Sonstiges & Allerlei

Dietze macht sein Ding

Klaus Herbert

Dietze macht sein Ding

Die wundersame Welt eines Rentners

Leseprobe:

Er macht sein Ding, egal was die anderen sagen. Neurentner Manfred Dietze war Witwer, Vater, Großvater und ein ständig Suchender. Der harte Hund arbeitete zuvor vier Jahrzehnte als Arbeitsvorbereiter im Maschinenbau. Er stritt um technischen Fortschritt, reibungslos laufende Produktionen und engagierte Einstellungen. Mit meist finsterer Miene kam er daher. Zu Frauen war sein Kontakt begrenzt. Nach dem frühen Krebstod seiner Ehefrau Renate blieb ihm Adoptivtochter Karen mit ihrer Familie, für die er ein Lieber war. Doch was erwartete er noch vom Leben? Lauthals lachte der alte Dietze über 08/15-Rentner. Täglich Billigangeboten nachjagen, den Hund dreimal Gassi führen und ständig an den nächsten Urlaub denken, das verabscheute er. Zum Renteneintritt beschenkten ihn seine Kollegen mit einem Präsentkorb. Der Obligatorische mauserte sich mit drei angeklammerten Kuverts zum Besonderen. Drei Rendezvous mit drei verschiedenen Damen planten Listige für ihn. Genervt erfüllte er nach einem Krach seine letzte „Pflicht“, doch verkuppeln ließ er sich nicht. Sicher sehnte sich Manfred Dietze nach einer zweiten Ehefrau. Seine Mitmenschen sahen nur den alten Haudegen. Den alten Dietze bedrückte aber seine Diskrepanz zwischen geistig agil und körperlich abbauend. Zweifelsohne gehörte seine Manneskraft dazu. Wenn er eine ältere Dame begehrte, spürte er längst keine sich straffende Hose mehr. Mit 66 Jahren fängt das Leben erst an bedeutete für den Aktiven mehr als ein Schlagertext. Er trainierte, kämpfte und wählte das Abenteuer. An den Trip nach San Francisco in zerrissenen Jeans dachte er keinesfalls. Die unerwartete Chance, sich selbst zu verwirklichen, ergab sich schnell. Erst wenige Wochen zu Hause, erreichte ihn die Nachricht vom Herzinfarkt des alten Geschäftsführers. Sein größter Widersacher. Dietze wählte die Interimsnachfolge. Wie ein Gast im Holzfällerhemd und schwarzer Weste stand er vor seinen ehemaligen Kollegen. Dietze mimte Coolman, der konsequent Reserven an den Kragen wollte. Schnellstens mussten Löhne und Gehälter angehoben werden. Einfach war ein Neubeginn nicht, weil es auch Mitarbeiter gab, die sich ihm verweigerten. So sozial wie möglich sollte das Unternehmen arbeiten. Die alleinerziehende Mutti, Frauen über 50 und die Dauerpraktikantin erhielten ihre Chance. Täglich von vielen Frauen umgeben, tat sich der Neu-Geschäftsführer schwer, nonverbal das schöne Geschlecht zu verstehen. In einem Kaleidoskop vieler Alltagsprobleme fühlte er sich berufen. Was ihm eine niedere Position versagte, realisierte er eben als Chef. Gutmensch Dietze stolperte zwischen zwei Frauen: der 25 Jahre jüngeren Nachbarin, seiner Alice, und einer fast gleichaltrigen Buchhalterin, die ihn täglich umschwärmte. Letztendlich sollte es ganz anders kommen. Plötzlich trat das Aussehen der Auserwählten in den Hintergrund. Ihr ungezügelter Tatendrang, gewürzt mit Esprit und garniert mit nie versiegenden Ideen, eroberte Dietzes Herz.
