Cover: Einen Schokoladenpudding

Einen Schokoladenpudding


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 354
ISBN: 978-3-7116-1468-1
Erscheinungsdatum: 31.03.2026
Eine mitreißende Lebensgeschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte spannt. Kriegserfahrungen, politische Umbrüche und ein Schlüsselerlebnis formen den Weg des Protagonisten – ein Roman mit starken biografischen Zügen, der tief bewegt und lange nachhallt.
Einen Schokoladenpudding


Emma saß am Fenster ihres Schlafzimmers und schaute auf den Hof. Es schneite leicht und die Hoffläche war mit einer dünnen weißen Schicht überzogen, welche von der Spur einer sich langsam entfernenden Kutsche durchzogen wurde.
Drüben im Gutshaus der von Beerwald brannte noch Licht und ihr Blick schweifte nach oben und blieb an einem kleinen Rundfenster hängen.
Sie strich sich zärtlich über ihren Bauch und ihre Gedanken schweiften ab und ließen sie die vergangenen Monate nochmals in Gedanken erleben.

1922, noch eine Woche bis Weihnachten, Emma, als Zimmermädchen im Gutshaus tätig, hatte sie die Aufgabe erhalten, frische Bettwäsche zu holen.
Diese lagerte in der vierten Etage, in einem Raum mit einem runden Fenster und schrägen Wänden.
Gern ging sie hier hinauf, denn von hier hatte sie einen wunderschönen Blick über die Landschaft mit den Wiesen, den Wäldern und dem Ort Rackendorf.
Hier konnte sie ein wenig träumen, denn so oft sie hier oben zu tun hatte, sie blieb immer allein. Niemand verirrte sich hierher.

Emma stieg langsam die Treppen hinauf, hielt in der Hand einen großen Korb und freute sich auf den Anblick der verschneiten Landschaft.
Am runden Fenster sitzend, beobachtete sie die leise fallenden Schneeflocken und summte dabei die Melodie eines bekannten Winterliedes.
Völlig in Gedanken versunken, hörte sie plötzlich Schritte und schon fragte eine Männerstimme leise: „Habe ich sie gestört?“
Erschrocken erhob Emma sich, drehte sich um und schaute in das lächelnde Gesicht eines jungen Mannes, der im Türrahmen stand und sie von oben bis unten musterte.

Emma kannte den jungen Mann, hatte sie ihn doch immer wieder mal auf dem Gut gesehen.
Es war Otto von Beerwald, der älteste Sohn des Gutsherren, der die Feiertage im Kreise der Familie verbringen würde.
So weit sie informiert war, befand der junge Mann sich im Studium, besuchte aber in regelmäßigen Abständen seine Familie.
Er war groß, schlank und sportlich, immer gut angezogen und für Emma ein hübsches, aber unerreichbares Mannsbild.
Schnell hatte Emma ihre Fassung wiedergefunden und antwortete: „Nein, mein Herr, ich habe mir die friedliche Landschaft angeschaut und sollte nun die Bettwäsche nehmen und in das Schlafzimmer der Herrschaften bringen.“
Der junge Mann schaute sie immer noch an und fragte nun: „Wie lange arbeiten Sie schon im Gutshaus und wie oft sind Sie hier oben und genießen die Landschaft?“
Emma suchte nun die benötigte Bettwäsche heraus und antwortete dabei: „Ich bin seit knapp zwei Jahren hier, meine Mutter ist Köchin im Haus, und Bettwäsche hole ich jeden zweiten Tag.“

