Sonstiges & Allerlei

Die Inselnomadin

Brigitte Almut Gmach

Die Inselnomadin

Teil 1 Anna, Teil 2 Maryanne

Leseprobe:


Prolog

Ein Brief von einem Gericht! In Deutschland. „Was soll das?“, denkt Anna. Schon so früh am Vormittag hat der Briefträger geklingelt und ihr einen eingeschriebenen Brief zum Unterschreiben hingehalten. Als die Tür wieder ins Schloss fällt und das nervige Gebimmel der Klangstäbe oberhalb der Eingangstür verklungen ist, setzt sich Anna erst einmal auf den grünen hölzernen Klappstuhl an den weiß lackierten Küchentisch. Es ist ihr Lieblingsplatz, von dem sie in früheren Jahren aus den Haushalt, die Familie und sich selbst organisierte.

Wo hat sie nur den Brieföffner wieder hingelegt, gestern, als sie damit die Reklamekuverts geöffnet hat, die ins Haus geflattert sind? Ihr Mann würde wieder mahnend den Zeigefinger heben mit seinem beliebten Spruch:
„Lege die Dinge dorthin zurück, wo du sie hergenommen hast!“
Wenn das nur immer so leicht getan wäre wie gesagt. Werner ist nun schon drei Jahre tot. Ein Sekundenherztod beim Tanzen, auf der Fahrt nach Norden – nach Finnland, das er so sehr liebte. Sie hatten bei einem Partnerstädtetreffen in Sachsen unterbrochen. Da war es am Abend beim Zeltfest passiert. Anna fühlt sich noch immer mitschuldig an seinem Tod, weil sie nicht vor dem Zelt auf ihn wartete, wie er sie gebeten hatte. Sie lief schnell ins Zelt, um nach einer Französin zu sehen, die sie einmal bei einem ähnlichen Fest vor einem Jahr getroffen hatte. Es war keine böse Absicht dahinter. Natürlich denkt Anna oft darüber nach, warum sie ihren Mann nicht zum Auto begleitet hatte. Er wollte sich nur einen warmen Pullover holen. Sie tanzten dann, um eine versöhnliche Stimmung heraufzubeschwören. Dass die ganze Angelegenheit so enden würde, wer hat das schon kommen sehen?
Mit einer Handbewegung versucht Anna diese trüben Gedanken zu verscheuchen, die schon wieder von ihr Besitz ergriffen haben. Mit dem Messer, mit dem sie eben noch ihr Frühstücksbrot mit Butter und Marmelade bestrichen hat, öffnet sie den grünen amtlichen Umschlag. Der Absender ist von einem Gericht einer ihr nicht geläufigen Kleinstadt in Deutschland. Ach ja, da ist von Onkel Julius die Rede! Onkel Julius ist vor drei Monaten verstorben. Er war kein richtiger Onkel. Er war ein Freund und Arbeitskollege ihres Bruders, der als Arzt in Deutschland gearbeitet hatte, wo er vor einem Jahr tragisch verunglückte. Dieser Julius kam oft in Begleitung ihres Bruders auf Besuch. Er war unverheiratet geblieben und kinderlos. Anna wusste, dass Julius eine heimliche Schwäche für sie hatte.
„Leider ist mir nie so eine Frau wie du über den Weg gelaufen“, sagte er oft bei diesen sporadischen Besuchen.
„Sei froh!“, erwiderte ihr Mann, „sie kann auch anders sein, egozentrisch und boshaft.“ Nun, er musste es ja wissen.
Anna hatte wohl eine Todesanzeige bekommen, war aber durch eine Erkrankung gehindert, an der Beerdigung teilzunehmen.
Und nun steht in diesem Gerichtsschreiben, dass sie, Anna Wieser, rechtmäßige Erbin eines kleinen Häuschens in einem Fischerdorf an der Westküste einer kanarischen Insel sei. Anna erinnert sich an eine Reise vor vielen Jahren auf diese Insel. Ja, da waren so wilde Buchten mit gewaltiger Brandung. Anna hat Angst vor hohen Wellen, seitdem sie als junges Mädchen in Südfrankreich in der Brandung fast ertrunken wäre. „Warum liegt das Häuschen nicht auf einer Insel im Mittelmeer?“, sinniert Anna. Das wäre doch der Ort ihrer Sehnsucht gewesen. Das Haus am Meer! Anna kann sich nicht erinnern, dass Julius oder auch ihr Bruder von so einer Bleibe erzählt hätten. Merkwürdig. War er nie dort, ihr Bruder? Zumindest hat er darüber nicht viel berichtet. Gab es Geheimnisse in seinem Leben, die er mit ins Grab genommen hat? Warum hat Julius gerade sie als Erbin eingesetzt? Sie war trotz seiner Zuneigung zu ihr oft abweisend. Sie fühlte sich bedrängt, auch ihrem Mann gegenüber oft schuldig deswegen. Ihr Mann hatte sehr rigide Moralvorstellungen. Anna war doch eine verheiratete Frau und wollte nach der unglückseligen Liebesgeschichte mit diesem Bildhauer nicht noch einmal den Argwohn und das Misstrauen ihres Mannes beschwören. Jetzt, wo doch alles im Lot schien. Vorbei die Zeiten der mühsamen Rückeroberung. Zu mühsam war der Weg zurück gewesen zu Versöhnung und Frieden. Ist ihr Mann vielleicht auch an „gebrochenem Herzen“ gestorben? Er hatte den Bruch verzeihen können, aber nicht vergessen. Hatte er die Situation überhaupt verstanden?

