Experiment Leben
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 210
ISBN: 978-3-7116-1412-4
Erscheinungsdatum: 08.01.2026
Ein Zufall rettet zwei Leben: Sven hält eine Frau vom Sprung in die Tiefe ab – und gerät selbst in einen Strudel aus Fragen nach Sinn, Liebe und Schuld. „Experiment Leben“ – eine Begegnung, die alles verändert.
Er und SIE: Suizidversuch
Er schlendert langsam auf die Brücke zu und hängt noch seinen Gedanken über das in der Nacht gelesene Buch zum Nahostkrieg nach. Die Erschütterung über die in dem Buch aufgezeigte Brutalität und die Korruptionsdarstellungen wirken nach. Dabei grübelt er über einen Satz, den er mal gelesen hat: Der Mensch habe im Leben immer eine Wahlmöglichkeit.
Als er aus seinen Gedanken kurz aufblickt, sieht er, wie ein Mensch über das Geländer der vor ihm liegenden Brücke steigt. Er erschrickt, rennt sofort los, überquert, ohne nach rechts oder links zu blicken, die Straße, hört wie durch einen Nebel gedämpft das Hupen von Autos, sieht, wie der Mensch vorne an der Brücke zum Sprung ansetzt. Er rennt, rennt, rennt … und greift schließlich zu, versucht, sich in dem Mantel des Menschen festzukrallen, merkt, dass er ihn nicht mehr halten kann. Da kommen plötzlich weitere Arme über das Brückengeländer und greifen zu. Der Mensch wendet kurz seinen Kopf, und jetzt erkennt er unter der Kapuze undeutlich das Gesicht einer Frau. Er blickt in leere Augen.
Gemeinsam ziehen sie zu dritt die Frau über das Geländer zurück, stellen SIE auf ihre Beine. SIE sackt auf ihren Füßen ein, rutscht am Geländer der Brücke herunter, sitzt auf dem Boden, schlägt ihre Hände vors Gesicht. Einer der Helfer schaut die beiden anderen Helfer kurz an: „Sie sind ja zu zweit, ich muss zur Arbeit. Wegen solcher Dummheit bin ich nun aufgehalten worden.“ Er stockt: „Ich will keinen Ärger!“ und geht schnellen Schrittes fort.
Der andere Helfer schüttelt immer wieder schweigend den Kopf, zieht sein Handy aus der Tasche und will offenbar weitere Hilfe rufen, wahrscheinlich einen Rettungswagen. Die Frau blickt auf und ruft mit verhaltener Stimme: „Nein!“ Dann nochmals: „Nein!“, und fügt kurz danach an: „Bitte nicht!“ Der Mann blickt kurz zur Frau, dann ihn fragend an.
Er blickt ruhig zurück: „Wenn SIE es nicht will, dann lassen Sie es!“
Der Mann hebt seine Schultern: „Na dann …“, hebt sein Handy, macht ein Foto, dreht sich um und geht auch. Als die Frau bemerkte, dass der Mann sein Handy hob, drehte SIE schnell ihr Gesicht zur Seite.
Er hockt sich nieder, setzt sich neben die Frau auf die schmutzige Brücke. Sie blicken beide schweigend starr vor sich hin. Dann blickt er nach links und rechts über die Brücke, sieht an einem Ende der Brücke ein beleuchtetes Schild ‚Brücken-Café‘. Er schiebt vorsichtig den Arm zu der Frau. SIE reagiert nicht. Er hakt sich behutsam unter ihrem Arm ein und fragt leise: „Sollen wir versuchen, aufzustehen?“
SIE reagiert immer noch nicht.
Er schiebt sich langsam am Brückengeländer hoch und zieht SIE vorsichtig mit. Als sie beide stehen, blickt er zum ersten Mal in ihr Gesicht. ‚SIE ist noch jung‘, ist er überrascht. Ihre Haare hängen wild und ungeordnet aus der Kapuze in ihr Gesicht. ‚Mitten im Leben!‘, denkt er und dann: ‚Warum will man sich in dem Alter umbringen?‘ Nach kurzer Überlegung: ‚Wahrscheinlich ein Beziehungsproblem.‘
Er schlägt vorsichtig den groben Schmutz von seiner Hose ab: „Ich denke, jetzt wäre ein schöner starker Kaffee gut“, sagt er. Er erhält keine Antwort. „Lassen Sie uns dort“, und dabei zeigt er auf das Ende der Brücke, „lassen Sie uns in das Café gehen.“ Er setzt, SIE immer noch unterhakend, langsam einen Schritt vor den anderen.
SIE lässt sich willenlos mitschleifen.
Das Café ist um diese späte Nachmittagszeit nur wenig besetzt. Er lenkt die Frau zu einem Tisch in einer Ecke, hilft ihr äußerst vorsichtig, wie bei einer zerbrechlichen Puppe, aus dem angeschmutzten Mantel. Da blickt SIE ihn zum ersten Mal an: „Ich bin nicht krank und ich habe auch keinen Ausschlag oder eine ansteckende Krankheit. Sie können mit mir wie mit einem normalen Menschen umgehen.“
SIE nimmt ihm den Mantel aus der Hand, wirft ihn über eine Stuhllehne. Dann zieht SIE schweigend einen nebenstehenden Stuhl vom Tisch, setzt sich hin, legt ihre Hände auf den Tisch und starrt schweigend ihre übereinander liegenden Hände an.
Er ist verunsichert, setzt sich ihr gegenüber und schweigt ebenfalls. Nach kurzer Zeit fällt ihm auf, dass auch er, ebenso wie die Frau, auf seine Hände stiert. Er blickt auf und sieht erleichtert, wie sich eine Bedienung dem Tisch nähert. Als sie am Tisch angekommen ist, sagt er nur kurz: „Zwei starke Kaffee bitte.“
Der Kellner wartet, ob noch etwas bestellt wird, bemerkt dann offenbar die bedrückte Situation, hebt kurz die Schultern an und wendet sich mit einem „Okay“ ab.
Er ruft noch hinterher: „Ach, wenn es geht, im Kaffee noch einen Schuss.“
Die Bedienung wendet sich kurz um, grinst leicht: „Ich verstehe!“ und eilt dann zur Kuchentheke.