Mit der Bettwäsche im Korb ging sie nun auf den immer noch in der Tür stehenden jungen Mann zu. Dieser machte jedoch keine Anstalten, den Weg freizugeben.
Emma stand nun dicht vor dem jungen Mann, ihr Blick ging leicht nach oben und blieb an wunderschönen blauen Augen hängen.
Sie musterte das Gesicht nun genauer: dunkelblonde, kurz geschnittene Haare, lebendige blaue Augen, eine wohlgeformte Nase und ein Mund, der wohl so manche Wünsche erfüllen konnte, erblickte sie.
Die blauen Augen hielten ihrem Blick stand und der Mund öffnete sich. „Ein kleiner Wegzoll sollte doch möglich sein!“ Mit diesen Worten hauchte der junge Mann ihr ein kaum wahrnehmbares Küsschen auf die Wange und ließ sie passieren.
Schnell schlüpfte Emma durch die freigegebene Tür und entfernte sich in Richtung Treppenhaus.
Zwei Tage nach diesem Ereignis stand Emma wieder im Zimmer mit dem runden Fenster und sortierte frisch gewaschene Bettwäsche ein, als sie plötzlich die ihr bekannte Stimme vernahm:
„Hallo, junges Fräulein, schon wieder fleißig?“
Emma blickte Richtung Tür, und dort stand wieder der junge Mann und beobachtete sie.
Er betrat nun das Zimmer, ging zu dem runden Fenster und schaute hinaus. „Recht haben Sie, ein wundervoller Blick, und alles erscheint so friedlich“, sagte er mit ruhiger und etwas verträumter Stimme.
Er zog einen zweiten Stuhl zum Fenster und bat Emma, neben ihm Platz zu nehmen.
Sie wusste nicht so recht, was sie machen sollte, denn schließlich war es der junge Herr, der dort saß.
Einer weiteren Aufforderung konnte sie dann nicht widerstehen.
Sie setzte sich, legte ihre Hände in den Schoß und schaute über die verschneite Landschaft.
Der junge Herr schaute sie an und fragte nach ihrem Namen. „Mein Name ist Emma und Sie sind Otto, der junge Herr von Beerwald“, antwortete Emma schnell und war erstaunt über ihre kesse Antwort.
Der junge Mann nickte, schaute Emma mit seinen blauen Augen an und sagte dann: „Sie sind hübsch, Emma, Sie gefallen mir.“

Emma hörte diese Worte und die Alarmglocken begannen zu läuten. Was beabsichtigte der junge Mann?
Sie saßen stillschweigend am Fenster und schauten hinaus. Emma genoss diesen Moment. Sie wusste nicht, warum, aber einfach die Nähe dieses jungen Mannes ließ in ihr ein bis dahin unbekanntes Gefühl aufkommen.
Dann erhob sich Otto, verabschiedete sich und verschwand.
Emma nahm ihre Arbeit wieder auf, ihre Gedanken fanden jedoch keine Ruhe.

So kam es, dass Otto immer im Zimmer mit dem runden Fenster auftauchte, wenn Emma dort zu tun hatte. Sie unterhielten sich, und Emma erfuhr einige Dinge aus Ottos Studentenleben, wobei Emma das Gefühl hatte, als kenne sie Otto schon ewig.
War er nicht auf dem Hof, fehlte etwas im Zimmer mit dem runden Fenster, und sie freute sich auf den Moment, wo er wieder in der Tür stehen und sie fragen würde: „Störe ich?“

Ende Januar war dann dieser Moment wiedergekommen. Plötzlich stand Otto wieder in der Tür. Als Emma den so ersehnten Satz hörte, musste sie sich zusammenreißen, denn am liebsten wäre sie Otto um den Hals gefallen.
Sie drehte sich zu Otto um, ging langsam zum Fenster, setzte sich und zeigte mit der Hand auf den zweiten Stuhl.
Otto nahm Platz und schaute Emma mit seinen blauen Augen an. Dann legte er seine linke Hand auf Emmas Hände, die gefaltet in ihrem Schoß lagen. „Du hast mir gefehlt, Emma, deine Worte, die Gespräche mit dir und unsere gemeinsame Zeit in diesem Raum.“
Emma drehte nun ihren Kopf in Richtung Otto und gestand ihm ebenfalls, dass er ihr gefehlt habe und sie oft an ihn habe denken müssen.
Beide Köpfe näherten sich zaghaft und plötzlich fanden ihre Münder zueinander.
Ein inniger Kuss und dann noch einer und noch einer.
Plötzlich spürte Emma die Hände Ottos an Stellen ihres Körpers, wo diese nichts zu suchen hatten. Sie befreite sich aus der Umarmung, schaute Otto mit ernstem Blick an und sagte dann: „Das geht nicht, aus uns würde nie etwas werden.“
Sie erhob sich und begann damit, Bettwäsche einzulagern.
Otto hatte sich ebenfalls erhoben, stand ganz dicht hinter ihr und liebkoste ihren Nacken.
Emma spürte, wie ihr Körper sich entspannte und wie sie diese Berührungen genoss.
Dann setzte wieder die Vernunft bei ihr ein: „Nein, es darf nicht sein“, sagte sie sich und wehrte sich gegen Ottos Berührungen.
Dieser trat nun einen Schritt zurück, schaute Emma an und sagte: „Ich will dich nicht drängen, aber ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.“
Dann verließ er das Zimmer, um zwei Tage später wieder zu erscheinen.

