Cover: Die zweite Heimat

Die zweite Heimat


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 150
ISBN: 978-3-7116-1012-6
Erscheinungsdatum: 25.08.2025
Ein Sommer voller Musik, Begegnungen und Lebensfreude: Aida reist allein in den Kosovo – und entdeckt dort nicht nur eine neue Kultur, sondern auch ein Stück von sich selbst. Eine bewegende Reise zu neuen Freundschaften und einer zweiten Heimat.
Kapitel 1


Der Wecker riss mich aus meinen Träumen, und mir wurde schlagartig bewusst, dass der süße Traum, den ich gehabt hatte, leider nicht der Realität entsprach. Realität war, dass ich mich in meinem Bett in der Schweiz befand und es sechs Uhr morgens war – viel zu früh für meinen Geschmack. Nach einigen Sekunden wurde mir bewusst, dass heute der große Tag war. Heute begann meine Reise in ein Abenteuer, in ein Land, das ich bis jetzt nur aus den Schlagzeilen in der Zeitung kannte. Plötzlich war meine Aufregung wieder da, und ich sehnte meine süßen Träume von der letzten Nacht nicht mehr herbei.
Kosovo, ich komme!
In Windeseile zog ich mich an, wusch mich und packte den Rest für meine Reise ein. Zum Glück hatte ich am Abend zuvor noch meinen Koffer fertig gepackt, bevor ich ins Bett gegangen war, und musste nur noch jene Sachen hinzufügen, die ich am Morgen noch im Bad benötigen würde. Zu meinem Erstaunen hatte sogar alles Platz. Ich zwang mich, etwas zum Frühstück zu essen, obwohl ich überhaupt keinen Hunger hatte. Mir war bewusst, dass ich die Energie gut gebrauchen konnte, um es bis ins Flugzeug zu schaffen. Doch mit leerem Magen lässt sich die Aufregung und Nervosität besser aushalten – bei mir ist das jedenfalls so. Nach einem kurzen Rundgang durch alle Zimmer war ich bereit, meine Reise anzutreten. Ich ging zur Tür hinaus, verschloss diese und dachte daran, dass ich sie das nächste Mal erst in knapp einer Woche wieder aufsperren würde.
Was würde ich bis dahin alles erlebt haben? Wie würde ich zurückkommen? Hoffentlich gesund und in einem Stück, dachte ich. Kosovo – das war das Land, in dem vor Kurzem noch Krieg geherrscht hatte. So viel wusste ich, und dies bereitete mir irgendwie ein ungutes Gefühl, obwohl mein Verstand mir sagte, dass seitdem schon einige Zeit vergangen war.
Von meiner Familie hatte ich mich bereits am Nachmittag davor verabschiedet, auch sie waren nun unterwegs in ein anderes Land, um dort ihre Ferien zu verbringen. Seit meiner frühesten Kindheit waren wir jeden Sommer in unserem Ferienhaus an der Mittelmeerküste von Spanien in den Ferien gewesen. Das Haus gehörte der Familie meiner Mutter, deren Vater aus Spanien stammte. Nachdem er gestorben war, durfte meine Familie das Haus übernehmen und verbrachte fortan die Ferien an diesem mediterranen Ort. Auch meine beiden jüngeren Schwestern waren immer mit dabei, und bis zum letzten Sommer war auch ich jedes Mal mitgefahren. Bis zum letzten Sommer war auch ich immer mit ihnen dorthin gefahren. Nur dieses Jahr nicht.

Meine Eltern hatten akzeptiert, dass ich mich etwas Neuem zuwenden wollte und mir die Ferien mit der Familie, so schön sie auch immer gewesen waren, langsam ein wenig zu langweilig wurden. Sie ließen mich schweren Herzens in der Wohnung zurück und konnten nur mühsam verstecken, dass sie sich auch ein wenig Sorgen machten, mich alleine in ein solches Land wie den Kosovo ziehen zu lassen. Wahrscheinlich wussten sie einfach zu wenig darüber, genau wie ich. Meine Schwestern waren ebenfalls nicht begeistert davon, dass ich die Ferien ohne sie verbringen würde. Wir stehen uns sehr nahe und hatten es schon immer genossen, zusammen unterwegs zu sein. Wir ähnelten uns äußerlich überhaupt nicht, in unserer Art jedoch umso mehr, und kamen daher auch wunderbar miteinander aus. Die beiden alleine ziehen zu lassen und meine Ferien ohne sie zu verbringen, war deshalb nicht einfach für mich. Aber irgendwann musste ich ja flügge werden. Offensichtlich sollte dies in diesem Sommer geschehen.

