Sonstiges & Allerlei

Entzogenes Glück

Pascal F. Jelinek

Entzogenes Glück

Papa, ich will dich nicht sehen

Leseprobe:

Nach-Sehen
An einem Freitagmorgen springt Pascal (52) quietschvergnügt aus dem Bett. Es ist ein besonderer Tag. Seine Tochter Maja bestand die Matura mit gutem Erfolg, und er will bei der Verleihung des Maturazeugnisses unbedingt dabei sein. Ich werde Maja herzlichst mit einem Kuss gratulieren, ihr alles Gute wünschen, ein Kuvert mit einem Geldschein zustecken und mit meiner Anwesenheit zeigen, dass ich zu ihr stehe und stolz auf sie bin. Pascal zieht ein festliches Gewand an. Es ist ein schwarzer Anzug mit einer herausstechenden blumigen Krawatte und aufpolierten italienischen Schuhen mit blauen Schuhbändern. Er verfasst noch eine Glückwunschkarte mit seiner persönlichen Note: „Liebe Maja! Ich gratuliere dir sehr herzlich und freue mich riesig, dass du den Abschluss des Gymnasiums mit gutem Erfolg geschafft hast. Als stolzer Vater möchte ich bei der Verleihung deines Maturazeugnisses gerne anwesend sein. Ich liebe dich sehr! Ich wünsche dir viel Erfolg auf deinem weiteren persönlichen Lebensweg, in der Arbeitswelt oder beim Studium. Du wirst mir sicherlich schon sagen können, welche Schritte du in den nächsten Monaten planst, und ich werde dich dabei gerne unterstützen. Der Geldschein im Kuvert ist eine kleine Anerkennung für deine positiven Leistungen. Herzlichst dein überglücklicher Vater.“

Pascal steckt die Karte in die Innentasche des Anzuges. Mit seinem Auto plant er drei Kilometer zum Bahnhof zu fahren, um mit dem Zug stressfrei und in Gedanken sich vorbereitend nach Wurmlach zu gelangen. Er steigt in sein Auto ein, um rechtzeitig den Zug zu erreichen. Pascal steckt den Schlüssel ins Zündschloss und dreht ihn zum Starten. O weh. Der Wagen springt nicht an, er gibt nur einen kleinen Motorrülpser. Beim zweiten Startversuch reagiert sein Auto gar nicht. Laut ärgert sich Pascal, er möchte ja die Zugabfahrt nicht verpassen. Sind die Zündkerzen defekt, oder ist die Autobatterie leer? In diesem Augenblick hat er überhaupt keine Zeit, den Grund herauszufinden, warum sein Auto nicht anspringt. Das juckt ihn in diesem Moment überhaupt nicht. Er hat nur ein Ziel: den Zug nach Wurmlach schnell zu erreichen.

Der Schienenersatzverkehr fährt in zwei Minuten, findet Pascal aus den Fahrzeiten im Internet heraus. „Diesen Bus muss ich unbedingt erreichen.“ Eiligen Schrittes geht er zur Straße. „Er ist noch nicht vorbeigefahren!“ Im Laufschritt bewegt sich Pascal zur Bushaltestelle. Zu spät. Der Bus kommt ihm schon entgegen. Noch ist die Chance, mitgenommen zu werden, nicht vorbei. Er winkt heftig mit beiden Händen und schreit: „Bleib bitte stehen, nimm mich noch mit!“ Der Bus kommt immer näher. Pascal gibt dem Busfahrer ein Zeichen, stehen zu bleiben. Doch der Chauffeur sieht ihn nicht. Er ist gerade damit beschäftigt, einer jungen Dame das Restgeld für das Ticket herauszugeben.

