Dreizehn Augenblicke

Dreizehn Augenblicke

Alexandra Kutschera


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 92
ISBN: 978-3-99131-279-6
Erscheinungsdatum: 18.07.2022
Eine Libelle, der Besuch einer geheimen Bar, Autounfälle, Kunstblut, Formeln und Zufälle – dergleichen verändert manches Leben sehr überraschend. An ungewöhnlichen Orten finden dreizehn Protagonisten Liebe, Freundschaft, Grauen und erstaunliche Erkenntnisse.
Das Gedankenspiel

Simones Lieblingsplatz war immer der Friedhof gewesen und würde es immer sein. Früh hatte sie beide Elternteile bei einem Verkehrsunfall verloren. Doch der Friedhof bot ihr einen Rückzugsort der ganz besonderen Art. Nicht nur das Gefühl der Nähe zu ihren Eltern lockte sie immer wieder dorthin, sondern auch der Friedhof an sich in seiner Gestaltung. Es war ein Waldfriedhof, ein Wald voller Kiefern, Fichten und Laubbäumen. Das Grab ihrer Eltern lag neben einer Buche, rings herum säumten Fichten und Kiefern den Weg. In dem herrlichen Baumbestand gab es aber auch Tiere, viele Vögel wie Spatzen, Tauben, Meisen und Krähen. Einen Raben hatte sie bisher noch nicht gesehen. Aber es gab dort sogar Eichhörnchen. Es war ein ganz eigenes Ökosystem, das Simone so liebte. Gerne fütterte sie die Eichhörnchen mit Haselnüssen oder Erdnüssen. Schmunzeln musste sie immer, wenn das Grab einmal wieder an ein paar Stellen aufgebuddelt war. Das waren die Eichhörnchen, die ihre Nüsse versteckt hatten. Aber manchmal vergaßen sie ihre Verstecke auch wieder, sodass im Frühjahr bei der Grabbepflanzung die eine oder andere Nuss wieder zutage kam. Simone liebte solche Momente. Sie liebte aber auch die Toten. Schließlich ist ein Friedhof voll von Toten. Sie liebte es, durch den Friedhof zu spazieren und auf all die vergangenen Leben zu blicken. Manchmal stellte Simone auch bei Leuten, die sie nicht kannte, eine Grabkerze ab, hielt inne und dachte daran, was das wohl für ein Leben gewesen sein mochte. Studienprofessor, liebevoller Vater und Großvater, Literat und so viele andere noch. All die vielen Leben, all die vielen genutzten Chancen und all die ungenutzten Chancen.
Das Einzige, was ihr Unbehagen machte, war, wenn es ein totes Kind gab. Simone stellte sich das sehr schwer für die Familie und die Freunde vor. Was seltsam war, weil der Abschied nie leicht ist. Aber auf ihrem Waldfriedhof gab es so gut wie keine toten Kinder und so genoss sie ihre Zeit im Wald und mit den Toten. Das Grab ihrer Mutter und ihres Vaters hatte ein schmiedeeisernes Kreuz und war mit einem Rhododendron und Buchsbäumen bepflanzt. Das Kreuz trug den Schriftzug „In ewiger Liebe“.
An einem lauen Sommertag beschloss Simone, wieder zum Grab zu fahren. Weit war es nicht, da sie in der gleichen Stadt wohnte, in der der Waldfriedhof ist. Auf dem Weg zum Grab begegnete sie einem Mann mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Jagdfieber“. Sie würdigte ihn aber keines zweiten Blickes und ging diesmal rasch zum Grab. Dort angekommen legte sie erst einmal ein paar Haselnüsse in die Futterbox. Danach vergewisserte sie sich, dass keiner in der Nähe war. Sie war allein.
„Ich habe mich verliebt. Es ist ganz seltsam, so ganz surreal. Aber ich bin verliebt!“
Ein leichter Wind kam auf und ließ die Blätter in den Bäumen tanzen.
„Es war in der S-Bahn. Ich fuhr mit der S-Bahn in die Innenstadt. Plötzlich hatte ich den Drang, nach links aus dem Fenster zu schauen. Es gab eigentlich keinen Grund dazu, weil ich in Fahrtrichtung rechts saß. Aber es gab auf einmal diesen Drang, nach links aus dem Fenster zu schauen. Just in diesem Augenblick fuhr eine andere S-Bahn in Gegenrichtung ein. Und da sah ich ihn sitzen. Ich blickte rüber und genau in diesem Moment spürte ich ein liebliches Zucken meines Herzens. Ich habe mich sofort verliebt gefühlt. Genau in diesem Moment. In diesem allerersten Moment hatte ich sofort das Gefühl, verliebt zu sein. Ist das nicht seltsam? In der allerersten Sekunde. Genau in diesem Moment.“
Eine Böe fing sich in den Baumkronen und ließ die Blätter wilder tanzen.
„Seither träume ich jede Nacht von diesem Mann. Ich habe sein Gesicht nur von der Seite gesehen. Ich kann mir aber gut vorstellen, wie er aussieht.“
Plötzlich folgte eine absolute Windstille.
„In den Träumen haben wir uns getroffen. In meinem Traum hatte ich die Chance, sofort auszusteigen und in die S-Bahn auf der Gegenseite einzusteigen. Ich hatte ihn schnell gefunden. Er sah mich an. Ich lächelte und blieb stehen, um mit ihm dort auszusteigen, wo auch immer er aussteigen wollte. Als er sich neben mich stellte, ist mir fast mein Herz in die Hose gerutscht. Er sagte etwas zu mir und egal, was es war, es klang so herrlich, dass ich mich sofort ganz wunderbar und glücklich fühlte.“
Wieder wehte ein zartes Lüftchen und die Blätter begannen wieder zu tanzen.
„Bisher haben wir uns in den Träumen in der S-Bahn getroffen, sind zusammen essen gegangen und haben uns einmal geküsst. Oh, Mommy, Daddy, ihr müsst mir helfen, diesen Mann im echten Leben zu treffen. Ich halte die Sehnsucht kaum noch aus.“
Windstille.


