Ein Strauß bunter Geschichten
Dies und das
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 112
ISBN: 978-3-99146-838-7
Erscheinungsdatum: 14.08.2024
Kurzweilig und auf den Punkt fängt Julia Bo die Lebensrealitäten und Erfahrungen unterschiedlichster Charaktere ein. Obwohl die meisten Geschichten nur wenige Seiten lang sind, hofft man, die Personen an späterer Stelle im Buch noch einmal anzutreffen.
Wo das Gras noch grün ist
Es war Sommer und das zweite Jahr hatte Corona uns nun schon im Griff. Zwei Jahre und nicht wirklich Urlaub, so wie früher. Weißer Strand und blaues Meer. Fast hatte man es schon vergessen, vergraben, tief in den Erinnerungen. 14 freie Tage lagen vor uns und wir überlegten, was wir nun, unter diesen Bedingungen, damit anfangen könnten. Nicht, dass wir nicht genug zu tun gehabt hätten. Bei Haus und Garten gab es eigentlich immer etwas. Aber das war doch nicht wirklich Urlaub!
Eines Morgens, am Frühstückstisch, sagte mein Mann zu mir: „Was hältst du davon, wenn wir nachher nach Brüssow fahren. Einfach so!“ Die Frage kam überraschend. Brüssow! Dieses Wort löste viele Erinnerungen in mir aus und wie in einem Film ging ein Bild nach dem anderen durch meinen Kopf. Und so, wie die Bilder kamen, kam auch eine gewisse Sehnsucht. Ich sah wieder die nicht enden wollenden Kornfelder vor mir. Roch die Luft, die frisch und schon ein klein wenig nach Unendlichkeit und Salz schmeckte. Die Weiten im Brandenburger Norden.
Und dann ging alles sehr schnell. Packen mussten wir ja nichts, am Abend würden wir wieder zurück sein. Schnell noch ein Anruf bei Christel, unserer Nachbarin. Die vorsichtige Ankündigung, dass Lisa, unsere Katze, für diesen Tag ihr gehören könnte, löste nur ein klares und erfreutes „Aber gerne doch!“ bei ihr aus, womit unserer kleinen Reise nichts mehr im Wege stand. Eine Stunde später waren wir auf der Piste Richtung Norden. Mein Frank ist ein Vielfahrer, der gern unterwegs ist und manchmal auch etwas brutal in seinem Fahrstil. Aber so ist er nun mal.
Eine Stunde später verließen wir die Autobahn wieder, fuhren auf kleinen Straßen durch eine Landschaft, die immer sanfter und weiter wurde. Soweit das Auge blicken konnte, unendliche Felder und dazwischen blühte der Mohn. Ich mag Mohn. Er ist für mich immer ein Zeichen für die Kraft und Farbenfrohheit der Natur. Und dazu Rapsfelder so groß und weit wie die Sonne, als hätte sie einen fröhlichen Spaziergang über die Erde gemacht. Solche Farben kann nur die Natur malen und irgendwie werde ich bei diesem Anblick immer ganz ruhig und still. Dazwischen kuschelten sich ab und zu kleine, einsame Gehöfte, kleine Dörfer tauchten auf und verschwanden wieder und über allem lag Stille und Friedlichkeit. Die Uhren hatten ihre Rastlosigkeit eingestellt. Selten begegneten uns andere Autos. Die Zeit schien hier seit Jahrhunderten stehen geblieben zu sein. Selbst mein Mann fuhr nicht mehr so schnell.
Irgendwann, nach zwei Stunden, tauchte dann das Ortsschild „Brüssow“ auf und wir rollten langsam in den Ort. Alles so sauber und gepflegt und irgendwie auch fremd. Was hatte ich erwartet? Dass mich die Erinnerungen auf der Stelle übermannen würden? In Gedanken begann ich die Jahre rückwärtszuzählen. Als ich mit den Eltern das letzte Mal hier war. Das war jetzt mehr als 40 Jahre her. Nein, das konnte nicht sein, so viele Jahre konnten nicht vergangen sein. Es fühlte sich immer noch wie gestern an. Wenn ich mich jetzt im Auto umdrehen würde, dann würden beide hinter mir sitzen, mein Vater seine Kommentare abgeben und meine Mutter nur die Augen verdrehen und eigentlich wieder zurückwollen, bevor wir überhaupt angekommen sind. Sie hat diese primitive Einfachheit nie gemocht. Aber sie waren nicht mehr da.
Und da waren wir auch schon mitten auf dem Marktplatz von Brüssow. Die Kirche und der Friedhof nicht weit, wie sich das gehört für so einen kleinen Ort. Und die vielen Parkplätze schienen alle nur auf uns zu warten. Wir parkten ein und stiegen aus. Ich schaute um mich und versuchte, Erinnerungen heraufzubeschwören. Alles wirkte so klein und fremd und genauso kam auch ich mir vor. Ich drehte mich um und sah die kleinen Häuser, alle in verschiedener Bauweise, sich aneinander kuschelnd, als müsste eines das andere halten. Und dann stockte auf einmal unerwartet mein Herz für einen Moment. Das kleinste Haus, windschief und scheinbar wirklich nur von den Nachbarhäusern gehalten, rief blitzartig etwas in mir wach. Ich war sicher, wenn ich diese Tür öffnen würde, dann musste man sich bücken, um einzutreten. Der Boden schien aus Lehm gestampft, die Decke niedrig. Einen kleinen Innenhof gab es, winzig, und kleine Stallungen für eine Ziege, Kaninchen und Hühner. Selbst als kleines Mädchen hatte ich die Enge des Raumes empfunden. Eine Toilette gab es noch nicht, nur einen „Donnerbalken“ im Stall. Ja, heute konnte ich verstehen, warum meine Mutter sich hier nie wohlgefühlt hatte. Sie kam aus einer Stadt, wenn auch nur aus einer Kleinstadt. Mein Vater dagegen kehrte, wenn er hier war, unweigerlich in seine Vergangenheit zurück. Er war hier geboren. Auch wenn sein Lebensweg im Vergleich zu der Enge und Einfachheit hier nach dem Krieg steil bergauf gegangen war, er hatte seine Heimat nie vergessen. Eine gewisse Sehnsucht war wohl immer geblieben.