Er überlegt, wie er jetzt am besten mit der Frau sprechen soll. Ihm wird bewusst, dass er SIE von dem Sprung abgehalten hat, aber wird SIE nicht gleich nach dem Kaffee wieder zur Brücke gehen und dann springen? Und wenn SIE es nicht heute tut, dann vielleicht morgen? Er fühlt sich unwohl, er fühlt plötzlich eine Verantwortung in sich aufkommen, die er nicht will. Er überlegt, dass die beiden anderen Helfer sich schnell aus dem Staub gemacht haben, der eine sofort, der andere wollte schnell Verantwortung auf die Rettungskräfte abschieben und für die wäre der Vorfall reine Routineangelegenheit gewesen. Aber er, der dieser Frau nach ihrem Versuch nur menschlich in irgendeiner Form für einen Moment beistehen wollte, er, der nicht einfach abgehauen ist, fühlt sich nun in der Klemme der Verantwortung.
Ihm wird bewusst, dass es nach dem Schweigen, wenn er ein paar Worte an die Frau richtet, entscheidend sein wird, was und wie er etwas sagt. So zerbrechlich, wie er zunächst meinte, scheint SIE aber nicht zu sein, das hat er bemerkt, als er ihr vorsichtig beim Mantelausziehen helfen wollte.
Erst jetzt bemerkt er, dass SIE ihren Kopf aufgerichtet hat, ihn wohl schon seit einiger Zeit ruhig anblickt. Er betrachtet ihre farblich abgestimmte Kleidung, die nicht nach Billigware aussieht, und die geschminkten Lippen. Er bemerkt aber auch, dass ihn das noch mehr verunsichert. In seinen Gedanken hatte sich seit der Hilfsaktion festgesetzt, er würde einer zerbrechlichen, armen, älteren Frau, die eher aus einer gesellschaftlichen Randgruppe kommt, helfen. Er hatte sofort ein tiefes Mitleid empfunden. Vielleicht hatte der zerknitterte und verschmutzte Mantel zu diesen Gedanken beigetragen. Als er SIE jetzt in ihrem sichtlich teuren Pulli und Rock und, wie er jetzt empfindet, hübschen und gepflegten Gesicht sieht mit den wilden Haaren, ist sein erster Impuls, einfach aufzustehen und zu gehen. Er fühlt sich irgendwie verarscht. Kleidet und schminkt sich so eine Frau, die von der Brücke springen will? Beim Mitziehen der Frau zum Café ist ihm auch aufgefallen, dass SIE Schuhe mit Absätzen trägt. Es waren niedrige Absätze, aber keine Treter.
Jetzt ist noch Zeit, sich von irgendwelchen Problemen der Frau abzugrenzen. Aber dann kommt ihm in den Sinn, dass er ja schon Kaffee mit Schuss bestellt hat und dass nun einfach zu gehen doch sehr dramatisch wirken könnte. Die Frau, ja auch er selbst, würden es schließlich als feiges Weglaufen empfinden. Und schließlich kann die Frau ja nichts für seine Fehleinschätzung und die daraus nun folgende Enttäuschung. Ein weiterer Gedanke kommt ihm: Vielleicht leidet SIE ja an einer unheilbaren Krankheit?
In dem Augenblick kommt die Bedienung, stellt die beiden Kaffees auf den Tisch und dreht sich mit der Bemerkung: „Zwei Irish Coffees“ um und geht.
Die Frau blickt ihn weiter an und fragt mit ruhiger Stimme: „Warum?“
Er merkt, wie ein leiser Ärger bei ihm aufkommt. Da rettet er diese Frau und SIE sagt nicht schlicht „Danke“, sondern fragt: „Warum“.
Er beherrscht sich: „Warum was?“
„Warum haben Sie mich am Sprung gehindert?“
Nach kurzem Warten auf eine Antwort: „Können Sie nicht die Entscheidungen anderer Menschen akzeptieren?“
Er spürt, wie sein Ärger langsam anschwillt: „Ich habe einfach aus einem Reflex gehandelt. Ich denke, wenn jemand einen Suizid begehen will, dann erfolgt das aus einer verzweifelten Situation und vielleicht gibt es noch eine Chance, ihm in irgendeiner Weise in diesem Leben zu helfen.“
SIE sieht ihn weiterhin ruhig an.
Er blickt forschend in ihr Gesicht und stellt fest, SIE sieht nicht mehr irgendwie verworren aus.
„Helfersyndrom?“ fragt SIE.
Er kämpft mit sich: Sofort aufstehen und gehen oder ihr mal seine Meinung sagen.
Er fragt: „Kann ich jemanden benachrichtigen? Einen Angehörigen?“ Dann könnte auch er beruhigt verschwinden.
„Wollen Sie jetzt eine Sozialanamnese erheben? Ich habe keine Familie und jetzt lassen Sie mich in Ruhe!“
Er schaut wieder auf seine Hände und schweigt verbissen. ‚SIE nimmt mich überhaupt nicht ernst‘, überlegt er. Er weiß, wenn er jetzt anfängt zu reden, dann könnte er lauter werden, und wenn er jetzt aufsteht, dann wird er es später bereuen, weil er diese Frau in einer verzweifelten Situation einfach zurückgelassen hat. ‚Aber‘, überlegt er weiter, ‚so verzweifelt wirkt SIE doch gar nicht mehr, oder spielt SIE ihre Verzweiflung nur herunter?‘
So schweigt er vorerst, um sich selbst zur Ruhe zu bringen.
„Sie wirken auf mich angespannt“, hört er SIE sagen.
