Die neue Zeit
Nicht nur ein Märchen
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 170
ISBN: 978-3-7116-0372-2
Erscheinungsdatum: 16.04.2025
Die junge Willa fühlt sich in ihrem Leben von allen Menschen unverstanden, bis sie eines Tages das Formwandlerwesen Sirona kennenlernt. Gemeinsam machen sie sich auf eine abenteuerliche Reise jenseits von Zeit und Raum.
1
Das Neue kommt
Vor langer Zeit lebte einmal ein junges Mädchen. Wilhelmina wurde es genannt. Weil der Name aber so lang war, wurde es von jedermann nur Willa gerufen. Willa war nicht mehr klein, aber auch noch nicht so groß, als dass sie die Erwachsenen ernst genommen hätten. Das machte ihr sehr zu schaffen, weil sie sich in keiner Welt so richtig zu Hause fühlte. Sie fühlte sich verloren und einsam, niemand verstand sie. Darum konnte sie auch mit niemandem so ,richtig‘ reden. Oft lief sie traurig im Wald herum oder saß ganz alleine am großen See in der Nähe ihres Dorfes. In den Wald durfte sie, an den großen See durfte sie nicht. Man hatte es ihr verboten. Allen Kindern war es verboten, an den großen See zu gehen.
Eines Tages lief sie wieder alleine umher und fand sich mit einem Male an dem Ort wieder, an dem sie nicht sein durfte. Aber sie liebte es, hier zu sein. Sie liebte es, auf die Oberfläche des Wassers zu schauen, das Glitzern und Funkeln in der Sonne zu beobachten, dem leisen Plätschern der sanften Wellen zu lauschen. All dies beruhigte sie. Sie fühlte sich hier am See ganz zu Hause. Es war so, als wäre sie angekommen. Jedes Mal war es so. Hier konnte sie ganz in ihrer eigenen Tiefe verschwinden und über IHR Leben und über das Leben im Allgemeinen nachdenken … und auch nachfühlen. Nachfühlen, das tat sie am liebsten.
Was die Erwachsenen nur immer haben?, dachte Willa. Immer, wenn ich sie beobachte, sehen sie traurig aus, richtig ängstlich. Ganz so, als ob sie sich vollkommen alleine fühlen. Eigentlich genauso wie sie selbst. Und dennoch war da etwas anders. Nur was?
Ah, dachte Willa, jetzt weiß ich es! Sie haben aufgegeben. Sie haben die Freude und die Liebe aufgegeben. Sie haben die Leichtigkeit aufgegeben und ihren Glauben an das Leben verloren. War es bei ihr etwa genauso? Sie war auch oft sehr, sehr traurig. Einsam und alleine fühlte sie sich auch … Und doch – nein, da war etwas anders in ihr. Nur, was war das?
Mit einem Male vernahm sie ein Plätschern und ein Prusten. Sie schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken. Dann, ganz plötzlich, sah sie, wie das Wasser vor ihr sich teilte. Ein Wesen von unbeschreiblicher Schönheit stieg aus dem Wasser.
Seine Augen leuchteten voller Sanftmut und Liebe. So schaute dieses Wesen Willa an, ganz, ganz lange. Willa wagte nicht, zur Seite zu blicken. Wie gebannt schaute sie dem fremden Wesen direkt in die Augen, obwohl ihr Herz vor Angst zu zerspringen drohte. Poch, poch, poch … So laut klopfte es in ihren Ohren.
Nach einer ganzen Weile schien sich ihr Herz zu beruhigen. Das Pochen wurde leiser, langsamer und schließlich fühlte Willa, wie sich ihr Herz voller Freude öffnete. Was war das? Mit großen Augen fühlte Willa in ihr Herz hinein. Ihr Herz schien mehr zu wissen als sie selbst. Wie schon so oft schloss sie sich ihrem Herzen an. Alle angstvollen Gedanken ignorierte sie und kam so in ihren eigenen Frieden.
„Wer bist du?“, fragte Willa das wunderschöne Wesen vor ihr im See.
„Ich bin ein Wesen, das in beiden Welten zu Hause sein kann, genauso wie du, Willa.“
„Du kennst meinen Namen?“
„Ja, ich sehe dich schon lange und lausche dir schon lange. Nun habe ich beschlossen, dir zu helfen und alles mit dir zu teilen.“
„Was möchtest du mit mir teilen?“, fragte Willa das Wesen.
„Was mein ist, soll auch dein sein. Dies sollen keine irdischen Güter sein, nichts, was du mit deinen Händen berühren könntest. Und doch soll es dir gehören. Mein Wissen, meine Sicht auf alles, was ist, das möchte ich dir schenken. Sag, Willa, willst du das?“
Willa saß eine Weile da und dachte angestrengt nach. Was könnte es wohl sein, dieses Wissen und von welcher Sicht sprach das Wesen? Sie hatte doch eigene Augen, die sehen konnten. Was also war mit dem Wort ,Sicht‘ gemeint?
