Der Tote beim Schlechtleitner
Ein Meran Krimi
EUR 15,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 186
ISBN: 978-3-7116-0665-5
Erscheinungsdatum: 15.09.2026
Ein Toter in der Villa des Schlechtleitners erschüttert ein Südtiroler Dorf. Zwischen Gerüchten, Affären und dunklen Geheimnissen beginnt eine gefährliche Spurensuche, die zeigt: Nichts ist, wie es scheint.
1. Der Ausflug
„Guten Morgen, Herr Daniel, wie geht’s Ihnen heute?“, fragte Annelies gut gelaunt.
„Wie soll es mir gehen, ich sitze hier in meinem Rollstuhl und zähle meine Tage. Die ‚Dolomiten‘ ist auch von gestern.“ Daniel warf das Südtiroler Tagblatt mit einer energischen Geste von dem Platz, an dem er stand, auf sein Bett.
Annelies schwieg kurz, bevor sie ihre Gesprächstaktik änderte. Sie wusste, wie sie den alten Griesgram auf andere Gedanken bringen konnte: „Heute haben wir einen Ausflug auf dem Programm.“
„Wo fliegen wir denn hin, doch nicht etwa wieder ins Dorf zum Kuchenessen und zum Kaffeetrinken?“
„Sie sind ein Hellseher, Herr Daniel! Um vierzehn Uhr geht es los. Frau Monika ist auch dabei. Die mögen Sie doch so gerne.“ Daniel hatte der Pflegerin anvertraut, dass die Heimbewohnerin Monika ihm ziemlich auf die Nerven ging mit ihrer Art und ihren schlüpfrigen Annäherungsversuchen. Er verstand den Unterton in den Worten Annelies als Aufforderung, etwas höflicher zu sein, aber ihm war einfach nicht nach Nettsein zumute.
„Die alte Henne! Wenn ich die schon sehe. Wie kann man in diesem Alter noch solchen Lippenstift benutzen? Benimmt sich wie ein Teenager! Na gut, ich sollte ruhig sein. Mein Sohn hat sich neuerdings ein Toupet machen lassen. Wo er doch so jung aussieht, wie er selber immer betont.“ Nach einer gekünstelten Pause fuhr er fort: „Ich glaube, das Toupet hat er wegen der Sekretärin des Pfarrers machen lassen. Auf die hat er wohl ein Auge geworfen. Sie ist ja auch eine umwerfend schöne Frau. Sagt wenigstens mein Sohn. Ich habe sie noch nie gesehen … aber was haben Sie denn?“ Annelies Laune war sichtbar gekippt. Später einmal, wenn sie sich länger kennen würden, würde er sie vielleicht fragen, ob ihr bewusst war, dass man ihr ihren Seelenzustand von Weitem ansehen konnte. Sie war eine ehrliche, liebe Frau und trug das für jeden offen ersichtlich zur Schau. Wenn man sich die Mühe machte und etwas genauer hinsah. Annelies war nicht gerade ein Hingucker. Sie war klein und etwas übergewichtig, schätzungsweise an die vierzig, und ihre kurzen grauen Haare hatten schon bessere Friseurinnen gesehen. Aber lieb war sie. Daniel vertraute ihr. Manchmal fragte er sich, wie so eine Frau wohl ihre Freizeit verbrachte. Was machte man, um sich von einem Haufen Grufties zu erholen?
