Eine verdammt gute Geschichte

Eine verdammt gute Geschichte

Beate Lau


EUR 13,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 78
ISBN: 978-3-99107-473-1
Erscheinungsdatum: 16.03.2021
Eine ungewöhnliche Aufgabe führt Charlotte nach Rosendorf, dem Ort ihrer Kindheit und ersten Liebe zurück. Das Leben im Dorf liegt in einem Dornröschenschlaf. Begleiten Sie Charlotte auf ihrem Weg und schauen Sie, ob es ihr gelingt, das Dorf wieder wachzuküssen.
Heimweh und Sehnsucht schmerzen. Deshalb half ich ab und zu meiner Seele und träumte uns beide in das Bilderbuchdorf unserer Kindheit und Jugend zurück. Ja, ich spreche gern mit meiner Seele. König David tat das auch, ich bin also in guter Gesellschaft. Er fragte sie: „Was betrübst du dich, meine Seele und bist so unruhig in mir?“ (Altes Testament, Ps 42,6)

Die Kirchturmuhr schlägt gerade zwölfmal. „Mittagbrotzeit“. Eine leer gefegte Freistraße breitet sich vor mir aus. High Noon. So war es auch in früheren Zeiten.
Helle Sonnenstrahlen tanzen auf alten blassrosa Dächern. Verschlissene Häusergiebel reihen sich nebeneinander anlehnend zu einem samtig verblichenen Vorhang wie bei einem Bühnenbild. Ein freundlicher Willkommensgruß für mich, Charlotte. Ich bin so lange nicht mehr hier gewesen, hier in Rosendorf.
Vor meinen Füßen schlängelt sich der schmale Bach entlang der verfallenen Schlossmauer. Dicke Steine liegen auf seinem Grund. In ihm wäre Uli, als er vier Jahre alt war, fast ertrunken. Ich schlendere weiter. Auf den mittelalterlichen Pflastersteinen komme ich schon mal ins Stolpern. Hier sind wir Kinder im Winter mit dem Schlitten lang gehoppelt, statt gerutscht. Ich erinnere mich an diese Winter. Diese Winter hatten immer viel Schnee für hitzige Schneeballschlachten und klirrende Kälte mit zugefrorenen Teichen zum Schlittschuhlaufen und auch Einbrechen.
Jeden Herbst gab es Mengen von Kastanien und Eicheln. Unsere Eltern fegten hohe Laubberge zusammen und wir Kinder und Jugendlichen sprangen hinein und rissen sie wieder auseinander. Eine liebe Tante meiner Familie spazierte zu Ostern mit uns die Waldwege entlang. Wir fanden am Wegesrand bunte Ostereier (die vorher versteckt wurden) und die Tante rezitierte „Goethes Osterspaziergang“ aus vollem Herzen. Und wir kicherten. Es blühten lilablaue Veilchen am Weg und Himmelschlüsselchen leuchteten hellgelb in den anliegenden Wiesen. Ein Bilderbuchdorf, ein Bestseller.
Doch in dieser heilen Natur gab es wenig bezahlte Arbeitsplätze und so zogen wir dann, nach einem wunderschönen Sommer, in die Stadt: meine Eltern, Uli und ich. Ein schmerzlicher Verlust für mich.
Ich bin nun am „Berliner Platz“ angekommen. Zwei hohe Linden wachen immer noch vor dem jetzt verlassenen Eingang zur kleinen Kneipe. An Abenden, wenn das Wetter es gut mit uns meinte, versammelten wir Jugendlichen uns hier. Ein ganz bestimmter Pfiff auf zwei Fingern rief uns alle zum Treffen. Dann teilten wir uns auf, um Räuber und Gendarmen zu spielen. Beim achten Schlag der Kirchturmuhr hieß es: „Das Spiel ist aus“, ganz egal, welche Gruppe gerade dem Sieg nahestand. Ich probiere den Pfiff auf zwei Fingern, es gelingt mir nicht. Vorbei.
Links neben der Kneipe läuft die Kantstraße ihrem Ende entgegen. Sie mündet an der Ecke in die Goethestraße. Genau dort, dort steht das kleine weiße Haus mit den bunten Blumenkästen. Sie sind mit Geranien bepflanzt wie zu jener Zeit. Ich sehe von hier aus das dunkle Holztor zum Hof, braun und groß – geschlossen.

