Sonstiges & Allerlei

Es war ein heißer Sommer

D. K. Albert

Es war ein heißer Sommer

Leseprobe:

April

1.

Das Morlingen der 1950er, 1960er Jahre war ein kleines und verschlafenes Nest mit knapp tausend Einwohnern und gut hundert Kühen, einem Gemeindebullen, der Kirche am einen und dem Haus des Bürgermeisters mit der Amtsstube am entgegengesetzten Ende des Dorfes und unserer zweiklassigen Schule genau mittendrin. Reichlich eine Stunde brauchte man mit dem Omnibus bis an den Rhein und etwa ebenso lange mit dem Fahrrad bis in unsere Kreisstadt Braunhausen. Wenn Morlingens allzeit durstiger Bäckermeister Sebastian Walpert vom Gasthaus Busch in der Hauptstraße nach Hause torkelte, nahm er meist den Weg die Eichenstraße hinauf in Richtung Kirche, vorbei an Anton Lampels Poststelle und Irene Reimers Schneiderwerkstatt, an dem Fachwerkhäuschen des Gemeindedieners, der Einmündung zur Oberdorfstraße und schließlich an der Birke, wo seine Frau nicht selten schon auf ihn wartete. Auf dem Hinweg führte die Marschroute des Bäckermeisters regelmäßig durch die Kirchstraße, in der mein Elternhaus stand. In einem bruchsteinernen Anbau, der ursprünglich ein Kuhstall gewesen war, hatte mein Vater seine Schreinerei. Jeden Morgen wurde ich vom Kreischen der Bandsäge und vom Klimpern aus Friedrich Seibels Schmiede von gegenüber geweckt, musste danach in der Schule schwitzen, und wenn nachmittags die Hausaufgaben glücklich erledigt waren und es daheim nichts mehr zu helfen gab, machte ich mit meinen Schulkameraden Thomas Faller und Christof Scholl die Gegend unsicher.
Ich kann mich noch bestens an einen warmen, sonnigen Montag im April des Jahres 195… erinnern. Das neue Schuljahr war erst ein paar Tage alt, ich durfte schon wieder meine kurze Lederhose tragen, eben erst wohnten unsere Schwalben wieder in ihrem Nest, das im Stall an der Decke klebte – und Hubert Rinnelt, der Sohn des Schuhmachermeisters im Unterdorf, hatte mit Steinen nach ihnen geworfen! Ein willkommener Anlass, ihm die längst überfällige Abreibung zu verpassen! Hubert wusste das, und als die Schule aus war, gab er sofort Fersengeld. Ich drückte meiner Schwester Uschi den Ranzen in die Hand und nahm die Verfolgung auf.
„Bleib stehen, du Feigling!“
Selbstverständlich tat mir der Schusterjunge diesen Gefallen nicht und rannte wie um sein Leben. Er schaffte es bis kurz vor Bauer Heinrich Walks Haus am Ende der Schulstraße, dann hatte ich ihn.
„Nein!“, brüllte Hubert. „Nicht!“
Für dieses Geschrei musste es natürlich erst recht Senge geben. Hubert flog zu Boden und verlor büschelweise Haare. Sein Geplärre ging in einem jämmerlichen Heulen unter. Und schon hatte sich ein großer Halbkreis um uns herum gebildet.
„Feste, Johannes!“, brachte mich mein Nebenmann Thomas Faller erst richtig in Gang.
„Von mir auch ein paar!“, setzte Christof Scholl hinterher.
„Schmeiß ihn gegen Heinrichs Misthaufen!“
Das kam von Richard Giehl aus dem achten Schuljahr, und seine Worte fielen auf fruchtbaren Boden. Ich bekam Hubert am Fuß zu fassen und schleifte ihn quer über die Straße auf den Misthaufen zu. Bauer Walks Federvieh stob in alle Himmelsrichtungen.
„Nicht!“, brüllte Hubert wie am Spieß. „Nein! Nicht!“
Was mich nicht im Geringsten beeindruckte. Ich riss den Schusterjungen hoch und klatschte ihn gegen den Misthaufen, dass es nur so spritzte.
„Feste!“, hetzte Richard Giehl. „Richtig reinschmeißen! Oder haste keinen Mumm in den Knochen?“
Keinen Mumm? Von wegen! Schon klatschte Hubert erneut gegen den Misthaufen. Hemd, Hose und die nackten Oberschenkel waren braun und der ganze Schusterjunge roch gewaltig nach Landwirtschaft.