„Ach, wegen meines Sohnes … der wäre doch eh nichts für Sie. Sie sind so eine liebe Frau! Der bornierte Kerl hätte Sie überhaupt nicht verdient! Da sind Sie bei mir doch viel besser dran. Und ich laufe Ihnen auch nicht weg in meinem Rollstuhl. Jetzt lachen Sie halt wieder, Frau Annelies!“
„Ich schätze Ihren Sohn, das ist alles! Wenn Sie am Nachmittag mit dabei sein wollen, um vierzehn Uhr geht es los. Auf Wiedersehen, Herr Daniel!“
Annelies verließ sehr aufgebracht das Zimmer, während Daniel mit sich selber brummelte, von wegen, dass es nicht nötig gewesen wäre, die nette Frau so bloßzustellen. Im Nachhinein tat es ihm leid. So grob hätte er mit Annelies auch wirklich nicht sein müssen. Auf diese Art grübelte er vor sich hin. Seit dem Tod seiner Frau war er ungeduldig und bissig geworden. Er vermisste seine Ingrid sehr. Hier im Heim fehlte es ihm an fast nichts. Er wurde gut versorgt. Die Pflege war ein Traum, die Fachkräfte waren durchwegs freundlich, das Essen schmeckte meist gut, wenn auch für seinen Geschmack zu fett und zu ländlich. Das ließ sich jedoch aushalten. Seine Frau allerdings, so schwärmte er in Gedanken, hatte ihn ganz anders bekocht … Seine Frau! Sie war bei dem Unfall damals ums Leben gekommen und er saß seither im Rollstuhl. Ein Lastwagen hatte den Pkw der Oberkalmsteiners damals gerammt und ein Stück weitergeschoben, bis ein Baum das Auto bremste und die beiden Oberkalmsteiners in ihrem Auto zwischen einem Lastwagen und einer alten Linde eingeklemmt wurden. Ingrid war auf der Stelle tot. Er war bewusstlos gewesen und seither querschnittgelähmt. Wie oft hatte er sich gewünscht, er hätte sie fahren lassen, so wie es geplant war. Er auf der Hinfahrt, sie auf der Rückreise. Nein, er musste den Kavalier machen und sie zurückchauffieren. Sie hatte sich bei ihm mit einem Kuss auf die Wange bedankt für die Geste. So lange die beiden auch bereits verheiratet waren, die kleinen Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten waren stets dieselben geblieben.
Auf jeden Fall war der Unfall der Grund dafür, dass er sich entschieden hatte, in ein Seniorenheim zu gehen. Daniel hatte bisher mit seiner Frau in Terlan gelebt. Sie hatten dort inmitten der Weinberge ein Einfamilienhaus, das nun leer stand. Er war Anfang siebzig und bis zu dem Unfall ein begeisterter Sportler gewesen. Daniel war sehr groß und hager, hatte ein schmales Gesicht, trug einen Bart und seine gewellten Haare reichten ihm fast bis auf die Schultern. Mittlerweile waren die ehemals schwarzen Locken fast vollständig ergraut. Im linken Ohr trug er einen kleinen blauen Ohrring in der Farbe seiner Augen. Seine Brille hatte runde Gläser und eine feine goldige Fassung. Während der Zeit im Krankenhaus hatte er seinen Sohn beauftragt, ihm hier einen Platz zu organisieren. Als ehemaliger Oberschuldirektor konnte er sich das teure Seniorenheim leisten. Er war nun seit zwei Monaten hier. Gesundheitlich ging es ihm, von seiner Lähmung einmal abgesehen, gut. Ansonsten begann er sich zum Griesgram zu mausern. Ihm war das egal, im Gegenteil, er fühlte sich besser, wenn er seinen Kummer auf diese Weise hörbar werden lassen konnte. Es ging ihm einfach alles auf die Nerven! Von einem Tag auf den anderen war er Witwer geworden und querschnittgelähmt noch dazu. Die ersten paar Wochen hier hatte er von mehreren Pflegerinnen zu hören bekommen, dass er seine Laune auch gerne anderswo auslassen könnte. Da sollten sie ihm mal jemanden zeigen, der unter diesen Bedingungen noch gute Miene machen würde. Sein Griesgram half ihm, das Ärgste an Schmerz zu übertünchen. Er hatte noch nie jemandem erzählt, was an jenem Samstag auf der Heimfahrt vom Gardasee passiert war.
Sein Sohn Mirko ließ sich selten blicken. Gut, der hatte schon vorher sein Leben gelebt und war so gut wie nie bei ihnen zu Hause aufgetaucht. Mirko kam nach Ingrid, war kleiner als Daniel, so wie sie es gewesen war, und muskulös. Er liebte den Sport genauso wie Daniel, allerdings verbrachte Mirko viel von seiner freien Zeit im Fitnessstudio beim Spinning oder beim Krafttraining, während Daniel ausgedehnte Bergtouren mit dem Rad gemacht hatte und im Winter auf den Skipisten zu Hause war. Eine Frau fand wohl keinen Platz in Mirkos Leben. Der Beruf als Gemeindearzt nahm Mirko völlig ein. Hausärzte waren in Südtirol knapp. Jeder Einzelne betreute mittlerweile mehr Patienten, als für Arzt oder Kranke gut war. Wenn einer der Ärzte in den wohlverdienten Urlaub ging, musste der Doktor in der Nachbarpraxis für die Zeit ein doppeltes Pensum bewältigen. Ein Unding. Daniel hatte in den letzten Wochen oft über Mirko und seine freie Zeit nachgedacht. Jedes Mal musste er sich erneut eingestehen, dass Mirkos freie Zeit ehrlich knapp bemessen war.
