Cover: Die Ewigkeit eines Augenblicks

Die Ewigkeit eines Augenblicks


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 190
ISBN: 978-3-7116-1170-3
Erscheinungsdatum: 05.02.2026
Zwei Zeiten, eine Liebe: Während Marguerite im Krieg alles verliert, sucht ihr Enkel Luc Jahrzehnte später in Paris nach den Wurzeln seiner Familie – und findet dabei den Mut, sich selbst und die Liebe neu zu entdecken.
Prolog

Die Angst der Mutter

2005, Florenz


Das Handy vibrierte auf dem Beifahrersitz und riss Luc aus seinen Gedanken. Es war das Jahr 2005, ein Jahr voller Umbrüche in Europa. Papst Benedikt XVI. war seit Kurzem im Amt, und seine Wahl hatte weltweit Reaktionen hervorgerufen. In Italien war das umfassende Rauchverbot in Kraft getreten, und die Menschen sprachen über Veränderungen, sowohl gesellschaftlich als auch persönlich.
Luc war mit seinen 35 Jahren bereits ein erfolgreicher Orthopäde in Rom. Mit seinen athletischen 1,88 Metern, den markanten Gesichtszügen und dem gepflegten, dunklen Haar zog er die Aufmerksamkeit auf sich. Seine ausdrucksstarken Augen und sein stets perfekt gepflegtes Äußeres verstärkten seine charismatische Ausstrahlung, die sowohl in seinem Berufsleben als auch privat Eindruck hinterließ. Der römische Verkehr rauschte um ihn herum, während er sein Handy ergriff. Sein Blick wanderte kurz zum Display: „Mama.“
Er nahm den Anruf entgegen. „Salut, Mama. Alles in Ordnung?“ „Hallo, mein Liebling“, antwortete Jacqueline mit ihrer gewohnten warmen Stimme, doch Luc spürte eine leise Anspannung. „Ich wollte fragen, ob du am Wochenende Zeit hast, nach Hause zu kommen.“
„Nach Florenz?“ Er runzelte die Stirn, versuchte, die Botschaft hinter ihrer Frage zu entschlüsseln. „Was ist los?“ „Nichts Ernstes“, wiegelte sie ab, zu schnell, um ihn zu überzeugen. „Es ist nur, ich möchte dich sehen. Es gibt ein paar Dinge, über die ich mit dir sprechen möchte.“
Luc schaltete die Freisprechanlage ein, während er durch den Verkehr manövrierte. „Klingt ernst. Geht es dir gut?“ „Mir geht es gut, Luc.“ Sie machte eine kurze Pause, bevor sie hinzufügte: „Ich möchte einfach, dass wir uns in Ruhe unterhalten. Nur wir zwei.“
Ihr Ton ließ keine Diskussion zu, und Luc wusste, dass er keine klareren Antworten bekommen würde. „Gut, ich komme am Samstag.“ „Danke, mein Schatz. Fahr vorsichtig. Ich freue mich auf dich.“
Mit einem leisen Piepen endete das Gespräch, doch ihre Worte klangen in seinem Kopf nach. Jacqueline war nicht der Typ Mensch, der grundlos nach einem Besuch fragte. Ihre Natur war geprägt von einer Mischung aus Warmherzigkeit und klarem Pragmatismus. Seit jeher hatte sie die Gabe, in schwierigen Situationen Ruhe zu bewahren, und sie begegnete den Herausforderungen des Lebens mit unerschütterlicher Entschlossenheit.
Jacqueline war eine Frau von beeindruckender innerer Stärke. Trotz der Widrigkeiten, die sie in ihrem Leben erfahren hatte – von der Trennung von Marcello bis hin zur Verantwortung, ihre beiden Kinder allein großzuziehen – hatte sie stets ihren Optimismus bewahrt. Sie war tief mit ihrer Familie verbunden und zeigte ihre Liebe nicht durch übermäßige Worte, sondern durch Taten. Ob es das Kochen ihrer legendären Pasta-Gerichte war oder ihr feines Gespür dafür, wann jemand ein aufmunterndes Lächeln brauchte – Jacqueline war immer da, wenn sie gebraucht wurde.
