Die schwarze Mittagsfrau

Die schwarze Mittagsfrau

Erhard Spank


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 618
ISBN: 978-3-948379-80-3
Erscheinungsdatum: 24.11.2021
Die Geschichte eines Dorfes, eingebettet in die Geschichte der DDR, beschreibt die Entstehung der vom Staat geforderten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften bis zur Angst vor Denunziation bei Benutzung westlicher Publikationsmedien.
„Einen schönen guten Tag, Herr Bubner“, begrüßte ihn Herr Jäger. „Nehmen Sie doch bitte Platz“, wies Armin den leerstehenden Stuhl zu, wobei er aufgestanden war und Armin gleichzeitig die Hand reichte. „Guten Tag auch, Herr Jäger“, antwortete Armin, der sich sogleich auf den ihm angebotenen Stuhl setzte und erwartungsvoll den Direktor anblickte. Armin als starker Raucher bemerkte natürlich sofort, dass auch im Lehrerzimmer kräftig geraucht wurde. Ihn störte das aber überhaupt nicht. Im Gegenteil, er lächelte freudig, als der Direktor ihm sogar eine Zigarette anbot, deren Marke Armin sich nicht leisten konnte. Nachdem Armin seinerseits Feuer angeboten hatte, begann der Direktor sogleich mit dem Gespräch: „Wissen Sie, Herr Bubner, das mit dem Klassenbuch und dem Tadel soll hier gar nicht zur Debatte stehen. Wir, das Lehrerkollegium, waren gar nicht daran interessiert, zu wissen, wer es war. Aber der Petzer hätte uns nur den Ort des Klassenbuches zu nennen brauchen, ohne dabei auch noch die drei Mädchen zu verpetzen. Aber da er es nun einmal gemacht hatte, mussten wir natürlich adäquat handeln. Diese Angelegenheit wollen wir doch ganz schnell vergessen und nicht überbewerten. Ich hoffe, Sie haben es längst so gehandhabt.“ Armin, der aus den Worten des Direktors nicht klug wurde und gar nicht wusste, worum es dabei ging, erwiderte: „Von der Sache mit dem Klassenbuch müssen Sie mich erst einmal …“ Kaum mit der Frage begonnen, wurde Armin auch schon vom Direktor unterbrochen, der offensichtlich das Thema überhaupt nicht anzusprechen gewillt war: „Herr Bubner, weswegen ich Sie heute hergebeten habe, hat einen ganz anderen Grund. Ich weiß, dass Sie in Ihrem kleinen Dorf ein geachteter Mann sind und dass viele Dorfbewohner, wenn es um Probleme geht, Sie um Rat fragen. Solche Leute wie Sie, kann ich Ihnen versichern, werden in unserem Staat gebraucht. Ich habe das Gefühl, dass man auf Ihre Meinung Wert legt und dass Sie daher bestimmt mit zu einer positiven öffentlichen Meinung beitragen könnten.“
Armin, dem es etwas merkwürdig vorkam, vom Schuldirektor unverhofft so viel Honig ums Maul geschmiert zu bekommen, fragte etwas ratlos: „Worum geht es denn eigentlich? Kommen Sie doch mal zur Sache, Herr Jäger.“
„Vielleicht sind Ihnen schon einige negative Meinungen über die Lehrerin Frau Sperling, der Klassenlehrerin Ihres Sohnes Hubert, zu Ohren gekommen, die jetzt erst durchgesickert sind. Damit es nicht zu unbegründetem Gerede kommt, könnten Sie bei Bekanntwerden solcher Gerüchte denen entgegentreten und somit moralischen Schaden von der Schule abwenden.“
„Herr Jäger, ich weiß immer noch nicht, worum es hier geht. Werden Sie doch einmal etwas deutlicher.“
„Gerne, Herr Bubner. Es dürfte sich vielleicht herumgesprochen haben, dass Frau Sperling, als sie vor knapp zwei Jahren an unsere Schule kam, hierher strafversetzt wurde.“
„Das ist mir neu. Davon wusste ich nichts. Aber meine Kinder haben mir noch nichts Negatives über sie erzählt. Dass sie streng ist, hat mir meine Tochter hin und wieder berichtet, aber das kann ich nur unterstützen. Und glauben Sie mir, Herr Jäger, gerade in einer Schule muss Disziplin herrschen. Und wenn sich ein Schüler danebenbenimmt, auch wenn es meine Kinder wären, muss es rauchen. Warum hat man denn Frau Sperling strafversetzt?“
Das Gesicht des Direktors hellte sich augenblicklich auf, denn er merkte, dass Armin ihn unterstützen würde: „Genau das ist das Problem, Herr Bubner. Frau Sperling hat vor geraumer Zeit in der Kreisstadt, wo sie tätig war, einem Schüler der siebenten Klasse, der sie unflätig beleidigt hat, rechts und links eine Ohrfeige verabreicht. Der Junge ist natürlich heulend nach Hause gerannt, mehr aus Wut und Scham über diese Erziehungsmaßnahme als über eventuelle Schmerzen. Den blauen Fleck an seinem Hals hatte er aber schon nach einer Balgerei, vielleicht auch Prügelei mit seinen Klassenkameraden. Sein Vater hat Frau Sperling daraufhin angezeigt und ein großes Trara daraus gemacht.“
„Wenn das mein Sohn machen würde, dann hätte er von mir gleich noch zwei Backpfeifen bekommen. Wo kommen wir denn hin, wenn schon solche Jungen den Lehrern dumm kommen?“, ereiferte sich Armin sogleich.