Das St.-Anna-Heim lag idyllisch im Wald ungefähr einen Kilometer von St. Benedikt entfernt. Es war immerhin eine Viertelstunde Fußmarsch bis dorthin. Für den alten Mann im Rollstuhl wäre das nicht zu bewältigen gewesen. Umso mehr freute er sich auf die wöchentlichen Ausflüge, obwohl er das niemals zugegeben hätte. Das Heim war früher ein Hotel gewesen. Es musste so um die Wende vom neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert gebaut worden sein und war in den Achtzigerjahren dieses Jahrhunderts von irgendeinem reichen Zausel angekauft und zu einem Seniorenheim umfunktioniert worden. Das alte Hauptgebäude, in dem auch er untergebracht war, war gelborange gestrichen, hatte rote Balkongeländer und große grüne Jalousien. In U-Form waren weitere Gebäude dazu gebaut worden, um der Nachfrage an Heimplätzen gerecht zu werden. Hinter dem Haus stand das ehemalige Wirtschaftsgebäude. Jetzt waren dort Räume zum Musizieren, Basteln, Töpfern und anderes untergebracht. Es gab noch einen Stall mit verschiedenem Kleingetier, mit Gänsen und Hühnern, sogar zwei Alpakas waren dort untergebracht. Die Tiere wurden liebevoll von einigen Heimbewohnern versorgt. Daniel hatte sich mit der Geschichte des Hauses noch nicht auseinandergesetzt. Zeit hatte er ja zu Genüge, aber momentan hing er lieber seinen trüben Gedanken nach. Kaum einmal, dass er eines seiner zahlreichen Bücher anrührte. Die meisten waren noch gar nicht ausgepackt. Auch das Manuskript von dem Buch, das er vor dem Unfall begonnen hatte zu schreiben, lag unberührt in einem Karton in einer Ecke seines Zimmers. Überhaupt sah es bei ihm eher so aus, als ob jemand gerade am Abreisen wäre. Überall standen Umzugskartons, auf dem einen oder anderen lagen einige Bücher. Nirgends gab es etwas Privates zu sehen. Ein Hotelzimmer mit Bücherkisten könnte so aussehen. Er hatte bis jetzt auch keine Möbel aus seinem Haus in Terlan kommen lassen. Deshalb gab es in seinem Zimmer momentan nur ein Krankenbett, das das Heim zur Verfügung gestellt hatte, einen Tisch mit einem Stuhl in nüchterner weißer Krankenhausoptik und einen Schrank, der ebenso weiß war wie alle anderen Möbel. Mirko hatte ihn in der ersten Zeit darauf angesprochen, ob er nicht seine Sachen hier haben möchte. Daniel besaß wunderschöne Biedermeiermöbel und auch sonst einiges, das ihm im Heim sehr nützlich sein konnte, um sich die Zeit leichter zu vertreiben. Vor allem wäre es dann für ihn möglich, die ganzen Umzugskartone auszuräumen. Der ehemalige Direktor war noch nicht so weit.
Die anderen Senioren waren allesamt älter als er. Mit den rüstigeren Alten, die noch mobil waren, hatte Daniel bald lose Kontakte geknüpft. Man traf sich zum Kartenspielen oder auf ein Brettspiel im Aufenthaltsraum. Gespielt wurde um einen Kaffee oder ein Glas Orangensaft. Die alten Leute akzeptierten seine ruppige Art sehr bald, irgendwie waren sie in ähnlicher Laune. Daniel überlegte, dass das eine unweigerliche Konsequenz vom Altersheimleben war: die Entwicklung zum Griesgram. Wer war schon glücklich im Heim, wer stand schon gerne auf dem Abstellgleis, gut aufgeräumt und vergessen?
