Einfach zum Nachdenken – Lehrjahre & Beichten

Einfach zum Nachdenken – Lehrjahre & Beichten

Manuela Weiss


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 236
ISBN: 978-3-99107-890-6
Erscheinungsdatum: 03.08.2022
Ein Mann schlüpft in die Haut eines anderen, reist in die Vergangenheit und erlebt eine große, tragische Liebe. Ein schwangeres Mädchen wird von seinen Eltern verstoßen und erfährt Fürchterliches. Manuela Weiss erzählt zwei bewegende Geschichten.
Teil 1
Das Lehrjahr

Mein Name ist Tom Springfield. Ich bin 35 Jahre alt und ledig. Ich hatte nicht die Absicht, ledig zu bleiben, doch leider ist mir nie die richtige Frau über den Weg gelaufen.
Geboren bin ich in Großbritannien, genauer gesagt in London. Irgendwann hatte ich den Drang nach der großen Welt und heute lebe ich in Manchaster in den Vereinigten Staaten Ich wohne und arbeite dort als Manager eines großen Unternehmens, George Hamilton Ltd., ein riesiger Immobilienkonzern mit mehr als 500 Angestellten. Und ich leite das Ganze. Ein ganz schön aufreibender Job. Dafür verdiene ich sehr gut. Doch mein Beruf wie auch mein Leben haben jede Menge Schattenseiten. Stress, Arbeit bis in die Nacht und niemals richtige Freizeit. In meiner Position ist es mir leider nicht gegeben, um Punkt fünf Uhr nach Hause zu fahren, zu Abend zu essen und ganz einfach zu entspannen. Und noch kein einziges Mal konnte ich Urlaub machen. Einige Wochen einfach relaxen und irgendwo in der Sonne liegen. Ach, wie gerne würde ich meine Koffer packen. nd für einige Zeit die Firma, mein Büro und die ganzen Akten einfach vergessen. Mein ganzes Geld habe ich in mein Haus gesteckt. Es ist ein großes Haus einige Meilen von Manchester entfernt, fast direkt im Grünen. Und wenn ich einmal die Nase voll habe von dem ganzen Druck, unter dem ich den ganzen Tag stehe, relaxe ich in einem kleinen, netten Lokal in der Nähe meines Heimes. Ich nehme dort einen Drink, rauche eine Zigarre und schalte komplett ab, sodass ich an gar nichts denke, nur meinen Körper entspanne und ein wenig seichte Konversation führe.
Der Name des Lokals ist „The Fifties“ und es sieht genauso aus, wie es heißt. Eine kleine, halbrunde Bar mit bunten Hockern und einige, nur ganz wenige runde Tische mit niedlich aussehenden Sesseln, die mit rosafarbigen und blauen Überzügen bespannt sind. Und fast schon zur Einrichtung gehört Jack Smith, dieser alte Mann, der fast immer betrunken ist und der jedem, der es hören will oder auch nicht, die traurige Geschichte seines Lebens erzählt. Und jeder, der frustriert ist oder den das Leben wieder mal verletzt hat, hört ihm zu und dann lachen sie über ihn. Sie nennen ihn „alter Narr“ oder „besoffenes Schwein“ und sie amüsieren sich über seine Traurigkeit und über seine Tränen. Sie müssen über ihn lachen, damit sie sich besser fühlen und zurückkehren können in ihre kleinbürgerliche Welt und ihren eigenen Kummer. Damit sie sich wieder dem Leben unterwerfen können und die Prügel des traurigen Daseins ertragen. Früher habe ich auch zu diesen Menschen gehört. Ja, ich habe mich über seinen Schmerz lustig gemacht und ja, ich habe mich nachher besser gefühlt. Und nicht ein einziges Mal hatte ich dieser armen, bemitleidungswürdigen Kreatur gegenüber ein schlechtes Gewissen. Denn ich gehörte zu diesen miesen Menschen, die sich am Leid anderer ergötzen und die sich stark machen für den nächsten Tag, an dem sie wieder vor irgendwelchen anderen den Sklaven spielen und sich auf den Kopf spucken lassen. Weil sie Versager und Feiglinge sind und weil sie sich dann besser fühlen, wenn es jemanden gibt, der noch schwächer ist als sie.