Das Verhalten der Libelle

Am dunkelsten Tag kam Emma von der Arbeit nach Hause. Es war der Tag, an dem sie ihre Arbeitsstelle verloren hatte. Müde machte sie sich trotz des späten Abends noch eine Tasse Kaffee und setzte sich an den Tisch.
„So viele Jahre“, dachte Emma. Es war ein wichtiger Teil ihres Lebens gewesen. Die Arbeit. Ansonsten war sie eher eine Einzelgängerin. Wenige Freunde, hauptsächlich Arbeit. Still saß sie da und dachte an die vergangene Zeit. Nun erst einmal ein Schluck Kaffee.
„Was soll ich nur tun? Wie kann ich mich von diesem Schreck befreien? Vielleicht ein Spaziergang in die Natur? Ein Kinobesuch? Irgendetwas brauche ich nun, um mich erst einmal abzulenken. Was nur?“
Gedankenversunken nippte sie an ihrem Kaffee. Sie beschloss, den Abend über etwas fernzusehen und dann früh schlafen zu gehen. Nach zwei Stunden Fernsehen, bei dem sie hauptsächlich die Programme durchgezappt hatte, ging Emma schlafen.
Am nächsten Morgen wachte sie von einer unruhigen Nacht voller Grübeleien auf. So viele Momente waren ihr durch den Kopf gegangen. Sie schätzte, dass sie etwa vier Stunden geschlafen hatte. Die restliche Zeit hatte sie in einer undefinierbaren Zwischenwelt aus Gedanken, Traumbildern und gemurmelten Selbstgesprächen verbracht. Müde von dieser Nacht machte sie sich einen Kaffee.
„Ich denke, am besten wäre es, erst einmal zu frühstücken und dann später am Mittag in die Natur aufzubrechen. Ein Ausflug auf das Land ist, glaub ich, am besten für mich jetzt.“, murmelte sie, als sie die Küche betrat.
Mittags suchte sie sich einen Zug heraus und ein paar Stunden später war sie auf dem Land, dem schönen Land. Zuerst ging sie nur eine Runde spazieren. Sie hatte aber auch ein Fernglas dabei, um Tiere zu beobachten. Es war ein gutes Fernglas, mit dem sie die Ferne genau betrachten konnte. Sie hatte es sich besorgt, als sie einmal einen Ausflug in das Karwendelgebirge gemacht hatte, und hatte damals tatsächlich einen Steinbock beobachten können. Seither kam das Fernglas nur selten zum Einsatz. Emma überlegte, wo sie entlanggehen sollte, um vielleicht Tiere sehen zu können. Sie hatte sich bei diesem Ausflug nicht gerade für eine Gegend entschieden, in der es Wildtiere häufig zu beobachten gibt. Es war ein Spaziergang um einen See gewesen. Dieser war teilweise bebaut, teilweise frei.
Sie entschied sich dazu, einen Weg abseits des Wanderweges zu nehmen. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichte sie einen kleinen Bach. Sie verließ den Weg und suchte sich eine geeignete Stelle, um eine Pause zu machen. An einem Baum, dessen geschwungener Stamm dem Licht entgegen wuchs, fand sie ihre perfekte Bank. Sie setzte sich und begann, Brotzeit zu machen. Im zarten Licht durch die Baumkronen betrachtete sie den Ort, den sie sich ausgesucht hatte. Es gefiel ihr dort.
„Der perfekte Ort für eine Hütte. Eine von diesen urigen Hütten in der absoluten Einsamkeit wäre hier ideal“, sagte sie zu sich.
