Cover: Die Freiheit der grünen Herzen

Die Freiheit der grünen Herzen


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 536
ISBN: 978-3-7116-0388-3
Erscheinungsdatum: 06.05.2025
Als Kind ganz auf sich allein gestellt, von Erwachsenen missbraucht, stellt die Erzählerin sich kompromisslos, einfühlsam und mit Humor ihrer Geschichte. Ihre Verbindung zu Gott eröffnet ihr einen Weg, die tiefen inneren Verletzungen zu heilen.
Vorwort

Ein Wort an/zu …

Es hat sehr lange gebraucht, dieses Buch zu schreiben und letztendlich zu Ende zu bringen. Nicht allein wegen der Dramatik der Dinge, sondern auch noch aus anderen Gründen, die ich hier kurz erläutern möchte.


Ein Wort zu: meiner Mutter

Meine Mutter hat sich nicht immer richtig verhalten, mir gegenüber. Sie hatte selbst eine schlimme Geschichte, die ein ganzes Buch füllen würde. Und nur allzu oft überträgt man das Erlebte auf die nächste Generation. Das habe ich stets berücksichtigt und auch immer wieder damit entschuldigt. Und trotz all dem habe ich sie bis zum Schluss geliebt.


Ein Wort an: meine Geschwister

Auch wenn wir die gleichen Eltern hatten und viele Dinge zusammen erlebt haben, so würden doch mit Sicherheit sechs völlig unterschiedliche Werke zustande kommen, würde jeder von euch seine ganz eigene Geschichte niederschreiben. Ganz einfach deshalb, weil jeder eine ganz andere, seine ganz eigene Gefühls- und Sichtweise und auch Belastbarkeitsgrenze hat. Ja, seine ganz eigene Sicht der Dinge. Und jeder hätte recht damit. Genau aus diesem Grund möchte ich betonen, dass dieses Buch aus meiner ganz eigenen Sicht geschrieben ist. Und wenn es für den einen oder anderen an einigen Stellen vielleicht nicht ganz so scheint: ihr habt alle nach wie vor einen festen Platz in meinem Herzen und ich werde nie aufhören, euch zu lieben.


Ein Wort an: alle Mitbetroffenen

Es geht hier nicht darum, irgendwelche Therapien oder Therapeuten (und Ärzte und Kliniken) anzupreisen. Deshalb habe ich nähere Angaben darüber ganz bewusst weggelassen.
Auch genauere Methoden oder Inhalte verschiedener Behandlungen sollten nicht im Vordergrund stehen.
Es geht vielmehr darum zu zeigen, dass beinahe achtzig Prozent der Heilung von den Patienten selbst bewältigt werden muss! Das ist leider eine bittere Tatsache, auch wenn wir zu hundert Prozent unschuldig daran sind, was man an uns verbrochen hat. Andere können nur Hilfestellungen geben, in ihren jeweiligen Positionen und Kapazitäten (dazu gehören Ärzte, Therapeuten, Kliniken, Pflegepersonal, Freunde, Verwandte und auch Medikamente).
Wichtig ist auch, sich immer wieder Oasen zu schaffen, um all das bewältigen zu können.
Ich wünsche euch allen ganz, ganz viel Kraft und Geduld dafür.


Ein Wort an: alle Ärzte, Therapeuten, medizinischen Pflegekräfte, Betreuer, Sozialarbeiter, Berater

Im Großen und Ganzen weiß ich noch gut, wer was wann und wo gesagt und mit mir besprochen hat. Dennoch gibt es Sätze und Begebenheiten, die ich selbst nicht mehr eindeutig zuordnen kann, die aber dennoch wichtig sind, erwähnt zu werden. Daher ist es möglich, dass die eine oder andere Bemerkung jemand anderem zugeordnet wurde. Da es im Wesentlichen darum geht, wie ich manche Dinge gesehen, erkannt und bearbeitet habe, ist es in diesem Zusammenhang unerheblich, wer tatsächlich was wann und wo gesagt hat. – Ich bitte um Nachsicht.