Als „Retourkutsche“ wollte er mit dieser Lehrerin ein Verhältnis anfangen. Von ihr hatte er immer geschwärmt und damals im Zug angefangen, vor allen anderen ihre Hand zu streicheln. Das fanden sowohl besagte Lehrerin, Theresa, als auch Anna geschmacklos und peinlich. Die junge Frau, die von Annas Verhältnis gewusst hatte, stellte sich dezidiert gegen die Annäherungsversuche von Annas Mann. Sie sagte ihm klipp und klar, dass sie an ihm kein Interesse habe und nicht der Anlass zur Explosion eines Pulverfasses sein wolle. Theresa hatte Anna diese Angelegenheit in einem offenen Gespräch nach der Beerdigung gestanden. Ihr Mann verstand nicht, dass man sich für einen sogenannten „Fehltritt“ nicht einfach rächen kann. Gefühle sind schlecht steuerbar.
Nun, diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei. Die Beteiligten sind entweder gestorben, noch einmal verheiratet oder allein geblieben. Also, wozu? Jetzt geht es um etwas Reelles.



1. Tag

Drei Wochen nach Erhalt des Schreibens steht Anna am Flughafen der Insel im Atlantik. Sie hatte sich in der Zwischenzeit mit einem deutschen Maklerbüro in Verbindung gesetzt, das ihr angeboten hatte, sie in den Fragen eines möglichen Verkaufs zu beraten. Sie ist nun 70 Jahre alt und will sich nicht mehr mit so einer Fußfessel wie einem Haus belasten. Ihr eigenes Haus hat sie ihrem Sohn übergeben, der nach der Renovierung im oberen Stockwerk mit seiner Familie dort wohnen will. Zudem liegt dieses Ferienhaus auf einer Insel, die man nur mit einem vierstündigen Flug erreichen kann. Um so ein Haus muss man sich kümmern, anfallende Reparaturen erledigen lassen. Ihre zwei Kinder hatten sofort erklärt, dass sie an diesem Haus auch kein Interesse hätten. Sie wollen Geld sehen, mit dem man Schulden begleichen kann.

Man hatte Anna geraten, vom Flughafen am besten gleich mit einem Taxi an die Westküste zu fahren. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln käme man nur zu einem Ort im Zentrum der Insel, von dort entweder mit dem Taxi oder zu Fuß weiter. Obgleich es eben fraglich sei, in diesem Ort überhaupt ein Taxi aufzutreiben. Da gäbe es nicht einmal mehr eine Bar, geschweige denn ein Restaurant oder ein Geschäft.
Der Taxichauffeur lädt Annas roten Rollkoffer in den Kofferraum seines weißen Autos. Als sie ihm den Namen des kleinen Fischerdorfes nennt, zieht der Mann erstaunt seine Augenbrauen hoch.
„La señora está la primera vez en la isla?“, fragt der Mann neugierig. Wahrscheinlich hat er noch nicht viele Gäste mit dem Taxi dorthin gebracht. Die Worte des Mannes sprudeln rasend schnell im Lokalkolorit der Inselbewohner aus seinem Mund. Aber Anna hat in den letzten drei Wochen einen Intensivkurs in Spanisch belegt, um ihre Kenntnisse von früher aufzufrischen, und kann dem Mann die Frage beantworten.
„Sí, es la primera vez!“ Sie muss ihm ja nicht gleich erklären, dass sie ein Haus geerbt hat.
Eine düstere Regenwolke zieht ihre Schauer über das öde wirkende Land. Sie kommen im Landesinneren an sorgfältig gepflügten Äckern vorüber, deren Erde braunrot leuchtet und gierig das Wasser von oben aufsaugt.
„Es regnet so wenig“, sagt der Chauffeur. „So kann nichts wachsen!“
Anna bleibt einsilbig. Sie versteht nur einen Bruchteil von dem, was der Mann ihr alles erzählt. Sie hätte jetzt lieber keinen Regen. Das macht alles so grau und trostlos. Dabei sind die Kanarischen Inseln doch die, wo es ewigen Frühling gibt?