Doch hinter ihrer starken Fassade verbarg sich auch eine tiefere Verletzlichkeit. Die Trennung von Marcello hatte Narben hinterlassen, die sie nur selten zeigte. Ihre Würde und Zurückhaltung hinderten sie jedoch nicht daran, eine unbeirrbare Quelle der Liebe und Hoffnung für ihre Kinder zu sein. Ihr Tonfall, sanft, aber zugleich drückend schwer, hatte in diesem Moment eine Bedeutung, die sie nicht aussprechen wollte oder konnte. Es war, als trüge sie eine Last, die sie nur in einem persönlichen Gespräch mit Luc offenbaren konnte. Etwas lag in der Luft, etwas Ernstes, das sie mit der Klarheit und Sensibilität angehen wollte, die so typisch für sie war.
Am Abend traf sich Luc mit Freunden in einer kleinen Bar im Stadtzentrum. Die Stimmung war ausgelassen, und die Gespräche drehten sich um Reisen, Erfolge und lustige Anekdoten. Luc lachte mit, genoss die Gesellschaft und trank einen Cocktail nach dem anderen. Doch selbst im Lärm der Musik und dem Trubel der Menge kehrten seine Gedanken immer wieder zu Jacqueline zurück. Während er mit einem Freund auf das Leben anstieß, spürte er einen Hauch von Melancholie. Die Worte seiner Mutter klangen in seinem Kopf nach, und er fragte sich, ob er wirklich bereit war, sich dem zu stellen, was sie ihm zu sagen hatte. Trotz der Ablenkung war die Ungewissheit wie ein leises Summen, das ihn die ganze Nacht begleitete.
Am anderen Tag stürzte sich Luc in die Arbeit. In der Klinik warteten mehrere Patienten auf ihn, und wie gewohnt war Lucs Fokus in diesen Stunden unerschütterlich. Die Konzentration auf die medizinischen Eingriffe und die Gespräche mit Kollegen gaben ihm kurzfristig das Gefühl von Kontrolle. Doch immer wieder schob sich der Gedanke an das bevorstehende Treffen mit seiner Mutter in den Vordergrund. Was war es, was sie ihm so dringend mitteilen wollte?
Zwei Tage später saß Luc hinter dem Steuer seines Wagens, die endlosen Hügel der Toskana zogen an ihm vorbei. Der Kontrast zwischen der Hektik Roms und der ruhigen Landschaft war wie immer beeindruckend, doch diesmal schenkte er der Schönheit der Umgebung kaum Beachtung. Die sanften, von Zypressen gesäumten Hügel glitten vorbei, durchzogen von schmalen, gewundenen Wegen, die zu malerischen Dörfern mit Terrakottadächern führten. Olivenhaine und Weinberge, in denen das Licht der Nachmittagssonne tanzte, breiteten sich bis zum Horizont aus. Normalerweise hätte Luc sich an diesem Anblick erfreut, doch seine Gedanken waren wie gefangen in einer Schleife aus Zweifeln und leisen Befürchtungen. Während er weiterfuhr, drifteten seine Gedanken zu den letzten Wochen. Vor allem das Date mit Pasquale, das er vor knapp zwei Wochen hatte, blieb ihm im Gedächtnis. Der Abend war angenehm verlaufen: ein Abendessen in einem schicken Restaurant, ein guter Gesprächsfluss, die Nacht zusammen, und doch war Luc froh, als Pasquale sich am anderen Morgen noch vor dem Frühstück verabschiedete. Der Mann hatte interessiert gewirkt, sogar Hoffnung gezeigt, und sie hatten eine Nacht miteinander verbracht. Der Sex war gut, unkompliziert und erfüllend, und doch war Luc insgeheim erleichtert gewesen, als Pasquale am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück gegangen war. Warum tat er das immer wieder? Warum fühlte er sich selbst nach solchen Verbindungen nicht erfüllt, sondern fast befreit, wenn sie schnell endeten?
