Sonstiges & Allerlei

Die Frau, die aufs Meer schaute

Claudia Roth-Silberberger

Die Frau, die aufs Meer schaute

Leseprobe:

<strong>Kapitel 5</strong>

Da stand sie wieder. Die dunkle Gestalt mit dem wehenden Kapuzenumhang. Wieder am Ende des Piers, unbeweglich, den Blick aufs Meer gerichtet. Es war der zweite verregnete Morgen seit meiner Ankunft in dem kleinen Fischerdorf. Wieder war der Himmel grau und verhangen. Das Meer war ruhig, jedoch bedrohlich finster und es erschien mir wie ein düsteres Grab. Möwen flogen kreischend über dem Hafen und ließen sich elegant auf den halb morschen Pfählen nieder. Außer der Gestalt am Pier war wieder niemand zu sehen. Ein trostloses Bild. „Wer war das? Was machte sie dort?“ Ich konnte nicht erklären, warum, aber ich musste diesem Rätsel auf den Grund gehen.
Am Tag davor ging ich nach dem Frühstück, dick eingemummt in meinen Anorak, Schal und Haube, auf Erkundungstour durchs Dorf. Nur wenige Leute waren bei dem schlechten Wetter auf der Straße, die wenigen, die ich antraf, begegneten mir freundlich, jedoch auch recht reserviert. Der Ort war nicht groß und daher hatte ich bald alles gesehen. Schließlich entdeckte ich einen kleinen Pfad, der in der einen Richtung auf den Hügel zu der halb verfallenen Kapelle führte und in der anderen runter an die Strandpromenade. Ich entschloss mich an diesem Tag den Weg zur Kapelle zu nehmen. Ich war ganz allein mit mir, meinen Gedanken und der unwirtlichen rauen Landschaft. Der Wind blies mir ins Gesicht und ließ meine Augen tränen. Als ich an der Kapelle angekommen war, bot sich mir ein unbeschreiblicher Ausblick. Vor mir lag die zerklüftete, graue Felsküste, die sich in Richtung Dorf in einen halbmondförmigen Sandstrand verlief. Eingebettet lagen die kleinen Häuser wie in einer Sichel, geschützt vor dem tobenden Meer, bevor sich am Ende des Sandstrandes wieder riesige Felsformationen auftürmten. Mein Blick schweifte auf das offene Meer. Unendlich erschien es mir. So unendlich wie die Leere, die ich in diesem Augenblick in mir fühlte. Ich wandte mich ab und öffnete zaghaft die schwere, wurmstichige, mit rostigen Verschlägen versehene Holztür. Ich betrat die kleine Kapelle und musste mich erst an das diffuse, rauchgeschwängerte Licht gewöhnen. Es roch nach Kerzen und Weihrauch, altem Holz und feuchtem Gemäuer. Vor dem einfachen Altar mit dem schlichten Holzkreuz flackerten zwei große, halb heruntergebrannte Kerzen. Auch in der Nische, in welcher man Kerzen für Verwandte, Freunde oder Verstorbene entzündet, waren diese zum Teil heruntergebrannt oder bereits erloschen. Das erkaltete Wachs war zu bizarren Gebilden erstarrt. Eine feine Staubschicht bedeckte den Kerzentisch, wie auch alles andere in dieser Kapelle. Meine Schritte hallten auf dem unebenen, durch Tausende von Fußtritten geformten Marmorboden. Ich setzte mich auf eine der kargen Holzbänke, als mein Blick auf eine weitere Nische fiel, die sich versteckt hinter einer schmalen Säule befand und beim Betreten der Kapelle nicht zu sehen war. Ich stand auf und ging hinüber. Diese Nische unterschied sich vom Rest des Inventars. Vor einer zierlichen Madonnenstatue brannte eine frische Kerze, eine weiße Rose lag daneben. Kein einziger Wachstropfen klebte auf dem polierten Mahagonitischchen und das spitzenbesetzte Tuch war blütenweiß. Diese kleine liebevoll gepflegte Nische umgab eine unerklärliche Traurigkeit.
