Sonstiges & Allerlei

Desiderium - Eine Sehnsucht

Melina Lorenz

Desiderium - Eine Sehnsucht

Leseprobe:


Das Anwesen war bis auf die Bediensteten und mir quasi unbewohnt. Dabei hätte man darin ein gesamtes Krankenhaus einrichten können. Meine Eltern waren Geschäftsleiter zweier bekannter Firmen und hatten jeden Tag alle Hände voll zu tun – selbst an Sonntagen. Und so saß ich, wie jeden Tag, allein am Ende der riesigen Tafel im Speisesaal. Ein Zimmermädchen brachte mir das heutige Mittagessen, das ich am Morgen ausgesucht hatte. Nachdem ich mit meiner Mahlzeit fertig war, verschwand ich in meinem Zimmer. Ich setzte mich auf einen Hocker, der vor einer Staffelei platziert war, und auf dieser wiederum war eine Leinwand gespannt. Sie war unberührt und ich nahm einen Pinsel zur Hand um dies zu ändern. Doch mein Kopf war leer. „Leere kann man eben nicht mit Leere füllen“, murmelte ich in die Stille hinein. Und genau das war mein Problem:
Wie sollte ich Leben in mein Leben bringen, wenn ich selbst doch gar nicht war?
Ich seufzte, legte meinen Pinsel beiseite und starrte auf die weiße Leinwand. Als ich meinen Blick wieder abwandte ging die Sonne bereits unter. Schockiert – nein, ich wollte schockiert sein, brachte allerdings keine Emotionen zustande – stand ich auf. Ich hatte den gesamten Nachmittag damit verbracht ein „Nichts“ zu betrachten und bin dabei selbst zu einem mutiert. Oder ich war es schon immer, das kann ich nicht genau sagen. Ich kniff die Augen zusammen. So konnte das nicht mehr weitergehen. Ich konnte nicht jeden Tag abwarten bis etwas passierte, das mich aus dieser alltäglichen Einöde raus brachte. Und plötzlich verstand ich, dass ich mich selbst grundlegend verändern musste um das zu erreichen. Ich musste mir ein erfüllendes Hobby suchen – neben dem Versuch zu malen – und mir einen festen Freundeskreis schaffen. Vielleicht bekam ich dann eine echte Freundin und ich wäre vielleicht nicht mehr so negativ veranlagt. Aber Menschen waren anstrengend. Sie mussten immer das Offensichtliche aussprechen, selbsterklärende, langweilige Fragen stellen, sich über Alltagsprobleme ärgern und und und. Kurzum: Man wurde beeinflusst und das wollte ich nicht. Allerdings konnte das auch positiv sein. Ich wog beide Seiten in Gedanken auf einer Waage ab und stellte mit gespieltem Erschrecken fest, dass – oh Schreck! – die Contra-Seite viel mehr wog. Das hatte man davon, wenn man sich bemühen wollte, etwas an seiner Einstellung zu ändern: Man wurde enttäuscht. Obwohl man erst enttäuscht werden kann, wenn man etwas nicht von vornherein wusste, was in diesem Fall nicht zutraf, da ich mir vollkommen bewusst war, wie anstrengend Beziehungen waren – zumindest bildete ich mir ein, es genau zu wissen – aber wenn man es genau nahm, war ich auch davon überzeugt alles besser zu wissen. Ich zeigte es nur selten. Ich konnte es auch niemandem zeigen, fiel mir auf. Ich war ja alleine. Ich ließ mich wieder auf meinen Hocker fallen. Was dachte ich mir da nur wieder für einen Blödsinn zusammen?
