Der Weg ist das Ziel - Ein Suchender auf dem Weg nach Santiago

Der Weg ist das Ziel - Ein Suchender auf dem Weg nach Santiago

Robert Rauscher


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 208
ISBN: 978-3-99048-534-7
Erscheinungsdatum: 12.05.2016
Robert durchleidet eine Lebenskrise, seine Sinnsuche führt ihn auf den Jakobsweg. In Tagebuchform beschreibt er die Reise seines Lebens, inklusive spiritueller Erlebnisse und dem Kampf mit dem inneren Schweinehund. Begleiten Sie ihn auf seinem Weg!
Der lange Weg zum Weg

„Kaum zu glauben! Ich muss mich zwicken, möglicherweise träume ich nur und würde dann aufwachen“, dachte ich. Doch es war echt! Ich war in Spanien, und das nicht nur als simpler Tourist, sondern als Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela; einmal quer durch Nordspanien.
Es war der 28. März 2012 und ich saß im Gastgarten einer kleinen Bar in Bilbao, San Mames, der am Gehsteig aufgebaut war, trank ein kühles Cerveza unter der spanischen Frühlingssonne und genoss den Sonnenuntergang. Herrlich warm war es hier schon zu dieser Jahreszeit.
Den Ausgangspunkt meiner Wanderreise, nämlich Saint-Jean-Pied-de-Port sollte ich dann morgen erreichen. Nicht ahnend, auf was ich mich dabei eingelassen habe, fühlte ich mich einfach wie am Beginn eines lang ersehnten Urlaubs. Der Gedanke an die Tatsache, dass ich als Pilger, nur mit meinem Wanderführer, jedoch ohne Zimmerreservierungen, Tagesziele oder sonstige Pläne, in einem mir fremden Land auf mich allein gestellt war, klang für mich, als typischem AI-Clubpauschaltouristen, total verrückt und nach großem Abenteuer.
Also saß ich da, voller Aufregung, Hoffnung und Vorfreude auf das, was ich in den kommenden Tagen und Wochen wohl alles erleben würde. Natürlich war auch mein kleiner Zweifler im Kopf mit dabei, doch der war zu diesem Zeitpunkt eher leise, vermutlich da ich von der Anreise und der Vorfreude noch aufgeputscht war.

Positive Gefühle wie Vorfreude, welche mich sogar in Aufregung versetzt, sind großartig, waren jedoch leider voriges Jahr generell Mangelware, nachdem ich Schritt für Schritt in einen psychischen Teufelskreis bis hin zur Depression geraten bin.
Eigentlich war in meinem Leben alles okay. Ich war verheiratet, hatte einen Job als technischer Angestellter, hatte in unmittelbarer Umgebung ein paar Freunde, ein Auto, eine schöne Wohnung, knapp zehn Gehminuten von meiner Arbeitsstelle entfernt, und einen kleinen finanziellen Polster. Alles perfekt für einen Mann Ende zwanzig und ganz nach dem Motto: was will man eigentlich mehr? Und doch: ist nicht jeder etwas unzufrieden mit seinem Job und ist es wohl ganz normal, dass in der Ehe die Zweisamkeiten nachlassen, vor allem, wenn beide Partner berufstätig sind?
Rückblickend betrachtet, war mein Leben von Trägheit und Selbstverständlichkeit geprägt, die sich langsam aber sicher immer weiter breitmachten. So war immer weniger Platz für Veränderung und Entwicklung. Ich habe immer besser gelernt, das Leben von mir fernzuhalten. Diese Trägheit wurde hauptsächlich gefördert durch meine Ängste. Eine der Hauptängste war die Angst, nicht gut genug zu sein. Diesen Druck, den ich mir selbst auferlegt habe, immer zu den Besten, Schnellsten, Schönsten, Klügsten, Coolsten usw. zu gehören, verspürte ich schon zumindest seit dem Volksschulalter, und er hat sich mit den Jahren eher verstärkt.
