Sonstiges & Allerlei

Die Diktatur der Triebe

George Lebelle

Die Diktatur der Triebe

Macht, Verführung und Demagogie - Ein Politthriller

Leseprobe:

Protagonisten

Ähnlichkeiten mit lebenden oder gestorbenen Personen sind rein zufällig oder satirisch zu verstehen.

Dr. jur. Inge Bornheim, Rechtsanwältin
Karl-Friedrich Bornheim, Staatsanwalt, Ehegatte von Inge Bornheim
Hartmut Schleich, Pater, Vorsitzender der Partei der Religiösen PR
Herbert Witterschlick, Privatdetektiv
Karl-Theodor Müller-Lüdenscheid II, Rechtsanwalt
Günther Piepgen, Kanzler, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Partei CDP
Balthasar Lafontaine, persönlicher Referent des Kanzlers, nennt sich später Oskar Müntefering, Vorsitzender der Nationalreligiösen Bewegung, dann Staatschef
Lothar Baudissin, Generalinspekteur der Armee, später Verteidigungsminister, danach Regierungschef
Peter Brandt, Luftwaffeninspekteur
Kurt Eisner, Heeresinspekteur, später Innenminister
General Mstislaw Jaruzelski, Polnischer Oberbefehlshaber
Hans Spahn, Großmarschall, danach Reichsmarschall und Regierungschef
Imre Orban, Anführer der Heilsfront
Witold Kaczynski, Anführer der Heilsfront
Heinz und Elise Kowalski, deutsche Emigranten in Polen
Krysztof und Jadwiga Kowalski, polnische Verwandte in Poznan