Er holt tief Luft, schüttelt leicht seinen Kopf: „Sagen Sie mal, wer ist hier angespannt? Sie wollen aus einer Verzweiflung springen und sagen mir, ich sei angespannt?“
„Ich bin nicht angespannt, ich habe mich entschieden und das schon seit einiger Zeit!“
Er atmet zweimal durch: „Das nehme ich Ihnen nicht ab! Wenn Sie sich, wie Sie mir weismachen wollen, schon seit längerer Zeit zum Suizid entschieden haben, dann hätten Sie einen anderen Freitod gewählt. Sie hätten sich dann nicht auf die Brücke begeben, um so einen schrecklichen Tod zu sterben. Nein! Sie haben vielleicht schon öfter an einen Tod, an einen Suizid gedacht, aber auf der Brücke muss Ihnen einen Augenblick lang irgendeine Ausweglosigkeit in den Sinn gekommen sein und dann haben Sie spontan gehandelt.“
SIE schaut wieder auf ihre Hände, sagt nichts.
„Sie brauchen sich nicht zu überlegen, ob Sie mir vielleicht ‚Danke!‘ sagen wollen“, fügt er dann etwas gereizt hinzu.
Nun erwacht plötzlich Leben in ihren Augen: „Ihnen danken?“, äußert SIE sich und ihre Stimme ändert sich aus einem Flüsterton in eine stärker werdende Stimme: „Sie nehmen meine Entscheidungen nicht ernst, greifen ungefragt ein.“
SIE beugt sich leicht vor, kommt näher an sein Gesicht: „Sie müssen mir danken! Ich habe Ihnen ein Wohlgefühl bei Ihrem Helfersyndrom verschafft, Sie können überall erzählen, was für ein Retter Sie sind. Wollen Sie sich nicht in einer Zeitung abbilden lassen?“
Er starrt SIE fassungslos an, fühlt sich überfordert, eine Antwort zu geben. Dann fragt er sich selbst: ‚Wie lange willst du diese Spannung noch aushalten, wie lange willst du dieses Theater noch mitmachen?‘
Er schüttelt, leicht gedankenverloren, seinen Kopf. Dann verspürt er plötzlich eine ihm zunächst unverständliche Ruhe in sich, bis er klar für sich formulieren kann: ‚Es läuft doch gut! SIE fordert dich zum Kampf heraus, SIE ist wieder ein kleines Stück im Leben angekommen. Das ist doch Leben pur, was sich jetzt bei ihr zeigt. Hier kannst du bei deiner Erwiderung anschließen und auf ihr Leben zu sprechen kommen.‘
Als er SIE aus seinen Gedanken anblickt, sieht er immer noch ihren herausfordernden Gesichtsausdruck. Er überlegt, was er ihr antworten soll. Dann entschließt er sich, SIE einfach zu fragen, ob er SIE nach dem Kaffee nach Hause begleiten kann, damit wäre dann seiner Hilfsbereitschaft endgültig Genüge getan.
„Darf ich Sie nach dem Kaffee nach Hause begleiten?“
SIE erwidert zunächst nichts, ihr Gesicht verliert wieder die Spannung. Dann kommt gar ein vorsichtig ironisches Lächeln in ihr Gesicht: „Sie können es einfach nicht lassen, Sie wollen unbedingt ein Gutmensch sein.“
SIE schüttelt ihren Kopf: „Oder wollen Sie verhindern, dass ich gleich zur Brücke zurückkehre, und Sie müssten sich dann Vorwürfe machen?“
Er bleibt wieder sprachlos.
SIE schüttelt nochmals ihren Kopf: „Nein!“
Beide verfallen wieder in ihr Schweigen.
Ein paar Meter weiter setzt sich eine Gruppe jüngerer Menschen, wild durcheinander plappernd, um einen zu kleinen runden Tisch. Sie kommen offensichtlich von einer Sportveranstaltung.
Er schaut zu ihnen hinüber und denkt: ‚So nah beieinander, Tod und Leben‘.
Als SIE sieht, dass er gedankenverloren zur Gruppe hinüberschaut, blickt auch SIE teilnahmslos hinüber. Mit müden Augen fragt SIE ihn plötzlich: „Treiben Sie auch Sport?“
Er fühlt sich völlig überrascht aus seinen Gedanken gerissen. ‚Sieh an, SIE scheint sich plötzlich für etwas zu interessieren, ja SIE stellt eine Frage zu meiner Person!‘
Er antwortet: „Ja, regelmäßig Tennis!“ SIE nickt langsam. Schweigen.
Dann will er den Augenblick nutzen, etwas von ihr zu erfahren: „Und Sie?“
SIE blickt ihn an: „Laufen! Ich laufe jeden Morgen vor dem Frühstück!“ Pause: „In der letzten Zeit habe ich das allerdings vernachlässigt.“
Er will sofort nachhaken: „Und haben Sie sonst noch ein Hobby?“
SIE reagiert sofort: „Bevor Sie jetzt ein Psycho-Spielchen anfangen … Was für ein Hobby haben Sie denn?“
Er denkt: ‚Schade, SIE hat sofort abgebrochen. Wenn du jetzt nicht ihre Frage beantwortest, ist das Gespräch wohl beendet. Immerhin, es ist ja schon ein Fortschritt, dass SIE sich wieder für ihre Umwelt interessiert, wenn ihre Frage auch eher als aggressive Retourkutsche auf meine Frage zu verstehen ist.‘
„Ich male gern in meiner Freizeit, Öl auf Leinwänden.“ Er hat bewusst ‚in meiner Freizeit‘ hinzugefügt, in der Hoffnung, ihr Interesse aufrechterhalten zu können. War das nicht eine indirekte Aufforderung, dass SIE nun fragen muss, was er denn beruflich macht?
SIE aber nickt nur kurz und blickt wieder mit stumpfen Augen zu der Sportgruppe.
Er fühlt sich nun angereizt, er muss sich steigern, um im Gespräch zu bleiben, er will SIE herausfordern, um SIE so zu einer Lebendigkeit zu verleiten, SIE wieder ins Leben zurückzureißen. Er muss SIE mit etwas überraschen, worauf SIE nicht gefasst ist.
