Die Farbe meines Lebens war Lila
Erinnerungen an Mut, Musik und das große Abenteuer Ich
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 196
ISBN: 978-3-7116-1224-3
Erscheinungsdatum: 03.12.2025
Ein Leben zwischen Rebellion und Neubeginn: Evelyne erzählt ehrlich, wild und berührend von Freiheit, Liebe, Absturz und Aufstehen. Eine autobiografische Reise durch die goldenen 60er bis zur Selbstfindung – mutig, bewegend, inspirierend.
Es begann in Gomera, einer kleinen Insel auf den Kanaren, wo ich den Winter verbrachte. Ich wohnte in einem kleinen Dorf in den Bergen, umgeben von Vulkangestein und einer unendlichen Stille. Nun, hier in dieser Idylle, begann ich, meine Gedanken um mein eigenes Ich kreisen zu lassen. Ich stellte fest, dass ich in den vergangenen Jahren auf meinen Reisen sehr viel Schönes und Interessantes erlebt hatte. Und ein Gedanke ließ mich nicht mehr los, nämlich der, mein Leben und meine Gedanken niederzuschreiben. Ich genoss es von ganzem Herzen, den Winter hier im sonnigen Süden zu verbringen. Die Sonne lachte den ganzen Tag, bis sie in den Abendstunden, verwandelt in einen glutroten Feuerball, im Meer versank. In diesen Stunden, den schönsten des Tages, saß ich nun am Strand, vor mir der weite Atlantik mit seinen unergründbaren Tiefen, der Wind umspielte mein Haar, und ich beschloss, nach dem Sinn des Lebens zu suchen! Mir wurde klar, dass Leben mehr ist, als jeden Tag zur Arbeit zu gehen, Geld zu verdienen, um existieren zu können. Hier, inmitten einer herrlichen Natur, wusste ich, dass ich mein Leben in eine sinnvollere, schöpferische und kreative Richtung lenken musste. Mein Entschluss stand fest. Es stellte sich mir nur noch die Frage: WIE
Das Leben schreibt die Geschichte. Man wächst im Mutterleib heran, kommt auf die Welt und ist auf einmal ein Bewohner dieser Erde. Dieses wunderschönen Planeten, der durchs Weltall schwebt. Die Frage ist nur, wo kommst du auf die Welt!
Kommst du in Afrika auf die Welt, hast du Hunger und Durst, und du kennst keinen Schokoladenriegel und Wasser aus der Leitung. Oder du kommst in Indien, Asien, auf die Welt, dann wird dein Leben sehr einfach sein und wenn du Glück hast, bei den richtigen Eltern zu sein, bekommst du auch noch eine Schulbildung und somit den Grundstock fürs Leben. Oder du kommst in Südamerika, Brasilien, in den „Favelas“, den Armenvierteln von Rio de Janeiro, auf die Welt und du hast fast keine Chance auf ein normales Leben. Oder du kommst in Amerika auf die Welt, the way of life. Oder du kommst in Europa auf die Welt, in einer Welt voller Kultur, Bildung und Chancen. Wenn du Glück hast, dann erblickst du am richtigen Ort bei guten Eltern das Licht in die Welt, suche den Sinn des Lebens, suche deine Persönlichkeit und lebe dein Leben.
Ich kam in München auf die Welt, im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in der Maistraße. Ein Mädchen namens Evelyn. Meine strahlenden Eltern packten mich und ab ging es in mein Zuhause. Wir wohnten in Trudering, am Stadtrand von München in der Mönchbergstraße.
Ein Gartentor verschaffte uns den Zugang und wir gingen den gepflasterten Weg entlang und standen vor einem kleinen Häuschen, eigentlich eine umgebaute Garage. Es hatte vier kleine Fenster und einen Dachboden. Der Eingang war ein Holzverschlag, wo die Schuhe der Familie standen. Und vor dem Eingang stand ein kleiner Tannenbaum. Ich mache jetzt eine kurze Führung durch das Häuschen: Geradeaus weiter war die Toilette mit einer alten WC-Spülung, einer Kette mit Griff. Linker Hand war das winzige Zimmer meines Bruders, ein Eisenbett, ein Schrank, ein kleiner Tisch und ein Stuhl. Auf der rechten Seite ging es in die Küche, in die Stubn, wie man damals sagte. Ein kleines Fenster, ein Sparherd, wo man unten das Feuer schürte, und oben hatte man die Kochplatten und einen Warmwasserbehälter. Darüber hing ein Strick, wo man gewisse Sachen aufhängte. Natürlich gab es den berühmten Küchentisch, dahinter ein Sofa mit selbst gehäkelten Kissen meiner Mama, es war das Zentrum. Von der Küche ging eine Tür in das Heiligtum meines Vaters, das Wohnzimmer, ebenfalls ein kleiner Raum mit einem Fenster, Sofa, Kissen, aber es gab noch ein Bücherregal mit Büchern meines Vaters, Reiseführer etc. Und dann kam das Highlight: der Schwarz-Weiß-Fernseher mit Unterkästchen für die Fernsehzeitung und die venezianische Gondel aus Venedig, das Fernsehlicht. Einmal die Woche kaufte mein Papa die Fernsehzeitung und markierte für die ganze Woche im Voraus. Am Samstagabend durften wir dann die Löwinger Bühne, Der große Preis, Dalli Dalli, Wetten, dass.? oder Sonstiges sehen. Die Highlights der 60er.
Zum Schluss gab es da noch das Schlafzimmer, ein eiskalter Raum, im Sommer jedoch schön kühl, alles wuchtige dunkle Möbel, wir schliefen zu viert in diesem Raum, meine Eltern, meine Schwester und ich. Im Winter blühten die Eiszapfen an dem kleinen Fenster und der Schnee verdeckte das kleine Häuschen bis zu den Fenstern, der große Birkenbaum strahlte mit den Eiskristallen und dem Mond um die Wette.