Hätte es an diesem Haus eine Klingel gegeben, ich hätte sie gedrückt. Aber so wohnte natürlich heute keiner mehr. Das Haus stand unter „Naturschutz“. Eigentlich ein Wunder, dass es überhaupt noch stand, so windschief, wie es war. Die Häuser, von denen einige nicht mehr bewohnt waren, schienen zu sagen „Einer für alle, alle für einen“. Und so hielten sie sich gegenseitig fest. Gern hätte ich jemanden gefragt, aber es war keine Menschenseele zu sehen, das Städtchen schien wie ausgestorben. Und wäre nicht ab und zu irgendwo das Bellen eines Hundes zu hören gewesen, dann hätte man denken können, wir sind hier die einzigen Überlebenden.
Wir gingen wieder zum Auto. Zu Hause hatte ich im Internet noch nach dem Hammelstaller Weg gesucht, da hat Tante Grete, Vaters Schwester, gewohnt. Mit dem Auto war es nicht weit, zum Teil war die Straße heute befestigt. Früher war Tante Gretes Haus das letzte des Weges gewesen, danach kamen nur noch weite Kornfelder, endlos, bis zum Horizont und ein kleines Wäldchen. Wir fuhren langsam an dem Grundstück vorbei. Auch hier kam mir alles so sehr klein, zusammengeschrumpft und auch fremd vor. In meinen Erinnerungen war alles unendlich groß, ohne Zaun, ein Abenteuerland für uns Kinder. Heute schließen sich vereinzelt noch neugebaute Einfamilienhäuser an.
Am Waldrand hielten wir an. Hier irgendwo musste das alte Hünengrab sein. So viele Bäume hatte es damals auch noch nicht gegeben, das Grab mit den hoch aufgetürmten Steinbrocken stand damals frei. Das Internet hatte mir verraten, dass es sich um ein Megalithgrab handeln musste, ein Hünengrab, erbaut zwischen 3.400 und 3.200 v. Chr. Wow – für mich eine unvorstellbare Zeitspanne … hier hatte ich als Kind schon gespielt. Was mag hier schon alles geschehen sein? Ein Ort der Geschichte.
Aber davon wussten wir damals natürlich noch nichts, als wir Kinder waren, gerade mal bereit, die Welt um uns herum zu entdecken. Für uns war es einfach nur ein großer Abenteuerspielplatz, ein Haufen Steine. Nur instinktiv ahnten wir vielleicht schon, dass es etwas Mystisches, Großes sein musste und sicher mit großen Kämpfen zu tun hatte. Vielleicht hat mein Vater mir davon auch mal erzählt, ich weiß es nicht mehr. Als wir jedenfalls davorstanden, ich das Handy zum Fotografieren in den Händen hielt, gab es wieder einen Zeitschnitt. Ich sah uns Kinder alle in einem Sommerurlaub um das Grab herumtoben. Bereit, auch große Kriege zu führen und uns zu verteidigen. Da blieb ich mit meiner Schiene an einem Strauch hängen. Ich war damals vielleicht 6 Jahre alt … Zwei Jahre zuvor war ich an der Kinderlähmung erkrankt, eine Zeit, an die ich noch vage Erinnerungen habe. Meine Mutter hat viel später oft traurig zu mir gesagt, „Warum musstest gerade du das bekommen …“. Aber ich war ein Kind und Kinder setzen sich durch oder leiden. Ich glaube, dazwischen gibt es nicht viel. Zum Glück gehörte ich zu den Kindern, die widerborstig waren. Und so band ich die Schiene damals wütend ab, zog die hohen orthopädischen Schuhe aus, warf alles irgendwohin und war sofort wieder bereit, unseren Kampf fortzusetzen. Den Kampf um Recht und Freiheit. Natürlich haben wir ihn gewonnen.
Erschöpft waren wir am Abend dann wieder bei Tante Grete. Meine Mutter war entsetzt darüber, wie ich aussah. Wild, zerfetzt, staubig und müde. Ein Bad und Badewanne gab es bei Tante Grete nicht. Ich hatte die Wahl zwischen kleiner Schüssel und Wasserschlauch. Die Entscheidung traf mein Vater. Als früherer Bauernjunge, was er später aber nicht mehr hören wollte, nahm er den Schlauch und spritzte uns alle ab. Na, das gab ein Gekreische. Am Ende waren wir zwar immer noch müde – jedoch sauber, glücklich und hungrig nach so einem erfolgreichen Kampf.
Beim Abendessen schlief ich schon fast ein. Es war kurz bevor ich ins Bett sollte. Da sagte meine Mutter auf einmal: „Wo sind eigentlich deine Schiene und deine Schuhe geblieben?“ Ich weiß heute nicht mehr, was ich stammelte. Ich muss sie jedenfalls mit so riesengroßen Augen angesehen haben, dass sie sich einen Großteil der Geschichte zusammenreimen konnte. Ich habe diese Schiene immer gehasst, hatte ich mich doch so oft gegen Hänseleien und Spott wehren müssen. Zum Glück konnte ich auch ohne gut laufen, aber sie hatte den Zweck, den Fuß in guter Form zu halten, damit er gerade mitwächst und ich später, wenn ich größer war, vielleicht auch mit guten Erfolgsaussichten operiert werden konnte. Aber das verstand ich damals natürlich noch nicht, wollte es nicht verstehen, denn ein Kind lebt im Hier und Jetzt und nicht irgendwo in der Zukunft. Doch dafür hatte ich ja meine Mama, die streng darauf achtete. Und so begann noch am gleichen Abend die große Suchaktion. Es war Sommer und es war lange hell. Die weißen Nächte im Norden von Brandenburg. Und es war noch eine Spielgefährtin da. Und alle gingen wir nun nochmal auf die Suche nach diesem verlorenen und verfluchten Ding. Und ja, wir fanden es auch, zwischen den Steinen am alten, ehrwürdigen Grab. Ein alter Krieger hatte sicher darauf Acht gegeben.