„Ich könnte Ihnen ein Bild malen, gewissermaßen als kleine Erinnerung an eine besondere Situation heute?“
Jetzt ruckt SIE mit dem Blick zu ihm, sieht ihn verständnislos mit aufgerissenen Augen an: „Sie wollen mir ein Bild malen? Wir kennen uns doch gar nicht! Das ist doch schon wieder übergriffig!“
„Stimmt! Ich erlebe Sie erst heute in einer besonderen Situation. Ich kenne Sie nicht und Sie wollen auch nichts von sich preisgeben. Ich will aber auch nicht Sie malen, sondern im Bild die Stimmung einer Situation darstellen, die unmittelbar mit Ihnen verbunden ist.“
„Dann malen Sie Ihr Bild, behalten es aber für sich und lassen Sie mich nun in Ruhe!“
SIE sucht mit ihrem Blick nach der Bedienung. Nachdem die Bestellung in der Sportgruppe aufgenommen ist, winkt SIE dem Kellner zu.
Bevor der Kellner am Tisch angekommen ist, sagt er schnell: „Lassen Sie uns noch einen Kaffee trinken, bevor Sie gehen.“
SIE blickt zwischen dem wartenden Kellner und ihm unschlüssig hin und her und sagt dann müde: „Na gut, einen Espresso.“
Er nickt zufrieden.
Sie beobachten beide weiterhin die Gruppe, bis der Espresso kommt. Er überlegt, wie er SIE überzeugen kann, das Bild doch anzunehmen, er würde es ihr dann sogar vorbeibringen. So würde er auch ihre Adresse erfahren. Und da das Bild noch erst gemalt werden muss, könnte er dann nach dieser Zeit erfahren, ob SIE ihren Suizidversuch mit oder ohne Erfolg wiederholt hat oder ob SIE sich wieder in ihr Leben eingefunden hat.
Als SIE ihre Espresso-Tasse an ihre Lippen führt, sagt er mit ruhiger Stimme: „Sie messen meinem Vorschlag zu viel Gewicht bei. Ich bin nur ein ungelenker Amateurmaler, der aber gerne menschliche Stimmungen darstellt. Das ist meine Art, mich mit Situationen auseinanderzusetzen. Malerei ist für mich eine Art des Sich-Selbst-Findens in der Auseinandersetzung mit einer speziellen Situation. Diese eigene Wahrnehmung versuche ich dann bildlich darzustellen. Malerei löst mich aus der Oberflächlichkeit, aus der Gewöhnlichkeit des Alltags. Ich male nicht reale Figuren, sondern ich versuche, augenblickliche Stimmungen zu malen. Später brauche ich dann nur eines der Bilder anzusehen und finde mich dann sofort in der damaligen Stimmung wieder. Es ploppen dann die Erfahrungen von damals spontan wieder auf.“
SIE hört ihm desinteressiert zu.
„Ich könnte keine Bilder verkaufen, sie haben für Außenstehende keinen Wert. Ich freue mich aber, wenn ich mal ein Bild verschenken kann und ich das Gefühl habe, für den Beschenkten könnte das Motiv der Situation auch eine Bedeutung haben.“
SIE blickt ihn zweifelnd an.
„Sie kennen das doch sicher aus der Musik.“
SIE reagiert nicht.
„Wenn ein alter Hit erklingt, erinnern Sie sich sofort wieder an die Stimmung zu dieser Zeit und damit an die damalige Lebenssituation, zum Beispiel als Sie achtzehn oder zwanzig waren, an einen damaligen Tanz oder an eine vergangene Romanze.“
Er will weiter erklären, aber er bemerkt in ihren Augen ein kurzes Aufflackern, kurz darauf einen verärgerten Ausdruck in ihrer Mimik.
„Sie wollen mir jetzt verklickern, dass ich Ihnen einen Gefallen tue, wenn ich Ihnen das Bild abnehme?“
„Ja, ich würde mich freuen. Vielleicht aber könnten Sie in dem Bild auch etwas für Sie Bedeutsames finden.“
Jetzt erscheint ein schmales Lächeln um ihren Mund: „Sie können es offenbar nicht lassen, Sie wollen unbedingt Jesus Konkurrenz machen!“
Er schmunzelt: „Ja, ich übe allerdings noch daran, übers Wasser zu gehen.“
SIE blickt sich gedankenvoll im Raum um, dann forsch zu ihm gewandt:
„Also gut, malen Sie das Bild. Ich will mir nicht nachsagen lassen, ich wäre schuld, wenn Sie beim ersten Schritt schon ins Wasser fallen …“
SIE stockt plötzlich. Ihr wird wohl selbst die Komik bewusst, dass sie nun ihn gedanklich ins Wasser fallen lassen kann. Dann energisch: „So, und nun zahle ich und gehe nach Hause.“
Er hatte schon auf der Brücke bemerkt, dass SIE keine Handtasche bei sich hatte. Deshalb war es für ihn klar, dass er bezahlen würde. Er fragt aber lieber nicht.
„Sie müssen mir noch sagen, wohin ich das Bild bringen soll?“
SIE zögert: „Wie lange benötigen Sie für das Bild?“
Er überlegt: „Drei Wochen.“
„Dann treffen wir uns vielleicht in drei Wochen wieder hier in diesem Café.“
„Um welche Zeit passt es Ihnen?“
„Die Zeit ist mir egal“, antwortet SIE zweideutig.
„Okay, ich schlage vor, die gleiche Zeit wie wir uns heute hier eingefunden haben, etwa um 16:30 Uhr. So hat auch äußerlich alles einen Bezug zueinander.“
SIE winkt bereits der Bedienung, hat es eilig fortzukommen, steht schon auf, nimmt ihren verschmutzten Mantel von der Lehne des Nebenstuhls und holt aus ihrer Manteltasche ein Portemonnaie.
Er ist überrascht: ‚Nimmt eine zum Suizid Entschlossene ein Portemonnaie mit?‘
„Alles zusammen!“ SIE reicht dem Kellner einen Schein:
„Das passt so!“
Er hebt die Hand. Bevor er etwas einwenden kann, sagt SIE zu ihm gewandt, ohne ein Lächeln: „Inklusive Anzahlung für das Bild.“
Er protestiert nicht, ihn beruhigt die Antwort, kann er doch hoffen, dass SIE zum Bildtermin kommt und dass SIE nicht zur Brücke zurückkehrt: „Sie überschätzen meine Malerei schon wieder, so viel ist das Bild nicht wert.“
Sie stehen beide auf, SIE reicht ihm wortlos die Hand.