Auch Emma hatte zwei unruhige Nächte hinter sich. Sie schlief schlecht und immer wieder kamen ihre Gedanken auf die Liebkosungen und die innigen Küsse zurück.
Nur allein die Erinnerung an diese Berührungen erzeugte bei Emma Gefühle, die sie bisher nicht gekannt hatte, aber sie hielt stand.
Noch gelang es ihr, den Küssen, Liebkosungen und Berührungen zu widerstehen, aber wie lange noch? Irgendwann würde Otto mehr wollen, und sie wäre dann wahrscheinlich nicht in der Lage, dieser Forderung nicht nachzugeben.

Es war Anfang März 1923, Otto hatte Ferien und wieder saßen die zwei am runden Fenster. Otto hielt Emmas Hand und sie hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt.
Otto neigte seinen Kopf hinab in Richtung Emmas Lippen und küsste sie.
Ein wohliger Schauer durchlief ihren Körper und jede Berührung von Otto erzeugte ein Gefühl nach mehr Berührung, nach mehr Liebkosung, nach viel mehr.
Sie ließ es geschehen. Es war nicht so, wie sie es sich erträumt hatte, aber es war schön.

Nun war es geschehen, beide schauten sich an, ordneten ihre Kleider und Otto verließ mit den Worten: „Ich glaube, ich muss mich unten wieder sehen lassen“, den Raum.
Emma brachte ihre Haare wieder in Ordnung, sortierte den Rest der Bettwäsche ein und ging dann im Haus ihrer Arbeit nach.

Sie war glücklich.

Immer wieder trafen sich die zwei im Zimmer mit dem runden Fenster. Emma genoss es, wenn sie sah, wie Otto ihrem jungen, makellosen Körper entgegenfieberte.
Wann immer es möglich war, ließen sie ihrer Liebe freien Lauf, bis Emma feststellte, dass ihr Körper Veränderungen anzeigte.
Die monatlichen Blutungen waren ausgeblieben und Emma wusste, was das bedeuten konnte.
Mit ihrer Mutter konnte sie nicht über dieses Thema reden. Also blieb nur Otto.
Beim nächsten Treffen, es war mittlerweile Ende Mai, redeten sie über Emmas Problem.
Im ersten Moment zeigte Otto Verständnis, was dann aber langsam in Vorwürfe an Emmas Verhalten überging.
Otto machte ihr klar, dass eine gemeinsame Zukunft nicht möglich war, da er nach Beendigung seines Studiums nach Sachsen zu einer befreundeten Familie gehen würde, um dort Dinge über den Weinanbau zu lernen.
Er schaute Emma an und sagte dann mit leiser Stimme: „Es geht nicht, Emma, ich bin seit Sommer letzten Jahres verlobt und wir werden Weihnachten heiraten.“
Es sollte das letzte Mal sein, dass sie nebeneinandersitzend aus dem runden Fenster schauten.

Für Emma stand fest, von Otto konnte sie keine Hilfe erwarten.
Es blieb nun doch nur ihre Mutter, vielleicht hatte diese eine Idee? Vielleicht konnte sie helfen?

Noch am selben Abend nahm sie all ihren Mut zusammen und suchte das Gespräch mit der Mutter.
Diese hörte ihrer Tochter aufmerksam zu, sagte kein Wort und ließ Emma erzählen.
Hin und wieder wiegte sie ihren Kopf, als verstünde sie das Handeln ihres Mädchens.

Emma hatte ihre Geschichte beendet und schaute auf den Boden, denn die Kraft, ihrer Mutter in die Augen zu schauen, hatte sie nicht.
Es herrschte Stille im Raum, die von ihrer Mutter gebrochen wurde.
„Wir brauchen einen Mann, der dich so schnell wie möglich heiratet, und ich weiß auch schon, wer das sein könnte. Der junge Schmied, der letztes Jahr auf dem Hof angefangen hat. Wie ich gehört habe, kann er dich wohl ganz gut leiden. Jetzt ist schnelles Handeln vonnöten.“

Emma kannte den jungen Schmied. Sie hatte schon einige Worte mit ihm gewechselt und er machte auf Emma einen ruhigen und freundlichen Eindruck.
Vielleicht war er etwas schüchtern, aber das würde sich im Laufe der Zeit mit Sicherheit ändern.