„Nein! Nicht! Ich sag’s meinem Pa…“
Und wieder flog er gegen den Misthaufen. Die Spatzen flatterten zur Seite, die Hühner flüchteten unter den Leiterwagen. Nur ein Entenküken blieb verschüchtert neben der Jauchepumpe sitzen. Hubert klatschte nochmals und nochmals gegen den Misthaufen, und dann hörte ich ein fürchterliches Geschimpfe und wusste sofort, dass es mir galt.
„Aufhören! Aufgehört, zum Donnerwetter noch mal!“ Irmgard Walk stand mit hochrotem Kopf auf der Treppe vor der Haustür und brüllte, dass die Wände wackelten. Sie war nicht ganz eins-neunzig groß, mindestens zweieinhalb Zentner schwer und wirkte so friedlich wie ein angeschossenes Nashorn. Sofort ließ ich von Hubert ab. Er zog den Kopf ein, schaute wie ein geprügelter Hund und schüttelte den Mist von sich ab.
„Was fällt denn dir ein!“, tobte Irmgard. „Wie der Bub nur aussieht! Und erst unser Misthaufen! Schämst du dich nicht?“
„Nein“, antwortete ich etwas verdattert. Richard Giehl prustete los.
„Bursche! Auch noch frech werden!“
Irmgard Walk kam die Treppe heruntergeschossen. Mir schlotterten die Knie. Hubert sah den Drachen erwartungsvoll an.
„Der Schuster hat angefangen“, stotterte ich und fühlte schon die Ohrfeigen auf mich niederprasseln. Das Entenküken neben der Jauchegrube plusterte das Federkleid auf.
„Nicht, Irmgard!“, kam mir Richard Giehl zu Hilfe. „Der Schuster ist schuld! Der wollte dein Küken totmachen!“
Das war Richards Dankeschön dafür, dass Hubert überall rumgepetzt hatte, dass sich Richard und Eva Seibel, die Tochter unseres Nachbarn, geküsst hatten. Für mich bedeutete es Rettung in letzter Sekunde. Irmgard hielt mitten im Schlag inne. Sofort packte ich die Gelegenheit beim Schopf.
„Er hat das Küken getreten“, bibberte ich.
„Gar nicht!“, tönte Hubert.
Irmgard hatte nun das Küken entdeckt. Ihr Gesicht wurde düster.
„Doch!“, plärrte ich mit dem Mut der Verzweiflung. „Er hat das Küken getreten und wollt´ es in die Jauchegrube werfen!“
„Gar nicht!“, brüllte Hubert nochmals. Es klang alles andere als selbstsicher. Irmgard Walks Gesichtsfarbe wechselte vom dunklen Rot ins Violette.
„Johannes hat recht! Ich hab’s auch gesehen!“
Das bekundete jedenfalls Thomas Faller. Christof Scholl nickte heftig. Irmgard schaute mit funkelnden Augen von Hubert zum Küken, vom Küken zu mir und von mir wieder zu Hubert.
„Nein!“, brüllte Hubert. „Nein!“
„Doch! Wenn Johannes nicht gewesen wäre, hätte der Schuster das Küken in die Jauchegrube geworfen!“
Das kam wieder von Richard, und das gab den Ausschlag. Mit einer Behändigkeit, die man ihr niemals zugetraut hätte, schoss Irmgard auf Hubert zu und knallte ihm eine, dass es nur so schepperte.
„Dir werd´ ich helfen, unsere Kükchen totmachen!“ Wieder klatschte es und wieder. „Pass ja auf, dass ich dich nicht selbst in die Jauchegrub´ werfe!“ Und noch eine Ohrfeige. Ich nahm klammheimlich meinen Ranzen von Uschi und verdrückte mich mit ihr, Thomas Faller und Christof Scholl schleunigst in Richtung Eichenstraße. Als wir vor Anton Lampels Haus mit der Poststelle angelangt waren, kringelten wir uns vor Lachen.
„Das war richtig!“, fand Thomas. „Das war schon lange mal nötig!“
„Der schreit so schnell nicht mehr um Hilfe!“, höhnte Christof.
Wir standen jetzt auf der anderen Straßenseite vor Irene Reimers Schneiderei, und unsere Wege trennten sich: Thomas und Christof spazierten die Eichenstraße hinunter und Uschi und ich nahmen die Abkürzung durch unseren Garten, der an den von Irene Reimer und ihrer Mutter grenzte, und wie jedes Mal, wenn wir aus der Schule heimkamen, nahm uns Prinz am Gartentor in Empfang.