Solche Ängste sind nicht gerade förderlich, wenn man Freundschaften sucht oder eine Beziehung anstrebt, weil man meistens einen gewissen „Sicherheitsabstand“ bewahrt, damit man ja nicht zu viel von sich preisgibt und die Unsicherheiten entdeckt werden könnten.
Irgendwie hat es meine Frau Ines im Laufe der Zeit dennoch geschafft, durch meine „Sicherheitsschleusen“ zu kommen, und wurde nicht nur zu meiner großen Liebe, sondern auch zu meinem besten Freund, einfach einem Menschen, bei dem ich wirklich Ich sein konnte. Der einzige Mensch und eine bildhübsche Frau noch dazu! Ihre Lebenserfahrung und die daraus resultierende offene Art und Charakterstärke beeindruckten mich und machten sie zu meinem Fels in der Brandung.
Leider hat das anscheinend auch nicht ausgereicht, sodass unser Leben nach über acht gemeinsamen Jahren in teilweise beruflich stressiger Zeit doch zu wenig gemeinsames Leben war und daraus viel zu oft ein Leben nebeneinander wurde. Zu diesem Zeitpunkt war anscheinend keinem von uns beiden so richtig bewusst, dass in unserer Beziehung etwas fehlte. Vor allem mir war es nicht klar, dass die Liebe alleine nicht ausreicht und eine funktionierende Beziehung auch Arbeit bedeutet. Gemeinsame, tiefsinnige Gespräche wurden weniger, wir haben immer seltener miteinander gelacht und die wenige gemeinsame Zeit wurde oft vergeudet durch z. B. Fernsehen, Social Networks oder zu viel Alkohol, der bei zahlreichen Gelegenheiten mit unseren Freunden floss. Sachen eben, die die Hirnfunktion auf Sparflamme setzen und vom Alltag ablenken.

Ines hegte schon viele Jahre einen Kinderwunsch, der immer größer wurde. Für sie stand damit eine neue, interessante Herausforderung in Verbindung. Eine Aufgabe, die ihrem Leben einen viel größeren Sinn geben würde als alles andere auf der Welt und sie somit erfüllen könnte.
Mich hingegen versetzte sogar schon der Gedanke an ein eigenes Kind in Panik. Ich hatte ja manchmal mit mir selbst, also den Grübeleien und Selbstzweifeln, genug Probleme, um gut durch den Alltag zu kommen. Ein Kind braucht viel Zuneigung, Zeit, Geduld und kostet viel Geld. Doch vor allem bedeutet es Verantwortung! Eine Verantwortung, nach der ich mich nicht gerade gesehnt habe, nachdem die Zweifel, ein guter Vater zu sein und im Alltag auch einer bleiben zu können, groß waren.
Außerdem würde ich einen großen Teil meiner „Freiheit“ verlieren. Dann könnte ich nicht mehr einfach so den Job an den Nagel hängen, auswandern, einen trinken gehen, wann immer ich will, abschalten und faulenzen und so weiter und so fort. Der Gedanke an den Verlust dieser Freiheiten war noch schlimmer als der Gedanke an den Zuwachs an Verantwortung. Und wie kann man in die heutige Welt überhaupt noch einen Menschen setzen? Eine Welt, die von Umweltproblemen und Krisenherden nur so überschwemmt ist und sich die Menschheit in einem meiner Meinung nach sehr bedenklichen Wertewandel befindet, in dem ein faires und soziales Miteinander nicht mehr zeitgemäß ist, um nur die Spitze des Eisbergs zu benennen.
So schaffte ich es immer wieder, Ines mit ihrem Kinderwunsch zu vertrösten. Einmal eben damit, dass wir noch mehr als genug Zeit vor uns haben, ein andermal mit meiner persönlichen Unreife und dass ich einfach (noch) keinen Kinderwunsch hatte. Zuletzt habe ich auf Aufschub plädiert, weil ich in der Arbeit ein Verantwortungsgebiet von meinem Vorgänger, der in den wohlverdienten Ruhestand ging, übernommen hatte und mich erst beruflich festigen wollte.