Nach der Brotzeit mit Tee und Sandwiches belegt mit Salat, Käse und Schinken verharrte sie zunächst noch in Gedanken an ihre alte Arbeitsstelle. Doch dann, wie aus dem Nichts, flog eine Libelle ziemlich nah an ihr vorbei. Zunächst nahm Emma die Libelle gar nicht deutlich wahr, doch dann gelang es der Libelle, sie aus ihren Gedanken zu reißen, und Emma schaute ihr interessiert hinterher. Sie nahm ihr Fernglas und beobachtete den Flug der Libelle. Es war gar nicht so leicht, die Libelle nicht zu verlieren und ihrem Flug zu folgen. Nach einiger Zeit setzte sich die Libelle auf ein Blatt nahe dem Bachufer. Dort blieb sie eine Weile im Sonnenlicht sitzen.
„Ob sie wohl ihre Flügel trocknet, weil sie nahe an den Bach geflogen ist?“, fragte sich Emma.
Sie erinnerte sich an einen Zeitungsartikel, bei dem es um eine Primatenforscherin in Indonesien ging. An den Namen der Primatenforscherin konnte sie sich nicht mehr erinnern. Der Artikel berichtete, wie die Aufzucht von Orang-Utan-Babys funktionierte. Es wurde beschrieben, wie wichtig es war, den jungen Tieren das Verhalten so affenähnlich wie möglich vorzuleben. Zum Beispiel Nester zu bauen. Nester kamen am Boden, aber auch in den Baumkronen vor. Besonders interessiert hatte Emma der Teil, in dem ausgeführt wurde, wie ein kleines Orang-Utan-Baby betreut wurde, deren Mutter an einer Krankheit verstorben war. In dem Bericht hatte Emma gesehen, dass so ein kleiner Orang-Utan noch die Flasche zur Aufzucht bekam. Aber es gab auch besondere Regeln zu Beginn der Aufzucht, wie zu Beispiel, dass nur die eigene Bekleidung in dessen Gegenwart getragen werden durfte. Der Grund war, dass keine Beziehung zu menschlichen Gegenständen aufbaut werden sollte. Emma erinnerte sich auch an einen Fernsehbericht, bei dem Forscher unweit von Gorillas zelteten, um deren Verhalten und auch die Art und Weise des Nestbaues nachzuahmen. Das Ziel war es, ein Teil der Gorillagruppe zu werden und Kontakt mit den Gorillas aufzunehmen.
„Was für ein Leben! Was für eine herrliche Lebensaufgabe“, murmelte Emma, während sie noch die Libelle beobachtete.
„Eine Libelle ist zwar nicht so imposant wie Orang-Utans oder Gorillas, aber sie ist auch ein interessantes Lebewesen – und ich habe vor, sie heute zu beobachten.“
Emma überlegte, ob die Libelle vielleicht Eier gelegt haben könnte. Es war Sommer. Vielleicht legten Libellen im Sommer Eier. Zudem überlegte sie, ob die Libelle einen festen Schlaf- oder Tagesplatz hatte. Also, ob sie zu bestimmten Zeiten immer wieder an denselben Platz flog.
„Ich habe ja jetzt Zeit. Ich werde die Libelle beobachten und das herausfinden.“
Emma nahm einen Stift und ein Papier und malte grob den Flussverlauf auf. Dann markierte sie die Stellen, an denen die Libelle länger gewesen war. Zugleich passte sie immer mit dem Fernglas auf, dass die Libelle ihr nicht entwischte.
„Was für ein Tag. Aber ich habe ja jetzt Zeit für so etwas“, flüsterte Emma, ganz auf den Flug der Libelle konzentriert.