Als ich im Zug saß, nahm meine Nervosität zu. Warum um alles in der Welt tat ich mir dies an und reiste in ein mir fremdes Land, zu fremden Menschen, in eine fremde Kultur? Meine anfängliche Begeisterung war mit einem Mal wie weggeblasen. Die Angst vor der Fremde hatte mich ergriffen. Dabei wusste ich eigentlich genau, warum ich es tat. Weil ich einmal im Sommer etwas Sinnvolles tun wollte. Weil ich etwas Neues erleben wollte. Weil ich nicht mit meiner Familie nach Spanien reisen wollte. Weil mich das Projekt faszinierte: Musiker aus der ganzen Welt würden für eine Woche zusammenkommen, Songs einüben und diese dann auf den Straßen und in Cafés zum Besten geben. Eine etwas andere Art, Menschen zu helfen, indem man ihnen zeigt, dass sie nicht vergessen sind in der weiten Welt und sie durch die Unterhaltung den grauen und trostlosen Alltag ein wenig vergessen können. Das war jedenfalls der Plan, und ich war begeistert davon. Begeistert von der Idee, einen Sommer lang mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten und meiner Leidenschaft, dem Singen, nachgehen zu können. Eigentlich mochte ich ja den Gedanken, eine neue Kultur kennenzulernen. Mich packte wohl einfach die Aufregung kurz vor dem Beginn.
Ich versuchte, meine Augen während der Zugfahrt nochmals ein wenig zu schließen und die Ruhe zu genießen, die an diesem Samstagmorgen im Zug herrschte. Aber irgendwie wollte es nicht so recht klappen. Die süßen Träume der letzten Nacht wollten nicht zurückkommen. Ich war froh, als der Lautsprecher endlich verkündete, dass wir in kurzer Zeit am Flughafen eintreffen würden. Ich nahm meine Koffer und das Handgepäck, verließ den Zug und machte mich auf die Suche nach dem richtigen Check-in-Schalter.
Kurze Zeit später war ich dann meinen Koffer los und hatte ein Flugticket in der Hand, das mir anzeigte, dass ich in einer Stunde beim Gate sein sollte. Ich hatte also genug Zeit, um noch einen Kaffee zu trinken und danach durch den Sicherheitscheck zu gehen. So ging ich zum Café in der Flughafenhalle, bestellte mir einen Cappuccino, zahlte das letzte Mal in der mir bekannten Währung und war eine halbe Stunde später beim Sicherheitscheck, vor dem sich bereits eine lange Schlange gebildet hatte.
So sehr ich das Fliegen auch liebe, das ganze Theater vorher war mir schon immer zuwider. Das Anstehen, Warten, Schuhe und Gürtel ausziehen, durch die Sicherheitskontrolle gehen und hoffen, dass es nicht piepst – das alles ist nun wirklich nicht mein Ding. Aber nach einer halben Stunde hatte ich es geschafft und war bei meinem Gate angelangt. Es warteten schon einige andere Personen dort. Ich musterte sie verstohlen aus meinen Augenwinkeln, während ich einen Sitzplatz suchte. Ich kam mir plötzlich fremd vor, als sei ich durch eine Hintertür bereits im Zielland angekommen. Hallo Kosovo – ich komme, dachte ich nur und nahm auf einem leeren Stuhl Platz. Um mich herum nahm ich eine nicht vertraute Sprache wahr. Obwohl ich wegen meines Studiums einige Sprachen gelernt hatte, konnte ich kein einziges Wort verstehen. Es klang zwar schön, aber ungewohnt, was mir ein wenig Angst machte. So würde es also von nun an auf der Straße klingen. Dann würde ich wohl schnellstmöglich ein paar Wörter lernen müssen, denn Sprachbarrieren hatte ich schon immer gehasst. Aus diesem Grund hatte ich schon einige Sprachen gelernt, um mit den Leuten in meiner Umgebung einfach ohne große Probleme sprechen zu können – über das Wetter, einheimische Küche, die besten Ausgehtipps, wie es sich so lebt in diesem Land. Alles. Die Aussicht darauf, dass ich bald nicht mehr ohne Übersetzer mit Leuten sprechen würde können, bereitete mir nicht gerade Freude. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, um etwas Neues zu erleben? Kurz nachdem ich mich hingesetzt hatte, konnten wir auch schon an Bord gehen.
Da es eine Billig-Airline war, die mich in den Kosovo brachte, konnten wir unsere Sitzplätze selber aussuchen, und ich erwischte glücklicherweise einen Fensterplatz. Ich liebe es, während des Flugs aus dem Flugzeug sehen zu können und die Landschaft, die unter mir vorbeizieht, zu bewundern. Ich war also zufrieden. Neben mich setzte sich ein älterer Herr, der sehr balkanisch aussah, und lächelte mich freundlich an. Ich erwiderte scheu sein Lächeln und drehte mich dann zum Fenster, da ich nicht sicher war, welche Sprache er sprach, und ich dies zuerst herausfinden wollte, bevor ich ein Gespräch mit ihm begann. Nachdem unsere Maschine dann ohne Probleme gestartet war und wir die Sicherheitsinformationen in Deutsch und Englisch über uns ergehen ließen, drehte sich mein Sitznachbar zu mir hin und fragte mich etwas, das ich aber nicht verstand. Anscheinend sprach er Albanisch. Ich versuchte ihm zu verstehen zu geben, dass ich ihn leider nicht verstehen würde, und er sagte: „Français? Deutsch?