Die Frage nach dem „Warum“ Karmaliebe
Zwischen den Welten der Liebe
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 264
ISBN: 978-3-7116-1260-1
Erscheinungsdatum: 20.11.2025
Manche Menschen fühlen sich an wie ein Zuhause, das wir nie bewusst betreten haben. Eine Geschichte über Seelenverbindungen, stille Nähe und das Unsichtbare zwischen zwei Menschen. Für alle, die an mehr glauben als an Zufall.
Kapitel 1
Wer bin ich? Wer will ich sein?
Felice besitzt buchstäblich alles, was das Leben erfüllend machen könnte, und doch nagt eine namenlose Leere an ihrer Seele, eine Dunkelheit, die sie nicht erklären oder verstehen kann. Sie lebt, sie liebt, sie heiratet. Ein treuer Partner, ihr Fels in der Brandung, steht an ihrer Seite. Sie hat wunderbare Kinder, ihre Schätze, deren Lachen ihr Herz oft erhellt. Jede Entscheidung trifft sie mit einer tiefen Überzeugung, die aus dem Kern ihres Seins stammt. Es ist nicht der Mangel an Ehrgeiz, der sie bedrückt. Aber da ist dieses Gefühl, dieses kriechende, unbehagliche Etwas, das sich in ruhigen Momenten einschleicht und ihre Brust zuschnürt. Es ist wie ein Schatten, der ihre Freude trübt und ihren Herzschlag beschleunigt. Felice sehnt sich nach Veränderung, sehnt sich danach, dem Spiegelbild, welches sie jeden Morgen betrachtet, mit einem neuen Licht zu begegnen. Sie trifft eine Entscheidung, einen kleinen, scheinbar unbedeutenden Schritt, der aber das Potenzial hat, ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen. Sie meldet sich für ein Probetraining im Fitnessstudio an. Was mache ich hier? fragt sie sich, als sie das Fitnessstudio betritt.
Ihr Herz schlägt bis zum Hals, ihre Hände vibrieren leicht. Sie schaut sich um, nimmt die jungen, fit aussehenden Frauen wahr, die in knapper Sportkleidung auf den Kursbeginn warten. Sie fühlt sich wie ein Eindringling, eine Außenseiterin. Ich sehe aus wie eine verwahrloste Hausfrau. Warum habe ich keine anständige Sportkleidung? Warum passen mir meine Sachen vor der Schwangerschaft immer noch nicht?!
Ab jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Du bist hier, um etwas zu ändern. Du bist hier für dich, nicht für sie. Das ist nun dein Startschuss in ein neues Körpergefühl.
Trotz ihrer Selbstzweifel zwingt sie sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ihr weites Shirt und die schwarze Jogginghose fallen in der Menge kaum auf, aber die bedrückenden Blicke, die sie spürt, sind in ihrem eigenen Kopf viel intensiver. Unsicher sucht sie sich einen Platz in der hintersten Reihe. Pünktlich zum Kursbeginn betritt ein mit Rucksack bepackter Mann den Raum. Er hat eine direkte und entschlossene Ausstrahlung, legt seine Sachen ab und lächelt in die Frauenrunde. Felice sieht ihn an und kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Seine Energie überrascht sie und verstärkt zugleich ihre Unsicherheit. Wie kann es noch peinlicher werden? Sie hatte eine Trainerin erwartet, etwa um die vierzig Jahre, eine, die bereits Kinder hat und sie motivieren kann, ihre Figur wieder in Form zu bringen. Schon lange nahm sie das männliche Geschlecht nicht mehr wahr, im Grunde genommen spielt es für sie auch keine Rolle.
Ich habe einen Mann, den ich innig liebe und der mich auch liebt. Warum sollte es mich plagen, ob das andere Geschlecht Interesse an mir hat?
Felice versucht, diese Gedanken beiseitezuschieben. Sie ist hier, um sich wieder wohl in ihrem Körper zu fühlen, und dieser Moment ist der erste Schritt auf einem neuen Weg. Jede Veränderung beginnt klein, weitet sich aus und erst nachdem der Weg gegangen ist, sieht man das große Ganze. Seit ihrer Jugend hält sie sich an eine strikte Geschmackslinie und daran gebundene Voraussetzungen, die ihr Mann bis auf den letzten Punkt erfüllt: groß gebaut, strahlend blaue Augen, rote Locken, eine Haut ohne Makel, er teilt ihre Ansichten und Werte. Das Wichtigste ist jedoch sein Herz und sie spürt wahrhaftig die Liebe, die er für sie hegt. Selbst nach der Geburt der Zwillinge, die ihren Körper leiden ließ, umgarnt er sie. Er gab ihr nie das Gefühl, „hässlich“ zu sein.
Ich kann nicht verstehen, warum er meine Erscheinung trotzdem noch so anziehend findet. Es ist einfach nicht nachvollziehbar, wie er den Speckbauch und die Cellulite attraktiv finden kann. So typisch, seine Worte dazu ändern sich nie:
„Ich liebe dich, und dein Körper hat mir wunderschöne Kinder geschenkt. Wie könnte ich diesen nicht lieben?“
Verbindet die beiden wirklich so viel mehr, als dass es das Körperliche je zerstören könnte? Felice weiß darauf keine Antwort. Mit aufrechter Haltung steht er da, völlig fremd und neu. Ein merkwürdiges Gefühl breitet sich in ihrer Bauchgegend aus, ein Kribbeln, das sie seit Jahren nicht mehr gespürt hat. Ist es Aufregung oder ist sie einfach völlig neben der Spur? Oder ist es nur ein neuer Anlass, sich Sorgen zu machen? Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellungsrunde geht es los. Auch den anderen Kursteilnehmerinnen ist nicht entgangen, dass der Trainer einem Leckerbissen gleicht. Sie kichern wie Teenager, wenn er spricht, und schmelzen bei seinem Lächeln dahin. Doch Felice kann sich beherrschen und ignoriert jeden Versuch seines freundlichen Lächelns. Wieso lächelt er ständig so gestellt? Skeptisch blickt sie ihm entgegen. Ist das ein Teil seiner Masche? Nur lächeln und nicken, damit die Teilnehmerinnen eine Illusion des Interesses spüren, um dann wiederzukommen. Ein cleverer Weg, um ein Fitnessstudio zu füllen!