In diesem Haus wohnte jener Eine und Besondere. Unter all den Jungen im Dorf war er der Eine, den alle Mädchen verehrten: Groß gewachsen, 18 Jahre jung, schon mit breiten Schultern, schlanke Figur, blaue Augen, ein ganz wenig, wirklich nur ein ganz wenig gelockte Haarspitzen, etwas länger, als die anderen Jungen die Haare trugen. Einfach hinreißend. Er war intelligent, stand kurz vor dem Abitur, hatte gute Manieren, mit einer unwiderstehlichen Anziehungskraft. Was soll ich noch mehr sagen, ich musste mich in Fritz verlieben, in ihn, meine große und einzige Liebe.
Und ich hatte so ein Glück. Mich hat er ausgewählt aus uns albernen kichernden Mädchen. Ich ging mit ihm des Nachmittags spazieren, auf den langen Wegen im Schlosspark, auf den sandigen Sommerwegen hinter der Gärtnerei entlang und zum Schwimmen in die Badeanstalt, weit raus aus dem Dorf. Ich saß beim Ritterspiel auf seinen Schultern und die anderen Mädchen schauten sehnsüchtig herüber. „Na, mein Dirn“, sagte meine Liebe zu mir und ich merkte, ich schmolz dahin. Ich war ihm wichtig, dachte ich und es konnte gar nicht anders sein.