“ Ich antwortete ihm auf Deutsch, dass ich beide Sprachen beherrschte, und er entschied sich, in Französisch weiterzusprechen. Anscheinend war er aus der Romandie. „Entschuldigen Sie, ich dachte, Sie würden Albanisch verstehen.“ „Kein Problem. Wir befinden uns ja auch auf dem Weg in den Kosovo, da ist es naheliegend, dass man Albanisch spricht.“ „Das stimmt. Sie sehen zudem sehr albanisch aus, deshalb nahm ich einfach an, dass Sie auch die Sprache sprechen würden.“ „Sie sind nicht die erste Person, die so etwas annimmt. Aber außer, dass ich einen spanischen Großvater habe, sind meine Vorfahren alle in der Schweiz aufgewachsen“, antwortete ich ihm freundlich. Tatsächlich war es schon mehr als einmal vorgekommen, dass Leute dachten, ich käme irgendwo aus dem Balkan. Ich sehe tatsächlich auch nicht so aus, wie man sich eine Schweizerin vorstellt, das gebe ich zu – was auch immer typisch schweizerisch sein mag. Eigentlich amüsierte es mich vielmehr, wenn mich jemand in einer Sprache ansprach, die ich nicht beherrschte, weil er annahm, ich sei eine Landsmännin. Einem Kroaten musste ich sogar mal meinen Ausweis zeigen, weil er mir einfach nicht glauben wollte, dass ich nicht aus dem Balkan stamme. Als er dann aber meinen typisch schweizerischen Nachnamen sah, glaubte er mir sofort.
„Warum gehen Sie denn in den Kosovo?“, wollte mein Sitznachbar wissen. Eine Schweizerin im Kosovo ohne kosovarischen Migrationshintergrund, das war wahrscheinlich wirklich ein wenig ungewöhnlich. Ich lächelte und sagte: „Ich mache bei so einem Projekt mit. Ich treffe mich mit Musikern aus aller Welt und zusammen machen wir dann Straßenmusik und spielen in Cafés.“ „Ah, das klingt sehr interessant! Ich habe noch nie gehört, dass es so was gibt!“, sagte er erstaunt. „Aber warum gerade Kosovo? Haben Sie Freunde dort?“, fragte er noch erstaunter. „Nein, nein“, gab ich zur Antwort. „Aber die Organisation, die dieses Projekt durchführt, hat gute Beziehungen zu einigen Leuten im Kosovo. Ich kenne das Land eigentlich überhaupt nicht“, fügte ich ehrlicherweise noch hinzu. „Sie werden es mögen, ich bin mir sicher. Es ist wunderschön dort. Die Leute sind überaus gastfreundlich und offen.“ Er begann damit, mir Ratschläge zu geben, was ich während meines Aufenthalts alles sehen müsse von seinem Land. „Prizren ist sehr schön. Dort müssen Sie unbedingt hin. Es ist eine sehr alte Stadt. Man sieht dort noch die Spuren des Osmanischen Reiches. Sie wurde auch nicht so stark zerstört wie andere Teile des Kosovo. Und nach Peja müssen Sie auch gehen. Dort gibt es eine wunderschöne Schlucht mit einem großen Wasserfall und einem schönen Restaurant. Da sollten Sie unbedingt einen Kaffee trinken gehen. Oder etwas essen. Wir haben auch sehr gute Speisen. Sie werden es mögen.“ Ich lächelte. „Nun, ich werde es ja sehen.“ Er lächelte ebenfalls. „Sie müssen keine Angst vor diesem Land haben. Hier in der Schweiz hat man leider ein viel zu schlechtes Bild von uns. Aber eigentlich sind wir ganz freundlich. Der Krieg hat nur einige Wunden hinterlassen, die nicht so schnell heilen werden.“ Er wirkte nun ein wenig traurig und ich hatte Mitleid mit ihm. Wahrscheinlich hatte auch er einiges in seiner Vergangenheit erlebt. Aus Höflichkeit wollte ich aber nicht weiter nachfragen. Deshalb sagte ich nur: „Das glaube ich. Es tut mir wirklich leid, was mit Ihrem Land geschehen ist.“ Nun lächelte der Mann wieder. „Danke, Madame. Das ist sehr nett von Ihnen. Ich denke, Sie werden dieses Land in Ihr Herz schließen. Ich spüre das.“
Wie recht er mit dieser Aussage hatte, sollte mir schon bald klar werden.
Seit dem Start unserer Reise war einige Zeit vergangen, und schon kam die Durchsage, dass wir in Kürze landen würden. Gespannt und neugierig schaute ich aus dem Fenster, um einen ersten Blick auf das Land zu erhaschen. Ich schaute herab auf die grünen Berge, die sich unter mir erhoben, auf die gelben Felder und die braunen Straßen, die sich durch sie hindurchschlängelten, und war augenblicklich fasziniert von der Schönheit des Kosovo. Wie gebannt schaute ich aus dem Fenster und konnte meinen Blick nicht mehr abwenden. Was für ein wunderschönes Land!, dachte ich mir. Ich hatte nicht erwartet, dass es mich vom ersten Blick an so faszinieren würde. Mein Nachbar bemerkte meine Begeisterung und lächelte mir mit einem vielsagenden Blick zu. Ich konnte nur schuldig mit den Schultern zucken. In diesem Moment wussten wir beide, dass mich der Kosovo in seinen Bann gezogen hatte.