Es ist schon dämmrig, als das Taxi die letzten Kurven zur Bucht hinunterfährt. Anna sieht das brausende Meer, die wenigen, eng aneinander gebauten Häuser und den grünen Barranco, der das ganze Jahr Frischwasser führen soll. Eine Windböe und ein Sprühregen empfangen sie, als sie aus dem Auto steigt. Der Mann lädt ihren roten Koffer aus und stellt ihn auf dem Parkplatz einfach auf den Boden. Unsicher blickt Anna sich um. Sie bittet den Mann, noch einen Augenblick zu warten, bis sie in der Bar nach dem Schlüssel für das Haus gefragt hat. In der Bar, die aus dem gemauerten Küchenraum und einer mit Plastik abgedeckten Terrasse besteht, mustert man sie neugierig. Ihre Aufmachung in dem engen roten Kleid mit den Stöckelschuhen und ihrem roten Rollkoffer wirkt hier ein wenig fehl am Platz. Zu dieser späten Stunde sind fast nur Einheimische da, die ihren Kaffee und ihr Bier oder ihren Wein trinken. Die Elektrizität wird von einem laut brummenden Dieselgenerator erzeugt. An den wenigen Laternen, die das Umfeld beleuchten, hängen Solarzellen. Als der Kellner mit ihr herauskommt, bezahlt sie den Taxifahrer und bedankt sich. Kopfschüttelnd setzt sich der Mann ins Auto und fährt mit einem kurzen Hupen wieder zurück.

„Ich bin die neue Besitzerin von Haus Nummer zwei.“ Anna blickt sich suchend um.
„Das ist das dort bei dem Felsen, das alleine steht“, sagt der Kellner und begleitet sie mit ihrem holpernden Rollkoffer hinüber. Eine kleine Holzbrücke führt über den Barranco, in dem sich ein paar Enten an Brotbrocken gütlich tun. Nun stehen sie vor der kleinen Terrasse, zu der zwei Stufen hinaufführen. Die Fensterläden sind hellblau gestrichen, die zwei Türen auch – eine rechts, die andere links.
„Da ist der Schlüssel. Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie es einfach. Wir helfen Ihnen gerne. Abends gibt es heute keinen Strom, weil wir früher Schluss machen. Da wird der Generator abgeschaltet. Haben Sie eine Taschenlampe? Warten Sie, ich schaue nach, sonst borge ich Ihnen in der Zwischenzeit eine. Es hat hier seit dem Tod Ihres Verwandten niemand mehr gewohnt. Nur ein Freund hat gelegentlich nachgeschaut, ob alles in Ordnung ist. Ich werde ihm morgen Bescheid sagen, dass Sie da sind.“
Eine riesige Welle schlägt fast über den hohen Steinwall, den die Flut über Jahrzehnte aufgehäuft hat. Die schwarzen Felsen scheinen zu erzittern, wie bei einem Erdbeben.
„Warum bin ich nicht zuerst ins Hotel gegangen, um mir das alles bei Tageslicht in Ruhe anzusehen?“, fragt sich Anna kopfschüttelnd.

Anna hat Mühe, den Schlüssel in das leicht verrostete Schloss der rechten Tür zu stecken. Endlich dreht er sich. Mit einem Ruck springt die blaue Tür nach innen auf. Es war gar nicht richtig zugesperrt. Anna tastet nach dem Lichtschalter und sieht die Taschenlampe auf dem großen Tisch liegen. Es ist gerade so, als ob Onkel Julius – wie die Kinder ihn immer riefen – alles für sie schon in weiser Voraussicht hingelegt hätte. Da geht auch schon das Licht wieder aus. Der Kellner in der Bar hat den Generator abgeschaltet.
„Mein Gott“, denkt Anna, „wo bin ich da nur hingeraten?“ Sie tastet sich zum Tisch hin und nimmt die große Taschenlampe in Betrieb.
„Hoffentlich sind genug Batterien da.“ Warum hat Julius nie von diesem Haus erzählt? War das sein Refugium? Welches Geheimnis aus seinem Leben verbirgt sich dahinter? Hat Julius ein Doppelleben geführt?

