Dort, wo der Himmel die Erde berührt

Dort, wo der Himmel die Erde berührt

Nadine Zaugg


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 516
ISBN: 978-3-903067-96-7
Erscheinungsdatum: 25.10.2016
1777 ist die amerikanische Revolution in vollem Gange. Die Generalstochter Aline gerät in die Hände der Seneca-Krieger. Als sie fliehen muss, bekommt sie Hilfe von Uncas, einem Angehörigen des Stammes. Es ist eine Zeit voller Gefahren und Prüfungen …
„Wir halten diese Wahrheiten
für unmittelbar einleuchtend:
dass alle Menschen gleich geschaffen sind;
dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen
unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind,
so mit Leben, Freiheit
und dem Streben nach Glück.“

AUSZUG
AMERIKANISCHE UNABHÄNGIGKEITSERKLÄRUNG,
4. JULI 1776



Pulver, Blei und Donner

Alles in mir ist überdreht, in ständigem Aufruhr, so, als ob ich keine Zeit hätte mir über die letzten entbehrungsreichen Tage Gedanken zu machen. Mein Körper braucht Rast, das spüre ich ganz deutlich. Unrhythmisch platzen die dumpfen Schläge der Gewehrschüsse in der Dunkelheit. Wie sollte ich da Schlaf finden können? Ich wälze mich von der einen Seite zur anderen. Träume und Bilder schießen Blitzlichtern gleich an meinem inneren Auge vorbei und lassen mich zittern. Um mich herum liegt der Vorhof zur Hölle offen da.
Stimmengewirr und das Scheppern von Waffen dringen unfreundlich an meine Ohren. Es ist Krieg. Im Moment sind wohl nur noch die hohen Ränge des Forts imstande klar zu denken.
Ich setze mich auf, ziehe die Beine ganz nah an meinen Körper und schlinge meine Arme darum. Dieses seltsam heiße Kribbeln in meinen Gliedern raubt mir den Schlaf.
Mühsam stehe ich auf und kämpfe mit dem verlorenen Gleichgewicht. Dann stehle ich mich vorsichtig aus der Haustür. Draußen weht ein leichter Sommerwind. Trotz der schwülen Wärme, die hier im August noch zu herrschen vermag, empfinde ich die frische Luft als äußerst wohltuend. Ich seufze leise auf und streiche mir die letzten Schweißtropfen vom Gesicht.
Mit einem prüfenden Blick schweife ich über das unüberschaubare Getümmel, bis ich in einiger Entfernung die erhofften Gestalten erspäht habe. Zielsicheren Schrittes halte ich auf eine kleine Gruppe Männer zu, die sich hinter den Palisaden verschanzt ihren Gewehren widmet. Es sind meine drei Brüder Josh, Jéremie und Dan. Neben ihnen befinden sich weitere drei, die ich als ihre Freunde kenne.
„Hey guys!“, murmle ich müde und versuche meine Anspannung mit einem schiefen Lächeln zu vertuschen. Es gelingt mir mehr schlecht als recht. Forschende Augenpaare richten sich mir entgegen. Etwas verloren setze ich mich neben Josh und lege Hand an. Ein schwerer Vorderlader landet auf meinem Schoss. Ich nehme ihn auseinander und rubble ihn sauber. Mir werden Pulverhorn und Beutel zugeschossen. Es fallen nicht viele Worte. Unsere Schatten tanzen im goldenen Licht der großen Feuer, die überall im Fort entzündet wurden. Gespenstisch wirbelt die glühende Asche in die Höhe.