In der Tat war das größere Verantwortungsgebiet für mich psychisch ein großer „Brocken“, da ich die von mir wie meistens hochgesteckte Idealvorstellung nicht immer realisieren konnte. Erst später habe ich erfahren, dass mein Chef und die Firmenleitung immer sehr zufrieden mit meiner Arbeit waren. Also war meine Angst, alles nicht so zu schaffen, so wie meistens wieder sehr übertrieben.
Schließlich habe ich es also doch geschafft, mit der Position recht schnell zurechtzukommen.
Ende 2010 konnte ich dem Kinderwunsch von Ines also nichts mehr entgegensetzen. Ich dachte mir, dass sie schon recht hat und ich immer wieder neue Ausreden, Lebenssituationen oder sonstige Argumente finden würde, um die Familienplanung aufzuschieben und meine Freiheit zu wahren. Außerdem befürchtete ich, dass Ines sich nicht länger hinhalten ließe und ich sie verlieren könnte. Und ich wusste, dass sie eine sehr gute Mutter sein würde.
Ich fühlte mich zwar noch lange nicht reif für ein eigenes Kind, doch meine Sichtweise zu dem Thema würde sich dann schon automatisch ändern, dachte ich mir.
Also begannen wir zu Weihnachten 2010 mit dem „Basteln“.
Der gemeinsame Urlaub wenige Wochen nach Weihnachten war für uns beide sehr nötig, da es für uns privat, aber vor allem beruflich vor Weihnachten meist eine sehr stressige Zeit war. Doch die gemeinsame Zeit konnte das Band zwischen uns diesmal auch nicht straffen, so wie es sonst immer wieder funktionierte, wenn wir zu viel Abstand zwischen uns zuließen.
Gerade zu diesem Zeitpunkt passierte Ines dann der Vertrauensbruch, der mein und unser Leben so verändert hat. Es war kein Betrug, doch das Küssen mit einem Anderen hat mir aber, wie man sich vorstellen kann, völlig gereicht. Mir ist unter Einfluss von Alkohol zwar auch schon so etwas passiert, und das vor gar nicht allzu langer Zeit, aber das war ja natürlich etwas ganz anderes – für mich zumindest.
Ich war schockiert und konnte es gar nicht fassen. Das sollte also der Dank dafür sein, dass ich mich für sie geändert habe, sie finanziell und moralisch beim zweiten Bildungsweg unterstützte und ihrem Kinderwunsch endlich nachkommen wollte? Dass mir so etwas passiert ist, konnte ich ja noch verstehen, aber doch nicht meinem Fels in der Brandung, der Frau mit so viel Weisheit und Herz, wie ich es sonst kaum bei einem anderen Menschen erfahren habe. Immerhin habe ich mich bis auf den kleinen angesprochenen Fehler für sie von Grund auf geändert, nachdem ich zu Beginn unserer Beziehung, zugegeben nicht unbedingt, die treueste Seele war. Damals musste ich mich, unerfahren, wie ich war, erst an eine Beziehung „gewöhnen“, nachdem die meisten Damenbekanntschaften von für mich ausreichender, kurzer Dauer waren. Zu der Zeit war es einfach das Wichtigste, dass ich mich ausleben konnte und mein kleines Ego fütterte. Als ich in der Beziehung begann, Liebe zu verspüren, musste ich damit natürlich aufhören, denn das schlechte Gewissen fraß mich mehr und mehr auf.

Es war schlicht und weg eine wahre Katastrophe! Wieder zu Hause, musste ich nachdenken und brauchte ein paar Tage für mich allein. Konnte es für uns noch eine gemeinsame Zukunft geben, wenn so was in einer so wichtigen Phase der Beziehung passiert?