All dies lief mit großer Geschwindigkeit wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Wären diese verfluchte Schiene und die Suchaktion nicht gewesen … wer weiß, dann hätten sich vielleicht auch diese Erinnerungen schon längst aufgelöst. Aber die Weiten und die Farben Brandenburgs haben sich so in meiner Seele verewigt. Mein Vater würde jetzt sein verschmitztes Lächeln aufsetzen und sagen: „Ach, dieses Kuhnest …“
Meine Finger strichen noch einmal über diese großen kühlen Steine und der Gedanke an ihr Alter beeindruckte mich immer noch tief. Wie viele Hände mochten sie in den Tausenden von Jahren schon berührt haben? Welche Geschichten sich in ihrem Schatten abgespielt haben? Eine tiefe Ehrfurcht machte sich in mir breit. Still fuhren wir wieder Richtung Brüssow.
Wieder kamen wir an Tante Gretes Haus vorbei, ganz langsam. Hunde sprangen hinterm Zaun herum und bellten wild. Ich bat meinen Mann spontan, mal anzuhalten, und stieg aus. Ich weiß selbst nicht, was ich wollte, dann schaute ich auf das Namensschild … und da stand wirklich immer noch „Gombert“, der Name von Tante Grete. Irgendwie berührte es mich tief. Wer mochte das sein? Tante Grete war lange vor meinem Vater gegangen. Mein Mann stand hinter mir und sagte: „Komm, klingle einfach mal, entweder ist jemand da oder nicht.“ Und ich tat’s, ich klingelte.
Die Hunde wurden immer wilder und dann trat eine ältere Frau heraus und kam zum Zaun. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte, ich versuchte, mich vorzustellen. Und da sagte sie nur „Die Jana vom Willi“, machte das Tor auf und ließ uns rein. Ich ging nur ein paar Schritte, ich war verwirrt, versuchte immer noch, das Gebäude wiederzuerkennen und zu ergründen, wer diese Frau war. Und dabei redeten wir.
Sie kannte meinen Vater, meine Mutter, mich, erzählte mir von Anne, der Tochter von Vaters Schwester, von meiner Mutter und von mir, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich war durcheinander, konnte in meinen Gedanken und Gefühlen den Zeitschnitt so schnell nicht mitmachen. Wer war sie? Sie hieß Gombert und war sicher weit in der 80, vielleicht gar 90. Wer war sie? Warum habe ich diese Frage nicht gestellt? Ich hatte die Vergangenheit gesucht und nun hatte sie mich eingeholt und übermannt. Aber meine Gedanken und Gefühle kamen nicht hinterher. Da stand eine Frau, die mit meinem Vater verwandt war, ihn noch kannte und mein Vater war nun schon fast 20 Jahre nicht mehr.
Haus und Grundstück wirkten viel kleiner als damals. Aber sie erzählte, dass alles so geblieben sei, außer dass es heute einen großen Zaun gab und der Kuhstall zum Wohnbereich mit ausgebaut worden war. Ihre Enkel wohnten oben und sie unten. Alles so vertraut und doch so fremd. Wir hielten uns dann auch nicht mehr lange auf, ich wollte weg, meine Gedanken, mich und meine Gefühle sortieren.
Und so verabschiedeten wir uns dann, ohne eventuell Telefonnummer oder Adresse auszutauschen. In dem Moment ahnte ich noch nicht, dass ich noch tausend Fragen haben würde. Auf der Rückfahrt in den Ort war ich still. Wir landeten wieder auf dem Marktplatz. In so einem kleinen Ort führen wohl alle Wege zum Marktplatz. Dahinter erhob sich die sehr schöne, altehrwürdige Kirche, die natürlich auf einem Friedhof stand. Ein Friedhof ist auch immer ein Zeuge der Vergangenheit und der Vergänglichkeit. Ich sah die Kirche, sah meinen Mann an und wir stiefelten los und stromerten über dieses heilige Terrain. So einen sonnigen Friedhof hatte ich noch nicht gesehen. Stille lag über allem und wir gingen querfeldein. Ich suchte etwas. Etwas, von dem ich wusste, ich würde es nicht mehr finden und doch suchte ich. Ich suchte meinen Namen. Es gab viele weite freie Flächen. Vor nicht allzu langer Zeit schienen viele alte Gräber eingeebnet worden zu sein, so sicher auch das Grab von meinem Opa und der Oma, den Eltern meines Vaters. Nur bei ihnen hätte ich mich wiederfinden können. Auch Tante Gretes Grab gab es nicht mehr. Die Zeit hatte alles mitgenommen und der Wind die Namen verweht. Wer weiß heute noch etwas von den Hugenotten, die damals, vor mehr als 300 Jahren hierherkamen, in der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben? Nur in vielen Namen findet man sie heute noch wieder. So auch in meinem. Und mit mir wird wohl auch er eines Tages erlöschen. So ist der Lauf der Zeit. Wie oft hat mein Vater mir die alten Geschichten erzählt.
Es war warm und wir müde und nun auch hungrig. Nicht weit fanden wir eine schöne Gaststätte, doch sie war für uns geschlossen, Corona hielt ihre Hände drauf. Wir kauften uns eine Kleinigkeit und suchten uns ein Plätzchen in der Sonne.
Als wir uns am Morgen so unbefangen auf unsere kleine Reise begeben hatten, ahnte ich nicht im Entferntesten, dass ich mit einem Sack voller Emotionen und vielen offenen Fragen wieder zurückfahren würde. Ich hatte nicht geahnt, dass ich mir selbst und der Vergangenheit begegnen würde. Und ich bin sicher, ich komme wieder – im nächsten Sommer!