„Hm …“, antwortete Willa. „Lass mich kurz nachdenken. Eine solch weitreichende Entscheidung kann ich nicht so schnell treffen.“
Das Wesen schaute sie liebevoll an und nickte bloß. Also saß Willa eine Weile da und überlegte. Mit einem Male fiel ihr auf, dass sie nur überlegte! Ihr Herz hatte sie noch gar nicht gefragt. Dann fühlte sie in ihr Herz hinein und dort einen vorher nie gekannten Frieden, eine Freude und eine Weite, die sie beglückten. Also nahm sie ihr Herz in beide Hände und sprach: „Liebes unbekanntes Wesen, ich will mutig sein. Ich will dein Angebot, alles mit mir zu teilen, annehmen.“
Das Wesen antwortete: „Dann komme von nun an an diesen See, um deine Geschenke zu erhalten. Komme, wann immer du möchtest. Folge dem Ruf deines Herzens. Ich werde es wissen und da sein.“
Mit diesen Worten drehte das wunderschöne Wesen sich um und verschwand im See. Und Willa? Willa ging voller Glück nach Hause und freute sich auf die nächste Begegnung mit dem zauberhaften Wesen.
2
Sage mir, wer du bist
Genau eine Woche später machte Willa sich wieder auf den Weg zum großen See. Mürrisch und übellaunig stapfte sie durch den Matsch, der nach einem langen Regen auf den Wegen lag. Die ihr aufgetragenen Aufgaben hatte sie für heute erledigt. Nun hatte sie sich – trotz aller Verbote – wieder heimlich davongeschlichen.
Mein Gott, dachte Willa, was sie nur alle haben! Was habe ich denn nur getan, dass sie sich mir gegenüber so verhalten? Bin ich vielleicht wirklich verrückt oder wunderlich, so wie alle es immer wieder sagen? Was soll ich nur glauben? Wem soll ich nur glauben?
Sie verstand die Welt nicht mehr. Nach ihrer ersten Begegnung mit dem wunderschönen Wesen war sie voller Glück nach Hause gelaufen und hatte allen erzählt, was sie erlebt hatte. Ihre Eltern waren vor Scham fast im Erdboden versunken. Die Blicke der anderen aus dem Dorf waren gar grausig gewesen. Zorn und Ärger hatte sie in ihren Gesichtern lesen können, aber auch Hohn und Spott. Herablassend hatten alle sie angeschaut … Als ob sie etwas Verbotenes erzählt hätte. Und dann? Dann hatten ihre Eltern sie beiseitegenommen und mit ihr geschimpft.
„Willa“, hatte ihr Vater gesagt, „Willa, wie kannst du nur solch eine haarsträubende Geschichte erzählen? Bist du denn verrückt geworden? Das kann und will dir niemand glauben. Was sollen denn jetzt die Leute von uns denken?“
Ihre Mutter hatte die Hände vor ihr Gesicht gelegt und nur geweint.
Als Willa sie später voller Traurigkeit angeschaut hatte, war ihre Mutter zu ihr gekommen und hatte ihr liebevoll über das Haar gestreichelt. Dabei hatte sie gesagt: „Mein liebes Kind, höre doch endlich auf zu träumen. Höre auf, solche Geschichten zu erzählen. Höre auf, immer wieder so komische Fragen über das Leben zu stellen. Siehst du denn nicht, dass die Menschen dich komisch anschauen? Macht dir das denn gar nichts aus? Das Leben ist so, wie es eben ist. Punkt. Da gibt es nichts zu hinterfragen. Tue uns diese Schande um Gottes Willen nicht an! Sei folgsam und brav und lerne gut in der Schule. Dort wird dir alles beigebracht, was du für ein gutes Leben brauchst.“
Willa war daraufhin todtraurig davongegangen. Hatten die anderen etwa recht? Hatte sie sich das alles nur eingebildet? War sie wirklich so wundersam? Gar verrückt?
Die Zeit verging und ganz langsam glaubte sie den Menschen in ihrem Dorf. Sie musste wohl geträumt haben … Zum See hatte sie sich erst einmal nicht mehr getraut. Was, wenn sie sich tatsächlich alles eingebildet hatte?
Aber heute war es soweit! Heute fühlte sie wieder Mut in sich. Sie wollte es wissen. Das Wesen hatte ihr gesagt, dass es da sei, wenn sie kommen würde. Nun, sie würde es gleich sehen …
Am See setzte sie sich auf einen großen Felsbrocken und starrte auf das Wasser. Sie wartete … Und da war es wieder. Das Plätschern und das Prusten … Die sanften Wellen des Sees teilten sich und das wunderschöne Wesen schaute sie an.
Also doch! Sie hatte doch recht gehabt! Mit einem Male begann die Luft zu vibrieren und es rauschte so merkwürdig in Willas Ohren. Das schöne Wesen vor ihr verschwand hinter einer flirrenden Wand aus Licht. Die Luft roch so, als sei sie elektrisch aufgeladen. Genauso wie nach einem großen Gewitter.
Als das Rauschen in ihren Ohren nachließ und ihre Sicht wieder klarer wurde, erblickten ihre Augen eine alte Frau, die auf sie zukam. Das wunderschöne Wesen aus dem See war verschwunden.
Die Alte war von zierlicher Gestalt und hatte schneeweiße Haare, die sie zu einem Dutt frisiert hatte. Sie kam näher, schaute Willa liebevoll an und setzte sich schließlich zu ihr auf den großen Felsbrocken.
