Des Wassers Spiegel

Des Wassers Spiegel

Pascale Peng


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 94
ISBN: 978-3-99064-137-8
Erscheinungsdatum: 20.12.2017
Ro ist auf der Flucht vor ihren Ängsten – und vor ihrem Onkel, der sie misshandelt hat. Während Ro vom Leben hin- und hergeworfen wird, blickt das „Ich“ immer wieder zurück in die Vergangenheit. Wird es Ro gelingen, sich mit diesem „Ich“ zu versöhnen …?
Now I will speak to you at night
For it’s the path that’s made for you
Oh please now listen to my voice
This is by your own soul’s choice
Child in hopeless night despair
I know it’s more than you can bear
Your life seems hollow and all you’ve done
Empty you are and on the run
Colours fading black
Coldness coming back
Snow covers the beating heart
While mind drifting apart
Roses withering away
Waste is holding sway
Flying with the bird of old
And even sun is cold




Ich glaube nicht mehr an den Zufall.
Nicht, nachdem sie mir ihre Geschichte ­erzählt hat.
Es war eine Geschichte.
Es war meine Geschichte.






Flucht

Der Regen tropft auf ihr Gesicht. Auf der Haut haben sich kleine Wasserbahnen gebildet. Ro zieht sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Die Regentropfen vermischen sich mit ihren Tränen. Die wasserdurchtränkten Kleider sind schwer geworden. Ihr Gewicht ist beinahe unerträglich. Die Erde versucht Ro mit aller Kraft an sich zu reißen. Der sumpfige Schlamm klebt an jedem ihrer Schritte. Der Donner und Regen übertönt jedes Geräusch. Plötzlich bleibt ihr rechter Fuß im Schlamm stecken und sie stürzt. Doch selbst jetzt lösen sich ihre verkrampften Hände nicht. Es ist ein verzweifelter Versuch, SIE vor dem Unwetter zu schützen. Sie muss stehen bleiben, um ihr Bein aus dem Sumpf zu befreien. Ein Blitz zuckt am Himmel auf und für einen Moment lang ist alles erhellt.
Wo bin ich?
Wie lange bin ich gerannt?
Sie verschnauft. Ihr ganzer Körper schmerzt. Im Unterholz raschelt es und eine Schar Raben ergreift die Flucht. Erschrocken dreht sie sich um. Ihr Atem geht schnell und pocht zu laut, als dass sie etwas hören könnte. Panik ergreift sie. Sie beginnt am ganzen Leib zu zittern. Es gelingt ihr, das Bein aus dem Boden zu reißen und sie beginnt von Neuem zu rennen. Doch lange hält sie nicht durch. Ihr Körper ist zu sehr geschwächt. Sie wird langsamer. Die Beine brechen unter dem Gewicht ihrer Kleider zusammen und sie stürzt zu Boden.
Als sie wieder zu sich kommt, bemerkt sie, dass ihre Hände leer sind. Sie schreit auf. Doch der Donner verschlingt alles. Ihre aufgeweichten Hände tasten den dunklen Boden ab. Nach endlosen Minuten findet sie das Tuch, vom Regen aufgeweicht und blutverschmiert.
Wo ist SIE?
Verbissen sucht sie weiter. Wie es scheint, ist die Natur doch noch gerecht. Sie entdeckt ihre Liebste, als ein Blitz für kurze Zeit alles erhellt. SIE liegt eine Handbreit neben dem Ufer. Ro kriecht zu ihr hinüber und drückt SIE erleichtert an sich. Auf IHREM Fell haben sich Wasserperlen gebildet. Sie streicht behutsam mit ihren steifgefrorenen Fingern über IHR Fell. Erinnerungen kommen hoch. Sie schmiegt ihre kleine Freundin an ihre Wangen, um in die Vergangenheit eintauchen zu können. Sie schaut dem wilden Wasser des Flusses zu. Ihr Atem beginnt sich langsam zu beruhigen.
Bin ich in Sicherheit?
Ihre Gedanken werden klarer. Sie fühlt, dass ihr linker Knöchel anschwillt. Doch sie spürt nichts. Sie schaut auf ihre Hände, die mit letzter Kraft ihren kleinen Engel liebevoll halten. Ihr Magen knurrt so laut, dass sie Angst hat, er könnte sie verraten. Anfangs hat sie sich nicht zu rauchen getraut, da man die Glut von Weitem sehen könnte, aber jetzt steigert sich das Rauch-Hungergefühl bis ins Unerträgliche. Die Blätter des Baumes, unter welchem sie Schutz sucht, halten einen großen Teil des Regens zurück. Nachdem sie ihre rechte Hand so gut wie möglich trocken gerieben hat, nimmt sie den Rucksack von den Schultern und öffnet ihn. Es geht nicht lange, bis sie die Zigaretten und das Feuerzeug gefunden hat. Die Zigaretten sind nicht mehr ganz trocken, doch wenigstens funktioniert das Feuerzeug noch. Gierig zieht sie den Rauch hinunter. Ihr Bauch beruhigt sich ein wenig. Sie ist nass bis auf die Knochen. Das fällt ihr erst jetzt auf und sie beginnt am ganzen Körper zu zittern. Der kalte Wind peitscht ihr ins Gesicht.
Genau in dem Moment, als sie aufschaut, zuckt ein Blitz am Firmament. Eine große Gestalt kommt auf sie zu.
ER!
Sein satanisches Grinsen.
Ohne eine Sekunde zu überlegen, springt sie auf und reißt den Rucksack an sich. Ihre rechte Hand umklammert fest ihre kleine tote Freundin. Ohne sich umzudrehen, ergreift sie erneut die Flucht. Sie verlässt den Pfad und kämpft sich durch Schlamm, Hecken, Büsche, über Wurzeln und an Bäumen vorbei. Mehrere Male fällt sie hin, weil sie die Unebenheiten des Bodens in der Dunkelheit nicht sehen kann. Die Hände und das Gesicht werden von Dornengebüsch zerkratzt. Sie fühlt nichts. Sie rennt um ihr Leben.