Wolken am Horizont
Zufrieden rekelte sich Anna im Bett und streckte sich lang aus. Sie gähnte herzhaft und versuchte, sich zu erinnern, was für ein Tag heute war und was er mit ihr vorhatte. Sie hatte so fest geschlafen und irgendetwas Schönes geträumt. Aber vergeblich versuchte sie, den Traum noch einmal einzufangen, er hatte sich in den Sonnenstrahlen, die das Zimmer durchfluteten, bereits aufgelöst und nur noch vage Bilder zurückgelassen. Der Gedanke, dass sie heute frei hatte, ließ sie lächeln und tief durchatmen. Es war Sonnabend, sie brauchte nicht ins Ministerium und das war ein schönes Gefühl. Sie reckte und streckte sich noch einmal und sprang dann schnell aus dem Bett und öffnete das große Fenster. Nochmals gähnend trat sie einen kleinen Schritt ins Freie. Es war nicht wirklich ein Balkon, sondern ein kleiner Vorbau, der die Illusion von etwas Freiheit vermittelte. Vom Herbst bis zum Frühjahr nutzte Anna ihn auch, um Butter und Milch kühl zu halten. Sie stützte sich auf das Geländer und schaute in den blauen Himmel. Der Tag versprach, schön zu werden und warm. Unter ihr erwachte auch die Straße langsam zum Leben und mit ihr Berlin. Sie liebte diese Stadt, obwohl die Spuren des Krieges noch immer an allen Ecken zu sehen waren, besonders hier im Ostteil. In Westberlin dagegen hatte das Leben, das richtige Leben, so wie sie es sich vorstellte, schon längst begonnen. Sie sollte sich etwas beeilen, sie wollte in den anderen Teil der Stadt, sie war verabredet. Und wie immer, wenn sie sich mit Paul in Westberlin traf, war ihr Körper vorher wie elektrisiert und eine eigenartige Aufregung bemächtigte sich ihrer. Das Gefühl war nicht unangenehm, es war aufregend und prickelnd. Dabei war es nicht ungefährlich, was sie tat und auch heute wieder vorhatte. Aber sie glaubte fest, dass es gut und richtig war. Sie tat es, um zu helfen, die Welt zu verändern, zu verbessern und schließlich tat sie es ja auch für ihre kleine Tochter. Bei dem Gedanken an ihre Jana hielt sie inne. Ihr Lächeln vertiefte sich. Auf einem kleinen Schränkchen stand ein Bild von ihr. Jana war ein hübsches Mädchen geworden und eine leise Sehnsucht erfasste sie. Jana lebte bei ihrer Schwester in Senftleben, einem kleinen Nest in der Lausitz, in dem auch sie geboren war. Nur Kohlenstaub und Dreck in der ganzen Stadt, die umgeben war von Gruben und Fabriken, die die Kohle verarbeiteten. Überall rauchende, hohe Schornsteine, die ohne Unterlass schwarzen Qualm ausstießen. Immer schon hatte sie weggewollt. Als ganz junges Mädchen war sie nach Leipzig gegangen an eine Schule für Körperkultur und Sport … schon der Name. Aber es hatte ihr anfangs Spaß gemacht und sie hatte sogar Erfolge gehabt. Sie war sportlich, aber sie hatte keine große Ausdauer und bald auch keine Lust mehr. Und dann hatte sie Will kennengelernt. Den großen, erfolgreichen Mann in Senftleben. Er war ein Mann von Welt und er wusste ganz genau, was er wollte und er bekam auch immer, was er wollte. Anna hielt in ihrer Morgentoilette kurz inne und schaute in den Spiegel. Ja, sie hatte ihn geliebt. Er war der erste Mann in ihrem Leben gewesen. Um so vieles älter, erfahrener hatte er ihr ein Stück von der großen Welt gezeigt. Wie man sich kleidet, wie man sich in einem Restaurant bewegt. Und jetzt wollte sie auch ein Stück von dieser großen Welt. Er hatte sie in die Liebe eingeführt. Anna warf trotzig den Kopf in den Nacken, als wollte sie die alten Bilder und Erinnerungen abschütteln. Es war alles so lange her und der Tag heute viel zu schön, um in der Vergangenheit hängenzubleiben. Vielleicht würde sie ihn von Westberlin aus im Geschäft anrufen, sie bekam noch das Geld für Jana von ihm. Nun, eines musste man ihm lassen, alles, was Jana betraf, die auch seine kleine Tochter war, da war er nicht knausrig. Da spielte Geld keine Rolle. Nur seine Frau durfte von alldem nichts wissen, obwohl sie natürlich vom Seitensprung ihres Mannes und seinen Folgen erfahren hatte. Anna lächelte böse, als sie an seine Frau dachte. Oh, hatten sie sich in Senftleben auf offener Straße damals ein Duell geliefert, seine Frau und sie. Vom Feinsten. Nein, es war nicht so, dass Anna stolz darauf gewesen wäre, aber eine innere Genugtuung, die hatte sie empfunden. Auch jetzt noch, wenn sie daran dachte. Hanna, ihre ältere Schwester, hatte ihr natürlich gründlich die Leviten gelesen. Sie hielt solche Revanchen einer Frau unwürdig. Aber das konnte Hanna nicht verstehen. Sie war immer so gerade, sie wusste immer, was richtig ist oder nicht. Manchmal konnte sie einen schon wahnsinnig damit machen. Aber bei keinem anderen Menschen wäre Jana so gut aufgehoben gewesen, wie bei ihr. Das wusste auch Anna. Vielleicht nicht mal mit dem Verstand, aber im tiefsten Inneren ihres Wesens wusste sie es. Und sie ahnte nicht, wie sehr sie schon bald dafür dankbar sein würde und wie nah sie dem Netz war, in dem sie für lange Zeit verstrickt sein würde. Ein Klopfen an der Tür riss Anna aus dem Gespinst ihrer Gedanken. Es war ihre Vermieterin. Ob sie Lust auf eine Tasse Kaffee hätte, frisch gebrüht … Anna freute sich und mit strahlendem Lächeln nickte sie. Jetzt noch eine schöne Tasse Kaffee und ein Brötchen und der Tag konnte beginnen. Ich darf nicht vergessen, ihr ein Päckchen Kaffee aus Westberlin mitzubringen, dachte Anna noch.