„Guten Tag, liebe Willa“, sagte die Alte. „Wie geht es dir heute?“
Mürrisch blickte Willa auf ihre vermatschten Schuhe. „Hm, was soll ich sagen? Wie soll es mir schon gehen? Nicht gut, wie du vielleicht weißt.“
„Ja, das weiß ich wohl“, antwortete ihr die alte Frau. „Ich habe gesehen, was du erlebt hast. Es hat mich sehr, sehr traurig gestimmt, dich so voller Zweifel zu sehen. Aber leider durfte ich dir nicht helfen. Mir waren die Hände gebunden. Ich hatte zu warten, bis du von ganz alleine die Entscheidung triffst, mich wieder aufzusuchen. Sag, Willa, wie kann ich dir helfen? Hast du Fragen in dir, die du mir gerne stellen würdest?“
Willa grunzte übellaunig und sagte eine Weile nichts. Dann platzte es nur so aus ihr heraus … Sie schrie es fast heraus: „Sage mir, wer du bist!“
Die Alte lächelte und sprach: „Das ist eine sehr gute erste Frage, Willa. Ich habe mir für dich den schönen Namen Sirona ausgesucht. Ich finde, er klingt hübsch und beschreibt auch recht gut, wer ich bin.“
„Na prima“, entgegnete Willa, immer noch nicht besser gelaunt. „Jetzt kenne ich deinen Namen, den du dir für mich ausgesucht hast. Super! Aber … Wer bist du?“
„Ich bin ein Wesen, das von weit, weit herkommt. Wir, dort auf unserem Planeten, beobachten euch Menschen auf eurer Erde schon eine ganze Weile. Wie du wohl schon bemerkt hast, bin ich auch ein Formwandlerwesen. Ich kann jede Form annehmen, die mir für den Moment richtig erscheint. Ich bin hier, damit du deine Geschenke von mir erhältst. Nun schau nicht so mürrisch, Willa. Alles ist gut und richtig so, wie es gerade ist. Du bist nicht verrückt, auch wenn die anderen Menschen dir das immer wieder sagen. Du bist nur anders als sie. Das ist alles. Du siehst Dinge, die sie nicht sehen können. Du denkst Dinge, die sie nicht denken können. Sag mir, ist das so schlimm?“
Willa schaute nun die alte Dame zum ersten Mal richtig an. Sie dachte nach … Nun ja, wirklich schlimm war das nicht. Aber: Sie fühlte sich immer so alleine.
„Liebe Sirona“, sagte Willa nun wesentlich freundlicher, „nein, schlimm ist das nicht, was die anderen über mich denken. Das Einzige, was schlimm für mich ist, ist, dass ich wirklich niemanden habe, mit dem ich reden kann, so wie mir die Gedanken in meinem Kopf umherpurzeln. Wirklich! Da gibt es nicht einen einzigen Menschen bis jetzt.“
„Sei nicht traurig darüber, liebe Willa. Darum bin ich jetzt hier. Mit mir kannst du deine Gedanken teilen. Mir kannst du deine Fragen stellen … Meine Aufgabe ist es, dich zu begleiten in deinem Leben und dich zu unterweisen. Die erste Lektion ist: Wenn du den Menschen etwas erzählen möchtest, dann erzähle Märchen. Denn Märchen können die Menschen gut annehmen … Es sind nur Märchen … Der Kopf denkt nicht, die Seele wird berührt. Das ist das erste Geschenk, das ich dir geben möchte.“
Nachdenklich schaute Willa Sirona an, nickte gedankenverloren, stand auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Im Davongehen drehte sie sich noch einmal um, winkte und rief: „Vielen, vielen Dank, Sirona, es geht mir schon viel besser. Ich werde gut über deine Worte nachdenken. Bis zum nächsten Mal, auf Wiedersehen.“
3
Stellt mir eure Fragen
Einige Tage später war Willa wieder unterwegs zum großen See. Die Sonne schien warm vom blauen Himmel auf die Erde herab. Ein leichter Wind regte sich in den Bäumen. Die Luft roch nach blühenden Blumen, die Bienen summten fröhlich von einer Blüte zur nächsten. Heute war ein schöner Tag!
Willa hatte viel über Sironas Worte nachgedacht. Je länger sie darüber nachgedacht hatte, desto plausibler erschienen sie ihr. Vor allem dann, wenn sie die Erwachsenen im Dorf beobachtete oder bisweilen auch belauschte. Sie erkannte, dass alle aus ihren Köpfen sprachen. Kaum jemand machte sich die Mühe, aus seinem Herzen zu sprechen. Aber vielleicht tat sie ihnen auch unrecht. Vielleicht hatten sie es auch nur verlernt, aus ihren Herzen zu sprechen.
Hm … Nun ja, es war so, wie es halt war. Aber sie hatte Sironas Rat gut befolgt. Sie hatte mit niemandem über ihre erneute Begegnung mit Sirona gesprochen. Die Sache mit dem Märchenerzählen wollte sich noch nicht so recht bei ihr einstellen. Sie hatte es zwar einmal versucht, war jedoch kläglich gescheitert. Aber das kam sicherlich noch … Sie wollte einfach nur Geduld haben.
Von Weitem schon erblickten ihre Augen Sirona. Sie saß auf dem großen Felsbrocken, hatte ihr Gesicht zur Sonne erhoben und ließ sich von ihr bescheinen. Als Sirona Willa erblickte, begannen ihre Augen zu leuchten.
„Einen wunderschönen guten Tag, liebe Willa, da bist du ja!“, rief sie Willa entgegen. „Ist das nicht ein wundervolles Wetter? Ich liebe die warmen Sonnenstrahlen, die mein Gesicht berühren. Das ist der große Vorteil, wenn man sich einen Körper zugelegt hat, nicht wahr?“ Sirona grinste schelmisch.
Willa verdreht die Augen. Boah, was sollte das nun wieder heißen?
„Hallo, Sirona“, rief Willa der alten Dame zu.