„Ja, schon gut. Das eigentliche Problem dabei war, dass der Vater des Jungen eine sofortige Entlassung der Lehrerin gefordert hatte. Nach Lage des Gesetzes wäre das aber jederzeit möglich und richtig gewesen. Natürlich gab es ein Disziplinarverfahren für die Kollegin. Auch eine Gerichtsverhandlung hatte der Vater des Jungen erzwungen. Das Gericht hat aber entschieden, dass die Kollegin nicht fristlos entlassen wird. Sie hat außerdem nur noch zwei Jahre bis zur Rente. Und da sie noch einen Bestandschutz aus früherer Zeit besitzt, hat man nur eine Versetzung aus der Kreisstadt hierher veranlasst.“
„Was ist denn das für ein Bestandschutz? Davon habe ich bisher noch nichts gehört.“
„Frau Sperling ist Mitglied der VVN, das heiß sie ist als Verfolgte des Naziregimes anerkannt und genießt in gewisser Weise einen Schutz.“
„Das ist ja interessant. Warum hat man dann nicht den klagewilligen Vater überzeugt, seine Klage zurückzuziehen?“
„Das war ja das Problem. Der Vater hat eine gehobene Position in der Partei und er hat das Fehlverhalten der Lehrerin politisch-ideologisch ausgeschlachtet. Sie wissen ja, wie das läuft.“
„Wenn ein Parteifunktionär so einen Rüpel als Sohn hat, dann müsste man ihn seiner Funktion entheben. Dann sollte er sich um die Erziehung seines Bengels kümmern.“
„So geht das nun auch wieder nicht. Das wäre eine Art Sippenhaft. Es gilt zwar immer noch der Grundsatz ‚Eltern haften für ihre Kinder‘, aber nicht in einem solchen Fall. Der Vater ist mit seiner Klage unter anderem auch deshalb durchgekommen, weil er behauptet hat, Frau Sperling wäre eine Wiederholungstäterin und eine Gefahr für die Kinder.“
„Wieso, hat sie denn schon einmal einen Schüler geohrfeigt?“
„Leider ja, aber das war schon im Januar 1945, also vor vierzehn Jahren. Und der Junge damals war ausgerechnet der Sohn des stellvertretenden Gauleiters. Daraufhin wurde ihr auch ein Prozess gemacht. Aber das Schlimme waren nicht die beiden Ohrfeigen, sondern der Grund, weswegen sie ihm eine gescheuert hatte.“
„Was war denn der Grund?“
„Der Junge hat ihr in einer Unterrichtsstunde gebrüllt, dass Deutschland trotz der aussichtslosen Lage nun bald den Krieg gewinnen würde und dass es allen Kommunisten und Juden dann endgültig an den Kragen ginge, worauf Frau Sperling geantwortet haben soll, dass das Massenmorden mit Ende des Krieges dann auch endlich ein Ende hätte. Darauf soll der Junge laut gerufen haben, ob sie auch eine von den Kommunistenschlampen sei, die gegen den Führer und den Endsieg wäre. Daraufhin ist Frau Sperling zu dem Bengel gegangen, hat ihn am Hemd gepackt und ihm rechts und links eine gedonnert, sodass man noch nach vier Tagen die Fingerstriemen gesehen haben soll. Sein Vater, müssen Sie wissen, hat die Antwort von Frau Sperling in seiner Klage in den Vordergrund gestellt und ihre Äußerung als Verunglimpfung des Deutschen Reiches und was sonst nicht alles für politisch motiviert hingestellt. Damit ist er ganz leicht durchgekommen. Daraufhin hat man Frau Sperling zu zwei Jahren Haft verurteilt. Sie sollte deswegen in ein Konzentrationslager eingeliefert werden. Dann kam ja das Kriegsende und sie wurde rehabilitiert.“