„Wer das wohl sein mag, der an diesem sonst so verwahrlosten Ort so viel Liebe und Hoffnung zelebriert?“, schoss es mir durch den Kopf und ein Gefühl von Mitleid gepaart mit Neugierde kam in mir auf. Ich blickte auf die Uhr. Es war bereits nach fünf Uhr und es würde sicher bald dunkel werden. Ich sollte mich auf den Weg machen. Als ich die Kirchentür öffnete, regnete es in Strömen, der Wind hetzte schwarze Wolken über den dämmrigen Himmel. Ich knöpfte meine Jacke zu und lief den schmalen Weg zum Dorf hinunter. Der Regen nagelte in mein Gesicht, der Wind raubte mir fast den Atem. Erschöpft und durchnässt erreichte ich endlich die Pension. Keuchend stand ich in der Diele und schälte mich aus dem nassen Anorak und den durchweichten, mit Lehm bedeckten Schuhen.
„Ach, Kindchen, da sind Sie ja!“, hörte ich die freundliche Stimme von Millie rufen.
„Gott sei Dank, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Ach du meine Güte, Sie sind ja pitschnass. Jetzt aber schnell ab in Ihr Zimmer. Sie ziehen sich trockene Sachen an und dann wärmen Sie sich am Kamin auf. Ich setze inzwischen den Kessel für eine richtig schöne heiße Tasse Tee auf.“
„Ja, das wäre fein. Danke. Ich bin gleich wieder zurück“, erwiderte ich, während ich fröstelnd die Treppen zu meinem Zimmer hinaufstieg. Ich warf meine restliche Kleidung auf den Boden und sprang in die Dusche. Das heiße Wasser ließ meine Haut rot anlaufen und pulsieren. Ich trocknete mich schnell ab, föhnte kurz durch meine Haare und streifte einen bequemen Frotteehausanzug und dicke Socken über. „Gott!“, dachte ich. „Wenn Mark mich so sehen würde.“ Mark hasste meine Winterkuschelkleidung, in der ich mich so wohl und warm fühlte. „Musst du immer dieses unvorteilhafte Unikum anziehen, du siehst ja aus wie deine eigene Großmutter?!“, pflegte er dann in einem verächtlichen Ton zu sagen. „Aber sonst ist mir kalt und ich fühle mich wohl darin“, erwiderte ich meist trotzig, was bei Mark nur ein angewidertes Achselzucken hervorrief.
Aber heute war Mark nicht hier, er war überhaupt nicht mehr in meinem Leben, also warum sollte ich ein schlechtes Gewissen haben, wie ich es so oft in seiner Gegenwart gehabt hatte. Ich schlüpfte in bequeme Hausschuhe, lief die Treppe runter und schmiegte mich mit angezogenen Beinen in einen der großen Ohrensessel, die vor dem Kamin standen. Das knisternde Feuer verbreitete eine angenehme Wärme.
„So, da bin ich wieder. Ich habe uns Tee, ein paar Kekse und, wie es bei uns so üblich ist, einen kleinen Seelenwärmer mitgebracht“, zwitscherte Millie, als sie das Tablett auf das kleine Tischchen stellte.
„Seelenwärmer?“, fragte ich.
„Aber natürlich, meine Liebe, einen Seelenwärmer … einen kleinen Whisky“, kicherte sie, drückte mir einen Cognacschwenker aus Bleikristall in die Hand und prostete mir aufmunternd zu. Sie selbst stürzte den Inhalt in einem Zug hinab.
„Ah, das tut gut, nicht wahr?“
Ich setzte das Glas an meine Lippen und nahm einen kleinen Schluck. Mit einem leichten Brennen rann das Getränk meine Kehle runter und wärmte mich innerlich. Ich schloss die Augen und genoss die in mir aufsteigende Wärme.