In dem großen Wohnraum befindet sich in der Mitte der große weiße Tisch mit den Plastikstühlen. Links an den zwei Wänden stehen auf gemauerten Podesten die Betten. Eine kleine Türe in der linken hinteren Ecke des Raumes führt in einen weiteren kleinen Schlafraum. In der rechten hinteren Ecke ist eine Tür zu einer Toilette mit einer kleinen verrosteten Duschwanne. Beim Eingang gleich rechts befindet sich eine gemauerte, geflieste und geschwungene Anrichte. Dahinter der zweiflammige Gasherd und die Spüle. Die mit Glas oder einfachem Fliegengitter versehenen Fenster sind von innen mit blau gestrichenen Holzläden verschlossen.
Anna öffnet die Fernster, durch welche nun schwach die Lampen auf der einzigen Straße herein leuchten. Ihr Energielieferant sind Solarzellen, die an jedem Laternenmast angebracht sind. Draußen Totenstille – bis auf das Heranbrausen und Sich-wieder-Zurückziehen der großen Wellen, denen das Poltern der großen, rollenden Steine folgt. Dann und wann ein kurzes Aussetzen der rhythmischen Geräusche. Es ist wie bei ihrem Herzen, wenn der Herzschlag für einen Bruchteil einer Sekunde aussetzt, um erneut stürmisch weiter zu schlagen. Diese Unregelmäßigkeiten sind erst nach dem Tod von Annas Mann aufgetreten.
Sie hat den fast körperlichen Eindruck, als stünde Julius neben ihr. Im Badezimmer stehen noch Flaschen und Tiegel, ein paar Handtücher hängen an Haken, als ob sie erst benützt worden wären. In einem Kasten beim Küchenblock entdeckt Anna in einer Glasdose Kaffee, eine angebrochene Packung trockener Kekse und … eine Flasche Wein und ein Glas auf der Theke. Alles wie von Geisterhand hingestellt. Es war die Idee des Kellners gewesen, wie Anna am nächsten Tag erfahren sollte. Von wem wusste dieser, dass sie kommt? Wer hat es ihm mitgeteilt? Der Immobilienmakler vielleicht.

Anna hat nur noch das Bedürfnis, sich flach hinzulegen. Sie zieht sich aus und wäscht notdürftig Gesicht und Hände. Die Stöckelschuhe sind total fehl am Platz. Gott sei Dank hat sie Wandersandalen und Turnschuhe eingepackt. Die wird sie hier vor allem brauchen können. Die meisten Kleidungsstücke in ihrem roten, eleganten Rollkoffer hätte sie auch zu Hause lassen können. Jeans, T-Shirt und den warmen Pullover – das wird sie hier anziehen. Ob man da überhaupt schwimmen kann? Bei dieser Brandung? Morgen würde der Makler kommen. Und dann ab ins Hotel mit allen Annehmlichkeiten der Zivilisation! Warmes Wasser, Frühstück, Licht …! Ja, mit dem Frühstück muss sie wohl warten, bis die Bar wieder aufsperrt. Aber vielleicht findet sich etwas hier in diesem Schrank außer Kaffee und diesen Keksen! Zwieback vielleicht. Ein paar Dosen entdeckt Anna auch. Also, hungers sterben wird sie nicht. Irgendwie stört es sie inzwischen, dass sie den Makler gleich herbestellt hat. Sie muss sich doch erst einen Überblick verschaffen.
Sie vergewissert sich, dass die Türe versperrt ist. Sie hatte den Eisenriegel vorgeschoben. Sie findet im kleinen Nebenraum zwei Decken, zieht sich ihre Leggings an und legt sich in das erste Bett gleich bei der Tür. Da ist ihr der Fluchtweg offen. Sie wickelt sich in die Decken, legt die Taschenlampe auf einen Stuhl neben das Bett und schläft sofort ein. Ein schmaler Lichtstrahl der Straßenbeleuchtung zwängt sich durch das Fliegengitter. Anna hat ein Fenster offen gelassen, weil sich doch ein wenig Gasgeruch im Raum bemerkbar macht.



