Sonstiges & Allerlei

Der Rausschmiss

Kurt Bleicher

Der Rausschmiss

Wirtschaftsroman

Leseprobe:

Andi, Manni und Misi

Manni und ich schlenderten langsam nach Hause. Die einem Feldweg ähnliche Straße lag auf einem leicht erhöhten Damm, von dem nach links und rechts Eingangswege zu Parzellen­grund­stücken abgingen. Der Straßenbelag bestand aus einer Erd-Schotter-Mischung und es reihte sich ein Schlagloch an das andere. Kurz bevor wir die Endhaltestelle der Straßenbahn erreichten, beschleunigten wir unseren Schritt, da wir das Grundstück von Hirsemann dem Katzenfresser passierten, von dem wir nicht einmal wussten, ob er tatsächlich den Namen Hirsemann führte und ob er jemals eine Katze verspeist hatte.
Ob hinter dieser Namensgebung etwas steckte, weckte zwar unsere Neugier, die aber nicht befriedigt wurde.
An der Straßenbahnendhaltestelle der Linie 5 stand unser Stammkiosk, wo Manni aus unterster Hosentasche etwas Hartgeld hervorzauberte, sodass wir uns „Tom Mix“ und „Tom Prox“ kaufen konnten.
Tom Mix hatte ein eigenartiges Querformat wie eine Betriebsanleitung. Damit passte das Heft gut in eine tiefe Hosentasche. Tom Prox hatte DIN A5 und war damit weit unhandlicher, sodass Manni das Heft in seinen Tornister steckte.
Gleich nach dem Kiosk drückte sich Manni etwas an mich heran und raunte mir zu, dass er das Geld für die Groschenhefte aus dem Mantel von Frau Adams geklaut habe.
Frau Adams war die Putzfrau von Mannis Pflegeeltern, die eigentlich Onkel und Tante waren: Herr und Frau Wieland. Herr Wieland war für uns alle Respektsperson, nicht nur weil er immer sehr gut gekleidet war, sondern auch weil er mit seiner bestens rasierten Glatze einen würdigen Eindruck hinterließ.
Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, hatte aber gegen den Kauf der Groschenhefte nichts einzuwenden.
In Höhe eines Textilwarengeschäftes, das im Untergeschoss eines Einfamilienhauses untergebracht war, hielten wir an, und Manni schleuderte das restliche Geld vom Kiosk in einem Bogen in den mit hohem Rasen bewachsenen Vorgarten. Mir stockte fast der Atem und ich fragte, ob es nicht schade um das viele Geld sei. Manni tat das professionell ab und erklärte mir, dass er zu Hause nicht mit Geld ankommen dürfe. Das mache verdächtig.
Eine Straße weiter bog ich dann in die Brahmsstraße ab und rannte, so schnell ich konnte, zur Nr. 14, wo wir wohnten.
Im Eingang des 4-Familienhauses horchte ich zunächst nach dem riesigen Köter aus der Erdgeschosswohnung, vor dem ich Angst hatte.
Da sein Jaulen nur schwach zu hören war, trampelte ich die Holztreppe schnell nach oben. In der Küche stand meine Mutter am Herd und schimpfte über mein spätes Kommen. Sie kannte meinen Stundenplan und wusste, wann Schulende war. Da mein Vater ebenfalls verspätet war, wandte sie sich wieder den Töpfen auf dem Herd zu, von denen sie einen, der Salzkartoffeln enthielt, mehrfach mit beiden Händen nach oben wippte, weshalb verstand ich nicht und wollte es auch nicht wissen, denn mein Spielschrank stand offen. Er stand an der Stirnseite der Küche und enthielt im untersten Fach meine Briefmarkensammlung, die teils in 2 Alben, teils in runden Blechdosen verstaut war. Die Blechdosen bekam ich en gros von meinem Vater, der damals „Dames Doppelfilter“ rauchte. In eine Dose passten ca. 50 Zigaretten. Die Dosen imponierten mir wegen ihrer rosa Farbe und ihrer schicken Aufmachung. Ich schloss den Schrank ab, um die darin enthaltene Unordnung zu verbergen, und setzte mich an den Küchentisch.