„Sie haben recht, das tut wirklich gut“, erwiderte ich und leerte den Rest des Glases. Millie goss uns Tee ein und füllte erneut unsere Gläser. Genüsslich knabberte sie an einem Keks.
„So, jetzt erzählen Sie mal, wie war Ihr Tag? Was haben Sie in unserem idyllischen Dörfchen alles unternommen?“, schmatzte sie, indem sie sich einen Krümel von den Lippen wischte.
„Ach, nichts Besonderes. Zuerst habe ich mich etwas umgesehen und in den Läden herumgestöbert. Dann spazierte ich zu der kleinen Kapelle auf den Hügel. Eine beeindruckende Aussicht hat man von dort oben.“
Wissend nickte sie und schaute mich erwartungsvoll an.
„Wird die Kapelle eigentlich nicht mehr genutzt? Sie schien mir so verlassen und auch etwas verkommen.“
„Sie haben recht, die Kapelle wird nur noch …“, sie hielt einen Moment inne und mir kam vor, sie rang erschrocken nach Worten, „… von ganz wenigen im Dorf besucht. Vor vielen Jahren wurde die Kirche am Dorfplatz gebaut und es werden nur noch dort Messen abgehalten. Der Investor, der die Kirche bauen ließ, und der Pfarrer, der den guten alten Pater Braun ablöste, hatten darauf bestanden, dass …“, endete sie abrupt und biss sich auf die Lippen. Betreten blickte sie zur Seite.
„Ein Investor?“, fragte ich ungläubig.
„Seit wann werden Kirchen von einer Privatperson finanziert? Worauf hatten die Herren bestanden? Warum wurde eine neue Kirche gebaut und nicht einfach die Kapelle renoviert?“
Millie antwortete nicht. Sie leerte ihr Glas in einem Zug und nestelte nervös an ihrer Kleiderschürze.
„Ach mein Gott, ich habe da ja noch was im Ofen“, rief sie plötzlich aus und verschwand in der Küche.
„Wo bin ich da nur gelandet?“, fragte ich mich kopfschüttelnd. „Irgendwie eigenartig ist das hier. Aber ach, was soll’s.“ Ich legte meinen Kopf zurück und starrte müde in die Flammen.
Beim Abendessen versuchte ich nochmals das Thema von der Kapelle, dem Investor und der neuen Kirche anzuschneiden, doch Millie wich meinen Fragen eisern aus. Ein eigenartiger, zerknirschter Ausdruck hatte die sonst so fröhlichen Gesichtszüge abgelöst. Ich gab schließlich auf und die Konversation verlief sich in Banalitäten.

Ich stand immer noch am Fenster und war gefesselt vom Anblick der geheimnisvollen Gestalt.
„Ich werde beim Frühstück Millie fragen, sie weiß bestimmt, wer das ist“, beschloss ich und zog mich fertig an.
Als ich den Frühstücksraum betrat, wartete bereits ein voll gedeckter Tisch auf mich. Der Kaffeeduft erfüllte den Raum. Kaum hatte ich eingeschenkt, stand Millie gut gelaunt neben mir.
„Guten Morgen, haben Sie gut geschlafen? Haben Sie alles oder fehlt noch etwas?“, flötete sie und schenkte mir ein breites Lächeln.
„Alles bestens, vielen Dank. Sie verwöhnen mich ja richtig“, antwortete ich.
„Nun, da Sie im Moment mein einziger Pensionsgast sind, ist es auch sehr einfach, Sie zu verwöhnen. Zu dieser Jahreszeit habe ich nicht viele Gäste, ab und zu kommen Handelsvertreter für ein paar Tage, aber ansonsten ist es sehr ruhig bei uns. Im Sommer natürlich ist das Haus voll. Alle wollen an den Strand oder mit den Fischern frühmorgens auslaufen oder einfach nur die idyllische Landschaft genießen. Drum war ich auch sehr verwundert, als Sie bei uns ankamen und eine ganze Woche Urlaub machen wollten. Nicht jeder ist es gewohnt, für sich allein zu sein. Ich hoffe, Sie fühlen sich nicht zu einsam hier und werden mir noch depressiv.“
„Na, so schlimm wird’s schon nicht werden“, erwiderte ich zwinkernd.