Ein Wort an: alle Kritiker von Jehovas Zeugen

Dieses Buch soll keine Plattform sein, um zu missionieren. Die allermeisten Menschen kennen inzwischen unsere Religionsgemeinschaft und wissen, dass man uns überall antreffen und ansprechen kann, da wir alles öffentlich und nichts im Geheimen machen. Deshalb brauche ich dieses Buch nicht, um meinen Glauben zu erklären. – Von meinen Geschwistern teilt niemand meine Glaubensansichten und ich bin auch nicht religiös erzogen worden. Ich habe mich erst im Erwachsenenalter dafür entschieden. – Ich möchte hier lediglich zeigen, dass mein Glaube, meine Überzeugung, mir ganz persönlich eine enorme Kraftquelle ist, um mit all den Ereignissen klarzukommen und die Welt zu verstehen. Und wenn ich für mich nicht überzeugende, stichhaltige Antworten gefunden hätte, hätte ich mich nie dafür entschieden. Denn ich konnte noch nie irgendetwas einfach annehmen, nur weil es gut klingt. Ich brauchte stets Beweise, die MICH überzeugten. Und da mag es für jeden Menschen etwas anderes geben, was ihn überzeugt. – Es hat mein Leben einschneidend geformt, gefestigt und bereichert. Deshalb konnte ich das auch auf keinen Fall außen vor lassen. Und da mag jeder für sich ganz eigene Kraftquellen haben, die ihm den nötigen Halt geben (zum Beispiel Ehepartner, Familie, ein Ehrenamt mit Kindern, kranken oder älteren Menschen, mit Tieren, ein Sportverein oder was auch immer). In meinem ganz persönlichen Fall ist es mein Gott und Freund Jehova.



Teil 1
Mein traumatisches Leben

Der Umzug

Es war alles ganz aufregend. Ein heilloses Durcheinander. Doch an den witzigen Bemerkungen und dauerndem Gelächter merkten wir Kinder, dass etwas Schönes geschieht.
Viele bekannte Männer und Frauen waren da und räumten unsere Wohnung aus. Alles wurde in einen großen Lastwagen gebracht. Und als alle so weit waren, sich in verschiedene Autos zu verteilen, wurde auch der Lastwagen verschlossen. Mein Onkel Rudi sollte ihn fahren. Plötzlich hüpften wir drei Mädchen, ich war die Mittlere, um unseren Onkel herum und riefen alle durcheinander: „Dürfen wir mit dir mitfahren? Bitte, bitte, bitte!!!“
Meine Mutter protestierte. Doch Rudi hatte sie rasch überredet. So lud er uns Zwerge einen nach dem anderen in seinen Laster auf den Beifahrersitz. Zuerst die zweieinhalb- jährige Lorah, dann mich, die dreieinhalbjährige Mara, und schließlich die viereinhalbjährige Gerda. Unsere jüngste Schwester Gina durfte mit ihren eineinhalb Jahren nicht mit auf den LKW. Ganz aufgeregt hopsten wir auf dem Sitz auf und ab und hin und her. Als unser Onkel einstieg, fragten wir mit großen Augen: „Wo fahren wir hin?“
„In eure neue Wohnung.“ Er lachte ganz verheißungsvoll.
Dann schilderte er in den schillerndsten Farben, wie toll wir jetzt wohnen würden, sodass wir es gar nicht abwarten konnten, alles zu erkunden. Doch erst einmal waren wir stolz wie Oscar, hoch über dem Boden im Führerhaus eines LKWs zu sitzen und durch dieses riesige Fenster scheinbar die ganze Welt sehen zu können. Es war ein ganz seltsames Gefühl von Freiheit, was da in mir aufkam, trotz meiner erst dreieinhalb Jahre. Und die Fahrt kam uns irre lang vor. Dabei waren es höchstens zwanzig Minuten, nur zwei Ortschaften weiter. Es war ein angenehmer, warmer Tag im August 1966.
