns, dicke schwarze Flecken waren auf der Straße.
„Was ist das denn?“, wunderte ich mich.
„Wildschweine!“, kreischte Domenica, „die kommen durch ein Loch im Zaun, das muss ein Wildgehege sein.“ Erst fand ich das noch ganz lustig, „die sind aber zutraulich!“ Doch dann wurden es immer mehr und sie wurden richtig aufdringlich und grunzten an uns hoch, gierten nach unserem Vesper.
„Die wollen unsere Brote!“ Von herumliegenden Ästen brachen wir uns Stöcke ab und stiegen auf dicke Holzklötze, die als Sitze gedacht waren. In der rechten Hand den Stock, in der Linken das Brot, so aßen wir noch zu Ende.
„Hier können wir nicht bleiben!“, erkannten wir.
„Weiter können wir auch nicht, die Pferde packen diesen Wahnsinnsanstieg nicht mehr.“
„Tja dann …“
„Bleibt nur noch zurück nach St. Blasien.“ Wir waren ziemlich enttäuscht, wir hatten uns auf diese kleine unbefahrene Waldstraße zwischen St. Blasien und dem Schluchsee gefreut, und jetzt … „Dann war die ganze Anstrengung hier hoch umsonst.“
„Morgen fahren wir dann die große Straße nach Bärental, auf der ist die Steigung wesentlich sanfter“, schlug ich vor.
Die Pferde waren auch einverstanden und ließen sich willig einspannen, selbst wenn sie wegen der Wildschweine recht unruhig mit den Ohren spielten und mit ihren Schweifen peitschten. Wir wendeten den Wagen auf der Stelle – der Vorteil vom Drehkranz – fuhren auf die Straße und da es jetzt bergab ging, ließen wir – hopp hopp – die Ziegen in ihr Ministällchen hinten am Wagen springen. Wir saßen beide auf dem Kutschbock und mit der Handkurbel bremsten wir den Wagen so weit ab, dass die Pferde locker im Geschirr gehen konnten.
St. Blasien, da waren wir heute Vormittag schon durchgefahren, kamen vom Albtal hoch, jetzt bogen wir auf die große Straße Richtung Menzenschwand ab. Es begann zu regnen, weiter vorne sahen wir bereits den Anstieg, wir wollten nicht mehr weiter fahren, es war auch schon spät und als wir eine asphaltierte Zufahrt zu einer Wiese sahen, fuhren wir darauf, es war kein sehr idyllischer Platz, aber für die Tiere gab es genügend Futter. Rasch bauten wir den Steckzaun auf, führten die Pferde rein und schlossen das Stromgerät an. Natürlich waren wir danach klatschnass, oben vom Regen, unten vom nassen Gras. Es wurde schon dunkel. „Stromboli, Laila!“, riefen wir unsere Ziegen, ließen sie in ihr Ställchen hüpfen, so konnten wir sie unter der Plane im Trockenen melken. Wir freuten uns, wie schnell die Ziegen das Einsteigen in ihren Kasten gelernt hatten. Leider mussten wir sie dann weiter weg am Gebüsch anbinden, an dieser befahrenen Straße war es zu gefährlich, sie freizulassen. Das Pferdegeschirr hängten wir über den Kutschbock und zogen die Plane weit nach vorne, sodass es wenigstens nicht weiter nass wurde.
„Joschi!“ Vor unseren Augen drückte er sich unter dem Elektrozaun durch, komisch, außen und innen war das Gras gleich gut. Also nochmal Strick holen, Weidezaungerät abschalten, Joschi holen, Zaun auf, Joschi rein, Zaun zu, Weidezaungerät wieder an und prüfen, ob die Litze irgendwo ableitet. Immerhin ließ sich Joschi leicht nehmen, obwohl wir ihn erst seit etwa einem Monat bei uns hatten.