„Ach Millie, ich möchte Sie etwas fragen. Jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster sehe, steht eine Person am Pier und sieht aufs Meer hinaus. Wissen Sie, wer das ist und was sie dort macht?“
Millie erstarrte für einen winzigen Augenblick und ihre sonst so rosigen Wangen wurden blass.
„Ich … ja, ich weiß, wer das ist, aber …“, stotterte sie.
„Was aber?“, bohrte ich nach.
„Ich … ich kann, nein, ich darf es Ihnen nicht erzählen. Es geht nicht …“
„Aber Millie, was ist denn so schlimm daran, dass Sie mir sagen, wer das ist? Ich verstehe Sie nicht. Gestern schon sind Sie meinen Fragen bezüglich der Kapelle ausgewichen und jetzt machen Sie so ein Geheimnis um diese Person. Sie machen mich richtig neugierig. Haben nicht gerade Sie mir gesagt, manchmal tut es gut, mit jemandem reden zu können?“, ermunterte ich sie lächelnd.
Millie sah mich eingehend an, bevor sie mit tonloser Stimme antwortete.
„Das ist eine lange Geschichte von einer armen, unglücklichen Seele …“

<strong>Kapitel 6</strong>

Es war Samstagvormittag. Ich lümmelte in meinem Bademantel, ungeschminkt und die Haare schlampig mit einer Spange hochgesteckt, auf der Couch, trank Kaffee und las die Morgenzeitung, als es plötzlich an der Tür läutete.
„Wer um Himmels willen ist denn das jetzt?“, dachte ich und tapste zur Gegensprechanlage.
„Ja, hallo?“, fragte ich.
„Hallo, ich bin’s“, antwortete eine dunkle Männerstimme.
„Wer ist ich?“, fragte ich leicht verärgert.
„Mark. Mark Brennan.“
Mir schoss das Blut in den Kopf, eine Hitzewelle durchfuhr meinen Körper. In meinem Bauch trippelten Millionen von Ameisen und meine Hände wurden feucht.
„Mark! Oh, mein Gott, was macht der hier?“
„Hallo?“, hörte ich es aus der Anlage.
„Ja?“
„Kannst du dich nicht erinnern? Ich bin es, Mark, von der Hochzeit , dein ‚Chauffeur‘, der Trauzeuge von Rolf.“
„Ja, ja, ich weiß.“
„Darf ich kurz raufkommen?“
„Ja, okay“, würgte ich hervor und drückte auf den Türöffner.
Wie gelähmt lehnte ich an der Wand neben der Gegensprechanlage. Mark würde in zwei Sekunden vor der Tür stehen und ich war im Bademantel, mehr oder minder gerade dem Bett entstiegen.
„Na und“, schimpfte ich mich, „soll er nur kommen und mich so sehen. Schließlich habe ich ihn nicht eingeladen. Eigentlich eine Frechheit, hier einfach so aufzutauchen“, bestärkte ich mich innerlich und richtete mich mit erhobenem Kopf und geblähter Brust auf.
Ich atmete noch einmal tief durch, hoffte insgeheim, dass meine Gesichtsfarbe wieder normal sein würde, und öffnete die Tür.
Da stand er. Groß, stattlich, mit schwarzen Jeans und einem schwarzen Polohemd, das er über der Hose trug. Seine Haare frech mit Gel in Form gebracht und mit Augen, die einen Gletscher schmelzen ließen.
„Komm rein!“, sagte ich kurz und wies ihm mit einer Handbewegung den Weg ins Wohnzimmer.
Ich wollte mich schon für meine Bademantel-Erscheinung entschuldigen, biss mir jedoch auf die Lippen und bot ihm stattdessen einen Kaffee an.