Nach dem Kursende zieht sie sich trotz des guten Gefühls, das sie hat, hastig um. Ihr einziger Gedanke ist es, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Unsicherheit schleicht sich ein. Will ich überhaupt noch mal hierher? Das Studio ist nett, aber diese oberflächliche, künstliche Atmosphäre kann und will ich nicht unterstützen! Beim Versuch, das Fitnessstudio zügig zu verlassen, wird sie von der Empfangsdame gestoppt, die interessiert nachhakt: „Konnten wir mit dem Probetraining Ihre Erwartungen erfüllen?“ Felice schnappt nach Luft, ringt um Worte, als plötzlich von hinten eine sanfte, jedoch bestimmte Stimme ertönt: „Sie haben sich gut geschlagen. Ich hoffe, ich war zu Ihrer Zufriedenheit?“ Röte steigt ihr ins Gesicht, als sie erkennt, dass es der Trainer ist. Eine frische Brise gefüllt mit männlichem, animalischem Duft trifft sie und paralysiert sie für einen kurzen Moment. Halb abgewandt richtet sich ihr Blick auf die Dame am Empfang, im Nacken spürt sie die drückende Präsenz des Trainers. Felice fühlt sich unsicher, ja, fast gefangen. Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. Schüchtern flüstert sie: „Ja, das Tempo muss ich noch steigern, aber sonst hat es mir gut gefallen.“ Er tritt bedrohlich näher und flüstert: „Bis zum nächsten Mal.“ Die Dame am Empfang mit ihrem fast karikaturhaften, überzogenen Lächeln, das nur eine übermotivierte Empfangsdame in einem Fitnessstudio zustande bringen kann, präsentiert ihr den Vertrag. „Schauen Sie mal, ich habe Ihren Vertrag schon vorbereitet, Sie müssen nur noch unterschreiben.“ Wie in einem Sumpf der Höflichkeit versinkend, hat Felice das Gefühl, nicht mehr entkommen zu können. Sie könnte durchaus äußern, dass sie noch Bedenkzeit benötigt. Auf dem Heimweg scheinen die Ereignisse des Tages eine dunkle Wolke in ihrem Kopf zu bilden. Ist das alles nur eine hinterhältige Masche, um unbedarfte Frauen einzufangen? Mit dem sympathischen, gutaussehenden Trainer als Köder? Ich habe noch die Kündigungsfrist. Soll ich fliehen, einfach kündigen und meine guten Vorsätze über Bord werfen? Was bildet sich dieser arrogante Kerl eigentlich ein? Mit seinem schmierigen, smarten Lächeln versucht er doch nur, seinen Kurs zu füllen! Mit einer Welle der Selbstverachtung, dass sie so naiv gewesen ist, stürmt sie zu Hause rein. Ihr Ehegatte Vincent sitzt geduldig aber wartend im Wohnzimmer. „Liebling, wie war dein Probetraining?“, er erkennt dabei sofort den Sturm in ihren Augen. Sie entlädt ihre Frustration und erzählt ihm von dem hinterhältigen Spiel. Nach einer hitzigen Diskussion gelingt es ihm, sie zu beruhigen und sie zu überreden, es noch einmal zu versuchen. Vincent ist ein Anker in ihrem chaotischen Leben. Es ist erstaunlich, wie viel Unterstützung er ihr bietet, wie er immer wieder die Scherben ihrer Selbstzweifel aufsammelt und sie erneut zusammensetzt. „Ich liebe dich, Felice, genauso wie du bist. Arbeite an dir, bis du dich selbst wieder lieben kannst. Mehr will ich nicht und du auch nicht. Dein Körper ist nur eine Hülle. DU, das bist du. Das bewundere ich an dir. Wenn du dich unwohl fühlst, dann tu etwas für dich, niemand kann es dir abnehmen. Wenn es Sport ist, dann mach es“, erwidert er mit einer Engelsgeduld und einem liebevollen Lächeln. Er sieht ihr tief in die Augen, immer wieder gelingt es ihm, sie behutsam aus dem Meer ihrer dunklen Gedanken zu ziehen. Felice entscheidet sich, es noch einmal zu wagen. Montags und mittwochs um 16 Uhr findet das Training statt.
Eine Stunde oder auch mal etwas länger. Moritz, der Trainer, strahlt stets Hilfsbereitschaft aus, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Er lenkt die Gruppe mit einer Leichtigkeit und einer nahezu spürbaren Professionalität. Jede anfängliche Skepsis wird im Keim erstickt. So kommt es auch, dass ein Teil der Gruppe nach dem Training ab und an zusammenkommt. Sie tauschen sich aus und reflektieren die letzten Übungen. Marie, stets zum Scherzen aufgelegt, wirft plötzlich die Idee in den Raum, heute Abend auszugehen. Felice zögert, denn bisher gab es keine Verabredungen außerhalb des Fitnesscenters. Grübelnd fragt sie sich: Soll ich mitgehen oder lieber doch nach Hause? Vincent wartet sicher mit einem Glas Wein auf mich. Soll ich es riskieren und ihn anrufen? Abrupt richtet Felice ihre Aufmerksamkeit auf die lachende Marie. „Ruf doch zu Hause an. Ein oder zwei Stunden kann dich dein Göttergatte doch wohl entbehren!“, verschmitzt mit einem Zwinkern widmet Marie sich wieder den anderen zu, die schon Pläne schmieden. Nach einem Moment der Überlegung schreibt sie Vincent lieber eine Nachricht und kehrt grinsend zum Tisch zurück. „Auf geht’s in die nächste Bar!“ Unter lautem Gejohle macht sich die feierwütige Gesellschaft auf den Weg. Obwohl sich Felice auf den Abend freut, kann sie ein Gefühl der Aufregung nicht abschütteln. Das Ziel ist eine Strandbar, die gewöhnlich gut besucht ist. Ein Gefühl der Leichtigkeit, das sie schon fast vergessen hatte, überkommt sie. Es fühlt sich so frei an, obwohl sie nie das Gefühl hatte, gefangen zu sein. Doch dieses Erlebnis hier ist aufregend, und die gesellige Menschenmenge wirkt ansteckend. Mit Sand unter den Füßen und Palmen an jeder Ecke fühlt sie eine Art Freiheit, die man normalerweise nur im Urlaub erlebt. Die anderen Gäste scheinen es ähnlich zu empfinden, sitzen gelassen und entspannt an ihren Tischen. Die aufgedrehte Gruppe bestellt schnell die erste Runde. Marie entscheidet sich für einen Cosmopolitan, Antonia für ein Radler, Luise nimmt eine Weinschorle, Charlotte will einen Kaffee, Moritz nimmt ein Wasser und Felice wählt eine Piña Colada. Moritz, der sonst so lebhaft ist, wirkt plötzlich still und abwesend. Felice nimmt den ersten Schluck ihrer Piña Colada. Hmmm, dieser kalte Cocktail schmeckt einfach herrlich. Warum mache ich mir zu Hause keine Cocktails? Während dieses Gedankenrausches treffen sich ihre Blicke zum ersten Mal. Trotz der vielen Menschen um sie herum scheint es in diesem Moment nur sie beide zu geben. Als wären sie in einer Blase, mustern sie gegenseitig ihre Gesichtszüge, unbemerkt von den anderen.
