Sonstiges & Allerlei

Des Glückes Schmied

Marei Brauer

Des Glückes Schmied

Das Recht, die Rechten ... und die Selbstgerechten

Leseprobe:

Ein kühler Wind aus Nordwest ließ Silvi frösteln. Sie versuchte die Knöpfe ihrer Jacke zu schließen. Ihre Hände, ihre Finger zitterten, sie schaffte es nicht. Tränen rannen über ihre Wangen.
„Noch nicht einmal mehr das kann ich!“ Ein trockenes Schluchzen würgte sie in der Kehle. Mühsam erhob sie sich von der Bank unter dem schiefen Apfelbaum am Teich. Ihre Beine gehorchten ihr nach dem letzten psychischen Zusammenbruch noch nicht wieder. Auf ihren Stock gestützt ging sie langsam den Weg durch den Garten zurück zum Haus. Nach jedem dritten Schritt legte sie eine Pause ein, um Kraft zu sammeln für die nächsten drei Schritte.
„Ich sollte wirklich Schluss machen, endlich Schluss mit dieser elenden Quälerei. Früher, ja früher habe ich es geschafft, andere aus Lebenslöchern herauszuziehen. Jetzt ist meine Kraft versiegt. Für mich reicht es nicht mehr. Sie haben mir den Schneid endgültig abgekauft.
Dabei hatte alles, nach einigen Hürden, so hoffnungsvoll begonnen.“

Vor vielen Jahren, als Silvi und ihr damaliger Lebensgefährte Kurt noch in der Großstadt lebten, in einer guten Wohngegend, wurden sie immer häufiger durch Nachrichten über Raubüberfälle und Einbrüche, die in ihrem und in benachbarten Vierteln geschahen, aufgeschreckt. Sowohl bei den Überfällen als auch bei den Einbrüchen schien es den Tätern nicht nur um Beute zu gehen, vielmehr darum möglichst viel Schaden anzurichten, wobei die Demolierung von Kraftfahrzeugen, Mobiliar und Geräten noch das Harmloseste war. Viel beängstigender waren die brutalen Misshandlungen an den Überfallenen, an deren Folterung und Leid sich die Täter regelrecht aufzugeilen schienen. Es erinnerte irgendwie frappant an die Übergriffe der SS und SA zu Zeiten des Nationalsozialismus. Diese sadistische Mistbrut wurde so gut wie nie erwischt, die Obrigkeit zuckte hilflos mit den Schultern. Wurde mann ihrer in seltenen Fällen zufällig habhaft, belohnte sie die Justiz mit einem lächerlichen Strafmaß, das sie nur als Aufforderung für weitere Straftaten betrachten konnten. Längst schon hatten sich die beiden damit abgefunden, dass nichts anderes übrig blieb, als sich mit dem in einer Großstadt zur Normalität erklärten Level an Kriminalität abzufinden und zu lernen, unsicheren und gefährlichen Situationen auszuweichen, dabei das Gefühl der Ohnmacht und Feigheit zu verdrängen und einen guten Teil der Menschenrechte und der eigenen Menschenwürde auszubuchen. In den betroffenen Wohnvierteln zerrte jedoch die Angst, selbst Opfer einer solchen Gewalttat zu werden, zunehmend an den Nerven der Bewohner, da sie noch nicht einmal mehr in den eigenen vier Wänden sicher waren vor diesem als Normalität anerkannten kriminellen Terror, vor dem mann sich bisher in einem gutbürgerlichen Viertel geschützt gefühlt hatte. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Realität der Kriminalität sich zusehends dreister auf der Unzulänglichkeit der demokratischen Rechtsordnung austobte und null und nichts mehr gegen den Polsprung, der Unrecht zu Recht gemacht hatte, auszurichten war.
Nur noch Flucht schien zu helfen, immer mehr der bekannten Gesichter aus dem Wohnviertel verschwanden, neue tauchten auf, das Lebensklima wurde schlechter, rücksichtsloser, lauter, unverschämter, die dreiste Mentalität der Sieger um jeden Preis schuf sich Raum. Kleine Läden schlossen, da ihre bisherige Kundschaft weggezogen war, Spielhöllen, Kneipen und ihnen angegliederte legale und illegale Puffs traten an ihre Stelle. Die ohnehin schon katastrophale Parkplatzsituation, die bisher durch die Toleranz der Anwohner austariert worden war, wurde unerträglich.
Der Impuls, von der Stadt aufs Land zu ziehen, ging von einem Ereignis aus, das sich in nächster Nähe, gerade mal um die Ecke, zutrug. Ein Anwohner hatte sich wiederholt bei einem der Spielhöllenbetreiber, der ihm regelmäßig seine Ausfahrt zuparkte, beschwert und angedroht, dessen Fahrzeug abschleppen zu lassen, da er bereits mehrere Male morgens nicht rechtzeitig hatte zur Arbeit aufbrechen können. Aus Zorn über diese Rüge stach der Falschparker den Beschwerdeführer nieder, übergoss ihn anschließend mit Benzin und zündete ihn an, am helllichten Tag in den frühen Morgenstunden. Ein Nachbar mit Blasenbeschwerden, der den Vorfall zu so früher Stunde von seinem Klosettfenster aus beobachtet hatte, alarmierte die Feuerwehr, den Notarzt, die Polizei, die sich fleißig, aber erfolglos um das Desaster kümmerten. Der Anwohner starb an den Messerstichen und den Verbrennungen, der Messerstecher und Zündler war geflohen und raste weiterhin abgedreht in der Welt herum. So motiviert, suchten sich Silvi und Kurt eine Bleibe auf dem als friedlicher geltenden Land, gaben ihr Domizil in der Stadt auf und nahmen dafür einen langen, zeitraubenden Weg zur Arbeit und zur Uni in Kauf.