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Es war Sommer und das zweite Jahr hatte Corona uns nun schon im Griff. Zwei Jahre und nicht wirklich Urlaub, so wie früher. Weißer Strand und blaues Meer. Fast hatte man es schon vergessen, vergraben, tief in den Erinnerungen. 14 freie Tage lagen vor uns und wir überlegten, was wir nun, unter diesen Bedingungen, damit anfangen könnten. Nicht, dass wir nicht genug zu tun gehabt hätten. Bei Haus und Garten gab es eigentlich immer etwas. Aber das war doch nicht wirklich Urlaub!
Eines Morgens, am Frühstückstisch, sagte mein Mann zu mir: „Was hältst du davon, wenn wir nachher nach Brüssow fahren. Einfach so!“ Die Frage kam überraschend. Brüssow! Dieses Wort löste viele Erinnerungen in mir aus und wie in einem Film ging ein Bild nach dem anderen durch meinen Kopf. Und so, wie die Bilder kamen, kam auch eine gewisse Sehnsucht. Ich sah wieder die nicht enden wollenden Kornfelder vor mir. Roch die Luft, die frisch und schon ein klein wenig nach Unendlichkeit und Salz schmeckte. Die Weiten im Brandenburger Norden.
Und dann ging alles sehr schnell. Packen mussten wir ja nichts, am Abend würden wir wieder zurück sein. Schnell noch ein Anruf bei Christel, unserer Nachbarin. Die vorsichtige Ankündigung, dass Lisa, unsere Katze, für diesen Tag ihr gehören könnte, löste nur ein klares und erfreutes „Aber gerne doch!“ bei ihr aus, womit unserer kleinen Reise nichts mehr im Wege stand. Eine Stunde später waren wir auf der Piste Richtung Norden. Mein Frank ist ein Vielfahrer, der gern unterwegs ist und manchmal auch etwas brutal in seinem Fahrstil. Aber so ist er nun mal.
Eine Stunde später verließen wir die Autobahn wieder, fuhren auf kleinen Straßen durch eine Landschaft, die immer sanfter und weiter wurde. Soweit das Auge blicken konnte, unendliche Felder und dazwischen blühte der Mohn. Ich mag Mohn. Er ist für mich immer ein Zeichen für die Kraft und Farbenfrohheit der Natur. Und dazu Rapsfelder so groß und weit wie die Sonne, als hätte sie einen fröhlichen Spaziergang über die Erde gemacht. Solche Farben kann nur die Natur malen und irgendwie werde ich bei diesem Anblick immer ganz ruhig und still. Dazwischen kuschelten sich ab und zu kleine, einsame Gehöfte, kleine Dörfer tauchten auf und verschwanden wieder und über allem lag Stille und Friedlichkeit. Die Uhren hatten ihre Rastlosigkeit eingestellt. Selten begegneten uns andere Autos. Die Zeit schien hier seit Jahrhunderten stehen geblieben zu sein. Selbst mein Mann fuhr nicht mehr so schnell.
Irgendwann, nach zwei Stunden, tauchte dann das Ortsschild „Brüssow“ auf und wir rollten langsam in den Ort. Alles so sauber und gepflegt und irgendwie auch fremd. Was hatte ich erwartet? Dass mich die Erinnerungen auf der Stelle übermannen würden? In Gedanken begann ich die Jahre rückwärtszuzählen. Als ich mit den Eltern das letzte Mal hier war. Das war jetzt mehr als 40 Jahre her. Nein, das konnte nicht sein, so viele Jahre konnten nicht vergangen sein. Es fühlte sich immer noch wie gestern an. Wenn ich mich jetzt im Auto umdrehen würde, dann würden beide hinter mir sitzen, mein Vater seine Kommentare abgeben und meine Mutter nur die Augen verdrehen und eigentlich wieder zurückwollen, bevor wir überhaupt angekommen sind. Sie hat diese primitive Einfachheit nie gemocht. Aber sie waren nicht mehr da.
Und da waren wir auch schon mitten auf dem Marktplatz von Brüssow. Die Kirche und der Friedhof nicht weit, wie sich das gehört für so einen kleinen Ort. Und die vielen Parkplätze schienen alle nur auf uns zu warten. Wir parkten ein und stiegen aus. Ich schaute um mich und versuchte, Erinnerungen heraufzubeschwören. Alles wirkte so klein und fremd und genauso kam auch ich mir vor. Ich drehte mich um und sah die kleinen Häuser, alle in verschiedener Bauweise, sich aneinander kuschelnd, als müsste eines das andere halten. Und dann stockte auf einmal unerwartet mein Herz für einen Moment. Das kleinste Haus, windschief und scheinbar wirklich nur von den Nachbarhäusern gehalten, rief blitzartig etwas in mir wach. Ich war sicher, wenn ich diese Tür öffnen würde, dann musste man sich bücken, um einzutreten. Der Boden schien aus Lehm gestampft, die Decke niedrig. Einen kleinen Innenhof gab es, winzig, und kleine Stallungen für eine Ziege, Kaninchen und Hühner. Selbst als kleines Mädchen hatte ich die Enge des Raumes empfunden. Eine Toilette gab es noch nicht, nur einen „Donnerbalken“ im Stall. Ja, heute konnte ich verstehen, warum meine Mutter sich hier nie wohlgefühlt hatte. Sie kam aus einer Stadt, wenn auch nur aus einer Kleinstadt. Mein Vater dagegen kehrte, wenn er hier war, unweigerlich in seine Vergangenheit zurück. Er war hier geboren. Auch wenn sein Lebensweg im Vergleich zu der Enge und Einfachheit hier nach dem Krieg steil bergauf gegangen war, er hatte seine Heimat nie vergessen. Eine gewisse Sehnsucht war wohl immer geblieben.