Stunden vergingen und es wurde dämmrig. Dann war es zu spät, um aus dem Wald weg von dem kleinen Bach zu gehen. Emma beschloss, die Nacht dort zu verbringen. Es war eine warme Sommernacht und sie würde nicht frieren. Sie holte noch etwas Essen aus dem Rucksack und aß zu Abend. Dann holte sie noch eine Plane aus dem Rucksack, die eigentlich für Regen gedacht war, und mummelte sich darin ein. Im Vergleich zur letzten Nacht schlief sie sofort ein und die negativen Gedanken und Traumbilder, die sie zuvor geplagt hatten, waren fern.
Als sie am Morgen erwachte, war es leicht feucht. Aber sie war nicht nass und hatte die Nacht gut verbracht. Sie nahm das Fernglas und sah auf die Stellen, an denen die Libelle zuletzt gesessen hatte. Dort, oder in der Nähe, würde Emma sie bestimmt wiederfinden. Aber es dauerte nicht lange, da flog die Libelle ziemlich nahe an sie heran und dann in Windeseile weg. Emma hatte sich darüber gefreut, dass die Libelle so nahe an sie herangeflogen war. Das war ein kleines Glücksgefühl gewesen. Doch dann war die Libelle fort. Emma wartete und suchte, doch sie war verschwunden.
„Vielleicht ein festgesetzter Erkundungsflug … Vielleicht hat sie noch mehrere Stellen, zu denen sie fliegt.“
Emma beschloss in der Zeit, in der sie auf die Libelle warten wollte, sie zu zeichnen. Die Libelle war recht groß. Sie hatte oval geschwungene Flügel, die durchsichtig waren. Ihr Körper schillerte grünlich. Sie war ein Kunstwerk der Natur und voller Grazie.
Nachdem Emma die Libelle gezeichnet und sich daneben Notizen gemacht hatte, wollte sie noch etwas warten. Doch die Libelle kam nicht wieder. Emma traf die Entscheidung, in ein kleines Hotel oder einen Gasthof zu gehen und dort eine Nacht zu übernachten. Sie fand ein kleines Zimmer für vierzig Euro die Nacht. Sie machte sich noch ein paar Notizen zur Libelle, aß zu Abend und schlief schnell ein.
Am nächsten Morgen packte sie alles zusammen und ging noch einmal zu dem kleinen Bach hinunter. Es dauerte eine Zeit, bis sie die Stelle mit dem geschwungenen Baumstamm fand. Dann wartete sie noch eine Stunde auf die Rückkehr der Libelle. Aber diese kam nicht zurück. Danach entschied sich Emma, die Stellen nach Eiern abzusuchen. Sie zog ihre Schuhe aus, krempelte die Hose hoch und ging in den Bach. Sie sah überall nach, konnte aber keine Eier finden.
Emma vermutete, dass die Libelle einfach noch keine Eier gelegt hatte – oder wenigstens nicht an diesem Ort.
Dass sie zu derselben Stelle oder in deren Nähe mehrmals zurückkam konnte sein. Aber die Libelle hatte auch mehrere Stellen gehabt, zu denen sie nicht zurückkam.
Dann trocknete sich Emma die Füße ab und ging zum Zug und fuhr wieder nach Hause.
In den darauffolgenden Jahren entwickelte sie sich zu einem wahren Fan von Safari-Reisen und ging regelmäßig in den Zoo. Sie hatte stets einen kleinen Anhänger in Form einer Libelle dabei.