Ihr intensiver Blick ist mir vorher nicht aufgefallen.
Diese Grübchen um ihren Mund sehen wirklich niedlich aus.
Verwundert über seine Gedanken, mahnt sich Moritz zur Ordnung. Hör auf, diese verheiratete Frau anzustarren, sonst kommt sie noch auf die Idee, du hättest Interesse.
Der Abend verläuft ziemlich entspannt. Felice fühlt sich, als würde sie eine alte und zugleich neue Welt entdecken, und sie genießt es, dieses Stück Freiheit in sich aufzusaugen.
Ihre Gedanken schweifen immer wieder nach Hause ab, doch Marie holt sie stets zurück in die Realität. Es ist spät, als Felice zu Hause ankommt, alle schlafen bereits. Sie legt sich in ihr Bett und schläft, noch etwas aufgewühlt, ein. Leicht verkatert erwacht Felice in ihrem Himmelbett. Unten hört sie das Lachen und Toben ihrer Zwillinge. Es ist ein lauer Spätsommertag an einem Donnerstag. Die vierjährigen Mädchen müssen noch in den Kindergarten gebracht werden, doch dank der flexiblen Arbeitszeiten ihres Mannes teilen sich beide die Betreuung. Er, ein Architekt und brillant in seinem Beruf, entwirft ihr Eigenheim scheinbar im Schlaf. Alles, was er anpackt, gelingt ihm. Mit seiner leichten Art fesselt er jeden im Gespräch, ob Kunden oder der eigene Freundeskreis. Alle hängen an seinen Lippen. Seine athletische Statur sorgt oft für eifersüchtige Blicke des anderen Geschlechts. Kaffee nippend und im Schlafanzug an der Marmortheke ihrer Küche sitzend, beobachtet Felice ihren Ehemann.
Wie glücklich kann ich mich schätzen, diesen perfekten Mann an meiner Seite zu haben? Es gibt wirklich nichts, was ich an ihm auszusetzen hätte. Ich habe einfach nur Glück mit meinem „Göttergatten“, wie Marie ihn genannt hat. Doch was ist Glück überhaupt? Haben mir meine Eltern absichtlich den Namen Felice gegeben, damit mich das Glück stets begleitet? Es ist merkwürdig, das Glück war schon immer auf meiner Seite. Immer gute Noten, leichtes Lernen, alles behalten ohne Probleme, Glück bei meinen Freunden, den Lehrern, und selbst an der Uni hat mich Fortuna begleitet. Dort traf ich Vincent. Schon von Anfang an habe ich mich sicher bei ihm gefühlt. Er hat mir Stärke und eine starke Schulter geboten, was mich sehr beeindruckt hat. Wir haben uns schnell ineinander verliebt. Nach meinem Studium zur Innenarchitektin kam der erste große Schritt: Wir haben geheiratet. Obwohl wir erst drei Jahre zusammen waren, fühlte es sich richtig an. Noch bevor ich richtig im Berufsleben angekommen bin, wurde ich schwanger. Himmelsbotschaft – Zwillinge, es war atemberaubend. Jetzt, einige Jahre später, leben wir ein Leben, von dem andere nur träumen. Doch ich spüre nicht die Zufriedenheit, die ich eigentlich spüren sollte. Was ist das bloß? Wahrscheinlich ist es Meckern auf hohem Niveau. Habe ich es satt, glücklich zu sein? Vielleicht möchte ich nicht ständig vom Glück verfolgt werden.
Mit diesen Gedanken schließt Felice die Augen, trinkt den letzten Schluck Kaffee und begibt sich ins Bad, um zu duschen. Nach 30 Minuten erscheint auch Vincent im Türrahmen. Diesen Ausdruck in seinen Augen kennt Felice nur zu gut. Mit fixiertem Blick zieht er sich langsam aus, öffnet die Glastür der Duschkabine, tritt ein und dreht Felice mit einem Ruck um. Er küsst ihren Nacken. Bestimmt packt er ihre Hüfte und gleitet in sie hinein. Felice stöhnt auf. Ein Feuer entfacht in ihr. Sie schließt die Augen und beißt genussvoll auf ihre Unterlippe. Plötzlich blitzt das Bild von Moritz in ihren Gedanken auf. Sie erschrickt, stützt sich gegen die Scheibe und versucht, das eben Gedachte zu verdrängen. Vincent bemerkt nichts davon. Als er seinen Höhepunkt erreicht, schlingt er liebevoll seine Arme um ihren Bauch, zieht sie fest an sich und beide verweilen einen Moment. Etwas benommen trocknet sie sich ab und geht in den Ankleideraum, um sich fertig zu machen. Vincents Mutter holt heute die Mädchen vom Kindergarten ab und sie genießen ihren Oma-Enkel-Tag. So kosten beide die langersehnte Zweisamkeit aus. Es ist lange her, dass sie intime Momente geteilt haben. Sie fühlen sich seit Langem wieder nahe. Felice verdrängt, was ihr inneres Auge ihr zeigt und lässt sich leicht bekleidet bedingungslos in die Arme ihres Mannes sinken. Am Abend hat sie Zeit nur für sich selbst. Sie entscheidet sich, laufen zu gehen, anstatt den Kurs von Moritz zu besuchen.
Das Laufen tut ihr gut, die monatelangen Kurse tragen Früchte. Felice fühlt sich das erste Mal seit Jahren wieder fitter und attraktiver. Die Haare haben sich erholt, sind voller. Das braune Haar reicht ihr bereits über die Schultern. Von weiten Hosen ist nichts mehr zu sehen. Sie trägt eine enge Sporthose, ein bauchfreies Top ohne Ärmel. Die Natur so wahrzunehmen, wie sie ist, während der Körper auf Höchstleistung gebracht wird, setzt Unmengen an Glückshormonen frei. Sie atmet tief durch, immer tiefer, die Musik in ihren Ohren begleitet ihre Gedanken. Es ist, als wäre sie in einem Film, den sie vor- und zurückspulen oder immer dieselbe Szene abspielen kann. Nach einigen Tagen ruft Marie an, die in den letzten Monaten zu einer guten Freundin geworden ist. Seit ihr Sohn in denselben Kindergarten eingewöhnt wurde, sehen sich die Mütter immer öfter. Die Gespräche finden anfangs vor dem Kindergarten statt und dehnen sich aus, bis die Mütter sich gegenseitig morgens im Eigenheim besuchen. Das ist gar nicht so schwer, denn Marie zieht in dieselbe Straße, in der bereits Felice und Vincent gebaut haben. Vom anfänglichen Kaffeeklatsch entsteht ein morgendliches Ritual: Die Mütter trinken Kaffee und gehen gemeinsam eine Stunde laufen.