Kapitel 2


Der Flughafen von Prishtina war ziemlich klein und mitten im Grünen. Als wir aus dem Flugzeug stiegen, wunderte ich mich, dass weit und breit nichts von der Hauptstadt zu sehen war, in der ich angeblich gelandet war. Ein Bus brachte uns von der Maschine zum Flughafengebäude, wo die Passkontrolle stattfinden und unser Gepäck auf uns warten würde. Es gab hier die neuesten Busse, was mich ein wenig erstaunte. Aber noch mehr verwunderte es mich, dass wir überhaupt in einen Bus verfrachtet wurden, denn die paar Meter hätten wir wahrscheinlich auch noch knapp zu Fuß geschafft.
Vorm Gebäude erwartete uns ein Grenzwächter, welcher in einem provisorischen Häuschen darauf wartete, dass wir unsere Pässe hervorkramten und er sie kontrollieren konnte. Als ich an die Reihe kam, warf er einen flüchtigen Blick auf meinen Pass, fragte mich, ob ich das erste Mal im Kosovo sei und warum ich gekommen sei. Der Einfachheit zuliebe sagte ich nur, dass ich Freunde treffen wolle. Streng genommen war das ja auch nicht gelogen. Die Musiker, mit denen ich die nächsten Tage verbringen würde, würden bestimmt bald meine Freunde sein, und ich wollte ihm nicht das ganze Projekt in allen Einzelheiten erklären. Der Polizist war anscheinend zufrieden mit meiner Antwort, drückte in meinem Pass einen Stempel auf eine leere Seite und meinte: „Have a nice stay!“ Schon war ich offiziell im Land angekommen.