Der Dachstuhl der Garage wurde ausgebaut und meine Schwester und ich bekamen ein eigenes Zimmer. Ein typisches Schlafzimmer: Doppelbett, zwei Nachtkästchen jeweils rechts und links, ein Kleiderschrank und eine Spiegelkommode, wie man sie damals so hatte. Über dem Bett hing ein Bild, da ging ein Engel mit einem kleinen Mädchen über eine Brücke. Der Engel zeigte den Weg. Und meine Mama betete jeden Abend vor dem Schlafengehen mit mir, ich sah den Engel und dachte mir, das kleine Mädchen bin ich.
Hier fing mein Leben an und ich wuchs zu einem kleinen Mädchen mit blonden Locken und braunen Augen heran. Noch zur Info: Ich wurde im September 1954 als 7-Monats-Kind in den Winter hinein geboren.
Und heiße Evelyn, Rufname Evi. Vielleicht bin ich deshalb zur Kämpferin geworden!
Der Frühling kam und dann noch einer und mit meinen zwei Jahren fing ich bereits an, das Leben zu genießen. Ich lachte in meinem Kinderwagen aus geflochtenem Material, mit Gummirädern, einem Überdach und Plastikrasseln in verschiedenen Formen, mit der Sonne um die Wette! Der Strohhut schützte mich. Ein lachendes Kind mit dicken Pausbäckchen! Der Sommer kam, ein Regenschirm wurde als Sonnenschutz aufgespannt, eine Decke und ein Kissen. Schon war mein Platz inmitten der Wiese gerichtet. Daneben eine eiserne Schüssel mit Wasser gefüllt zum Plantschen. Meine Schwester in ihrem Bikini daneben. Sie musste auf mich aufpassen. Übrigens: Meine Schwester heißt Heidi und ist 8 Jahre älter als ich.
Langsam fing es an. Ich lernte das Laufen und meine Mama ging mit mir den Weg auf und ab. Es taugte mir in meiner Jogginghose und dem selbst gestrickten Jäckchen mit bunten Streifen und einer Knopfleiste. Die Augen entdeckten lauter neue Dinge. Wenig später ging es dann in den Sommer und die bunten Kleidchen kamen zum Vorschein. Im Sommer lief man barfuß und im Winter hatte man dicke Schuhe mit Fell an. Selbst gestrickte Handschuhe hingen an einer Kordel um den Hals und ein Muff hing an meinem Hals, wo man sich innen die Hände aufwärmen konnte. Ein lässiges Outfit! Faschingsball war angesagt. Ich war so ca. 4 Jahre alt und mein Kostüm bestand aus einem Dirndl und einem kleinen Hut mit Feder auf dem Kopf. Mein Freund war als Clown verkleidet, wir nahmen uns an der Hand und ließen nicht mehr los. Es verband uns die Schüchternheit und wir kamen uns auch verloren vor. Aber dann kamen die Luftschlangen, die Glitter und Musik. Heiße Schokolade und Kuchen waren natürlich auch da. Wir tobten durch den Raum und das Leben war schön!
Man bemerke, es ist 65 Jahre her.
Ich wuchs zu einer kleinen jungen Dame heran. Meine Schwester zu einem Teenager mit Petticoat und Pferdeschwanz. Meine Mama ganz bayrisch und bodenständig. Ja, und mein Papa war total flott unterwegs.
Mein erster Schultag nahte, ich war 7 Jahre alt, die Schultüte prall gefüllt mit Süßigkeiten, das blaue Kleidchen mit den aufgenähten gelben Knöpfen hing im Schrank und der Tag kam. Aufregung pur. Wir gingen über das Feld in die Forellenschule, so der Name. Es waren ungefähr 500 Meter. Ein großes altes Gebäude tat sich vor mir auf, die Schultüte wurde schwer und meine Mama musste sie übernehmen. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, eine große, breite, steinerne Treppe führte durch das Schulhaus. Im Untergeschoss waren die Hallen zum Turnen (heute nennt man sie Fitnessräume). Im ebenerdigen Bereich war linker Hand das Büro der Direktorin und rechter Hand waren dann die kreativen Räume. Wenn man dann die große, wuchtige Treppe in den ersten Stock stieg, öffneten sich die Klassenzimmer, es gab 8 Klassen. Man sagt Volksschule oder Grundschule dazu. Hier wurde mir der Grundstock für das Leben vermittelt. Ich ganz stolz, in das Klassenzimmer, wo lauter Holzpulte mit Bank standen, angeschraubt und nicht bewegbar. Eine Lade für die Schulbücher und die große Tafel an der Wand. Wie beeindruckend. Nachdem ich die zweitkleinste in der Klasse war, saß ich in der ersten Reihe. Damals wusste ich noch nicht, was das bedeutete. Die Jahre vergingen und ich hatte meine Lieblingsfächer wie Zeichnen, Erdkunde (Geografie) und Deutschunterricht. Dagegen Turnen hasste ich wie die Pest. Wie gesagt, ich gehörte zu den Kleinsten der Klasse, es gab nur noch die Gaby, die war noch zwei Zentimeter kleiner als ich. Egal, um was es ging, war es das Bockspringen, der Weit- oder Hochsprung, wir wurden immer zum Gelächter der ganzen Klasse. Mit unseren kurzen Beinen ging es nun mal nicht, dass man eine Glanzleistung vollbrachte. Aber wenn es dann hieß, Baseball (Schlagball), dann lachten wir zwei. Ich hatte einen treffsicheren Schlag, der Ball flog weit und die Gaby rannte, sie war schnell. Und schon wurden wir zu zwei kleinen Heldinnen.