Prinz war eine etwas eigentümliche Mischung aus allen möglichen und unmöglichen Hunderassen und nur zu Dummheiten aufgelegt: Mal scheuchte er unsere Hühner durcheinander, mal holte er die Wäsche von der Leine, gelegentlich zerriss er die Zeitung und zuweilen machte er auch Jagd auf den Gemeindediener Franz Wippler, wenn der vor unserem Haus die Neuigkeiten ausläutete. Alois, Papas Altgeselle, nannte Prinz immer einen spitz gepudelten Schnauzterrier, ich aber beharrte darauf, dass er ein Wolfshund wäre: Das schwarze, zottelige Fell, die Stupsnase und die kräftigen Pfoten konnten doch gar keinen anderen Schluss zulassen! Zu dritt schlenderten wir an Bohnenstangen und Gemüsebeeten vorbei zu Papas Werkstatt. Es roch nach Sägemehl und Leim und frisch geschnittenem Holz; Alois räumte eben den Werkzeugschrank ein, Theo drehte die Spindeln am Furnierbock fest und mein Vater stand mit Wolfgang, dem neuen Lehrling, an der Hobelbank und erklärte ihm zum hundertsten Male, wozu Vorderzange, Hinterzange und Bankeisen gut sind.
„Guten Tag, Papa!“, trällerte Uschi.
„Tag ihr beiden! Na, wie war’s in der Schule?“
„Schön!“, zwitscherte Uschi. „Der Lehrer hat gesagt, wir sollen bald anfangen, mit Tinte zu schreiben!“
„Donnerwetter!“, staunte Alois. „Im zweiten Schuljahr und schon mit Tinte!“
„Jaaa!“ Uschi nickte heftig.
„Und wie war’s bei dir?“, wollte mein Vater von mir wissen. „Habt ihr das Diktat geschrieben?“
„Ja, haben wir. War scheiß-schwer, aber ich glaub´, ich hab´ trotzdem null Fehler.“
„Dann hat sich das Üben ja gelohnt! Aber du sollst nicht immer ‚scheiß-‘ sagen!“
„Unser Joachim hat jedes Mal null Fehler im Diktat“, tönte Alois. „Das kennen wir gar nicht anders!“
Theo, der andere Geselle, hatte jetzt die letzte Spindel zugedreht. „Dein Joachim scheint ja ´n ganz gescheites Kerlchen zu sein“, meinte er zu Alois. „Erstaunlich, dass er kein bisschen nach seinem Vater gerät. Bist du sicher, dass er von dir ist?“
Papa und Wolfgang kicherten los. Alois riss den Schleifkorken vom Werkzeugschrank und holte aus. Theo sprang zur Seite und der Korken knallte gegen die Bandsäge.
„Aufgehört!“, donnerte mein Vater. „Sind doch nicht im Kindergarten! – Johannes und Uschi, geht hoch und sagt Mama, sie soll auftun. Wir kommen sofort!“
Uschi und ich spazierten durch die Hintertür und durch den Keller nach oben, Prinz hinter uns her. Oma Lisbeth hatte bereits den Küchentisch gedeckt und füllte Milch in die Gläser. Mama gab Kartoffeln in eine große Schüssel.
„Ah, da seid ihr ja! Na, wie sieht’s aus? Habt ihr viel aufbekommen?“
„Sechs Päckchen zu rechnen“, stöhnte ich, „und für Heimatkunde müssen wir ein Bild malen!“ Mein Ranzen flog neben den Küchenschrank.
„Und wir müssen ein Gedicht lernen! Morgen sollen wir das können!“ Uschi rutschte unter den Tisch, nahm die Katze auf den Arm und drückte ihr Gesichtchen in das weiche, rote Fell. Minka schnurrte zufrieden. Prinz hob die Ohren und knurrte.
„Johannes, tu den Hund raus, jetzt wird gegessen! Und du, Uschi, lass die Katze runter und wasch dir die Hände!“
Meinen Wolfshund aus der Küche zu bugsieren, war alles andere als einfach; er hielt das nämlich für ein neues Spiel und wehrte sich nach Kräften. Aber schließlich schaffte ich es doch. Minka saß wieder unter dem Tisch und schnurrte.