Die meisten der Heimbewohner kamen aus der näheren Umgebung. Man hatte sich gesehen oder irgendwie miteinander zu tun gehabt. Mit Franz begann er sich anzufreunden. Franz war ein wenig über achtzig. Er war um einiges kleiner als Daniel, gedrungen und hatte eine Glatze. Seine Brille hatte immer noch dieselbe Form wie damals, eckiges Glas ohne Brillenfassung. Meist trug er ein Baumwollhemd mit kleinem Karomuster in Blau oder Grau und eine Jeanshose. Daniel kannte Franz noch aus der Zeit, in der er Direktor am Gymnasium gewesen war. Franz war für ein Jahr Professor an Daniels Schule. Er unterrichtete Mathematik und Physik und galt als schweigsam, jedoch auch als sehr vertrauenswürdig. Die Oberschüler schätzten ihn, weil er ein Meister darin war, sogar schwierige mathematische und physikalische Sachverhalte derart herunterzubrechen, dass wirklich jeder sie verstehen konnte. Wegen seiner engelsgleichen Geduld war er ein gefragter Begleiter für die Auslandsreisen der oberen Klassen. „Die Jugend muss sich ausprobieren, drücken wir ein Auge zu!“, war stets seine Antwort, wenn genervte Kollegen sich über die Schüler beklagten. Seine Gutmütigkeit war sprichwörtlich und wurde wohl auch ab und an ausgenutzt. Franz drückte auch da ein Auge zu. Man hatte bei ihm immer das Gefühl, dass es Wichtigeres im Leben gäbe. Leider ging er schon nach Daniels erstem Jahr als Direktor an eine Schule nach Meran. Seine Nachfolgerin war eine junge, unerfahrene Studienabgängerin, die auch nach mehreren Unterrichtsjahren keinen Bezug zu den Schülern aufbauen konnte. Gott sei Dank bekam sie nach acht Unterrichtsjahren an Daniels Schule ein Kind und übernahm nach der Babypause eine Stelle bei einem Wirtschaftsprüfer. Franz und Daniel hatten sich in den Jahren nach Franz’ Pensionierung ab und zu in Bozen oder Meran gesehen und gegrüßt, ansonsten gab es keinen Kontakt zwischen den beiden. Hier trafen sie sich nun wieder.
Dann gab es da noch Frau Monika. Dem Dialekt nach zu urteilen, stammte Monika gebürtig definitiv von nördlich des Brenners. Beim Sprechen betonte sie das „k“ genauso hart und scharrend, wie es in der Innsbrucker Gegend gesprochen wurde. Sicher hatte sie irgendetwas Übles ausgefressen, die alte Fuchtel, und musste nun hier untertauchen. Ein Grinsen huschte bei dem Gedanken über Daniels Lippen. Über seine „Lieblingsheimbewohnerin“ konnte er später noch nachdenken, wenn es denn sein musste. Er ließ sich das Essen auf das Zimmer bringen.
Kurz vor zwei begab er sich in die Eingangshalle. Fast alle waren schon da. Sogar Frau Agnes war da in ihrem Rollstuhl. Sie war die Älteste im Heim. In ein paar Tagen würde sie ihren hundertsten Geburtstag feiern. Ihm schauderte, wenn er daran dachte, dass er noch knapp dreißig Jahre hier verbringen würde … Agnes war ein kleines, schmächtiges Weiblein, die Haut ihrer dürren Arme war von unzähligen Altersflecken übersät. Sie trug immer ein Kopftuch, so wie es die alten Bauersfrauen, und auch manche der Jüngeren hier, noch für die Arbeit auf dem Feld aufhaben. Wenn man sie ansah, hatte man das Gefühl, dass sie unentwegt lächeln würde. Die anderen Insassen munkelten, dass sie immer noch die Besitzerin des riesigen Weingutes Karpacher ganz in der Nähe war und dass dieser Umstand der einzige Grund dafür wäre, dass sie so oft Besuch von allen möglichen Leuten bekäme. Alle würden auf die Erbschaft spekulieren und versuchen, sich noch im letzten Drücker einzuschleimen, um gehörig abzukassieren. Es gefiel ihm, dass darüber im Heim so offen geredet wurde. Wie oft war es schließlich wirklich so, dass die, die nur mit einem Tröpfchen blutsverwandt oder eingeheiratet waren, sich noch ein größeres Stück vom Kuchen einzuheimsen versuchten. Wenn nicht anders möglich, dann eben mit Besuchen im Altersheim. Er kannte Agnes nicht. Es konnte gut sein, dass sie so eine alte Bissgurke war, zu der man nur des Geldes wegen den Kontakt hielt, konnte sein, auch nicht. Sie hatte in seiner Anwesenheit noch nie gesprochen. Zuerst dachte Daniel, dass sie dement wäre. Bald jedoch bemerkte er, wie aufmerksam sie alle Gespräche verfolgte und passend dazu ihre Mimik veränderte. Stille Wasser, dachte Daniel sich nur.