Heute hasse ich sie alle und ich hasse mich selbst für jedes verdammte verletzende Wort, das ich gesagt habe. Und für jeden, der genauso wie ich damals die Augen vor den Schmerzen anderer verschließt, erzähle ich meine Geschichte, die Geschichte, wie ich die Welt von Jack Smith verstehen lernte.


Winter
1. Kapitel

Es war genau heute vor einem Jahr. Der Tag im Büro war hart gewesen und ich fühlte mich bis zur Gänze ausgelaugt. Die geschäftlichen Verpflichtungen, die Termine und die ganzen Probleme, die wir damals mit dem Ankauf eines neuen, riesigen Grundstückes hatten, hatten mich meine ganze Kraft gekostet und am Abend, als der Stress endlich ein wenig nachgelassen hatte, fühlte ich mich plötzlich müde und erschöpft.
Ich hatte das Radio aufgedreht und blätterte noch einige Akten durch. Die langsame Musik, die aus den Boxen kam, entspannte mich ein wenig und ich läutete nach meiner Sekretärin, Miss Pingley.
Sie hatte schon ihren Mantel an. als sie eintrat.
„Oh, ich wusste nicht, dass Sie schon gehen wollten“, sagte ich.
Sie lachte.
„Nein, es ist nicht so dringend. Wenn Sie noch etwas brauchen, bleibe ich gerne noch etwas länger.“
„Bringen Sie mir bitte noch eine Tasse Kaffee. Sie können dann gehen“, sagte ich und vertiefte mich wieder in meine Akten. Miss Pingley ging wieder und ich streckte meine Beine aus, die mich eigenartigerweise etwas schmerzten. Es dauerte nicht lange, bis Miss Pingley mit dem Kaffee zurückkam.
„Ich gehe jetzt, Mr. Springfield“, sagte sie. „Gute Nacht.“
„Ja, gute Nacht. Und vielen Dank für den Kaffee.“
Sie schloss die Türe hinter sich und ich war wirklich froh, alleine zu sein, damit ich endlich diese langweiligen Akten abschließen konnte.
Es war kurz nach acht Uhr, als ich die Ordner zuklappte und sie in den Aktenschrank zurückstellte. Ich nahm meinen Mantel und meinen Aktenkoffer und als ich meine Bürotür abschloss, bemerkte ich, dass außer mir niemand mehr im Haus war. Sämtliche Büroräume lagen im Dunkeln, die Lichter abgedreht und vereinsamt.
„Ich wollte, ich wäre auch nur ein ganz normaler Angestellter. Dann wäre ich auch schon längst zu Hause und müsste mich nicht mit dem ganzen Kram herumärgern“, dachte ich.
Ich verließ die Büroräumlichkeiten und stieg in meinen Wagen. Als ich einen Blick auf meine Armbanduhr warf, war es acht Uhr dreißig und obwohl ich schon sehr müde und erschöpft war, entschloss ich mich, doch noch zu meinem Stammlokal zu fahren, um dort einen Drink zu nehmen. Für mich stellte das die angenehmste Art des Entspannens dar. Ich trank eine Bloody Mary, rauchte eine Zigarre und schaltete alle Gedanken, die das Büro und die Arbeit betrafen, komplett ab.
Erst dann hatte ich genug die Kraft, in mein trostloses, leeres Zuhause zurückzukehren, in dem ich mich immer ein wenig einsam und alleine fühlte. Und während ich so durch die Nacht fuhr, begann der Gedanke, ein wenig Urlaub zu machen und frische Luft zu tanken, mehr und mehr in meinem Kopf zu reifen.