Ein Teil von ihm wollte glauben, dass er einfach noch nicht den richtigen Mann getroffen hatte. Doch je mehr solche Situationen sich häuften, desto mehr drängte sich ihm die unbequeme Wahrheit auf: Vielleicht war das Problem er selbst. Bindung bedeutete für ihn, sich zu öffnen, sich verletzlich zu zeigen – eine Vorstellung, die ihn gleichermaßen ängstigte und lähmte. Er erinnerte sich an die vielen flüchtigen Begegnungen der letzten Jahre, an Nächte voller Leidenschaft, die am Morgen in einer Mischung aus Erleichterung und Bedauern endeten. Warum konnte er sich nie dazu durchringen, jemanden wirklich an sich heranzulassen?
Oft fragte er sich, ob die Antwort in seiner Kindheit lag. Sein Vater Marcello hatte die Familie verlassen, als Luc noch ein Kind war, und obwohl seine Mutter Jacqueline alles daransetzte, ihren Kindern ein Gefühl von Stabilität zu geben, hinterließ Marcello eine Lücke, die niemand füllen konnte. Luc erinnerte sich an die wenigen Male, in denen sein Vater sich meldete – kurze Besuche, die eher wie Pflichterfüllungen wirkten als wie echte Zuneigung. Dieses Verlassenwerden hatte sich tief in Lucs Bewusstsein eingebrannt, als eine stille Warnung, wie zerbrechlich Beziehungen sein können.
Mit jedem Mann, den er traf, kehrte diese alte Angst zurück. Luc hatte nie bewusst darüber nachgedacht, doch in den Momenten, in denen sich eine Verbindung vertiefte, spürte er die Panik aufsteigen. Was, wenn er wieder verlassen wurde? Was, wenn er sich öffnete, nur um am Ende verletzt zu werden? Es war einfacher, auf Abstand zu bleiben, Beziehungen oberflächlich zu halten und die Kontrolle zu bewahren.
Doch diese Kontrolle hatte ihren Preis. In den stillen Momenten, wenn er allein in seiner Wohnung saß, spürte Luc die Leere, die ihn umgab. Der materielle Erfolg und die gesellschaftliche Anerkennung konnten dieses Gefühl nicht vertreiben. Er war einsam, auch wenn er es selten zuließ, sich das einzugestehen. Und so kreisten seine Gedanken immer wieder um die Frage, ob er jemals in der Lage sein würde, die Mauern, die er um sein Herz gebaut hatte, einzureißen.
Seine Mutter hatte ihn oft mit einem sanften, wissenden Blick angesehen, der deutlich machte, dass sie ihn durchschaute. Doch jedes Mal lenkte er das Gespräch geschickt auf oberflächliche Themen. „Mir geht es gut, Mama“, hatte er immer gesagt, „ich habe alles im Griff.“ Aber hatte er das wirklich? In stillen Momenten fragte sich Luc, ob sein Bedürfnis, andere auf Abstand zu halten, eine bewusste Wahl war oder eine Schutzreaktion, die tief in seiner Vergangenheit verwurzelt lag. Die Erinnerungen an seinen Vater Marcello drängten sich in den Vordergrund – ein Mann, dessen Abwesenheit wie ein Schatten über seiner Kindheit lag. Marcello war charmant, aber unzuverlässig, und sein plötzlicher Weggang hatte Luc in jungen Jahren gelehrt, dass selbst die nächsten Beziehungen zerbrechlich sein konnten. Jacqueline hatte versucht, diese Leere mit ihrer bedingungslosen Liebe zu füllen, doch die Wunde blieb.