„Komm, Willa. Nimm neben mir Platz. Lass uns heute mal über das Fragenstellen sprechen und darüber, wie wichtig es im Leben eines Menschen ist, immer wieder Fragen zu stellen. Du fragst gerne, Willa, richtig?“
Willa hielt ihr Gesicht ebenfalls der Sonne entgegen und überlegt. „Ja“, antwortete sie. „Ich frage gerne. Warum fragst du?“ Willa grinste. Sie liebte es, andere Menschen mit komischen Antworten zu verwirren.
Sirona schien jedoch nichts zu bemerken … oder sie tat einfach nur so.
„Was sind deine Lieblingsfragen, Willa?“, fragte Sirona.
„Hm, lass mich mal kurz überlegen … Ich frage am liebsten nach dem Warum von einer Sache, eines Dings, einer Situation usw. Ich habe auch ein paar Beispiele: Warum ist mein Name Willa oder besser Wilhelmina? Meine Eltern sagten mir, dass sie den Namen schön finden. Dann habe ich gefragt, warum sie den Namen schön finden. Aber da haben sie nur geschaut und die Schultern gezuckt. Oder ich habe einmal gefragt, warum ich ein Mädchen geworden bin. Oder, wäre ich auch die, die ich bin, wenn ich einen anderen Papa hätte? Würde ich dann auch so aussehen wie jetzt. Oder so sein wie jetzt? Oder …“
„Stopp, stopp, Willa. Nicht so schnell!“, rief Sirona und hob beide Hände. „Das sind überaus gewichtige Fragen, die du da stellst. Also: Das Warum ist dir wichtig. Dir ist aber noch etwas anderes wichtig. Weißt du, was ich meine?“
Willa dachte nach, ihr wollte aber nichts Gescheites einfallen.
„Nun“, sagte Sirona, „deine zweitliebsten Fragen beginnen immer mit: ,Was wäre, wenn …‘“
„Richtig!“, rief Willa. „Genauso ist es. Was wäre, wenn alles, was ich in der Schule lerne, mich nicht weiterbringt? Was wäre, wenn das, was ich mit meinen Augen sehe, in Wirklichkeit gar nicht so aussieht, wie ich es sehe? Ach, mir fallen noch so viele Fragen ein.“
„Sehr schön, Willa. Doch, warte einmal einen Augenblick. Fühlst du nichts?“
„Nein“, entgegnete Willa. „Was soll ich denn fühlen?“
„Na, da draußen hören uns viele fühlende Menschen zu. Merkst du’s?“
Willa spürte nach ‚da draußen‘. Aber, wo war bloß ‚da draußen‘?
Sirona entging Willas gedachte Frage nicht. Sie antwortete: „Mit ,da draußen‘ meine ich die andere Wirklichkeit, die es auch noch gibt. Weißt du, wir sind nicht alleine. Da draußen gibt es noch andere fühlende Menschen, die uns gerade zuhören. Warte einmal kurz. Ich bin gleich wieder ganz bei dir. Ich will nur mal ,rausschauen‘ und auch ein paar liebevolle Worte an die Menschen dort draußen richten. Ist das in Ordnung für dich, Willa?“
Als Willa zustimmend nickte, veränderte Sirona augenblicklich ihre gewählte Form. Sie wurde länger, länger und länger. Sie wurde so lang, dass Willa ihren Kopf, ihren Hals und ihre Schultern nicht mehr erkennen konnte. Aber hören konnte sie Sirona schon noch.
Wow! Was für ein Wesen, dachte Willa.
„Huhu, ihr fühlenden Menschen dort draußen!“, rief Sirona ins Nirgendwo hinein.
„Huhu, ihr hört mich doch. Ihr lauscht doch nun schon eine ganze Weile unserer Geschichte hier, die durch Katharina aufgeschrieben wird, oder? Ja, ich meine euch. Fühlt ihr euch angesprochen von mir? Wenn ja, dann möchte ich euch bitten, uns eure Fragen zu stellen. Alles, was euch bewegt, ist uns in der Geschichte willkommen. Habt Mut, traut euch. Fragt nach dem großen Warum. Fragt nach den Zusammenhängen. Habt ihr vielleicht Themen, die euch auf euren Seelen brennen und etwas mit eurem persönlichen Wachstum zu tun haben? Dann heraus damit. Habt Mut, ihr fühlenden Menschen dort draußen! Nun verabschiede ich mich von euch und begebe mich wieder in die Realität der Geschichte, der ihr gerade lauscht. Auf Wiedersehen, ihr alle!“
Mit diesen Worten begann Sirona wieder zu schrumpfen, sie wurde kleiner und kleiner, bis sie wieder ihre vorherige Form angenommen hatte.
„So“, sagte Sirona und klatschte in die Hände. „So, das hätten wir auch geklärt. Jetzt freuen wir uns auf Fragen von der anderen Erde, was Willa?“
Willa konnte sie nur verdutzt anschauen. Ihr Kopf war gedankenleer, das war schon ziemlich merkwürdig. Diese Leere im Kopf kannte sie nicht. Es musste also wirklich etwas ganz Besonderes passiert sein gerade.
„Fragen … äh … andere Erde … fühlende Menschen dort draußen … äh … Ich komme einfach nicht mehr mit. Jetzt bin ich total verwirrt. In meinem Kopf dreht sich ein Karussell. Äh … Ich weiß jetzt gar nichts mehr, Sirona. Verzeih mir bitte. Ich bin mit meinem Latein am Ende.“
„Weißt du was, Willa? Vielleicht gehst du heute mal besser nach Hause. Man sollte ein aufwachendes Bewusstsein nicht überfordern. Ich glaube, dass das, was du gerade erlebt und erfahren hast, ausreicht. Ruhe dich aus und mach etwas Schönes, etwas, was dir Freude bereitet, und warte ab, was passiert.“
Mit diesen Worten verschwand Sirona. Willa ging sehr nachdenklich nach Hause.