Die Romanhandlung siedelte der Autor im Maschinenbau an, in den er langjährig beschäftigt war. Schauplatz wurde ein mittelständiges Unternehmen. Ähnlichkeiten mit existierenden Personen wären zufällig und nicht gewollt. Fachspezifische Wörter werden im angefügten Glossar erklärt wird. Viel Spaß beim Lesen wünscht

Klaus Herbert




1

Die Tür krachte ins Schloss. Scheinwerfer leuchteten auf. Der Wagen startete. Noch ein letzter Blick hoch zu seinen Fenstern und die Fahrt begann. Jeden Wochentag das Gleiche. Um 6.45 Uhr. Über viele Jahre. Doch der heutige Tag beendete Gewohntes des Manfred Dietze. Seine Freude löschte ein gehöriger Schreck schnell. An der ersten Ampelkreuzung drängte ihn rüde ein Fahrzeug ab. Er, der Geradeausfahrende, wurde von einem sich Rechtseinordnenden geschnitten. Nach einem Blitzstart noch im Kreuzungsbereich. Spät bemerkte er es. Spät bremste sein Wagen. Sein Schreck lähmte jeglichen Protest: kein erbostes Hupen, kein wütendes Schimpfen. Tief durchgeatmet fühlte er sich besser. Seine kurze Fahrt führte in das benachbarte Wohngebiet. Vielfarbige Plattenbauten zeigten sich links und rechts der Bundesstraße. So viele wie vor dreißig Jahren waren es nicht mehr. Auf Lichtungen dehnten sich laubbedeckte Grünflächen aus. Gelb-brauner Ahorn säumte durchziehende Wege. Es war Oktober. Das alte Flughafen-Gebäude tauchte in Dietzes Blickfeld. Tower und Abfertigungshalle begrüßten einst Luftschiffe oder die „Tante Ju“. Die Rollbahn musste nach fünf Jahrzehnten Dienst dem Wohnungsbau weichen. Zeit blieb nicht, in Erinnerungen zu schwelgen. Das links abbiegende Überqueren der Straßenbahntrasse verlangte Konzentration. Auf abschüssiger Straße rollte der Wagen anschließend bergab. Schon an der übernächsten Kreuzung links abgebogen, war nach 300 Metern Manfred Dietzes Fahrtziel erreicht: ein mittelständiges Unternehmen mit über 80 Mitarbeitern. Ein zweigeschossiges Glashaus verband die Produktionshalle mit einer überdachten Fußgängerbrücke. Auf dem seitlich angeordneten Parkplatz besetzte der Kleinwagen seinen Stammplatz. Bereits nach zehnminütiger Fahrt. Sein Fahrer streckte sich wohlig und gähnte. Heute fehlte ihm die Lust auszusteigen. Er musste sich überwinden, die Tür zu öffnen. Verfluchte er irgendwann seinen Job, war an ihm der kurze Arbeitsweg das Beste.
„Ihr letzter Tag heute, Herr Dietze?“, rückversicherte sich eine Kollegin beim Ausgestiegenen. Ihr Satz geriet zur Floskel, weil sie es genau wusste. Der Angesprochene lachte sie an: „So ist es, Frau Rüdrich.“
Sein kräftiger Handschlag erschien unangemessen. Spontan entschuldigte er sich. Sie lachte nur. Es war der letzte Arbeitstag eines langjährigen Kollegen. 65jährig ging er in die wohlverdiente Rente. Am Glashaus sahen sie zuerst das Zimmer der Sachbearbeiterinnen. Zwei Frauen am geöffneten Fenster beobachteten die Neuankommenden. Sie baten ihn herein. Manfred Dietze wusste, dass seine Arbeitsjahre im Schaulaufen endeten. Heute stöhnten die Damen nicht mehr über seine energische, kompromisslose Art. Auf einer zu lauten Party wähnte sich dann Herr Dietze. Die wild durcheinander Sprechenden und Lachenden begehrten, ihn zu halsen. Verbunden mit den besten Wünschen. Alles Gute sollte dem Witwer beschieden sein. Der Kaffee löste letzte Hemmungen der Damen.
„Willst du dir wieder eine Frau suchen, Manfred?“, brachte es die Älteste der Runde auf den Punkt. Frau Landgraf war wie er ein Berufsleben lang im Unternehmen.