In weiter Ferne sieht sie Lichter. Die Kirchenuhr schlägt fünfmal.
Das muss die Stadt sein.
Geschafft!
Sie wird ruhiger, atmet langsamer. Ein Triumphgefühl macht sich bemerkbar. Ohne ihr Tempo zu verlangsamen, rennt sie den Hügel weiter hinauf. Als sie oben ankommt, bleibt sie stehen. Sie ringt nach Luft. Die feuchte Luft erschwert das Atmen. Der Regen klatscht ihr ins Gesicht. Von hier aus kann sie auf einen kleinen Teil der Stadt schauen.
Sie ist so groß. So wohltuend groß. Es ist unmöglich, in einem kleinen Dorf unterzutauchen, aber in der Stadt …
Das laute Krachen des Donners holt sie zurück. Sie schaut auf ihre kleine Freundin. Es scheint, als ob SIE nur schlafen würde. Tränen tropfen auf IHR Fell.
Ich werde dich hier begraben, dann kannst du von hier aus über mich wachen.
Behutsam legt sie SIE auf den Boden neben sich. Sie stößt die Finger in den Boden, um ein Loch zu graben. Da alles regendurchtränkt ist, gelingt es ihr ohne viel Aufwand, ein großes Loch zu graben. Die feuchte Erde bleibt an ihren Händen und Armen kleben. Als sie den Aushub für tief genug hält, legt sie ihren kleinen Engel hinein. Ihr Herz wird dabei noch schwerer.
Noch einmal hebt sie ihre Freundin hoch und versucht mit ihren Kleidern das Blut von IHREM Fell abzuwischen. Dann atmet sie ein letztes Mal den Geruch IHRES Körpers ein und schmiegt ihre Wange an IHR Fell, wie sie es früher immer getan hat. Danach reißt sie den unteren Teil ihres T-Shirts ab und kleidet damit das Erdloch aus. Nun legt sie SIE behutsam auf den nassen, aber so weit sauberen Stofffetzen. Ganz langsam und sorgfältig. Noch einmal reißt sie SIE heraus und drückt SIE ein letztes Mal an sich. Schließlich segnet Ro ihren kleinen Engel und mit letzter Kraft legt sie einen Bannspruch über IHR Grab.
Mit ihren tiefgefrorenen Fingern füllt sie das Loch mit der ausgehobenen Erde. Sobald das getan ist, legt sie ihr Pentagramm, welches sie stets um den Hals trägt, auf IHR Grab. Sie wendet sich ihrem Rucksack zu und holt ein Messer hervor. Mit einem schnellen Griff liegt ihr Butterfly-Messer offen in ihrer Hand. Alles geht schnell. Das Blut strömt aus ihrem linken Arm, um sich mit dem Regen auf dem Pentagramm zu vermischen. Die Erde wird mit ihrem Blut getränkt. Ihre Gedanken wandern in die Vergangenheit.
Wieso?
Was habe ich nur getan?
Sie presst das Blut noch ein wenig mehr heraus. Doch sie spürt nichts.
Ich kann nicht ungeschehen machen, was geschehen ist. Am liebsten würde ich IHN mit einem Fluch belegen, doch dazu reicht meine momentane Kraft nicht aus.
Ich schwöre hier bei meinem Blut, dass ich DICH, mein Liebstes, rächen werde.
Wenn die Zeit gekommen ist.
Ein Blitz zuckt am Himmel und sie weiß, dass das Universum ihren Schwur gehört hat.
Die Göttin wird nicht eher ruhen, bis ich beendet habe, was ich heute begonnen habe.
Das Licht vertreibt langsam, aber hartnäckig die Dunkelheit der Nacht. Der See erscheint schon weniger bedrohlich. Der Regen hat nachgelassen. Die Blätter der Bäume hängen schwer an den Ästen. Die Sonne geht auf. Der See nimmt einen rötlichen Schimmer an. Je länger Ro dem Farbenspiel der Sonne auf der Wasseroberfläche zuschaut, desto geborgener fühlt sie sich. Es zieht sie zu ihm hin. Sie traut sich nicht zurückzuschauen. Ihr fällt wieder ein, dass sie durchnässt und unterkühlt ist. Ihr Magen meldet sich. Sie zündet sich eine Frühstückszigarette an. Nur schlecht lässt sich der Magen beruhigen. Doch all das kann ihr die Leichtigkeit nicht nehmen. Das Triumphgefühl wird größer.
Ich habe es geschafft.
Mit viel Mühe gelingt es ihr, aufzustehen. Sie zieht ihre Kleider aus und wringt sie aus. Nachdem sie die Kleider von Neuem angezogen hat, bückt sie sich, um das Pentagramm und den Rucksack aufzuheben. Nach ein paar Schritten dreht sie sich zum letzten Mal um.
Ruhe in Frieden, beste Freundin.
Sie beginnt schneller zu gehen.