Erinnerungen

Weit vom Dorfgeschehen entfernt, über den geheimnisvollen und dunklen, mit mächtigen Eichen bewaldeten Eiskuhlenberg hinweg, waren die Schrebergärten der Dorfbewohner angelegt. Keiner weiß genau, was am Eiskuhlenberg geschehen ist, aber in den Köpfen der Dorfbewohner spuken gefährliche Geschichten wie Mord und Totschlag. Die Erwachsenen zogen ihre Gesichter stets in einen rätselhaften Ausdruck und hoben ihre Augenbrauen hoch, wenn von diesem Ort die Rede war.
Der Weg dorthin war bei uns Jugendlichen sehr beliebt und auch gleichzeitig unheimlich und furchterregend. Wir erwarteten immer und trotz alledem hoffnungsvoll irgendein mysteriöses Geschehen. Hinter jedem Geräusch vermuteten wir Geister und Unheil. Wichtig war auch gleichzeitig, dass die Erwachsenen keinen „Zugriff“ auf uns hatten, zum Beispiel beim Klauen der Äpfel oder „Kirschen aus Nachbars Garten“ pflücken, die bekanntlich so süß schmeckten, und auch Möhren gab es hier zu ernten. Das waren besonders kreative Taten in unserem Sinn, die sich äußerster Beliebtheit und großem und lauten Zurufen erfreuten.
In unserem Garten, den wir uns mit der Mutter, bei allen Jugendlichen als Tante Louise bekannt und geliebt, meiner „großen Liebe“ teilten, gab es eine Johannisbeeren-Plantage mit roten, schwarzen und gelben Beerensträuchern. Besonders die schwarzen Beeren, deren Ernte schon Anfang Juli begann, hatten es den Erwachsenen sehr angetan, um Liköre köstlicher Geschmacksrichtungen herzustellen. „Meine Liebe“ und ich bekamen gelegentlich die Aufgabe, Johannisbeeren zu pflücken. Bei den meisten Jugendlichen war diese Arbeit unterstes Niveau, nicht so für uns.
Fritz, so hieß meine „große Liebe“, und ich, wir beide bummelten den Weg hinauf. Ich liebte es, Johannisbeeren zu pflücken, es war ein willkommenes Highlight des Tages.
So allein auf uns beide gestellt, sprachen wir freundlicher miteinander als in einer Gruppe und ließen uns sehr viel Zeit, den Garten zu erreichen. Mir erschien der Weg zum Garten leicht und rosig. Ich fühlte mich – so wie man gern sagt – im siebten Himmel und auf einer dieser glücklichen Wolken. Fritz hatte ein Lächeln um die Augen und wir strahlten uns gegenseitig lange Momente an. Ich bin sicher, es handelte sich um diesen berühmten Ausnahmezustand des Gehirns. Wir berührten uns gar nicht, nur unsere Augen sprachen miteinander. Diese Zuneigung kam sehr rücksichtsvoll und leise daher. Zwischen uns entstand eine Verbindung auf ganz besondere Weise. Bestimmt von diesen verrückten Hormonen gesteuert, denke ich. Es kribbelte in meinem Körper und fühlte sich unbeschreiblich wohltuend an. Wie ein Rausch in Samt und Seide und miteinander Fühlen und einander Wertschätzen.
Diese wunderbare Atmosphäre und das glückliche Toben in der Badeanstalt malte ich in mein Fenster der Erinnerung und träumte es mit offenen Augen, weit entfernt vom Dorf meiner „Liebe“, so oft meine Seele danach verlangte. Ich durchlebte diese vergangene Zeit in meinem Zimmer, in dem in nun wohnte, wieder und wieder. „Na, mein Dirn“, dieser, sein Satz und sein lächelndes Gesicht klangen in mir noch lange nach und schmeichelten mir, sogar bis heute noch, hier in der Freistraße. In meinen Tagträumen wiederholte ich die Spaziergänge und erlebte dabei ein ganz intensives Gefühl von Verliebtsein, das von körperlichen Symptomen wie Kribbeln und Hitze begleitet wurde. Wenn ich dann abends im Bett die Augen schloss, an ihn dachte, ihn mir vorstellte, geriet mein Zimmer in Brand. Orangerote Flammen tanzten vor meinen Augen und mein Herz und meine Seele verbrannten sich beim Tanzen mit der „Liebe meines Lebens“.
Während des Träumens empfand ich ein wohliges Glücksgefühl, das höchst wahrscheinlich auf eine vermehrte Ausschüttung der Botenstoffe Dopamin und Serotonin zurück zu führen war. Dieses Hochgefühl hielt, von Pausen unterbrochen, denn jede andere Beziehung mit Männern scheiterte, mehrere Jahre an. Auch im Alltag, also nicht nur sonntags, kam die Erinnerung.
Hier, in diesem Haus, vor dem ich jetzt seitlich stehe, hat meine „einzige Liebe“ gewohnt. Mein Hals ist ganz trocken und ich atme tief ein. Die Fenster sind, so wie vor 15 Jahren, mit hellen Gardinen dekoriert. Es bewegt sich nichts an den Vorhängen, um vielleicht festzustellen, wer hier draußen mit gemischten Gefühlen wartet. Wartet, worauf?
Natürlich hätte ich mich für ein anderes Dorf entscheiden können. Aber irgendetwas in mir hat sich hartnäckig auf das Dorf meiner Träume festgebissen. Für dieses Projekt „Unser Dorf soll wieder lebendig werden“, das die EU ausgeschrieben hatte, gab es noch mehrere Interessenten von anderen Dörfern. Die Überzeugung, dass meine Entscheidung intuitiv richtig war, ließ in mir kribbelnde Euphorie hoch und höher steigen. So in der Art: Vielleicht treffe ich meine Liebe. Nun ja, dachte ich, es heißt doch: Wunder gibt es immer wieder.
Feine Stiche kriechen jetzt meinen Hals hoch. Hoffnung und Enttäuschung breiten sich in mir aus. Ich senke meinen Kopf nach unten und betrachte meine Schuhspitzen. Resigniert. Ein seltsames Gefühl, das ich nicht so richtig beschreiben kann, steigt in mir hoch. Es schmerzt ein bisschen. Was wollte ich hier eigentlich vor diesem Haus – nach all den Jahren, ohne jeden Kontakt?
Ich hatte einmal einen Brief an meine Liebe geschrieben, irgendwann. Aber die Erwartungshaltung, die ich damit verband, erfüllte sich leider nicht. Es gab keine Antwort.
Und nun hatte ich wirklich angenommen, dass meine „einzige Liebe“ jetzt aus diesem Haus herauskommt und sich freut, mich nach so langer Zeit wieder zu sehen, war ich so naiv? Ich finde mich ziemlich albern.
Es ist besser, auf Vorwürfe zu verzichten, und mich mit mir selbst verzeihend zu einigen und zu denken, was für ein wunderbarer Tag es ist, wieder im Dorf meiner Kindheit und Jugend zu sein. Meine Sightseeingtour ist ja auch noch nicht beendet. Ganz tief mit meinem Gefühlswirrwar beschäftigt, bin ich im Schlosspark angekommen und setze mich auf eine von den wenigen alten Holzbänken. Diese hier, unter der großen Eiche, ist auch ausgerechnet unsere Bank: grün bemoost, verfallen, renovierungsbedürftig. Ich setze mich vorsichtig auf die losen Bretter und meine innere Stimme meldet sich unüberhörbar: Mal abwarten, was das Schicksal vorbereitet hat.
Ich schaue auf mein Smartphone – natürlich bin ich digital unterwegs – und frage Herrn Google, was das Wort „Schicksal“ eigentlich bedeutet. Er sagt, dass Schicksal eine höhere Macht sei, welche die Zukunft der/eines Menschen beliebig beeinflusst und lenkt.
Gut, das glaube und denke ich ab jetzt, das erhebe ich zu meinem Mantra. Weil Gedanken real werden, das sagt die eine, bestimmte Wissenschaft. Nur gegen „beliebig“ habe ich etwas einzuwenden. Und unter „beliebig“ finde ich das Folgende: „Zum Beispiel Kartoffelsuppen gehen immer. Sie sind schnell zubereitet, schmecken gut und können beliebig ergänzt werden.“
Das gefällt mir, das passt. Die höhere Macht, die dabei mitspielt, brauche ich ganz besonders dringend und die beliebige Ergänzung für meine Kartoffelsuppe ist meine „große Liebe“, das ist nun eine beschlossene, fixe Idee.