Dann kam der Auftritt von Monika. Es war für ihn immer noch ungewohnt, dieses Spektakel mitanzusehen. Sie war wie auch heute geschminkt wie eine Schleiereule. Lippenstift, Rouge, Make-up, alles war zu grell gewählt. Er war nicht sicher, ob alles in dem ehemals sicher umwerfend schönen Gesicht ganz gerade aufgetragen war, was gerade sein sollte. Für eine Überprüfung hätte Daniel aber näher zu Monika hingehen müssen. So genau wollte er es dann auch nicht wissen. Wenigstens passte ihre Aufmachung zu ihrem Wesen: mondän und oberflächlich. Gekleidet war sie mit genauso enganliegenden wie farblich unabgestimmten Sachen. Heute trug sie eine Leggings mit Pantherprint, eine giftgrüne ärmellose Seidentunika mit tiefem Ausschnitt und dazu eine knallgelbe Handtasche. Sogar für den Spaziergang trug sie Pumps. Monika war groß und schlank und hatte blonde, lange Haare. Sie musste in seinem Alter sein. Auffallend an ihr waren ihre große Hakennase und der massive Hals auf den breiten Schultern. Sie lachte am lautesten von allen, kokettierte mit den alten Herren und bewegte sich, nachdem sie einem jeden ihre Aufwartung gemacht hatte, in seine Richtung. Daniel drückte sich in den Rollstuhl und fixierte angestrengt ein fürchterliches, überdimensionales Bild im Eingangsbereich. Er war überzeugt davon, dass es die Frau des Besitzers geschaffen hatte. So etwas Geschmackloses konnte nur von jemandem stammen, der mit der Heimleitung in irgendeiner Weise verwandt war. Angestrengt hielt er den Blick auf das Bild gerichtet, obwohl es schrecklich war. Daniel versuchte durch dieses Starren auf das Gemälde, Monika zu signalisieren, dass er seine Ruhe haben wollte. Er konnte ihr nicht sagen, dass er sie für eine unangenehme alte Schnepfe hielt, die sich besser von ihm fernhalten sollte. So griesgrämig war er noch nicht geworden, obwohl … Monika kam näher. Sollte sie eine gewisse Entfernung zu ihm überschreiten, wäre er imstande, seinen Standpunkt zu überdenken und ihr die Meinung zu flöten. Annelies hatte das Ganze wohl beobachtet und eilte zu Hilfe. Sie verwickelte Daniel gekonnt in ein Gespräch. Wie gut, dass er sie eingeweiht hatte! Da, wo Annelies es schaffte, drängte sie sich seither zwischen die beiden.
Die Heimbewohner mussten auch beobachtet haben, dass Monika Daniel anbaggern wollte. Sie hielten sich aber mit Kommentaren zurück. Besonders einige der Männer waren heilfroh, dass Monika nun ein anderes Opfer gefunden hatte, und ließen sie gerne andernorts gewähren. Es gab nur das eine oder andere verschmitzte Grinsen, eine kleine versteckte Geste bei manch einem, ein Deuten in die Richtung zu ihnen beiden und damit hatte es sich auch schon. Franz hingegen atmete sichtlich auf. Er war vor Daniels Ankunft Monikas Favorit gewesen. Er überlegte ernsthaft, Daniel dafür beim Mühlespielen einige Male gewinnen zu lassen. Nachdem er Monika noch einmal taxiert hatte, entschied er, dass einmal gewinnen lassen reichen würde.