Er reagiert: „In drei Wochen!“ Dann: „Mir fällt auf, wir haben uns noch nicht vorgestellt!“
„Lassen wir es so, wie es ist.“ Und schon schreitet SIE zum Ausgang.
...
Er schlendert langsam auf die Brücke zu und hängt noch seinen Gedanken über das in der Nacht gelesene Buch zum Nahostkrieg nach. Die Erschütterung über die in dem Buch aufgezeigte Brutalität und die Korruptionsdarstellungen wirken nach. Dabei grübelt er über einen Satz, den er mal gelesen hat: Der Mensch habe im Leben immer eine Wahlmöglichkeit.
Als er aus seinen Gedanken kurz aufblickt, sieht er, wie ein Mensch über das Geländer der vor ihm liegenden Brücke steigt. Er erschrickt, rennt sofort los, überquert, ohne nach rechts oder links zu blicken, die Straße, hört wie durch einen Nebel gedämpft das Hupen von Autos, sieht, wie der Mensch vorne an der Brücke zum Sprung ansetzt. Er rennt, rennt, rennt … und greift schließlich zu, versucht, sich in dem Mantel des Menschen festzukrallen, merkt, dass er ihn nicht mehr halten kann. Da kommen plötzlich weitere Arme über das Brückengeländer und greifen zu. Der Mensch wendet kurz seinen Kopf, und jetzt erkennt er unter der Kapuze undeutlich das Gesicht einer Frau. Er blickt in leere Augen.
Gemeinsam ziehen sie zu dritt die Frau über das Geländer zurück, stellen SIE auf ihre Beine. SIE sackt auf ihren Füßen ein, rutscht am Geländer der Brücke herunter, sitzt auf dem Boden, schlägt ihre Hände vors Gesicht. Einer der Helfer schaut die beiden anderen Helfer kurz an: „Sie sind ja zu zweit, ich muss zur Arbeit. Wegen solcher Dummheit bin ich nun aufgehalten worden.“ Er stockt: „Ich will keinen Ärger!“ und geht schnellen Schrittes fort.
Der andere Helfer schüttelt immer wieder schweigend den Kopf, zieht sein Handy aus der Tasche und will offenbar weitere Hilfe rufen, wahrscheinlich einen Rettungswagen. Die Frau blickt auf und ruft mit verhaltener Stimme: „Nein!“ Dann nochmals: „Nein!“, und fügt kurz danach an: „Bitte nicht!“ Der Mann blickt kurz zur Frau, dann ihn fragend an.
Er blickt ruhig zurück: „Wenn SIE es nicht will, dann lassen Sie es!“
Der Mann hebt seine Schultern: „Na dann …“, hebt sein Handy, macht ein Foto, dreht sich um und geht auch. Als die Frau bemerkte, dass der Mann sein Handy hob, drehte SIE schnell ihr Gesicht zur Seite.
Er hockt sich nieder, setzt sich neben die Frau auf die schmutzige Brücke. Sie blicken beide schweigend starr vor sich hin. Dann blickt er nach links und rechts über die Brücke, sieht an einem Ende der Brücke ein beleuchtetes Schild ‚Brücken-Café‘. Er schiebt vorsichtig den Arm zu der Frau. SIE reagiert nicht. Er hakt sich behutsam unter ihrem Arm ein und fragt leise: „Sollen wir versuchen, aufzustehen?“
SIE reagiert immer noch nicht.
Er schiebt sich langsam am Brückengeländer hoch und zieht SIE vorsichtig mit. Als sie beide stehen, blickt er zum ersten Mal in ihr Gesicht. ‚SIE ist noch jung‘, ist er überrascht. Ihre Haare hängen wild und ungeordnet aus der Kapuze in ihr Gesicht. ‚Mitten im Leben!‘, denkt er und dann: ‚Warum will man sich in dem Alter umbringen?‘ Nach kurzer Überlegung: ‚Wahrscheinlich ein Beziehungsproblem.‘
Er schlägt vorsichtig den groben Schmutz von seiner Hose ab: „Ich denke, jetzt wäre ein schöner starker Kaffee gut“, sagt er. Er erhält keine Antwort. „Lassen Sie uns dort“, und dabei zeigt er auf das Ende der Brücke, „lassen Sie uns in das Café gehen.“ Er setzt, SIE immer noch unterhakend, langsam einen Schritt vor den anderen.
SIE lässt sich willenlos mitschleifen.
Das Café ist um diese späte Nachmittagszeit nur wenig besetzt. Er lenkt die Frau zu einem Tisch in einer Ecke, hilft ihr äußerst vorsichtig, wie bei einer zerbrechlichen Puppe, aus dem angeschmutzten Mantel. Da blickt SIE ihn zum ersten Mal an: „Ich bin nicht krank und ich habe auch keinen Ausschlag oder eine ansteckende Krankheit. Sie können mit mir wie mit einem normalen Menschen umgehen.“
SIE nimmt ihm den Mantel aus der Hand, wirft ihn über eine Stuhllehne. Dann zieht SIE schweigend einen nebenstehenden Stuhl vom Tisch, setzt sich hin, legt ihre Hände auf den Tisch und starrt schweigend ihre übereinander liegenden Hände an.
Er ist verunsichert, setzt sich ihr gegenüber und schweigt ebenfalls. Nach kurzer Zeit fällt ihm auf, dass auch er, ebenso wie die Frau, auf seine Hände stiert. Er blickt auf und sieht erleichtert, wie sich eine Bedienung dem Tisch nähert. Als sie am Tisch angekommen ist, sagt er nur kurz: „Zwei starke Kaffee bitte.“
Der Kellner wartet, ob noch etwas bestellt wird, bemerkt dann offenbar die bedrückte Situation, hebt kurz die Schultern an und wendet sich mit einem „Okay“ ab.
Er ruft noch hinterher: „Ach, wenn es geht, im Kaffee noch einen Schuss.“
Die Bedienung wendet sich kurz um, grinst leicht: „Ich verstehe!“ und eilt dann zur Kuchentheke.
