Sonstiges & Allerlei

Der nackte Imperator der Neuen Welt

Hasan Denis Kalkan

Der nackte Imperator der Neuen Welt

Leseprobe:

Kapitel 5

„Hat es nicht geklappt?“, begann Lucas vorsichtig. Aufgrund von Elizabeths Verhaltensweise gegenüber William und ihrem auffälligen Knutschen mit ihrem Exfreund und zur Schau gestellten Küsschen ahnte er schon, wie das Ganze verlaufen war. Doch er wollte es aus dem Munde seines Freundes hören. „Es scheint, dass du alles vermasselt hast. Du warst ja euphorisch und voller Zuversicht, als du dich von mir vor zwei Tagen verabschiedetest. Was ist denn passiert?“
Seine traurigen Augen zu Boden gerichtet, blieb William stumm. Er war nicht bereit, darüber zu reden. Auf der anderen Seite wusste er, dass Lucas ihm keine Ruhe lassen würde, bis er es erfahren hatte. Er richtete seinen Kopf auf und sagte: „Daran bin ich selber schuld! Mehr möchte ich nicht sagen.“ Je mehr er sich bemühte, seinen schmerzhaften Kummer zu verbergen, umso mehr verriet er sich. Warum sich Elizabeth ihm gegenüber so feindselig verhielt, warum sie ihn vor Augen aller lächerlich machen wollte, konnte er gar nicht begreifen. Wenn ich eines Tages ganz reich, steinreich und bekannt geworden bin, werdet ihr alle, du und deinesgleichen, hinter mir herlaufen, aber dann werde ich es euch allen heimzahlen, sagte er sich voller Bitterkeit, die man ihm im Augenblick am ganzen Gesicht ablesen konnte.

Es war zwei Wochen später bei McDonald’s, wo er sie sah und ihre Augen sich einige Sekunden trafen. Sie stand hinter der Theke, vor der er wartete, um bedient zu werden. Ein hübsches, schwarzes Mädchen, ungefähr in seinem Alter. Sie war die einzige Schwarze unter den sechs weiblichen Bediensteten, und jede hatte ihre eigene Kasse. Auf Anhieb mochte er sie. Bis dahin hatte er nie gedacht, dass er ein schwarzes Mädchen mögen würde. Erst war er unentschlossen und durcheinander. Dann ging er noch zwei Mal zur gleichen Theke, um etwas zum Trinken zu holen. Natürlich ging es nicht um das Getränk, er wollte sie sehen und ihr in die Augen schauen. Ihre Augen trafen sich einige Male. Das Mädchen lächelte ihn sogar ganz diskret an und ermutigte ihn. Sie gab ihm zu verstehen, dass auch sie ihn mochte.
So ging er jeden Tag während der Mittagspause dahin. Jedes Mal ging er zwei bis drei Mal zur Theke, hinter der sie bediente. Selbst an den Wochenenden fand er irgendeine Ausrede, um dahin zu gehen. Als er sie an einem Tag nicht hinter der Theke stehen sah, war er enttäuscht und geriet in Panik. Vielleicht arbeitet sie nicht mehr dort, dachte er. Er kam nicht auf die Idee, dass sie auch in der Woche zumindest einen Tag freihätte. Er traute sich nicht, die anderen Bediensteten zu fragen. So zählte er die Stunden bis zum nächsten Mittag.
Doch sie war da. Sobald er sie erblickte, wurde ihm warm ums Herz, seine Augen strahlten. Ihr ging es auch nicht anders. Sie war sehr vertraut und liebkoste ihn mit ihren Blicken.
Als er nach zwei Wochen wieder in dem Fast-Food-Restaurant in einer Ecke saß und seine Speise konsumierte, sah er sie aus der Theke herauskommen, um die auf den Tischen hinterlassenen Pappteller, Pappbecher und Ähnliches wegzuräumen. Mit einem süßen Lächeln im Gesicht kam sie auf ihn zu. „Mein Name ist Olivia“, flüsterte sie unbeholfen. „Morgen Nachmittag um zwei Uhr warte bitte draußen neben dem Eingang auf mich.“ Und sie verschwand, bevor er seinen Namen sagen konnte. Als sie von einem entfernten Tisch herüberschaute, nickte er ihr mit strahlenden Augen zu.
Auf dem Wege nach Hause war er überglücklich und unruhig gleichermaßen. Den ganzen Tag und die ganze Nacht zerbrach er sich den Kopf darüber, was sie wohl vorhatte, wo sie gemeinsam hingehen und wie sie die Zeit verbringen würden.