Ines war selbst sehr enttäuscht von sich, bereute den Zwischenfall und konnte sich selber nicht erklären, was da mit ihr los war. Mir war auch schnell klar, dass es in Zukunft ein „Uns“ geben wird. Ich dachte mir, was ich für ein unfairer Feigling wäre, wenn ich wegen einer Lappalie alles hinschmeißen würde, wo ich doch selbst schon viel schwerwiegendere Fehler gemacht habe.
Also kam Ines wieder nach Hause und wir erlebten eine so intensive Zeit miteinander wie noch nie zuvor. Durch stundenlange Gespräche wurde uns dann erst langsam, aber sicher klar, dass in den vergangenen Monaten in unserer Beziehung einiges nicht mehr ganz rund lief. Uns wurde bewusst, dass wir viel mehr für die Beziehung tun müssen, und wir wollten es nie mehr so weit kommen lassen, wie es gerade der Fall war. Trotzdem wollte ich das „Projekt Kind kriegen“ fürs Erste auf Eis legen, bis ich mich wieder gefangen habe, sich die Beziehung stabilisiert hat und wir beide wieder nach vorne blicken können. Natürlich wollte ich auch wissen, ob unsere gemeinsame Bastelarbeit nach einem Monat schon Früchte getragen hat, und habe Ines vorgeschlagen, einen Schwangerschaftstest zu machen. An einem Samstagmorgen kurz vor dem Frühstück, ich saß schon bei Tisch, kam Ines plötzlich mit einem Becher Urin und dem Schwangerschaftstest in der Hand zu mir und stellte beides auf den Tisch, sodass wir den Test noch vor dem Frühstück machen konnten. Er war schon nach wenigen Sekunden eindeutig und verdeutlichte sich nur noch, bis die in der Packungsbeilage angegebene Zeit vergangen war. Danach ging ich auf den Balkon, da mein folgendes Frühstück nur mehr aus zwei bis drei Zigaretten bestand. Der Test fiel, wie befürchtet, positiv aus – schwanger, wir werden Eltern! Ich nahm es aber gelassen auf und war stolz darauf, Vater zu werden. In dem Moment konnte ich anscheinend noch kaum realisieren, was wir soeben erfahren hatten und dass sich unser Leben von Grund auf ändern würde.
Erst Tage später, als die Nachricht ganz im Hirn angekommen war, bekam ich bei dem Gedanken daran ein ungutes Gefühl und Zweifel, ob mir das in der jetzigen Situation nicht zu viel sein würde. Danach kamen sogar noch Zweifel dazu, ob Ines mir die Wahrheit erzählt hatte und auch wirklich treu gewesen ist. Immerhin wurde sie der Messung vom Frauenarzt zufolge nur wenige Tage, bevor sie mich so enttäuscht hatte, schwanger. Was, wenn sie mich einfach belogen hat und schon vorher was mit dem Anderen gehabt hat? Dann wäre alles möglich, was das Kind betrifft! Panik machte sich breit! Immer öfter ging ich den besagten Abend in Gedanken durch, um auf Widersprüche oder Auffälligkeiten zu stoßen. Immer öfter gab es ein Frage-Antwort-Spiel mit Ines zu dem Thema, das meist mit einem riesigen Streit endete. Es war klar für mich, ich musste es schwarz auf weiß sehen. Ich wollte einen Vaterschaftstest und konfrontierte Ines damit, was für sie auch kein Problem darstellte, da es für sie ja nur einen möglichen Kandidaten gab, nämlich mich.