Nach der Schule war ich ein kleines Mädchen, das vor dem Haus auf einem großen, begrünten Platz mit Kastanienbäumen, dem Halligenplatz, spielte. Ich nahm meine Plastikpuppe mit blauen Augen, 30 cm groß, in einem Schlafsack, von meiner Mama genäht, eingewickelt und mit einem schönen Kleidchen ausgestattet. Meine Mama nähte immer wieder Kleidchen und Hosen für meine Puppe und unsere Augen strahlten. Bei schönem Wetter in den Sommermonaten war das mein Platz. Eine Decke unter dem Kastanienbaum ausgebreitet, meine Puppe im Arm, und es war einfach schön. Meine Puppe war übrigens mein bester Freund und ich konnte ihr alles erzählen und sie hörte mir zu.
Zwei- bis dreimal die Woche musste ich in die Bäckerei am Ende der Straße, um Milch zu holen. Ein kleines Café mit drei Tischen war auch dabei. Die älteren Leute aus der Siedlung trafen sich dort für Kaffee und Kuchen. Meine Mama gab mir eine Blechkanne mit Deckel für die Milch mit. Mit meinem Fahrrad ging es sehr schnell. Eine Frau in ihrer Schürze füllte mir die Kanne auf und ich bekam eine Breze. Sie schmeckte herrlich, diese frisch gebackene Breze. Einmal die Woche kam der Gemüsehändler, immer freitags nachmittags. Er machte seine Planen vom Auto auf, läutete mit einer Messingglocke und man ging einkaufen, die ganze Siedlung. Was für ein Highlight! Es gab alles: Kartoffeln, Salat, Obst, Gemüse, Eier und vieles mehr.
Den Rest wie Mehl, Milch usw. gab’s in der Bäckerei. Man darf den großen Gemüse- und Obstgarten meiner Mama nicht vergessen und der Tannenbaum vor dem Haus wuchs zu einer stattlichen Größe heran. Meine Mama goss ihn mit Putzwasser.
Verzeiht mir meine Gedankensprünge, aber es ist nicht einfach, sich an seine Kindheit zu erinnern, wenn man damals ein Kind war, das nur fühlte und noch nichts wusste.
Ein Erlebnis will ich euch noch erzählen. Meine Mama war sehr gläubig. Ich hatte als Kleinkind eine schlimme Krankheit und meine Mama betete zur Mutter Gottes. Sie gab ein Versprechen. Wenn ich gesund werde, dann fährt sie mit mir einmal im Jahr zu Wallfahrten nach Altötting. Ein schlimmes und zugleich faszinierendes Ereignis. Es gab eine Kapelle mit einem Gewölbegang, da musste ich ein Kreuz schleppen. Mein Kreuz tat mir weh und am Ende waren wir im Innersten der Kapelle, vollgepfercht mit Menschen, es war der Raum mit der schwarzen Madonna. Das war das schlimme Erlebnis! Das schöne Erlebnis war der Anblick der schwarzen Madonna, umrahmt mit einem goldenen Kranz, mit Edelsteinen bestückt. Der Anblick war einzigartig! Ich habe ihn bis heute nicht vergessen.
Die Eltern oder die Erwachsenen bestimmen dein Leben. Aber wie gesagt, man muss was tun, dann bekommt man auch was dafür. Bei mir war es mal wieder ein gutes Essen, ein Wiener Schnitzel mit Pommes im Gasthaus am Marktplatz, so sah ich das damals!
Die Jahre vergingen und die Pubertät machte sich langsam bemerkbar, ich war ca. 12 Jahre alt. Meine Schwester Heidi wuchs zu einer jungen Dame mit Faltenrock und Pullover heran, Twinset sagte man dazu, denn es war noch eine Jacke dabei. Gefiel mir sehr!
Sie heiratete mit 18 Jahren, bekam ihr erstes Kind mit 19 Jahren und schlug den Weg unserer Mama ein. Ein Leben für die Kinder, den Mann und nicht zu vergessen der Traum vom Eigenheim. Ein Gedanke setzte sich bei meiner Schwester fest: Wenn ich alt bin, sorgen meine Kinder für mich. Sie hat alles geschafft, die Kinder waren groß und gingen ihren eigenen Weg. Sie hatten ein Haus gekauft und sich ein gemütliches Zuhause mit einem Wintergarten, Kaminfeuer, einer großen alten Küche und einem riesengroßen Esstisch für die Familie etc. geschaffen. Sie lebt ihr Leben mit allen Facetten, Höhen und Tiefen und ist mittlerweile 78 Jahre und davon 60 Jahre verheiratet. Wow!
Meine blonden Locken sind gefallen und es umrahmte mich ein Bubikopf mit Pony. Meine Haare hatten mittlerweile eine braune Farbe. Passte gut zu meinen braunen Rehaugen, mit denen ich die Welt erkundete.
Hamburg war angesagt. Wir besuchten einen alten Jugendfreund meines Vaters. Hans und seine Frau Erna hatten eine wunderschöne Altbauwohnung an der Alster und sie zeigten uns Hamburg. Ich war total aufgeregt. Mein Papa und ich machten eine Hafenrundfahrt, die großen Ozeanriesen ankerten und das Wasser umspülte sie. Eine Bootsfahrt mittendurch zeigte mir, wie klein ein Mensch im Gegensatz dazu ist. Was für ein bleibender Eindruck! Einfach gigantisch. Heute sind die Meere von diesen gewaltigen Schiffen voll davon und die Erde weint!
Eine Fahrt mit einem großen Schiff nach Helgoland, eine Tagesfahrt, eine sogenannte Butterfahrt. Man konnte zollfrei einkaufen und sich Helgoland ein bisschen anschauen. Verpflegung gab es auch noch auf dem Schiff, im Restaurant, wo ich total glücklich vor einem Teller mit Pommes und Würstel, mit meiner Puppe im Arm, am Fenster saß und den Wellen zuschaute. Was für ein herrlicher Ausflug und das Leben war wieder mal schön!