„Dann muss die aber auch raus“, raunzte ich. „Verschwinde, du Katzenvieh!“
„Oooh!“, grollte Uschi. „Mama, Johannes hat ‚Katzenvieh‘ zur Minka gesagt!“
Die Küchentür wurde aufgedrückt. Papa, Wolfgang, Alois und Theo fielen ein und rutschten nacheinander auf die Bank. Mama stellte die Kartoffeln auf den Tisch.
„Erna, was riecht das wieder gut!“, lobte Alois. Meine Mutter strahlte.
„Papa, Johannes hat zur Minka ‚Katzenvieh‘ gesagt!“
„Hört auf, euch zu zanken“, befahl mein Vater. „Setzt euch! Johannes, bete vor!“
Während ich das Tischgebet sprach, herrschte an­dächtiges Schweigen. Danach fielen alle wie die Wölfe über die Kartoffeln und die Milch her.
„Papa, Johannes hat den Hubert verhauen!“
Meine Mutter warf mir einen eisigen Blick zu. Papa rülpste laut.
„Jupp!“ Mama verdrehte die Augen. Papa beachtete es überhaupt nicht.
„Müssen sehen, dass wir nachher die Türen nach Markum schaffen und bis um sechs fertig sind“, schmatzte er. „Ich hab´ heut´ Abend Gemeinderatssitzung. Johannes, du gehst nachher noch mal mit Möbelpolitur über das Sesselgestell und danach fegst du die Werkstatt!“
„Ist gut.“
Alle hatten nun aufgegessen. Ich schob den leeren Teller von mir. Alois wischte sich mit der Hand über den Mund, Theo beleckte sich die Zähne.
„Uschi, bete rasch!“, drängte Oma Lisbeth.
Wir bekreuzigten uns und falteten die Hände, Uschi sprach das Dankgebet und damit war die Tafel aufgehoben. Die Männer gingen zurück in die Werkstatt und Oma Lisbeth in die Waschküche, Mama räumte den Tisch ab und ich verkrümelte mich mit dem Ranzen nach oben auf mein Zimmer.
Mit den Hausaufgaben brauchte ich mich nicht lange aufzuhalten, weil mein Vater heute Abend kaum Zeit zum Nachkontrollieren haben konnte. Auch das Sesselgestell war ruckzuck mit Möbelpolitur eingeschmiert. Nur die Werkstatt fegen dauerte länger, weil Prinz dabei war und den Besen fortwährend für sich beanspruchte. Ich hatte gerade die letzten Hobelspäne in die Kiste geschaufelt, als Papas Pritschenwagen in den Hof fuhr. Prinz spitzte die Ohren und schoss zur Tür hinaus. Alois brachte die Werkzeugkiste angeschleppt, Theo trug Schraubknecht und Leimkessel, Wolfgang den Karton mit Schrauben und Dübeln und Papa die Verantwortung. Für mich blieb die Absetzsäge übrig.
„Bis morgen, Meister!“ Theo schlappte hinüber zum Schuppen, schwang sich auf sein Fahrrad und klingelte. Lauthals kläffend jagte ihm Prinz hinterher.
„Auf Wiedersehen, Meister.“
Und schon war auch Wolfgang um die Ecke verschwunden. Papa zog den Kittel aus und hängte ihn an den Nagel neben dem Werkzeugschrank.
„Komm, Alois, lass uns noch bei Friedrich vorbeischauen.“
Papa schloss die Werkstatttür ab und spazierte mit Alois und mir zu der Schmiede auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Prinz hatte Theos Verfolgung abgebrochen und kam mit. Auf der schmiedeeisernen Bank gleich neben der Haustür und dem in der Nachmittagssonne glänzenden Messingschild mit der Aufschrift „Friedrich Seidel, Schmiedemeister“ saß unser Nachbar mit übereinandergeschlagenen Beinen und las Zeitung.
„Tag, Friedrich“, grüßte Papa artig.
„Tag, Jupp. Tag, Alois. Oh, Johannes, du bist auch dabei! Setzt euch!“
Friedrich faltete seine Zeitung zusammen und rutschte ein Stück zur Seite. Papa und Alois plumpsten neben ihn auf die Bank. Papa streckte die Beine weit von sich.
„Ich bin hundskaputt! War ganz schön was zu schaffen gewesen heute!“
„Bei mir auch.“ Friedrich begann, umständlich seine Pfeife zu stopfen. „Einen Pflug und ´ne Mähmaschine mussten wir reparieren und Kurt Bollmann hat zwei Gäule beschlagen lassen. Die Buben sind gerade erst heim.“
Friedrich zündete seine Pfeife an. Der Qualm roch schwer und süß. Papa fingerte einen Stumpen aus seiner Brusttasche.