Trixi

Sie schlendert die noch menschenleere Straße hinunter. Nach einer Weile beginnt sie zu laufen, um ihren Körper zu erwärmen. Das Wasser des Sees ist ruhig und glatt. Doch wie es scheint, ist sie nicht die Einzige, die die Stille des frühen Morgens genießt. Schon von Weitem sieht sie jemanden am Ufer sitzen und aufs offene Wasser hinausstarren. Sie verlangsamt ihr Tempo und atmet mehrere Male laut durch. Ganz gegen ihre Art und ihren Willen geht sie auf diese Person zu. Ohne etwas zu sagen, setzt sie sich zu ihr. Ein Mädchen mit leeren Augen. Gemeinsam starren sie aufs Wasser. Ein paar Hunde mit ihren Herrchen spazieren an ihnen vorüber. Die Stille dröhnt unerträglich laut in ihren Ohren, bis sie es fast nicht mehr aushält. Das Mädchen kommt ihr zu Hilfe, indem es Tabak aus seiner Hosentasche holt. Ro fragt, ob sie sich auch eine drehen dürfte. Es schaut sie nur an.
Sie trägt den gleichen Panzer um sich wie ich.
Ich sehe in ihren leeren Augen etwas Schweres.
Ohne den Mund aufzutun, hält ihr das Mädchen das Päcklein mit dem Tabak hin. Ro versucht sich eine Zigarette zu drehen. Nachdem sie es geschafft hat, holt sie ihr Feuerzeug aus dem Rucksack. Ihre Schnittwunden am linken Arm werden sichtbar. Sie spürt den Blick des Mädchens darauf. Es sieht sie an. Sieht ihr direkt in die Augen.
Unendliche Tiefen.
Stille Sehnsucht.
Eine Suche nach Geborgenheit.
Meine ganze Vergangenheit sehe ich darin.
Ein Gefühl der Vertrautheit.
Ro schwindelt und sie kann sich kaum lösen. Sie antwortet nicht, sondern zündet sich die Zigarette an und schaut wieder aufs Wasser. Sie zittert vor Kälte. Ihr Bauch meldet sich so laut, dass das Mädchen es hört. Mit einem wissenden Blick schaut es sie an. Als ihre Zigarette zu Ende gebrannt ist, gibt es ihr eine neue, die es bereits gedreht hat. Ro nimmt dankend an. Das Mädchen steckt sich auch eine neue in den Mund und sie qualmen gemeinsam weiter.
Ich weiß von Ro, dass die beiden noch lange Zeit einfach da gesessen und ins Wasser gestarrt haben. Doch plötzlich verspürt sie einen unvermeidlichen Drang, erneut dem Mädchen in die Augen zu sehen. Dem Mädchen ergeht es ebenso. Schweigend starren sie einander in die Augen. Nur so kann die eine der anderen das mitteilen, worüber normalerweise nicht gesprochen wird. Ro taucht in das Meer der Iris ihres Gegenübers ein. Es fühlt sich wie ein Labyrinth an. Sie irrt umher. Dann zieht es sie immerfort in eine Richtung. Am Ende des Ganges angekommen sieht sie und versteht.
Jetzt nickt das Mädchen und sie machen sich gemeinsam auf den Weg.
Ohne ein Wort zu verlieren, gehen sie durch die Stadt. Als das Mädchen vor einem flachen, länglichen Haus stehen bleibt, bekommt Ro es für kurze Zeit mit der Angst zu tun: eine Erziehungsanstalt. Das Grau der Fassade sendet eine bedrückende Leere aus. Sie bleibt wie angewurzelt stehen und schaut fragend in die Augen des Mädchens.
Sie hat also den anderen Weg gewählt.