Mit einem ziemlich unguten Gefühl versuchten wir es uns gemütlich zu machen, doch mit den nassen Sachen auf engem Raum war erstmal das Chaos perfekt. „Wo ist …“ so ging es ständig hin und her. Stück für Stück hängten wir die nassen Stiefel, Jacken und Hosen so unter die Plane, dass sie nach außen tropften. Wir zündeten ein Kerzchen an. Da es regnete, konnten wir nichts kochen, also nochmal kalt zu Abend essen, aber okay, wir waren gut eingedeckt und mit der leckeren frischen Ziegenmilch und dem Ziegenkäse wurde jedes Essen zum Festmahl. Wir waren müde und erschöpft und bald machten wir es uns auf unseren Fellen bequem, bereit zum Schlafen. Doch die Ereignisse des Tages und vorbeifahrende Autos hielten uns wach. Da hörten wir ein Fahrzeug direkt neben dem Wagen anhalten, eine Tür ging auf und klatschte wieder zu.
„Weg hier! Das ist mein Land! Macht sofort diese Einfahrt frei!“ hörten wir eine erboste Männerstimme schimpfen.
„Weg hier! Aber sofort! Ich ruf’ die Polizei!“ Das klang noch wütender.
„Was will der nachts auf seiner Wiese?“ wunderten wir uns.
Da er immer zorniger weiter brüllte, schlüpften wir in unsere nassen Klamotten und schoben den Wagen zwei Meter weiter, ließen es darauf ankommen.
Uff, was war das denn!? Nur wenige Kilometer vom Dachsberg entfernt, von unserem bisherigen Zuhause, wo wir immerhin die letzten paar Jahre ruhig und in Frieden, mehr oder weniger in die Gesellschaft integriert und von ihr anerkannt, gelebt hatten – und heute wurde uns gleich zweimal mit der Polizei gedroht. Alles erschien zweifelhaft! Monatelang hatten wir auf diese Reise hingearbeitet. Unser Hufschmied wusste von einem alten Milchwagen, den wir mit unseren Mitteln ausbauten, vorne ein Kutschbock und hinten ein Ziegenställchen. Joschi fanden wir über eine Annonce, als 12-jähriger Wallach war er verkehrssicher und das Kutsche-Ziehen gewöhnt. Domenica hatte das Zuggeschirr für ihn genäht. Franz aus Bärental überließ uns Sulla samt ihrem Zuggeschirr. Ja, Filomena und Franz wollten wir heute besuchen, um dort die tierärztlichen Papiere zu beantragen, die für den Grenzübertritt nach Frankreich nötig waren … „Und jetzt stehen wir hier, am Straßenrand abgeparkt, Joschi der ausbricht, Joschi der verweigert und Sulla, die, wie wir schon erfahren hatten, schlag- und beißfreudig ist.“
Wie schön war unser warmes, trockenes Zuhause in Urberg gewesen!



Bärental

Wiehern! So im allerersten Morgenlicht, Joschi stand wieder außerhalb des Zauns, Sulla drinnen und rief nach ihm. Es war klar, wir müssten den Zaun mit einem zweiten Band verstärken. Es regnete immer noch.
Bald waren wir wieder fahrbereit, die Ziegen gemolken und die Pferde geputzt. Um sie warmzulaufen, rannten wir mit ihnen nach Menzenschwand, kauften dort noch Weckle und Frustolade, spannten ein und bekamen gleich einen Schreck: Die Gäule streikten wieder, gingen abwechselnd vor und zurück, ein Glück war, dass nichts zerriss. Der Anstieg vor uns forderte uns heraus. Als ich von hinten anschob, ging’s dann doch. Wir waren entschlossen und die Pferde spürten das. Wir feuerten sie an, trieben sie zu einem strammen Schritt. Alle Zweifel waren verflogen. Wir würden es schaffen! Und wir schafften es! Schneller als erwartet waren wir am Pass. Ich kam mit den Ziegen hinterher. Jetzt konnten wir die dampfenden Pferde etwas verschnaufen lassen, wir gaben ihnen nochmal etwas Hafer in den selbstgenähten Beuteln, luden die Ziegen in ihren Kasten und weiter ging’s, bergab, bis die Bremsen stanken. Wir erreichten den Schluchsee, wir jubelten! Aha- Äule: zwei winzige Weiler mit typischen Schwarzwaldhöfen, grösstenteils aus Holz aufgebaut. Nachmittags kamen wir am Windgfällweiher an. Wir fuhren in einen Seitenweg und fanden eine schöne Waldweide und zäunten sie rasch ein. Während wir am Feuer kochten, zitierte Domenica mit feierlicher Stimme:
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
„Hermann Hesse, nicht?“, so vage erinnerte ich mich.