„Ja schon, aber einfach ist es nicht“, artikulierte der Angesprochene zurückhaltend. Vor zwei Jahren hatte er seine an Krebs erkrankte Frau verloren. Die mitleidigen Blicke der Kolleginnen wanderten schnell ins Geheimnisumwitterte. Dietze, der den letzten Schluck Kaffee trank, sah plötzlich grinsende Kupplerinnen. Die Frauen eruierten, welche alleinstehende Kollegin für Dietze in Frage käme. Großes Gelächter empfing die anwesende Materialeinkäuferin Landgraf, als eine ihren Namen nannte. Letztendlich war man sich sicher: Disponentin Elisabeth war erste Wahl. Die Vorruheständlerin hatte vor drei Jahren das Unternehmen verlassen. Damals lebte noch Dietzes Frau.
„Ich mochte sie sehr“, bekannte spontan der Ausscheidende, ohne ein Lächeln zuzulassen. Er erhob sich und wollte gehen. Ihm reichte es. An der Tür hörte er noch den Kommentar einer Frau: „Ohne Mann mit Einkommen wird es für sie immer ein Traum bleiben, zur Tochter nach Braunschweig zu ziehen. Mit ihrer Minirente kann sie sich keine teure Westmiete leisten.“ Er musste schnell weg. Spekulationssubjekt mochte er nicht länger sein.
Sein Arbeitsplatz befand sich auf der anderen Seite des Erdgeschosses. Die Bürogänge trennte ein repräsentatives Foyer. Marmorimitierende Bodenplatten beherbergten mittig Stadtwappen, Firmenlogo und Datum der Grundsteinlegung. Großformatige Farbfotos zierten die Wände. Die Erzeugnisse von Produktion und Werkzeugbau präsentierten sich im besten Licht. Hier stellte sich ein Zulieferer vor, der sich als Spezialist für Draht- und Blech-Umformung auswies. Ingenieur Dietze arbeitete hier Jahrzehnte als Arbeitsvorbereiter. In seinem Zimmer saß bereits sein Nachfolger. Mühevoll hatte er den Besserwisser eingearbeitet. Der junge Universitäts-Absolvent und der Altpraktiker Dietze konnten sich nicht ausstehen. Auf Kriegsfuß standen sie. Der Jung-Ingenieur lachte über den Abschluss des Alten vor mehr als vierzig Jahren. Herr Dietze akzeptierte nicht, dass Jahrzehnte Erfahrung nichts wert sein sollten. Schon der Anblick des hochnäsigen Jungen, verbunden mit seinem arroganten Grinsen, brachte den Alten in Rage. An diesem Platz wurde kein Informatiker mit schwarz gefärbtem Haar, Designerbrille und Allüren gebraucht. Gefragt war der ausgebuffte Maschinenbauer. Und objektiv zählte nur gute Arbeit. Die Personalentscheidung des Geschäftsführers war nicht nachvollziehbar.
„Heute ist wohl schon der Ofen aus?“, spottete der auf die Uhr schauende Jüngling statt einer kultivierten Begrüßung.
„Wohl kaum“, konterte der Alt-Ingenieur. Seinem Nachfolger warf er die Mappe seiner Master-Arbeit auf den Schreibtisch. „So geht das nicht! Sie sind kein Frisör, der Stühle in den Salon schiebt“, konterte Herr Dietze bissig. Wurde er provoziert, liebte er die bildhafte Sprache. Der junge Mann sprang auf und wäre dem Alten am liebsten an den Kragen gegangen. Mit abwehrender Hand und leise werdender Stimme polte Dietze um. Wie mit einem kranken Kind musste er reden, erklären und besänftigen. Für die Aufstellung der größten hydraulischen Presse musste die Bodenbelastung abgeklärt werden. Wie hoch war die zulässige Belastung des betonierten Hallenbodens? War sie ausreichend, um die Presse mit Werkzeug aufzunehmen? Vier untergebaute Schwingungsdämpfer komplizierten die Problematik.
„Und die vier kleinflächigen Latschen müssen die gesamte statische Last von Presse und Werkzeug aufnehmen“, brachte es Herr Dietze auf den Punkt. Er suchte den Blickkontakt seines Gegenüber und sah dessen zusammengepresste Lippen. Unbeeindruckt vermittelte er grobe Gewichtsangaben und forderte ihn auf: „Nun rechnen Sie mal!“
Dem alten Arbeitsvorbereiter dauerte alles zu lange. Im Handumdrehen kritzelte er die Lösung. Fazit: Der Hallenboden hielt der hohen Belastung nicht stand. Die große Presse erforderte ihr Fundament.