Nachdem sie das Mädchen an einer Aufsichtsperson vorbeigeschmuggelt hat, gelangen sie endlich in ein Zimmer, die Wände zugeklebt mit Stars. Es erklärt ihr, dass sie sich still verhalten müsse, da es verboten sei, jemanden um diese Zeit aufs Zimmer zu nehmen. Dann darf sie ihre verschmutzten und nassen Kleider ausziehen. Das Mädchen gibt ihr trockene Kleidung. Auf dem Flur schreit jemand den Name Trixi und es wird nervös. Hastig erklärt es Ro, dass es jetzt frühstücken gehen müsse und ihr etwas mitbringen werde. Kaum hat es dies gesagt, ist es auch schon mit Ros schmutzigen Kleidern verschwunden.
Ro setzt sich aufs Bett und schaut sich im Zimmer um. Als sie einen Aschenbecher entdeckt, dreht sie sich mit Mühe eine Zigarette. Dann legt sie sich aufs weiche Bett, kuschelt sich unter die warme Decke und zieht den Rauch genüsslich hinunter. Aus weiter Ferne vernimmt sie Stimmen. Der Duft von Kaffee und geröstetem Brot dringt ins Zimmer. Ihr Magen beginnt von Neuem zu knurren.
Qualmend begutachtet Ro die Poster. Nach einer Weile steht sie auf, um Kurt Cobain aus der Nähe zu betrachten. Dieses Poster erinnert sie an ihr Zuhause. An ihr Zimmer. Kurze Zeit hält sie diesen Gedanken fest. Dann zwingt sie sich zu erinnern, warum sie ihr eigenes Kurt-Cobain-Poster erst neulich durch ein anderes Bild ersetzt hat. Lange überlegt sie. Plötzlich sieht sie es zerrissen vor sich und daneben IHN. Ro schließt die Augen und unterdrückt einen Schrei. Sie spürt ihre Hand schmerzen. Sobald sie die Augen öffnet, bemerkt sie, dass ihre Zigarette in der Zwischenzeit zu weit hinuntergebrannt ist und ihre Finger versengt hat. Fluchend dreht sie sich eine neue. Dies bringt sie auf andere Gedanken. Ihr Blick wandert weiter. Sie fragt sich, was es mit den anderen Stars an den Wänden auf sich hat, da sie die übrigen alle nicht kennt. Als sie Trixis CD-Sammlung betrachtet, stellt Ro fest, dass sie ein Punk ist.
Nach zwei weiteren Zigaretten kommt eine Stimme näher. Die Tür fliegt mit einem lauten Fluch auf und Trixi schlüpft hinein. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass die Türe verriegelt ist, stellt Trixi sich ans Bett und zaubert verschiedene Esswaren aus dem Pullover hervor. Mit Heißhunger stürzt sich Ro darauf. Danach muss sie eingeschlafen sein.

Die Kirchenuhr hat gerade dreimal geschlagen, als sie die Augen öffnet. Es ist doch kein Traum gewesen. Ro ist nicht sicher, ob sie froh darüber sein soll, dass es kein Traum gewesen ist, oder nicht. Auf jeden Fall ist sie jetzt ganz allein in der großen Stadt. Bei dem Gedanken wird ihr ein wenig mulmig zumute. Sie zündet sich eine Zigarette an und fragt sich, wo Trixi wohl stecken mag. Da entdeckt sie an der Tür einen Zettel.