„Ja, die Frau Sperling hat einen Fehler gemacht.“
„Sie meinen, sie hätte lieber schweigend die Beleidigung ertragen sollen?“
„Nein, sie hätte noch zweimal zulangen sollen, dass man alle vier Finger noch nach zwei Wochen gesehen hätte.“
„Die Prügelstrafe ist aber auch nicht immer die beste Lösung. Sie war es vielleicht auch nicht immer im Dritten Reich. Es trifft dabei oft den Verkehrten.“
„Ach, was, Prügelstrafe hin, Prügelstrafe her. In beiden Fällen wie bei Frau Sperling waren die Backpfeifen berechtigt und notwendig. Sie hat menschlich und vernünftig gehandelt. Das kann man ihr nicht zum Vorwurf machen. Ich würde dieser Frau meine Hochachtung aussprechen.“
„Aber die sozialistische Gesetzgebung verbietet derartige Hand­lungen im Interesse zum Schutz unserer Schuljugend.“
„Dann müssen solche Gesetze geändert werden. Disziplinlosigkeit, egal wo, muss an Ort und Stelle, und zwar wirksam und nachhaltig geahndet werden. Und das hat Frau Sperling getan. Ein probates Erziehungsmittel in einer Schulklasse ist Klassenkeile, wie es zu meiner Schulzeit üblich war. Wenn die Lehrer eine Strafe für die ganze Klasse ausgesprochen haben, obwohl es nur einen Schuldigen gab und der sich nicht gemeldet hat, dann haben wir ihn nicht verpfiffen, sondern es gab Klassenkeile. Und da hat auch schon mal eine Nase geblutet. Aber der Übeltäter war für die gesamte Schulzeit geheilt und hat sich nie wieder unkameradschaftlich verhalten. Das war auch während meiner Kriegszeit auf dem kleinen Kanonenboot nicht anders. Es war einer auf den anderen angewiesen. Wir hatten da auch einen, das Wort Kamerad will ich gar nicht in den Mund nehmen, der hat uns bestohlen. Wir durften auf Schiff unsere Spinde nicht abschließen. So viel Vertrauen musste sein, dass keiner Angst haben musste, bestohlen zu werden. Dieser eine Marinesoldat hat immer kleine Mengen an Geld, Zigaretten oder Lebensmittel, die wir von zu Hause geschickt bekamen, bei allen sich bietenden Gelegenheiten, vor allem nachts, wenn wir schliefen, geklaut. Ein Kamerad hat ihn dann mal erwischt. Den Übeltäter beim Kapitän zu melden, hätte nichts gebracht. Also kam eines Nachts der Heilige Geist zu ihm.“
„Der Heilige Geist? Wer war denn das?“
„Das war einer von uns, besser gesagt, wir alle. Einer hat ihm mit seinem Kissen den Kopf verdeckt, den Mund zugehalten und alle anderen haben ihm einen Schlag mit ‚Gott mit uns‘ auf seinen Allerwertesten verpasst. Und da hat auch das Koppelschloss Platz auf seinem Hintern gefunden. Nachher haben wir ihn mit schwarzer Schuhkrem eingeschmiert und die Stelle schön blank geputzt.“
„Der so Bestrafte hat doch sicher Meldung beim Kapitän gemacht. Und gab es für Sie dann ein Nachspiel?“
„Der von uns Bestrafte wollte, dass wir dafür ebenfalls bestraft werden, deshalb hat er auch Meldung beim Kapitän gemacht. Mit so einem Gefasel wie Wehrkraftzersetzung wollte er die Sache in eine politische Richtung lenken, aber damit hatte er beim Kapitän keinen Erfolg. Da sich keiner von uns gemeldet hatte, sagte der Kapitän damals ‚Dann war es wohl keiner von seiner Mannschaft, sondern der Heilige Geist, der einen Übeltäter bestraft hat‘. Wir haben damals grölend gelacht und hatten die Gewissheit, einen Menschen erzogen zu haben.“