Fort Stanwix. Am Fuße des Mohawk-Flusses, Staat New York. 5. August 1777.
Die Belagerung der amerikanischen Festung durch britische Truppen ist einen Tag alt. Der Belagerer, Barry St. Leger, kommandiert 300 reguläre Soldaten, 650 Mann Loyalisten-Miliz kanadischer und britischer Herkunft und ungefähr 1.000 Indianer, denen der Pionier John Butler und der Mohawk Joseph Brant vorangehen. Im Rahmen des großen Saratoga-Feldzuges verfolgen sie das Ziel, die amerikanischen Streitkräfte im Gebiet New York zu teilen und strategisch wichtige Posten für sich zu gewinnen.
Fort Stanwix ist eine Schutzeinrichtung der Portage zwischen dem Mohawk River und dem Wood Creek, der einzige Wasserweg durch das Mohawk-Tal in der Bergkette der Appalachen. Unter dem Feuer des anrückenden Heeres konnte gestern die letzte Bootsladung mit Versorgungsgütern ins Fort geschafft werden. Unsere amerikanische Garnison, die unter dem Kommando von Oberst Peter Gansevoort steht, wurde umgehend zur Kapitulation aufgefordert. Gansevoort schlug aus. In unserer Festung befinden sich 750 Mann. Somit sind wir in der Lage, einen Angriff zu überstehen. Trotzdem hoffen wir auf Verstärkung.
Es ist bekannt, dass vom Tryon County in absehbarer Zeit 800 Milizionäre anrücken werden, um uns zu Hilfe zu eilen. Ihr Anführer ist General Nicholas Herkimer. Unser Dad reitet an seiner Seite, auch er ein General. Sie wurden aus ihren aktuellen Kriegspositionen abgespalten, um den Belagerern hier in den Rücken zu fallen.

„Was meint ihr, treffen Dad und die andern rechtzeitig ein?“, wage ich scheu zu fragen. Keiner sieht auf. „Nicht, wenn St. Leger sie rechtzeitig erkennt“, wird mir zur Antwort gegeben. Ich nicke stumm. Vielleicht möchte ich doch lieber nicht allzu viel wissen. Oft sind die Meinungen auseinandergedriftet und für mich als junge Frau, die sowieso keine große Ahnung von strategischem Krieg hat, sehr schwer einzuschätzen. Wenigstens sehe ich noch keine Verwundeten. Die Vorstellung, jedoch bald schon Dutzende davon verarzten zu müssen, ist weit schlimmer.
Jéremie stützt sich auf den Lauf seines Gewehrs. „Komm“, meint er mit einem gewichtigen Blick zu den andern und zieht meine Achsel sanft nach oben. Ich folge ihm. Schon nach ein paar Schritten dreht er sich um. „Ich sehe es in deinen Augen, dass etwas nicht stimmt mit dir. Und Brüder sind ja bekanntlich für solche Probleme da.“ Sein Grinsen lässt mich ruhig werden. „Du hast Angst vor dem, was kommen könnte, nicht wahr?“, hakt er nach.
Etwas beschämt senke ich den Kopf. „Schätze, mein Mut ist gerade in den Wald geflüchtet.“
„Du Weichei.“ Der leichte Boxer an meiner Schulter lässt mich in sein heiteres Lachen einstimmen. „Du brauchst deinen Mut jetzt, Schwesterchen. Und du hast ihn noch nie verloren“, grinst Jéremie. „Na ja, mit diesen Brüdern ist das ja auch verständlich. Und seit Mom tot ist und wir nur noch Granny haben, bist du ein wildes Mädel geworden.“