Hey du, bin in der Schule. Treffen dort um 16 Uhr. Siehe Skizze. Achte darauf, dass du keiner Aufsichtsperson über den Weg läufst. Ich weiß nicht, was das für Folgen für uns beide haben könnte. Will’s nicht rausfinden.
Peace!
Trixi

Da die Schnittwunden von gestern verkrustete Blutflecken auf Ros Arm hinterlassen haben und sie trotz der sauberen Kleider nach Erde riecht, beschließt sie zu duschen. Sie geht zur Tür und hört vorsichtig auf jedes Geräusch. Plötzlich kommt es ihr zu riskant vor, in diesem Heim zu duschen. Sie nimmt ihren Rucksack und schleicht sich auf Zehenspitzen aus dem Haus. In der Küche macht sie halt und nimmt sich eine große Scheibe Brot mit.
Draußen versucht sie anhand des Gekritzels von Trixi herauszufinden, in welche Richtung sie gehen muss. Das gelingt ihr recht gut und nach kurzer Zeit steht sie vor einem langen, hohen grauen Kasten. Ro kommt sich sehr klein vor neben diesem riesigen Schulhaus. Seine Größe wirkt einerseits bedrohlich, andererseits fühlt sich Ro auch sicher hier. Ihr kommt die Idee, dass sie hier unter den vielen Schülern wohl kaum auffallen würde. Sie sucht die Turnhalle. Erfreut stellt sie fest, dass die Garderoben und Duschräume leer sind. Sie hat es wohl noch nie so genossen, unter einer Dusche zu stehen. Es kommt ihr vor, als wasche sie nicht nur den ganzen Schmutz von ihrem Körper, sondern als ob die ganze Vergangenheit sich von ihr lösen würde. Nachdem sie sich mit beiden Händen trocken geschrubbt hat, fühlt sie sich besser.
Sie geht nach draußen, um auf Trixi zu warten. Diese staunt nicht schlecht, als sie die neue Bekannte mit klitschnassen Haaren vorfindet. Sie gehen zum See, wo Trixi aus Ros Rucksack Gras herausholt. Sie schaut das Mädchen verdutzt an.
Wie zur Hölle kommt dieses Haschisch in meinen Rucksack?
In aller Ruhe beginnt Trixi einen Joint zu drehen. An ihrer schnellen und geübten Art kann Ro erkennen, dass sie dies heute nicht zum ersten Mal tut. Dann erklärt ihr Trixi trocken, dass sie aus dem Heim fliegen würde, wenn man sie mit Gras erwischen würde, und sie deswegen heute Morgen das Zeugs in den Rucksack gesteckt habe.
Und was wäre geschehen, wenn sie mich gefilzt hätten?
Ob ER mich wohl sucht?
Oder hat ER eine Vermisstenanzeige aufgegeben?
Was würde ER als Grund für mein Verschwinden angeben?
Welche Art von Lüge hat ER meinen Lehrern erzählt?
Sie ist so sehr in ihre Gedanken vertieft, dass sie erst nach einem Stoß in die Rippen zurückkommt. Trixi hält ihr den Joint unter die Nase und Ro muss husten. Doch dann nimmt sie einen kräftigen Zug. Sie beginnt zu schweben. Das Mädchen erklärt Ro, dass es sie mit dem Dealer bekannt machen könne, falls sie Interesse habe. Sie stimmt zu und möchte wissen, ob Trixi für ihn arbeite. Als Antwort schauen sie zwei leere Augen an und Ro versteht.

Trixi macht ihr das Angebot, im Heim zu wohnen, bis sie eine neue Bleibe gefunden habe. Sie nimmt dankend an. Allerdings, erwähnt Trixi, dürfe niemand im Heim etwas davon erfahren, da sie sonst beide ernsthafte Schwierigkeiten bekämen.
Als das Mädchen gegangen ist, um zu Abend zu essen, bleibt Ro alleine zurück. Sie zündet sich eine Zigarette an und rückt etwas näher ans Ufer. Ein schönes Gesicht spiegelt sich im See. Zwei Augen starren ihr aus dem Wasser entgegen. Erschrocken springt sie auf, dreht dem Wasser den Rücken zu und läuft davon. Ihre Gedanken irren umher. Die Angst lässt sie in einen dunklen Tunnel rennen. Am Ende des Tunnels sieht sie das LICHT. Davor steht ER. In ihren Armen schläft friedlich ihr Engelchen.

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