Emmas Mutter hatte ihr zugesagt, sich um alles Weitere zu kümmern, und so kam es, dass Emma nun fast täglich mit Karl, dem jungen Schmied, zusammentraf.
Schnell war eine Verabredung zustande gekommen und Emma stellte fest, dass Karl in sie verliebt war.
Leider konnte sie zu diesem Zeitpunkt diese Liebe nicht so erwidern, wie Karl es verdient hätte, denn ihre große Liebe war im Zimmer mit dem runden Fenster geblieben.

Das Frühlingsende nahte und Emma hatte ihre erste Nacht mit Karl verbracht. Schnell waren sich beide einig, dass man heiraten könne.
Der Plan von Emmas Mutter war aufgegangen, und kurze Zeit später heiratete Emma den Schmied Karl.

Im Laufe der kommenden Wochen konnte Emma ihren Zustand nicht mehr leugnen. Ein deutliches Bäuchlein zeigte an, dass sie Mutterfreuden entgegensah.

Otto sah sie kaum noch. Nachdem sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie ein Kind erwarte, hatte er ihre Nähe gemieden.
Unmittelbar nach Beendigung seines Studiums war er zu der befreundeten Familie nach Sachsen gezogen, und wie Emma erfahren hatte, würde er dort zwei Jahre bleiben.

Mit Karl hatte sie eine kleine Wohnung im Gesindehaus beziehen dürfen.
Karl war ein liebenswerter Ehemann und freute sich auf den Nachwuchs, der sich so schnell eingestellt hatte. Er liebte seine Emma und las ihr jeden Wunsch von den Lippen ab.
Emma hatte ihre Rolle in dieser Ehe angenommen, erfüllte ihre ehelichen Pflichten und stellte dabei fest, dass sie es mit Karl gar nicht so schlecht getroffen hatte.

Es war kurz vor Weihnachten. Der Winter hatte Einzug gehalten.
Emmas Bauch war mächtig gewachsen und sie freute sich auf das Kind.
Sie schaute sich um und sah zu ihrem Ehemann, der friedlich schlafend im Bett lag. Sie lächelte leise. Dann ging ihr Blick wieder hinüber zum Gutshaus, wo die gesamte erste Etage in helles Licht getaucht war. Natürlich musste es hell sein, denn schließlich feierte der junge Herr von Beerwald seine Hochzeit mit der Tochter der befreundeten Familie aus Sachsen.
Das Haus war voller Gäste und Emma hatte die junge Braut kurz gesehen.
Eine Frau, etwas größer als sie, mit blonden Haaren und eher kindlichen Zügen. Sie hatte etwas Ähnlichkeit mit Emma, so schien es.

Der Schneefall hatte aufgehört und Emma konnte nun sehen, wie im großen Zimmer des Gutshauses getanzt wurde. Dann erblickte sie durch das Fenster Otto mit seiner Braut auf der Tanzfläche, und ein ungutes und gleichzeitig trauriges Gefühl ergriff Emma.
Sie wandte sich ab und ihr Blick blieb an Karl hängen, der friedlich schlummernd im Bett lag.
„Es ist alles gut, so wie es ist“, dachte sie, „noch ein Tag bis Heiligabend und dann noch ein paar Tage und Otto würde das Gut wieder in Richtung Sachsen verlassen.“
Sie musste sich jetzt auf andere Dinge konzentrieren, denn die Hebamme hatte den Geburtstermin für einen der nächsten Tage vorhergesagt.
Noch verspürte sie keinerlei Anzeichen, aber das konnte sich schnell ändern.
Wenn sie ihrer Mutter glauben sollte, habe diese an Emmas Geburtstag noch bis nach dem Mittag gearbeitet und dann am späten Nachmittag Emma geboren.

Sie legte sich wieder in ihr Bett, welches mittlerweile völlig ausgekühlt war.
Auf dem Rücken liegend, ihre linke Hand lag in der rechten Hand von Karl, starrte sie in die Dunkelheit und schlief mit dem Gedanken ein, dass sie es mit Karl doch ganz gut getroffen habe.