Als wir ankamen, setzte Rudi den LKW zurück an einen der vier Eingänge des großen, rot-weiß gestrichenen Häuser-blocks. Das Haus gegenüber hatte drei Eingänge und war ganz weiß. Beide Häuserblocks hatten vier Stockwerke, unsere Wohnung lag im linken Parterre.
Ui, sie war wirklich riesig im Gegensatz zu unserer alten Wohnung, die bloß zwei Zimmer hatte. Diese hier hatte vier große Zimmer: ein großes Esszimmer, eine kleinere Küche, einen langen Flur, ein separates Bad und WC und zwei Balkone, vorne der kleinere, hinten der größere.
Wir wirbelten durch die Räume und rannten auf den Flur und wieder rein und wieder raus auf die Straße. Es herrschte eine ausgelassene, fröhliche Stimmung, bis auf eine kleine, zierliche Person mit kastanienroten Haaren. Sie schien die Einzige zu sein, die sehr angespannt und schon etwas genervt wirkte. Sie delegierte alle Möbelstücke an ihren vorgesehenen Platz. Es war unsere Mutter. Und ich wunderte mich, dass sie nicht selbst so mit anpackte, wie sie es sonst immer tat. Sie konnte arbeiten wie ein Mann. Doch wenn sie zupacken wollte, da fiel öfter der Satz: „Lass das, du bist schwanger.“
„Schwanger“, ging es mir durch den Kopf, „das habe ich doch schon mal gehört. Was bedeutet das noch?“ Doch ich fand nicht gleich die Antwort. Und so ging der Gedanke gleich wieder in unserem ausgelassenen Nachlaufspiel unter.
Erst als wir unsere Mutter fragten, warum wir jetzt hier wohnen, sagte sie: „Na, die Mama bekommt doch noch ein Baby. Und die alte Wohnung war einfach zu klein für so viele Kinder. Jetzt habt ihr zwei große Kinderzimmer.“
„Wir bekommen noch ein Baby?“, wollten wir nochmal genauer wissen. „Ja.“
„Und wann?“
„Im Winter, nach Weihnachten.“
„So lange noch?“
Aber die Neugier und die Spannung auf ein weiteres Geschwisterchen gingen im Trubel des Umzugs schon bald wieder unter.
Stattdessen erkundeten wir ganz aufgeregt die neue Wohnung.
Noch spannender fanden wir die Umgebung. Die Häuser waren von außen noch nicht ganz fertig, es fehlten die Haustüren und Wege und Vorgärten. Um ins Haus zu gelangen, musste man über lange Holzbretter balancieren, die dann jedes Mal wie Gummi nachwippten. Ganz schön umständlich und riskant für die Umzugshelfer, aber Abenteuer pur für uns Kinder.
Schließlich saßen wir Kinder rechts und links der Bretter im Sand und ließen unserer Fantasie freien Lauf. Da es eine ganz neu erbaute Siedlung vom Leverkusener Bayerwerk war, dort arbeitete mein Vater nämlich als Chemiefacharbeiter, fanden sich noch mehr Möbelwagen mit kinderreichen Familien ein (natürlich nicht als Fracht – hihihi). Schnell wurden Freundschaften geschlossen, unter uns Kindern sowieso, aber auch unter den Erwachsenen. Es war, als hätten wir uns alle in einem Ferienlager getroffen. Ob die Erwachsenen das damals auch so sahen, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit nachrecherchieren. Es war die erste große Veränderung in meinem Leben.
Und es sollte nicht die letzte sein. Aber es sollte die schönste bleiben, wenn ich es rein an den tief empfundenen Gefühlen ausmache. Auch diese machte leider nicht lange Freude, denn was sich anfangs als so großer Segen erwies, stellte sich schnell als schlimmster Fluch heraus.