Die Freundschaft vertieft sich, sodass die Mütter immer mehr miteinander unternehmen. Sie nehmen sich gegenseitig die Kinder ab, erledigen gemeinsam die Einkäufe und unterstützen sich in allen Angelegenheiten, die das Leben so mit sich bringt. So entstehen viele private Gespräche über Ehe, Ängste und Wünsche. Beide finden eine Vertraute, eine Verbündete im Geiste. Sie ergänzen sich nicht nur, sondern sie verstehen sich blind. Oft lachen sie darüber, warum sie sich nicht schon früher gefunden haben. Seelenschwestern finden immer zueinander, ganz gleich, wie alt sie sind. Ihre Beziehung ist geprägt von einer tiefen emotionalen Verbundenheit. Sie teilen Freuden und Sorgen, sie feiern und weinen miteinander. Ihre Augen strahlen Verständnis aus, wenn sie aufeinander blicken, und in ihren Stimmen klingt Mitgefühl, wenn sie miteinander sprechen. Sie haben eine Verbindung geschaffen, die stärker ist als bloße Freundschaft, sie sind füreinander Familie geworden. Jede von ihnen fühlt sich durch die andere gesehen und anerkannt, in ihren Stärken und in ihren Schwächen. Sie sind einander Spiegel und Stütze, Vertraute und Ratgeberinnen. Ihre Beziehung ist ein sicherer Hafen in der manchmal stürmischen See des Lebens. Nach Maries hartnäckigem Drängen kehrt Felice schließlich zu dem Sportkurs zurück. Ein gewöhnlicher Montagmorgen, Routinen laufen ab, die Zwillinge werden in den Kindergarten gebracht. Doch bevor der Tag seine volle Tragweite entfaltet, gönnen sich die Freundinnen ihre morgendliche Laufrunde. Marie, eine lebensfrohe und herzliche Persönlichkeit, sprudelt geradezu über vor Geschichten und Gedanken. Sie liebt es, die Situationen durchzusprechen, um eine Art Sicherheit für sich selbst zu erlangen. Seitdem sie ihre Arbeit als Krankenschwester wieder aufgenommen hat, sind diese gemeinsamen Läufe nicht mehr tägliche Routine, sondern kostbare Momente geworden. An Montagen jedoch behalten sie sich diese gemeinsame Zeit. Sie genießen ihre Strecke, die sie durch malerische Landschaften, entlang von Seen und durch waldgesäumte Alleen führt. Felice, ungewöhnlich nervös an diesem Tag, bringt es nicht übers Herz, Marie den wahren Grund für ihr Zögern bezüglich des Sportkurses zu enthüllen. Sie fühlt sich lächerlich, von solchen Gedanken beherrscht zu werden. Diesmal nimmt Felice den Weg allein mit dem Auto, während Marie die Aufgabe hat, ihren Sohn vorher zu den Schwiegereltern zu bringen. In Maries Leben spielen die Schwiegereltern eine entscheidende Rolle. Sie unterstützen sie, wo sie können, vor allem, weil Maries Mann oft beruflich unterwegs ist. Sie sind eine große Hilfe, auch wenn es manchmal Reibungspunkte gibt. Marie ist ihnen sehr dankbar dafür, besonders da ihre eigenen Eltern tragisch verunglückt sind, als sie gerade einmal 14 Jahre alt war. Trotz der Schwere ihrer Vergangenheit, strahlt Marie eine fast ansteckende Fröhlichkeit aus. Sie ist eine Optimistin, oft diejenige, die anderen zuhört und Trost spendet. Doch in Felice hat sie eine Vertraute gefunden, eine echte Zuhörerin, die ihre Freude, Ängste und Trauer teilen kann. Mit nur einem Blick tauschen die Freundinnen ihre Gedanken aus. Während Felice vor dem Studio auf Marie wartet, checkt sie, etwas gelangweilt, ihre E-Mails auf dem Smartphone. Marie lässt nicht lange auf sich warten und beide betreten gemeinsam das Studio. In der Umkleide schlüpft Felice in ihre schwarze, enge Sporthose, ihr weißes Tanktop und ihre geliebten Nikes. Sie bindet ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, legt ein Handtuch um die Schultern und macht sich bereit für das Training. Marie, in auffälligem, mädchenhaftem Pink gekleidet, folgt ihr etwas langsamer. Als sie den Sportraum betreten, wirft Moritz einen flehenden Blick in ihre Richtung, als ob er entlocken wollte, was der Grund ihrer Abwesenheit war.
Er fixiert Felice und lächelt verlegen. „Guten Abend“, rufen die Freundinnen im Chor entgegen. Ein Lächeln kann er sich nicht verkneifen. „Was für eine Ehre, euch wieder im Kurs zu sehen!“ Mit einem fragenden Blick versucht er, eine Antwort für ihre Abwesenheit zu bekommen. Doch Felice, die stundenlang an ihrem Pokerface gearbeitet hat, winkt nur ab und beendet seine forsche Nachfrage. Sie ist stolz auf sich, es gelingt ihr in einer Perfektion, die sie selbst nicht erahnt hätte. Während des Aufwärmens und der Dehnübungen fixiert er Felice beim Training zum ersten Mal intensiv. Sein Blick scheint förmlich auf ihr zu brennen. Es wirkt, als würde er jede ihrer Bewegungen aufsaugen wie ein ausgehungerter Löwe, der seine Beute zum ersten Mal erblickt und bereit ist zu jagen. Marie entgeht das nicht. Sie sucht fragend Felices Blick, doch diese ist völlig auf ihre Übungen konzentriert, als würde sie alles und jeden um sich herum ausblenden. Nach 60 intensiven Trainingsminuten voller Schweiß fühlen sich die Freundinnen erschöpft aber glücklich.
Frisch geduscht geht es hinaus in den Garten des Sportstudios, wo die Sportbegeisterten ihren Eiweißhaushalt mit einem Shake auffüllen. Als Moritz auftaucht, um mit einem Kollegen eine Zigarette zu rauchen, nicken sich Felice und er mit einem Lächeln zu. Seine Blicke durchdringen Felice. Es ist nur ein kurzer Moment, aber so intensiv, dass sie fast süchtig danach wird. Als der Shake ausgetrunken ist, löst sich die Gruppe der Frauen langsam auf. Felice, die während ihrer Schwangerschaft mit den Zwillingen das Rauchen aufgegeben hat, erliegt wieder dem Genuss des Geruchs. Sie gönnt sich ab und zu eine Zigarette, meist schnorrt sie sich bei Marie durch. Am Ausgang zum Parkplatz lehnt sie an der Wand und zieht erleichtert an einer Zigarette. Sie genießt jeden Zug und schließt dabei genüsslich die Augen.