Trotzdem schaffte ich es nicht, meinen Kopf von wirren Gedanken und möglichen Intrigen, also möglichen „Worst-Case-Szenarien“, für mich zu befreien. Dadurch, dass ich alle möglichen Informationen zum Thema Vaterschaftstest im Internet recherchiert hatte, verschlimmerte sich meine Situation weiter. Medien wie das Internet sind reinstes Teufelszeug! Wie aggressiv und gewissenlos die Werbestrategie mancher Firmen auf die Angst der Menschen abzielt, ist unglaublich. Meine Verunsicherung und Verwirrung stieg weiter. Die Situation zwischen Ines und mir spitzte sich auch dementsprechend zu. Immer häufiger wurden von mir auch Situationen von Jahren zuvor zerlegt und hinterfragt. Könnte damals schon etwas Ähnliches vorgekommen sein? Es schien, als ob sich diese Gedanken verselbstständigten und ein immer größeres Gewicht bekamen, mir also immer realistischer erschienen. Daran konnte auch Ines nichts ändern, obwohl sie mit viel Geduld immer wieder mit mir sprach und meine quälenden Fragen ertrug. Wie sie so stark sein konnte und diese Situationen so lange ertragen konnte, werde ich wohl nie verstehen.
Die Paarberatung, in der wir uns schon seit Wochen befanden, half uns leider nicht weiter, weshalb wir sie wenig später auch abgebrochen haben. Das Problem entwickelte sich nämlich langsam von einem Beziehungsproblem zu einem Problem, das in meinem Kopf stattfand, also einem Problem von mir. Ich war also auf dem besten Weg zur Depression; die Anzeichen wurden immer konkreter.
In manchen Phasen fiel es mir bei der Arbeit so schwer, mich konzentrieren zu können oder einen Sinn in der Arbeit zu finden, dass ich mich auch dort immer mehr zurückzog. Die Stimmen in mir, die schon jahrelang über meinen Bürojob jammerten, wurden in der Situation besonders laut. Mir fielen immer mehr die Dinge auf, die mich die ganze Zeit schon wurmten, die ich die Jahre über aber immer ertrug. So viele Sachen hätte ich immer gerne probiert und erlebt. Doch nun saß ich auf dem Bürosessel wie ein uralter Mann und wollte nur noch nach Hause, um schlafen zu gehen. Die Motivation schwand Schritt für Schritt und ging gegen Null. Ich war einfach zu schwach, etwas Neues in Angriff zu nehmen, und der Mut dazu war ohnehin nicht mehr vorhanden, da das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl von ehemals schon nur Wallnussgröße nun auf Erbsengröße geschrumpft waren. Konnte es überhaupt noch gut für mich ausgehen? Manchmal glaubte ich nicht mehr daran. Ich grübelte: Entweder der Test bestätigt meine Vaterschaft, dann ist die Ehe wahrscheinlich so zerrüttet, dass es danach die Scheidung gibt, ich pleitegehe und mangels Motivation den Job verliere – und für einen anderen Job gibt es genügend andere und bessere Leute. Oder der Test bestätigt meine Horrorfantasien; ich wurde doch belogen, bin nicht der Vater, werde zur Lachnummer wie einer in den Talkshows im geschmacklosen Nachmittagsfernsehprogramm, kündige und ziehe mich als Verlierer in eine anonyme Großstadt zurück oder bring mich einfach gleich um. Also tadellose Zukunftsaussichten, die mir nur noch mehr Panik bereiteten. Unsere oberflächliche Gesellschaft, die teilweise so sensibel wie ein Terminator ist, brachte mich auch zum Kotzen. Ich war zwar nie der Typ, der großartig erzählt hat, wenn es ihm schlecht ging, konnte also nicht erwarten, dass meine Freunde auf mich eingingen und mir helfen wollten, aber diesmal ging es mir so schlecht wie noch nie und ich hatte den Eindruck, dass mir gewisse Menschen schon bewusst auswichen. Ich wäre neugierig gewesen, was schon alles hinter meinem Rücken über mich geredet wird. Richtig gute Freunde!?! Bei uns ist eben nur eines wichtig: nur keine Schwäche zeigen, denn geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut! Toller Propagandaspruch! Ach so, momentan geht es der Wirtschaft doch nicht so gut, darf es mir jetzt also schlecht gehen? Egal …
Die Spirale drehte sich immer schneller und die selbst gelegte Schlinge um den Hals zog sich immer enger zusammen. Immer öfter spülte ich die Angst, die Trauer, das Selbstmitleid und die Wut über das ungerechte Leben mit Bier runter.