Was nun? Diesen Zug wird er wohl nicht mehr erreichen, und er muss den nächsten ohne Panne erwischen. Pascal begibt sich auf den drei Kilometer langen Fußweg. Versuche, Autos zu stoppen, misslingen. Ein Bekannter Pascals verwechselt sein Handzeichen mit Winken und fährt an ihm vorbei. Der Fußmarsch im schwarzen Anzug ist mehr als unbequem. An seinen schön geputzten und polierten Schuhen sammelt sich ein Staubkorn nach dem anderen. Werde ich es rechtzeitig schaffen, den nächsten Zug nach Wurmlach zu erwischen? Pascal nimmt an diesem heißen Junitag sein Sakko in die Hand, beschleunigt sein Tempo, überwindet keuchend eine Anhöhe, versucht vergeblich ein vorbeifahrendes Auto anzuhalten und zieht weiter. In Gedanken vertieft überwindet er am Gehsteig kleine Straßenhindernisse, wie eine leere Dose, Bierflasche, ein Taschentuch. Er ärgert sich darüber, wie sorglos der Müll auf der Straße entsorgt wird. Schweißperlen benetzen seine Stirn. Die Wangen werden immer rötlicher, der Schweiß bahnt sich den Weg entlang der Koteletten. Auch sein weißes Hemd ist verschwitzt. Flecken ziehen entlang der Wirbelsäule und unter den Achseln weite Kreise. Pascals Haare sind leicht durchnässt, sein Pulsschlag und die Aufregung ist hoch.

Am Bahnhof der S-Bahn angelangt, stürmt Pascal sogleich zum Ticket-Automaten und druckt die Fahrkarte nach Wurmlach aus. Flott geht er zum Bahnsteig, um den Zug alsbald zu erreichen. Er schreibt seiner Schwester eine SMS: „Liebe Silvia! Mein Auto streikte, ich habe den Bus nicht erreicht, und verschwitzt warte ich am Bahnsteig auf den Zug. Schade, dass du im Dienst bist und du mich nicht zum Bahnhof gefahren hast.“ Von Weitem hört Pascal den anrollenden Zug. Durchsage des Bahnhofsprechers: „Die S-Bahn in Fahrtrichtung Wurmlach fährt Bahnsteig 2 ein. Bitte rasch einsteigen, der Zug fährt in wenigen Minuten ab!“ Pascal tippt die SMS fertig: „Dann würde ich nicht verschwitzt und gestresst den Zug verpassen. Aber es ist noch nicht zu spät. Ich freue mich, beim wichtigen Lebensabschnitt von Maja dabei zu sein. Liebe Grüße, Pascal.“ Wo ist der Zug? Oh, mein Gott, ich bin am falschen Bahnsteig! Pascal steckt sein Mobiltelefon schnell ein und läuft über zahlreiche Treppen auf und ab, zurück und geradeaus zum Bahnsteig Nummer 2. Er betritt aufgeregt den Bahnsteig, und in diesem Augenblick schließen die Türen des Zuges, und Pascal hat das Nachsehen.

Warten auf die nächste S-Bahn in einer halben Stunde. Pascal verlässt den Bahnsteig nicht mehr. Einmal am Abstellgleis ist genug an diesem turbulenten Tag. Rechtzeitig steigt er in den nächsten Zug nach Wurmlach ein.

Es ist noch ein Abteil frei. Pascal setzt sich zu zwei Schülerinnen, die wahrscheinlich mit größerer Verspätung zur Schule fahren. Sie nehmen keine Notiz von Pascal, da sie auf ihr Handy starren. Sie halten ihr Smartphone verkrampft in der Hand und tippen unentwegt auf die kleine Tastatur. Die beiden führen einen stummen Dialog. Die nonverbale Kommunikation wird nur kurz durch den Handytausch unterbrochen. Gierig saugen sie ihre Informationen auf, als wäre das kleine Gerät die zielführende Navigation ihres Lebens. Ihr Tippen wird im Laufe der Zeit immer heftiger, ein stierer Blick ist auf das Display fixiert. Erst nach einiger Zeit bemerken sie ihren neuen Fahrgast und begrüßen Pascal mit „Hi“.