„Ja, ich glaube, das wäre eine sehr gute Idee“, dachte ich und parkte den Wagen direkt vor dem Lokal.
Ich stieg aus, verschloss die Türen und atmete tief durch. Ich freute mich auf die schlichte Gemütlichkeit dieses kleinen Cafés und auf die mir schon so bekannten Gesichter. Sie waren für mich die einzigen Menschen, die mich nicht andauernd an meine Arbeit und an die damit verbundenen Probleme erinnerten.
Es begann zu nieseln und leichter Frost durchzog meinen Körper. Ich stellte meinen Mantelkragen auf und trat ein. Die angenehme Wärme im Inneren des Lokals entspannte meine Muskeln wieder ein wenig und ich setzte mich auf meinen Stammplatz. Kate, die üppige, platinblonde Bardame, winkte mir zu.
„Hallo, Tom. Wie immer?“, fragte sie.
„Ja, wie immer“, antwortete ich und zündete mir eine Zigarre an.
Ich ließ meinen Blick in die Runde schweifen und entdeckte Jack Smith, diesen alten, betrunkenen Mann, der immer hier war und immer auf demselben Platz saß und der wie immer ein großes Bier vor sich stehen hatte. Die Schirmkappe, die er auf dem Kopf trug, war ihm ins Gesicht gerutscht und er starrte mit seinen glasigen, fast schon leblosen Augen auf sein Glas. Ich dachte noch, wie ungepflegt und unappetitlich er aussah und plötzlich empfand ich Mitleid mit ihm.
„Hier, dein Drink“ Ich erschrak, so weit weg war ich mit meinen Gedanken gewesen.
„Danke“, sagte ich und zahlte.
Kate blickte mich von der Seite her an.
„Was ist denn mit dir los? Du siehst in letzter Zeit so müde aus. Nervt dich deine Arbeit so?“
„Ich weiß nicht. Ich glaube, ich sollte etwas Urlaub machen“, sagte ich und nahm einen großen Schluck aus meinem Glas.
„Tu das und schick mir eine Karte. Okay?“, sagte Kate noch und ging zurück an ihren Platz, hinter die Bar.
Ich trank diesmal noch ein zweites Glas und rauchte noch eine zweite Zigarre. Ich hatte einfach keine Lust, nach Hause zu fahren. Und ich war so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich gar nicht merkte, wie sich das Lokal langsam leerte. Als ich nach schier unendlich langer Zeit meinen Blick wieder in die Runde schweifen ließ, bemerkte ich, dass ich fast alleine war. Und plötzlich sah ich Jack Smith, der immer noch am selben Platz saß, noch immer ein volles Glas Bier vor sich stehen hatte und dessen Kappe noch immer in sein Gesicht gerutscht war.
Ich weiß nicht mehr, wieso ich plötzlich aufstand und an seinen Tisch ging. Ich glaube, ich wollte nur mit irgendjemandem reden. Ich setzte mich zu ihm und er hob seinen Kopf.
„Hallo, Jack“, sagte ich, nur um irgendetwas zu sagen. „Wie geht’s?“ Doch er starrte mich nur an, mit seinen glasigen, versoffenen, traurigen Augen, so, als sähe er mich gar nicht. Und als er seinen Blick nach längerer Zeit nicht abwandte, begann ich, mich unwohl zu fühlen. Ich hatte plötzlich Angst vor ihm. Ich verstand es selbst nicht, wieso ich mich plötzlich vor ihm fürchtete. Bis jetzt war er doch immer ein netter, alter Trinker gewesen, den jeder kannte und den niemand mehr ernst nahm.
Ich stand auf und gerade als ich gehen wollte, sagte er:
„Ich habe sie so geliebt. Weißt du, was Liebe ist? Sie geht weit über die Ewigkeit hinaus.“
Ich wusste nicht, was diese Worte zu bedeuten hatten und ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte. Ich stand einfach nur da und starrte ihn an.