„Das wäre nett, vielen Dank“, antwortete er und ließ sich auf einen meiner bequemen Fauteuils fallen.
Ich flüchtete in die Küche, nahm eine Tasse aus dem Schrank und schenkte ein. Auch meine Tasse füllte ich erneut. Tausend Gedanken jagten durch meinen Kopf. Ich schloss meine Augen, rang nach Selbstbeherrschung und rief so gleichgültig wie möglich: „Milch, Zucker?“
„Nur Milch, bitte“, kam es aus dem Wohnzimmer zurück.
„Möchtest du noch ein Glas Wasser dazu?“
„Ja, gern, danke.“
Ich platzierte alles auf einem Tablett und balancierte es zum Wohnzimmertisch.
„So, Mädel, jetzt reiß dich zusammen!“, schalt ich mich selbst.
Lässig machte ich es mir auf der Couch bequem und nahm betont ruhig meine Kaffeetasse in die Hand.
„So, was verschafft mir die Ehre deines Besuches?“, fragte ich etwas überheblich.
„Gut so, zeig es ihm“, flüsterte mir eine Stimme in meinem Kopf zu.
„Also, erst mal möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich dich so überfalle, aber ich sah keine andere Möglichkeit, dich in Ruhe anzutreffen.“
„Es gibt eine Erfindung, die heißt Telefon, da könnte man anrufen und etwas abmachen“, erwiderte ich süffisant.
„Ja, natürlich, du hast recht, aber ich wusste nicht, ob du bereit wärst mich zu treffen, und so versuchte ich es auf diese Art.“ Erwartungsvoll blickte er mich an.
Ich hielt seinem Blick stand und blieb stumm.
„Sehr gut, nur weiter so“, hörte ich wieder die Stimme in meinem Kopf. Mein Bauch allerdings rotierte und das Blut in meinen Adern pulsierte. Diese Augen und der tiefe, warme, verführerische Blick ließen mein Herz schneller schlagen.
Mark räusperte sich, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, fingerte dann jedoch nervös an seiner Kaffeetasse und nahm einen großen Schluck.
„Aha, der Herr ist also nervös. Auch nervös. Interessant“, triumphierte die Stimme in meinem Kopf.
„Nun, der eigentliche Grund meines Besuches ist …“, fing er an.
„Ja?“, sagte ich erwartungsvoll und zog eine Braue nach oben.
„Ich, ähm, ich wollte mich für mein Benehmen bei der Hochzeit entschuldigen. Ich meine damit, dass ich kaum mit dir gesprochen habe, und auch, dass ich am nächsten Tag einfach gegangen bin.“
„Und deswegen kommst du extra hierher?“, sagte ich lächelnd und wusste in dem Augenblick, dass das Spiel begann.
Anstatt zu antworten, blickte er mir tief in die Augen, tiefer als ich es zu ertragen schien. Ich versank fast in diesem graublauen See und nichts rund um mich existierte mehr. All meine Nervenstränge zogen sich zusammen, eine warme Welle durchflutete meinen Körper und ein Gefühl sexuellen Begehrens bemächtigte sich meines Unterleibs.
„Reiß dich zusammen“, schrillte die Stimme in meinem Kopf.
„Willst du noch einen Kaffee?“, platzte ich plötzlich heraus und erhob mich von der Couch.
„Eine Zigarette, ich brauche jetzt eine Zigarette“, dachte ich panisch und verschwand, ohne auf seine Antwort zu warten, in der Küche.
„Ich bring einfach die Kanne mit“, rief ich so nüchtern wie möglich und zündete mir mit zittrigen Fingern eine Zigarette an.
„Nein danke“, kam es aus dem Wohnzimmer. Als ich mit Zigarette und Aschenbecher bewaffnet zurückkam und mich wieder auf die Couch setzte, zückte Mark ein Zigarettenetui und fragte mit einer übertriebenen Geste: „Darf ich?“
„Sicher“, antwortete ich kurz.