Nach dem Abendessen beschloss ich kurzerhand spazieren zu gehen. Ich hatte sonst nichts zu tun, niemand wartete auf mich und es sind die großen Ferien. Für die Schule konnte ich also auch nicht wirklich etwas tun.
Ich schlenderte also durch den in der Nähe liegenden Park und langweilte mich zu Tode. Ich dachte darüber nach, was ich zeichnen könnte, doch fiel mir nichts ein. Ich beobachtete die saftig grünen Blätter eines Baumes. Es sah schön aus, wie sie sich im Winde, geschmeichelt von der Brise, hin und her wälzten. Ein mürrisches Gemurmel ließ mich aufblicken. Auf einer Parkbank, direkt neben dem Baum, lag ein Mädchen, ihre Jacke über sich ausgebreitet und sie veränderte ständig ihre Position. Sie hielt inne als sie bemerkte, dass sie beobachtet wurde, und sah auf. Unsere Blicke trafen sich und ich sah in blaue Augen. Diese verengten sich nach einer Sekunde zu Schlitzen. „Was starrst du mich so an?“, fuhr sie mich an. Ich zuckte zusammen, so hatte noch nie jemand mit mir geredet und es störte mich gewaltig, dass sie sich das erlaubte. Als der Sohn einer reichen Familie wurde mir jederzeit der nötige Respekt entgegengebracht. Also zuckte ich nur mit den Schultern, starrte allerdings weiter. „Was soll das, du Bastard? Zisch ab!“ „Bastard?“, ab da war ich verwirrt. „Ja, Bastard. Was dagegen?“ Ich dachte kurz nach und zuckte mit den Schultern: „Nein, ich denke nicht.“ Sie zog ihre Augenbrauen zusammen. Ab da war sie verwirrt.
„Du bist seltsam“, bemerkte sie unwirsch. „Du bist direkt“, bemerkte ich. Auf einmal begann sie zu grinsen. Sie legte den Kopf schief und schaute mich an und ich schaute zurück. Das ging einige Momente lang so und ich hielt es für sehr ungewöhnlich, dass sie mich nicht vollquasselte. Gleichzeitig schüttelte ich in Gedanken den Kopf über mich selbst; es war typisch von mir, so etwas zuerst zu bemerken. Andere würden lieber auf ihre dreckverschmierten Kleider eingehen und den Verbleib von Schminke oder Ähnlichem. Aber ich bin eben nicht so. Mir fiel sofort diese angenehme Stille auf, die mir nicht einmal wie eine vorkam. Manchmal, denke ich, können Gedanken unausgesprochen bleiben. Man braucht nur diese richtige Person, die sie trotzdem hören kann.
„Ich gehe jetzt“, sagte ich einfach so. Eigentlich müsste ich nicht gehen, aber sie hörte nicht auf zu schauen und ich wusste nicht, was zu tun war. Es war mir unangenehm. Sie bat mich auch nicht, mich zu setzen oder dergleichen. Nein. Das hätte auch nicht zu ihr gepasst. Sie schien keines von den verzogenen Püppchen meiner Schule zu sein. Im Nachhinein würde ich behaupten, vom ersten Blickkontakt an gewusst zu haben, dass sie etwas Besonderes war.
Auf meinen indirekten Abschied nickte sie nur und wünschte mir eine gute Nacht. Ich nickte zurück und ging. Auf meinem Weg fragte ich mich immer wieder, ob sie wirklich vorhatte auf dieser Bank zu schlafen, mit ihrer Jacke als Decke. Wenn die Antwort „Ja“ lauten würde, würde mich das traurig stimmen und ich nahm mir vor, morgen Abend mit einer Decke wieder zurück zu kommen. Vielleicht könnte sie sie brauchen und wenn sie nicht da sein würde, dann vielleicht jemand anderes. Es gab immerhin genügend bedürftige Menschen auf dieser grausamen Welt.