Das Neue kommt
Vor langer Zeit lebte einmal ein junges Mädchen. Wilhelmina wurde es genannt. Weil der Name aber so lang war, wurde es von jedermann nur Willa gerufen. Willa war nicht mehr klein, aber auch noch nicht so groß, als dass sie die Erwachsenen ernst genommen hätten. Das machte ihr sehr zu schaffen, weil sie sich in keiner Welt so richtig zu Hause fühlte. Sie fühlte sich verloren und einsam, niemand verstand sie. Darum konnte sie auch mit niemandem so ,richtig‘ reden. Oft lief sie traurig im Wald herum oder saß ganz alleine am großen See in der Nähe ihres Dorfes. In den Wald durfte sie, an den großen See durfte sie nicht. Man hatte es ihr verboten. Allen Kindern war es verboten, an den großen See zu gehen.
Eines Tages lief sie wieder alleine umher und fand sich mit einem Male an dem Ort wieder, an dem sie nicht sein durfte. Aber sie liebte es, hier zu sein. Sie liebte es, auf die Oberfläche des Wassers zu schauen, das Glitzern und Funkeln in der Sonne zu beobachten, dem leisen Plätschern der sanften Wellen zu lauschen. All dies beruhigte sie. Sie fühlte sich hier am See ganz zu Hause. Es war so, als wäre sie angekommen. Jedes Mal war es so. Hier konnte sie ganz in ihrer eigenen Tiefe verschwinden und über IHR Leben und über das Leben im Allgemeinen nachdenken … und auch nachfühlen. Nachfühlen, das tat sie am liebsten.
Was die Erwachsenen nur immer haben?, dachte Willa. Immer, wenn ich sie beobachte, sehen sie traurig aus, richtig ängstlich. Ganz so, als ob sie sich vollkommen alleine fühlen. Eigentlich genauso wie sie selbst. Und dennoch war da etwas anders. Nur was?
Ah, dachte Willa, jetzt weiß ich es! Sie haben aufgegeben. Sie haben die Freude und die Liebe aufgegeben. Sie haben die Leichtigkeit aufgegeben und ihren Glauben an das Leben verloren. War es bei ihr etwa genauso? Sie war auch oft sehr, sehr traurig. Einsam und alleine fühlte sie sich auch … Und doch – nein, da war etwas anders in ihr. Nur, was war das?
Mit einem Male vernahm sie ein Plätschern und ein Prusten. Sie schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken. Dann, ganz plötzlich, sah sie, wie das Wasser vor ihr sich teilte. Ein Wesen von unbeschreiblicher Schönheit stieg aus dem Wasser.
Seine Augen leuchteten voller Sanftmut und Liebe. So schaute dieses Wesen Willa an, ganz, ganz lange. Willa wagte nicht, zur Seite zu blicken. Wie gebannt schaute sie dem fremden Wesen direkt in die Augen, obwohl ihr Herz vor Angst zu zerspringen drohte. Poch, poch, poch … So laut klopfte es in ihren Ohren.
Nach einer ganzen Weile schien sich ihr Herz zu beruhigen. Das Pochen wurde leiser, langsamer und schließlich fühlte Willa, wie sich ihr Herz voller Freude öffnete. Was war das? Mit großen Augen fühlte Willa in ihr Herz hinein. Ihr Herz schien mehr zu wissen als sie selbst. Wie schon so oft schloss sie sich ihrem Herzen an. Alle angstvollen Gedanken ignorierte sie und kam so in ihren eigenen Frieden.
„Wer bist du?“, fragte Willa das wunderschöne Wesen vor ihr im See.
„Ich bin ein Wesen, das in beiden Welten zu Hause sein kann, genauso wie du, Willa.“
„Du kennst meinen Namen?“
„Ja, ich sehe dich schon lange und lausche dir schon lange. Nun habe ich beschlossen, dir zu helfen und alles mit dir zu teilen.“
„Was möchtest du mit mir teilen?“, fragte Willa das Wesen.
„Was mein ist, soll auch dein sein. Dies sollen keine irdischen Güter sein, nichts, was du mit deinen Händen berühren könntest. Und doch soll es dir gehören. Mein Wissen, meine Sicht auf alles, was ist, das möchte ich dir schenken. Sag, Willa, willst du das?“
Willa saß eine Weile da und dachte angestrengt nach. Was könnte es wohl sein, dieses Wissen und von welcher Sicht sprach das Wesen? Sie hatte doch eigene Augen, die sehen konnten. Was also war mit dem Wort ,Sicht‘ gemeint?
„Hm …“, antwortete Willa. „Lass mich kurz nachdenken. Eine solch weitreichende Entscheidung kann ich nicht so schnell treffen.“
Das Wesen schaute sie liebevoll an und nickte bloß. Also saß Willa eine Weile da und überlegte. Mit einem Male fiel ihr auf, dass sie nur überlegte! Ihr Herz hatte sie noch gar nicht gefragt. Dann fühlte sie in ihr Herz hinein und dort einen vorher nie gekannten Frieden, eine Freude und eine Weite, die sie beglückten. Also nahm sie ihr Herz in beide Hände und sprach: „Liebes unbekanntes Wesen, ich will mutig sein. Ich will dein Angebot, alles mit mir zu teilen, annehmen.“
Das Wesen antwortete: „Dann komme von nun an an diesen See, um deine Geschenke zu erhalten. Komme, wann immer du möchtest. Folge dem Ruf deines Herzens. Ich werde es wissen und da sein.“
Mit diesen Worten drehte das wunderschöne Wesen sich um und verschwand im See. Und Willa? Willa ging voller Glück nach Hause und freute sich auf die nächste Begegnung mit dem zauberhaften Wesen.