„Hatten Sie in weiser Voraussicht beim Pressen-Hersteller einen Fundamentplan angefordert?“, erkundigte sich Dietze.
„Warum auch?“, zuckte der Neue grinsend die Schultern.
„Für so viel Blödheit bekommt man heute noch seinen Abschluss!“, erboste sich Dietze erneut. Verstehen konnte er nicht, dass er beim Neuen kein Gehör fand. Noch viel weniger, dass unvollständige Abschlussarbeiten so gut bewertet wurden. „Hält der Betonboden der Belastung nicht stand, fährt das Werkzeug in der geneigten Presse fest“, polterte Dietze weiter. Als wäre es nicht genug, demütigte er den Arroganten weiter: „Schon der alte Werkmeister zu Zeiten der Industrialisierung musste Belastungsprobleme berücksichtigen.“
In dem Moment war Dietze froh, dass er so alt war. Ab Morgen konnte er die besserwisserische Jugend meiden. Und an diesem Morgen verließ er das Zimmer. Die Lohnsachbearbeiterin Ludwig erwartete ihn zu seiner Abmeldung. Die Frau war eine Frohnatur. Ihre gute Laune versprühte sie wie andere ihr Deo. Die wenigen Formalitäten erledigte sie mit einem natürlichen Lachen. Dietze legte ihr noch seinen elektronischen Türöffner auf den Tisch. Ab Morgen wollte er ja zu Hause bleiben. Das war es wohl? Aber nicht bei ihr.
„Herr Dietze, Sie sind ein hochinteressanter Mann. Wäre ich nicht verheiratet, würde ich mit Ihnen durchbrennen.“ Zart küsste sie seine Wange: „Der große Altersunterschied würde mich sogar reizen … Ihnen alles erdenklich Gute, vor allem Gesundheit wünsche ich Ihnen von Herzen.“
Sie sah einen Gutaussehenden und Gescheiten, dem man seine Willensstärke anmerkte. Seine quadratische Gesichtsform; das volle graue, linksgescheitelte Haar und die dunklen, stets neugierig schauenden Augen machten ihn attraktiv. Er war beliebt und geschätzt. Man bedauerte sein Ausscheiden. Doch ihr eruptiver Gefühlsausbruch überraschte ihn. Die Frau konnte seine Tochter sein! Ach, bei ihr musste Manfred Dietze die Flucht antreten. Ein letztes Mal wünschte er, in „seiner“ Produktion zu sein. Bis ins kleinste Detail war sie ihm vertraut. Kunststück: Schließlich hatte er alles aufgebaut. Mit älteren Kollegen hatte er vor 18 Jahren das neue Objekt bezogen, in einem Gewerbegebiet nahe der Autobahn. Nach seinen Vorstellungen und Plänen wurde die Halle eingerichtet. In den Folgejahren erforderten neue Aufträge neue Technik. Alles war im Fluss, ständig geprägt von Anforderungen und Umsätzen. Stets hatte er alles gegeben. Hier fühlte er sich verwurzelt wie ein Baum. Es war sein Leben. Die Herbstsonne gleiste durch das Dachfenster der Halle. Staubpartikel tanzten im Lichtstrahl. Der alte Arbeitsvorbereiter hielt sich die Hand vors Gesicht. Er sah Stanz- und Biege-Automaten, die technische Federn formten. Pausenlos drehten Material-Coils auf Haspeln. Pausenlos schob sich der Draht in die automatisch arbeitende Umformtechnik. Werkzeuge bogen, wickelten und schnitten. Schnell und präzis. Eine Feder nach der anderen purzelte in Gitterboxpaletten. Ein älterer Kollege grüßte. Ein derber Handschlag vereinte die sich zunickenden Männer. Sie kannten sich eine Ewigkeit. Und so lange stritten sie schon für das Beste im Unternehmen.