Die Tür schnappt auf und Moritz tritt mit schnellen Schritten heraus. Felice wundert sich, denn eigentlich sollte er noch einen Kurs leiten. Er nimmt nichts und niemanden wahr, setzt Schritt um Schritt mit gesenktem Blick. Als er bei Felice ankommt, hebt er seinen Blick. Seine braunen Augen, wild und luchsartig, durchdringen sie mit einer Intensität bis zum Knochenmark, die ihr weiche Beine bereiten.
...
Wer bin ich? Wer will ich sein?
Felice besitzt buchstäblich alles, was das Leben erfüllend machen könnte, und doch nagt eine namenlose Leere an ihrer Seele, eine Dunkelheit, die sie nicht erklären oder verstehen kann. Sie lebt, sie liebt, sie heiratet. Ein treuer Partner, ihr Fels in der Brandung, steht an ihrer Seite. Sie hat wunderbare Kinder, ihre Schätze, deren Lachen ihr Herz oft erhellt. Jede Entscheidung trifft sie mit einer tiefen Überzeugung, die aus dem Kern ihres Seins stammt. Es ist nicht der Mangel an Ehrgeiz, der sie bedrückt. Aber da ist dieses Gefühl, dieses kriechende, unbehagliche Etwas, das sich in ruhigen Momenten einschleicht und ihre Brust zuschnürt. Es ist wie ein Schatten, der ihre Freude trübt und ihren Herzschlag beschleunigt. Felice sehnt sich nach Veränderung, sehnt sich danach, dem Spiegelbild, welches sie jeden Morgen betrachtet, mit einem neuen Licht zu begegnen. Sie trifft eine Entscheidung, einen kleinen, scheinbar unbedeutenden Schritt, der aber das Potenzial hat, ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen. Sie meldet sich für ein Probetraining im Fitnessstudio an. Was mache ich hier? fragt sie sich, als sie das Fitnessstudio betritt.
Ihr Herz schlägt bis zum Hals, ihre Hände vibrieren leicht. Sie schaut sich um, nimmt die jungen, fit aussehenden Frauen wahr, die in knapper Sportkleidung auf den Kursbeginn warten. Sie fühlt sich wie ein Eindringling, eine Außenseiterin. Ich sehe aus wie eine verwahrloste Hausfrau. Warum habe ich keine anständige Sportkleidung? Warum passen mir meine Sachen vor der Schwangerschaft immer noch nicht?!
Ab jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Du bist hier, um etwas zu ändern. Du bist hier für dich, nicht für sie. Das ist nun dein Startschuss in ein neues Körpergefühl.
Trotz ihrer Selbstzweifel zwingt sie sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ihr weites Shirt und die schwarze Jogginghose fallen in der Menge kaum auf, aber die bedrückenden Blicke, die sie spürt, sind in ihrem eigenen Kopf viel intensiver. Unsicher sucht sie sich einen Platz in der hintersten Reihe. Pünktlich zum Kursbeginn betritt ein mit Rucksack bepackter Mann den Raum. Er hat eine direkte und entschlossene Ausstrahlung, legt seine Sachen ab und lächelt in die Frauenrunde. Felice sieht ihn an und kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Seine Energie überrascht sie und verstärkt zugleich ihre Unsicherheit. Wie kann es noch peinlicher werden? Sie hatte eine Trainerin erwartet, etwa um die vierzig Jahre, eine, die bereits Kinder hat und sie motivieren kann, ihre Figur wieder in Form zu bringen. Schon lange nahm sie das männliche Geschlecht nicht mehr wahr, im Grunde genommen spielt es für sie auch keine Rolle.
Ich habe einen Mann, den ich innig liebe und der mich auch liebt. Warum sollte es mich plagen, ob das andere Geschlecht Interesse an mir hat?
Felice versucht, diese Gedanken beiseitezuschieben. Sie ist hier, um sich wieder wohl in ihrem Körper zu fühlen, und dieser Moment ist der erste Schritt auf einem neuen Weg. Jede Veränderung beginnt klein, weitet sich aus und erst nachdem der Weg gegangen ist, sieht man das große Ganze. Seit ihrer Jugend hält sie sich an eine strikte Geschmackslinie und daran gebundene Voraussetzungen, die ihr Mann bis auf den letzten Punkt erfüllt: groß gebaut, strahlend blaue Augen, rote Locken, eine Haut ohne Makel, er teilt ihre Ansichten und Werte. Das Wichtigste ist jedoch sein Herz und sie spürt wahrhaftig die Liebe, die er für sie hegt. Selbst nach der Geburt der Zwillinge, die ihren Körper leiden ließ, umgarnt er sie. Er gab ihr nie das Gefühl, „hässlich“ zu sein.
Ich kann nicht verstehen, warum er meine Erscheinung trotzdem noch so anziehend findet. Es ist einfach nicht nachvollziehbar, wie er den Speckbauch und die Cellulite attraktiv finden kann. So typisch, seine Worte dazu ändern sich nie:
„Ich liebe dich, und dein Körper hat mir wunderschöne Kinder geschenkt. Wie könnte ich diesen nicht lieben?“
Verbindet die beiden wirklich so viel mehr, als dass es das Körperliche je zerstören könnte? Felice weiß darauf keine Antwort. Mit aufrechter Haltung steht er da, völlig fremd und neu. Ein merkwürdiges Gefühl breitet sich in ihrer Bauchgegend aus, ein Kribbeln, das sie seit Jahren nicht mehr gespürt hat. Ist es Aufregung oder ist sie einfach völlig neben der Spur? Oder ist es nur ein neuer Anlass, sich Sorgen zu machen? Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellungsrunde geht es los. Auch den anderen Kursteilnehmerinnen ist nicht entgangen, dass der Trainer einem Leckerbissen gleicht. Sie kichern wie Teenager, wenn er spricht, und schmelzen bei seinem Lächeln dahin. Doch Felice kann sich beherrschen und ignoriert jeden Versuch seines freundlichen Lächelns. Wieso lächelt er ständig so gestellt? Skeptisch blickt sie ihm entgegen. Ist das ein Teil seiner Masche? Nur lächeln und nicken, damit die Teilnehmerinnen eine Illusion des Interesses spüren, um dann wiederzukommen. Ein cleverer Weg, um ein Fitnessstudio zu füllen!