2. Tag

Immer wieder erwacht Anna vom Toben der Flutwellen. Sie steht auf und blickt durchs Gitter. Es ist Vollmond. Da ist die Flut am höchsten. Sie sieht, wie die Schaumkronen den Steinwall an einer Stelle überfluten, und das Wasser in den kleinen See am Ende des Barranco fließt. Was ist, wenn das Wasser noch
mehr steigt?
„Nein, das halte ich nicht aus“, sagt sie laut zu sich.
„Wohnt da eigentlich außer mir noch jemand?“
Plötzlich ist da ein anderer, ungewohnter Lärm. Es klingt so, als ob zwei Mopeds vor dem Haus hin- und herfahren würden. Unwillkürlich umklammert sie die Taschenlampe und liegt starr im Bett. Das Gehör auf die vermeintlichen Mopeds gerichtet. Langsam verebbt das Geräusch. Vielleicht hat sich auch nur die Flut zurückgezogen.
„Da bleibe ich keine Nacht länger“, beschließt sie fast trotzig.
Trotz aller Unruhe schläft Anna wieder ein und wird erst in der Früh durch das fahle Licht des Morgens geweckt.
Zerschlagen schält sie sich aus den Decken, streckt ihren steifen, gekrümmten Rücken und öffnet die Tür.
„Mein Gott, es ist ja schon acht Uhr!“, ruft sie erschrocken mit dem Blick auf ihre Armbanduhr. Für zehn Uhr hat sie ja den Makler bestellt. Und wie sie aussieht, ganz zerknittert, stellt sie mit einem Blick in den Spiegel fest.
„Und Hunger habe ich auch“, spricht sie halblaut zu sich selbst. Ob es hier Kaffeepulver gibt? Ach ja, das hat sie gestern gesehen! Anna öffnet den Küchenschrank, holt Kaffeepulver heraus und findet auch noch eine zweite angebrochene Packung mit Keksen, die gar nicht so schlecht schmecken. Auf dem Gestell neben dem Herd findet sie eine dieser Napoletanas, diese metallenen „Kaffeekochkännchen“, die in den südlichen Gegenden zum Kaffeekochen verwendet werden. Es gibt sie meist in jeglicher Größe.
Vielleicht würde der Makler sie nach der Besichtigung des Hauses gleich in die Hauptstadt mitnehmen. Dort würde sie sich in ein Hotel einmieten und eine Woche lang Sonne und Meer in angenehmem Luxus genießen.

Plötzlich steht ein dunkler Schatten in der Eingangstür, die auf die kleine Terrasse mit dem blauen Tisch und den zwei weißen Stühlen hinausführt. Anna ist gerade dabei, den Kaffee in die Morgensonne hinauszutragen, als sie mit dem Schatten fast zusammengestoßen wäre. Der Kaffee schwappt über den Rand, als sie erschrocken einen Schrei ausstößt.
„Disculpe“, sagt der Schatten. „Ich weiß, dass Sie die neue Besitzerin des Hauses sind. Ich bin ein guter Freund von Julio. Er hat mir von Ihnen erzählt.“ Der Mann spricht Julio aus wie „Juli“. Der Mann ist gedrungen, mit einer Kappe auf dem schütteren Haar, in das sich schon ein paar Silberfäden hineinverwoben haben. In der Hand hält er ein in Alufolie gewickeltes Päckchen.
„Ich dachte, Sie brauchen fürs Erste etwas zum Essen. Wenn Sie sonst irgendetwas benötigen – ich bin der Besitzer vom Restaurant am anderen Ende der Bucht, das ‚Terrazza’. Kommen Sie ruhig.“ Der Mann dreht sich so rasch um, wie er gekommen war. Barfuß eilt er über die großen Steine davon. Anna lächelt, als sie das Loch in seiner Hose bemerkt. Wenigstens ein Mensch in dieser gottverlassenen Gegend! Dieser Mann wird ihr sicher etwas über das Doppelleben von Julius erzählen können. Anna spürt zu ihrem Erstaunen eine Art Neugier und Entschlossenheit.
Sie hat gerade noch Zeit, ihre Haare in Ordnung zu bringen, als ein weißer Mercedes direkt den Weg zur Terrasse gefahren kommt. Obwohl nach dem Parkplatz ein Schild für Fahrverbot steht. In der Zwischenzeit hat sich auch der graue Wolkenschleier, hinter dem sich die Sonne versteckt hatte, gelichtet. Die Bucht ist in ein einladendes helles Licht getaucht. Rosa Wolken tanzen am Himmel.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 154
ISBN: 978-3-99107-124-2
Erscheinungsdatum: 16.09.2020
EUR 15,90
EUR 9,99

Krampus & Nikolo