„Na ja, das sind zwar drastische Methoden gewesen, aber mit unserer sozialistischen Erziehung nicht in Einklang zu bringen. Aber ich merke, Herr Bubner, dass Sie Frau Sperling in jedem Falle verteidigen würden, falls im Dorf jemand etwas Schlechtes über sie berichtet hätte. Wie ich schon sagte, die zwei Jahre bis zur Rente soll sie bei uns arbeiten. Mit ihrer Arbeit sind wir zufrieden. Das war eigentlich mein Anliegen.“
„Und deswegen haben Sie mich hierher bestellt?“
„Nein, Herr Bubner. Ich habe eigentlich eine noch viel wichtigere Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen. Ich wiederhole mich da gern, wenn ich Ihnen sage, dass Sie überzeugen können, ein hohes Wissen haben und von Ihren Mitbewohnern anerkannt sind. Außerdem sind Ihre drei Kinder in der Schule sehr gut und zeigen ein gutes Verhalten. Das mit dem Klassenbuch fällt hier nicht ins Gewicht. In nächster Zeit finden in unserer Schule Elternbeiratswahlen statt. Ich hätte Sie gern als Kandidat für den Vorsitzenden vorgeschlagen, sodass Sie mit Sicherheit auch gewählt würden. Es stünde Ihnen und auch unserer Schule gut zu Gesicht, wenn Sie obendrein Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands wären.“
Armin, dem vor erneut ums Maul geschmiertem Honig fast schlecht wurde, sagte daraufhin: „Also, Herr Jäger, überzeugen, ja, das kann ich mitunter, aber mit Politik will ich nichts am Hut haben. Die Geschichte hat doch gezeigt, dass die einst mächtigsten Parteien plötzlich die Verlierer waren und die Parteimitglieder daraufhin geschasst wurden. Die Partei als Sprungbrett für eine Karriere, das liegt mir überhaupt nicht. Suchen sie sich einen, der schon in Ihrer Partei ist, der kann dann Elternbeiratsvorsitzender werden.“
Herr Jäger, sichtlich enttäuscht über Armins Antwort, drückte den Stummel der inzwischen aufgerauchten Zigarette in dem auf dem Lehrertisch bereitgestellten Aschenbecher aus und sagte: „Eigentlich hätte ich mit einer positiven Antwort Ihrerseits gerechnet. Aber Sie können es sich ja noch einmal überlegen. Auch wenn Ihre Entscheidung erst in einigen Monaten zu Ihren Gunsten ausfallen sollte, Sie können immer mit uns rechnen.“
Armin, der nun ebenfalls seinen ausgedrückten Zigarettenstummel im Aschenbecher abgelegt hatte, sagte: „Mal sehen, was die Zukunft so mit sich bringt. Ich kann es mir ja noch einmal überlegen. Aber zurzeit haben wir in Birkowitz andere Probleme. Gestern war einer von den Agitatoren von der Parteileitung in Birkowitz und er war bei einigen Bauern. Dort hat er argumentiert, wir müssten eine Landwirtschaftliche Genossenschaft gründen, was in vielen Dörfern der DDR schon geschehen ist. Die Bauern sind da sehr skeptisch und wussten oft nichts mit dem politischen Gerede dieses Mannes anzufangen. Ich werde mit einigen Bauern das Gespräch suchen und beraten, was zu tun sei.“
„Sie wissen, Herr Bubner, wir sind für jedes Gespräch offen und Sie sind immer willkommen.“ Daraufhin stand Armin auf, reichte dem Schuldirektor die Hand und verabschiedete sich.