Der Albtraum begann

Mein Vater war selten zu Hause, denn auch er machte viele neue Bekanntschaften, die entweder aus Thekenkumpels oder aus allzu willigen und freizügigen Nachbarinnen bestanden, die es nicht zu stören schien, dass er Ehemann und Familienvater war. Wenn er dann mal nach Hause kam, war er stets betrunken und äußerst aggressiv. Er entlud sich an uns Kindern durch Prügel und Schimpfe. Wenn meine Mutter dazwischen ging, bekam sie seine ganze Brutalität zu spüren. Erst wenn sie blutüberströmt und regungslos liegen blieb, ging er wieder weg. Nach dem schrecklichen Knallen der Wohnungstür folgte eine noch schrecklichere Stille. Wir Kinder hockten wie Trauben zusammengekauert unter dem kleinen Tisch im Kinderzimmer.
Nach einer ewigen Minute sahen wir uns mit großen Augen ängstlich an. Ohne ein Wort schlichen wir den langen Flur in Richtung Esszimmer. Dabei kam der Flur uns jedes Mal zehnmal so lang vor. Wenn sie nicht im Esszimmer lag, schlichen wir weiter ins Wohnzimmer. Wenn wir sie entdeckten, blieben wir wie versteinert stehen. Und dann flüsterten vier kleine Mädchen: „Lebt sie noch? – Ist die tot? – Sie atmet noch! – Wer geht mal gucken?? …“
Und immer war ich es, die scheinbar ganz mutig auf sie zuging. Aber es war alles andere als Mut. Denn am liebsten hätte ich losgeheult und in die Hose gemacht. Doch der Drang, zu erfahren, was los war, war schließlich stärker. Vorsichtig streckte ich meine kleine, zitternde Hand aus, legte sie auf ihre Schulter und flüsterte mit erstickter Stimme: „Mama?“
Sie rührte sich nicht. Fragend drehte ich mich zu meinen Schwestern um.
„Nochmal“, flüsterten sie mir zu.
Völlig verkrampft rüttelte ich ein wenig an ihrer Schulter.
„Mama? – Mama, sag doch was.“
„RAAAUUSS“, schrie sie plötzlich auf. Und wie vom Blitz getroffen, rannten wir wie um unser Leben ins Kinderzimmer unter den Tisch. Zitternd klammerten wir uns eng aneinander. Wir wagten nicht einmal, etwas lauter zu atmen, nur um jedes noch so kleine Geräusch, das wir vernahmen, zuordnen zu können.
Nach einer weiteren endlosen Stille hörten wir unsere Mutter wütend, verzweifelt weinen. Sie ging ins Bad. Wir hörten Wasser. Wir warteten gespannt, dass sie zu uns kam. Aber sie kam nicht. Sie kam einfach nicht zu ihren völlig verängstigten Kindern. Wir hörten, wie sie in die Küche ging. Langsam brach unsere Starre und wir atmeten tief durch. Dann versuchte jeder in seiner ganz eigenen kleinen Welt mit dem Geschehen zu leben. Jeder nahm sich irgendetwas und tat so, als ob er im Spiel versunken die Welt um sich herum vergisst. Das war für mich jedes Mal einer der härtesten und schmerzerfülltesten Momente in meinem noch so jungen Leben. Geweint hat keiner von uns.
An solchen Tagen sehnte ich die Nacht herbei. Ich hoffte jedes Mal: „Wenn ich nur ganz, ganz, ganz tief schlafe, dann wache ich nicht mehr auf. Dann ist Ruhe, einfach nur Ruhe.“
Und meine Mutter erzählte mir später oft, dass ich tatsächlich so tief schlafen konnte, dass ich selbst einen Presslufthammer nicht registriert hätte. Oder dass sie ohne weiteres hätte mein Bett beziehen können, ohne dass ich aufgewacht wäre.
Und in solchen Nächten hatte ich stets den gleichen Traum. Er war so real, dass ich immer wieder krampfhaft überlegte, wo ich da war. Es war warm und meist dunkel. Manchmal leuchtete alles ganz rot und orange und dann wurde es noch wärmer. Ich hörte gedämpfte Stimmen um mich herum, die mich aber in keiner Weise interessierten. Ich hatte riesige Hände und spielte mit einem Ball oder einem dicken Seil. Dort ging es mir gut. So gut, dass ich mich fast jede Nacht dorthin träumte, ohne zu wissen, wo ich da war. Nur manchmal waren die gedämpften Stimmen sehr laut. Dann spürte ich gleichzeitig eine geballte Wut, die aber nicht von mir kam. Sie machte mir Angst und ich zog mich in die dunkelste Ecke dieser Höhle zurück. Und manchmal war es so, als ob ich dort hinschwimme oder tauche. Und am Morgen danach immer wieder die bohrende Frage: „Wo war ich da?? Wo war ich da bloß?“ – Aber ich bekam keine Antwort. Ich konnte sie mir selbst nicht geben und andere schon gar nicht, denn ich erzählte ja nie davon. Ich sehe mich oft schlaftrunken aus dem oberen Etagenbett krabbeln und manchmal bis zum Mittag in Gedanken versunken, um herauszufinden, wo ich da war. Ein heftiger Schlag auf den Kopf und die Stimme meiner Mutter holten mich in die brutale Realität zurück: „Wo bist du bloß wieder mit deinen Gedanken?! Geh raus spielen, die anderen sind auch schon draußen.“