Luc spürte, dass sein Zynismus gegenüber tiefen Beziehungen auch ein Versuch war, Kontrolle über das Unkontrollierbare zu behalten. Er erinnerte sich an die zahlreichen Momente, in denen er sich unbehaglich gefühlt hatte, sobald jemand ihm emotional zu nahe kam. Statt diese Nähe zuzulassen, suchte er nach Fluchtwegen: ein plötzliches Ende, eine distanzierte Bemerkung, eine emotionale Mauer, die sich zwischen ihn und die andere Person schob. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern ein Muster, das ihn schützen sollte, auch wenn es ihn letztlich einsam machte, um sich vor der Wahrheit zu schützen. Er wusste tief im Inneren, dass diese Bindungsangst nicht einfach nur aus der Luft gegriffen war. Die Trennung seiner Eltern, der schmerzhafte Abschied seines Vaters, hatten Narben hinterlassen, die er nie vollständig verarbeitet hatte. Er spürte, dass diese Ängste ihn daran hinderten, echte Nähe zuzulassen, und dennoch wusste er nicht, wie er sie überwinden sollte.
Luc hatte ein besonderes Verhältnis zu seiner Mutter. Während er in seinen Beziehungen immer wieder Abstand suchte, war Jacqueline der einzige Mensch, bei dem er wirklich Nähe zuließ. Sie war der emotionale Anker in seinem Leben, diejenige, die ihn verstand, ohne dass er viele Worte machen musste. Ihre Stärke und Ruhe hatten ihn durch die schwierigsten Zeiten seines Lebens getragen. Nach der Scheidung von Marcello, als Luc noch ein Kind und Laura ein Baby war, hatte sie allein die Verantwortung übernommen. Sie hatte nie geklagt, sondern sich mit unerschütterlicher Entschlossenheit darauf konzentriert, ihren Kindern ein sicheres Zuhause zu bieten.
Jacqueline hatte eine unerschöpfliche Fähigkeit, das Gute in Menschen zu sehen, eine Eigenschaft, die Luc bewunderte, die ihn aber auch manchmal frustrierte. Sie hatte nie schlecht über Marcello gesprochen, auch jetzt mit 65 Jahren nicht, obwohl sein Weggang sie schwer getroffen hatte. Stattdessen hatte sie ihren Kindern beigebracht, das Leben zu leben, ohne Groll zu hegen. Luc spürte jedoch, dass diese Haltung nicht immer aus Überzeugung kam, sondern oft aus dem Wunsch heraus, ihre Kinder vor ihrem eigenen Schmerz zu schützen.
Jacquelines Liebe war bedingungslos, aber niemals einengend. Sie hatte ein feines Gespür dafür, wann Luc reden wollte und wann er Raum brauchte. Ihre Fähigkeit, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen, war nahezu instinktiv. Nach der Trennung von Marcello hatte Jacqueline sich voll und ganz auf Luc und seine jüngere Schwester Laura konzentriert. Sie hatte sich geschworen, ihren Kindern eine Kindheit zu bieten, die trotz aller Schwierigkeiten von Liebe und Sicherheit geprägt war.
Jacqueline war eine Frau, die durch ihre Taten sprach. Sie war immer da, um Lucs Ängste zu lindern, sei es mit einem stillen, beruhigenden Lächeln oder einem Teller dampfender Pasta, der den Duft von Zuhause verströmte. Auch Laura, die zwei Jahre jünger war, profitierte von Jacquelines unermüdlicher Hingabe. Sie zeigte ihren Kindern, dass Liebe in den kleinen Gesten des Alltags lag – in selbstgenähten Kleidern, liebevoll gestalteten Geburtstagsfeiern oder den endlosen Geschichten über ihre eigene Mutter Marguerite, die sie abends erzählte, um Luc und Laura in den Schlaf zu wiegen.
Doch Jacquelines Liebe ging über diese alltäglichen Gesten hinaus. Sie war ein Leuchtfeuer, das die Dunkelheit ihrer eigenen Verletzungen überstrahlte. Der Schmerz über Marcellos Weggang hatte sie nie ganz verlassen, doch sie hatte gelernt, diesen Schmerz in Liebe für ihre Kinder zu verwandeln. Sie war immer positiv, auch wenn sie innerlich kämpfte. Für Luc und Laura schuf sie eine Welt, in der sie sich sicher und geliebt fühlen konnten, und sie zeigte ihnen, wie man auch in schwierigen Zeiten nach vorne blickte.