Emma war aufgrund ihres Zustandes von ihren Aufgaben als Zimmermädchen entbunden und unterstützte in der Küche. Hier konnte sie die ihr aufgetragenen Aufgaben im Sitzen erledigen, denn langes Stehen war kaum noch möglich.
Ihre einst so schönen Beine waren geschwollen und meldeten sich immer wieder schmerzhaft.

Für die bevorstehenden Feiertage gab es viel zu tun, denn einige der Hochzeitsgäste blieben über die Feiertage. Emma war ganz froh, dass sie von ihren Aufgaben entbunden war, denn wie sie erfahren hatte, verlangten die Herrschaften, dass die Bettwäsche bei den Gästen täglich gewechselt werde.
Es war Heiligabend und Emma, ihre Mutter und Karl saßen in der Wohnstube des jungen Paares.
Emma hatte für ihren Karl Handschuhe, eine Mütze und Socken gestrickt, diese liebevoll verpackt und unter den kleinen Weihnachtsbaum gelegt. Geld für Geschenke war bei ihrem Einkommen nicht übrig, und außerdem war es bis zur nächsten Stadt mit Einkaufsmöglichkeiten etwas weit, und in ihrem Zustand wollte sie einen solchen Ausflug nicht unternehmen.
Dafür gab es ein festliches Essen. Emmas Mutter hatte von den Resten des Hochzeitsmenüs etwas mitgebracht und alle drei ließen sich Rehrücken, Hähnchenkeule und Tafelspitz schmecken.
Emma genoss diese Speisen, denn noch ging es ihr gut.
Das sollte sich in den nächsten Stunden jedoch ändern.
Den ersten Feiertag hatte sie noch gut überstanden und lag jetzt mit Karl im Bett.
Karl hatte seine rechte Hand auf ihren strammen Bauch gelegt und streichelte diesen zärtlich, soweit es mit der rauen Haut seiner Handinnenfläche, hervorgerufen durch die harte körperliche Arbeit in der Schmiede, möglich war.

Plötzlich verspürte sie einen Schmerz im Bauch, der bis in den Unterleib hineinzog.
Sie stöhnte auf und Karl zog erschrocken seine Hand zurück.
„Habe ich dir wehgetan?“, fragte er und schaute seine Frau an. „Nein“, sagte Emma, „ich glaube, es geht los.“
Kurze Zeit später verspürte sie, wie es zwischen ihren Beinen feucht wurde.
Sie schaute Karl, der inzwischen das Bett verlassen hatte, an: „Die Fruchtblase ist geplatzt, sag Mutter Bescheid und hole die Hebamme.“

Karl stürmte los und kurze Zeit später erschien Emmas Mutter.
Sie bereitete schon einige Dinge vor, denn die Hebamme kam aus Blessin, einer Kleinstadt, etwa 12 Kilometer von Rackendorf entfernt, und mit ihrer Ankunft war nicht vor einer Stunde zu rechnen.

Emma lag in ihrem Bett und kämpfte mit den Wehen, deren Abstände sich verkleinert hatten, obwohl ihre Mutter immer wieder sagte, dass es noch dauern würde.

Endlich erschien Karl mit der Hebamme. Sie schaute sich Emma an, überprüfte die zeitlichen Abstände zwischen den Wehen und kam zu dem Ergebnis, dass die Geburt kurz bevorstehen würde.
Sie sollte Recht behalten, denn bevor die winterliche Sonne über den Horizont schaute, war es geschehen.
Am 2. Feiertag des Jahres 1923, um 07:40 Uhr, erblickte Emmas Sohn das Licht der Welt.
Sie hielt den kleinen Menschen in ihrem Arm. Die Strapazen der letzten Stunden waren vergessen und sie sagte zu ihrer Mutter: „Karl und ich haben entschieden, dass unser Sohn den Namen Paul tragen soll.“
Am nächsten Tag stand der Pastor am Bett der jungen Mutter und beglückwünschte Karl und Emma zur Geburt ihres Sohnes Paul.
Dann erfolgte die Eintragung ins Geburtenregister des Ortes Rackendorf, und somit war Paul offiziell das gemeinsame Kind der beiden und trug deren gemeinsamen Namen.
...

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