Gemächlich schlendern wir an den spärlich beleuchteten Häusern entlang, vorbei an halb schlafenden Männern und heruntergekommenen, greisen Gestalten. Ab und zu streunen uns Hühner und Hunde um die Beine; ganz zu schweigen von den Ratten und Mäusen, die sich ihre Nester überall in den Stallungen errichtet haben. Schmutzige Zustände stören uns nicht mehr. Wir achten kaum darauf, wie abgewetzt unsere Kleider sind, wie strähnig uns die Haare vom Kopf stehen. Hier in der Wildnis muss man sich mit dem abfinden, was man hat. Jéremie steckt einer alten Frau ein Stück Brot zu. Auf dem faltigen Gesicht bildet sich ein scheues Lächeln. Mein Bruder tippt sich freundlich an den verfilzten Hut und zieht mich weiter.
„Heute Nacht sind drei Boten eingeschleust worden. Sie wurden dank der Dunkelheit nicht entdeckt. Ein junger Sergeant und zwei Soldaten. Sie sollten uns ausrichten, dass Dad und Herkimer tatsächlich auf dem Weg zu uns sind. Vielleicht zwei oder drei Tagesmärsche von hier entfernt“, nimmt Jéremie den Faden wieder auf.
„Traust du ihnen? Es könnte eine Finte sein.“ Meine Skepsis ist unüberhörbar.
„Ich denke nicht, dass sie lügen. Sie haben keinen Grund dazu. Und über Dad wissen sie zu viel, als dass ich annehmen muss, dass sie die Informationen als Spione aufgefangen haben könnten. Außerdem hat der Sergeant dir noch irgendetwas mitzuteilen, wie er gesagt hat. Er wird dich wohl einmal aufsuchen …“
„Hast du eigentlich Angst vor dem Tod?“ Wenn auch mit einiger Überwindung traue ich mich diese heikle Frage doch zu stellen.
„Du meinst, weil ich im Krieg sterben könnte.“ Es klingt eher wie eine Feststellung, als dass es eine Frage wäre. „Siehst du das Morgenrot, das da hinten den Horizont verfärbt? Ich denke, das Leben ist wie dieses stete Schauspiel. Du wirst irgendwann einmal geboren und lebst, bis du früher oder später die Reise zurück antreten musst. Wenn das stimmt, was Granny aus ihrer Bibel zitiert, dann bist du nur ein Bruchteil deines Lebens hier auf der Erde. Einen einzigen Augenblick, verstehst du? – Das Leben ist wie der kurze Moment, in dem du die Schönheit einer Perle siehst.“
„Wieso sieht man den Glanz der Perle denn so selten? Schon 19 Jahre ziehe ich nun mit euch und Dad von einem Fort zum andern. Wenn ich zurückschaue, sehe ich aber so viel … na, du weißt schon …“ Ein resignierter Seufzer lässt meine Lippen beben.
„Das Leben ist nicht immer fair. Das ergeht jedem so. Es gibt keinen Menschen, der nicht um sein Recht und seine Erhaltung kämpfen muss. So sind die Dinge nun mal. Und früher oder später muss jeder einmal gehen. Aber sieh dir doch mal die ganze Natur an, die vielen einzigartigen Menschen – das Morgenrot, das anbricht. Ist das nicht Schönheit?“
„Die Welt versteckt ihre Geheimnisse hinter Schleiern. Es stimmt schon, was du sagst. Die Freude an den einfachen Dingen ist unser Mut zum Glück.“
„So wie ich das sehe, kommen wir kaum um einen Kampf herum. Mit unseren Vorräten können wir nicht mehr lange durchhalten. St. Leger hat uns von allen Forts abgeschnitten.“
Seine treuen Augen bleiben an meiner Gestalt haften. Als suchte er ein kleines bisschen Vergangenheit, fährt mir seine Hand plötzlich liebevoll durchs Haar. „Manchmal kommst du mir wie ein Mädchen aus einem unentdeckten Land vor. Kaum zu glauben, dass du meine Schwester bist.“
Wir schütteln den kurzen Zauber von uns ab und kehren zu unseren Brüdern und ihren Freunden zurück.