Hätte es an diesem Haus eine Klingel gegeben, ich hätte sie gedrückt. Aber so wohnte natürlich heute keiner mehr. Das Haus stand unter „Naturschutz“. Eigentlich ein Wunder, dass es überhaupt noch stand, so windschief, wie es war. Die Häuser, von denen einige nicht mehr bewohnt waren, schienen zu sagen „Einer für alle, alle für einen“. Und so hielten sie sich gegenseitig fest. Gern hätte ich jemanden gefragt, aber es war keine Menschenseele zu sehen, das Städtchen schien wie ausgestorben. Und wäre nicht ab und zu irgendwo das Bellen eines Hundes zu hören gewesen, dann hätte man denken können, wir sind hier die einzigen Überlebenden.
Wir gingen wieder zum Auto. Zu Hause hatte ich im Internet noch nach dem Hammelstaller Weg gesucht, da hat Tante Grete, Vaters Schwester, gewohnt. Mit dem Auto war es nicht weit, zum Teil war die Straße heute befestigt. Früher war Tante Gretes Haus das letzte des Weges gewesen, danach kamen nur noch weite Kornfelder, endlos, bis zum Horizont und ein kleines Wäldchen. Wir fuhren langsam an dem Grundstück vorbei. Auch hier kam mir alles so sehr klein, zusammengeschrumpft und auch fremd vor. In meinen Erinnerungen war alles unendlich groß, ohne Zaun, ein Abenteuerland für uns Kinder. Heute schließen sich vereinzelt noch neugebaute Einfamilienhäuser an.
Am Waldrand hielten wir an. Hier irgendwo musste das alte Hünengrab sein. So viele Bäume hatte es damals auch noch nicht gegeben, das Grab mit den hoch aufgetürmten Steinbrocken stand damals frei. Das Internet hatte mir verraten, dass es sich um ein Megalithgrab handeln musste, ein Hünengrab, erbaut zwischen 3.400 und 3.200 v. Chr. Wow – für mich eine unvorstellbare Zeitspanne … hier hatte ich als Kind schon gespielt. Was mag hier schon alles geschehen sein? Ein Ort der Geschichte.
Aber davon wussten wir damals natürlich noch nichts, als wir Kinder waren, gerade mal bereit, die Welt um uns herum zu entdecken. Für uns war es einfach nur ein großer Abenteuerspielplatz, ein Haufen Steine. Nur instinktiv ahnten wir vielleicht schon, dass es etwas Mystisches, Großes sein musste und sicher mit großen Kämpfen zu tun hatte. Vielleicht hat mein Vater mir davon auch mal erzählt, ich weiß es nicht mehr. Als wir jedenfalls davorstanden, ich das Handy zum Fotografieren in den Händen hielt, gab es wieder einen Zeitschnitt. Ich sah uns Kinder alle in einem Sommerurlaub um das Grab herumtoben. Bereit, auch große Kriege zu führen und uns zu verteidigen. Da blieb ich mit meiner Schiene an einem Strauch hängen. Ich war damals vielleicht 6 Jahre alt … Zwei Jahre zuvor war ich an der Kinderlähmung erkrankt, eine Zeit, an die ich noch vage Erinnerungen habe. Meine Mutter hat viel später oft traurig zu mir gesagt, „Warum musstest gerade du das bekommen …“. Aber ich war ein Kind und Kinder setzen sich durch oder leiden. Ich glaube, dazwischen gibt es nicht viel. Zum Glück gehörte ich zu den Kindern, die widerborstig waren. Und so band ich die Schiene damals wütend ab, zog die hohen orthopädischen Schuhe aus, warf alles irgendwohin und war sofort wieder bereit, unseren Kampf fortzusetzen. Den Kampf um Recht und Freiheit. Natürlich haben wir ihn gewonnen.
Erschöpft waren wir am Abend dann wieder bei Tante Grete. Meine Mutter war entsetzt darüber, wie ich aussah. Wild, zerfetzt, staubig und müde. Ein Bad und Badewanne gab es bei Tante Grete nicht. Ich hatte die Wahl zwischen kleiner Schüssel und Wasserschlauch. Die Entscheidung traf mein Vater. Als früherer Bauernjunge, was er später aber nicht mehr hören wollte, nahm er den Schlauch und spritzte uns alle ab. Na, das gab ein Gekreische. Am Ende waren wir zwar immer noch müde – jedoch sauber, glücklich und hungrig nach so einem erfolgreichen Kampf.
Beim Abendessen schlief ich schon fast ein. Es war kurz bevor ich ins Bett sollte. Da sagte meine Mutter auf einmal: „Wo sind eigentlich deine Schiene und deine Schuhe geblieben?“ Ich weiß heute nicht mehr, was ich stammelte. Ich muss sie jedenfalls mit so riesengroßen Augen angesehen haben, dass sie sich einen Großteil der Geschichte zusammenreimen konnte. Ich habe diese Schiene immer gehasst, hatte ich mich doch so oft gegen Hänseleien und Spott wehren müssen. Zum Glück konnte ich auch ohne gut laufen, aber sie hatte den Zweck, den Fuß in guter Form zu halten, damit er gerade mitwächst und ich später, wenn ich größer war, vielleicht auch mit guten Erfolgsaussichten operiert werden konnte. Aber das verstand ich damals natürlich noch nicht, wollte es nicht verstehen, denn ein Kind lebt im Hier und Jetzt und nicht irgendwo in der Zukunft. Doch dafür hatte ich ja meine Mama, die streng darauf achtete. Und so begann noch am gleichen Abend die große Suchaktion. Es war Sommer und es war lange hell. Die weißen Nächte im Norden von Brandenburg. Und es war noch eine Spielgefährtin da. Und alle gingen wir nun nochmal auf die Suche nach diesem verlorenen und verfluchten Ding. Und ja, wir fanden es auch, zwischen den Steinen am alten, ehrwürdigen Grab. Ein alter Krieger hatte sicher darauf Acht gegeben.