Nach dem Kursende zieht sie sich trotz des guten Gefühls, das sie hat, hastig um. Ihr einziger Gedanke ist es, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Unsicherheit schleicht sich ein. Will ich überhaupt noch mal hierher? Das Studio ist nett, aber diese oberflächliche, künstliche Atmosphäre kann und will ich nicht unterstützen! Beim Versuch, das Fitnessstudio zügig zu verlassen, wird sie von der Empfangsdame gestoppt, die interessiert nachhakt: „Konnten wir mit dem Probetraining Ihre Erwartungen erfüllen?“ Felice schnappt nach Luft, ringt um Worte, als plötzlich von hinten eine sanfte, jedoch bestimmte Stimme ertönt: „Sie haben sich gut geschlagen. Ich hoffe, ich war zu Ihrer Zufriedenheit?“ Röte steigt ihr ins Gesicht, als sie erkennt, dass es der Trainer ist. Eine frische Brise gefüllt mit männlichem, animalischem Duft trifft sie und paralysiert sie für einen kurzen Moment. Halb abgewandt richtet sich ihr Blick auf die Dame am Empfang, im Nacken spürt sie die drückende Präsenz des Trainers. Felice fühlt sich unsicher, ja, fast gefangen. Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. Schüchtern flüstert sie: „Ja, das Tempo muss ich noch steigern, aber sonst hat es mir gut gefallen.“ Er tritt bedrohlich näher und flüstert: „Bis zum nächsten Mal.“ Die Dame am Empfang mit ihrem fast karikaturhaften, überzogenen Lächeln, das nur eine übermotivierte Empfangsdame in einem Fitnessstudio zustande bringen kann, präsentiert ihr den Vertrag. „Schauen Sie mal, ich habe Ihren Vertrag schon vorbereitet, Sie müssen nur noch unterschreiben.“ Wie in einem Sumpf der Höflichkeit versinkend, hat Felice das Gefühl, nicht mehr entkommen zu können. Sie könnte durchaus äußern, dass sie noch Bedenkzeit benötigt. Auf dem Heimweg scheinen die Ereignisse des Tages eine dunkle Wolke in ihrem Kopf zu bilden. Ist das alles nur eine hinterhältige Masche, um unbedarfte Frauen einzufangen? Mit dem sympathischen, gutaussehenden Trainer als Köder? Ich habe noch die Kündigungsfrist. Soll ich fliehen, einfach kündigen und meine guten Vorsätze über Bord werfen? Was bildet sich dieser arrogante Kerl eigentlich ein? Mit seinem schmierigen, smarten Lächeln versucht er doch nur, seinen Kurs zu füllen! Mit einer Welle der Selbstverachtung, dass sie so naiv gewesen ist, stürmt sie zu Hause rein. Ihr Ehegatte Vincent sitzt geduldig aber wartend im Wohnzimmer. „Liebling, wie war dein Probetraining?“, er erkennt dabei sofort den Sturm in ihren Augen. Sie entlädt ihre Frustration und erzählt ihm von dem hinterhältigen Spiel. Nach einer hitzigen Diskussion gelingt es ihm, sie zu beruhigen und sie zu überreden, es noch einmal zu versuchen. Vincent ist ein Anker in ihrem chaotischen Leben. Es ist erstaunlich, wie viel Unterstützung er ihr bietet, wie er immer wieder die Scherben ihrer Selbstzweifel aufsammelt und sie erneut zusammensetzt. „Ich liebe dich, Felice, genauso wie du bist. Arbeite an dir, bis du dich selbst wieder lieben kannst. Mehr will ich nicht und du auch nicht. Dein Körper ist nur eine Hülle. DU, das bist du. Das bewundere ich an dir. Wenn du dich unwohl fühlst, dann tu etwas für dich, niemand kann es dir abnehmen. Wenn es Sport ist, dann mach es“, erwidert er mit einer Engelsgeduld und einem liebevollen Lächeln. Er sieht ihr tief in die Augen, immer wieder gelingt es ihm, sie behutsam aus dem Meer ihrer dunklen Gedanken zu ziehen. Felice entscheidet sich, es noch einmal zu wagen. Montags und mittwochs um 16 Uhr findet das Training statt.
Eine Stunde oder auch mal etwas länger. Moritz, der Trainer, strahlt stets Hilfsbereitschaft aus, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Er lenkt die Gruppe mit einer Leichtigkeit und einer nahezu spürbaren Professionalität. Jede anfängliche Skepsis wird im Keim erstickt. So kommt es auch, dass ein Teil der Gruppe nach dem Training ab und an zusammenkommt. Sie tauschen sich aus und reflektieren die letzten Übungen. Marie, stets zum Scherzen aufgelegt, wirft plötzlich die Idee in den Raum, heute Abend auszugehen. Felice zögert, denn bisher gab es keine Verabredungen außerhalb des Fitnesscenters. Grübelnd fragt sie sich: Soll ich mitgehen oder lieber doch nach Hause? Vincent wartet sicher mit einem Glas Wein auf mich. Soll ich es riskieren und ihn anrufen? Abrupt richtet Felice ihre Aufmerksamkeit auf die lachende Marie. „Ruf doch zu Hause an. Ein oder zwei Stunden kann dich dein Göttergatte doch wohl entbehren!“, verschmitzt mit einem Zwinkern widmet Marie sich wieder den anderen zu, die schon Pläne schmieden. Nach einem Moment der Überlegung schreibt sie Vincent lieber eine Nachricht und kehrt grinsend zum Tisch zurück. „Auf geht’s in die nächste Bar!“ Unter lautem Gejohle macht sich die feierwütige Gesellschaft auf den Weg. Obwohl sich Felice auf den Abend freut, kann sie ein Gefühl der Aufregung nicht abschütteln. Das Ziel ist eine Strandbar, die gewöhnlich gut besucht ist. Ein Gefühl der Leichtigkeit, das sie schon fast vergessen hatte, überkommt sie. Es fühlt sich so frei an, obwohl sie nie das Gefühl hatte, gefangen zu sein. Doch dieses Erlebnis hier ist aufregend, und die gesellige Menschenmenge wirkt ansteckend. Mit Sand unter den Füßen und Palmen an jeder Ecke fühlt sie eine Art Freiheit, die man normalerweise nur im Urlaub erlebt. Die anderen Gäste scheinen es ähnlich zu empfinden, sitzen gelassen und entspannt an ihren Tischen. Die aufgedrehte Gruppe bestellt schnell die erste Runde. Marie entscheidet sich für einen Cosmopolitan, Antonia für ein Radler, Luise nimmt eine Weinschorle, Charlotte will einen Kaffee, Moritz nimmt ein Wasser und Felice wählt eine Piña Colada. Moritz, der sonst so lebhaft ist, wirkt plötzlich still und abwesend. Felice nimmt den ersten Schluck ihrer Piña Colada. Hmmm, dieser kalte Cocktail schmeckt einfach herrlich. Warum mache ich mir zu Hause keine Cocktails? Während dieses Gedankenrausches treffen sich ihre Blicke zum ersten Mal. Trotz der vielen Menschen um sie herum scheint es in diesem Moment nur sie beide zu geben. Als wären sie in einer Blase, mustern sie gegenseitig ihre Gesichtszüge, unbemerkt von den anderen.
Ihr intensiver Blick ist mir vorher nicht aufgefallen.
Diese Grübchen um ihren Mund sehen wirklich niedlich aus.
Verwundert über seine Gedanken, mahnt sich Moritz zur Ordnung. Hör auf, diese verheiratete Frau anzustarren, sonst kommt sie noch auf die Idee, du hättest Interesse.