2
Sage mir, wer du bist
Genau eine Woche später machte Willa sich wieder auf den Weg zum großen See. Mürrisch und übellaunig stapfte sie durch den Matsch, der nach einem langen Regen auf den Wegen lag. Die ihr aufgetragenen Aufgaben hatte sie für heute erledigt. Nun hatte sie sich – trotz aller Verbote – wieder heimlich davongeschlichen.
Mein Gott, dachte Willa, was sie nur alle haben! Was habe ich denn nur getan, dass sie sich mir gegenüber so verhalten? Bin ich vielleicht wirklich verrückt oder wunderlich, so wie alle es immer wieder sagen? Was soll ich nur glauben? Wem soll ich nur glauben?
Sie verstand die Welt nicht mehr. Nach ihrer ersten Begegnung mit dem wunderschönen Wesen war sie voller Glück nach Hause gelaufen und hatte allen erzählt, was sie erlebt hatte. Ihre Eltern waren vor Scham fast im Erdboden versunken. Die Blicke der anderen aus dem Dorf waren gar grausig gewesen. Zorn und Ärger hatte sie in ihren Gesichtern lesen können, aber auch Hohn und Spott. Herablassend hatten alle sie angeschaut … Als ob sie etwas Verbotenes erzählt hätte. Und dann? Dann hatten ihre Eltern sie beiseitegenommen und mit ihr geschimpft.
„Willa“, hatte ihr Vater gesagt, „Willa, wie kannst du nur solch eine haarsträubende Geschichte erzählen? Bist du denn verrückt geworden? Das kann und will dir niemand glauben. Was sollen denn jetzt die Leute von uns denken?“
Ihre Mutter hatte die Hände vor ihr Gesicht gelegt und nur geweint.
Als Willa sie später voller Traurigkeit angeschaut hatte, war ihre Mutter zu ihr gekommen und hatte ihr liebevoll über das Haar gestreichelt. Dabei hatte sie gesagt: „Mein liebes Kind, höre doch endlich auf zu träumen. Höre auf, solche Geschichten zu erzählen. Höre auf, immer wieder so komische Fragen über das Leben zu stellen. Siehst du denn nicht, dass die Menschen dich komisch anschauen? Macht dir das denn gar nichts aus? Das Leben ist so, wie es eben ist. Punkt. Da gibt es nichts zu hinterfragen. Tue uns diese Schande um Gottes Willen nicht an! Sei folgsam und brav und lerne gut in der Schule. Dort wird dir alles beigebracht, was du für ein gutes Leben brauchst.“
Willa war daraufhin todtraurig davongegangen. Hatten die anderen etwa recht? Hatte sie sich das alles nur eingebildet? War sie wirklich so wundersam? Gar verrückt?
Die Zeit verging und ganz langsam glaubte sie den Menschen in ihrem Dorf. Sie musste wohl geträumt haben … Zum See hatte sie sich erst einmal nicht mehr getraut. Was, wenn sie sich tatsächlich alles eingebildet hatte?
Aber heute war es soweit! Heute fühlte sie wieder Mut in sich. Sie wollte es wissen. Das Wesen hatte ihr gesagt, dass es da sei, wenn sie kommen würde. Nun, sie würde es gleich sehen …
Am See setzte sie sich auf einen großen Felsbrocken und starrte auf das Wasser. Sie wartete … Und da war es wieder. Das Plätschern und das Prusten … Die sanften Wellen des Sees teilten sich und das wunderschöne Wesen schaute sie an.
Also doch! Sie hatte doch recht gehabt! Mit einem Male begann die Luft zu vibrieren und es rauschte so merkwürdig in Willas Ohren. Das schöne Wesen vor ihr verschwand hinter einer flirrenden Wand aus Licht. Die Luft roch so, als sei sie elektrisch aufgeladen. Genauso wie nach einem großen Gewitter.
Als das Rauschen in ihren Ohren nachließ und ihre Sicht wieder klarer wurde, erblickten ihre Augen eine alte Frau, die auf sie zukam. Das wunderschöne Wesen aus dem See war verschwunden.
Die Alte war von zierlicher Gestalt und hatte schneeweiße Haare, die sie zu einem Dutt frisiert hatte. Sie kam näher, schaute Willa liebevoll an und setzte sich schließlich zu ihr auf den großen Felsbrocken.