Direkt hinter dem behelfsmäßigen Häuschen befand sich das Gepäckband, welches ebenfalls sehr improvisiert aussah und sich durch den ganzen Raum schlängelte. Nach kurzer Zeit erblickte ich auch schon meinen Koffer und machte mich daran, meinen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen, um an mein Gepäck heranzukommen. Zum Glück schaffte ich es noch rechtzeitig, sodass der Koffer nicht nochmals eine Runde quer durch den Raum drehen musste. Da ich ja nun alles hatte, was ich brauchte, machte ich mich auf in Richtung Ausgang. Unterwegs musste ich noch durch die kleine Wartehalle gehen und staunte nicht schlecht, wie viele Leute dort auf ihre Familienmitglieder und Bekannten warteten. Es fiel stark auf, dass nur junge Männer anwesend waren, welche mich alle mit einem prüfenden Blick musterten. Mir war nicht sehr wohl dabei, und ich war ziemlich erleichtert, als ich in der Menge zwei Männer entdeckte, die nicht albanisch aussahen. Einer von ihnen musste Greg sein, mit dem ich schon per E-Mail Kontakt gehabt hatte und der mir versprochen hatte, mich vom Flughafen abzuholen. Auch er hatte mich anscheinend bemerkt, denn er kam in meine Richtung. „Greg?“, fragte ich vorsichtig. „Ja, genau. Und du musst Aida sein!“, antwortete er mir auf Englisch. Ich war froh, dass Greg sich ab jetzt um mich kümmerte, die Blicke der anderen Männer lösten nun nicht mehr so viel Unbehagen in mir aus. „Das ist John, er ist auch im Team. John, das ist Aida.“ Ich schüttelte höflich Johns Hand, und er gab ein „Sehr erfreut!“ von sich.
„Kann ich dir mit dem Koffer helfen?“, fragte Greg mich freundlich. Ich sagte, dass es schon okay sei, und wir gingen Richtung Ausgang. „Hattest du eine gute Reise?“, fragte mich Greg auf dem Weg zu seinem Auto. „Ja, danke, war ganz angenehm. Die Anreise aus der Schweiz dauert zum Glück nicht so lange“, gab ich zur Antwort. „Ja, nicht so wie aus den USA“, fügte John hinzu. Anscheinend kam er aus dem erwähnten Land. „Ja, das kann ich mir vorstellen“, ging ich auf seine Bemerkung ein. Der Parkplatz befand sich direkt vor dem kleinen Flughafen, und nach ein paar Minuten hatten wir das Auto erreicht, meinen Koffer verstaut und waren eingestiegen. „Die Stadt ist etwa 20 Minuten mit dem Auto von hier entfernt. Ich schlage vor, wir fahren zuerst einmal zum Haus, in dem ihr alle untergebracht seid. Danach können wir ja schauen, was wir mit dem angebrochenen Tag noch machen wollen“, klärte mich Greg auf. Ich war mehr als einverstanden mit diesem Plan, war ich doch ein wenig müde von der bisherigen Reise. Da klang zum Haus fahren sehr gut. Auf dem Weg dorthin schaute ich die ganze Zeit wie gebannt aus dem Fenster und nahm alles Neue fasziniert auf. Mir war gar nicht nach Small Talk zumute, da ich zu sehr damit beschäftigt war, all diese neuen Eindrücke aufzunehmen. Doch John, der neben mir saß, redete die ganze Zeit auf mich ein. Anscheinend war er ein sehr mitteilsamer Mensch. Ich lächelte ihm manchmal aus Höflichkeit zu, schwieg aber die meiste Zeit, und nach ein paar Minuten merkte er schließlich, dass ich nicht sehr gesprächig war. Jedenfalls nicht im Moment. So quasselte er nicht mehr mich voll, sondern sprach fortan mit Greg über Belanglosigkeiten, was mir sehr recht war. Ich wollte in diesem Moment einfach all das Neue, das ich vom Fenster aus sah, in mich aufsaugen und mit niemandem reden. Denn was ich da sah, war so ganz anders als alles, was ich vorher gesehen hatte. Zuerst fuhren wir entlang von Feldern über eine Hochebene. Die Straße war sehr holprig, aber besser, als ich sie mir vorgestellt hatte. Dann kamen wir immer näher an die Stadt heran, und das Bild begann sich zu verändern. Zuerst zogen lauter große Kaufhäuser an uns vorüber, welche noch nicht sehr lange dort zu stehen schienen. Sie sahen sehr neu aus und luden dazu ein, sich das Sortiment näher anzuschauen. Die Parkplätze vor den Kaufhäusern waren jedoch allesamt leer. Ich bezweifelte, dass sich viele Leute drinnen tummelten. Dann kamen wir immer näher an das Stadtzentrum, und es wurde deutlich hektischer auf den Straßen. Ich war erstaunt, dass es trotzdem ziemlich geordnet zuging. Einzig wenn man in eine andere Straße wechseln wollte, musste man sich regelrecht