Wieder zu Hause in meinem kleinen, liebevoll eingerichteten Zimmer traten die ersten Jungs in mein Leben. Wir waren drei Mädchen, also eine 3er-Clique. In der Siedlung gab es ein paar Jungs und wir durften in den Sommermonaten auf den Acker vom Bauern zum Kartoffelfeuer. Wir hatten Kartoffeln, Salz und Butter mit und saßen stundenlang am Lagerfeuer und unterhielten uns, wir schauten in den Sternenhimmel, jeder hing seinen Gedanken nach und ich träumte von den großen Schiffen und der weiten Welt! Für unsere Eltern war das in Ordnung, denn wir taten ja nichts Verbotenes, wir erfreuten uns nur an dem Schönen dieser Erde.
Die goldenen 60er hatten begonnen!
Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, ein bisschen was über meine Eltern zu erzählen. Meine Mama war eine herzensgute, einfache Frau, die sich ihren Traum vom Eigenheim, Familie und Kindern erfüllte. Meine Eltern bauten sich ein Zweifamilienhaus mit Keller und Dachboden. Eine Ebene hatte ca. 100 qm, 4 Zimmer. Im ersten Stock war mein neues Zuhause. Mama ging halbtags in eine Hosenschneiderei zwei Straßen weiter, begrünte und pflegte das Haus, versorgte eine fünfköpfige Familie und vermietete nebenbei noch Zimmer im Erdgeschoss an Wochenendheimfahrer. Doch ihre Augen strahlten Lebensfreude aus und sie hatte fürchterliche Energie.
Mein Papa war einfach ein toller Typ. Ich kann nicht viel über seine Vergangenheit sagen. Er war im Krieg. Er war Funker bei der Luftwaffe. Er verbrachte 4 Jahre in Paris, war gutaussehend in seinem Anzug oder in den weißen Hemden und hatte Charisma und einen unglaublichen Charme. Er arbeitete auf dem alten Militärflughafen in Neubiberg, Nähe München, bei der Wetterwarte, war Straßenbahnfahrer und davor war mein Papa Knecht und meine Mama Magd in zwei benachbarten Dörfern Nähe München. Was ich noch herausgefunden habe im Laufe der Jahre: Sie waren beide Waisenkinder. Das erklärte mir, warum ich nie eine Oma und einen Opa hatte, die ich mir immer so sehr gewünscht habe.
Ja, das Leben ging weiter, eine Kette mit einem Schlüssel hing um meinen Hals, mein Eintritt ins Zuhause, auf den ich gut aufpasste.
Dann hatte ich da eine der blödesten Ideen meines Lebens. Ich war verliebt und dachte mir, ich schreib ihm einen kleinen Zettel mit Herz gemalt und unsere zwei Namen Evi<Hans. Ich schickte es ihm von Pult zu Pult während des Unterrichtes. Und dann kam es. Er posaunte es in die ganze Klasse hinaus, dass ich in ihn verliebt bin. Mein Kopf war rot wie eine Tomate und ich versank in den Erdboden. Das Ende. Ich habe so etwas in der Art nie wieder getan und machte die Erfahrung, wie es ist, wenn man sich schämt! Wie gesagt, ein Gefühl, von dem ich nicht wusste, was es bedeutete.
Während dieser Jahre waren wir Stammkunden im Schreibwarengeschäft, zwischen Schule und Zuhause. Treffpunkt jeden Freitagmittag nach der Schule. Mädchen auf Fahrrädern kauften sich die Zeitschrift „Bravo“, kostete damals 50 Cent. Schon wieder ein Highlight in meinem Leben. Wochenende war’s, das Bravo in meiner Schultasche, ein paar Süßigkeiten zum Naschen. Wenn es passte, machte man dann noch einen Treffpunkt aus. Es war einfach herrlich. Ich verkroch mich in mein Zimmer, mein kleines Reich. Mein erstes eigenes Zimmer. Ich muss es etwas näher beschreiben, denn es war ein wichtiger Ort für mich. Rechter Hand eine Ausziehcouch mit blauem Polster, Regale für Bücher, eine Lampe strahlte darauf und ein Wecker zum Aufstehen. In der Nacht wurde die Couch dann zum Bett. Am Fenster, das mit weißem Store verhangen war, zwei blaue, mit Magnolien bedruckte Attrappen rechts und links, ein Nierentisch mit zwei blauen Sesseln in der Ecke. Eine Balkontür führte nach draußen. Auf der linken Seite dann der Spiegelschrank, eine Kommode mit großem Spiegel. Perfekt als Schminktisch. Dann kam mein Lieblingsstück, nämlich der Schreibtisch. Mein Papa schenkte ihn mir zu Weihnachten. Mit allem, was dazugehört, Schreibunterlage etc. Mir liefen vor lauter Freude die Tränen herunter. Und zum Abschluss, dank „Bravo“, die Rolling Stones in Lebensgröße auf meiner Wand. Meine Idole. Ich hatte einen kleinen Plattenspieler, und wenn ich Liebeskummer hatte, lief meine einzige Schallplatte, die ich hatte, rauf und runter. „Angie“ von den Stones.
Jetzt brauchte ich Informationen, ich war 12 Jahre alt, meine erste Menstruation hatte eingesetzt und ich fühlte mich schmutzig und unsicher, ich hatte keine Ahnung, was da gerade passierte. Für meine Mama war das ein Tabuthema, zu meinem Papa konnte ich ja schlecht gehen. Meine Mama drückte mir ein paar Binden in die Hand und sagte, das hast du jetzt einmal im Monat. Na, danke! Ich lernte damit umzugehen und wechselte zu Tampon. Thema erledigt.