Er entzündete eine Zigarette, zog tief daran und blies den Rauch an die Decke starrend ausgedehnt aus.
Ich beobachtete ihn, seine feinen, markanten Gesichtszüge, seine schmalen und doch erotischen Lippen, seine Art, wie er dort saß. Die heroische Stimme in meinem Kopf schwieg und ich wollte nichts mehr als diesen Mann berühren, küssen, spüren.
Unverwandt sah Mark mich an, verlegen blickte ich auf meine Kaffeetasse.
„Nur nicht rot werden, jetzt bitte nur nicht rot werden“, dachte ich hysterisch, fühlte jedoch schon die Hitze in mir aufsteigen.
„Ich krieg dich nicht mehr aus meinem Kopf“, polterte er plötzlich heraus.
„Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, als du unten im Eingang auf mich gewartet hast, habe ich dein Gesicht vor Augen.“
Sprachlos starrte ich ihn mit großen Augen an. Alles hätte ich erwartet, nur das nicht. Mein Herz blieb für einen kurzen Augenblick stehen und ein eigenartiges Gefühl von Glück, Freude und auch etwas Genugtuung machte sich in mir breit.
„Zuerst wusste ich nicht, was mit mir los war. Ich war das erste Mal in der Gegenwart einer Frau unsicher. Darum habe ich auch nichts mit dir gesprochen beziehungsweise war zugegebenermaßen mehr als unhöflich dir gegenüber. Kaum warst du in meiner Nähe, wusste ich nicht mehr, was ich sagen oder tun sollte. Eine komplett neue Erfahrung für mich. Als ich dann alleine heimfuhr, hätte ich mich am liebsten geohrfeigt. Geohrfeigt für mein kindisches Verhalten und vor allem, dass …“, brach er ab und schwieg.
„Ja?“
„… dass ich mir so eine tolle Frau durch die Lappen gehen lasse“, schloss er fast kleinlaut.
Ich schluckte schwer, konnte kaum glauben, was ich da eben gehört hatte.
Mark räusperte sich und blickte mir gerade in die Augen.
„Ich bin hier, um dich zu fragen, ob du mir eine zweite Chance gibst, das heißt, ob ich dich einmal zum Essen einladen darf“, fragte Mark mit samtweicher Stimme.
Langsam sickerten seine Worte zu meinem Gehirn durch, doch unfähig nur einen klaren Gedanken zu fassen, sagte ich einfach Ja.
„Gut, dann, hmm, wie wär’s mit Mittwochabend?“, fragte er erleichtert.
Ich nickte wie paralysiert.
„Ich hole dich um 19 Uhr ab. Ist das in Ordnung?“
Wiederum nickte ich nur.
„Okay, dann geh ich jetzt. Danke für den Kaffee.“
Mark erhob sich und ging zur Tür. Ich folgte ihm schweigend. An der Tür verharrten wir, keine fünfzig cm voneinander getrennt. Die Spannung war fast unerträglich, ich meinte das Knistern fast hören zu können. Sein herb männlicher Geruch benebelte meine Sinne und seine ausstrahlende Körperwärme verbrannte mich beinah. Wir sahen uns erwartungsvoll und gleichzeitig etwas unsicher an, beide in der Versuchung, den anderen zu küssen.
Ich schluckte schwer, holte tief Luft und streckte ihm schließlich die Hand entgegen. Er richtete sich auf, trat einen kleinen Schritt rückwärts und drückte länger als notwendig meine Hand.
„Bis Mittwoch“, sagte er und ging.
Ich schloss die Tür hinter ihm, lehnte mich dagegen und ein unkontrollierbares Grinsen bemächtigte sich meiner Gesichtszüge. Ein Glücksrausch überströmte mich wie ein warmer Wasserfall und zog mich in ein Meer von Emotionen.
„Ich bin verliebt“, kicherte ich laut, „ich bin tatsächlich verliebt.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 210
ISBN: 978-3-99003-842-0
Erscheinungsdatum: 05.09.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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