Er überlegt, wie er jetzt am besten mit der Frau sprechen soll. Ihm wird bewusst, dass er SIE von dem Sprung abgehalten hat, aber wird SIE nicht gleich nach dem Kaffee wieder zur Brücke gehen und dann springen? Und wenn SIE es nicht heute tut, dann vielleicht morgen? Er fühlt sich unwohl, er fühlt plötzlich eine Verantwortung in sich aufkommen, die er nicht will. Er überlegt, dass die beiden anderen Helfer sich schnell aus dem Staub gemacht haben, der eine sofort, der andere wollte schnell Verantwortung auf die Rettungskräfte abschieben und für die wäre der Vorfall reine Routineangelegenheit gewesen. Aber er, der dieser Frau nach ihrem Versuch nur menschlich in irgendeiner Form für einen Moment beistehen wollte, er, der nicht einfach abgehauen ist, fühlt sich nun in der Klemme der Verantwortung.
Ihm wird bewusst, dass es nach dem Schweigen, wenn er ein paar Worte an die Frau richtet, entscheidend sein wird, was und wie er etwas sagt. So zerbrechlich, wie er zunächst meinte, scheint SIE aber nicht zu sein, das hat er bemerkt, als er ihr vorsichtig beim Mantelausziehen helfen wollte.
Erst jetzt bemerkt er, dass SIE ihren Kopf aufgerichtet hat, ihn wohl schon seit einiger Zeit ruhig anblickt. Er betrachtet ihre farblich abgestimmte Kleidung, die nicht nach Billigware aussieht, und die geschminkten Lippen. Er bemerkt aber auch, dass ihn das noch mehr verunsichert. In seinen Gedanken hatte sich seit der Hilfsaktion festgesetzt, er würde einer zerbrechlichen, armen, älteren Frau, die eher aus einer gesellschaftlichen Randgruppe kommt, helfen. Er hatte sofort ein tiefes Mitleid empfunden. Vielleicht hatte der zerknitterte und verschmutzte Mantel zu diesen Gedanken beigetragen. Als er SIE jetzt in ihrem sichtlich teuren Pulli und Rock und, wie er jetzt empfindet, hübschen und gepflegten Gesicht sieht mit den wilden Haaren, ist sein erster Impuls, einfach aufzustehen und zu gehen. Er fühlt sich irgendwie verarscht. Kleidet und schminkt sich so eine Frau, die von der Brücke springen will? Beim Mitziehen der Frau zum Café ist ihm auch aufgefallen, dass SIE Schuhe mit Absätzen trägt. Es waren niedrige Absätze, aber keine Treter.
Jetzt ist noch Zeit, sich von irgendwelchen Problemen der Frau abzugrenzen. Aber dann kommt ihm in den Sinn, dass er ja schon Kaffee mit Schuss bestellt hat und dass nun einfach zu gehen doch sehr dramatisch wirken könnte. Die Frau, ja auch er selbst, würden es schließlich als feiges Weglaufen empfinden. Und schließlich kann die Frau ja nichts für seine Fehleinschätzung und die daraus nun folgende Enttäuschung. Ein weiterer Gedanke kommt ihm: Vielleicht leidet SIE ja an einer unheilbaren Krankheit?
In dem Augenblick kommt die Bedienung, stellt die beiden Kaffees auf den Tisch und dreht sich mit der Bemerkung: „Zwei Irish Coffees“ um und geht.
Die Frau blickt ihn weiter an und fragt mit ruhiger Stimme: „Warum?“
Er merkt, wie ein leiser Ärger bei ihm aufkommt. Da rettet er diese Frau und SIE sagt nicht schlicht „Danke“, sondern fragt: „Warum“.
Er beherrscht sich: „Warum was?“
„Warum haben Sie mich am Sprung gehindert?“
Nach kurzem Warten auf eine Antwort: „Können Sie nicht die Entscheidungen anderer Menschen akzeptieren?“
Er spürt, wie sein Ärger langsam anschwillt: „Ich habe einfach aus einem Reflex gehandelt. Ich denke, wenn jemand einen Suizid begehen will, dann erfolgt das aus einer verzweifelten Situation und vielleicht gibt es noch eine Chance, ihm in irgendeiner Weise in diesem Leben zu helfen.“
SIE sieht ihn weiterhin ruhig an.
Er blickt forschend in ihr Gesicht und stellt fest, SIE sieht nicht mehr irgendwie verworren aus.
„Helfersyndrom?“ fragt SIE.
Er kämpft mit sich: Sofort aufstehen und gehen oder ihr mal seine Meinung sagen.
Er fragt: „Kann ich jemanden benachrichtigen? Einen Angehörigen?“ Dann könnte auch er beruhigt verschwinden.
„Wollen Sie jetzt eine Sozialanamnese erheben? Ich habe keine Familie und jetzt lassen Sie mich in Ruhe!“
Er schaut wieder auf seine Hände und schweigt verbissen. ‚SIE nimmt mich überhaupt nicht ernst‘, überlegt er. Er weiß, wenn er jetzt anfängt zu reden, dann könnte er lauter werden, und wenn er jetzt aufsteht, dann wird er es später bereuen, weil er diese Frau in einer verzweifelten Situation einfach zurückgelassen hat. ‚Aber‘, überlegt er weiter, ‚so verzweifelt wirkt SIE doch gar nicht mehr, oder spielt SIE ihre Verzweiflung nur herunter?‘
So schweigt er vorerst, um sich selbst zur Ruhe zu bringen.
„Sie wirken auf mich angespannt“, hört er SIE sagen.
Er holt tief Luft, schüttelt leicht seinen Kopf: „Sagen Sie mal, wer ist hier angespannt? Sie wollen aus einer Verzweiflung springen und sagen mir, ich sei angespannt?“
„Ich bin nicht angespannt, ich habe mich entschieden und das schon seit einiger Zeit!“
Er atmet zweimal durch: „Das nehme ich Ihnen nicht ab! Wenn Sie sich, wie Sie mir weismachen wollen, schon seit längerer Zeit zum Suizid entschieden haben, dann hätten Sie einen anderen Freitod gewählt. Sie hätten sich dann nicht auf die Brücke begeben, um so einen schrecklichen Tod zu sterben. Nein! Sie haben vielleicht schon öfter an einen Tod, an einen Suizid gedacht, aber auf der Brücke muss Ihnen einen Augenblick lang irgendeine Ausweglosigkeit in den Sinn gekommen sein und dann haben Sie spontan gehandelt.“
SIE schaut wieder auf ihre Hände, sagt nichts.