Was ist der nächste Schritt, ja das erste Mal, der erste Sex? Die sogenannte Entjungferung. Wir drei Mädels hatten beschlossen, es zu tun. Was gar nicht so einfach war, denn man brauchte drei Jungs dazu. Also beschäftigten wir uns mit den Jungs. Wir hatten natürlich alle Vorbilder und eine Traumvorstellung von einem Mann, da kamen die Jungs natürlich schlecht weg. Aber irgendwann stellten wir fest, dass es um das gar nicht ging, sondern einfach um Sex. Wir trafen drei Freunde, die das Gleiche vorhatten. Der eine hatte sturmfreie Bude und es ging los, das Flaschendrehen mit Ausziehen begann. Rotwein und Cola brauchten wir für den Mut. Ich war die Letzte von uns dreien, wir gingen in ein dunkles Zimmer und taten es. Was immer man dabei empfinden sollte, bei mir war nichts, außer dass ich jetzt keine Jungfrau mehr war. Meinen Freundinnen erging es ähnlich. Die Jungs gingen dann irgendwann ihre eigene Richtung.
...
Das Leben schreibt die Geschichte. Man wächst im Mutterleib heran, kommt auf die Welt und ist auf einmal ein Bewohner dieser Erde. Dieses wunderschönen Planeten, der durchs Weltall schwebt. Die Frage ist nur, wo kommst du auf die Welt!
Kommst du in Afrika auf die Welt, hast du Hunger und Durst, und du kennst keinen Schokoladenriegel und Wasser aus der Leitung. Oder du kommst in Indien, Asien, auf die Welt, dann wird dein Leben sehr einfach sein und wenn du Glück hast, bei den richtigen Eltern zu sein, bekommst du auch noch eine Schulbildung und somit den Grundstock fürs Leben. Oder du kommst in Südamerika, Brasilien, in den „Favelas“, den Armenvierteln von Rio de Janeiro, auf die Welt und du hast fast keine Chance auf ein normales Leben. Oder du kommst in Amerika auf die Welt, the way of life. Oder du kommst in Europa auf die Welt, in einer Welt voller Kultur, Bildung und Chancen. Wenn du Glück hast, dann erblickst du am richtigen Ort bei guten Eltern das Licht in die Welt, suche den Sinn des Lebens, suche deine Persönlichkeit und lebe dein Leben.
Ich kam in München auf die Welt, im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in der Maistraße. Ein Mädchen namens Evelyn. Meine strahlenden Eltern packten mich und ab ging es in mein Zuhause. Wir wohnten in Trudering, am Stadtrand von München in der Mönchbergstraße.
Ein Gartentor verschaffte uns den Zugang und wir gingen den gepflasterten Weg entlang und standen vor einem kleinen Häuschen, eigentlich eine umgebaute Garage. Es hatte vier kleine Fenster und einen Dachboden. Der Eingang war ein Holzverschlag, wo die Schuhe der Familie standen. Und vor dem Eingang stand ein kleiner Tannenbaum. Ich mache jetzt eine kurze Führung durch das Häuschen: Geradeaus weiter war die Toilette mit einer alten WC-Spülung, einer Kette mit Griff. Linker Hand war das winzige Zimmer meines Bruders, ein Eisenbett, ein Schrank, ein kleiner Tisch und ein Stuhl. Auf der rechten Seite ging es in die Küche, in die Stubn, wie man damals sagte. Ein kleines Fenster, ein Sparherd, wo man unten das Feuer schürte, und oben hatte man die Kochplatten und einen Warmwasserbehälter. Darüber hing ein Strick, wo man gewisse Sachen aufhängte. Natürlich gab es den berühmten Küchentisch, dahinter ein Sofa mit selbst gehäkelten Kissen meiner Mama, es war das Zentrum. Von der Küche ging eine Tür in das Heiligtum meines Vaters, das Wohnzimmer, ebenfalls ein kleiner Raum mit einem Fenster, Sofa, Kissen, aber es gab noch ein Bücherregal mit Büchern meines Vaters, Reiseführer etc. Und dann kam das Highlight: der Schwarz-Weiß-Fernseher mit Unterkästchen für die Fernsehzeitung und die venezianische Gondel aus Venedig, das Fernsehlicht. Einmal die Woche kaufte mein Papa die Fernsehzeitung und markierte für die ganze Woche im Voraus. Am Samstagabend durften wir dann die Löwinger Bühne, Der große Preis, Dalli Dalli, Wetten, dass.? oder Sonstiges sehen. Die Highlights der 60er.
Zum Schluss gab es da noch das Schlafzimmer, ein eiskalter Raum, im Sommer jedoch schön kühl, alles wuchtige dunkle Möbel, wir schliefen zu viert in diesem Raum, meine Eltern, meine Schwester und ich. Im Winter blühten die Eiszapfen an dem kleinen Fenster und der Schnee verdeckte das kleine Häuschen bis zu den Fenstern, der große Birkenbaum strahlte mit den Eiskristallen und dem Mond um die Wette.
Der Dachstuhl der Garage wurde ausgebaut und meine Schwester und ich bekamen ein eigenes Zimmer. Ein typisches Schlafzimmer: Doppelbett, zwei Nachtkästchen jeweils rechts und links, ein Kleiderschrank und eine Spiegelkommode, wie man sie damals so hatte. Über dem Bett hing ein Bild, da ging ein Engel mit einem kleinen Mädchen über eine Brücke. Der Engel zeigte den Weg. Und meine Mama betete jeden Abend vor dem Schlafengehen mit mir, ich sah den Engel und dachte mir, das kleine Mädchen bin ich.
Hier fing mein Leben an und ich wuchs zu einem kleinen Mädchen mit blonden Locken und braunen Augen heran. Noch zur Info: Ich wurde im September 1954 als 7-Monats-Kind in den Winter hinein geboren.
Und heiße Evelyn, Rufname Evi. Vielleicht bin ich deshalb zur Kämpferin geworden!