Diese Dynamik war einzigartig und gleichzeitig kompliziert, denn während Luc sich in ihrer Gegenwart sicher fühlte, spürte er auch den Kontrast zu seinem eigenen Leben. Warum konnte er sich bei ihr so öffnen, aber bei niemand anderem? Die Parallelen zwischen seinem Vater Marcello und seinen eigenen Bindungsmustern quälten ihn. War er dazu verdammt, wie sein Vater zu werden – charmant, aber unfähig, wirklich Verantwortung für die Gefühle anderer zu übernehmen? Diese Fragen nagten an ihm, und er wusste, dass er Antworten brauchte, die er bisher nicht gefunden hatte.
Warum hatte Jacqueline darauf bestanden, dass sie sich persönlich sprechen mussten? Was konnte so wichtig sein, dass sie ihn unbedingt in Florenz sehen wollte? Je näher er dem Ziel kam, desto drückender wurde das Gefühl, dass ihn mehr erwartete als ein bloßes Gespräch.
Als er schließlich die vertraute Altbauwohnung seiner Mutter erreichte, fühlte sich alles wie immer an – und doch anders. Die Wohnung lag in einem ruhigen Viertel von Florenz, nahe der Ufer des Arno, im Herzen des historischen Zentrums. Die Gegend war geprägt von engen, gepflasterten Straßen, die sich wie ein Labyrinth durch die alten Häuser zogen. Hier reihten sich elegante, pastellfarbene Fassaden aneinander, mit hohen Fenstern und kunstvoll verzierten Fensterläden, die dem Viertel eine zeitlose Schönheit verliehen. Kleine Cafés und Bäckereien füllten die Luft mit dem Duft von frischem Brot und Kaffee, während leise Gespräche und das Lachen von Passanten durch die Straßen hallten.
Das Haus selbst war ein imposanter Altbau mit einer sandfarbenen Fassade, die von den Spuren der Zeit gezeichnet war. Die Mauern erzählten Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten, und die massiven Holztüren, die den Eingang markierten, trugen kunstvolle Schnitzereien, die die florentinische Handwerkskunst widerspiegelten. Auf beiden Seiten des Portals standen steinerne Blumentröge, aus denen bunte Geranien hervorquollen, als wollten sie die schlichte Eleganz des Gebäudes unterstreichen.
Luc hielt einen Moment inne, bevor er die schwere Tür aufstieß. Der kühle Eingangsbereich war gefliest, und das gedämpfte Licht einer antiken Lampe warf weiche Schatten an die Wände. Ein alter, schmiedeeiserner Aufzug stand in der Ecke, dessen Mechanik leise ächzte, als Luc ihn betrat. Der Aufzug, ein Relikt vergangener Zeiten, war mit vergilbtem Holz verkleidet, und ein kleines Fenster gab den Blick auf die alten Treppenstufen frei, die sich spiralförmig um den Schacht zogen. Als der Aufzug ruckelnd in den zweiten Stock fuhr, verstärkte sich Lucs seltsames Gefühl, dass dieser Besuch nicht wie die anderen sein würde.
Die Altbauwohnung am Arno war ein Spiegel ihrer Bewohnerin: geschmackvoll, zeitlos und mit einer warmen, persönlichen Note. Die hohen Decken, geschmückt mit kunstvoll verzierten Stuckarbeiten, erzählten von einer längst vergangenen Ära, ebenso wie die großen Fenster, die den Raum mit einem weichen, warmen Licht durchfluteten. In jeder Ecke der Wohnung war Jacquelines liebevoller Sinn für Details zu spüren: An den Wänden hingen Bilder in schweren, vergoldeten Rahmen – eine harmonische Mischung aus französischen Landschaften und italienischen Stillleben, die sie mit Bedacht ausgewählt hatte. Ein kleiner Tisch am Fenster war mit einer Vase frischer Blumen dekoriert, deren zarter Duft sich mit dem Aroma von frischem Tee und einem Hauch von Jasmin, Jacquelines bevorzugtem Duft, vermischte. Eine alte Spieluhr auf einer Kommode erregte Lucs Aufmerksamkeit. Sie hatte Marguerite gehört. Als Kind hatte er oft mit ihr gespielt, ihre sanfte Melodie blieb ihm für immer im Gedächtnis. Luc nahm sie vorsichtig in die Hand und drehte an der Kurbel. Ein melancholisches Lied erfüllte den Raum, während er den winzigen Tanzfiguren zusah.