Die Bornheims

Am Gate 34 der Abflughalle des Berliner Flughafens warteten die Fluggäste darauf, dass sie endlich an Bord gehen konnten. Mütter und Väter mussten zum fünften Mal die Fragen ihrer Kinder beantworten, wann es denn endlich losginge. Junge Frauen in Kostümen und junge Männer in dunklen Anzügen bedienten ihre Mikrocomputer. Ältere Menschen lasen Zeitung oder schauten sich den Stadtplan von Köln an, denn dahin sollte der Flug gehen.
Eigentlich auffällig waren nur zwei Personen.
Die eine war der Präsident des Industrieverbandes Hans Olaf Hundt, der von fast allen Flugpassagieren erkannt worden war, weil er mindestens einmal in der Woche in einer der politischen „Gesprächsrunden“ der Fernsehsender auftrat und seine Weisheiten zu ausnahmslos allen Themen verkündete. Im Industrieverband wurde darüber gespottet, aber die Vorstandsmitglieder hielten zu ihm.
„Er vertritt unsere Sache in den Medien sehr gut“, sagte der Chef des Linde-Kombinats.
Neben Hans Olaf Hundt stand ein untersetzter junger Mann mit breiten Schultern. Er wirkte eher wie der Leibwächter, war aber sein Assistent.
Beide schauten fasziniert auf die zweite auffällige Person, die ganz in ihrer Nähe saß, das linke Bein lässig über das andere geschwungen. Auf diese Weise konnten alle die langen, schlanken Beine bewundern.
Frau Dr. jur. Inge Bornheim war gewiss eine außergewöhnlich attraktive Dame, nicht mehr jung, aber im besten Alter für Affären mit Liebhabern jeden Alters. Sie hatte ihren braunen Fohlenmantel auf den Sitz neben sich gelegt und las „Das Neue Blatt“, eine Illustrierte mit viel Klatsch und Skandalberichten über Prominente. Ihr Interesse daran war jedoch anders als das des Millionenleserpublikums. Denn sie war Anwältin in Straf- oder Zivilprozessen, in denen sie die Interessen der Reichen, Prominenten und Schönen gegen diejenigen aus nicht derart erlauchten Kreisen vertrat. Da schienen ihr auch kleinste Hinweise auf Ehekräche, Saufgelage, Seitensprünge und geheime Liebschaften wertvoll genug, um näher darüber zu recherchieren.
„Wir bitten nun die Passagiere des Fluges AF 3733 nach Köln-Bonn zum Einsteigen“, säuselte das Fluglinienmädel am Tresen.
Als sich Inge Bornheim erhob, ruhten die Blicke fast aller Männer auf ihr. Ihre postgelben, hochhackigen Schuhe, das gleichfarbige Kostüm, das ihren Körper schlank erscheinen ließ, aber doch ihren üppigen Busen betonte, und der weite, durchsichtige Hut aus gelber Gaze, ja, ihre ganze, mondäne Erscheinung erregte die Phantasie der Männer im Wartebereich.
Inge zeigte keinerlei Regung und schritt würdevoll zum Ausgang, die Aktentasche an der linken Hand und den Pelzmantel über dem rechten Arm. Als sie die Kabine betrat, überstürzte sich der Steward und nahm ihr beflissen den Pelzmantel ab, um ihn sorgfältig zusammengefaltet in das Gepäckfach zu legen. Sie setzte sich auf den gebuchten Platz am Fenster in Reihe 2 und wollte „Das Neue Blatt“ weiterlesen. Aber neben sie ließ sich der Industriepräsident in den Sitz fallen.
Da sich die beiden flüchtig kannten, nahm sich der Bullterriermensch die Freiheit heraus, sie burschikos zu begrüßen.
„Hallo, meine Liebe, da sehen wir uns mal wieder. Ich bin gerade unterwegs zu einer Talk-Show beim Westdeutschen Rundfunk, zum Thema Sozialleistungen. Da werde ich es den linken Spinnern mal zeigen. Schalten Sie doch mal Ihr Ti-Wi-Gerät um viertel nach acht ein, im Sender Vox Populi. Das Schöne ist ja, dass uns die Sender gehören, in denen wir dem Volk sagen, was es meinen soll. Und die öffentlich-rechtlichen Sender haben wir über die Parteien im Griff. Leider haben wir noch nicht die Zustände wie in den USA. Hier sind die Leute noch nicht verblödet genug. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.“
Obwohl Inge nicht darauf antwortete und das eklige „Neue Blatt“ studierte, ignorierte das der Industriepräsident und plapperte bis zum Start weiter. Dann schlief er zum Glück ein.
Rechts neben dem schlafenden Hundt saß sein Leibwächterassistent oder was immer er war.
Inge hatte sehr wohl bemerkt, dass er sie bereits im Wartebereich begafft hatte. Auch jetzt ruhte sein Blick auf ihr. Während sein Chef schnarchte, beglotzte er sie ununterbrochen und bekam eine massive Erektion, die er nicht einmal zu verbergen versuchte. Sondern er schob sein Becken weiter nach vorn, damit es möglichst viele sähen. Die gerade vorbeigehende Stewardess lächelte und auch Inge amüsierte sich dezent.