Ich habe meine Tochter Maja schon sehr lange nicht gesehen. Wird sie erfreut sein, wenn ich zur Verleihung des Maturazeugnisses auftauche? Wird sie mich ignorieren, beschämt wegschauen? Oder wird sie vielleicht doch froh sein, dass ich zu ihrer Feier komme? Ich bin sehr nervös, schließlich komme ich als ungeladener Gast zur Zeugnisverleihung. Erfahren habe ich vom Erfolg meiner Tochter …

Im Nachbarabteil sitzt eine betagte Frau mit einem geblümten Kopftuch und einem Korb mit Eierschwammerln. Aus einer Plastiktasche ragen Zucchini und große Gurken, aus der anderen Ringelblumen und Spargelbündel. Die gefalteten Hände zeigen schon Altersflecken und sind von der Gartenarbeit leicht aufgekratzt. Diese Frau wird sicherlich ihre Gartenprodukte am Marktstand feilbieten, um ein Körberlgeld zur Pension dazuzuverdienen. Sie blickt unentwegt in eine Richtung beim Fenster hinaus. Wälder und Wiesen flitzen an ihr vorbei. Kommen und verschwinden auch Bilder aus ihrem Leben? Nur ein Ruck des Zuges bringt sie für kurze Zeit aus der Vertiefung ihrer Gedanken.

Wie schön wäre es gewesen, jeden Lebensabschnitt meiner Tochter miterleben zu können. Es waren immer nur kurze Momente und Blitzlichter, an denen ich Anteil haben durfte. Wenigstens kann ich heute dabei sein, wenn meine Maja ihren Lebensabschnitt bis zur Matura abschließt und einen neuen beginnen wird.

Schräg gegenüber sitzt ein Pärchen mittleren Alters. Auf dem Schoß des Mannes ruht ein Laptop, in dem er lebensnotwendige Mails checkt und auch Bilder von hübschen Frauen ansieht. Er ist sicherlich mit allen Frauen aus dem Netz verwandt, lächelt Pascal. Seine Frau, die ihrem Gatten gegenübersitzt, schaut faszisiert links und rechts beim Fenster hinaus, ein andermal ins Sitzabteil daneben. Sie fragt ihn irgendetwas, er murmelt was daher, sie gibt auf, weitere Fragen zu stellen. Die beiden scheinen schon sehr lange verheiratet zu sein. Sie haben sich wohl schon genug gesagt. Die Frau bemerkt, dass sie von Pascal beobachtet wird. Sie schaut ihn kurz an und erwidert seinen Blick mit einem verlegenen Lächeln. Ihr Gatte hat nichts davon bemerkt. In der Zielgerade wird Pascal sichtlich nervös. „Bahnsteig 1. Die S-Bahn fährt im Wurmlacher Hauptbahnhof ein“, sagt eine weibliche Stimme aus dem Mikrofon.

Pascal fährt mit dem städtischen Bus zur Schule seiner Tochter, um bei der Verleihung des Maturazeugnisses dabei zu sein. Habe ich den kulturellen Teil bereits versäumt? Zumindest bei der Zeugnisverleihung möchte ich persönlich anwesend sein! Schnellen Schrittes eilt er als Einziger zur Schule. Von Weitem sieht er die versammelten Feiergäste in festlicher Kleidung. Auf der Bühne dirigiert der Chorleiter die jugendlichen Sängerinnen und Sänger. Wie peinlich, dass ich zu spät, verschwitzt und abgehetzt auftauche! Ich hoffe, dass ich nicht unangenehm auffalle. Pascal ist im Begriff, durch die Eingangstür die Schule zu betreten, doch das Portal ist zugesperrt! Er rüttelt an der Türklinke, die Tür geht nicht auf. Niemand bemerkt den Spätankömmling draußen vor der Tür. Dann klopft Pascal immer lauter an die Scheibe. Ein Sicherheitsbeauftragter dreht sich überrascht zu Pascal und lässt ihn im Stich. Pascal klopft noch heftiger. Empört schauen ihn einige Leute an. Mit Handzeichen erklärt er, dass er hinein möchte. Der breitschultrige Security-Mann kommt zur Tür, öffnet einen Türspalt und sagt zu Pascal: „Der Veranstaltungsraum der Schule ist voll, und es gibt aus Sicherheitsgründen keinen Platz mehr!“ Danach knallt er die Tür zu und sperrt sie wieder ab. Pascal stellt das Klopfen ein und begnügt sich als Glastürengast.