Also wieder Bewerbungen schreiben. Was früher kaum ein Problem war, hatte sich mittlerweile zu einer regelrechten Hysterie ausgewachsen. Jedes Wort, jedes Komma, jeder Punkt musste sitzen, gemäß einer sich ständig ändernden Norm, für die es zwar Textbausteine gab, die aber so zu verändern waren, dass ihre Einförmigkeit nicht zu merken sei, was so viel bedeutete, dass mensch, um nicht als Einfaltspinsel zu gelten, den Text doch besser selbst entwarf, weil er sonst idiotisch zusammengeflickt wirkte. Die Aussagen durften tunlichst nur aus Hauptsätzen bestehen, durch Nebensätze fühlten sich Personalgötter bereits überfordert, und die sträfliche Sünde des Konditionals war zu unterlassen. Die Benutzung des Konditionals bedeutete nicht mehr wie früher Freiheit, Offenheit, Höflichkeit, sondern Kraftlosigkeit, Unentschlossenheit und Schwäche. Deshalb saßen und sitzen Arbeitsuchende, trotz all der Erleichterungen durch die Computerwelt, nun tagelang an ihrem Lebenslauf und ebenso lange an ihrem Bewerbungsschreiben, würgen an der Angst vor Ablehnung, bevor sie noch die Adresse getippt haben, drehen jedes Wort hundert Mal in Gedanken um, damit auch jede Missinterpretationsmöglichkeit ausgeräumt sei, kauen sich vor Nervosität die Fingernägel ab darüber, dass sich unbewusst etwas Negatives, Ungünstiges zwischen die Zeilen eingeschlichen haben könnte. Üben stundenlang vor dem Spiegel den lockeren Verantwortungsmienenkrampf für ihr Konterfei, welches sie astrein und deshalb kostspielig en gros beizufügen haben. Trainieren verzweifelt die paar Floskeln ein, die sie aufzusagen haben, falls das Wunder geschieht und sich als erste, seltene Resonanz eine Sekretärin meldet, um einen Vorstellungstermin zu vereinbaren, und führen anschließend endlose Selbstgespräche, um bei der Gnade des Vorstellungsgespräches erfolgreich auf jedes Heuchelmanöver reagieren zu können. Eine erbärmliche, unwürdige Folter, die von Mal zu Mal immer entsetzlicher und unerträglicher wird und langsam, aber unaufhaltsam in einen agonistischen, hoffnungslosen Krampf einrastet, der das ganze Leben erstarren lässt und alles überschattet wie ein grausames Monster. Trotzdem fühlt sich der Arbeitslose bei der geringsten Resonanz aus dem Arbeitsmarkt wie ein Jackpotgewinner, wenn ein Brief eintrifft, der um Geduld bittet, wenigstens für ein paar Tage, bis ihn nach längerem Warten die Ahnung zu beschleichen beginnt, dass das wieder nichts wird, er sich trotzdem an die paar Zeilen wie an ein winziges Hälmchen Hoffnung klammert, bis das dicke Kuvert mit der Absage erfolglos im Briefkasten liegt, kühl, aufgeräumt freundlich, Bedauern ableiernd und mensch ebenso erfolglos mit seiner Niedergeschlagenheit kämpft und mit der Angst, aus dieser Gletscherspalte, in die ihn die Wirtschaft grundlos gekickt hat, nie mehr herauszukommen. Und in dieser Verfassung soll er wieder einen Arm voll Bewerbungen schreiben, sich als unverzichtbarer Erfolgs- und Siegerprotz darstellen. Es ist, als solle er auf einem durchhängenden Seil seine Nummer abtanzen, ohne abzustürzen.