„Habt ihr heute Abend nicht Gemeinderatssitzung, Jupp? Kurt hat was davon erzählt.“
„Ja, um sieben.“ Papa zündete den Stumpen an. „Wichtige Sache heute! Es geht darum, wo das Neubau­gebiet erschlossen werden soll! Wilhelm sagt, dass ihm die Leute deswegen schon die Tür einrennen!“
Wilhelm Barke, einer von Oma Lisbeths Vettern, war unser Bürgermeister.
„Glaub ich gerne“, pflichtete Alois meinem Vater bei. „Es muss doch gebaut werden können! Alleine die vielen Flüchtlinge, die aus der Ostzone kommen und nicht wissen, wohin!“
Papa nickte und weil das so bedeutungsvoll aussah, nickte ich auch. Prinz beschnüffelte Friedrichs Zeitung.
„Bei uns in Markum sind schon wieder Neue“, fuhr Alois fort. „Kommen irgendwo aus Brandenburg. Haben drei kleine Kinder. Ganz ordentliche Leute, sagt mein Schwiegervater. Der Mann wäre im Krieg sogar Feldwebel gewesen. Er hat sofort Arbeit gekriegt in Stulpach im Steinbruch.“
„Das werden ja immer mehr statt weniger“, brummte Friedrich. „Aber solange wir sie alle irgendwo unterbringen können …“
Und das konnten wir. Dieter Sabisch, mein Schulkamerad, kam aus Posen. Lothar Stretzlan, Friedrichs bärenstarker Zuschläger mit Oberarmen dicker als meine Beine, war Schlesier. Von Pfarrer Bindemann hieß es, er käme aus Mecklenburg. Und unser Lehrer Julius Golnat stammte aus Ostpreußen. Sie alle hatten hier ein neues Zuhause gefunden. Papa nickte bedächtig. Prinz legte den Kopf schief und knurrte.
„Ich muss jetzt gehen. Meine Frau wartet mit dem Essen.“ Alois stand auf, lächelte allen noch einmal freundlich zu und stiefelte die Kirchstraße hinauf. Als er die Ecke Oberdorfstraße erreicht hatte, begannen die Abendglocken zu läuten.
„Zeit fürs Abendbrot.“ Papa drückte sich von der Bank hoch. „Bis morgen, Friedrich, ich erzähl dir dann, was bei der Gemeinderatssitzung rausgekommen ist. – Johannes, lass die Zeitung liegen und Marsch nach Hause!“
Ich legte Friedrichs Zeitung auf die Bank zurück und folgte Papa und Prinz über die Straße. Oma Lisbeth hatte bereits den Tisch gedeckt. Zum Brot gab es heute für jeden zwei Scheiben gekochten Schinken und sogar eine Gewürzgurke, eine Delikatesse! So gestärkt, schaffte es Papa eben noch, sich zu waschen und ein frisches Hemd überzuziehen, dann musste er auch schon zur Gemeinderatssitzung.
Schon damals waren solche Sitzungen eine überaus wichtige Angelegenheit. Die Morlinger Sitzungsordnung schrieb seinerzeit vor, dass jeder Kommunalpolitiker erst einmal eine Runde Bier ausgeben musste. Anschließend debattierten Sattlermeister Ewald Kruscht und mein Vater über die Auftragslage im Handwerk und nach ein oder zwei weiteren Runden fachsimpelten Kurt Bollmann und Herbert Parbel, der uns gegenüber gleich neben der Schmiede wohnte, über den Spielstand der neu gegründeten Fußball-Bundesliga. Sodann – meist schon mit schwerem Zungenschlag – erinnerte der Gemeinderatsabgeordnete und Bäckermeister Sebastian Walpert an die Entscheidungsschlachten der Kriege von vierzehn-achtzehn und neununddreißig-fünfundvierzig. Hierbei passten alle genau auf, denn Sebastian Walpert spielte bei uns in Morlingen die Hauptrolle. Dabei stammte der Bäcker gar nicht aus dem Ort selbst, sondern war nur ein Zugereister: Kurz nach Kriegsende war er zusammen mit einer Kolonne Ausgebombter hier aufgekreuzt; man nahm an, dass er aus dem Westfälischen oder irgendwo aus dem Ruhrgebiet käme, aber etwas Genaues wusste niemand und im Grunde war es ja auch egal. Jedenfalls kam Sebastian Walpert genau zur rechten Zeit in Morlingen anspaziert: Der Dorfbäcker, den sie zum Volkssturm eingezogen