Meine Mutter war bei meinen Essvorlieben sehr großzügig; was ich nicht mochte, musste ich nicht zu mir nehmen. Linsen waren so ein Gericht, das mir widerstrebte, ebenso Salzkartoffeln, die es immer reichlich gab, da mein Vater ein Kartoffelliebhaber war. Meine „Ersatzmahlzeiten“ waren dann Pfannkuchen oder Rührei. Da mein Vater es anerkennend bemerkte, wenn ich davon einiges aß, empfand ich selbst eine Art Stolz, wenn ich an die 5 Pfannkuchen verdrücken konnte. Natürlich mit Streuzucker drauf.
Nach dem Mittagessen – auf meinen Vater wartete ich nicht – tobte ich die Holztreppe wieder hinunter, um rechtzeitig zur Verabredung mit Manni, Andi, Misi und Peer Schacht zu kommen. Auf halber Höhe der Treppe öffnete Frau Belsemeyer mit der Bemerkung, ich solle nicht einen solchen Lärm machen, da ihr Mann Mittagsschlaf halte; ich nickte kurz und war weg.
An der Ecke Georg-Gröning-Straße/Lüder-v. Bentheim-Straße kamen Manni und Misi von rechts. Misi hieß eigentlich Christian Miesen und wurde nur gelegentlich Krischan genannt. Sein Vater führte eine BV-Tankstelle in der Innenstadt, die recht verwinkelt lag, aber wohl gut lief; denn irgendwie hatte ich bei Misi zu Hause immer den Eindruck, dass es denen nicht schlecht gehe. Dass die Ehe der Eltern von Misi auseinanderginge, brachte meine Mutter einmal von einer Elternversammlung mit.
Den weitesten Weg hatte Andi, der in der Parkallee in einem großen Mehrfamilienhaus wohnte. Da Andi im Sport eher mäßig war, war es einleuchtend, dass er sich etwas verspätete. Am Hause Lüder-v. Benthein-Straße 18 überlegten wir kurz, ob wir Reetz Kröplin mitnehmen sollten. Reetz war etwas eigenbrötlerisch, stark kurzsichtig, schnell im 50-m-Lauf und hatte als Einzelkind zu Hause eigentlich alles. Sein Vater hatte im Souterrain eine kleine Kaffeehandlung, wo er Kaffeebohnen auf einem Laufband selbst sortierte und dann in Tüten abfüllte. Er nannte sich auf dem Türschild Kaffeekaufmann und hatte es immerhin zu einem großen Opel-Kapitän gebracht.
Wir überlegten es uns anders, klingelten nur etwa 10 Sekunden Sturm und rannten dann um die Ecke in die Schwachhauser Heerstraße, wo Peer Schacht in einer großen Villa im ersten Stock wohnte. Die großzügige Wohnung beeindruckte mich, ebenso seine schöne Mutter, die zu uns allen sehr freundlich war, aber nach kurzer Zeit verschwand. Peer hatte jede Menge Spielsachen, mit denen wir uns gut beschäftigen konnten, überwiegend im Flur und im Elternschlafzimmer, da wir dort Eisenbahnschienen verlegten.
Manni war vorübergehend nicht aufzutreiben, da er sich in die Küche verdrückt hatte, um dort in einen Bodenabfluss zu pinkeln, da er das Klo nicht gefunden hatte. Als uns das Spielen in der Wohnung langweilig wurde, beschlossen wir eine Erkundungstour durch die benachbarten Hintergärten zu unternehmen. Wir fühlten uns wie Abenteurer. Obwohl wir die Deckung der vielen Sträucher und Büsche suchten, schnappte uns in einem Garten die Eigentümerin und befragte uns, was wir wollten. Unsere ehrliche Antwort, dass wir auf Entdeckertour seien, amüsierte sie so sehr, dass wir mit Süßigkeiten versorgt und dann bei der Mutter von Peer Schacht abgeliefert wurden. Diese hatte in der Zwischenzeit die Sauerei in der Küche bemerkt und aufgewischt; sehr zielsicher fragte sie Manni, ob er das gemacht habe. Trotz anfänglichen Leugnens kam die Sache schnell heraus und Manni bekam Hausverbot.