Pünktlich um zwei brachen sie auf. Jetzt im Mai war das Wetter ein Traum. Kein einziges Wölkchen war an dem sattblauen Himmel zu sehen. Eigentlich war es zu heiß für eine Wanderung um die Mittagszeit, jedoch im Schatten der Bäume ließ es sich aushalten. Daniel genoss den Spaziergang, er ließ sich von Annelies schieben. Neben ihm war Agnes in ihrem Rollstuhl. Sie wurde von der Pflegerin Bernadetta geschoben. Da Agnes sowieso nicht sprach, blieb Daniel ungestört und beobachtete das Lichtspiel in den Blättern der Waldbäume. Annelies versuchte keine Unterhaltung mit ihm. Sie war eine ruhige Seele, das mochte er ganz besonders an ihr. Sie hatte feine Antennen und wusste genau, mit wem von den Heimbewohnern sie sich ein Späßchen erlauben konnte oder wer mehr die Ruhe schätzte. Wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass sie ganz wunderbar zu Mirko passen würde …
Einmal hörte Daniel ein Knacken im Gebüsch. Er drehte kurz den Kopf weg von der Straße Richtung Wald in der Hoffnung, ein Reh oder einen Hasen zu sehen, den der Trupp von alten Leuten aufgeschreckt haben könnte. Es war ihm, als ob er eine Frau zwischen den Bäumen bemerkt hätte. Er rückte die Brille zurecht und kniff die Augen zusammen, genauso wie er es machen musste, wenn seine Sehkraft am Abend nachließ. Es war eine Frau, eine brünette Schönheit mit leicht gewellten, langen Haaren, die aussah, wie aus einem Hollywoodfilm entsprungen. Julia Roberts sah ihr ähnlich, oder umgekehrt, fand er. Daniel und die unbekannte Schöne sahen sich wie durch Zufall in die Augen. Die Frau hatte einen verstörten Blick, der so gar nicht zu dem wunderschönen Gesicht passen wollte. Ein Sonnenstrahl fiel durch das Blätterdach und blendete Daniel kurz, sodass er für einen Augenblick den Kopf abwenden musste. Als er wieder in die Richtung sah, war die Frau verschwunden und Daniel vergaß das Ganze bald.
Die Viertelstunde verging wie im Flug. Bald würden sie die Kirche erreichen, die den Anfang des Dorfes markierte. Das Pfarrhaus stand gleich neben dem Gotteshaus und unmittelbar im Anschluss, fast wie daran angeklebt, lag die riesige Villa des Stararchitekten Schlechtleitner, den Daniel nicht kannte. Wenig hinter der Villa befand sich der Dorfplatz mit dem Rathaus, einigen Geschäften, die um diese Zeit aber geschlossen hatten, und mit dem „Café am Platzl“, das ihr Ziel war.
Als das Grüppchen von Heiminsassen aus dem Wald hervorkam, bemerkten alle sofort das Blaulichtaufgebot hinter dem Pfarrhaus. Die Autos, die es absonderten, mussten bei der Villa des Architekten stationiert sein. Tatsächlich, als sie näherkamen, sahen sie bei der Villa fünf Carabinieri-Autos, einen Rettungswagen und den Notarztwagen stehen. Wie auf Knopfdruck begann das Getuschel. Annelies versuchte zu beruhigen und die alten Leute zum Schweigen zu bringen. Vor allem aber drängte sie darauf, die Heimbewohner so schnell und unauffällig wie möglich am Ort des Geschehens vorbeizulotsen. Das gestaltete sich als sehr schwierig. Pflegerin Bernadetta unterstützte sie nach Leibeskräften. Neun Senioren können anstrengender sein als ein Trupp Kindergartenkinder. Ein jeder wollte einen Blick auf den Ort des Geschehens erhaschen. Die alten Leute blieben stehen, reckten ihre Köpfe, drängelten und begannen zu beraten, was wohl vorgefallen sein konnte. Irgendwie verständlich. Im Heim war nie etwas los. Hier gab es nun endlich einmal Action und man verwehrte den Senioren jegliche Abwechslung. Sie protestierten und schimpften, als Annelies und Bernadetta immer ernsthafter zum Weitergehen drängten. Am Ende ließen sie sich aber doch weitertreiben.
Wenige Minuten Fußmarsch später erreichten sie das „Café am Platzl“, wo sich alle unter den ausladenden Sonnenschirmen niederließen. Annelies schob Daniel zu Franz. Wie zu erwarten war, sprachen alle nur über die Polizeiautos und den Architekten.
„Ob jemand dort eingebrochen hat?“
„Zu stehlen gäbe es da sicher genug.“
„Ja, warst du denn dort?
„Nein, wozu. Ist doch klar, dass der reiche Gockel auch einige Wertgegenstände bunkern wird.“
„Der hat Gemälde dort, ich verstehe ja nichts davon, aber die sind sicher ein Vermögen wert. Und ein Instrument hat er dort stehen …! Das ist rundherum mit Blattgold verziert. So was habe ich vorher noch nie gesehen. Zweimal im Jahr lässt er extra jemanden aus Deutschland kommen, um das Ding zu warten. Mir hat das Geklimper ja überhaupt nicht gefallen. Manchmal hat er drauf gespielt, also wie der Leibhaftige, sag ich euch!“
„Bist du öfter dort gewesen, Georg?“, fragte einer der Senioren den Sprecher.
…