Wie in einem Stummfilm schaut Pascal den Feierlichkeiten in der Aula zu. Auf der Bühne singt der Schülerchor, der Dirigent schwingt den Taktstock, als würde er vergeblich Fliegen fangen. Die Mädchen und Burschen sind einheitlich gekleidet. Sie tragen alle blaue Jeans und weiße Blusen beziehungsweise Hemden. Die Burschen haben dunkle Fliegen zu ihrem Hemd. Im Einheitstakt öffnen die Schülerinnen und Schüler zum Gesang ihren Mund. Man könnte meinen, sie würden ihren Dirigenten anbrüllen. Zum Abschluss verbeugen sie sich vor dem Publikum und verschwinden vor den Augen Pascals, da die Zuhörer ihrem Auftritt einen lang anhaltenden Stehapplaus zollen.

Anschließend lädt ein Lehrer zu Verleihung der Maturazeugnisse ein. Die Festreden hat Pascal zuvor wohl alle versäumt. Hat Maja stellvertretend für die Maturanten eine Festrede gehalten? Nach einer kurzen Ansprache ruft er die Maturanten einzeln auf die Bühne. Ein Mädchen kommt mit strahlendem Gesicht, um das abschließende Zeugnis entgegenzunehmen. Der Klassenvorstand schüttelt heftig ihre Hand und übergibt das Zeugnis. Das Mädchen wendet den Blick nurmehr dem Zeugnis zu. Jeweils drei Zeugnisse werden gleichzeitig ausgeteilt, dann stellen sich die Maturanten unaufgefordert umschlungen auf, und der Fotograf schießt in einem Blitzgewitter unzählige Fotos. Pascal, vor dem Fenster zur Aula ausgesperrt, folgt der Festlichkeit mit entsprechendem Körpereinsatz. So muss Pascal einmal auf Zehenspitzen stehen, dann seinen Kopf hin und her bewegen, immer wieder die Position wechseln oder seine Nase an die Scheibe drücken. Nun wird Maja aufgerufen. In einem langen sommerlichen rosa Kleid begibt sie sich auf die Bühne. Maja blickt immer zu ihren Schuhen, um nicht übers Kleid zu stolpern. Der Klassenvorstand spricht wohl wegen ihres guten Erfolges einige Sätze mehr, die er von einem vorbereiteten Blatt vorliest. Einige stehen aus Begeisterung auf und applaudieren. Zwischen Köpfen, Schultern, Rücken und Stühlen fängt Pascal nur Bruchstücke von der Verleihung des Maturazeugnisses an seine Tochter Maja ein. Der Lehrer spricht zu Maja, und sie nimmt ihr Zeugnis nach einem kräftigen Händedruck entgegen. Das Fotoshooting kann sich Pascal nur in seiner Fantasie vorstellen.

Pascal hofft immer noch darauf, nach der Zeremonie Maja persönlich seine Glückwünsche und seine Freude aussprechen zu können. Der Zutritt bleibt Pascal aber weiterhin verwehrt, die Tür bleibt geschlossen. Die gefeierten Maturanten und die geladenen Gäste kehren Pascal den Rücken, verlassen ihre Plätze und begeben sich zu einer Tür, um wohl die Feierlichkeit in anderen Räumlichkeiten fortzusetzen.