Feldmann und BBT

Wir saßen Feldmann zu dritt gegenüber.
Er trug einen hellblauen stark taillierten Anzug, der seiner eher abgenutzten Physiognomie eine gewisse Jugendlichkeit verlieh. Sein Auftreten war betont selbstsicher.
Seine Sprechpausen wirkten einstudiert und wichtig. Gelegentlich streckte er seine Hände wie ein Klaviervirtuose, der zu einem Fortissimo ansetzt. Am kleinen Finger der rechten Hand trug er einen goldenen Ring, der mit einer Wappenprägung versehen war. Mitunter drehte Feldmann diesen Ring einmal um den Finger herum, ohne dass ein Anlass erkennbar war.
Feldmann hatte sich über einen Makler an Talbot gewandt, um die Baden-Bauen-Treuhand zum Kauf anzubieten.
Meurer hatte eine kurze Vorlage für den Vorstandsvorsitzenden gefertigt und Order bekommen, der Sache nachzugehen. Daher eröffnete er auch das Gespräch und dankte Feldmann zunächst für dessen Bereitschaft, das Projekt dem Talbotkonzern vorzustellen. Feldmann wirkte ob dieser Schmeichelei etwas gerührt, schien sich aber dann zu fassen und skizzierte das Projekt in einem ca. 45-minütigen Monolog. Seine Stimme war weich, etwas angeraut und er bemühte sich um ein didaktisches Tempo. Leichtes wurde schneller vorgetragen. Zu den schwierigen Steuerfragen dozierte Feldmann mehr an Klose gerichtet als an Meurer und mich. Klose nickte permanent, um zu signalisieren, dass er verstehe und Feldmann davon ausgehen könne, es im Talbotkonzern mit Profis zu tun zu haben.

Baden-Bauen-Treuhand war eine dahinsiechende Immobiliengesellschaft, die Anleger mit dem Versprechen von Steuerersparnissen und Rendite geworben hatte.
Das Siechtum hatte schließlich zur Pleite geführt und zurück blieb ein erheblicher Verlustvortrag, der steuerlich nutzbar gemacht werden sollte.
Da man über Preise immer am Schluss spricht, wurde diese Frage dann auch ganz zum Schluss aufgegriffen.
Als Feldmann die Zahl nannte, verschlug es mir fast die Sprache; ich bemühte mich jedoch freundlich reserviert zu wirken, um den professionellen Anstrich unserer Seite nicht zu gefährden. Klose fragte nur kurz, wie Feldmann auf diese Zahl komme, und zeigte sich dann nach einem kurzen Statement von Feldmann befriedigt und bekundete Zustimmung, so als ob er selbst zur gleichen Preisangabe gelangt wäre.