„Mama?“, rief er, während er die Kommode schloss. Jacqueline stand in der Küche, eine elegante Teekanne in der Hand. Ihre blauen Augen leuchteten unter den zart geschwungenen Brauen, und ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihr blondes Haar, das von silbernen Strähnen durchzogen war, fiel in weichen Wellen auf ihre Schultern und unterstrich ihre natürliche Eleganz. Mit ihren 65 Jahren strahlte Jacqueline eine zeitlose Schönheit aus, die nicht nur in ihrem gepflegten Erscheinungsbild lag, sondern auch in der liebevollen Ausstrahlung, die sie umgab. Ihre makellos klassische Kleidung, ein schlichtes helles Kleid mit dezenten floralen Mustern, spiegelte ihre Vorliebe für Stil und Zurückhaltung wider.
Doch da war etwas in ihrem Blick, das Luc stutzig machte. Ein Hauch von Nachdenklichkeit lag hinter dem Funkeln ihrer Augen, als ob sie eine schwere Last verbarg. „Du hast mir nicht gesagt, worum es geht,“ begann er, bemüht, seine Anspannung zu verbergen. Jacqueline seufzte leise und stellte die Teekanne ab, bevor sie sich zu ihm an den Tisch setzte. Einen Moment schwieg sie, als suchte sie nach den richtigen Worten. „Luc, ich wollte mit dir sprechen, weil ich das Gefühl habe, dass ich in letzter Zeit zu viel für mich behalten habe. Es gibt Dinge, die ich dir erzählen muss. Aber ich möchte mit mir selbst beginnen. Es geht um mich.“ Luc lehnte sich zurück, überrascht von ihrer vorsichtigen Herangehensweise. „Was meinst du, Mama?“
Jacqueline sah ihn einen Moment lang an, ein Lächeln, das sowohl Wärme als auch Melancholie in sich trug. „Ich habe immer versucht, stark zu sein, für dich und Laura. Nach allem, was mit Marcello passiert ist, wollte ich euch eine Mutter sein, die euch Sicherheit gibt. Aber diese Stärke war nicht immer echt, Luc. Es gab Momente, in denen ich den Schmerz einfach in mich hineingefressen habe, um euch zu schützen. Und jetzt, jetzt stehe ich an einem Punkt, an dem ich mich mit Dingen auseinandersetzen muss, die ich zu lange ignoriert habe.“
Luc runzelte die Stirn. „Mama, was meinst du damit? Geht es dir gut?“
Sie nickte leicht, doch in ihrem Blick lag etwas Undefinierbares. „Ich habe eine Diagnose bekommen, Luc. Es ist Krebs. Aber bevor du etwas sagst, lass mich erklären. Ich bin in guten Händen, und es gibt Hoffnung. Nicht nur über mich, sondern auch über dich, über unsere Familie und deine Großmutter Marguerite.“
Luc starrte sie an, als hätte er sich verhört. Die Worte schienen in der Luft zu hängen, schwer und unbeweglich. „Krebs?“ Seine Stimme klang kaum mehr als ein Flüstern.
Jacqueline nickte, ihre Augen suchten seinen Blick. „Ja, aber ich bin in guten Händen, und ich werde kämpfen, Luc. Es gibt Hoffnung. Doch diese Diagnose hat mich auch dazu gebracht, über vieles nachzudenken. Über dich, über dein Leben. Was mich wirklich bewegt, ist nicht nur, was mit mir passiert, sondern auch, wie du dein Leben gestaltest, sollte ich eines Tages nicht mehr da sein.“
Jacqueline stand auf und lud Luc mit einer Geste ein, ihr ins Wohnzimmer zu folgen. Sie stellte zwei dampfende Tassen Tee auf den kleinen Tisch, der mit einer Vase und frischen Blumen dekoriert war, und setzte sich in einen der weich gepolsterten Sessel. Luc folgte ihr und nahm gegenüber Platz. Einen Moment herrschte Stille, unterbrochen nur vom leisen Klirren der Tassen.