Pascal war bei dieser Feier mit einem lachenden und weinenden Auge dabei. Er freut sich, dass seine Tochter Maja diesen schulischen Abschnitt erfolgreich bestanden hat und dass er bei der Feierlichkeit dabei sein durfte. Es fühlt sich wie Seelenbalsam an, wie Maja stolz ihr Abschlusszeugnis entgegennimmt. Das Strahlen in ihrem Gesicht hellt meine triste Stimmung kurzzeitig auf. Sie hat nun einen wichtigen Lebensabschnitt erfolgreich gemeistert. Traurig stimmte Pascal, dass er als stummer Beobachter im Abseits der Scheinwerferlichter verbleiben musste. Es beschwert mein Herz, nur im Abseits gewesen zu sein.






Der blaue Brief
Langes Klingeln an der Haustür. Pascal R. öffnet die Haustür. Eine junge Postbotin mit himmelspiegelnd blauen Augen grüßt freundlich und ersucht um eine Unterschrift für den eingeschriebenen Brief. Der „blaue Brief“ sticht aus den Postsendungen heraus. „Tschüs“, sagt sie mit breitem Lächeln. „Bis morgen.“ „Bezirksgericht Wurmlach“ lugt als Absender aus dem Sichtfenster des Briefumschlags. Andere Postsendungen verlieren schlagartig an Bedeutung. „Was habe ich verbrochen? Wieder mal zu schnell gefahren oder gar falsch geparkt?“ Pascal nimmt sich keine Zeit, den Brieföffner aus dem Arbeitszimmer zu holen. In gewohnter Manier reißt er mit dem rechten Zeigefinger die verklebte Lasche auf und zieht den Brief aus dem Umschlag. Fett gedruckt stechen folgende Lettern ins Auge: „Antragsstellerin: Maja R. – Antragsgegner: Pascal R.“ Die Antragstellerin ist Pascals Tochter Maja, ihr Antragsgegner der Papa. Das offizielle Schreiben fordert die Offenlegung von Pascals Einkommen zwecks Unterhaltserhöhung. „Antragstellerin gegen Antragsgegner“, „Tochter gegen Vater“: galaktischer kann die Entfernung wohl nicht mehr sein.

„Sollten Sie innerhalb der 14-tägigen Frist keine bzw. nur unvollständige Einkommensunterlagen vorlegen, so ist das Gericht berechtigt, diese direkt beim Dienstgeber oder anderen Behörden und Institutionen (Finanzamt, Arbeitsamt usw.) einzuholen. Gegen diese Aufforderung ist ein Rechtsmittel nicht zulässig.“

Unterzeichnet ist das Schreiben der Rechtspflegerin Michelle E. vom Jugendamt des Bezirksgerichts Wurmlach. Pascals Tochter Maja ist im Begriff, sich das Geld über das Gericht zu holen! Dies bedeutet, wenn Pascal nicht unverzüglich und korrekt sein Einkommen offenlegt, wird das Einkommen berechnet und das Geld über seinen Arbeitgeber willkürlich von seinem Konto abgezweigt. In diesem Fall wird auch sein Dienstort, die Schule, informiert, er wird öffentlich bloßgestellt. Der überraschend ins Haus flatternde Brief und die überfallartige Aufforderung und Androhung erwecken in Pascal eine Panik.

Pascals Knie wird weich, er setzt sich auf die Bank im Esszimmer, um weiterzulesen. Seine 19-jährige Tochter Maja suchte die Rechtspflegerin Michelle E. auf und gab zu Protokoll: „Der Vater ist Lehrer. Außerdem schreibt er noch Artikel für die Zeitungen. Sein Einkommen ist sicherlich in den letzten Jahren entsprechend gestiegen, wie auch meine Bedürfnisse. Wie hoch sein derzeitiges Einkommen ist, ist mir nicht bekannt. Es besteht keinerlei Kontakt mit dem Antragsgegner, und er hat in den letzten Jahren den Unterhalt nach seinem Gutdünken angepasst. Er ist nur für mich gesetzlich sorgepflichtig. Mir wird das Wesen der Unterhaltsbemessung zur Kenntnis gebracht, wonach ich einen Anspruch von 22 % des väterlichen Durchschnittsnettoeinkommens habe.
Da ich jedoch beabsichtige, einen Unterhaltserhöhungsantrag bei Gericht einzubringen, ersuche ich das Gericht, die Einkommensverhältnisse des Antragsgegners amtswegig zu erheben, damit ich danach meinen Unterhaltserhöhungsantrag entsprechend präzisieren kann.“