Natürlich wollte seine Frau Martha, gleich als Armin wieder zu Hause war, wissen, was der Grund für das Gespräch mit dem Schuldirektor war. Armin erzählte ihr die Geschichte mit Frau Sperling und die Sache mit dem Elternbeiratsvorsitzenden und mit der Mitgliedschaft in der Partei. Etwas nachdenklich, doch dann bestimmend sagte Martha: „Dass du die Mitgliedschaft in der Partei abgelehnt hast, war richtig. Man weiß nie, was noch kommen wird. Aber dass du Elternbeiratsvorsitzender werden könntest, ist vielleicht doch nicht verkehrt. Vielleicht würde dich Herr Jäger auch ohne Parteibuch für diese Funktion vorschlagen. Was meinst du, wäre das nicht doch eine Möglichkeit?“
„Ach, wieder eine zusätzliche Arbeit, das brauche ich nicht. Womöglich würden dann auch unsere Kinder in den Vordergrund rücken und müssten bei allen möglichen politischen Angelegenheiten in der Pionierorganisation auf ihre Mitschüler einwirken. Das können wir ihnen nicht zumuten. Es reicht schon, wenn Siegbert und Hubert wie alle aus ihrer Klasse Mitglied dieser Organisation sind und nicht als politische Außenseiter hingestellt werden müssen. Und wenn Karin nächstes Jahr in die achte Klasse kommt, muss sie sowieso in die FDJ.“
„Da hast du recht, Armin. Ich war ja schließlich auch im BDM. Damals haben die Eltern der Liesbeth Kocor ihre Tochter auch nicht in den Bund Deutscher Mädchen gelassen. Sie hatte daraufhin in der Schule nur Nachteile und wurde von den meisten Lehrern auch so behandelt. Auch ihre Eltern wurden daraufhin manches Mal, vor allem von den NSDAP-Mitgliedern, verbal attackiert und sogar beschimpft.“
„Ja, schon. Jede Zeit bringt für ihre Menschen Vor- und Nachteile mit sich, egal, auf welcher Seite sie stehen. Und wenn ich Elternbeiratsvorsitzender wäre und wir und unsere Kinder hätten dadurch Vorteile, das würde mir aber erst recht nicht passen.“
„Also, lassen wir das Thema. Leben wir so wie bisher. Ich glaube, morgen werde ich mit einem Mann vom Kreislandwirtschaftsrat einen Disput führen. Er hat sich für morgen angemeldet. Heute war er nebenan bei Fritz Wjelk. Dort hat er eine halbe Stunde auf dem Hof mit dem Fritz diskutiert. Ich habe nur einige Wortfetzen verstanden, als ich die Strohhalme vor der Kuhstalltür weggekehrt habe.“
„Die Diskussion mit diesem Mann kannst du gern führen, aber lass ihn bloß nicht ins Haus.“
Am nächsten Tag registrierten die Bewohner von Birkowitz, dass auf dem Dorfplatz neben der Milchrampe wieder ein P70, das damals häufige Modell eines der ersten DDR‑Autos, anhielt und ihr zwei Männer in Anzug und Schlips entstiegen. Dieser PKW war Tage zuvor schon einmal gesichtet worden und es hatte sich auch schnell im Dorf herumgesprochen, dass die Männer zur Gründung einer Genossenschaft warben. Von den bereits kontaktierten Bauern bekamen sie die Bezeichnung Aufklärer zugeordnet. Ob sie sich selbst mit diesem Begriff tituliert haben oder ob es eine Erfindung eines Bauern war, lässt sich nicht mehr feststellen. Auf jeden Fall gingen sie von einem Bauerngehöft zum anderen, baten um ein kurzes Gespräch mit dem angetroffenen Bauern oder der Bäuerin und argumentierten, wie notwendig es sei, eine Genossenschaft zu gründen. So gelangte auch einer dieser Aufklärer auf den Bubnerschen Hof, nachdem er sich am Vortag schon angekündigt hatte, als Martha gerade dabei war, ein Bündel Stroh aus der Scheune in den Kuhstall zu bringen.
„Mein Name ist Kiesling und ich komme von der SED‑Kreisleitung, um mich mit Ihnen über die Notwendigkeit einer Genossenschafts­gründung zu unterhalten.“
„Ja, wenn es nicht allzu lange dauert, dann schießen Sie mal los“, erwiderte Martha, sichtlich genervt, da sie wenig Zeit hatte und die noch zu verrichtenden Arbeiten für sie jetzt wichtiger waren.