Der Bäcker

Apropos Kartoffelsuppe: Heute Abend entscheide ich mich für Spaghetti mit selbstgemachter Tomatensoße und ein Glas Rotwein. Deshalb gehe ich noch einen Schlenker in den einzigen Supermarkt am Rande von Rosendorf. Ich kann mir ein köstliches Abendessen als Tagesabschluss gut vorstellen. Da stößt mich jemand an. „Genauso geht es in dieser Werbung zu“, sage ich, „zwei stoßen versehentlich zusammen, die Einkaufstüte der Frau fällt auf den Boden. Alle Lebensmittel rollen durcheinander. Ein netter, gutaussehender, junger Mann bückt sich, um die Dinge einzusammeln und beide lächeln sich an.“ Und wirklich, der gutaussehende, junge Mann lächelt verhalten, er hält einen Kaffeebecher in der Hand und sagt: „Ich kenne diesen Spot, ich kann Sie aber jetzt nicht zum Kaffee einladen, weil wir diese Lokalität noch nicht im Dorf haben. Aber ich weiß, demnächst soll es so etwas wie ein kleines Café geben, daran glaube ich erstmal nicht, doch wenn es klappt, dann komme ich auf die Einladung zurück.“ Ja, denke ich, da komme ich gern. Und schon rauscht er ab, weil er es sehr eilig hat, sagt er genervt.
Ein Weißbrot noch dazu zum Abendessen, das rundet die Mahlzeit ab und ich husche zum Bäcker in der Schlosssstraße und verfalle in nostalgisches Empfinden. Bei diesem einzigen Bäcker des Dorfes darf der Kunde auch durch die alte Scheune in den Laden eintreten. Der Weg durch die alte Scheune ist – genau wie vor ewiger Zeit – mit Stroh ausgelegt, das riecht noch nach Sommer und erweckt große Freude in meiner Seele. Sommergelbes Stroh, sauber hingeschüttet. Zielstrebig gehe ich an der Backstube vorbei, deren Tür wie früher offensteht und hinein husche ich in den kleinen Laden mit sicherem Schritt. Ich kenne mich gut aus. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Dunkle Holzbretter hängen als Regale an der Wand und frisches Brot bietet sich darauf an, auch das geliebte Weißbrot präsentiert sich leuchtend gelb daneben. Der junge Bäcker, den ich nicht kenne, reicht mir das glänzende, helle Weißbrot und ich sauge diesen frischen Duft des Brotes mit geschlossenen Augen tief ein. „Das ist ganz ungewöhnlich“, sagt der junge blonde Bäcker, „dass jemand den Duft wahrnimmt.“ Ich merke, wie ich rot werde. „Das riecht so gut wie es schmeckt und erinnert mich an gute Zeiten“, sage ich. Und der junge blonde Bäcker nickt: „Schön, dass sie das wertschätzen.“
Ganz und gar mit mir zufrieden, gehe ich in die „Puddingschule“, meine neue Unterkunft für die Zeit des Projektes. Dieses alte rote Backsteingebäude wurde mit den Mitteln der EU umgebaut. Es beherbergt eine hübsche Wohnung mit Büro für mich und zehn kleine Appartements, die keinen Wunsch offenlassen, für die Teilnehmerinnen, die ihren Abschluss in ihrem jeweiligen Aufgabenbereich machen wollen.
Die sogenannte frühere „Puddingschule“ liegt in der Schlossstraße, schräg gegenüber dem Haus, in dem einst meine „Liebe“ wohnte. Meine neue Wohnung befindet sich im ersten Stock. Im Parterre liegen der große Plenumssaal, die neue Gemeinschaftsküche und die Appartements der Schülerinnen. Ein kleiner Garten umgibt die alte Schule seit Anfangszeiten. Dort können Gemüse und Kräuter angebaut werden, wenn man möchte.
Die Räumlichkeiten sind modern und hell gestaltet. Hier kann man sich für eine längere Zeit wohlfühlen. Auf jeden Fall bis zum Abschluss dieses angesagten Projektes „Unser Dorf soll wieder lebendig werden“. Es wird eine Bereicherung für alle Beteiligten sein, eine große Chance, das Dorfleben zu verändern, ein Glücksfall eben.
So bin ich dazu gekommen.