Der Frühling kam und dann noch einer und mit meinen zwei Jahren fing ich bereits an, das Leben zu genießen. Ich lachte in meinem Kinderwagen aus geflochtenem Material, mit Gummirädern, einem Überdach und Plastikrasseln in verschiedenen Formen, mit der Sonne um die Wette! Der Strohhut schützte mich. Ein lachendes Kind mit dicken Pausbäckchen! Der Sommer kam, ein Regenschirm wurde als Sonnenschutz aufgespannt, eine Decke und ein Kissen. Schon war mein Platz inmitten der Wiese gerichtet. Daneben eine eiserne Schüssel mit Wasser gefüllt zum Plantschen. Meine Schwester in ihrem Bikini daneben. Sie musste auf mich aufpassen. Übrigens: Meine Schwester heißt Heidi und ist 8 Jahre älter als ich.
Langsam fing es an. Ich lernte das Laufen und meine Mama ging mit mir den Weg auf und ab. Es taugte mir in meiner Jogginghose und dem selbst gestrickten Jäckchen mit bunten Streifen und einer Knopfleiste. Die Augen entdeckten lauter neue Dinge. Wenig später ging es dann in den Sommer und die bunten Kleidchen kamen zum Vorschein. Im Sommer lief man barfuß und im Winter hatte man dicke Schuhe mit Fell an. Selbst gestrickte Handschuhe hingen an einer Kordel um den Hals und ein Muff hing an meinem Hals, wo man sich innen die Hände aufwärmen konnte. Ein lässiges Outfit! Faschingsball war angesagt. Ich war so ca. 4 Jahre alt und mein Kostüm bestand aus einem Dirndl und einem kleinen Hut mit Feder auf dem Kopf. Mein Freund war als Clown verkleidet, wir nahmen uns an der Hand und ließen nicht mehr los. Es verband uns die Schüchternheit und wir kamen uns auch verloren vor. Aber dann kamen die Luftschlangen, die Glitter und Musik. Heiße Schokolade und Kuchen waren natürlich auch da. Wir tobten durch den Raum und das Leben war schön!
Man bemerke, es ist 65 Jahre her.
Ich wuchs zu einer kleinen jungen Dame heran. Meine Schwester zu einem Teenager mit Petticoat und Pferdeschwanz. Meine Mama ganz bayrisch und bodenständig. Ja, und mein Papa war total flott unterwegs.
Mein erster Schultag nahte, ich war 7 Jahre alt, die Schultüte prall gefüllt mit Süßigkeiten, das blaue Kleidchen mit den aufgenähten gelben Knöpfen hing im Schrank und der Tag kam. Aufregung pur. Wir gingen über das Feld in die Forellenschule, so der Name. Es waren ungefähr 500 Meter. Ein großes altes Gebäude tat sich vor mir auf, die Schultüte wurde schwer und meine Mama musste sie übernehmen. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, eine große, breite, steinerne Treppe führte durch das Schulhaus. Im Untergeschoss waren die Hallen zum Turnen (heute nennt man sie Fitnessräume). Im ebenerdigen Bereich war linker Hand das Büro der Direktorin und rechter Hand waren dann die kreativen Räume. Wenn man dann die große, wuchtige Treppe in den ersten Stock stieg, öffneten sich die Klassenzimmer, es gab 8 Klassen. Man sagt Volksschule oder Grundschule dazu. Hier wurde mir der Grundstock für das Leben vermittelt. Ich ganz stolz, in das Klassenzimmer, wo lauter Holzpulte mit Bank standen, angeschraubt und nicht bewegbar. Eine Lade für die Schulbücher und die große Tafel an der Wand. Wie beeindruckend. Nachdem ich die zweitkleinste in der Klasse war, saß ich in der ersten Reihe. Damals wusste ich noch nicht, was das bedeutete. Die Jahre vergingen und ich hatte meine Lieblingsfächer wie Zeichnen, Erdkunde (Geografie) und Deutschunterricht. Dagegen Turnen hasste ich wie die Pest. Wie gesagt, ich gehörte zu den Kleinsten der Klasse, es gab nur noch die Gaby, die war noch zwei Zentimeter kleiner als ich. Egal, um was es ging, war es das Bockspringen, der Weit- oder Hochsprung, wir wurden immer zum Gelächter der ganzen Klasse. Mit unseren kurzen Beinen ging es nun mal nicht, dass man eine Glanzleistung vollbrachte. Aber wenn es dann hieß, Baseball (Schlagball), dann lachten wir zwei. Ich hatte einen treffsicheren Schlag, der Ball flog weit und die Gaby rannte, sie war schnell. Und schon wurden wir zu zwei kleinen Heldinnen.
Nach der Schule war ich ein kleines Mädchen, das vor dem Haus auf einem großen, begrünten Platz mit Kastanienbäumen, dem Halligenplatz, spielte. Ich nahm meine Plastikpuppe mit blauen Augen, 30 cm groß, in einem Schlafsack, von meiner Mama genäht, eingewickelt und mit einem schönen Kleidchen ausgestattet. Meine Mama nähte immer wieder Kleidchen und Hosen für meine Puppe und unsere Augen strahlten. Bei schönem Wetter in den Sommermonaten war das mein Platz. Eine Decke unter dem Kastanienbaum ausgebreitet, meine Puppe im Arm, und es war einfach schön. Meine Puppe war übrigens mein bester Freund und ich konnte ihr alles erzählen und sie hörte mir zu.