All dies lief mit großer Geschwindigkeit wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Wären diese verfluchte Schiene und die Suchaktion nicht gewesen … wer weiß, dann hätten sich vielleicht auch diese Erinnerungen schon längst aufgelöst. Aber die Weiten und die Farben Brandenburgs haben sich so in meiner Seele verewigt. Mein Vater würde jetzt sein verschmitztes Lächeln aufsetzen und sagen: „Ach, dieses Kuhnest …“
Meine Finger strichen noch einmal über diese großen kühlen Steine und der Gedanke an ihr Alter beeindruckte mich immer noch tief. Wie viele Hände mochten sie in den Tausenden von Jahren schon berührt haben? Welche Geschichten sich in ihrem Schatten abgespielt haben? Eine tiefe Ehrfurcht machte sich in mir breit. Still fuhren wir wieder Richtung Brüssow.
Wieder kamen wir an Tante Gretes Haus vorbei, ganz langsam. Hunde sprangen hinterm Zaun herum und bellten wild. Ich bat meinen Mann spontan, mal anzuhalten, und stieg aus. Ich weiß selbst nicht, was ich wollte, dann schaute ich auf das Namensschild … und da stand wirklich immer noch „Gombert“, der Name von Tante Grete. Irgendwie berührte es mich tief. Wer mochte das sein? Tante Grete war lange vor meinem Vater gegangen. Mein Mann stand hinter mir und sagte: „Komm, klingle einfach mal, entweder ist jemand da oder nicht.“ Und ich tat’s, ich klingelte.
Die Hunde wurden immer wilder und dann trat eine ältere Frau heraus und kam zum Zaun. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte, ich versuchte, mich vorzustellen. Und da sagte sie nur „Die Jana vom Willi“, machte das Tor auf und ließ uns rein. Ich ging nur ein paar Schritte, ich war verwirrt, versuchte immer noch, das Gebäude wiederzuerkennen und zu ergründen, wer diese Frau war. Und dabei redeten wir.
Sie kannte meinen Vater, meine Mutter, mich, erzählte mir von Anne, der Tochter von Vaters Schwester, von meiner Mutter und von mir, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich war durcheinander, konnte in meinen Gedanken und Gefühlen den Zeitschnitt so schnell nicht mitmachen. Wer war sie? Sie hieß Gombert und war sicher weit in der 80, vielleicht gar 90. Wer war sie? Warum habe ich diese Frage nicht gestellt? Ich hatte die Vergangenheit gesucht und nun hatte sie mich eingeholt und übermannt. Aber meine Gedanken und Gefühle kamen nicht hinterher. Da stand eine Frau, die mit meinem Vater verwandt war, ihn noch kannte und mein Vater war nun schon fast 20 Jahre nicht mehr.
Haus und Grundstück wirkten viel kleiner als damals. Aber sie erzählte, dass alles so geblieben sei, außer dass es heute einen großen Zaun gab und der Kuhstall zum Wohnbereich mit ausgebaut worden war. Ihre Enkel wohnten oben und sie unten. Alles so vertraut und doch so fremd. Wir hielten uns dann auch nicht mehr lange auf, ich wollte weg, meine Gedanken, mich und meine Gefühle sortieren.
Und so verabschiedeten wir uns dann, ohne eventuell Telefonnummer oder Adresse auszutauschen. In dem Moment ahnte ich noch nicht, dass ich noch tausend Fragen haben würde. Auf der Rückfahrt in den Ort war ich still. Wir landeten wieder auf dem Marktplatz. In so einem kleinen Ort führen wohl alle Wege zum Marktplatz. Dahinter erhob sich die sehr schöne, altehrwürdige Kirche, die natürlich auf einem Friedhof stand. Ein Friedhof ist auch immer ein Zeuge der Vergangenheit und der Vergänglichkeit. Ich sah die Kirche, sah meinen Mann an und wir stiefelten los und stromerten über dieses heilige Terrain. So einen sonnigen Friedhof hatte ich noch nicht gesehen. Stille lag über allem und wir gingen querfeldein. Ich suchte etwas. Etwas, von dem ich wusste, ich würde es nicht mehr finden und doch suchte ich. Ich suchte meinen Namen. Es gab viele weite freie Flächen. Vor nicht allzu langer Zeit schienen viele alte Gräber eingeebnet worden zu sein, so sicher auch das Grab von meinem Opa und der Oma, den Eltern meines Vaters. Nur bei ihnen hätte ich mich wiederfinden können. Auch Tante Gretes Grab gab es nicht mehr. Die Zeit hatte alles mitgenommen und der Wind die Namen verweht. Wer weiß heute noch etwas von den Hugenotten, die damals, vor mehr als 300 Jahren hierherkamen, in der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben? Nur in vielen Namen findet man sie heute noch wieder. So auch in meinem. Und mit mir wird wohl auch er eines Tages erlöschen. So ist der Lauf der Zeit. Wie oft hat mein Vater mir die alten Geschichten erzählt.
Es war warm und wir müde und nun auch hungrig. Nicht weit fanden wir eine schöne Gaststätte, doch sie war für uns geschlossen, Corona hielt ihre Hände drauf. Wir kauften uns eine Kleinigkeit und suchten uns ein Plätzchen in der Sonne.
Als wir uns am Morgen so unbefangen auf unsere kleine Reise begeben hatten, ahnte ich nicht im Entferntesten, dass ich mit einem Sack voller Emotionen und vielen offenen Fragen wieder zurückfahren würde. Ich hatte nicht geahnt, dass ich mir selbst und der Vergangenheit begegnen würde. Und ich bin sicher, ich komme wieder – im nächsten Sommer!