Auf der Rückfahrt zu unserer Zentrale nach Lünen wirkte Klose aufgeräumt und erklärte Meurer und mir noch einmal, dass für Feldmann nur ein solcher Kaufpreis infrage komme, denn er habe schließlich in die Sache viel Geld hineingesteckt.
Ich bemühte mich vorab eine Notiz zu skizzieren, um Prof. Hintze und die übrigen Vorstandsmitglieder zu informieren.
Während der Fahrer die schwere Limousine durch Regenwände steuerte, rechneten Klose und Meurer gemeinsam, wie sich dieses Geschäft auf die Eigenkapitalrendite von Talbot auswirken würde. Klose meinte, dass für Meurer und mich auch eine höhere Tantieme drin sei. Mir schien, dass Klose vor allen Dingen auch sich selbst meinte.
In Lünen angelangt wurden wir sofort zu Hintze gerufen, um Bericht zu erstatten. Hintze schien begeistert; der Konzern könne an dieser Sache im Handumdrehen 50 Millionen verdienen. Wir sollten alles andere liegen lassen und uns nur mit diesem Fall beschäftigen. Klose pflichtete bei, dass Eile geboten sei, und erbot sich, um sofort eine Vorlage für den Vorstand und den Vorsitzenden des Aufsichtsrats zu fertigen. Hintze war einverstanden und gab mir den Auftrag, erste Vertragsentwürfe zum Kauf von BBT zu fertigen.
In der Hoffnung, dass mein Abteilungsleiter die Sache an sich ziehen würde, sagte ich schnellste Erledigung zu, blieb dann aber selbst auf der Sache sitzen, da mein Chef Bloser mit der Sache nichts zu tun haben wollte und wohl gewisse Vorahnungen hatte, dass wir es hier mit einem faulen Ei zu tun hatten.
Hintze, der vor seiner Pensionierung stand, gedachte offensichtlich seine Laufbahn mit diesem Coup zu krönen, nachdem er beim Verkauf der Talbotspedition nicht vollständig sein Ziel erreicht hatte, den eitlen Vorsitzenden des Wankdorfkonzerns Dr. Lerche hereinzulegen. Hintze hatte diesen Verkauf zunächst geschickt eingefädelt und Lerche damit gelockt,Wankdorf werde zur Nr. 1 im deutschen Speditionsgewerbe aufsteigen. Lerche fiel darauf auch prompt herein, wurde später aber von seinem Finanzvorstand kräftig getreten, den Talbotkonzern noch um ein paar Millionen zu erleichtern.