„In der Vorweihnachtsvorwoche ist auch bei mir Schluss“, lachte der Automaten-Einsteller, der in Dietzes Nähe wohnte. „Meine Frau braucht mich zu Hause“, runzelte er die Stirn, „wir haben meine 88jährige Mutter mit in der Wohnung.“
„Alles Gute und viel Kraft für euch. Für ein monatliches Bier wirst du wohl noch Zeit haben?“, suchte Dietze Kontakt. Ein letztes Zunicken besiegelte ihre langjährige Vertrautheit. Dem alten Arbeitsvorbereiter kam Qualitätschef Sven Krecklau entgegen. Der junge Mann verwies schmunzelnd auf die reibungslos laufende Produktion. Den sauberen, wohlgeordneten Eindruck hatten sie sich hart erarbeitet. Dietzes über Jahre kompromissloses Fordern trug Früchte.
„Man darf nie selbstzufrieden sein“, verwies der scheidende Arbeitsvorbereiter auf eine grüne Blechkiste. Der obenauf liegende, rote Zettel wies die kleinen Stahlblechteile als Ausschuss aus. Eine gesperrte Produktion. Bereitstehend zur Verschrottung.
„Heute sind wir glücklich, dass nur eine Kiste dasteht“, lachte der Qualitätschef, „und gegen einen ausgebrochenen Stempel im Werkzeug sind wir machtlos. Noch am gleichen Tag reparierte der Werkzeugbau. Am Folgetag lief die Produktion weiter. Wirklich super.“
„Nur bedingt super“, knurrte der Alte auf die Uhr schauend. Er sah den Stanz- und Biege-Automat, der noch das gleiche Teil fertigte. Das Stahlband schob sich automatisch in das Werkzeug. Ein kompliziertes, das in acht Arbeitsstufen lochte, bog und ausschnitt. Mit jedem Pressenhub fiel ein Fertigteil in die Blechkiste. Der alte Arbeitsvorbereiter hielt vergleichend den roten Ausschusszettel in der Hand und war zum Ergebnis gekommen: „Sven, um diesen Ausschuss zu fabrizieren, lief der Umform-Automat knapp vier Stunden. Was ist mit der Kontrollpflicht deiner Leute? Das darfst du dir nicht bieten lassen!“
„Manfred, du bist selbst am letzten Tag noch der scharfe Hund. Du wirst uns fehlen“, legte der Qualitätschef Krecklau anerkennend seine Hand auf Dietzes Schulter.
Der scheidende Arbeitsvorbereiter ging weiter. Er, der genau schaute und seine Schlüsse zog, fühlte sich als moderner Sherlock Holmes. In der Montage begrüßte ihn eine jüngere Kollegin: „Du kannst mir gratulieren. Meine zwei Jungen haben wieder einen Vater. Der Karli vom Werkzeugbau hat mich genommen.“ Das ganze Glück schien der Mechatronikerin ins Gesicht geschrieben und sie halste Dietze. Seit ihrer Lehre kannten sie sich. Heute bestückte sie Magazine kleiner Montageautomaten wie daneben zwei minderjährige Mädchen. Vor einem reichlichen Jahr kamen beide ungelernt an. 15jährig, nach der Hauptschule. Und als Punker bunt wie Amazonas-Papageie. Nach einem schweren Diebstahl der Mädchen eskalierte die Lage. Herr Dietze war einer der wenigen, der sich gegen eine fristlose Kündigung aussprach. Als selbsternannter Pate war er unnachgiebig: In der Freizeit wurde gelernt, zuerst die Realschule und danach eine Lehre im Unternehmen. Er meinte es gut mit Hanni und Nanni. Langsam wuchsen die bunten Farben aus ihren Haaren. Ihre Piercings existierten schon Wochen nicht mehr. Die Dunkelblonde mit blauen Augen und die Brünette mit dunkelbrauen Augen besaßen die Chance, attraktive Mädchen zu werden. Dass sie in Dietze einen Opa sahen, seine Meinung akzeptierten, machte ihn stolz.
„Wie läuft es in der Abendschule?“, erkundigte sich der Opa.
„Uns gefällt es gut, es macht Spaß, keiner stört uns und die Lehrer mögen uns wohl“, lachte Hanni.
„Wir können uns nicht genug bei Ihrer Tochter bedanken. Sie fährt uns jeden Tag zur Schule. Mit dem Bus würden wir es nicht schaffen“, lobte Nanni überschwänglich.