Zwei- bis dreimal die Woche musste ich in die Bäckerei am Ende der Straße, um Milch zu holen. Ein kleines Café mit drei Tischen war auch dabei. Die älteren Leute aus der Siedlung trafen sich dort für Kaffee und Kuchen. Meine Mama gab mir eine Blechkanne mit Deckel für die Milch mit. Mit meinem Fahrrad ging es sehr schnell. Eine Frau in ihrer Schürze füllte mir die Kanne auf und ich bekam eine Breze. Sie schmeckte herrlich, diese frisch gebackene Breze. Einmal die Woche kam der Gemüsehändler, immer freitags nachmittags. Er machte seine Planen vom Auto auf, läutete mit einer Messingglocke und man ging einkaufen, die ganze Siedlung. Was für ein Highlight! Es gab alles: Kartoffeln, Salat, Obst, Gemüse, Eier und vieles mehr.
Den Rest wie Mehl, Milch usw. gab’s in der Bäckerei. Man darf den großen Gemüse- und Obstgarten meiner Mama nicht vergessen und der Tannenbaum vor dem Haus wuchs zu einer stattlichen Größe heran. Meine Mama goss ihn mit Putzwasser.
Verzeiht mir meine Gedankensprünge, aber es ist nicht einfach, sich an seine Kindheit zu erinnern, wenn man damals ein Kind war, das nur fühlte und noch nichts wusste.
Ein Erlebnis will ich euch noch erzählen. Meine Mama war sehr gläubig. Ich hatte als Kleinkind eine schlimme Krankheit und meine Mama betete zur Mutter Gottes. Sie gab ein Versprechen. Wenn ich gesund werde, dann fährt sie mit mir einmal im Jahr zu Wallfahrten nach Altötting. Ein schlimmes und zugleich faszinierendes Ereignis. Es gab eine Kapelle mit einem Gewölbegang, da musste ich ein Kreuz schleppen. Mein Kreuz tat mir weh und am Ende waren wir im Innersten der Kapelle, vollgepfercht mit Menschen, es war der Raum mit der schwarzen Madonna. Das war das schlimme Erlebnis! Das schöne Erlebnis war der Anblick der schwarzen Madonna, umrahmt mit einem goldenen Kranz, mit Edelsteinen bestückt. Der Anblick war einzigartig! Ich habe ihn bis heute nicht vergessen.
Die Eltern oder die Erwachsenen bestimmen dein Leben. Aber wie gesagt, man muss was tun, dann bekommt man auch was dafür. Bei mir war es mal wieder ein gutes Essen, ein Wiener Schnitzel mit Pommes im Gasthaus am Marktplatz, so sah ich das damals!
Die Jahre vergingen und die Pubertät machte sich langsam bemerkbar, ich war ca. 12 Jahre alt. Meine Schwester Heidi wuchs zu einer jungen Dame mit Faltenrock und Pullover heran, Twinset sagte man dazu, denn es war noch eine Jacke dabei. Gefiel mir sehr!
Sie heiratete mit 18 Jahren, bekam ihr erstes Kind mit 19 Jahren und schlug den Weg unserer Mama ein. Ein Leben für die Kinder, den Mann und nicht zu vergessen der Traum vom Eigenheim. Ein Gedanke setzte sich bei meiner Schwester fest: Wenn ich alt bin, sorgen meine Kinder für mich. Sie hat alles geschafft, die Kinder waren groß und gingen ihren eigenen Weg. Sie hatten ein Haus gekauft und sich ein gemütliches Zuhause mit einem Wintergarten, Kaminfeuer, einer großen alten Küche und einem riesengroßen Esstisch für die Familie etc. geschaffen. Sie lebt ihr Leben mit allen Facetten, Höhen und Tiefen und ist mittlerweile 78 Jahre und davon 60 Jahre verheiratet. Wow!
Meine blonden Locken sind gefallen und es umrahmte mich ein Bubikopf mit Pony. Meine Haare hatten mittlerweile eine braune Farbe. Passte gut zu meinen braunen Rehaugen, mit denen ich die Welt erkundete.
Hamburg war angesagt. Wir besuchten einen alten Jugendfreund meines Vaters. Hans und seine Frau Erna hatten eine wunderschöne Altbauwohnung an der Alster und sie zeigten uns Hamburg. Ich war total aufgeregt. Mein Papa und ich machten eine Hafenrundfahrt, die großen Ozeanriesen ankerten und das Wasser umspülte sie. Eine Bootsfahrt mittendurch zeigte mir, wie klein ein Mensch im Gegensatz dazu ist. Was für ein bleibender Eindruck! Einfach gigantisch. Heute sind die Meere von diesen gewaltigen Schiffen voll davon und die Erde weint!
Eine Fahrt mit einem großen Schiff nach Helgoland, eine Tagesfahrt, eine sogenannte Butterfahrt. Man konnte zollfrei einkaufen und sich Helgoland ein bisschen anschauen. Verpflegung gab es auch noch auf dem Schiff, im Restaurant, wo ich total glücklich vor einem Teller mit Pommes und Würstel, mit meiner Puppe im Arm, am Fenster saß und den Wellen zuschaute. Was für ein herrlicher Ausflug und das Leben war wieder mal schön!
Wieder zu Hause in meinem kleinen, liebevoll eingerichteten Zimmer traten die ersten Jungs in mein Leben. Wir waren drei Mädchen, also eine 3er-Clique. In der Siedlung gab es ein paar Jungs und wir durften in den Sommermonaten auf den Acker vom Bauern zum Kartoffelfeuer. Wir hatten Kartoffeln, Salz und Butter mit und saßen stundenlang am Lagerfeuer und unterhielten uns, wir schauten in den Sternenhimmel, jeder hing seinen Gedanken nach und ich träumte von den großen Schiffen und der weiten Welt! Für unsere Eltern war das in Ordnung, denn wir taten ja nichts Verbotenes, wir erfreuten uns nur an dem Schönen dieser Erde.
Die goldenen 60er hatten begonnen!
Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, ein bisschen was über meine Eltern zu erzählen. Meine Mama war eine herzensgute, einfache Frau, die sich ihren Traum vom Eigenheim, Familie und Kindern erfüllte. Meine Eltern bauten sich ein Zweifamilienhaus mit Keller und Dachboden. Eine Ebene hatte ca. 100 qm, 4 Zimmer. Im ersten Stock war mein neues Zuhause. Mama ging halbtags in eine Hosenschneiderei zwei Straßen weiter, begrünte und pflegte das Haus, versorgte eine fünfköpfige Familie und vermietete nebenbei noch Zimmer im Erdgeschoss an Wochenendheimfahrer. Doch ihre Augen strahlten Lebensfreude aus und sie hatte fürchterliche Energie.
Mein Papa war einfach ein toller Typ. Ich kann nicht viel über seine Vergangenheit sagen. Er war im Krieg. Er war Funker bei der Luftwaffe. Er verbrachte 4 Jahre in Paris, war gutaussehend in seinem Anzug oder in den weißen Hemden und hatte Charisma und einen unglaublichen Charme. Er arbeitete auf dem alten Militärflughafen in Neubiberg, Nähe München, bei der Wetterwarte, war Straßenbahnfahrer und davor war mein Papa Knecht und meine Mama Magd in zwei benachbarten Dörfern Nähe München. Was ich noch herausgefunden habe im Laufe der Jahre: Sie waren beide Waisenkinder. Das erklärte mir, warum ich nie eine Oma und einen Opa hatte, die ich mir immer so sehr gewünscht habe.
Ja, das Leben ging weiter, eine Kette mit einem Schlüssel hing um meinen Hals, mein Eintritt ins Zuhause, auf den ich gut aufpasste.
Dann hatte ich da eine der blödesten Ideen meines Lebens. Ich war verliebt und dachte mir, ich schreib ihm einen kleinen Zettel mit Herz gemalt und unsere zwei Namen Evi<Hans. Ich schickte es ihm von Pult zu Pult während des Unterrichtes. Und dann kam es. Er posaunte es in die ganze Klasse hinaus, dass ich in ihn verliebt bin. Mein Kopf war rot wie eine Tomate und ich versank in den Erdboden. Das Ende. Ich habe so etwas in der Art nie wieder getan und machte die Erfahrung, wie es ist, wenn man sich schämt! Wie gesagt, ein Gefühl, von dem ich nicht wusste, was es bedeutete.
Während dieser Jahre waren wir Stammkunden im Schreibwarengeschäft, zwischen Schule und Zuhause. Treffpunkt jeden Freitagmittag nach der Schule. Mädchen auf Fahrrädern kauften sich die Zeitschrift „Bravo“, kostete damals 50 Cent. Schon wieder ein Highlight in meinem Leben. Wochenende war’s, das Bravo in meiner Schultasche, ein paar Süßigkeiten zum Naschen. Wenn es passte, machte man dann noch einen Treffpunkt aus. Es war einfach herrlich. Ich verkroch mich in mein Zimmer, mein kleines Reich. Mein erstes eigenes Zimmer. Ich muss es etwas näher beschreiben, denn es war ein wichtiger Ort für mich. Rechter Hand eine Ausziehcouch mit blauem Polster, Regale für Bücher, eine Lampe strahlte darauf und ein Wecker zum Aufstehen. In der Nacht wurde die Couch dann zum Bett. Am Fenster, das mit weißem Store verhangen war, zwei blaue, mit Magnolien bedruckte Attrappen rechts und links, ein Nierentisch mit zwei blauen Sesseln in der Ecke. Eine Balkontür führte nach draußen. Auf der linken Seite dann der Spiegelschrank, eine Kommode mit großem Spiegel. Perfekt als Schminktisch. Dann kam mein Lieblingsstück, nämlich der Schreibtisch. Mein Papa schenkte ihn mir zu Weihnachten. Mit allem, was dazugehört, Schreibunterlage etc. Mir liefen vor lauter Freude die Tränen herunter. Und zum Abschluss, dank „Bravo“, die Rolling Stones in Lebensgröße auf meiner Wand. Meine Idole. Ich hatte einen kleinen Plattenspieler, und wenn ich Liebeskummer hatte, lief meine einzige Schallplatte, die ich hatte, rauf und runter. „Angie“ von den Stones.
Jetzt brauchte ich Informationen, ich war 12 Jahre alt, meine erste Menstruation hatte eingesetzt und ich fühlte mich schmutzig und unsicher, ich hatte keine Ahnung, was da gerade passierte. Für meine Mama war das ein Tabuthema, zu meinem Papa konnte ich ja schlecht gehen. Meine Mama drückte mir ein paar Binden in die Hand und sagte, das hast du jetzt einmal im Monat. Na, danke! Ich lernte damit umzugehen und wechselte zu Tampon. Thema erledigt.
Was ist der nächste Schritt, ja das erste Mal, der erste Sex? Die sogenannte Entjungferung. Wir drei Mädels hatten beschlossen, es zu tun. Was gar nicht so einfach war, denn man brauchte drei Jungs dazu. Also beschäftigten wir uns mit den Jungs. Wir hatten natürlich alle Vorbilder und eine Traumvorstellung von einem Mann, da kamen die Jungs natürlich schlecht weg. Aber irgendwann stellten wir fest, dass es um das gar nicht ging, sondern einfach um Sex. Wir trafen drei Freunde, die das Gleiche vorhatten. Der eine hatte sturmfreie Bude und es ging los, das Flaschendrehen mit Ausziehen begann. Rotwein und Cola brauchten wir für den Mut. Ich war die Letzte von uns dreien, wir gingen in ein dunkles Zimmer und taten es. Was immer man dabei empfinden sollte, bei mir war nichts, außer dass ich jetzt keine Jungfrau mehr war. Meinen Freundinnen erging es ähnlich. Die Jungs gingen dann irgendwann ihre eigene Richtung.
...