Kaum war er auf der anderen Straßenseite, sah er sie neben dem Eingang des Restaurants stehen. Sein Herz machte plötzlich einen Sprung. In ihrem eigenen Kleid sah sie hübscher und etwas größer aus. Bis jetzt hatte er sie nur im Arbeitskittel gesehen. Sie gab ihm mit der Hand das Zeichen, er solle dortbleiben, sie wolle zu ihm kommen. Er verstand und rührte sich nicht vom Fleck. Sobald die Ampel auf Grün schaltete, lief sie zu ihm und streckte erst die Hand aus, dann umarmte sie ihn flüchtig, als würde sie Angst vor etwas haben. Ihm kam es so vor, als ob ihre Hand und ihr Gesicht glühen würden. Sofort machten sie sich auf den Weg zu der nächsten Snackbar. Er fühlte sich so sehr vertraut, dass er zu ihrer Hand langte, aber sie zog sie ihm behutsam weg. „Nicht hier, erst im Park“, flüsterte sie nervös, wobei sie den Kopf drehte und flüchtig um sich schaute. So liefen sie dicht nebeneinander.
Er hatte bei ihr keine Berührungsangst.
„Den Park kennst du bestimmt“, sagte sie, ohne sich zu ihm zu drehen, „von hier zu Fuß etwa zwanzig Minuten. Es ist ein schöner und ruhiger Park, mit vielen Pflanzen und Bäumen, mit unzähligen Blumenarten. Er hat auch viele Wege zum Spazieren und etliche Ecken, wo man sitzen und plaudern kann.“
„Natürlich kenne ich den Park“, entgegnete er. „Ich bin einige Male dort gewesen. Sogar zwei Mal mit unserer Klasse von der Highschool.“ Kaum dass er den letzten Satz aussprach, packte er ihre Hand wieder, er hatte ein tiefes Verlangen danach. Diesmal gewährte sie es ihm, aber sie wirkte plötzlich angespannt und unruhig und senkte ihre Blicke zu Boden. Ihre Hand war heiß und schwitzte in seiner. Im Augenblick gingen ihm die Augen auf. All die Menschen, die unterwegs waren, schauten die beiden beim Vorbeigehen mit Staunen an. Allen voran die älteren Leute. „Warum gaffen diese Leute uns so blöd an?“, sagte er irritiert.
„Weißt du wirklich nicht, warum sie uns so anschauen?“
„Woher soll ich es wissen?“, gab er gelassen zurück.
„Weil ein weißer Junge mit einem schwarzen Mädchen Hände haltend unterwegs ist.“
„Was ist falsch daran, wenn man einander lieb hat?“
„Dann wirst du es bestimmt lernen, und zwar sehr bald“, sagte sie mit traurigen Augen. Sie sprach in einem Ton, als wären ihre Worte nicht für fremde Ohren bestimmt gewesen. „In diesem Viertel wohnen fast nur die Weißen, insbesondere die Reichen. Du siehst ja hier ganz wenige Schwarze unterwegs, die allerdings bloß in gewissen Geschäften arbeiten, wie ich auch bei McDonald’s arbeite.“
Dennoch wollte er ihre Hand nicht freigeben, und sie bestand auch nicht mehr darauf.
Im Park angekommen, begaben sie sich zu einer Snackbar, am Rande des Parks. Sie sagte, sie hätte schon zu Mittag gegessen, dennoch würde sie eine Kleinigkeit zum Essen und etwas zum Trinken kaufen. Auch er sagte fast wortwörtlich das Gleiche, was allerdings gar nicht stimmte, denn angesichts der Aufregung, gar Erregung war er gar nicht in der Lage gewesen, etwas zu essen. Selbst am Frühstückstisch konnte er nicht genug herunterbringen. Als die besorgte Mutter ihn fragte, ob er irgendwelche Schwierigkeiten in der Schule gehabt hätte, gab er seine klassische Ausrede vor, er habe Kopfschmerzen gehabt. Also kauften beide etwas. Sie nahm ein Pappschälchen Pommes frites und eine Flasche Coca-Cola, das in diesen Tagen sehr beliebt und ‚in‘ war, und er kaufte auch dasselbe. Auch ihre Cola und Pommes wollte er mitbezahlen, aber sie lehnte es ab. Die gekauften Sachen in den Händen marschierten sie tief in den Park hinein.