Rachel und der Sergeant

Früh am nächsten Morgen stehe ich auf, um Granny bei ihren täglichen Pflichten zu unterstützen. Nebst meinen Brüdern ist mir die alte Frau das Liebste auf der Welt. Sie hat mich nach Moms Tod großgezogen. Viele Stunden Arbeit war das, mich und meine Brüder zu jungen, aufrichtigen Menschen zu erziehen. Dafür ist Granny für uns der Inbegriff von Liebe und Annahme geworden. Eine stattliche Frau, die ihr Leben lang zum Wohle anderer anpackte und die weder Gefahr noch Hoffnungslosigkeit fürchtet. Für so viele Menschen wurde sie zum Segen. Es wäre eine Tragödie, sie zu verlieren. Sie selbst nimmt diese Tatsache gelassen hin.
„Gütiger, Kinder, der liebe Herrgott im Himmel hat immer wunderbar für mich gesorgt. Er weiß wohl, wann die Zeit für mich richtig ist, zu gehen. Bis dahin solltet ihr euch nicht den Kopf darüber zerbrechen.“
Sie hat recht, dafür bleibt uns im Moment keine Zeit. Seit der vergangenen Woche fanden bereits fünf Kinder Zuflucht bei uns. Sie alle haben ihre Eltern in Scharmützeln außerhalb des Forts verloren. Die Farmen der Grenzgebiete und kleinere Außenposten leiden zurzeit stark unter den Attacken von Indianern. Mit den unterschiedlichsten Geschichten sind die Kinder bei uns gelandet. Da unser Generalgebäude über die nötige Größe verfügt und den dringend benötigten Schutz bietet, haben wir uns ihrer angenommen.
Nun stolpere ich verschlafen zur Küchentür hinein, wo Granny bereits rastlos am Hantieren ist. „Gut, dass du kommst“, empfängt sie mich mit einem kecken Strahlen. „Könntest du mir bitte mal den Topf da drüben reichen?“
Mühselig folge ich ihr und gähne vor mich hin. „Wieso hast du eigentlich immer so viel Energie, Granny?“
„Ah, ich hab da so meine Geheimnisse, weißt du.“ Ihr lebendiges Umherflattern lässt mich amüsiert den Kopf schütteln. Sie wird sich wohl nie ändern, die Gute.
Zusammen stellen wir Brot und frische Milch auf den Tisch und wecken die Kleinen. „Frühstück ist fertig. Kommt, ihr Lieben.“ Sie lassen es sich nicht zweimal sagen und greifen herzhaft zu. Zufrieden beobachten wir das Treiben. Sie sind allesamt so liebenswürdig. „Ich darf mir gar nicht vorstellen, was alles mit ihnen passieren kann, wenn die Briten wirklich angreifen“, murmle ich Granny zu. Die tätschelt hoffnungsvoll meine Schulter und meint: „Wir müssen als starke Frauen vorangehen, Aline. Alles werden wir nicht verhindern können. Denken wir an den nächsten guten Schritt und nicht schon an das, was schlimmstenfalls sein könnte. Sieh dir die kleinen Bengel an. Jeden Tag versuchen sie zu vergessen, was hinter ihnen ist, und strecken ihre Arme nach dem aus, was sie alles erwarten kann. So sollten auch wir vertrauen.“
Ich nicke andächtig. „Du hast ja recht. Es macht mir nur Angst zu sehen, wie der Feind vor den Toren auf uns wartet.“
„Du vergisst, dass unser Gott dazwischensteht, mein Kind.“

Am Pumpbrunnen inmitten des Forts treffe ich auf Rachel. Sie ist die Tochter des Generals Nicholas Herkimer. Wann immer unsere Väter am selben Ort stationiert sind, verbringen wir jeden Tag zusammen. Unsere Freundschaft hielt deshalb auch über die Zeiten hindurch, in denen wir getrennte Wege gehen mussten. Nach Rachels Geburt konnte ihre Mutter keine Kinder mehr bekommen. So schufen wir uns gegenseitig eine Art Schwesternersatz. Mit ihr teile ich meine frauenspezifischen Probleme, genieße das Plaudern und Scherzen. Wahrscheinlich habe ich es ihr zu verdanken, dass ich mich trotz meiner brüderlichen Gesellschaft mit meiner Rolle als Frau versöhnen konnte. Es tut mir gut, mit ihr zusammen zu sein. Die Herkimers sind erst seit kurzer Zeit in unserem Fort. Wir haben vieles nachzuholen.
„St. Leger hat wohl vor, länger zu bleiben. Mutter macht sich fürchterliche Sorgen um Vater“, offenbart sie mir, während wir einander helfen Wasser in die Eimer zu pumpen.
„Vielleicht sollten wir das Lazarett auf Vordermann bringen. Es scheint mir ein wenig verbesserungswürdig.“ Mein Vorschlag findet Anklang.
„Lass uns nachsehen, wie viel Verbandsmaterial wir haben. Ein Vorrat an frischem Stroh würde auch nicht schaden. Du weißt ja, wie scheußlich das immer aussieht, wenn Verletzte kommen.“
Rachel und ich haben schon etliche Male mitgeholfen, Schwerstverwundete zu versorgen. Trotz unserer Jugend wissen wir genau, auf was es ankommt. Im Verlauf des Tages organisieren wir wichtige Kleinigkeiten. Es gilt, das Beste aus der Situation zu machen und ganz sicher nicht tatenlos dazusitzen.