hatten, war nämlich bei den Kämpfen um die Eisenbahnbrücke von Braunhausen gefallen und seine Witwe Regina versuchte eher schlecht als recht, sich, den Jungen und die Bäckerei mit dem kleinen Gemischtwarenladen über die Runden zu bringen. Es traf sich, dass Sebastian Bäckermeister war oder es zumindest von sich behauptete; er fasste sofort zu und zeigte den Morlingern, dass man auch mit rationiertem Mehl kräftiges Brot und gute Brötchen backen konnte. Mit dem Laden und der Bäckerei ging es wieder aufwärts, und dass Regina ihren Bäckermeister schließlich heiratete, erschien allen als etwas vollkommen Selbstverständliches. Sebastian Walpert hatte sich schon lange seinen Platz in den Herzen der Morlinger erobert wie auch einigen Respekt; er war nämlich alles andere als dumm, erwies sich als hervorragender Gesellschafter, konnte reden wie ein Abgeordneter – und dass er ab und zu einmal ein Gläschen über den Durst trank, nun ja, wer ist denn schon vollkommen? Meist berichtete er dann über seine Abenteuer als Landschütze im Zweiten Weltkrieg und nicht selten geriet unser Dorfbäcker dabei vom Hundertsten ins Tausendste. So ganz nebenbei wurde auf den Gemeinderatssitzungen manchmal auch über irgendwelche Erschließungsbeiträge debattiert oder über eine Erhöhung der Hundesteuer oder der Deckgebühr für den Gemeindebullen. Zu weit vorgerückter Stunde wurde die Sitzung dann endlich geschlossen. Nicht selten waren die Gemeinderäte vom Debattieren so erschöpft, dass sie sich auf dem Nachhauseweg gegenseitig stützen mussten.
Es mochte kurz nach Mitternacht gewesen sein, als ich von einem heftigen Poltern im Flur geweckt wurde. Der Gemeinderatsabgeordnete Josef Assel kehrte in den Kreis der Familie zurück. Prinz begann zu bellen.
„S-sei still, du Sch-Scheißköter! Hups!“
Kein Zweifel, das war Papa!
„Du so-solls ruhig sein! Ha-hassu nich gehört?“
Ein weiteres Rumpeln ließ ahnen, dass die Treppe für meinen Vater etwas zu steil war. Prinz bekundete sein Missfallen. Ich hörte Mama die Schlafzimmertür aufreißen.
„Josef!“
Wenn Mama ‚Josef‘ sagte statt ‚Jupp‘, musste bei ihr das Barometer auf Sturm stehen. Prinz hörte auf zu kläffen und knurrte böse. Durch den Spalt unter meiner Tür drang ein dünner Lichtschein.
„Gu-gu-gunnamend, Gnädschefrau. Hups!“
Es rumste nochmals, dieses Mal heftiger als zuvor.
„Josef! Du bist ja wieder besoffen! Schämst du dich denn nicht?“
Die Antwort war ein unverständliches Sabbeln. Oben ging Oma Lisbeths Zimmertür.
„Jupp! Kreuzteufel noch mal! Sich so zu besaufen! Heilige Maria Mutter Gottes!“
Auf der Treppe hallten Mamas Schritte. Noch eine Tür ging.
„Uschi! Die Tür zu und sofort wieder ins Bett! Und du, Josef, schläfst im Wohnzimmer!“
Was folgte, hörte sich an, als befördere meine Mutter den Kommunalpolitiker im hohen Bogen in die Wohnstube und aufs Sofa. Die Wohnzimmertür wurde ins Schloss gezogen. Mama kam auf Zehenspitzen die Treppe hinauf.
„Auf den Misthaufen hättest du ihn schmeißen sollen!“, geiferte Oma Lisbeth. „Man muss sich ja schämen vor …“
„Pssst, Schwiegermutter! Sei doch wenigstens du leise!“
Man sagte nichts mehr. Oma Lisbeth fing an loszujammern und bat die Heilige Jungfrau Maria um Vergebung für diesen missratenen Sohn. Das Licht ging aus und die Türen rumsten. Die Nachtruhe war gespenstisch, aber das Sägekonzert des erschöpften Gemeinderatsabgeordneten Josef Assel wirkte überaus beruhigend.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 390
ISBN: 978-3-95840-427-4
Erscheinungsdatum: 14.06.2017
EUR 18,90
EUR 11,99

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