Und es war Frühling

… und es war Frühling und ich war gerade dreißig und mir war so nach einem Sabbatjahr. Denn: Der Prediger Salomo sagt: „Ein jegliches hat seine Zeit; auch finden und wieder verlieren – und auch er drückt sich damit hoffnungsvoll aus. (Altes Testament, Pred.3,1, Luther Bibel)

Gut, dann finde ich mal eine Traumreise mit einem kleinen Schiff. So mit Frühbucher-Rabatt und Balkon vor der Kabine. Nicht so weit raus ins tiefe Meer soll es fahren. Schön an der Küste herum schippern. Doch ich spüre in mir, das ist es eigentlich gar nicht, was ich will. Trotzdem begebe ich mich ins Auskunftsbüro Internet und surfe mal wild durch die Neuigkeiten. Heute habe ich endlos Zeit, kein Druck ist auf mir, es wartet nicht mal eine Katze auf mich.
Ich sehne mich nach etwas anderem in meinem Leben, nach neuen großen Möglichkeiten. Etwas, was Menschen anspricht, etwas Motivierendes. Eine Vision, ein Traum, den man erfüllen kann, der ein Ziel hat. Vielleicht ein Schritt ins Außergewöhnliche. Mit Herz und Seele involviert sein, vielleicht sogar für etwas Neues kämpfen. Einfach mal die Angst zu versagen, es nicht managen zu können, zu ignorieren. Ich habe doch kreative Dinge schon erlebt. In meiner Freizeit zum Beispiel habe ich Seniorinnen im Tanzen trainiert, eine Laienspielgruppe gegründet und Theaterstücke selbst geschrieben. Große Auftritte habe ich für den Line-Dance und das Theater arrangiert, mit Erfolg für alle Mitwirkende. Aber die Menschen, die ich angeleitet habe, sind zum Tanzen gekommen, weil sie Zeit hatten, sich bewegen und ein bisschen tratschen wollten. Es fehlte ein Funke, ein Funke des wirklichen Erlebens. Einmal aus sich herausgehen, einmal mit allen Sinnen den Moment erleben, sich einsetzen mit Haut und Haaren für die Gemeinschaft zum Beispiel und für einander. An dieser Stelle sollte ich ehrlicher zu mir sein, das wäre jetzt angebracht. Eine Gabe ist ein Geschenk. Bei mir war es der ausgeprägte Fall, dass ich Menschen gut und mit Spaß und Freude zu Dingen anleiten konnte. Das Training war immer aufgelockert. Ohne Stress und Verbissenheit haben wir die Stunden zusammen geübt. Ich kann die Menschen motivieren, sie zum Lachen bringen, sie loben und dazu bewegen, dass sie Spaß an der augenblicklichen Sache haben. Ja gut und was war nun mein Fehler: Ich hatte Erwartungshaltungen persönlicher Art an die Mitstreiterinnen. Ich wollte eine von ihnen für mich gewinnen, immerfort Lob und goldene Sternchen einsammeln. Ich habe die Gruppen stets von ganzem Herzen trainiert. Aber es schlich sich bei mir Frust und Nörgelei ein, weil ich mit meinen Erwartungshaltungen keinen Erfolg hatte. Es waren nicht die gleichen Haltungen, die die Gruppe für sich wortlos entschieden hatte. Wir waren zwei verschiedene Paar Schuhe. Es gab dann auch den gelben Neid zu ertragen, so in manchen Gruppen. Außerdem wollten sich einige Teilnehmerinnen nur bewegen, tanzen und ab und zu einen „Tee“ trinken. Sie hatten alle ihre Familien next door. Und ich wollte darüber hinaus eventuell Freundschaften schließen. Erwartungen, die sich überhaupt nicht einstellen, machen krank in irgendeiner Weise. Man hätte vielleicht miteinander sprechen können. Aber singt nicht auch schon die Knef: Der Mensch an sich ist feige und schämt sich für sein Gefühl…
5 Sterne
Wirklich verdammt gut! - 09.04.2021
Kerstin

Diese Geschichte ist genau so wie der Titel sagt: wirklich verdammt gut! Spritzig mit guten Ideen und viel Humor! Macht Lust auf eine Fortsetzung!

Das könnte ihnen auch gefallen :

Eine verdammt gute Geschichte
Buchbewertung:
*Pflichtfelder