Später, als der Sinkflug begann, wurde die baldige Landung in Köln-Bonn angekündigt, und der Industriepräsident erwachte.
„Wissen Sie“, sagte er mit bedeutungsvoller Miene zu seiner Nachbarin, „wissen Sie, wir haben nämlich über das Institut Neue Soziale Marktwirtschaft eine Kampagne gestartet, mit der wir dem Volk den Abschied von der sozialen Hängematte schmackhaft machen werden. Die müssen einsehen, dass die fetten und sicheren Jahre vorbei sind. Und für den Mittelstand muss gelten: Leistung muss sich wieder lohnen. Jedes Volk braucht Eliten, ohne die es untergehen würde.“
Inge reagierte nicht auf seine Sprüche und strich mit einem Farbstift bestimmte Passagen im „Neuen Blatt“ an. Um zu sehen, wie der Leibwächter mit seiner Erektion fertig würde, knöpfte sie die gelbe Bluse unter dem Kostüm so weit auf, dass man den Büstenhalter und den Brustansatz sehen konnte. Sie wettete, dass der Kerl sie beim Hinausgehen mit seinem Ding berühren würde, und hoffte, dass er dabei abspritzen und seine Hose durchnässen würde.
Zu ihrem Bedauern wies Hundt seinen Beschützer an, vorauszugehen. Er folgte. Schon war es aus mit ihrer Phantasievorstellung.
Sie fuhr mit der Schnellbahn zum Hauptbahnhof, stieg in die U-Bahn um und erreichte um kurz vor acht ihr Haus in der Kölner Südstadt. Die große Arztpraxis im Erdgeschoss war bereits dunkel. Auch in der ersten Etage, in der sich ihr Anwaltsbüro befand, war kein Licht mehr zu sehen.
Sie stieg gemächlich die breite Marmortreppe zum Dachgeschoss hinauf, schloss die Wohnungstür auf und wurde von ohrenbetäubender Musik überwältigt. Ihr Mann Karl-Friedrich, den sie meist nur Karl nannte, stand in der Mitte des weiten Wohnzimmers und dirigierte. Mahlers Fünfte, wie sie sogleich erkannte.
Lautlos legte sie den Mantel, die Tasche und die Kostümjacke ab und schlich sich von hinten an ihn heran, der mit beiden Armen leidenschaftlich dirigierte. Er erschrak, als er plötzlich zwei Arme um seinen Körper spürte, dirigierte aber weiter, bis sich ihre Brüste auf seinen Rücken pressten. Da drehte er sich um und nahm seine Frau in die Arme.
„Ich habe dich vermisst, obwohl du nur einen Tag weg warst.“
Sie ahnte, wie sich sein Gemächt regte.
„Weißt du, welcher Blödmann im Flugzeug neben mir gesessen hat? Der Hundt. Der hat nur Unsinn geredet. Dass der nicht der Hellste ist, wusste ich schon immer, aber so blöd? Jedenfalls will ich den um viertel nach acht im Vox Populi labern sehen. Entschuldige, dass mir das so wichtig ist. Über diesen Kerl sammele ich schon länger Informationen. Ich denke, für deine Ermittlungen im Parteispendenskandal wird der nicht uninteressant sein. Gestern hat man ihn wieder lange mit Ministern palavern gesehen.“
Karls Schwanz sackte wieder zusammen.
„Du hast ja recht, Ingelein, wie immer.“
„Na ja, sagen wir mal häufig.“
Sie schaltete das Fernsehgerät um kurz nach acht ein und wählte den Sender Vox Populi. Tatsächlich begann die Gesprächsrunde pünktlich. Mit Hans Olaf Hundt vom Industrieverband, dem Vorsitzenden der Liberaldemokratischen Partei LDP und Wirtschaftsminister Günther Kloss, dem Vorsitzenden der Partei des Demokratischen Sozialismus Gunter Gabriel und dem Vorsitzenden der Partei der Religiösen, Pater Hartmut Schleich.
Die Moderatorin, eine hübsche Blondine, eröffnete das Gespräch. „Meine Herren, auch dieses Mal sind leider nur Herren beteiligt. Wir bedauern dies. Unser Thema lautet heute: Müssen wir den Sozialstaat abschaffen?“
Sie stellte die vier Herren vor.
Wütend zog Inge einen Schuh aus und warf ihn in die Richtung des Monitors. Doch er prallte nur gegen den Rahmen des Gerätes und hinterließ keine Schäden.
Karl-Friedrich Bornheim amüsierte sich immer über die Gefühlsausbrüche seiner Frau.
„Ingelein, lass das sein. Das ist nicht fein.“ Er kicherte über diesen schönen, wie er meinte, Reim, wurde aber von ihr nicht weiter beachtet, denn die blonde Moderatorin richtete eine Frage an den Vorsitzenden der Partei des Demokratischen Sozialismus, um dessen Redebeitrag anschließend von den anderen Gesprächsteilnehmern demontieren zu lassen. Wenn es zu konkret würde, sollte der fromme Mann, nämlich Pater Schleich, die Argumentation in das Grundsätzliche, das Allgemeinmenschliche und zum Willen Gottes heben. Wirtschaftsminister Kloss war als Schwafler berüchtigt. Hundt sollte den Anheizer und Provokateur spielen.