„Warum machst du dir solche Sorgen um mich, Mama?“ Lucs Stimme klang ruhig, doch seine Stirn war gerunzelt. „Du solltest dich auf dich selbst konzentrieren, auf deine Gesundheit. Ich kann die besten Ärzte kontaktieren, ich kümmere mich um alles.“ Jacqueline lächelte schwach, legte eine Hand auf seine. „Ich danke dir, mein Schatz. Aber es ist nicht nur das. Ich sehe, wie viel du in deinem Leben erreicht hast, und ich bin unglaublich stolz auf dich. Doch ich frage mich, ob du dir selbst erlaubst, wirklich glücklich zu sein. Es ist, als würdest du einen Teil von dir zurückhalten.“
Luc sah sie nachdenklich an, nahm einen Schluck von seinem Tee, bevor er antwortete. „Vielleicht. Aber das heißt nicht, dass ich das nicht ändern kann. Ich will, dass du gesund wirst. Du solltest dir keine Sorgen um mich machen.“ Jacqueline lächelte, aber ihr Blick verriet, dass sie mehr sagen wollte. In diesem Moment wanderte Lucs Blick durch den Raum und blieb an einem alten Foto auf einer Kommode hängen. Er stand auf, trat näher und nahm es vorsichtig in die Hände. Das Bild zeigte Marguerite in jungen Jahren, vielleicht Anfang zwanzig, mit ihrer Tochter Jacqueline, seiner Mutter. Marguerites sanfte Gesichtszüge, ihre hellen Augen und das anmutige Lächeln wirkten zeitlos. Sie trug ein schlichtes Kleid, das durch seine Eleganz hervorstach, und hielt Jacqueline, die als kleines Mädchen auf ihrem Schoß saß, fest im Arm. Die Szene war von einer warmen, liebevollen Atmosphäre geprägt, die selbst durch das verblichene Foto spürbar war.
5 Sterne
Die Kraft der Liebe kennt keine Zeit - 19.07.2026
Andree Herscovici

Dieses Buch zu lesen war für mich weit mehr als nur das Lesen eines Romans – es war eine bewegende Reise durch Liebe, Verlust, Familie und Hoffnung.Die beiden Zeitebenen – die bewegende Liebesgeschichte von Marguerite und Paul im Jahr 1938 und Lukes Suche nach seinen Wurzeln im Jahr 2005 – sind auf wunderbare Weise miteinander verwoben. Der Roman zeigt eindrucksvoll, dass die Vergangenheit niemals wirklich vergangen ist. Die Entscheidungen, Opfer und Schicksale unserer Vorfahren prägen unser eigenes Leben oft mehr, als wir es ahnen.Am meisten berührt hat mich die Botschaft, dass selbst nach unvorstellbarem Verlust Heilung möglich ist. Liebe endet nicht – sie lebt in Erinnerungen, in den Geschichten unserer Familien und in den Menschen weiter, die nach uns kommen. Mut, Mitgefühl und die Suche nach den eigenen Wurzeln können uns helfen, uns selbst besser zu verstehen und neuen Sinn im Leben zu finden.Für mich hatte das Buch noch eine ganz besondere Bedeutung: Jacqueline erinnerte mich in vielerlei Hinsicht an unsere Mutter. Dadurch wurde die Geschichte für mich noch persönlicher und viele Momente haben mich tief berührt.Es ist ein wunderschön geschriebener Roman, der noch lange nach der letzten Seite nachklingt. Eine Geschichte über Schicksal, Familie und die zeitlose Kraft der Liebe, die Generationen miteinander verbindet.

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