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Dorfwäsche mit 800 Umdrehungen

Ralle Tik

Dorfwäsche mit 800 Umdrehungen

Leseprobe:

Hallo, ich bin „Tik“. Ja, Sie haben richtig gehört, einfach „Tik“. Sie werden sich fragen, woher der Name stammt. Den hat mir mal ein guter, enger Freund gegeben. Das ist aus einer kleinen Leidenschaft von mir entstanden, nämlich aus der Mathematik. Das war aber entschieden ?zu lang.
Ich bin ein kleiner Junge, der als Kind immer etwas kleiner als die anderen war. Es könnte daran gelegen haben, dass meine Eltern auch nicht besonders groß waren. Aber nicht dass Sie denken, dass mir das auch nur im Entferntesten etwas ausmachte. Nein, an Selbstvertrauen haperte es nicht.
Schon mit sechs Jahren, als ich bei meinen Paten in den Ferien sein durfte und keine Badehose zur Hand war, zeigte ich, was in mir steckte.
Meine Pate, wir sagen „Godel“ dazu, eine sehr intelligente und äußerst nette Person, hatte entschieden. „Er kann doch auch die schöne bunte Unterhose von unserer Tochter anziehen. Das sieht aus wie eine Badehose. Was meinst du denn, mein Lieber?“, fragte sie mich.
Ja, was sollte ich wohl für Argumente haben mit meinen sechs Jahren? Ich zog sie notgedrungen an, wollte doch mit ins Schwimmbad.
Wir fuhren mit einem alten, braunen Audi 80 zum Schwimmbad. Es ging einen langen Weg durch den Wald, erst den Berg hinauf, dann eine ganz lange Abfahrt bis zum nächsten Dorf. Hier an dieser kilometerlangen Abfahrt wurde grundsätzlich ausprobiert, wie schnell der Audi ins Rollen kommt und welche Geschwindigkeit erreicht werden konnte. Das machte viel Spaß, zumindest meinem Petter und mir, meiner Godel weniger. Petter, das ist übrigens der männliche Pate. Das Schwimmbad war mit einem großen fünfzig Meter Becken, einem Nichtschwimmerbecken und einem Kleinkinderbereich mit Rutsche ausgestattet. Die große Liegewiese mit einigen schönen Laubbäumen lud zum Verweilen und Spielen ein.
Im Wasser angekommen, fingen bereits nach kurzer Zeit einige Kinder an mich wegen der Badehose zu ärgern. Kennen Sie das, wenn Kinder Kinder ärgern? Grausam.
Doch sogleich fiel mir etwas ein und ich konnte den Spieß umdrehen. „Das ist der neueste Schrei, die Badehose hat mir mein Petter aus Italien mitgebracht!“
Glauben Sie mir, das zog sofort. Erst als Argument, dann das Staunen nach sich. Was das doch für eine tolle Hose sei, wurde ich plötzlich bewundert. Italien war damals ein absolutes Argument …


Wer zuletzt lacht …

Bist du noch klein und hast nicht viel zu sagen
Solltest du keine unnötigen Diskussionen wagen
Können Erwachsene dir die Fragen schnell austreiben
Und schließlich willst du ja nicht zu Hause bleiben

So nimmst du eine Badehose mit besonderem Design
Und gehst so in das Schwimmbad hinein
Freust dich schließlich und übst schon ein paar Sachen,
schon fangen andere wegen der Hose an zu lachen

Nun ist guter Rat teuer
Machst du denen richtig Feuer?
Und wenn es gar brenzlig wird?
Keiner deine Hilferufe hört?

Mit Spontanität und auch mit List
Kannst Du zeigen, wer du bist
Ein schnelles Argument, ein scharfer Blick
So gehen die Peiniger einen Schritt zurück

Puh, Glück gehabt und nicht weggerannt
Bist plötzlich modisch anerkannt
Du siehst sogar neidische Gesten
Wer zuletzt lacht, lacht am Besten