Das waren die Spielregeln im Sender, und die Gesprächsteilnehmer hatten sich daran zu halten, auch der angebliche Sozialist. Ungehorsame würden andernfalls nicht mehr eingeladen. Das war allgemein bekannt.
Die Blondine spannte den Oberkörper und reckte den Busen in die Richtung der Kamera.
„Herr Gabriel, könnten Sie uns verraten, was vom Sozialstaat noch zu retten ist? Die Kosten für die Arbeitslosen, Kranken und Rentner sind explodiert. Das kann und will niemand mehr bezahlen. Wäre es nicht besser, wenn jeder Einzelne für sich sorgt, als dass der Staat uns alle bevormundet? Der Solidaritätsgedanke ist doch ein alter Hut aus dem vorigen Jahrhundert. Eine alte Volksweisheit ist doch: Jeder ist sich selbst der Nächste.“
Gabriel ging nicht auf ihre Frage ein, sondern verkündete, wie sich die Armut vermehrt hätte, wie immer weniger Rentner am „soziokulturellen“ Leben teilnehmen könnten, wie die offizielle und tatsächliche Arbeitslosigkeit auseinanderklafften und wie Kranke immer mehr Behandlungskosten selbst bezahlen müssten.
„Ja, ja, Gabriel, das ist alles längst bekannt. Geh doch mal zum Angriff über“, ereiferte sich Inge. „Der sollte Maßnahmen fordern und nicht analysieren.“
„Ingelein, wer will denn hier was verändern? Der besitzenden Klasse und der oberen Mittelschicht ist es doch egal, wie viele Leute in den Armenküchen anstehen, wie viele betteln und wie viele die Miete nicht mehr bezahlen können. Solche Zustände hat es doch im 19. und 20. Jahrhundert in Europa überall gegeben. Solange die Reichen und die Wohlhabenden solche Zustände nicht sehen müssen und solange sie von der Polizei und den Wachdiensten vor dem Pöbel, vor Dieben und Einbrechern, geschützt werden, solange werden die keinen Finger krümmen, um irgendetwas zu ändern. Die und die von ihnen bezahlten Politiker leben behütet in ihren schwer bewachten Ghettos und bekommen nicht mit, wie es den restlichen achtzig Prozent der Bevölkerung geht.“
Karl-Friedrich hatte sich neben seine Frau gesetzt und legte seinen Arm um ihre Schultern.
Im Fernseher meldete sich Hans Olaf Hundt zu Wort. Er war zwanzig Jahre älter als Gabriel und maßte es sich daher an, den „Rotzlöffel“ als solchen zu behandeln.
„Also, junger Mann, Sie sollten sich einmal vergegenwärtigen, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, ebenso das mittlere Einkommen und das mittlere Vermögen in Deutschland zu den oberen zehn Rängen auf der Welt gehören.“
„Hören Sie doch auf! Mittelwerte sagen doch überhaupt nichts aus!“, brüllte Gabriel dazwischen.
„Bitte lassen Sie den Herrn Hundt ausreden“, zischte die Moderatorin Gabriel an. „Sonst muss ich Ihnen Redezeit abziehen. Sie kennen die Regeln.“
Der LDP-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Kloss lächelte in sich hinein. Ein Auftritt bei diesem Fernsehsender war wie ein Fußballheimspiel. Ernst blickte er die Moderatorin an.
„Bitte, wenn ich etwas bemerken darf.“
„Natürlich, Herr Minister.“
„Ich darf bemerken, dass die Partei von Herrn Gabriel vor zehn Jahren den Niedriglohnsektor eingeführt hat, und nicht wir von den Liberalen. Auch möchte ich daran erinnern, dass die Formel zur Folterung von Arbeitslosen, nämlich „Fordern statt Fördern“, von Ihrem Arbeitsminister erfunden worden ist und nicht von den bösen Kapitalisten.“
Gabriel echauffierte sich. „Wieso gestatten Sie dem, so lange dazwischenzureden, und mir nicht!“
„Aber Herr Gabriel, seien Sie doch nicht so kindisch“, wies ihn die Moderatorin zurecht. Sie wusste, das käme gut an bei den Zuschauern. „Wir plärren hier doch nicht wie im Kindergarten.“
Beleidigt schwieg Gunter Gabriel.
Hans Olaf Hundt redete weiter: „Auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen. Deutschland gehört zu den reichsten Nationen. Da stimmt doch etwas nicht, wenn Sie uns etwas über Armut erzählen. Ich will nicht ausschließen, dass es Arme gibt. Aber den meisten geht es doch noch ganz gut.“
„Noch!“, schrie Gabriel.
„Herr Gabriel, ich warne Sie zum letzten Mal“, keifte die Blondine.
Hans Olaf Hundt fuhr fort: „Also, den meisten geht es ganz gut. Das ist doch sozialistische Hetze, immer auf die paar Armen hinzuweisen. Armut hat es in der Geschichte immer gegeben, ebenso wie Reichtum. Den Lauf der Geschichte werden Sie nicht aufhalten. Armut und Reichtum sind der Motor der Entwicklung. Gleichmacherei bedeutet Stillstand. Sozialismus ist ein Schritt zurück in die Vergangenheit.“