„Ja, es ist mitten raus aus einem seiner Gedichte, später kommt dann noch der Satz: ‚Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen‘ …“
*Hermann Hesse „Stufen“
„Donnerwetter, du hast’s aber drauf!“ Ich war voller Bewunderung.
„Weil’s so gut passt. Immer schon hat mich das zu meinen Reisen animiert, vor der Indienreise …“ Wir gingen noch etwas spazieren.
Danach zogen die Pferde bestens wieder an, es blieb ihnen auch nichts anderes übrig, wenn’s bergab ging. Altglashütten, nach einem kurzen Stopp an einer Tankstelle, um die Reifen aufzupumpen, kutschierten wir weiter, und wie wir die restliche Strecke nach Bärental genossen!
Filomena und Franz mit ihren drei kleinen Kindern wohnten einige Kilometer außerhalb der Ortschaft in einem ruhigen Tal und bewirtschafteten einen Milchviehhof. Es gab ein herzliches Wiedersehen, als wir den Tannenhof erreichten, die Pferde konnten auf eine für die Kühe vorbereitete Weide und die Ziegen gleich dazu. Bernd und Anke waren auch da, sie halfen Franz beim Melken der Kühe und auch sonst bei allen anderen Arbeiten, die auf dem großen Hof anfielen. So waren wir beim Abendessen eine große Runde. Wir berichteten von unseren letzten Erlebnissen. Filomena freute sich über die frische Ziegenmilch, sie stillte ihren Jüngsten und meinte, ein paar Ziegen auf dem Hof wären nicht schlecht. Und wir freuten uns, etwas beitragen zu können, was geschätzt wurde.
Einige Zeit blieben wir hier auf dem Tannenhof. Der Amtstierarzt kam aus Titisee und wir holten die Tiere von der Weide. Gründlich untersuchte er unsere Pferde, Haflinger, trug jeden einzelnen Wirbel und die Form der Blesse in ein mehrsprachiges Diagramm ein.
„Eure Ziegen sind hübsch, bunte deutsche Edelziegen, wo habt ihr die her?“
„Vom Windberghof.“
Er nahm noch Blut ab. Wir gaben ihm die vorbereiteten Fotos mit und er meinte dann, dass er die amtstierärztliche Bescheinigung bringen würde, außerdem die für Frankreich notwendige Grundimmunisierung gegen Tetanus und Tollwut und er fragte dann:
„Wo wollt ihr denn hin?“
„Nach Andalusien. Die Idee ist, dass wir dort den Winter verbringen und dann gegen Sommer wieder zurückkommen.“ Er wünschte uns viel Glück.
In der Zwischenzeit konnten wir unseren Wagen verbessern, Franz hatte ein Schweißgerät und so konnte ich noch die Federung erhöhen und die Fußbremse anbringen, die ich bereits in Urberg vorbereitet hatte. An einem schönen Sonnentag nahmen wir nochmals die Plane ab und Domenica vervollständigte sie und brachte mit ihrer Handkurbelnähmaschine weitere Schlaufen an, sodass wir die Plane vorne und hinten perfekt zumachen konnten.
Natürlich halfen wir auf dem Tannenhof mit, wo wir konnten, Domenica mahlte Mehl und backte Brot, ich spaltete Brennholz, wir heizten jetzt schon den Küchenherd ein, Mitte September, und so roch es immer angenehm nach Holzfeuer, mittags kochten wir darauf und abends, wenn es draußen unangenehm kühl wurde, so knisterte es in der Küche gemütlich warm. Wir halfen beim Heu machen, die langen Elektrozäune für die Kühe mussten von Gras und Gebüsch frei gehalten werden, wir schafften Silage für die Kühe aus dem Silo und in ein zweites Silo packten wir Gras rein.