Wolken am Horizont
Zufrieden rekelte sich Anna im Bett und streckte sich lang aus. Sie gähnte herzhaft und versuchte, sich zu erinnern, was für ein Tag heute war und was er mit ihr vorhatte. Sie hatte so fest geschlafen und irgendetwas Schönes geträumt. Aber vergeblich versuchte sie, den Traum noch einmal einzufangen, er hatte sich in den Sonnenstrahlen, die das Zimmer durchfluteten, bereits aufgelöst und nur noch vage Bilder zurückgelassen. Der Gedanke, dass sie heute frei hatte, ließ sie lächeln und tief durchatmen. Es war Sonnabend, sie brauchte nicht ins Ministerium und das war ein schönes Gefühl. Sie reckte und streckte sich noch einmal und sprang dann schnell aus dem Bett und öffnete das große Fenster. Nochmals gähnend trat sie einen kleinen Schritt ins Freie. Es war nicht wirklich ein Balkon, sondern ein kleiner Vorbau, der die Illusion von etwas Freiheit vermittelte. Vom Herbst bis zum Frühjahr nutzte Anna ihn auch, um Butter und Milch kühl zu halten. Sie stützte sich auf das Geländer und schaute in den blauen Himmel. Der Tag versprach, schön zu werden und warm. Unter ihr erwachte auch die Straße langsam zum Leben und mit ihr Berlin. Sie liebte diese Stadt, obwohl die Spuren des Krieges noch immer an allen Ecken zu sehen waren, besonders hier im Ostteil. In Westberlin dagegen hatte das Leben, das richtige Leben, so wie sie es sich vorstellte, schon längst begonnen. Sie sollte sich etwas beeilen, sie wollte in den anderen Teil der Stadt, sie war verabredet. Und wie immer, wenn sie sich mit Paul in Westberlin traf, war ihr Körper vorher wie elektrisiert und eine eigenartige Aufregung bemächtigte sich ihrer. Das Gefühl war nicht unangenehm, es war aufregend und prickelnd. Dabei war es nicht ungefährlich, was sie tat und auch heute wieder vorhatte. Aber sie glaubte fest, dass es gut und richtig war. Sie tat es, um zu helfen, die Welt zu verändern, zu verbessern und schließlich tat sie es ja auch für ihre kleine Tochter. Bei dem Gedanken an ihre Jana hielt sie inne. Ihr Lächeln vertiefte sich. Auf einem kleinen Schränkchen stand ein Bild von ihr. Jana war ein hübsches Mädchen geworden und eine leise Sehnsucht erfasste sie. Jana lebte bei ihrer Schwester in Senftleben, einem kleinen Nest in der Lausitz, in dem auch sie geboren war. Nur Kohlenstaub und Dreck in der ganzen Stadt, die umgeben war von Gruben und Fabriken, die die Kohle verarbeiteten. Überall rauchende, hohe Schornsteine, die ohne Unterlass schwarzen Qualm ausstießen. Immer schon hatte sie weggewollt. Als ganz junges Mädchen war sie nach Leipzig gegangen an eine Schule für Körperkultur und Sport … schon der Name. Aber es hatte ihr anfangs Spaß gemacht und sie hatte sogar Erfolge gehabt. Sie war sportlich, aber sie hatte keine große Ausdauer und bald auch keine Lust mehr. Und dann hatte sie Will kennengelernt. Den großen, erfolgreichen Mann in Senftleben. Er war ein Mann von Welt und er wusste ganz genau, was er wollte und er bekam auch immer, was er wollte. Anna hielt in ihrer Morgentoilette kurz inne und schaute in den Spiegel. Ja, sie hatte ihn geliebt. Er war der erste Mann in ihrem Leben gewesen. Um so vieles älter, erfahrener hatte er ihr ein Stück von der großen Welt gezeigt. Wie man sich kleidet, wie man sich in einem Restaurant bewegt. Und jetzt wollte sie auch ein Stück von dieser großen Welt. Er hatte sie in die Liebe eingeführt. Anna warf trotzig den Kopf in den Nacken, als wollte sie die alten Bilder und Erinnerungen abschütteln. Es war alles so lange her und der Tag heute viel zu schön, um in der Vergangenheit hängenzubleiben. Vielleicht würde sie ihn von Westberlin aus im Geschäft anrufen, sie bekam noch das Geld für Jana von ihm. Nun, eines musste man ihm lassen, alles, was Jana betraf, die auch seine kleine Tochter war, da war er nicht knausrig. Da spielte Geld keine Rolle. Nur seine Frau durfte von alldem nichts wissen, obwohl sie natürlich vom Seitensprung ihres Mannes und seinen Folgen erfahren hatte. Anna lächelte böse, als sie an seine Frau dachte. Oh, hatten sie sich in Senftleben auf offener Straße damals ein Duell geliefert, seine Frau und sie. Vom Feinsten. Nein, es war nicht so, dass Anna stolz darauf gewesen wäre, aber eine innere Genugtuung, die hatte sie empfunden. Auch jetzt noch, wenn sie daran dachte. Hanna, ihre ältere Schwester, hatte ihr natürlich gründlich die Leviten gelesen. Sie hielt solche Revanchen einer Frau unwürdig. Aber das konnte Hanna nicht verstehen. Sie war immer so gerade, sie wusste immer, was richtig ist oder nicht. Manchmal konnte sie einen schon wahnsinnig damit machen. Aber bei keinem anderen Menschen wäre Jana so gut aufgehoben gewesen, wie bei ihr. Das wusste auch Anna. Vielleicht nicht mal mit dem Verstand, aber im tiefsten Inneren ihres Wesens wusste sie es. Und sie ahnte nicht, wie sehr sie schon bald dafür dankbar sein würde und wie nah sie dem Netz war, in dem sie für lange Zeit verstrickt sein würde. Ein Klopfen an der Tür riss Anna aus dem Gespinst ihrer Gedanken. Es war ihre Vermieterin. Ob sie Lust auf eine Tasse Kaffee hätte, frisch gebrüht … Anna freute sich und mit strahlendem Lächeln nickte sie. Jetzt noch eine schöne Tasse Kaffee und ein Brötchen und der Tag konnte beginnen. Ich darf nicht vergessen, ihr ein Päckchen Kaffee aus Westberlin mitzubringen, dachte Anna noch.
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