Der Jäger

Früh graut der Morgen. Das leichte Prasseln des Regens weckt Tom zwar nicht, aber der Wecker. Müde stapft er durch den Flur in die Küche. Der Geruch von Rosen und Nelken überdeckt fast den Kaffeegeruch. Einen kräftigen Schluck erst einmal. Die gestrige Arbeit im Beerdigungsinstitut ist für einen Moment Teil seiner Gedanken. Müde schaut er aus dem Fenster. Alles grau in grau. Es ist auch erst sechs Uhr morgens.
Tom denkt an die Frau von gestern. Er erinnert sich an das Gefühl, wie sie weinend in seinen Armen lag, nach der Trauerfeier. Ein Ruheraum am Friedhof. Das war seine Idee gewesen. Die Tatsache, dass es seine Idee war, tut gut. Das Weinen hallt noch etwas in seinem Kopf nach. Er versucht, sich zu besinnen.
„Die Rosen und Nelken können Sie haben. Diese hier, den Strauß. Ich will ihn nicht auf dem Grab. Ich will ihn bei den Lebenden“, hatte die Frau gesagt.
„Denken Sie nicht, dass Ihr Mann sie gerne bei sich hätte?“
„Er hat genug andere Grabgestecke und Sträuße. Diese Blumen sollen unter die Lebenden. Dieser Strauß ist von mir und das Grabgesteck dort. Er muss unter die Lebenden. Wenigstens dieser Strauß.“
„Ich denke, ich kann das nicht annehmen“
„Doch. Sie können und müssen. Wenigstens dieser Strauß.“
Tom schaut auf den Strauß. Dieser ist umwickelt mit einer Borte, auf der steht: ‚In Ewigkeit Dein‘.
Er muss schmunzeln. Über sich.
„‚In Ewigkeit Dein‘. Dabei kennen wir uns gar nicht.“
Nach dem Frühstück steigt Tom in das Auto. Nach einiger Zeit erreicht er endlich den Laden, der Outdoor-Artikel anbietet. Vor ein paar Jahren hat er seinen Angelschein gemacht. Und heute ist er gekommen, um seine neue Angelrute abzuholen. In dem Laden angekommen geht Tom zunächst direkt zur Kasse und holt seine Angelrute ab. Im seitlichen Blickfeld seiner Augen entdeckt er einen Laserentfernungsmesser und ein Jagdteleskop mit Smartphone-Adapter. Schnell ist sein Griff nach beidem und er geht wieder zur Kasse. Seit fünf Jahren hat er nun schon seinen Jagd- und Angelschein.
Heute wird eine Nacht wie keine andere. Er wird heute die Nacht im Freien verbringen.
Am frühen Nachmittag bricht Tom mit dem Auto auf. Es wird noch eine Zeit hell sein. Langsam fährt er aus der Kleinstadt und dann auf die Autobahn. Nur ein kurzes Stück und er nimmt die Ausfahrt zur Landstraße. Er nimmt die Route entlang einer Allee. Er freut sich auf die Nacht – die Jagd nach dem perfekten Moment. Der Augenblick durch das Lichtermeer der Baumkronen auf grauem Asphalt bewegt ihn bis zu seiner Ankunft – ein endloses Meer aus Zeit auf Asphalt.
Zwei Autos kreuzen seinen Weg auf der Allee. Eines davon macht hinter seinem Auto kehrt und fährt eine Zeit hinter ihm her. Er fährt gemächlich vor sich hin. Ein Motorradfahrer auf der gegenüberliegenden Fahrspur. Der Ton des Motorrads klingt anders bei der Zufahrt auf Toms Auto, als bei der Wegfahrt. Tom wundert sich. Zuvor war ihm nie der Doppler Effekt bewusst geworden – an diesem Tag schon. Dann konzentriert er sich wieder auf das Auto im Rückspiegel. Es ist ein blauer Ford. Langsam nähert er sich den dichten Nadelwäldern – dabei immer wieder das Auto im Spiegel im Blick. Er bekommt ein mulmiges Gefühl. Was ist das für ein Auto?
Es ist kein Gefühl von Angst und auch nicht Verwunderung, das von ihm Besitz ergreift. Ein Gefühl, etwas unangenehm. Ehe Tom beginnt, sich ernsthaft Gedanken zu machen, biegt das Auto ab, und es geht weiter durch die Nadelwälder. Schon bald das Schild zum See. Keine Menschenseele.
Er geht zu seinem Stand, den Jägerstand, den er immer wählt.
Es ist noch hell. Schnell geht er durch den Wald. Positionsmesser und Fotofallen werden verteilt. Er kennt das Gebiet und weiß, wo das Wild weidet. Es ist ganz nah. Es wird kommen. Der Wind steht günstig. Es wird kommen. Tom verteilt als Positionsmelder Bewegungssensoren. Mit seinem neuesten Gerät lässt sich die Entfernung zur Laserposition messen, Triangulation. Er skizziert.

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