„Nein, ich glaube nicht, dass ich weiß, was Liebe eigentlich ist. Ich habe noch nie geliebt“, sagte ich dann und setzte mich wieder zu ihm. Er nahm seine Kappe vom Kopf und rief:
„Kate, bring uns noch zwei Drinks. Ich möchte noch gerne mit diesem jungen Mann plaudern.“
„Oh, ich glaube nicht, dass ich noch etwas trinken möchte. Ich wollte eigentlich nach Hause fahren und noch ein wenig schlafen. Ich habe morgen einen sehr harten Tag“, stammelte ich und stand wieder auf. Ich wollte plötzlich nicht mehr mit ihm reden. Ich wollte einfach nur weg von hier, weit weg, denn der Blick in seinen Augen machte mir Angst. Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach gegangen bin. Ich kam mir wie hypnotisiert vor und ich setzte mich wieder zu ihm. Und als Kate die Getränke brachte, begann Jack zu erzählen.
„Sie hieß Tina und sie war das hübscheste Mädchen weit und breit. Jeder war verrückt nach ihr und wegen ihr gab es so manche Schlägereien. Ich war damals zwanzig Jahre alt und noch sehr jung. Ich liebte sie auch. Aber nur im Geheimen. Ich hatte zu viel Angst, ihr ein Geständnis zu machen. Ich hatte Angst, dass sie über mich gelacht hätte. Das war auch der Grund, warum ich sie niemals angesprochen habe. Ich wäre vor Scham in den Boden versunken, wenn sie über mich gelacht hätte. Mir hat es genügt, wenn ich sie beobachten konnte, wenn sie zur Arbeit ging oder wenn sie in ihrem Wagen an unserem Haus vorbeifuhr. Und ich war jedes Mal glücklich, wenn ich sie ansehen konnte. Ich arbeitete damals am Postamt unserer kleinen Stadt und als sie einmal zur Türe hereinkam, um einen Brief aufzugeben, brachte ich kein Wort heraus, so aufgeregt war ich. Und ich sehe sie noch vor mir. Wie sie lachte. Es war ein so aufmunterndes, fröhliches Lachen, ohne jeden Hohn und es klang so wunderschön, einfach nur amüsiert und fröhlich. Ich kann es nicht anders beschreiben. Mein Gott, wie sehr habe ich sie geliebt. Sie war immer so lebenshungrig gewesen. Sie hätte die Welt aus den Angeln reißen können.“
„Und wo ist Tina jetzt?“, fragte ich.
Jack hatte seinen Blick wieder gesenkt und ich sah, wie einige Tränen auf den Tisch tropften.
„Sie ist tot“, sagte er dann und plötzlich sah er mich an, als ob er mich gar nicht erkannte.
„Was wollen Sie eigentlich? Wer sind Sie?“, rief er dann.
Seine Stimme klang ängstlich und seine Hand umklammerte sein Glas. Ich sprang auf. Es war mir heiß geworden und ich lockerte meine Krawatte, um etwas frische Luft zu bekommen. Ich glaubte plötzlich, ersticken zu müssen und ich spürte die Schweißperlen auf meiner Stirn.
„Ich glaube, ich gehe jetzt“, sagte ich mit heiserer Stimme. Meine Kehle war wie ausgetrocknet. Es war eher ein Krächzen, das aus meinem Mund kam.
„Und danke für den Drink.“
Ich nahm meinen Mantel und rannte auf die Straße. Es regnete und ich war sehr froh darüber. Denn die kalten Tropfen, die mein glühendes Gesicht benetzten, wirkten kühlend und belebend. Ich stieg nicht gleich in den Wagen. Ich blieb noch einige Minuten im Regen stehen und atmete tief durch. Ich wusste nicht, was mit mir geschehen war. Und als ich auf die Uhr sah, bemerkte ich, dass es weit nach Mitternacht war. Ich erschrak, denn die Zeit war mir so kurz vorgekommen. Ich hatte gedacht, dass ich nur zwei Stunden oder so in dem Lokal verbracht hatte.