Aufgewachsen bin ich in einer Familie mit acht Kindern und zwei Erwachsenen, also meinen Eltern. Ich war der siebte in der Riege. Da muss man sich nicht nur grundsätzlich durchsetzen und selbstbewusst sein, nein, man muss auch meist die Sachen der anderen auftragen. So hatte ich immer etwas zum Anziehen. Ich hatte auch zwei Hosen, eine für zu Hause und eine für die Schule. Glauben Sie mir, ist man da nicht selbstbewusst, fällt man durch den Rost.
Ich würde von mir sagen, dass ich so alles Mögliche bin oder war. Neben klein und selbstbewusst war ich schnell in der Auffassung von aktuellen Gegebenheiten. Spontan und schlagfertig, flink und wuselig, aber voller Liebe, Zuneigung und Hingabe in der Familie oder für Freunde. Das bin ich übrigens heute noch, aber nicht mehr so flink. Man kann es aber auch kurzfassen: Ich bin ein Mensch, der einfach nur glücklich und dankbar ist, auf der Welt zu sein, das trifft es am Besten, finde ich!
Zu Anfang wohnten wir in einem alten Mietshaus mit wenigen Zimmern. Es ging eine alte Steintreppe hinauf zur Haustür, unter der Steintreppe war die Toilette. Es war ein altes Plumpsklo, ohne Spülung. Die Ausstattung war absolut zweckmäßig mit einem Holzbrett zum Sitzen und einem großen Loch in der Mitte. Die Wände waren aus einem einfachen Bretterverschlag, mit einigen netten Bildchen bemalt. Gemalt wurde nur, wenn man mal länger Zeit hatte. Die Tür wurde mit einem Haken von innen verschlossen, wenn man dies wollte. Zu erreichen war der Ort der Notdurft nur von außen, auch im Winter. Ich war froh, dass es die Erfindung des Topfes damals schon gab, glauben Sie mir.
Ging man ins Haus, kam rechts ein Zimmer, wo meine zwei älteren Schwestern schliefen, dahinter die Küche und dahinter eine Waschküche. Hier standen Waschkessel, Waschbrett und was man als Großfamilie sonst noch nötig hatte. Natürlich gab es auch ein Wohnzimmer. Weitere vier Geschwister teilten sich zwei Zimmer .meine kleine Schwester und ich schliefen im Elternschlafzimmer.
Der Waschkessel in der Waschküche wurde mir mal zum Verhängnis. Ich hatte probiert, ein Wurstglas über dem Kessel zu erlangen. Als ich auf dem Kessel balancierte, drehte sich der Deckel so richtig schön und gleichmäßig einmal um 180 Grad mit mir und die Unterseite des Deckels ragte nach oben, aber ich saß im Kessel. Da war es passiert. Mein damals kleiner Popo hatte es in dieser Zehntelsekunde geschafft, einen verbrannten Fleck mitzunehmen. Dieser besteht bis heute als mahnendes Beispiel für Leichtsinn.
Dies waren Ereignisse aus meiner frühen Kindheit, doch nun sollen sie erfahren, was in den Jahren darauf passierte. Wir zogen, als ich sechs Jahre alt war, in ein Haus circa siebzig Meter weiter den kleinen Berg hinauf. Den Umzug absolvierten wir mit unserem kleinen Traktor und einer Holzauflage, einer Pritsche mit circa einem Meter Breite und einem Meter Tiefe. Dies war in mehreren Fahrten inklusive Wohnzimmer- oder Küchenschrank alles machbar.

Was waren wir stolz, hatten meine Eltern das Haus kaufen können. Also die Betonung lag auf kaufen, leisten konnten sie sich das eigentlich nicht. Doch war die Beratung der Banken damals nicht so ganz ausgeprägt wie heute und die Zinsen hoch. Aber was soll es. Mein Vater hatte neben acht Kindern keine großen Hobbys mehr. Ein Auto, Telefon oder solche Utensilien gab es in unserem Haushalt nicht. Den Traktor teilte er sich mit seinem Vater bei der Ernte oder beim Holz aus dem Wald nach Hause holen. Für uns Kinder war das ganz normal, und wenn ich ehrlich bin, vermissten wir auch nicht viel.
Doch nun komme ich zu der Geschichte, die mich dazu inspirierte etwas von mir preiszugeben und vielleicht den einen oder anderen zum Lachen zu bringen.
Jeder muss ja mal zum Friseur, das kennt man. Wenn man in der nächstgelegenen Stadt arbeitet oder ein Auto hat, so ist das kein großes Thema. Wir aber hatten nichts. So war die Auswahl zum Haareschneiden für uns doch sehr eingeschränkt. Da wir aber acht Kinder waren, wurde einmal alle vier bis sechs Wochen der Friseur einbestellt. Das war für alle eine gewinnbringende Sache. Meine Mutter sparte durch den Mengenrabatt Geld. Das war auch bitter notwendig, wenn jeden Tag so eine Horde Mäuler gestopft werden musste. Und der Friseur, ich nenne ihn mal Paul, bekam mit einem gezielten Hausbesuch doch schon einen Tank mit Benzin voll. Gut, das Benzin betrug damals noch etwa 65 Pfennige pro Liter und das auch nur wegen der ersten Ölkrise.
Unser Paul war ein sehr netter und bescheidener Mann. Sein kurzer, sauberer Haarschnitt mit den dunklen Haaren, später dann auch leicht gräulich, war immer sehr fein. Er war circa einen Meter und fünfundsechzig Zentimeter groß und meist mit Hemd und Schlaghose gekleidet. Ein dunkelbraunes Etui mit Kamm und Schere waren seine stetigen Begleiter. Er machte eine solide, unaufgeregte Arbeit und versuchte für unsere damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse wirklich, einen ordentlichen und zum Kopf passenden Haarschnitt hinzubekommen. Doch im Laufe der Jahre war ich nicht mehr ganz so glücklich. Hatte ich aus meiner Sicht, zumindest rechts, doch ein zu großes abstehendes Ohr. Sie verstehen, das ist nicht immer einfach, spätestens in der Schule kann das zum Problem werden.
Paul wurde meist samstags einbestellt, wir durften in der Küche warten und nacheinander konnten wir zuerst die Frisur des anderen bewundern und dann uns selbst. Unter uns gesagt, sie sahen doch alle ähnlich aus und das lag nicht unbedingt immer daran, dass man verwandt war. Wir durften selbst auf den schönen, kleinen Holzstuhl, der zielsicher und für alle gut sichtbar in der Mitte der Küche aufgestellt war. So konnte man die Haare nach Beendigung der Arbeit auch leicht mit dem Besen aufnehmen, während im Radio „Mama“ von Heintje lief. Die Haare wurden damals in den Ofen geworfen. Was war das für mich und meine jüngere Schwester immer für ein Erlebnis. So ein schönes, in Sekunden aufkommendes Knistern und was für ein Gestank …