Wahrlich ein „starker Tabak“ und ein Tiefschlag in Pascals Leben! Die Vorgangsweise empfindet er wie ein Überfallkommando. Der Papa wird halt nur benötigt, wenn es ums Geld geht. Pascal fühlt sich wie ein Selbstbedienungsautomat mit Münzeinwurf und einem breiten Fach für die Geldauszahlung. Der Münzschlitz ist das Gericht und die Geldauszahlung Papas Brieftasche. Was soll das für eine Erziehung sein? Auf Knopfdruck wird Geld angefordert und abgehoben, ohne darüber nachzudenken, wie der Geldgeber zu Geld kommt und den Alltag meistern muss. Aber Recht bleibt Recht.

Der Antrag an den Papa – „Antragsgegner“ – lautet: „Die vom Antragsgegner an mich zu leistenden monatlichen Unterhaltsbeträge sind ab 2009 entsprechend seiner derzeitigen Leistungskraft zu erhöhen. Da ich keinen Kontakt mit dem Antragsgegner möchte, ersuche ich, weder meine genaue Studienrichtung noch meine Adresse am Studienort bekanntzugeben. Sämtliche Zustellungen sollen weiterhin an die Heimatadresse erfolgen. Ich werde zu den Wochenenden und Feiertagen zu meiner Mutter fahren, welche mir daher weiterhin Naturunterhalt erbringen wird. Weiters wird meine Mutter die Kosten für mein Studentenzimmer übernehmen. Bisher hat sie die Kaution dafür übernommen.“

Majas Vorgangsweise, die Einschaltung einer Gerichtsbehörde und die Ablehnung jeglichen Kontaktes zwischen Vater und der eigenen leiblichen Tochter, erscheint Pascal äußerst befremdend. Die finanziellen Forderungen sind augenblicklich Nebensache.

Ist das die Endabrechnung, die mir jetzt vorgelegt wird, dass ich jahrelang keinen Kontakt zur Tochter hatte und dass mir die Hände gebunden waren? Für die geplante Entfremdung muss ich jetzt die Rechnung zahlen und bittere Pillen schlucken.

Pascals Gegenwart bekommt Geschichte. Er wird durch die jüngsten Ereignisse mit Brachialgewalt in die Vergangenheit zurückgeworfen. Er kann niemals mit ihr abschließen, sie holt ihn gezwungenermaßen immer wieder ein. Dafür sorgen Umstände der Machtlosigkeit. Er findet keine Ruhe. Wann kann er seine erdrückenden Steine im Rucksack endlich zum Schutt werfen? Das Fenster der Erinnerung in die Vergangenheit öffnet sich breit.

Dabei zerbricht das Bild seiner Tochter in viele einzelne Mosaiksteine. Es sind lebendige Steinchen, die Geschichten vergegenwärtigen. Ein Mosaikstein sticht unter allen besonders heraus. Dennoch: Ein kleiner Kratzer gibt den Hinweis, dass der Stein nicht mehr neu sei, aber er scheint immer wieder poliert worden zu sein. Er birgt Erinnerungen, die für Pascal zu einer schmerzhaften Wende in seinem Leben geführt haben, ein Tag, der sein Leben veränderte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 256
ISBN: 978-3-99107-567-7
Erscheinungsdatum: 19.05.2021
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Krampus & Nikolo