„Ich kenne eine sehr ruhige Ecke, wo ich ein paar Mal mit meinen Eltern war“, sagte sie erleichtert, denn er hatte die Flasche und das Pappschälchen zu tragen, wie sie auch, und daher konnte er nicht ihre Hand halten, obwohl er im Augenblick danach dürstete. „Ungefähr noch vierhundert Meter oder etwas mehr“, fügte sie dann hinzu. Auf einmal beschleunigten sie ihre Schritte wie abgesprochen, um möglichst bald dort zu sein.
Es war in jeder Hinsicht eine ruhige und schöne Ecke inmitten allerlei Bäumen, Pflanzen und Blumen, weit weg von der Hauptstraße, auf der nur der Motorenlärm herrschte. Die Sitzbank war frei und sauber. Es war Mitte Mai, die Temperatur war angenehm. Die Natur zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Alle Bäume und Pflanzen hatten ihre Blüten und Blätter zur vollen Pracht entwickelt und trugen ihre Festkleider; sie hatten alle ihre Jahr für Jahr wiederkehrenden schönsten Kleider mit den vielfältigen und leuchtenden Farben an. Die Blumen mit verschiedensten und unglaublich lebhaften Farben lockten allerlei Insekten: Die Drohnen und Bienen, die verschiedenen Käfer sprangen und hüpften von Pflanze zu Pflanze, von Blume zu Blume. Die Ecke war auch voller Schmetterlinge, mit ihren bunt und glänzend bemalten Flügeln, die ständig von Blume zu Blume, von Blatt zu Blatt und von Baum zu Baum flogen. Auch wenn die kleineren Vögel in den Bäumen durch ihr Singen und Zwitschern und Gurren für eine beruhigende Musik sorgten, war das Summen und Surren, das die fleißigen Insekten und Bienen während ihrer unermüdlichen Arbeit hergaben, doch etwas Besonderes. So betörend die Farben der Pflanzen und Blumen waren, umso betörender waren die Düfte in der Luft. Es war ein Schmaus für das Auge und ein Balsam für die Seele.
Diese in dem ewig dröhnenden Verkehrsgeräusch einer geschäftigen und pulsierenden Metropole untergehende und daher auch gar nicht wahrgenommene Musik war nur für die Ohren bestimmt, welche die Natur noch immer einigermaßen wahrnehmen konnten und sich noch als ein Teil der Natur fühlten, wenn auch zum Teil unbewusst. In Wirklichkeit hatten die beiden jungen Menschen keine Ahnung davon, dass sie sich in jener Zeit in einem sehr kleinen Paradies, besser gesagt, in einem Mikroparadies befanden. In der Tat hatte das Mädchen diese Ecke nur aus einem Grunde ausgesucht: Sie wollte nicht durch die unfreundlichen und vorurteilsvollen Blicke der Menschen, vor allem der Weißen gestört und erdrückt werden; sie wollte mit dem weißen Jungen in aller Ruhe reden.
Wie vorher abgemacht, nahm sie erst einen Schluck aus ihrer Flasche, dann nahm er einen aus seiner Flasche, die beide schon bei der Snackbar aufgemacht worden waren. Dann fingen sie an, die bereits kalt gewordenen Stücke von ihren Pommes frites in den Mund zu führen, ohne einen sonderlichen Appetit darauf zu verspüren. „Du hast deinen Namen noch immer nicht gesagt“, begann sie mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln und sah ihm in die Augen. „Hast du dir meinen Namen merken können? Weißt du überhaupt, wie ich heiße?“
„Natürlich weiß ich deinen Namen“, versetzte er mit einem vorgespielten Erzürnen. „Du heißt Olivia, ich mag deinen Namen.“ Er vergaß wieder, seinen Namen zu sagen.
„Ich weiß aber deinen Namen immer noch nicht.“
„Ich heiße William“, sagte er mit errötetem Gesicht.
„Wo wohnst du? Was machen deine Eltern? Hast du Geschwister?“, reihte sie die Fragen in einem Atemzug aneinander.
„Ich wohne in einem Viertel, in dem fast nur reiche Leute in Luxushäusern wohnen, wir haben ein riesengroßes Haus“, antwortete William mit einem versteckten Stolz. „Mein Vater ist ein sehr reicher Geschäftsmann, und ich habe auch Geschwister.“
