Sonstiges & Allerlei

Die Raupe im Spiegel

Christa Rudolf

Die Raupe im Spiegel

und andere Geschichten

Leseprobe:

Madam Sliemi

Madam Sliemi schlüpfte wie alle anderen Raupen aus einem Ei.
Doch Madam Sliemi war etwas anders als alle anderen Raupen. Täglich stand sie vor ihrem Spiegel und rief: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schlankste Schönheit im ganzen Land?“
Der Spiegel antwortete: „Madam Sliemi, ihr seid die schlankste Schönheit im ganzen Land.“ Madam Sliemi tanzte ihren Freudentanz.
Danach zog sie ihr schickes rotes, hautenges Kleid an, setzte ihr passendes Hütchen auf, nahm ihr Sonnenschirmchen, damit die Sonne ihrer feinen Haut nichts anhaben konnte. In ihrem Handtäschchen befand sich noch ein Fächer, gegen Hitze, und ihre Schminkutensilien, ohne die ging sie nie aus dem Haus.
Jeden Tag machte sie den gleichen Spaziergang. Ihr Weg führte sie direkt zum Kohlfeld.
Und was gab es da zu sehen? Kohl natürlich. Aber nicht nur das. Dort gab es viele, viele Raupen.
Sie fraßen und fraßen und fraßen. Sliemi sah ihnen gerne zu. Von Tag zu Tag wurden sie dicker und dicker. Richtig gefräßig.
Sliemi freute sich. Ihr Herz klopfte wild in ihrer Brust.
Sie dachte: „Wie eklig. Wie dick und hässlich sie aussehen. Und wie es überall schmatzt. Eines Tages werden sie platzen.“ Zufrieden ging sie heim. Da sie nichts aß, hatte sie sehr viel Zeit.
Sie las ein Buch, ging an ihren Computer, spielte mit ihrem Smartphone und schaute einen Film im Fernsehen. Am Abend legte sie sich ins Bett und schlief glücklich ein.
Am nächsten Tag stellte sie sich wieder vor ihren Spiegel und er gab ihr die gleiche zufriedenstellende Antwort. Danach machte sie sich besonders schön. Sie zog ein gelbes enges Kleid an, dazu Stöckelschuhe und schminkte sich.
„Hoppla, das enge Kleid war ein klein wenig zu weit.“ Eigentlich gut, aber ich muss es gleich morgen zur Schneiderin bringen, dachte sie.
Als sie mit allem fertig war, ging sie los. Heute war das Salatbeet dran. Hier gab es behaarte, dicke bis fette Tierchen. Am Ziel angelangt, schaute sie durch ihr Fernglas. Die Raupen erschienen ihr dadurch noch fetter. Was für ein Spaß! Nachdem sie sich lange genug an dem Bild erfreut hatte, machte sie sich wieder auf den Heimweg. Unterwegs fühlte sie sich etwas schwach. „Nanu, das kenne ich gar nicht. Wird wohl an den Schuhen liegen“, dachte sie. „Ich werde es mir jetzt daheim bequem machen und ein wenig ausruhen.“
Zuhause setzte sie sich in ihren Ohrensessel und schlief sofort ein. Am nächsten Tag fühlte sie sich immer noch etwas müde und schlapp. Sie befragte trotzdem ihren Spiegel und bekam, wie immer, die gleiche Antwort. Ihr täglicher Spaziergang führte sie zum Kartoffelfeld. Eine prickelnde Vorfreude erfasste sie. Sie nahm ihr Fernglas und … Oh je, keine Raupe war zu sehen.
Nur komische Gebilde hingen an den Kartoffelstauden. „Was war da passiert?“, fragte sich Sliemi. Gleich darauf hatte sie das Rätsel gelöst.
Die Raupen hatten sich überfressen und wurden vor lauter Ekel vor sich selbst in den Selbstmord getrieben. „Sie haben sich in diesen kleinen Särgen aufgehängt. So war es“, dachte Sliemi.
Sie wusste nicht, ob sie darüber lachen oder weinen sollte. Nachdenklich ging sie nach Hause. Was sollte sie jetzt jeden Morgen tun, wenn der Spaziergang zur Erheiterung ihres Lebens ausfallen musste. Kein Schmatzen mehr. Nichts, was sie tat, wollte ihr so richtig Spaß machen.
Sie begab sich also bald zur Ruhe und verbrachte die Nacht mit sonderbaren Träumen. Am nächsten Tag konnte sie nur mit viel Mühe aufstehen. Sie schleppte sich zu ihrem Spiegel.
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schlankste Schönheit im ganzen Land?“
Der Spiegel antwortete: „Madam Sliemi, ihr seid die schlankste Schöne im ganzen Land, aber die anderen Raupen sind tausendmal schöner als ihr.“ Wie das? Sie verstand die Welt nicht mehr. Und dann … Der Spiegel zeigte ihr farbenprächtige, fröhliche, von Blume zu Blume fliegende Schmetterlinge. Madam Sliemi war schockiert. Sie brüllte: „Das sind keine Raupen!“ „Oh doch, sie sehen bloß anders aus“, meinte der Spiegel ruhig. Madam Sliemi begann zu toben. Sie riss alle Kleider aus dem Schrank und trampelte wütend
darauf herum.
Danach warf sie ihre Schminksachen aus dem Fenster und schrie, bis sie heiser wurde: „Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!“
Völlig erschöpft kroch sie zu ihrem Spiegel: „Bitte, bitte sag mir, was ich falsch gemacht habe.“
Der Spiegel sagte mitfühlend: „Ihre Lebensaufgabe ist zu fressen und zu wachsen und sich zu verwandeln. So ist es für Raupen bestimmt.“
Der Spiegel färbte sich rot vor Wut. Durch das Zimmer hallte es: „Friss jetzt endlich oder du musst sterben.“
Es traf sie mitten ins Herz. Angst machte sich breit. „Ich will nicht sterben“, flüsterte sie. Mit letzter Kraft schleppte sie sich in den Garten.
Voll Abscheu knabberte sie ein Salatblatt an. „Igitt!“ Es ekelte sie. Trotzdem fraß sie: langsam, aber sie fraß. Blatt für Blatt. Und die nächsten Tage machte sie es genauso. Sie wurde dick, dicker am dicksten. „Jetzt platze ich gleich“, dachte sie. Es begann schon, um sie herum dunkel zu werden, und ein Faden wickelte ihren Körper ein. „Hilfe, ich ersticke“, schrie sie noch. Und dann war Ruhe.
Leblos hing sie am Kartoffelblatt. Ich weiß nicht wie lange. Und ihr wisst, dass Madam Sliemi natürlich nicht tot ist. Es passiert nämlich nun das Wunder der Natur, ein Geheimnis. Irgendwann schlüpfte Sliemi aus ihrem ‚Gefängnis‘ und rief: „Hurra ich lebe noch.“ Und dann bemerkte sie noch lauter „Ich habe Hunger“. Sie breitete ihre Flügel aus und flatterte zur nächsten Blüte.
Und wie das schmeckte. Köstlich! Sie hob ihr Köpfchen und sah in einen See. Ihr Herz hüpfte vor Freude. Sie sah eine zarte, farbenprächtige Schönheit. Sie schaute zum Himmel und bedankte sich. Glücklich flog Madam Sliemi weiter, um sich mit anderen Schönheiten zum Nektarkränzchen zu treffen.