Kapitel 2

Manchmal habe ich das Gefühl ich träume, aber als ich das rothaarige Mädchen auf der Parkbank liegen sah und die Traurigkeit ihn ihren blauen Augen fast selbst spürte, wusste ich, dass es nicht so ist.
„Was willst du wieder hier?“, dieses Mal war sie nicht unfreundlich und ich hatte keinen Grund zu starren. Dann fiel mir auf, dass ich versucht war es doch zu tun. Ausweichend starrte ich meine Schuhe an. Es war das neuste Paar von Nike und in meinem Bauch machte sich ein seltsames Gefühl breit. Mein Blick wanderte zum Ende der Bank und ich fragte mich, ob sie überhaupt Schuhe hatte. Ich konnte nichts erkennen, ihre Jacke – also ihre Decke – war im Weg. „Ich bringe dir eine Decke“, ich ging einen Schritt auf sie zu und reichte ihr das flauschige Bündel. „Mir ist nicht kalt. Wir haben Juli und fast 30 °C. Weißt du das nicht?“ Sie legte ihren Kopf wieder schief – ich bemerkte es aus dem Augenwinkel, denn ich starrte ja immer noch auf meine Schuhe. Anscheinend eine Geste, die sie oft machte. „Nachts ist es kälter“, stellte ich fest. Sie setzte sich auf und klopfte neben sich auf die Holzbretter. Ich folgte der stillen Aufforderung und sie nahm mir die Decke ab. „Das stimmt“, fügte sie hinzu. Wir sahen uns an und wir verstanden uns.
Ich schaute auf den Boden zu ihren Füßen. Sie war barfuß.
Eine Weile schwiegen wir und beobachteten den Sonnenuntergang. „Warum bist du wirklich wieder hier?“, flüsterte sie. „Warum flüsterst du?“, fragte ich zurück. „Ich will die Grillen bei ihrem Zirpen nicht stören.“ Mir kam die Antwort logisch vor, obwohl sie, wenn ich im Nachhinein darüber nachdachte, nicht logisch war. Also machte ich leise „Aha“, und unser Gespräch war beendet.
Eine relativ lange Zeit hörten wir einfach nur dem Zirpen zu.
„Hast du vor irgendwas Angst?“ Erwartungsvoll leuchtete sie mich mit ihren Augen an. „Ja“, antwortete ich, dabei wusste ich nicht wovor. „Und wovor?“, stocherte sie weiter. „Ich glaube, vor dem Nichts“, antwortete ich nach einer Denkpause. „Dem Nichts?“, sie ließ nicht locker. „Ja, dem Nichts“, bestätigte ich und nickte nachdrücklich. „Und was soll das sein?“ „Na, Nichts eben.“ „Das glaube ich nicht“, sie schüttelte den Kopf. „Wieso denn nicht? Nichts ist nichts.“ Sie schüttelte wieder den Kopf. „Nichts ist doch trotzdem etwas.“ „Mh“, ich dachte darüber nach. Dann sah ich sie an. „Wovor hast du Angst?“ Sie schaute in den bereits aufkommenden Nachthimmel und in ihren glasigen Augen spiegelte sich das geheimnisvolle Gesicht des Mondes wider. Es war Vollmond. „Dem Tod.“ „Aha“, machte ich und wir schwiegen eine ganze Weile. „Warum vor dem Tod?“, hakte ich urplötzlich nach. Sie drehte mir ihren Rumpf zu und schaute mir grimmig in die Augen. Sie legte einen Zeigefinger auf meine Lippen und machte: „Schhh! Du störst sie!“ Und sie nickte in Richtung Wiese, die vor uns lag und von der aus die Lieder der Grillen ertönten. Ich zog den Kopf ein und gab ihr zu verstehen, dass ich nichts mehr sagen würde und sie wandte sich zufrieden wieder ab.
Ich beobachtete wie sie mit geschlossenen Augen lauschte, den Kopf im Nacken, die spitze Nase in die Luft gestreckt, die hellen, langen Wimpern auf den Wangen aufliegend und ihre Haut angestrahlt vom blassen Mondlicht – ein wunderschönes Bild, das ich versuchte mit meinen Blicken einzufangen.
„Weil ich nicht weiß, was danach kommt“, hauchte sie in die Finsternis, aus der nur das Rot ihres Haares heraus strahlte. „Und hör auf mich anzustarren“, setzte sie hinterher und ich musste grinsen und sie musste es auch. Ich hob meinen Kopf den Sternen entgegen und schloss, so wie sie eben, meine Augen. Kurz darauf spürte ich ihren Blick auf mir.
„Ich gehe jetzt“, sagte ich irgendwann.
Eigentlich müsste ich nicht gehen, aber ich hatte das Gefühl, für heute war alles gesagt und dass es schon spät war. Sie nickte und wünschte mir eine gute Nacht. Ich nickte und ging, machte nach ein paar Schritten aber nochmal kehrt und verkündete: „Morgen komme ich wieder“, sie nickte und ich ging.
Auf dem Weg merkte ich, dass dieses Mädchen eines der wenigen war, die mich nicht nervten und mich in ihrer Gegenwart generell nichts mehr nervte. Mein Leben erschien mir plötzlich doch nicht so trostlos und einsam, trotz der Distanz, die wir wie etwas Heiliges wahrten. Wie zwei Hunde, die sich das erste Mal trafen und vorsichtig gegenseitig beschnupperten.
Auf dieser Parkbank schien nichts mehr so wie sonst immer. Aber da ich jetzt nicht mehr genau wusste, was Nichts war, wollte ich mich erst mal auf nichts festlegen und so stempelte ich diesen Gedanken als unvollendet ab.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 96
ISBN: 978-3-99064-969-5
Erscheinungsdatum: 06.05.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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