Ich schüttelte mein Handgelenk, in der Hoffnung, ich hätte mich in der Zeit geirrt und die Uhr wäre kaputt. Doch als ich sie dann an mein Ohr hielt, hörte ich das leise Ticken und ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln.
„Ruhig Blut, Junge“, dachte ich. „Jetzt steigst du in deinen Wagen und fährst nach Hause. Dann nimmst du eine heiße Dusche, dann ein Aspirin und legst dich gut eingewickelt ins Bett. Du wirst sehen, morgen früh wird sich für alles eine Erklärung finden.“
Mit dem angenehmen Gefühl, mich selbst etwas beruhigt zu haben, stieg ich in den Wagen, gurtete mich an, startete den Motor und legte den ersten Gang ein. Es war mir immer noch sehr heiß und als ich einen Blick auf den Tachometer warf, sah ich, dass ich viel zu schnell fuhr. Doch ich konnte die Geschwindigkeit nicht drosseln. Ich hatte immer noch viel zu viel Angst, obwohl mir eigentlich immer noch nicht klar war, wovor eigentlich.
Der Weg bis nach Hause kam mir länger vor als sonst und plötzlich wusste ich gar nicht mehr, wo ich eigentlich war. Doch anstatt anzuhalten, fuhr ich weiter, als ob ich den Weg genau kannte. Draußen begann es langsam, heller zu werden. Ich stellte erschrocken fest, dass es jetzt bestimmt schon früh am Morgen sein musste und ich blickte auf die Uhr. Die Zeiger zeigten ein Uhr morgens an und ich war ein wenig verwundert, wieso schon die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken schimmerten. Die Stille, die mich umgab, wurde plötzlich unerträglich. Sie begann einen fast schon schmerzenden Druck auf meine Ohren auszuüben. Als ich diesen Druck nicht mehr aushielt, drehte ich das Radio an. Ich hörte leise Rock-’n’-Roll-Musik und ich dachte noch: „Ich wusste gar nicht, dass um diese Zeit Evergreens gespielt werden.“ Die Straße wurde holprig und uneben und ich nahm etwas Gas weg, um meinem Wagen nicht zu schaden.
„Ich sollte anhalten und mich orientieren, wo ich eigentlich bin“, dachte ich, doch anstatt zu bremsen, gab ich weiter Gas. Obwohl meine ganze Situation begann, absurd zu werden, beließ ich es dabei, so, als sei alles hier ganz normal. Und plötzlich gab es für mich nur eine Erklärung. Ich musste verrückt geworden sein.
„Ja, ich bin total verrückt, total überarbeitet und wahrscheinlich habe ich Halluzinationen“, sagte ich laut.
Es hatte längst aufgehört zu regnen und die Kraft der Sonne war inzwischen so stark geworden, dass ich die Augen zusammenkneifen musste, um nicht geblendet zu werden. Die Musik im Radio war inzwischen einem lauten Rauschen gewichen und ich drehte an den Knöpfen, um den Sender richtig einzustellen.
„Es ist neun Uhr morgens. Und allen Schlafmützen kann ich nur eines sagen: Die Sonne scheint herrlich und unser Thermometer zeigt bereits 77 Grad Fahrenheit an. Also raus aus den Federn. Und nun spiele ich, speziell für Euch, den neuesten Hit von Elvis Presley, ‚Blue Suede Shoes’. Er ist der Topstar unter den Topstars. Also jetzt aufstehen und einfach mittanzen!“, hörte ich den Radiosprecher sagen und ich erschrak.
„Ist der Mann denn wahnsinnig geworden? Wir haben Dezember. Es kann unmöglich so warm sein. Und was heißt Elvis Presleys neuester Hit? Der Song ist über dreißig Jahre alt“, rief ich und starrte dasRadio an, als ob ich es hypnotisieren könnte. Als ich auf die Uhr blickte, stellte ich fest, dass sie erst zwei Uhr morgens anzeigte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Sie funktionierte doch und ich konnte nicht seit zwölf Stunden vom Büro weg sein.