„Guten Tag, liebe Willa“, sagte die Alte. „Wie geht es dir heute?“
Mürrisch blickte Willa auf ihre vermatschten Schuhe. „Hm, was soll ich sagen? Wie soll es mir schon gehen? Nicht gut, wie du vielleicht weißt.“
„Ja, das weiß ich wohl“, antwortete ihr die alte Frau. „Ich habe gesehen, was du erlebt hast. Es hat mich sehr, sehr traurig gestimmt, dich so voller Zweifel zu sehen. Aber leider durfte ich dir nicht helfen. Mir waren die Hände gebunden. Ich hatte zu warten, bis du von ganz alleine die Entscheidung triffst, mich wieder aufzusuchen. Sag, Willa, wie kann ich dir helfen? Hast du Fragen in dir, die du mir gerne stellen würdest?“
Willa grunzte übellaunig und sagte eine Weile nichts. Dann platzte es nur so aus ihr heraus … Sie schrie es fast heraus: „Sage mir, wer du bist!“
Die Alte lächelte und sprach: „Das ist eine sehr gute erste Frage, Willa. Ich habe mir für dich den schönen Namen Sirona ausgesucht. Ich finde, er klingt hübsch und beschreibt auch recht gut, wer ich bin.“
„Na prima“, entgegnete Willa, immer noch nicht besser gelaunt. „Jetzt kenne ich deinen Namen, den du dir für mich ausgesucht hast. Super! Aber … Wer bist du?“
„Ich bin ein Wesen, das von weit, weit herkommt. Wir, dort auf unserem Planeten, beobachten euch Menschen auf eurer Erde schon eine ganze Weile. Wie du wohl schon bemerkt hast, bin ich auch ein Formwandlerwesen. Ich kann jede Form annehmen, die mir für den Moment richtig erscheint. Ich bin hier, damit du deine Geschenke von mir erhältst. Nun schau nicht so mürrisch, Willa. Alles ist gut und richtig so, wie es gerade ist. Du bist nicht verrückt, auch wenn die anderen Menschen dir das immer wieder sagen. Du bist nur anders als sie. Das ist alles. Du siehst Dinge, die sie nicht sehen können. Du denkst Dinge, die sie nicht denken können. Sag mir, ist das so schlimm?“
Willa schaute nun die alte Dame zum ersten Mal richtig an. Sie dachte nach … Nun ja, wirklich schlimm war das nicht. Aber: Sie fühlte sich immer so alleine.
„Liebe Sirona“, sagte Willa nun wesentlich freundlicher, „nein, schlimm ist das nicht, was die anderen über mich denken. Das Einzige, was schlimm für mich ist, ist, dass ich wirklich niemanden habe, mit dem ich reden kann, so wie mir die Gedanken in meinem Kopf umherpurzeln. Wirklich! Da gibt es nicht einen einzigen Menschen bis jetzt.“
„Sei nicht traurig darüber, liebe Willa. Darum bin ich jetzt hier. Mit mir kannst du deine Gedanken teilen. Mir kannst du deine Fragen stellen … Meine Aufgabe ist es, dich zu begleiten in deinem Leben und dich zu unterweisen. Die erste Lektion ist: Wenn du den Menschen etwas erzählen möchtest, dann erzähle Märchen. Denn Märchen können die Menschen gut annehmen … Es sind nur Märchen … Der Kopf denkt nicht, die Seele wird berührt. Das ist das erste Geschenk, das ich dir geben möchte.“
Nachdenklich schaute Willa Sirona an, nickte gedankenverloren, stand auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Im Davongehen drehte sie sich noch einmal um, winkte und rief: „Vielen, vielen Dank, Sirona, es geht mir schon viel besser. Ich werde gut über deine Worte nachdenken. Bis zum nächsten Mal, auf Wiedersehen.“
3
Stellt mir eure Fragen
Einige Tage später war Willa wieder unterwegs zum großen See. Die Sonne schien warm vom blauen Himmel auf die Erde herab. Ein leichter Wind regte sich in den Bäumen. Die Luft roch nach blühenden Blumen, die Bienen summten fröhlich von einer Blüte zur nächsten. Heute war ein schöner Tag!
Willa hatte viel über Sironas Worte nachgedacht. Je länger sie darüber nachgedacht hatte, desto plausibler erschienen sie ihr. Vor allem dann, wenn sie die Erwachsenen im Dorf beobachtete oder bisweilen auch belauschte. Sie erkannte, dass alle aus ihren Köpfen sprachen. Kaum jemand machte sich die Mühe, aus seinem Herzen zu sprechen. Aber vielleicht tat sie ihnen auch unrecht. Vielleicht hatten sie es auch nur verlernt, aus ihren Herzen zu sprechen.
Hm … Nun ja, es war so, wie es halt war. Aber sie hatte Sironas Rat gut befolgt. Sie hatte mit niemandem über ihre erneute Begegnung mit Sirona gesprochen. Die Sache mit dem Märchenerzählen wollte sich noch nicht so recht bei ihr einstellen. Sie hatte es zwar einmal versucht, war jedoch kläglich gescheitert. Aber das kam sicherlich noch … Sie wollte einfach nur Geduld haben.
Von Weitem schon erblickten ihre Augen Sirona. Sie saß auf dem großen Felsbrocken, hatte ihr Gesicht zur Sonne erhoben und ließ sich von ihr bescheinen. Als Sirona Willa erblickte, begannen ihre Augen zu leuchten.
„Einen wunderschönen guten Tag, liebe Willa, da bist du ja!“, rief sie Willa entgegen. „Ist das nicht ein wundervolles Wetter? Ich liebe die warmen Sonnenstrahlen, die mein Gesicht berühren. Das ist der große Vorteil, wenn man sich einen Körper zugelegt hat, nicht wahr?“ Sirona grinste schelmisch.
Willa verdreht die Augen. Boah, was sollte das nun wieder heißen?
„Hallo, Sirona“, rief Willa der alten Dame zu.
„Komm, Willa. Nimm neben mir Platz. Lass uns heute mal über das Fragenstellen sprechen und darüber, wie wichtig es im Leben eines Menschen ist, immer wieder Fragen zu stellen. Du fragst gerne, Willa, richtig?“
Willa hielt ihr Gesicht ebenfalls der Sonne entgegen und überlegt. „Ja“, antwortete sie. „Ich frage gerne. Warum fragst du?“ Willa grinste. Sie liebte es, andere Menschen mit komischen Antworten zu verwirren.