„Mit Sicherheit besuchen deine Geschwister und du ausgesuchte Schulen.“ Das kurze Schweigen von ihm nahm sie als Bejahung an und fuhr fort: „Nach der Primary School konnte ich keine weitere Schule besuchen, weil wir kein Geld haben. Zwei jüngere Brüder habe ich, und ich bin froh, dass sie zur Schule gehen können. Meine Mutter arbeitet in einem reichen Haus als Putzfrau und Küchenhilfe, und sie hat keine Kranken- und Sozialversicherung. Alleine mit ihrem Verdienst kommen wir nicht durch. Deshalb muss ich auch arbeiten, um meiner Familie helfen zu können.“
„Du erzählst nur von deiner Mutter“, sagte er etwas verwundert, „was macht dein Vater? Arbeitet er nicht?“
„Bei einem angeblichen Verkehrsunfall kam er vor zwei Jahren ums Leben.“
„Wieso ein angeblicher Unfall?“
„Laut dem Autopsiebericht der Polizei hätte er viel Alkohol im Blut gehabt“, erklärte Olivia mit traurigen Augen. „In Wirklichkeit trank er selten, und wenn, dann nicht viel. Als er spät abends von der Tankstelle, wo er immer Spätschicht arbeitete, nach Hause ging, wäre er plötzlich auf die Straße gelaufen und von einem Auto erfasst und überfahren worden. Die Tankstelle ist in dem Stadtviertel, wo wir wohnen, daher kam er immer zu Fuß nach Hause. Meine Mutter sagt, er habe niemals übermäßig getrunken und er sei nie alkoholisiert nach Hause gekommen. Meine Mutter weiß noch immer nicht, wer der Unfallfahrer war, weil die Polizei den Fall ad acta gelegt hat. Sie hat den Verdacht, dass er von den reaktionären Weißen umgebracht worden sei, weil er an den Kundgebungen des Menschenrechtlers Martin Luther King hin und wieder teilgenommen hatte.“
„Wer ist Martin Luther King?“, erkundigte sich William verlegen. „Den Namen hatte ich einmal bei uns zu Hause flüchtig gehört, als mein Vater am Esstisch mit einem seiner Freunde redete.“
„Wenn wir enge Freunde werden, musst du auch von ihm wissen“, sagte Olivia entschlossen. „Ich werde dir viel über ihn erzählen müssen.“
Inzwischen hatten sie ihre frittierten Kartoffelstreifen fertig gegessen, ohne es gemerkt zu haben. Er stand auf, nahm die beiden leeren Pappschälchen und trug sie zur Mülltonne, die in der Nähe stand. Sobald er sich zu ihr zurücksetzte, nahm er ihre Hand in die seine, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt gewesen. Sie fügte sich, vielmehr, sie freute sich. Plötzlich gab sie ihm einen leichten Kuss auf die Lippen. Am ganzen Körper bekam er eine prickelnde und süße Gänsehaut; etwas Warmes lief ihm den Rücken, vom Nacken bis zur Lende, hinunter. Endlich war er richtig aufgetaut und locker. Er war überglücklich und schwebte über allen Wolken. Nach einem kurzen Schweigen, das vielleicht nur eine Minute andauerte, aber wie eine Ewigkeit vorkam, sagte sie: „Ab Morgen werde ich in der Frühschicht arbeiten, damit wir uns jeden Nachmittag treffen und hierherkommen können. Ab morgen musst du nicht mehr jeden Tag zum Restaurant kommen und ewig sitzen, um immer wieder vor der Theke zu stehen und mir in die Augen zu schauen.“ Sie wirkte plötzlich nachdenklich, oder kam es ihm so vor? „Ich bin froh, dass der Chef es schon bewilligt hat“, fügte sie dann mit strahlenden Augen hinzu.
Gegen Abend gingen sie Hand in Hand den gleichen Weg zurück, diesmal aber ohne Hemmung und ohne Scheu. Dort, wo sie sich getroffen hatten, trennten sie sich wieder, um sich am nächsten Tag um die gleiche Zeit wieder zu treffen.

Format: 13,5 x 19,5 cm
Seitenanzahl: 442
ISBN: 978-3-99064-530-7
Erscheinungsdatum: 18.12.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 19,90
EUR 11,99

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