Hering in Gelee

Am nächsten Tag trafen Manni und ich uns bei Andi. In der Wohnung war ein großes Durcheinander. Die Eltern Lindemann schienen vor einer großen Reise zu stehen; jedenfalls konnte ich mir nur so die umherstehenden Koffer, die geöffneten Schränke und die herumhängende Kleidung erklären. Der Vater von Andi wirkte düster und unnahbar, grüßte nicht und schimpfte gelegentlich vor sich hin. Etwas unheimlich wirkte er dadurch, dass er wegen eines Augenleidens eine dunkle Brille mit seitlichen Schutzklappen trug. Die Mutter von Andi war wie immer freundlich und an diesem Tag besonders aufgeräumter Stimmung; jedenfalls lachte sie permanent.
Wir wurden in die Küche komplimentiert, wo es halbwegs ordentlich war. Es gab Kuchen und Kakao. Wir saßen auf einer Kücheneckbank und alberten vor uns hin. Manni rülpste während des Essens mehrfach laut und vernehmlich und, was meine Bewunderung hervorrief, auf Kommando. Schließlich gurgelten wir zu dritt mit dem Kakao und mussten vor Lachen einen Teil des Kakaos über den Tisch spucken. Glücklicherweise waren wir allein, denn die Mutter von Andi konnte sehr streng sein. Schließlich musste Andi derart lachen und spucken, dass ihm der Kakao nur so aus dem Mund schoss und genau auf das Edelweiß, das in der Brustmitte, aus Horn oder einem ähnlichen Material bestehend, das Geschirr von Mannis Lederhose zierte. Manni merkte das erst mit Verzögerung und schlug Andi mit der flachen Hand ins Gesicht. Als die Nase blutete, war erst mal Stille in der Küche, sodass die Mutter von Andi, die sich draußen an die Geräuschkulisse gewöhnt hatte, hereinkam, um nach dem Rechten zu sehen. Ihr bisher fröhliches Lachen erstarb im selben Moment, sie klebte Manni eine Ohrfeige und wir flogen in hohem Bogen raus.
Fortgesetzt wurde die Rauferei zwischen Andi und Manni auf dem Abfallhaufen, auf den der Hausmeister Gartenabfälle, Laub und Gerümpel geworfen hatte.
Andi war Klassenbester und sowohl im Diktat als auch im Rechnen an der Spitze. Ich war etwas schlechter, wurde jedoch von unserer Lehrerin, die meine Eltern privat kannte, ähnlich benotet. Manni war eher mäßig, jedoch gut im Mogeln und schien auf dem Abfallhaufen die Gelegenheit zu nutzen, dem Klassenprimus eins zu verpassen. Nachdem Manni von Andi abgelassen hatte, kletterte ich hinten über den Zaun auf eine kleine Garage und gelangte auf die Wachmannstraße, auf der gerade die Linie 5 mit hoher Geschwindigkeit herannahte. Nach Überqueren der Straße machte ich kurz bei der Schlachterei Borchers halt, wo mir die Fleischwürste in der Auslage ins Auge stachen. Durch das Schaufenster konnte man bis ins Kühlhaus sehen, von wo Herr Borchers über die Schulter gelegt gerade eine Schweinehälfte in den Laden trug. Als er mich sah und grüßte, wurde ich verlegen und zog ab. Ich wechselte noch einmal die Straßenseite und ging in den Fischladen von Lünsche. Der Geruch war etwas penetrant, obwohl alles sehr sauber schien. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, etwas nach Hause mitzubringen, und erstand für 30 Pfennig ein Stück Hering in Gelee, das meine Eltern gerne mochten. Da ich wieder einmal reichlich verspätet zu Hause ankam, streckte ich den Hering wie einen Totem zur Türe rein und erzielte tatsächlich die gewünschte Wirkung, nicht ausgeschimpft zu werden. Mein Vater war bereits zu Hause, saß im Wohnzimmer und löste Kreuzworträtsel, während er auf die Nachrichten im NWDR wartete. Da mich Nachrichten langweilten, ging ich in das Zimmer meiner Schwester, die schon im Bett lag. Das Kinderbett sah einem Hundezwinger nicht unähnlich, da die Wände aus gewirktem Drahtgeflecht bestanden. Ich drehte mich um, ging wieder raus und verschwand im Schlafzimmer meiner Eltern, wo mein Bett neben dem Kleiderschrank in einer Ecke stand. Ich setzte mich aufs Bett und starrte auf die Porträts meiner verstorbenen Großeltern, die die Betten meiner Eltern umrahmten. Auf der anderen Seite des Kleiderschranks war oben der Medizinschrank angeschraubt. Darunter lehnte das Bügelbrett. An dessen breitester Stelle war ein großer Asbeststreifen aufgenagelt, auf den meine Mutter das heiße Eisen stellte. Unten eingeklemmt war ein leicht bräunlicher Lappen, den meine Mutter nutzte, um den Rost von der Gleitfläche des Eisens abzuputzen. Ich knipste meine Nachttischlampe an, öffnete die Nachttischschublade und zog ein Micky-Maus-Heft heraus. Bevor ich die Stelle fand, wo ich zu lesen beginnen wollte, rief meine Mutter zum Abendessen. Die Brote waren fertig geschmiert, aber nicht mit dem, was mir schmeckte. Vor allem Streichwürste mochte ich nicht, weil die Wurst festklebte und man keine Wursträdchen wegschieben konnte.