durchkämpfen, indem man langsam abbog. Genau das hatte Greg gerade vor. Er setzte den Blinker und kämpfte sich langsam, Meter um Meter, voran. Irgendwann sah sich ein Auto der gegenüberliegenden Spur gezwungen, anzuhalten und uns durchzulassen. In solchen Momenten war ich echt froh, dass nicht ich am Steuer saß. Aber Greg schien alles im Griff zu haben. Kein Wunder, er hatte auch schon eine Weile dort gelebt und daran, eine Musikschule aufzubauen. Er sollte sich mit diesem Verkehr wohl auskennen. Plötzlich wurde es auf den Straßen immer dichter und zunehmend schwieriger, sich einen Weg zu bahnen. „Da vorne soll bald eine Brücke entstehen, über welche dann die Autobahn führen wird. Aber sie ist noch nicht ganz fertig, deshalb dieses Chaos hier“, klärte mich Greg über die Situation auf. Anscheinend wurde hier fleißig gebaut, um mit der Moderne mithalten zu können. Ich sah hier zum ersten Mal ein Stück des Kosovo, das immer noch damit kämpfte, die Spuren der Zerstörung zu verwischen und ein modernes Land aufzubauen. Und das so schnell wie möglich.
Nach einer Weile ließen wir endlich das Chaos hinter uns und bogen in eine Straße ein, die ein wenig ruhiger war. Anscheinend näherten wir uns dem „alten“ Prishtina, denn die Häuser sahen nun nicht mehr so neu und modern aus. So langsam fing die Umgebung an, mir zu gefallen. Wir mussten nun wieder langsamer fahren, da viele Leute auf der Straße waren und das Durchkommen schwierig wurde. Ich sah fast nur junge Männer oder Kinder auf der Straße, was ich ein wenig komisch fand. Wo waren denn alle Frauen? Mir kam die Situation am Flughafen wieder in den Sinn, und ich hoffte, dass dies nun nicht immer so sein würde. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich die einzige Frau sein sollte, die sich auf den Straßen von Prishtina aufhält und noch dazu Musik macht. Ich begann plötzlich, mir Sorgen zu machen. Als ich die Häuser so betrachtete, überlegte ich mir, wo ich wohl untergebracht werden würde. In einem dieser etwas heruntergekommenen Häuser, die ich sah? Wie würde die Einrichtung sein? Würden wir fließendes Wasser und Strom haben? Würde es auch an einer solch lärmigen Straße sein? Ich begann, mir das Schlimmste vorzustellen, während wir immer weiter durch die Viertel fuhren.
Nach einiger Zeit bogen wir in eine Straße, die uns einen Hügel hinaufführte. Die Straße war nicht mehr so stark befahren, und die Häuser waren sehr schön anzuschauen, kleine Villen mit schönen Gärten. Plötzlich hielten wir vor einem dieser Häuser. „Wir sind da!“, sagte Greg. Ungläubig stieg ich aus. Wir standen vor einem wunderschönen Haus mit einem bezaubernden Garten, in dem Aprikosen-, Orangen- und Apfelbäume standen. Es war sehr ruhig, und da es auf einem Hügel gelegen war, konnte man ganz Prishtina überblicken. „Das ist das Haus?“, fragte ich ungläubig. Greg lächelte. „Für meine Gäste nur das Beste! Das Haus gehört einem älteren Ehepaar, mit dem ich befreundet bin. Sie vermieten die oberen zwei Stockwerke an Gäste und verdienen sich so ein wenig Geld. Ich versuche, meine Gäste immer hierhin zu bringen, um die beiden so ein wenig zu unterstützen. Schön, nicht?“ Ich war überwältigt. Ja, hier ließ es sich leben! Kaum waren wir ausgestiegen, kam uns schon eine ältere Frau entgegen und begrüßte uns freudig. Ich verstand kein Wort von dem, was sie sagte, aber ich schloss sie augenblicklich in mein Herz. Sie war eher klein und besaß nicht mehr alle Zähne. Aber sie war so freundlich, umarmte Greg und gab mir Küsse auf meine Wangen. Eine echte Großmutter. „Sie heißt dich willkommen in ihrem Haus“, übersetzte Greg. „Vielen Dank!“, sagte ich in meiner Sprache. Mit einem Lächeln deutete sie an, dass sie mich trotzdem verstand. Dann kam auch ihr Mann auf mich zu. Er drückte mich an sich, obwohl ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Auch er erschien mir sehr vertrauenswürdig. Mit einer einladenden Handbewegung hieß er mich, einzutreten. Greg und John folgten mir, meine Koffer tragend, was mir ein wenig peinlich war, da sie nicht gerade leicht waren. Aber es schien den beiden nichts auszumachen.
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5 Sterne
Feinfühlig, lehrreich und mitreissend - 18.10.2025
Tina