„Sie brauchen sich nicht zu überlegen, ob Sie mir vielleicht ‚Danke!‘ sagen wollen“, fügt er dann etwas gereizt hinzu.
Nun erwacht plötzlich Leben in ihren Augen: „Ihnen danken?“, äußert SIE sich und ihre Stimme ändert sich aus einem Flüsterton in eine stärker werdende Stimme: „Sie nehmen meine Entscheidungen nicht ernst, greifen ungefragt ein.“
SIE beugt sich leicht vor, kommt näher an sein Gesicht: „Sie müssen mir danken! Ich habe Ihnen ein Wohlgefühl bei Ihrem Helfersyndrom verschafft, Sie können überall erzählen, was für ein Retter Sie sind. Wollen Sie sich nicht in einer Zeitung abbilden lassen?“
Er starrt SIE fassungslos an, fühlt sich überfordert, eine Antwort zu geben. Dann fragt er sich selbst: ‚Wie lange willst du diese Spannung noch aushalten, wie lange willst du dieses Theater noch mitmachen?‘
Er schüttelt, leicht gedankenverloren, seinen Kopf. Dann verspürt er plötzlich eine ihm zunächst unverständliche Ruhe in sich, bis er klar für sich formulieren kann: ‚Es läuft doch gut! SIE fordert dich zum Kampf heraus, SIE ist wieder ein kleines Stück im Leben angekommen. Das ist doch Leben pur, was sich jetzt bei ihr zeigt. Hier kannst du bei deiner Erwiderung anschließen und auf ihr Leben zu sprechen kommen.‘
Als er SIE aus seinen Gedanken anblickt, sieht er immer noch ihren herausfordernden Gesichtsausdruck. Er überlegt, was er ihr antworten soll. Dann entschließt er sich, SIE einfach zu fragen, ob er SIE nach dem Kaffee nach Hause begleiten kann, damit wäre dann seiner Hilfsbereitschaft endgültig Genüge getan.
„Darf ich Sie nach dem Kaffee nach Hause begleiten?“
SIE erwidert zunächst nichts, ihr Gesicht verliert wieder die Spannung. Dann kommt gar ein vorsichtig ironisches Lächeln in ihr Gesicht: „Sie können es einfach nicht lassen, Sie wollen unbedingt ein Gutmensch sein.“
SIE schüttelt ihren Kopf: „Oder wollen Sie verhindern, dass ich gleich zur Brücke zurückkehre, und Sie müssten sich dann Vorwürfe machen?“
Er bleibt wieder sprachlos.
SIE schüttelt nochmals ihren Kopf: „Nein!“
Beide verfallen wieder in ihr Schweigen.
Ein paar Meter weiter setzt sich eine Gruppe jüngerer Menschen, wild durcheinander plappernd, um einen zu kleinen runden Tisch. Sie kommen offensichtlich von einer Sportveranstaltung.
Er schaut zu ihnen hinüber und denkt: ‚So nah beieinander, Tod und Leben‘.
Als SIE sieht, dass er gedankenverloren zur Gruppe hinüberschaut, blickt auch SIE teilnahmslos hinüber. Mit müden Augen fragt SIE ihn plötzlich: „Treiben Sie auch Sport?“
Er fühlt sich völlig überrascht aus seinen Gedanken gerissen. ‚Sieh an, SIE scheint sich plötzlich für etwas zu interessieren, ja SIE stellt eine Frage zu meiner Person!‘
Er antwortet: „Ja, regelmäßig Tennis!“ SIE nickt langsam. Schweigen.
Dann will er den Augenblick nutzen, etwas von ihr zu erfahren: „Und Sie?“
SIE blickt ihn an: „Laufen! Ich laufe jeden Morgen vor dem Frühstück!“ Pause: „In der letzten Zeit habe ich das allerdings vernachlässigt.“
Er will sofort nachhaken: „Und haben Sie sonst noch ein Hobby?“
SIE reagiert sofort: „Bevor Sie jetzt ein Psycho-Spielchen anfangen … Was für ein Hobby haben Sie denn?“
Er denkt: ‚Schade, SIE hat sofort abgebrochen. Wenn du jetzt nicht ihre Frage beantwortest, ist das Gespräch wohl beendet. Immerhin, es ist ja schon ein Fortschritt, dass SIE sich wieder für ihre Umwelt interessiert, wenn ihre Frage auch eher als aggressive Retourkutsche auf meine Frage zu verstehen ist.‘
„Ich male gern in meiner Freizeit, Öl auf Leinwänden.“ Er hat bewusst ‚in meiner Freizeit‘ hinzugefügt, in der Hoffnung, ihr Interesse aufrechterhalten zu können. War das nicht eine indirekte Aufforderung, dass SIE nun fragen muss, was er denn beruflich macht?
SIE aber nickt nur kurz und blickt wieder mit stumpfen Augen zu der Sportgruppe.
Er fühlt sich nun angereizt, er muss sich steigern, um im Gespräch zu bleiben, er will SIE herausfordern, um SIE so zu einer Lebendigkeit zu verleiten, SIE wieder ins Leben zurückzureißen. Er muss SIE mit etwas überraschen, worauf SIE nicht gefasst ist.
„Ich könnte Ihnen ein Bild malen, gewissermaßen als kleine Erinnerung an eine besondere Situation heute?“
Jetzt ruckt SIE mit dem Blick zu ihm, sieht ihn verständnislos mit aufgerissenen Augen an: „Sie wollen mir ein Bild malen? Wir kennen uns doch gar nicht! Das ist doch schon wieder übergriffig!“
„Stimmt! Ich erlebe Sie erst heute in einer besonderen Situation. Ich kenne Sie nicht und Sie wollen auch nichts von sich preisgeben. Ich will aber auch nicht Sie malen, sondern im Bild die Stimmung einer Situation darstellen, die unmittelbar mit Ihnen verbunden ist.“
„Dann malen Sie Ihr Bild, behalten es aber für sich und lassen Sie mich nun in Ruhe!“
SIE sucht mit ihrem Blick nach der Bedienung. Nachdem die Bestellung in der Sportgruppe aufgenommen ist, winkt SIE dem Kellner zu.