Klose und die Steuer

Als wir mit Feldmann wieder in Frankfurt zusammentrafen, trug dieser erneut den auffällig hellblauen Anzug. Das Einstecktuch auf der linken Brustseite war zwar blütenweiß, jedoch etwas zerknautscht, da Feldmann es liebte, mehr als notwendig seine Goldrandbrille zu putzen, und dazu nutzte er das Tuch. Im linken Mundwinkel saß ein kleiner Spuckrest, der beim Sprechen angereichert wurde, vermutlich weil eine Prothese den Sprechfluss störte. Nachdem Feldmann diesen Spuckrest hörbar eingesogen hatte, kam er ohne Umschweife zur Sache und fragte, wann der Talbotkonzern den Kaufpreis zu zahlen gedenke. Klose erwiderte, dass da noch ein paar Voraussetzungen zu schaffen seien, und lächelte gewinnend. Zum Abschluss dieser Geste nickte er bestätigend, um seiner Äußerung, die ihm selbst etwas gering vorkam, Nachdruck zu verleihen. Feldmann wischte diese Bemerkung mit einer Handbewegung weg und konstatierte, dass er alle Einzelheiten des Erwerbs durch den Talbotkonzern bereits mit dem Ministerialdirigenten Meisel im Bundesfinanzministerium abgeklärt habe. Klose wiegelte daraufhin ab, dass man ja alles Nähere im Kaufvertrag regeln könne, und erklärte, dass die ersten Entwürfe bereits hausintern diskutiert würden. Feldmann setzte nach und bekundete, dass der Kaufvertrag eigentlich aus einem Satz bestehen könne, nur müsse sich der Talbotkonzern zuvor selbst davon überzeugen, dass man ein gutes Geschäft mache. Im Übrigen schlug er vor, die Baden-Bauen-Treuhand umzubenennen, da die Angelegenheit etwas delikat sei und Neider auf den Plan rufen könne. Dem pflichteten wir eilfertig bei und schlugen die Abkürzung HSV vor.
Sodann kam Feldmann auf den Modus der Kaufpreiszahlung zurück und meinte wiederum, dass der Kaufpreis eigentlich fällig sei, wenn Talbot Eigentümer von HSV werde. Ich erlaubte mir daraufhin die Bemerkung, dass HSV eigentlich nichts wert sei und nur dadurch wertvoll werden könne, indem gewinnstarke Gesellschaften in die HSV eingelegt würden und der Fiskus dann bereit sei, den Verlustvortrag mit diesen Gewinnen zu verrechnen. Feldmann, der sich im Gespräch ganz auf Klose konzentriert hatte, empfand diese Bemerkung als ärgerlich, drehte sich mir nur halb zu und sagte, dass ich das schon ihm und Klose überlassen könne. Ich wurde etwas verlegen, schielte zu Meurer und vernahm gerade noch ein gekünsteltes Hüsteln von Klose, der sodann bewusst guttural nachsetzte, dass Talbot natürlich sicher sein müsse, dass die Steuervorteile auch eintreten. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst, weil mir meine eigenen Äußerungen nicht ganz gelungen schienen, als Meurer nachsetzte, dass Talbot vom Grundsatz her nur dann Kaufpreise entrichten könne, wenn man dafür auch einen Gegenwert erhalte. Ob dieser Hilfestellung war meine Verlegenheit verflogen, ich schlug ein Bein mit einem Schwung über das andere und malte irgendetwas auf ein leeres Blatt Papier. Feldmann blinzelte über seine Brille, die er inzwischen aufgesetzt hatte, und tat aus der vor ihm stehenden Kaffeetasse einen flüchtigen Zug. Danach nahm er die Untertasse gleichfalls hoch und stellte beides zusammen auf das Tablett zurück.
Natürlich, hob er daraufhin an, werde Talbot einen Gegenwert für den Kaufpreis erhalten. Voraussetzung sei nur, dass Talbot in HSV gewinnstarke Gesellschaften einlege. Klose schloss guttural an, dass die Baden-Bauen-Treuhand nie ihren Geschäftsbetrieb eingestellt haben dürfe, und das müsse Talbot zunächst selbst prüfen.
Feldmann zog die Augenbrauen so hoch, dass sie fast zusammenstießen, zeigte sich etwas erstaunt und stellte es Talbot dann mit kühner Geste frei, sämtliche Unterlagen von HSV einzusehen. Klose bedankte sich hierfür und wollte sofort einen Termin mit Feldmann festmachen, um in einem Nebensatz anzufügen, dass Talbot selbstverständlich von KPMG begleitet werde. Feldmann schloss die Diskussion mit der Bemerkung ab, dass er den Geschäftsführer von HSV bitten werde, mit uns einen Termin zu vereinbaren. Da Klose diese Bemerkung irgendwie nicht passte, setzte er nach, dass er KPMG bitten werde, zunächst mit dem Geschäftsführer von HSV einen Termin zu vereinbaren.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 400
ISBN: 978-3-99026-936-7
Erscheinungsdatum: 05.07.2013
EUR 18,90
EUR 11,99

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