Sirona schien jedoch nichts zu bemerken … oder sie tat einfach nur so.
„Was sind deine Lieblingsfragen, Willa?“, fragte Sirona.
„Hm, lass mich mal kurz überlegen … Ich frage am liebsten nach dem Warum von einer Sache, eines Dings, einer Situation usw. Ich habe auch ein paar Beispiele: Warum ist mein Name Willa oder besser Wilhelmina? Meine Eltern sagten mir, dass sie den Namen schön finden. Dann habe ich gefragt, warum sie den Namen schön finden. Aber da haben sie nur geschaut und die Schultern gezuckt. Oder ich habe einmal gefragt, warum ich ein Mädchen geworden bin. Oder, wäre ich auch die, die ich bin, wenn ich einen anderen Papa hätte? Würde ich dann auch so aussehen wie jetzt. Oder so sein wie jetzt? Oder …“
„Stopp, stopp, Willa. Nicht so schnell!“, rief Sirona und hob beide Hände. „Das sind überaus gewichtige Fragen, die du da stellst. Also: Das Warum ist dir wichtig. Dir ist aber noch etwas anderes wichtig. Weißt du, was ich meine?“
Willa dachte nach, ihr wollte aber nichts Gescheites einfallen.
„Nun“, sagte Sirona, „deine zweitliebsten Fragen beginnen immer mit: ,Was wäre, wenn …‘“
„Richtig!“, rief Willa. „Genauso ist es. Was wäre, wenn alles, was ich in der Schule lerne, mich nicht weiterbringt? Was wäre, wenn das, was ich mit meinen Augen sehe, in Wirklichkeit gar nicht so aussieht, wie ich es sehe? Ach, mir fallen noch so viele Fragen ein.“
„Sehr schön, Willa. Doch, warte einmal einen Augenblick. Fühlst du nichts?“
„Nein“, entgegnete Willa. „Was soll ich denn fühlen?“
„Na, da draußen hören uns viele fühlende Menschen zu. Merkst du’s?“
Willa spürte nach ‚da draußen‘. Aber, wo war bloß ‚da draußen‘?
Sirona entging Willas gedachte Frage nicht. Sie antwortete: „Mit ,da draußen‘ meine ich die andere Wirklichkeit, die es auch noch gibt. Weißt du, wir sind nicht alleine. Da draußen gibt es noch andere fühlende Menschen, die uns gerade zuhören. Warte einmal kurz. Ich bin gleich wieder ganz bei dir. Ich will nur mal ,rausschauen‘ und auch ein paar liebevolle Worte an die Menschen dort draußen richten. Ist das in Ordnung für dich, Willa?“
Als Willa zustimmend nickte, veränderte Sirona augenblicklich ihre gewählte Form. Sie wurde länger, länger und länger. Sie wurde so lang, dass Willa ihren Kopf, ihren Hals und ihre Schultern nicht mehr erkennen konnte. Aber hören konnte sie Sirona schon noch.
Wow! Was für ein Wesen, dachte Willa.
„Huhu, ihr fühlenden Menschen dort draußen!“, rief Sirona ins Nirgendwo hinein.
„Huhu, ihr hört mich doch. Ihr lauscht doch nun schon eine ganze Weile unserer Geschichte hier, die durch Katharina aufgeschrieben wird, oder? Ja, ich meine euch. Fühlt ihr euch angesprochen von mir? Wenn ja, dann möchte ich euch bitten, uns eure Fragen zu stellen. Alles, was euch bewegt, ist uns in der Geschichte willkommen. Habt Mut, traut euch. Fragt nach dem großen Warum. Fragt nach den Zusammenhängen. Habt ihr vielleicht Themen, die euch auf euren Seelen brennen und etwas mit eurem persönlichen Wachstum zu tun haben? Dann heraus damit. Habt Mut, ihr fühlenden Menschen dort draußen! Nun verabschiede ich mich von euch und begebe mich wieder in die Realität der Geschichte, der ihr gerade lauscht. Auf Wiedersehen, ihr alle!“
Mit diesen Worten begann Sirona wieder zu schrumpfen, sie wurde kleiner und kleiner, bis sie wieder ihre vorherige Form angenommen hatte.
„So“, sagte Sirona und klatschte in die Hände. „So, das hätten wir auch geklärt. Jetzt freuen wir uns auf Fragen von der anderen Erde, was Willa?“
Willa konnte sie nur verdutzt anschauen. Ihr Kopf war gedankenleer, das war schon ziemlich merkwürdig. Diese Leere im Kopf kannte sie nicht. Es musste also wirklich etwas ganz Besonderes passiert sein gerade.
„Fragen … äh … andere Erde … fühlende Menschen dort draußen … äh … Ich komme einfach nicht mehr mit. Jetzt bin ich total verwirrt. In meinem Kopf dreht sich ein Karussell. Äh … Ich weiß jetzt gar nichts mehr, Sirona. Verzeih mir bitte. Ich bin mit meinem Latein am Ende.“
„Weißt du was, Willa? Vielleicht gehst du heute mal besser nach Hause. Man sollte ein aufwachendes Bewusstsein nicht überfordern. Ich glaube, dass das, was du gerade erlebt und erfahren hast, ausreicht. Ruhe dich aus und mach etwas Schönes, etwas, was dir Freude bereitet, und warte ab, was passiert.“
Mit diesen Worten verschwand Sirona. Willa ging sehr nachdenklich nach Hause.