Der kleine Engel Leopold

Wie jeden Nachmittag saß Leopold auf seiner Wolke und übte das Harfenspiel.
Die Harfe war sein Lieblingsinstrument, nicht zuletzt deswegen, weil es ein persönliches Geschenk von Gott war.
Sie war ihm also heilig. Außerdem tröstete ihn das Harfenspiel. Er selbst war nämlich etwas klein geraten, weshalb ihn alle Poldi nannten. Vor längerer Zeit hatte er sich einmal bei Gott darüber beschwert. Doch dieser hatte gemeint: „Du weißt, dass ich allmächtig bin, aber was ich einmal erschaffen habe, das kann nicht mehr verändert oder rückgängig gemacht werden. Das ist nun einmal ein kosmisches Gesetz.“ Und dann schenkte er ihm zum Trost die Harfe. Leopold frohlockte und übte eifrig das ‚Halleluja‘.
Doch heute war er nicht so recht bei der Sache. Er dachte an den morgigen Vormittag. Vormittags war er immer mit den anderen Engeln in der Engelsschule. Dort wurden sie auf ihre unterschiedlichen Aufgaben vorbereitet.
Es gab viele Berufe: Schutzengel, die die Kinder beschützten. Engel zu Ehren Gottes. Putzengel, die die Sonne, den Mond und die Sterne sauber hielten. Weihnachtsengel, die die Geschenke für die Kinder bastelten. Engel, die die Erde beschützten.
Bis morgen sollten sich alle Engelsschüler Gedanken darüber machen, für welche Aufgaben sie geeignet wären.
Manchmal sahen sie in der Engelsschule auch Filme über die Erde. Das fand Leopold am aufregendsten. Was es da alles zu sehen gab: wunderschöne Landschaften, Meere, Flüsse, Bäche, Wälder, Wiesen, Berge, Tiere und natürlich Menschen. Große und kleine, dicke und dünne, schwarze, weiße, rote und gelbe. „Was für eine Vielfalt“, staunte er. Und jedes Mal überkam ihn eine überwältigende Sehnsucht nach der Erde.
Seine Gedanken wanderten weiter.
Auf einmal war ein Donnergrollen zu hören. Leopold erschrak. „Oh je, ein Gewitter!“ Er hatte vergessen, sich am Schwarzen Brett darüber zu informieren, welches Wetter für heute Nachmittag angesagt war. Und schon blitzte und donnerte es wieder. Gleich danach folge ein heftiger Regenguss.
„Die Harfe! Oh je, die muss ich sofort in Sicherheit bringen“, fuhr es Leopold durch den Kopf.
Aber da geschah es schon. Ein Blitz zerteilte seine Wolke und raste mitsamt der Harfe auf die Erde zu. „Nein, das darf nicht sein!“ Ohne nachzudenken, stürzte Leopold sich hinterher ins tiefe All. Er wirbelte hin und her, drehte sich immer wieder um sich selbst und sauste, mit dem Kopf voraus, ebenfalls auf die Erde zu.
Er rief: „Oh Gott, lieber Herr, steh mir bei!“
Nach einem langen Fallen schlug er auf dem Erdball auf. Er schaute an sich herunter: Alles war noch heil. Seine Flügel waren zwar etwas zerzaust, sein Kleidchen etwas schmutzig, aber ansonsten war er tatsächlich mit dem Schrecken davongekommen.
„Danke lieber Gott. Ich werde in Zukunft rechtzeitig aufs Schwarze Brett schauen“, murmelte er.

Format: 17 x 21 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-95840-796-1
Erscheinungsdatum: 18.12.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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