„Sie haben bestimmt schon aus der Zeitung und auch aus dem Radio erfahren, dass in der ganzen DDR Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften gegründet worden sind und auch die letzten Dörfer sich auf diesem Wege befinden.“
„Ja, davon wissen wir Bauern natürlich. Aber wir sind skeptisch, ob das für uns gut ist. Wir verlieren doch damit unser Wichtigstes, nämlich unser Eigentum, wofür schon unsere Großeltern und Eltern hart arbeiten mussten.“
„Sie sagen es, dass Sie skeptisch sind, Frau, wie war doch gleich Ihr Name?“
„Bubner, Martha Bubner.“
„Also, Frau Bubner, mit der harten Arbeit ihrer Vorfahren, das stimmt. Und zweifellos müssen auch Sie und Ihr Mann schwer arbeiten, um einigermaßen existieren zu können.“
„Und unsere Kinder auch“, unterbrach Martha den Aufklärer.
„Genau das ist es. Wenn alle Bauern in einer Genossenschaft arbeiten würden, wäre die Arbeit leichter. Sie würden auch mehr Geld verdienen.“
„Wie soll das gehen? Die Arbeit kann nicht leichter werden, sie bleibt doch in ihrer Art immer dieselbe. Wenn wir mehr Geld bekommen sollten, dann müssten ja die Aufkaufpreise für unsere Produkte erhöht oder die Sollauflagen gesenkt werden. Dass so etwas wohl eher nicht eintritt, das wissen Sie selbst am besten. Als dreiundfünfzig von der SED die Normen der Industriearbeiter erhöht wurden, gab es in Berlin und in anderen Großstädten Streiks und Aufruhr. Ich habe kein Verlangen, bei ähnlichen Aktionen hier von Russenpanzern auf unserem Hof begrüßt zu werden.“
„Sie sehen das völlig falsch, Frau Bubner. In Berlin waren antisozialistische Kräfte, gesteuert vom westdeutschen Imperialismus, am Werk, die unsere sozialistischen Errungenschaften beseitigen wollten. Dagegen haben wir uns mit Hilfe der ruhmreichen Sowjetarmee zu verteidigen und zu schützen gewusst.“
„Das sehen Sie so, aber die Menschen in Stadt und Land sind da anderer Meinung. Man darf in dieser Angelegenheit bloß keine andere Meinung äußern, sonst wird man gleich als Staatsfeind abgestempelt und als solcher auch dementsprechend behandelt.“
„Frau Bubner, mit der Gründung einer Genossenschaft werden Sie auch in der Lage sein, mehr zu produzieren, es ist eine Sache der inneren Überzeugung, die Ihnen jetzt noch fehlt. Sie werden befähigt, mehr Milch zu melken und somit einen wichtigen Beitrag zur besseren Versorgung der Bevölkerung zu leisten. Nur ein Glas mehr Milch von einem jeden Bauern, und wir hätten hunderte Liter mehr für die Versorgung der Menschen.“
„Sie haben die Überzeugung, das merke ich. Nun zeigen Sie mir bitteschön, wie man damit mehr Milch aus den Eutern der Kühe bekommt. Hier haben Sie meinen Melkeimer.“ Martha griff hinter die geöffnete Kuhstalltür, wo ihr Melkeimer stand, der aus Aluminium gefertigt war, und reichte dem Aufklärer das Gefäß. „Der Melkschemel steht dort an der Seite, den dürfen Sie natürlich auch benutzen.“
„Ich glaube, wir haben uns missverstanden, Frau Bubner. Ich kann bestimmt nicht besser melken als Sie. Aber vielleicht könnte es eine Maschine. Wenn Sie sich zusammenschließen und alle Kühe in einem großen Stall wären, dann könnten Maschinen Ihnen die schwere Arbeit abnehmen.“
„Da haben Sie recht, Herr Kiesling. Die Frage ist nur, wer baut uns die großen Ställe und wer bezahlt sie und die Melkmaschinen? Und stellen Sie sich vor, eine Tierseuche bricht in solch einem Stall aus. In einem kleinen Stall lässt sich das regeln und kontrollieren.“
„Der Staat stellt dafür großzügige Kredite zur Verfügung, die in kürzester Zeit wieder abgezahlt werden könnten. Eine bessere veterinärmedizinische Betreuung staatlicherseits wird das Ausbrechen von Tierseuchen verhindern.“

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