Der Abend verläuft ziemlich entspannt. Felice fühlt sich, als würde sie eine alte und zugleich neue Welt entdecken, und sie genießt es, dieses Stück Freiheit in sich aufzusaugen.
Ihre Gedanken schweifen immer wieder nach Hause ab, doch Marie holt sie stets zurück in die Realität. Es ist spät, als Felice zu Hause ankommt, alle schlafen bereits. Sie legt sich in ihr Bett und schläft, noch etwas aufgewühlt, ein. Leicht verkatert erwacht Felice in ihrem Himmelbett. Unten hört sie das Lachen und Toben ihrer Zwillinge. Es ist ein lauer Spätsommertag an einem Donnerstag. Die vierjährigen Mädchen müssen noch in den Kindergarten gebracht werden, doch dank der flexiblen Arbeitszeiten ihres Mannes teilen sich beide die Betreuung. Er, ein Architekt und brillant in seinem Beruf, entwirft ihr Eigenheim scheinbar im Schlaf. Alles, was er anpackt, gelingt ihm. Mit seiner leichten Art fesselt er jeden im Gespräch, ob Kunden oder der eigene Freundeskreis. Alle hängen an seinen Lippen. Seine athletische Statur sorgt oft für eifersüchtige Blicke des anderen Geschlechts. Kaffee nippend und im Schlafanzug an der Marmortheke ihrer Küche sitzend, beobachtet Felice ihren Ehemann.
Wie glücklich kann ich mich schätzen, diesen perfekten Mann an meiner Seite zu haben? Es gibt wirklich nichts, was ich an ihm auszusetzen hätte. Ich habe einfach nur Glück mit meinem „Göttergatten“, wie Marie ihn genannt hat. Doch was ist Glück überhaupt? Haben mir meine Eltern absichtlich den Namen Felice gegeben, damit mich das Glück stets begleitet? Es ist merkwürdig, das Glück war schon immer auf meiner Seite. Immer gute Noten, leichtes Lernen, alles behalten ohne Probleme, Glück bei meinen Freunden, den Lehrern, und selbst an der Uni hat mich Fortuna begleitet. Dort traf ich Vincent. Schon von Anfang an habe ich mich sicher bei ihm gefühlt. Er hat mir Stärke und eine starke Schulter geboten, was mich sehr beeindruckt hat. Wir haben uns schnell ineinander verliebt. Nach meinem Studium zur Innenarchitektin kam der erste große Schritt: Wir haben geheiratet. Obwohl wir erst drei Jahre zusammen waren, fühlte es sich richtig an. Noch bevor ich richtig im Berufsleben angekommen bin, wurde ich schwanger. Himmelsbotschaft – Zwillinge, es war atemberaubend. Jetzt, einige Jahre später, leben wir ein Leben, von dem andere nur träumen. Doch ich spüre nicht die Zufriedenheit, die ich eigentlich spüren sollte. Was ist das bloß? Wahrscheinlich ist es Meckern auf hohem Niveau. Habe ich es satt, glücklich zu sein? Vielleicht möchte ich nicht ständig vom Glück verfolgt werden.
Mit diesen Gedanken schließt Felice die Augen, trinkt den letzten Schluck Kaffee und begibt sich ins Bad, um zu duschen. Nach 30 Minuten erscheint auch Vincent im Türrahmen. Diesen Ausdruck in seinen Augen kennt Felice nur zu gut. Mit fixiertem Blick zieht er sich langsam aus, öffnet die Glastür der Duschkabine, tritt ein und dreht Felice mit einem Ruck um. Er küsst ihren Nacken. Bestimmt packt er ihre Hüfte und gleitet in sie hinein. Felice stöhnt auf. Ein Feuer entfacht in ihr. Sie schließt die Augen und beißt genussvoll auf ihre Unterlippe. Plötzlich blitzt das Bild von Moritz in ihren Gedanken auf. Sie erschrickt, stützt sich gegen die Scheibe und versucht, das eben Gedachte zu verdrängen. Vincent bemerkt nichts davon. Als er seinen Höhepunkt erreicht, schlingt er liebevoll seine Arme um ihren Bauch, zieht sie fest an sich und beide verweilen einen Moment. Etwas benommen trocknet sie sich ab und geht in den Ankleideraum, um sich fertig zu machen. Vincents Mutter holt heute die Mädchen vom Kindergarten ab und sie genießen ihren Oma-Enkel-Tag. So kosten beide die langersehnte Zweisamkeit aus. Es ist lange her, dass sie intime Momente geteilt haben. Sie fühlen sich seit Langem wieder nahe. Felice verdrängt, was ihr inneres Auge ihr zeigt und lässt sich leicht bekleidet bedingungslos in die Arme ihres Mannes sinken. Am Abend hat sie Zeit nur für sich selbst. Sie entscheidet sich, laufen zu gehen, anstatt den Kurs von Moritz zu besuchen.
Das Laufen tut ihr gut, die monatelangen Kurse tragen Früchte. Felice fühlt sich das erste Mal seit Jahren wieder fitter und attraktiver. Die Haare haben sich erholt, sind voller. Das braune Haar reicht ihr bereits über die Schultern. Von weiten Hosen ist nichts mehr zu sehen. Sie trägt eine enge Sporthose, ein bauchfreies Top ohne Ärmel. Die Natur so wahrzunehmen, wie sie ist, während der Körper auf Höchstleistung gebracht wird, setzt Unmengen an Glückshormonen frei. Sie atmet tief durch, immer tiefer, die Musik in ihren Ohren begleitet ihre Gedanken. Es ist, als wäre sie in einem Film, den sie vor- und zurückspulen oder immer dieselbe Szene abspielen kann. Nach einigen Tagen ruft Marie an, die in den letzten Monaten zu einer guten Freundin geworden ist. Seit ihr Sohn in denselben Kindergarten eingewöhnt wurde, sehen sich die Mütter immer öfter. Die Gespräche finden anfangs vor dem Kindergarten statt und dehnen sich aus, bis die Mütter sich gegenseitig morgens im Eigenheim besuchen. Das ist gar nicht so schwer, denn Marie zieht in dieselbe Straße, in der bereits Felice und Vincent gebaut haben. Vom anfänglichen Kaffeeklatsch entsteht ein morgendliches Ritual: Die Mütter trinken Kaffee und gehen gemeinsam eine Stunde laufen.