Als ich mit Franz das Gras im Hochsilo feststampfte und wir schon einige Ladungen mit den Gabeln hochgebracht hatten und wieder stampfend am Festpressen waren, meinte Franz, das wäre doch eine doofe Arbeit, das müsste doch irgendwie einfacher gehen. „Wie so Idioten trampeln wir da im Kreis herum.“
Und als er weiter mürrisch rummoserte, begann ich zu erzählen: „In der Oberschwabenhalle von Ravensburg gab es mal eine große Show, ich ging damals noch in Ravensburg zur Schule. Dort ist ein großer Yogi aus Indien aufgetreten, Zuschauer hatten Räucherstäbchen angezündet und waren so locker in bunten Klamotten. Zu der Zeit bin ich kaum mal aus Deutschland rausgekommen, und so war ich wie in einer anderen Welt. Es war eine Show und es wurde viel geredet, doch dann kam der Yogi, nackter Oberkörper, ein weißes Tuch um die Hüften, ein Bär …, vier Männer, Inder, hielten auf einer Seite eine dicke Metallstange, auf der anderen Seite stand der Yogi, hob das angespitzte Ende an seine Brust, legte die Hände auf den Rücken, betete oder sprach ein Mantra oder was weiß ich, machte zwei, drei Schritte nach vorne und die Stange bog sich zu einem U. Lässig warf er die Stange in eine Ecke, eine weitere Stange wurde gebracht, jetzt setzte er die Spitze an seinen Kehlkopf, noch ein U, dann an seine Stirn. Als er eine weitere Stange an sein Auge setzte, legte er ein Tüchlein dazwischen. Natürlich wurde großartig demonstriert, dass es wirklich nur ein Stückchen dünner Stoff war. Und dann das Gleiche nochmal, Hände auf den Rücken, ein Moment der Konzentration, zwei, drei Schritte und noch eine zum U verbogene Stange! Es war der Hammer! Es gab dann mal ’ne Pause zwischendurch. Eigentlich bin ich ja kein Zweifler, aber das mit den Metallstangen musste ich doch nochmal genauer sehen und ging runter zur Bühne, kletterte seitlich hoch, wo die Stangen noch lagen und drückte, drückte mit all meiner Kraft, noch nicht mal einen Millimeter verbog sie sich und wie schwer die war! Nach der Pause wurden Glasflaschen zerschlagen und der Yogi legte sich mit nacktem Oberkörper darauf, es wurde ein Brett auf seine Brust gelegt und die vier Männer stellten sich darauf, natürlich floss kein Blut. Wieder wurden Flaschen zerdeppert, schön auf dem Boden ausgebreitet, wieder legte sich der Yogi darauf, diesmal wurde das Brett wie eine Rampe auf seine Brust gelegt, Motorengeräusche von einem großen LKW, Tore wurden geöffnet und so ein dicker LKW, gelb, wie man sie auf den Baustellen braucht, fuhr ’rein. Vor dem Yogi hielt er nochmal an, einer der Inder winkte und der schweißüberströmte Fahrer lenkte vorsichtig den LKW mit einem der Vorderräder auf das Brett, stand dann ’ne Zeitlang bis der Inder wieder winkte, der LKW fuhr wieder zurück, die Inder hoben das Brett zur Seite, der Yogi stand auf, zeigte seinen Rücken, natürlich kein Blut. Die Zuschauer applaudierten … Tja, irgendwie gibt’s noch andere Kräfte …“
Franz setzte sich im Meditationssitz aufs Gras, legte die Hände auf die Knie, Daumen und Zeigefinger zusammen und sang ein kräftiges OM. Wir lachten beide und pressten weiter stampfend das Gras ins Silo.
Sonntags spannten wir unsere Pferdchen vor den Wagen, setzten die Kinder rein und los ging’s, sie lachten einfach so wegen der Bewegung der Pferde und wir freuten uns. Wir sangen ihnen Lieder vor, „An meiner Ziege hab ich Freude …“, ließen Hänsel und Gretel verschwinden und wieder auftauchen, reparierten ihre Spielsachen …
Athos, dem einjährigen Hengstlein, Sullas Fohlen, legten wir das Halfter an, führten es herum und ließen uns die Hufe geben, Fohlenerziehung mit viel Geduld.
Joschi wurde noch frisch beschlagen. Der Hufschmied, der schon in Urberg Sulla beschlagen hatte, wusste, was wir brauchen, vier Videa-Stiftchen für jedes Hufeisen, „damit sie nicht rutschen. Und hier habt ihr noch Werkzeug, einen Nagelhammer, ’ne Raspel und hier das Hufmesser –, wart, ich schleifs nochmal gschwind – und noch Nägel dazu.“ Ich war skeptisch, ob ich das bei Sulla machen könnte, aber gut war’s sicher, das alles dabeizuhaben.