„Wenn euch euer Arbeitgeber zur Schule schickt, muss er euch auch unterstützen“, grinste Dietze, der zwei dankbare Teenager sah. Fest überzeugt war er, dass es die Mädchen mit Unterstützung schafften.
Nebenan im Werkzeugbau herrschte eine Betriebsamkeit, die der der Produktion keinesfalls nachstand. Der sich verjüngende Stahl an den Drehmaschinen zischte. Manch Hammerschlag kam von Werkbänken. Kommandos durchschnitten den Lärm. An den Ketten des Säulendrehkranes hing das Oberteil eines Großwerkzeuges, das zwei Männer passgenau auf das Unterteil setzen mussten. Selbst der Meister assistierte. Als er Dietze sah, flachste er: „Das ist nicht dein Ernst? Ein Mann mit Inventarnummer kann nicht gehen. Nächste Woche rufen wir an und holen dich wieder.“ Er gab ihm die Hand und wollte sie nicht wieder loslassen. Auf einer abgegrenzten Fläche sah der Arbeitsvorbereiter die einzige Frau im Werkzeugbau. Der Jungfacharbeiterin Heike Möckel gefiel es hier. Sie bediente numerisch-gesteuerte Erodiermaschinen. Funkenerosiv brannten sie im Dielektrikum Durchbrüche in Stahlplatten. Werkzeug-Unterteile, sogenannte Schneidplatten, für Schneidewerkzeuge wurden hier hergestellt. Die Werkzeugmacherin hatte Dietze vor Jahren fürs Unternehmen beim „Girls’ Day“ begeistern können.
„Nicht möglich“, bemerkte sie zu Dietzes letzten Arbeitstag, „als Frau hält man einen so Energiegeladen wie Sie für viel jünger. Da können Sie uns doch nicht verlassen!“
Beim Energiegeladenen klingelte das Handy. Seine Tochter am anderen Ende der Leitung erkundigte sich: „Vati, wo bist du denn? Willst du nicht deine Party mit vorbereiten? Das Essen ist angeliefert.“
Manfred Dietzes Rundgang fand ein jähes Ende. Im Pausenraum arbeiteten fleißig drei Kolleginnen für ihn. Eine davon seine Adoptivtochter Karen Vaniecek. Die Frauen vollbrachten das logistische Kunststück, in dem kleinen Raum 50 Sitzplätze zu schaffen. Für das gemeinsame Mittagessen, das ein Partyservice angelieferte hatte, wurde eingedeckt. Alle anwesenden Kolleginnen und Kollegen der Früh- und Normalschicht waren eingeladen. Nach und nach betraten sie gutgelaunt den Raum. Der Lärmpegel stieg. Manfred Dietze musste zigfach Hände schütteln. Erleichtert klopfte er mit der Gabel an sein Glas: „Danke für euer Kommen und lasst es euch schmecken.“ Rouladen, Rotkohl und Klöße mundeten dann allen, bevor sich der Geschäftsführer Gehör verschaffte. Herr Unger, knapp zwei Meter groß, mit schütterem, scheitellosen Haar und tiefen Bass, war etwas älter als der Ausscheidende. Schon wenige seiner Worte assoziierten Erinnerung. Filmbösewicht Gert Fröbe ließ grüßen. Manfred Dietze sah sich über alle schweben. Zu viel Lob mochte er nicht. Natürlich war es sein Job, Fertigungen für neue Produkte aufzubauen. Sicher hatte er weit mehr getan. Nach der Unternehmensinsolvenz hatten die Mitarbeiter das Unternehmen selbst übernommen. In ihrer Mitarbeitergesellschaft Management-Buy-Out strebte er ein Team an. Eine große Familie sollte es sein. Mehr Eigenverantwortung, mehr Zusammenhalt und mehr gegenseitige Hilfe waren gefragt. Schließlich besaßen fast alle Mitarbeiter kleine Gesellschafter-Anteile neben dem geschäftsführenden Hauptgesellschafter Herrn Unger.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 314
ISBN: 978-3-95840-347-5
Erscheinungsdatum: 16.02.2017
EUR 13,90
EUR 8,99

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