„Oh mein Gott. Ich muss zurück. Ich habe doch um zehn Uhr einen wichtigen Termin“, fuhr es mir durch den Kopf.
Ich entschloss mich, bei der nächsten Telefonzelle anzuhalten und von dort aus Miss Pingley anzurufen. Doch als ich den Wagen anhielt und ausstieg, konnte ich weit und breit keine Telefonzelle sehen.
„Aber es muss doch einen Grund gehabt haben, dass ich hier angehalten habe“, dachte ich verwundert und plötzlich bemerkte ich, dass ich meinen Wagen in der Einfahrt eines kleinen Gartens abgestellt hatte. Das Haus dazu hatte ich noch nie zuvor gesehen und es kam mir auch keineswegs bekannt vor. Und als ich mich umsah, bemerkte ich, dass ich auch die Gegend, in der ich mich befand, noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Und das hier war nicht das einzige Haus. Als ich die Straße hinunterblickte, sah ich viele dieser kleinen Häuser. Alle sahen sehr niedlich aus und sie säumten bestimmt schon seit vielen Meilen die Straßenränder.
„Eigenartig. Ich habe kein einziges Haus gesehen, als ich hier langgefahren bin“, dachte ich. „Da war doch weit und breit nichts als Felder und Wald.“
Im Garten des Hauses, in dessen Einfahrt ich geparkt hatte, sah ich eine Frau. Sie jätete Unkraut. Sie war altmodisch gekleidet, trug einen längeren, geraden Rock und ihr Haar, ich meine, ihre Frisur erinnerte mich an die fünfziger Jahre. Nachdem ich meine Überraschung einigermaßen überwunden hatte, beschloss ich, sie zu fragen, ob ich ihr Telefon benutzen dürfte.
Ich ging auf sie zu und wollte sagen: „Guten Morgen, ich habe mich hier verfahren. Dürfte ich bitte Ihr Telefon benutzen?“
Doch die Worte, die über meine Lippen kamen, waren andere und es kam mir auch so vor, als würde sie ein anderer sagen und nicht ich. Ich sagte: „Hi, Mum.“ Und obwohl ich eigentlich hätte erschrecken müssen, erschien mir das, was ich da eben gesagt hatte, ganz normal. Ich sah, wie sich die Frau aufrichtete und sich umdrehte. Sie lachte.
„Hallo, mein Junge. Ich wollte dir noch sagen, dass du Mehl mitbringen sollst, aber du warst schon weg. Hast du alles andere bekommen?“
„Verdammt, ich muss diesen Irrtum jetzt endlich aufklären“, dachte ich.
„Sie hatten das Waschmittel nicht, das du wolltest“, hörte ich mich sagen.
„Macht nichts“, sagte die Frau. „Ich werde es mir ein anderes Mal besorgen.“
Dann drehte sie sich wieder um und widmete sich weiterhrer Gartenarbeit.
Durch irgendeine magische Kraft wurde ich von dem Haus angezogen und ich weiß noch, wie ich mich wunderte, dass ich eigentlich nicht schwitzte. Die Sonne brannte schon sehr heiß vom Himmel und ich hatte doch einen Anzug und einen Mantel an. Doch als ich mich betrachtete, stellte ich fest, dass ich mit Jeans und einem kurzärmligen Hemd bekleidet war und dass ich viel schlanker war. Mein Körper wirkte direkt jugendlich. Bevor ich in das Haus ging, drehte ich mich noch einmal nach meinem Wagen um und diesmal erschrak ich wirklich zutiefst. Anstatt meines nagelneuen, anthrazitgrauen BMWs stand dort ein rotes Cabriolet in der Einfahrt, auf dessen Rücksitz eine Papiertüte stand, aus der ein Laib Brot herausragte.

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