Endlich kam die Genehmigung aus Paris, dass wir mit unseren Tieren die Grenze passieren dürften „Transit Espagne“.
Der Tierarzt kam, er zeigte uns die fertigen Papiere, die Pferdepässe, Impfpässe und das Dokument für die Ziegen.
„So werden sie euch bestimmt durchlassen. Heute ist der 16. September 1985, in fünf Tagen müsst ihr an der Grenze sein, so lange ist das Zertifikat für die Ziegen gültig. Aber das schafft ihr leicht, vom Feldberg aus geht’s fast nur noch bergab.“
Wir bedankten uns und bezahlten von unserem Ersparten aus unserer Haushaltsauflösung und hofften inständig, dass er Recht behalten würde.
Franz hatte uns von einem seiner Einkäufe in der Stadt noch weitere Isolatoren und Band für den Weidezaun mitgebracht. Jetzt waren wir abfahrbereit. Die Zeit auf dem Tannenhof hatte uns sehr gutgetan und offensichtlich den Tannenhöflern auch, denn Franz fragte uns beim Abschied, ob wir nicht den Winter auf dem Hof verbringen wollten. Das hörte sich natürlich verlockend an, doch wir wollten unseren Traum verwirklichen, Reisen, ohne Tourist zu sein, Land, Leute und das Leben von der anderen Seite her kennenlernen und lernen durch erfahren.
Nach einem Abschiedsessen spannten wir die Pferdchen ein.



Auf, zur Grenze!

„Jetzt fahren sie einfach weg.“ Der Kommentar von unserem Vermieter vom ‚Engel‘ in Urberg kam immer wieder. Die Pferde zogen gut an. Wir hatten die Steigung zum Feldberg hoch vor uns. Domenica führte die Ziegen.
Ich schrieb in unser Reisebuch: Es ist wirklich beruhigend, wie gut die Pferde gehen, ist es nicht faszinierend sich so vorwärts zu bewegen! Wir kennen den Schwarzwald, doch zu Fuß ist das nochmal was ganz anderes! Schließlich kommen wir oben an, ich erfrische die Pferde und nach einiger Zeit kommt Domenica mit den Geißen, die werden eingeladen und dann zuckeln wir gemütlich weiter, müssen öfters mal anhalten, um die Bremsen abkühlen zu lassen, finden Parasolpilze und landen schließlich in Brandenberg an einem schönen Bach. Ich frage nach einer Weide. Wir können ein Stück Wiese zwischen Bach und dem Weg einzäunen. Feuer machen, melken.
„Stromboli, Laila, kommt meine lieben Geißlein!“, kochen, alles Handgriffe, die wir vollkommen gewohnt sind, doch in neuer Umgebung, im Freien – es fühlt sich wie Ferien an! Und wie die Pilze schmecken! Danach schlafen wir schnell ein, träumen heftig, wie immer, nachdem wir gefahren sind.
Am Mittwoch geht’s das Wiesental abwärts, erstmal schön gemütlich, durch Todtnau und Schönau, dann steil das Tal hoch Richtung Neuenweg. Wir schwitzen mit unseren Pferden. An einem Parkplatz mit breitem Wiesenstreifen zäunen wir ein, besorgen mit unserem Eimer Wasser, waschen die Pferde und gönnen uns eine Pause, essen ’ne Kleinigkeit und sitzen in den Schatten, es ist heiß geworden. Als wir weiter wollen, stellen die Pferde auf stur und ich muss mal wieder schiebend nachhelfen. Doch dann läuft’s gut und sie meistern eine enorme Steigung. Wir wechseln uns mit dem Kutschieren und Ziegen-führen ab. ‚Hotzenwald ade!‘ Wir werden wiederkommen, ich liebe deine urigen Bäume, deine frischen Bäche, raue Felsen, liebliche Täler, selbst die typischen Schwarzwaldhöfe, die sich in die Täler ducken, mit ihren langen Walmdächern, mit Holzschindeln gedeckt.

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