Am Abend vor der Gnade richtet sich mensch alles akkurat hin und zurecht, was er am nächsten Tag brauchen würde, um ja nichts zu vergessen. Die Nacht ist brutal, aus Nervosität und Angst keine Sekunde Schlaf, sondern ein nicht enden wollender Kreiseltanz zwischen den Laken. Ein Schlafmittel kommt nicht infrage, aus Furcht es könne am Morgen nach- und sich auf das Gespräch aller Gespräche schlecht auswirken. Am Morgen fühlt sich mensch wie gerädert und so, als stünden ihm hundert Zahnarztbesuche gleichzeitig bevor, mit einem Wort absolut mies. Kleiner als das kleinste Würmchen, würde mensch lieber auf den Mond auswandern, als sich wieder dieser Prozedur unterziehen, die für ihn in 99,99% aller Fälle eine psychisch zerrüttende Absage bedeutet, nachdem er nach Hunderten von Bewerbungen einer Audienz für würdig befunden wurde. Das Frühstück will nicht über die taube Zunge und nicht durch den trockenen Hals, der Magen knurrt wütend über die Stressbelastung. Zwar hat mensch alles minutiös vorbereitet, trotzdem geht so ziemlich alles schief, ein Knopf fällt ab, eine Naht reißt, also noch einmal umziehen, die Schuhe passen nicht mehr zum übrigen Outfit, also andere Schuhe hervorholen, die hoffentlich geputzt sind oder sich noch einmal umziehen. Die großzügig bemessene Zeit schrumpft zu Minuten zusammen, noch einmal die Zähne schrubben, gurgeln gegen Mundgeruch, noch einmal Deodorant, sicherheitshalber, schon fünf Minuten später als mensch eigentlich aufbrechen wollte, also los jetzt, bloß nicht die Todsünde begehen und zu spät zu einem Vorstellungsgespräch kommen.
Das Vorstellungsgespräch beginnt an der Pforte:
„Ja, bitte?“
„Guten Morgen, ich habe einen Vorstellungstermin bei …“, befremdliches Zittern in der Stimme, befreiender Summton der Eingangstür.
„Nehmen Sie einen Moment Platz, ich versuche die Abteilungssekretärin zu erreichen.“
Nach dem zehnten Versuch, die obligatorische Frage:
„Möchten Sie vielleicht inzwischen einen Kaffee?“ Du lieber Himmel, Silvi fühlt sich sowieso wie ein Päckchen Immi, bloß nicht, also freundlich dankend ablehnen. Zur Ablenkung den Raum betrachten, die sterilen Möbel und Bilder, das übliche, unverbindliche Leichengrau der Empfangsräume, tote, künstliche Pflanzen, selbst in der Pathologie, bei der Leichenschau geht es lustiger zu. Die Empfangsdame widmet sich weiter ihrem Job. Zeit sie zu betrachten, weil sie das einzig Lebendige an diesem Ort zu sein scheint, aber Silvi täuscht sich, ihre Bewegungen sind einstudiert und steif, ihre Freundlichkeit eine eingerastete Grimasse, aus der hohle, abgedroschene Floskeln sprudeln, mit denen jeder bedacht wird, der an ihr vorbeimuss. Fluchtgedanken kommen auf.
„Nichts da, du bleibst hier sitzen“, ruft sich Silvi zur Ordnung.
Endlich kommen Instruktionen, dritter Stock, da drüben, der Fahrstuhl.
„Vielen Dank!“, beklommene Erleichterung.
Eine junge, ansonsten mausgraue Sekretärin streckt vor dem Fahrstuhl mit überschwänglicher Sicherheit zum Gruß die Hand entgegen.
„Es tut mir leid, dass Sie warten mussten, blablabla …“, sie sperrt Silvi nach tausend Entschuldigungen in einen Raum mit quadratischem Tisch und sechs Stühlen in Umbra und der durchgegilbten Firmengeschichte an der Wand. Abermals die obligatorische, rhetorische, aufgeräumte Frage:
„Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?“, wieder freundlich ablehnen, versprechen, artig zu warten bis zum jüngsten Gericht. Silvis Nervosität weicht einer bleiernen Lethargie, wie sie sie in Folterberichten von Amnesty International beschrieben fand. Sie steht auf, betrachtet die Firmengeschichte und blickt aus dem Fenster über die Werksanlage, gigantisch schön veraltet, mit hässlichen, modernen Zahnstummeln durchflickt. Die Tür geht auf, sie wird in einen anderen Raum verfrachtet, ovaler Tisch, zwölf Stühle, Anthrazit, lebendiger Gummibaum, pflegeleicht im Granulattopf. Wieder warten, wieder die obligatorische Frage, „Ja bitte, eine Tasse Kaffe wäre schön!“ Noch bevor diese eintrifft, zieht Silvi abermals um, vor den Schreibtisch eines beleibteren Enddreißigers, der knapp, aber beflissen die Daten ihrer Bewerbung abfragt, sie abhakt wie eine Einkaufsliste, gelegentlich ergänzt, ungläubig fragt: „Und Englisch und Französisch wirklich fließend in Wort und Schrift und verhandlungssicher?“ Sie antwortet in der Fremdsprache und bittet um Prüfung.
Nein, nein, nein, das sei nicht so gemeint gewesen, sein Französisch sei lausig, meint er und scheint erleichtert zu sein, als plötzlich eine kühle Nadelgestreifte auftaucht, Silvi in den vierten Stock abholt und in das Gehege eines vor zackiger Dynamik strotzenden Mittvierzigers treibt, dessen martialischer Händedruck sie nach weiteren dreißig Minuten Wartezeit förmlich aus dem Lederfauteuil reißt, der Personalchef persönlich. Noch einmal die Frage, ob sie einen Kaffee wünsche, noch einmal die Fragen nach ihrem Werdegang. Dann fragt Silvi vorsichtig, aber konkret ihren Tätigkeitsbereich ab, verdeutlicht noch einmal ihre Gier auf Arbeit und ihre entsprechend zu erwartende Loyalität, betulich interessierter Themenwechsel zur Firmengeschichte, dann scheinbar unverbindliches Geplauder über ihren Privatbereich. Silvi ist kotzübel. Trotzdem lächelt sie wie Mona Lisa, verströmt beliebt-naive Herzlichkeit, suggeriert Stresstauglichkeit und versucht irgendwie das Martyrium durchzustehen. Eine weitere dynamische Rolle bricht über sie herein, ein Unterhäuptling des Chefs in spe, die Vorhölle, wieder die Frage, ob sie einen Kaffee wünsche, noch einmal die Frage nach ihrem Werdegang, noch einmal betulich interessiert die Firmendaten abfragen, noch einmal ihren Arbeitswunsch präzisieren, wieder unverbindliches Geplauder über den Privatbereich, launig höflicher Austausch von gemeinsamen Interessen. Dann die Quintessenz von dreieinhalb Stunden: Der Oberguru, der das letzte Wort habe, sei nicht im Hause, deshalb müsse sie wohl noch einmal für ein weiteres Gespräch vorbeikommen, aber ansonsten sei erst einmal alles im Kasten. Natürlich würde sich der Personalgott erst noch andere Bewerber/-innen ansehen. Mann würde sie über den Termin für ein weiteres Gespräch informieren. Das war’s. Höflich bedanken und nichts wie weg. Anstatt eine Fahrkarte nach Hause zu lösen, kaufte sich Silvi eine Eintrittskarte für den Zoo, der ihr normaler erschien, als das eben Erlebte.