Bevor der Kellner am Tisch angekommen ist, sagt er schnell: „Lassen Sie uns noch einen Kaffee trinken, bevor Sie gehen.“
SIE blickt zwischen dem wartenden Kellner und ihm unschlüssig hin und her und sagt dann müde: „Na gut, einen Espresso.“
Er nickt zufrieden.
Sie beobachten beide weiterhin die Gruppe, bis der Espresso kommt. Er überlegt, wie er SIE überzeugen kann, das Bild doch anzunehmen, er würde es ihr dann sogar vorbeibringen. So würde er auch ihre Adresse erfahren. Und da das Bild noch erst gemalt werden muss, könnte er dann nach dieser Zeit erfahren, ob SIE ihren Suizidversuch mit oder ohne Erfolg wiederholt hat oder ob SIE sich wieder in ihr Leben eingefunden hat.
Als SIE ihre Espresso-Tasse an ihre Lippen führt, sagt er mit ruhiger Stimme: „Sie messen meinem Vorschlag zu viel Gewicht bei. Ich bin nur ein ungelenker Amateurmaler, der aber gerne menschliche Stimmungen darstellt. Das ist meine Art, mich mit Situationen auseinanderzusetzen. Malerei ist für mich eine Art des Sich-Selbst-Findens in der Auseinandersetzung mit einer speziellen Situation. Diese eigene Wahrnehmung versuche ich dann bildlich darzustellen. Malerei löst mich aus der Oberflächlichkeit, aus der Gewöhnlichkeit des Alltags. Ich male nicht reale Figuren, sondern ich versuche, augenblickliche Stimmungen zu malen. Später brauche ich dann nur eines der Bilder anzusehen und finde mich dann sofort in der damaligen Stimmung wieder. Es ploppen dann die Erfahrungen von damals spontan wieder auf.“
SIE hört ihm desinteressiert zu.
„Ich könnte keine Bilder verkaufen, sie haben für Außenstehende keinen Wert. Ich freue mich aber, wenn ich mal ein Bild verschenken kann und ich das Gefühl habe, für den Beschenkten könnte das Motiv der Situation auch eine Bedeutung haben.“
SIE blickt ihn zweifelnd an.
„Sie kennen das doch sicher aus der Musik.“
SIE reagiert nicht.
„Wenn ein alter Hit erklingt, erinnern Sie sich sofort wieder an die Stimmung zu dieser Zeit und damit an die damalige Lebenssituation, zum Beispiel als Sie achtzehn oder zwanzig waren, an einen damaligen Tanz oder an eine vergangene Romanze.“
Er will weiter erklären, aber er bemerkt in ihren Augen ein kurzes Aufflackern, kurz darauf einen verärgerten Ausdruck in ihrer Mimik.
„Sie wollen mir jetzt verklickern, dass ich Ihnen einen Gefallen tue, wenn ich Ihnen das Bild abnehme?“
„Ja, ich würde mich freuen. Vielleicht aber könnten Sie in dem Bild auch etwas für Sie Bedeutsames finden.“
Jetzt erscheint ein schmales Lächeln um ihren Mund: „Sie können es offenbar nicht lassen, Sie wollen unbedingt Jesus Konkurrenz machen!“
Er schmunzelt: „Ja, ich übe allerdings noch daran, übers Wasser zu gehen.“
SIE blickt sich gedankenvoll im Raum um, dann forsch zu ihm gewandt:
„Also gut, malen Sie das Bild. Ich will mir nicht nachsagen lassen, ich wäre schuld, wenn Sie beim ersten Schritt schon ins Wasser fallen …“
SIE stockt plötzlich. Ihr wird wohl selbst die Komik bewusst, dass sie nun ihn gedanklich ins Wasser fallen lassen kann. Dann energisch: „So, und nun zahle ich und gehe nach Hause.“
Er hatte schon auf der Brücke bemerkt, dass SIE keine Handtasche bei sich hatte. Deshalb war es für ihn klar, dass er bezahlen würde. Er fragt aber lieber nicht.
„Sie müssen mir noch sagen, wohin ich das Bild bringen soll?“
SIE zögert: „Wie lange benötigen Sie für das Bild?“
Er überlegt: „Drei Wochen.“
„Dann treffen wir uns vielleicht in drei Wochen wieder hier in diesem Café.“
„Um welche Zeit passt es Ihnen?“
„Die Zeit ist mir egal“, antwortet SIE zweideutig.
„Okay, ich schlage vor, die gleiche Zeit wie wir uns heute hier eingefunden haben, etwa um 16:30 Uhr. So hat auch äußerlich alles einen Bezug zueinander.“
SIE winkt bereits der Bedienung, hat es eilig fortzukommen, steht schon auf, nimmt ihren verschmutzten Mantel von der Lehne des Nebenstuhls und holt aus ihrer Manteltasche ein Portemonnaie.
Er ist überrascht: ‚Nimmt eine zum Suizid Entschlossene ein Portemonnaie mit?‘
„Alles zusammen!“ SIE reicht dem Kellner einen Schein:
„Das passt so!“
Er hebt die Hand. Bevor er etwas einwenden kann, sagt SIE zu ihm gewandt, ohne ein Lächeln: „Inklusive Anzahlung für das Bild.“
Er protestiert nicht, ihn beruhigt die Antwort, kann er doch hoffen, dass SIE zum Bildtermin kommt und dass SIE nicht zur Brücke zurückkehrt: „Sie überschätzen meine Malerei schon wieder, so viel ist das Bild nicht wert.“
Sie stehen beide auf, SIE reicht ihm wortlos die Hand.
Er reagiert: „In drei Wochen!“ Dann: „Mir fällt auf, wir haben uns noch nicht vorgestellt!“
„Lassen wir es so, wie es ist.“ Und schon schreitet SIE zum Ausgang.
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