***

Mit Granny an der Seite mache ich mich auf, um den Männern auf der Wache Mittagessen zu bringen. Überall auf den Vorstehern der Holzvorrichtung sind sie jeweils zu zweit postiert und lösen sich regelmäßig ab. Versagen bei einem Angriff bereits die Wachen, könnte das fatale Folgen haben. Somit ist ihr Job von großer Bedeutung, da keiner erahnen kann, was St. Leger mit seinen Männern im Schilde führt. Jetzt am Tag halten sich die Belagerer meist still, aber in der Nacht bieten sich Möglichkeiten, die nur zu ideal wären, um unser Fort über den Haufen zu rennen.
Meine Brüder stehen mit knurrenden Mägen an der Pfahlwand und spähen über die Palisaden in Richtung Waldsaum. Dahinter befindet sich der Belagerungsort. Es scheint sich alles ruhig zu verhalten. Jéremie bemerkt unser Kommen als Erster. Energisch klatscht er den Handrücken an die Seite seines Nachbarn. Dan dreht sich schleunigst zu uns um und lehnt sein Gewehr an die Brüstung. „Gut, dass ihr kommt. Wir sind am Verhungern“, ächzt er.
„Dir geben wir heute nur Wasser. Dann bleibst du länger wach“, necke ich ihn nicht ohne Schadenfreude und strecke ihm die frisch aufgefüllte Flasche hin. „Trinken ist gesund, fressen schädlich.“
Granny schlägt mir mit einem Augenzwinkern auf den Hintern. „Nun gib ihm schon! Der arme Kerl fällt uns noch von sämtlichen Knochen.“ Ihr Korb scheint schneller leichter zu werden als der meine. Mit viel Geflunker bringe ich ihr meine Theorie näher. „Granny, wir müssen sparen. Wenn die ihre Belagerung noch lange halten, sind wir besser dran, wenn wir unser Essen rationieren.“
„Mädel, pass’ mir auf. Du hast hier echte Männer vor dir!“, raunt Josh nebenan.
Ich gebe mich geschlagen und strecke Dan gutmütig einen Happen hin.
„Hast du Rachel schon gesehen?“, fragt der andere ganz beiläufig.
Meine Augenbraue schnellt in die Höhe. „Habe ich da gerade eben etwas von junger Liebe gehört?“
Dan nickt mit einem zurückhaltenden Grinsen und heimst sich einen fürchterlichen Hieb ein. „Jetzt tu doch nicht so, Brüderchen!“, rechtfertigt sich dieser.
„Blödsinn! Da läuft nix. Man darf doch noch nach dem Wohlergehen einer Lady fragen, oder?“ Josh scheint die Lage zu heiß zu werden. „Ich muss mal dringend weg. Hüte bitte mein kostbares Essen, Dan, ja?“
Granny versteht mein Zwinkern und lässt mich nach ihm die quietschende Leiter hinabsteigen. Mit einem siedenden Blick nimmt er Notiz von mir. Ich hole auf. „Komm schon, du musst mir doch nichts vormachen!“, beharre ich schmunzelnd.
„Oh, manchmal kannst du echt nerven, Aline! Da ist nichts, glaub mir.“ Sichtlich erregt verdreht Josh seine Augen. „Und hör bloß auf mir wie ein Hündchen nachzulaufen! Man könnte meinen, du seist diejenige, die sich verliebt hat.“
„Du meinst in dich, hä?“, necke ich ihn.
„Ja, halt so ’ne Bruderliebe. Soll’s ja heutzutage schon geben.“
Energisch zwinge ich ihn zum Stehenbleiben. „Warte, warte, warte, mein Guter!“ Ungläubig kneife ich die Augen zusammen. Sie ist es! „Rachel!“, schreie ich auf den Zehenspitzen stehend über den ganzen Platz. „Hey, Rachel, kannst du kurz mal rüberkommen?“ Glücklich winkt sie mir zu und rafft ihre Röcke zusammen. Das nenn’ ich Überbrückung von schlechten Zeiten! Sie war schon immer für alles zu haben, aufgeweckt, wie sie ist. Für Streiche hat sie sich immer ein paar Minuten freigenommen. Oft auch nach dem Motto: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Diese Variante kam bei uns relativ häufig zum Zuge!

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