Karl-Friedrich presste seine Lippen auf Inges Hals und pirschte sich langsam zu ihrem Busen vor, der sich gleichmäßig vor ihm hob und senkte. Seine rechte Hand war in ihrem Schoß vergraben. Inges Erregung verhinderte, dass sie ihren zweiten Schuh auf das Fernsehgerät warf.
Als Inge zu keuchen begann, schaltete er „die Kiste“ aus, presste seine Frau auf das Sofa, riss ihr den Schlüpfer vom Körper und zog seine Hose und Unterhose hinab.
Nach so vielen Jahren Ehe war er immer noch verrückt nach ihr.

Daher bekamen sie den Eklat im Studio des Senders nicht mit.
Am nächsten Morgen saßen die beiden in ihren weißen Seidenmänteln beim Frühstück und lasen in der Tageszeitung.
„Hier steht“, sagte Inge, „dass Gabriel das Rederecht entzogen wurde, nachdem er die Hand zum Erteilen einer Ohrfeige an den Hundt erhoben hatte, aber daran von Minister Kloss gehindert worden war. Wahrscheinlich hat ihn die blonde Zicke provoziert, und der blöde Affe von Hundt hat noch eins draufgegeben, Ach nein, hier steht, dass Gabriel den Pfaffen Schleich mehrmals unterbrochen hat. Das musste ja so kommen. Über dessen pseudoreligiöses Salbadern hätte ich mich ebenfalls aufgeregt.“
Durch die heftigen Bewegungen ihres Oberkörpers hatte sich ihr Morgenmantel über den Brüsten geöffnet. Karl-Friedrich genoss die Aussicht auf die von einem kostbaren schwarz-gelben Büstenhalter umfassten Busenhügel. Vor einiger Zeit hatte er den Wunsch geäußert, sie möchten doch beide noch nicht fertig zum Ausgang gekleidet am Frühstückstisch erscheinen. Tatsächlich führte diese Regieanweisung an ein oder zwei Tagen in der Woche dazu, dass sie nach dem Frühstück übereinander herfielen.
„Der Gabriel hat dann dem Hundt einen Vogel und der Moderatorin den Stinkefinger gezeigt. Das ist nun wirklich einfältig. Aber dem habe ich auch nicht mehr zugetraut.“
Karl-Friedrich hörte ihr kaum zu, sondern blickte auf die Formen in ihrem Büstenhalter.
„Guck nicht so lüstern auf meine Titten. Ich muss mich gleich in Windeseile ankleiden. Denn ich habe um neun Uhr einen Gerichtstermin.“
Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Ach, du großer Schreck. Es ist ja schon um acht. Jetzt aber los.“
Sie sprang auf, gab ihm einen Kuss. „Ich bin sofort weg. Musst du nicht auch ins Büro?“
„Tschüss, nö, halb zehn reicht auch. Und komm nicht so spät nach Hause.“
Er wollte sie an sich ziehen, aber sie wehrte ihn ab. „Ich bin wirklich in Eile.“
Er hatte heute nur im Büro zu tun und wollte sich mit dem jüngsten Parteispendenskandal befassen. Um zehn Uhr würde er sich mit zwei Kollegen aus Wiesbaden und Berlin treffen und die Ergebnisse der bisherigen Ermittlungen austauschen.
Vor zwei Monaten waren bei den Staatsanwaltschaften in Köln, Wiesbaden und Berlin anonyme Anzeigen eingegangen. Darin stand, dass die Christlich-Demokratische Partei, die Liberaldemokratische Partei und die Partei des Demokratischen Sozialismus Spenden von jeweils zehn Millionen Euro erhalten hätten. Diese Spenden seien aber nirgendwo gemeldet worden. Deshalb wurde nun gegen die Vorsitzenden der drei Parteien ermittelt.
Um kurz nach zehn saßen drei dezent gekleidete Staatsanwälte an dem Besprechungstisch in Staatsanwalt Bornheims Büro und tranken Kaffee.
„Ich wundere mich sehr, wieso gegen den Vorsitzenden der Partei der Religiösen keine Anzeige erstattet worden ist. Die haben doch sicher auch Millionen bekommen. Wenn nicht, wäre das sehr merkwürdig. Die haben sieben Prozent bei der letzten Wahl erreicht und sitzen in der Regierung.“
„Ach, die befinden sich doch unter dem Schutzschirm des Vatikans. Der letzte und der neue Papst haben doch überall in Europa religiöse Parteien gründen lassen. Die müssen jetzt finanziert werden. Woher kommen die Gelder, wenn nicht von der Mafia?“
„Ja, wir sollten Europol einschalten und uns erkundigen, welche Spenden in den anderen Ländern registriert wurden.“
„Ich bin durchaus Ihrer Meinung, liebe Kollegen“, wandte Bornheim ein. „Aber lasst uns zuerst herausfinden, ob der Inhalt der Anzeige wirklich stimmt. Dazu müssten wir die Parteizentralen durchsuchen und die Konten prüfen. Das wird sich nicht geheim halten lassen. Wahrscheinlich gibt es Hinweise an die Presse, und wir stehen im Scheinwerferlicht. Haben Sie sich bei Ihren Justizministern abgesichert? Also, ich werde das nicht tun, weil ich die Ansicht vertrete, dass die Justiz in Deutschland die unabhängige dritte Macht im Staate sein sollte und nicht von Politikern gelenkt werden darf. Die Justizminister sollen nicht über Beförderungen und Disziplinarmaßnahmen von Richtern entscheiden dürfen und nicht auf Ermittlungen Einfluss nehmen. Deshalb halte ich den Justizminister Nordrhein-Westfalens da raus.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 604
ISBN: 978-3-99107-128-0
Erscheinungsdatum: 03.09.2020
EUR 21,90
EUR 13,99

Krampus & Nikolo