Mit der Frage im Kopf „Warum hat sie mich jetzt geschlagen?“ ging ich traurig, einsam raus. Solange noch überall gebaut und ausgebessert wurde, fand ich das sehr spannend und interessant: Arbeiter, Bagger, Bretter, Schutt.
Alles nahm langsam Formen an; die Haustüren und Klingeln wurden angebracht, Vorgärten entstanden, Wege und eine geteerte Straße als Wendehammer. Ja, und dann waren da zwei Spielplätze vor dem Haus. Sandkästen wurden ausgehoben, Klettergerüste nach und nach angeschleppt und installiert, mal aus Holz, mal aus Metall und Eisen. Ich wollte alles genau sehen. Ich musste einfach allem genau auf den Grund gehen – wie etwas entsteht, warum und wodurch es hält, wie es funktioniert. Sogar die Bagger und andere Baugeräte zogen mich in ihren Bann.
Mama rief des Öfteren: „Lass die Arbeiter in Ruhe. Geh spielen!“
„Ach lassen Sie nur. Sie stört uns nicht“, riefen die Arbeiter amüsiert. Doch Mama ließ sich nicht in ihre Erziehung reinreden. Also bestand sie darauf, dass ich dort wegging. Beleidigt ging ich zu ein paar spielenden Kindern und hoffte, sie würden mich nicht bemerken. Aus dem Augenwinkel sah ich meine Mutter vom Balkon in die Wohnung gehen.
Das war mein Moment, mich in einem Gebüsch zu verstecken, um alles nur zu beobachten, ohne beobachtet zu werden. Ich hatte Angst vor den Kindern, die so unbeschwert schienen, dass sie mir so albern und dumm vorkamen, dabei sehnte ich mich so sehr danach, auch so zu sein. Doch meine Angst gewann jedes Mal die Oberhand. Und so kam es, dass ich manchmal bis zu vier, fünf Stunden in meinem Versteck ausharrte und mächtig stolz darauf war, dass mich niemand entdeckt hatte. Oh Mann, war das krank! Aber es gab mir neue Kraft und Selbstwertgefühl. Ja, obwohl ich so gar kein Selbstbewusstsein hatte, so war mein Selbstwertgefühl mir immer heilig. Das mag etwas verwirrend klingen, doch für mich gab es da einen großen Unterschied: Selbstbewusst war ich nie als Kind. Ich fühlte mich dumm und hässlich und in jeder Hinsicht untalentiert. Das bekam ich ja auch tagtäglich zu hören und zu spüren. Und ich bekam keine Gelegenheiten, geschweige denn Gehör, das Gegenteil zu beweisen. Und dennoch ging mir bereits damals durch den Kopf: „Aber ich bin doch auch auf dieser Welt, wie alle anderen auch. Also habe ich doch auch ein Recht, zu leben. Ich muss doch irgendetwas wert sein. Oder zumindest für irgendjemanden. Es muss nur mal jemand sehen …“
Aber weil es niemand sah und es niemanden kümmerte, hasste ich diese Welt der Erwachsenen. So wollte ich nicht werden. Und so wollte ich nicht leben. Aber ein Kind sucht sich immer wieder Oasen der Hoffnung – Strohhalme – Stille Ecken – Gebüsche …
Die laute, dunkle Stimme meiner Mutter ertönte jeden Abend vom Balkon auf die Straße: „Alles, was Melcher heißt, reinkommen!“
Vielen entlockte das ein Lachen. Uns Kinder lockte es aus unseren Ecken und Verstecken. Und wie Magnete steuerten wir aus allen Himmelsrichtungen auf unsere Haustüre zu. Bis wir alle so langsam runterkamen, mit dem, was jeder so erlebt und gespielt hatte, ging es etwas laut und chaotisch zu. So lange, bis Mama rief: „Schluss jetzt! Schlafanzüge an und hinsetzen!“
Hinsetzen hieß, an den Esstisch setzen und zu Abendbrot essen. Das waren meist geschmierte doppelte Brote mit Wurst oder Käse und Tee dazu. Danach durften wir noch etwas fernsehen: Flipper, Lassie, Fury, Daktari, Barbapapa und was es da alles gab. Kaum zu Ende ertönte der laute Befehl: „So! Ab ins Bett!“
Als wir dann nach einer Weile alle im Bett lagen, kam Mama rein, gab jedem einen Kuss auf die Wange und wir ihr auch, aber stets ohne uns dabei in den Arm zu nehmen, ein nüchternes, kaltes Ritual. Dann schloss sie die schweren, dunklen Gardinen und ging zum Lichtschalter. Sie schaute nochmal in die Runde.
„Mama, wo ist der Papa?“
„Der ist noch weg“, kam es barsch und knapp zurück.
„Wo denn?“, wollte der Nächste wissen.
Noch etwas schärfer und genervter kam dann: „Das geht euch nichts an! Und jetzt rumdrehen und schlafen!“
Damit löschte sie das Licht und schloss die Tür. Sie selbst setzte sich wieder vor den Fernseher, immer bis spät in die Nacht, unser Vater war bis dahin immer noch nicht wieder zu Hause. Sie war nicht zu beneiden.

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