„Die zweite Heimat“ vermittelt tiefe Einblicke in Kultur und Geschichte des Kosovo, während die persönlichen Beziehungen, Begegnungen und Erlebnisse der Protagonistin stets im Mittelpunkt stehen – lebendig, glaubwürdig und berührend.Besonders gelungen ist, wie sich die Spannung stetig aufbaut: Anfangs ruhig, detailliert und beobachtend, verdichten sich die Ereignisse zunehmend, bis sie sich gegen Ende regelrecht überschlagen. Ein Buch, das bewegt, bildet und dabei immer spannend bleibt.

4 Sterne
Wertvoll und berührend um so ein Teil der Kosovo Kultur und Geschichte kennenzulernen. - 17.10.2025
Cornelis den Toom

Das Buch gibt einen guten Einblick in der Kultur von Kosovo, durch Schweizer Augen gesehen... Sehr berührend ist es über die Kriegsjahren zu hören und welchen Einfluss dies auch heute noch hat für vielen Kosovaren. Das Buch hilft uns die Kosovaren besser zu verstehen, ob sie hier wohnen oder in Kosovo...

4 Sterne
Mit Liebe zum Kosovo - 10.10.2025
Heidi

Eine Geschichte zweier Kulturen, mit viel Achtung gegenüber der Andersartigkeit, mit liebevollen Details, kreativen Gedanken, Leichtigkeit und Feinfühligkeit. Hinterlässt viel Verständnis für den Kosovo.

4 Sterne
Eintauchen in eine fremde Kultur - 03.10.2025
Eveline

Mir hat das Buch "die zweite Heimat" sehr gut gefallen. Es ist einfach und flüssig zu lesen und gibt einen Einblick in ein Land, das vielen Schweizern unbekannt ist, obwohl es relativ nah liegt und bestimmt schon alle Kontakt mit Menschen aus dem Kosovo hatten. Vorallem die Gastfreundlichkeit und das Wesen der Menschen dort, sowie ihre Geschichte, kann man mit diesem Buch kennenlernen. Gerne mehr davon!

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