Doch in dieser ausweglosen Situation hatte ich wahnsinnig großes Glück namens Familie!
Ines’ und meine Familie entwickelten sich in dieser Situation zu einem großen Anker in meinem Leben. Sie konnten mir immer wieder Mut zusprechen und bewogen mich auch dazu, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Das war das erste Mal, dass ich mit Menschen aus meiner Familie über meine Gefühle gesprochen habe, und es hat mich ihnen sehr viel nähergebracht. Eine sehr schöne Erfahrung, ganz im Gegensatz zu der Erfahrung mit den Psychologen bzw. Psychotherapeuten, oder wie auch immer sie heißen. Ich war als unwissender Leihe der Meinung, ich lege mich auf die Couch und der hat mich in ein paar Sitzungen wieder repariert. Leider sind psychische Probleme nicht so einfach zu behandeln wie z. B. eine Schnittwunde. Es werden einem in einer Gesprächstherapie lediglich andere Denk- und Sichtweisen aufgezeigt, also möglicherweise Türen geöffnet, durch die man aber immer selber gehen muss.
So eine Therapie setzt natürlich eine gewisse Gesprächsbasis voraus, die Chemie muss sozusagen passen. Ich wechselte also zuerst vom einen zum nächsten Therapeuten, bis ich einen gefunden hatte, bei dem auch die Sympathie ausreichend war für offene Gespräche. Leider wurden in dieser Zeit einige Psychopharmaka an mir ausprobiert, die ich aufgrund der Verzweiflung auch genommen habe. Doch kein einziges Medikament konnte mir helfen, eher im Gegenteil. Durch die stärkeren Medikamente konnte ich am Leben kaum mehr teilnehmen. Körper und Geist kamen mir unter deren Einfluss vor, als ob sie von einem Zombie abstammen würden. Doch das permanente Gedankenkreisen und die Angst, die davon ausging, konnten diese nicht verhindern. Also habe ich nur mehr das nötigste von den „harmlosesten“ Medikamenten genommen und es durch Kontakte aus Ines’ Bekanntenkreis mit alternativen Behandlungsformen ausprobiert. Leider auch mit eher mäßigem Erfolg. Im Laufe der Zeit stellte sich zwar eine geringe Verbesserung ein, und die immer noch laufende Gesprächstherapie verhalf mir möglicherweise tatsächlich zu mutigeren Denkweisen, doch es fühlte sich nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein an. Ich konnte einfach nicht mehr vertrauen; der Welt, Ines, und mir!
Mit der Zeit wurde es mir immer klarer, dass der Weg aus meinen Problemen nur ein Weg zu mir selbst sein kann. Denn ich sowie alle anderen Personen, die über meine Geschichte Bescheid wussten, ob Verwandte oder Psychiater, waren sich sicher, dass mein Zustand nicht die Reaktion auf einen eher kleinen Fehler von Ines war, sondern dass es schon länger unter der Oberfläche brodelte und Ines damit das Fass nur zum Überlaufen brachte.

Es gab also zwei Möglichkeiten für mich:
1. Ich konnte nach den vielseitigen Versuchen, mein Glück in andere Hände zu legen und auf ein Wunder zu hoffen, resignieren. Es akzeptieren, dass ich ein selbstbemitleidender Feigling war, meine Ehe inklusive Kind abschreiben und jeden Tag so viel saufen, bis nichts mehr wehtut, oder
2. um meine Familie kämpfen, also selbst an mir arbeiten und Nähe zu mir finden.

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