Die Freundschaft vertieft sich, sodass die Mütter immer mehr miteinander unternehmen. Sie nehmen sich gegenseitig die Kinder ab, erledigen gemeinsam die Einkäufe und unterstützen sich in allen Angelegenheiten, die das Leben so mit sich bringt. So entstehen viele private Gespräche über Ehe, Ängste und Wünsche. Beide finden eine Vertraute, eine Verbündete im Geiste. Sie ergänzen sich nicht nur, sondern sie verstehen sich blind. Oft lachen sie darüber, warum sie sich nicht schon früher gefunden haben. Seelenschwestern finden immer zueinander, ganz gleich, wie alt sie sind. Ihre Beziehung ist geprägt von einer tiefen emotionalen Verbundenheit. Sie teilen Freuden und Sorgen, sie feiern und weinen miteinander. Ihre Augen strahlen Verständnis aus, wenn sie aufeinander blicken, und in ihren Stimmen klingt Mitgefühl, wenn sie miteinander sprechen. Sie haben eine Verbindung geschaffen, die stärker ist als bloße Freundschaft, sie sind füreinander Familie geworden. Jede von ihnen fühlt sich durch die andere gesehen und anerkannt, in ihren Stärken und in ihren Schwächen. Sie sind einander Spiegel und Stütze, Vertraute und Ratgeberinnen. Ihre Beziehung ist ein sicherer Hafen in der manchmal stürmischen See des Lebens. Nach Maries hartnäckigem Drängen kehrt Felice schließlich zu dem Sportkurs zurück. Ein gewöhnlicher Montagmorgen, Routinen laufen ab, die Zwillinge werden in den Kindergarten gebracht. Doch bevor der Tag seine volle Tragweite entfaltet, gönnen sich die Freundinnen ihre morgendliche Laufrunde. Marie, eine lebensfrohe und herzliche Persönlichkeit, sprudelt geradezu über vor Geschichten und Gedanken. Sie liebt es, die Situationen durchzusprechen, um eine Art Sicherheit für sich selbst zu erlangen. Seitdem sie ihre Arbeit als Krankenschwester wieder aufgenommen hat, sind diese gemeinsamen Läufe nicht mehr tägliche Routine, sondern kostbare Momente geworden. An Montagen jedoch behalten sie sich diese gemeinsame Zeit. Sie genießen ihre Strecke, die sie durch malerische Landschaften, entlang von Seen und durch waldgesäumte Alleen führt. Felice, ungewöhnlich nervös an diesem Tag, bringt es nicht übers Herz, Marie den wahren Grund für ihr Zögern bezüglich des Sportkurses zu enthüllen. Sie fühlt sich lächerlich, von solchen Gedanken beherrscht zu werden. Diesmal nimmt Felice den Weg allein mit dem Auto, während Marie die Aufgabe hat, ihren Sohn vorher zu den Schwiegereltern zu bringen. In Maries Leben spielen die Schwiegereltern eine entscheidende Rolle. Sie unterstützen sie, wo sie können, vor allem, weil Maries Mann oft beruflich unterwegs ist. Sie sind eine große Hilfe, auch wenn es manchmal Reibungspunkte gibt. Marie ist ihnen sehr dankbar dafür, besonders da ihre eigenen Eltern tragisch verunglückt sind, als sie gerade einmal 14 Jahre alt war. Trotz der Schwere ihrer Vergangenheit, strahlt Marie eine fast ansteckende Fröhlichkeit aus. Sie ist eine Optimistin, oft diejenige, die anderen zuhört und Trost spendet. Doch in Felice hat sie eine Vertraute gefunden, eine echte Zuhörerin, die ihre Freude, Ängste und Trauer teilen kann. Mit nur einem Blick tauschen die Freundinnen ihre Gedanken aus. Während Felice vor dem Studio auf Marie wartet, checkt sie, etwas gelangweilt, ihre E-Mails auf dem Smartphone. Marie lässt nicht lange auf sich warten und beide betreten gemeinsam das Studio. In der Umkleide schlüpft Felice in ihre schwarze, enge Sporthose, ihr weißes Tanktop und ihre geliebten Nikes. Sie bindet ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, legt ein Handtuch um die Schultern und macht sich bereit für das Training. Marie, in auffälligem, mädchenhaftem Pink gekleidet, folgt ihr etwas langsamer. Als sie den Sportraum betreten, wirft Moritz einen flehenden Blick in ihre Richtung, als ob er entlocken wollte, was der Grund ihrer Abwesenheit war.
Er fixiert Felice und lächelt verlegen. „Guten Abend“, rufen die Freundinnen im Chor entgegen. Ein Lächeln kann er sich nicht verkneifen. „Was für eine Ehre, euch wieder im Kurs zu sehen!“ Mit einem fragenden Blick versucht er, eine Antwort für ihre Abwesenheit zu bekommen. Doch Felice, die stundenlang an ihrem Pokerface gearbeitet hat, winkt nur ab und beendet seine forsche Nachfrage. Sie ist stolz auf sich, es gelingt ihr in einer Perfektion, die sie selbst nicht erahnt hätte. Während des Aufwärmens und der Dehnübungen fixiert er Felice beim Training zum ersten Mal intensiv. Sein Blick scheint förmlich auf ihr zu brennen. Es wirkt, als würde er jede ihrer Bewegungen aufsaugen wie ein ausgehungerter Löwe, der seine Beute zum ersten Mal erblickt und bereit ist zu jagen. Marie entgeht das nicht. Sie sucht fragend Felices Blick, doch diese ist völlig auf ihre Übungen konzentriert, als würde sie alles und jeden um sich herum ausblenden. Nach 60 intensiven Trainingsminuten voller Schweiß fühlen sich die Freundinnen erschöpft aber glücklich.
Frisch geduscht geht es hinaus in den Garten des Sportstudios, wo die Sportbegeisterten ihren Eiweißhaushalt mit einem Shake auffüllen. Als Moritz auftaucht, um mit einem Kollegen eine Zigarette zu rauchen, nicken sich Felice und er mit einem Lächeln zu. Seine Blicke durchdringen Felice. Es ist nur ein kurzer Moment, aber so intensiv, dass sie fast süchtig danach wird. Als der Shake ausgetrunken ist, löst sich die Gruppe der Frauen langsam auf. Felice, die während ihrer Schwangerschaft mit den Zwillingen das Rauchen aufgegeben hat, erliegt wieder dem Genuss des Geruchs. Sie gönnt sich ab und zu eine Zigarette, meist schnorrt sie sich bei Marie durch. Am Ausgang zum Parkplatz lehnt sie an der Wand und zieht erleichtert an einer Zigarette. Sie genießt jeden Zug und schließt dabei genüsslich die Augen.
Die Tür schnappt auf und Moritz tritt mit schnellen Schritten heraus. Felice wundert sich, denn eigentlich sollte er noch einen Kurs leiten. Er nimmt nichts und niemanden wahr, setzt Schritt um Schritt mit gesenktem Blick. Als er bei Felice ankommt, hebt er seinen Blick. Seine braunen Augen, wild und luchsartig, durchdringen sie mit einer Intensität bis zum Knochenmark, die ihr weiche Beine bereiten.
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