Ein echter Dorf-Friseur

Haare schneiden, die richtige Frisur, das sind schon so Sachen
Was könnte man nicht alles mit seinen Haaren machen
Locken, Stufen- und auch ein Pagenschnitt
Unser Paul der Dorf-Friseur nahm alle Lehrgänge mit!
Mit seiner Schere und dem Kamm
Er dich gründlich in Augenschein nahm
Die Haare auf eine Länge gebracht
Den Pony schön gerade gemacht
Die Ohren kommen immer frei
Hinten ab … schon vorbei
Du lächelst freundlich, aber gezwungen
Jede Kochtopf-Werbung wäre gelungen

Der Paul kam alle vier Wochen, es hat sich immer gelohnt
Keiner meiner sieben Geschwister wurde verschont
Und warst du mal krank, denkst, hattest mal Glück
So holte unsere Mutter ihn später zurück.

Ich wurde etwas älter und hatte eine Idee:
Den Pony länger, sodass ich aber noch etwas seh’
Die Haare sollten über die Ohren ragen
„Lieber Paul, wollen wir das wagen?“

Er nickte, nahm seine Schere und den Kamm
Er Dich gründlich in Augenschein nahm
Die Haare auf eine Länge gebracht
Den Pony schön gerade gemacht
Die Ohren kommen immer frei
Hinten ab … schon vorbei
Du lächelst freundlich, aber gezwungen
Jede Kochtopf-Werbung wäre gelungen

Mittlerweile verdiente ich eigenes Taschengeld
Trug jeden Tag Zeitungen in die Welt
Die Haare wurden jetzt stufig geschnitten
Ja, der Paul, er hörte mein Bitten
Er nickte, nahm seine Schere und den Kamm
Er Dich gründlich in Augenschein nahm
Die Haare auf eine Länge gebracht
Den Pony schön gerade gemacht
Die Ohren kommen immer frei
Hinten ab … schon vorbei
Du lächelst freundlich, aber gezwungen
Jede Kochtopf-Werbung wäre gelungen

Nicht selten habe ich mich für meine Frisur geschämt
In der Schule wurden nun die Haare nach hinten gekämmt
Das sah toll aus, die Haare fielen schön locker
Ich trug es dem Paul vor, saß schon auf unserem Hocker
Er nickte, nahm seine Schere und den Kamm
Er Dich gründlich in Augenschein nahm
Die Haare auf eine Länge gebracht
Den Pony schön gerade gemacht
Die Ohren kommen immer frei
Hinten ab … schon vorbei
Du lächelst freundlich, aber gezwungen
Jede Kochtopf-Werbung wäre gelungen

Mit zehn Jahren fing ich an mit dem Fußballspiel
Hier sah man immer den neuesten Frisurenstil
Ich habe dem Paul dann alles genauestens erzählt
und gleich den neuesten Schnitt bei ihm bestellt
Er nickte, nahm seine Schere und den Kamm
Er Dich gründlich in Augenschein nahm
Die Haare auf eine Länge gebracht
Den Pony schön gerade gemacht
Die Ohren kommen immer frei
Hinten ab … schon vorbei
Du lächelst freundlich, aber gezwungen
Jede Kochtopf-Werbung wäre gelungen

Die Auswahl im Dorfe, die war damals schwer
Nein, zum Paul gehe ich nicht mehr
Vom Geschmack her haben wir uns zu weit entfernt
Ich hörte von einer Bekannten, die das Handwerk erlernt

Und Paul weinte, war so sehr betroffen
Hat Kamm und Schere in den Stehborn geworfen
Das Werkzeug war auch bald verschwunden
Hat es bis heute nicht wiedergefunden
… ich hoffe, das bleibt auch in Zukunft unten

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 78
ISBN: 978-3-95840-363-5
Erscheinungsdatum: 21.02.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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