Frank veränderte sich immer mehr. Nach der fristlosen Kündigung hatte er abgelehnt, arbeitsrechtliche Schritte gegen seinen Arbeitgeber einzuleiten, wie er es auch verweigerte, sich wegen Arbeitslosengeld mit den Behörden auseinanderzusetzen. „Das hat doch alles gar keinen Sinn mehr!“, lautete sein einziger Kommentar auf Silvis vorsichtige Fragen. Er tat ihr unendlich leid. Viele Jahre waren es inzwischen, dass sie, selbst zur Wehrlosigkeit gegenüber dieser Situation der Arbeitslosigkeit verdammt, hautnah diesen verzweifelten Kampf eines Helden unserer Zeit gegen den sozialen Abstieg miterlebte. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, einen zwischen Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit strauchelnden Menschen zu stützen, zu ermutigen, wenn er regelmäßig Arme voll sorgsam erstellter Bewerbungen zur Post brachte, zu trösten, wenn nach wenigen Tagen alle Unterlagen, die inzwischen in zahlreichen Ordnern gesammelt auf Regalen eine sinnlose Existenz zu repräsentieren schienen, wieder, versehen mit irgendwelchen Bedauernsfloskeln, zurückkamen, „Leider hatten wir über zweihundert Bewerbungen … die Auswahl fiel uns schwer … Sie sind unter den Aussortierten … trotz allem wünschen wir für Ihnen für Ihre Zukunft … blablabla.“ Zukunft als was? Als Verwaltungsnummer? Als überschaubare Nummer im Elenanetz, welches die gegen alle Skrupel und Mitgefühl gefeiten Superreichen vor etwaigen Einbußen an ihrem Superreichtum weiterhin schützen soll? Dafür sorgen soll, dass auch das letzte Scherflein der Armen ordnungsgemäß versteuert wird, damit die Armut erhalten bleiben kann, während der große Rest des Sozialguts sich in immer weniger Händen konzentriert?
Was blieb Silvi anderes übrig, als sich mit dem an dem kalten, menschenverachtenden Patriarchat havarierten Helden zu freuen, wenn er zu einem immer seltener werdenden Bewerbungsgespräch eingeladen wurde; seine Enttäuschung, seine Wut, seine Aggressivität auszuhalten, wenn der Ablehnungsbescheid eintraf. Seine Persönlichkeitsveränderungen stillschweigend zu schlucken, die auftreten, wenn mensch von allen und letztlich von sich selbst als überflüssig empfunden wird, als Parasit am Sozialgut verunglimpft. Ihn in seinen depressiven Phasen aufzufangen, einer neuartigen Misanthropie, angereichert mit herbster Bitterkeit und abgrundtiefem Selbstmitleid, auslaufend in ein undurchdringliches, brütendes, bedrohliches Schweigen. Bestimmte Themen, die mit Beruf und Zukunft zu tun hatten, waren tabu, wie ihr seine bis zur Mimosenhaftigkeit gesteigerte Verletzlichkeit suggerierte. Jede Bemerkung, jedes Wort, das falsch ankam, machten auch sie zu seinem Feind. Oft hatte sie den Eindruck, alles verkehrt zu machen, und nicht nur sie, ebenso ihre wenigen Freunde, die sich nach und nach zurückzogen. Ratlosigkeit machte sich breit. Ihre einst unerschöpflichen Kraft- und Mutreserven waren am Versiegen, sie kam immer weniger gegen seine Misanthropie und seine Negierung von allem und jedem an, die natürlich jetzt durch das unverschämte und rücksichtslose Verhalten der Nachbarschaft jede Nahrung fanden, Frank noch mehr Grund gaben, alles sinnlos, spießig, blöd und unerträglich zu finden. Seine Phasen von absoluter Lethargie klaglos zu erdulden, die plötzlich in entsetzliche Anfälle von Zwangshilfsbereitschaft umschlugen, die er sich selbst abforderte, fiel ihr immer schwerer.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 476
ISBN: 978-3-99003-494-1
Erscheinungsdatum: 01.08.2011
EUR 20,90
EUR 12,99

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