Cover: Der Leidensweg

Der Leidensweg
Eine Reise von Turkmenistan in die Mongolei


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 150
ISBN: 978-3-7116-0912-0
Erscheinungsdatum: 28.08.2025
Anna ist tot und zum ersten Mal seit über 40 Jahren steht Herbert Eder allein am Flughafen – mit Tränen in den Augen. Seine Reise führt ihn durch Zentralasien bis in die Mongolei. Noch ahnt er nicht, wie viel Schmerz – und wie viel Schönes – ihn erwartet.
Reise der Seele in die Finsternis Turkmenistan


Die Nacht wird zur Qual wie alle bisherigen Nächte, seit ein Teil meiner Seele in das Universum verschwunden ist, mit der Gewissheit, dass sie nie mehr zurückkehren wird. Die Augen brennen, der Schmerz sitzt im Herz, die Welt scheint zu stehen, scheint sich nicht mehr zu drehen. Ich schaue in die Finsternis, schaue ins Leere, will vergessen, kann es aber nicht. Niemals werden die Bilder verschwinden, niemals werden sie zerstört werden, denn der Stachel sitzt tief, die Liebe wird bleiben, das Zusammensein ist ausgelöscht.
Ich quäle mich aus dem Bett, muss raus, mache mich fertig, denn der kleine Koffer ist gepackt. Noch einmal schaue ich in die Totenstille der Wohnung, schaue auf leere Betten, Stühle ohne Leben, schaue in den Gang, in dem keine Schuhe stehen, schaue durch das Fenster hinaus zu den Bergen, die von der Sonne angestrahlt werden, und schließe die Tür des Elternhauses, das nun meinem Bruder gehört.
Einer meiner Freunde wartet bereits mit seinem Auto, da er mich zu Freunden, meiner Tante und weiter nach Salzburg zum Flughafen bringt. Ich muss raus, ich muss reisen und will den Schmerz, aber auch die Leidenschaft mitnehmen, in eine andere, eine unbekannte Welt. Ich verlade mein weniges Gepäck, steige ein, hoffe, dass es ein Anfang ist, endlich wieder ein wenig allein zurechtzukommen. Der Himmel ist düster, meine Stimmung auch, mein Freund gibt Gas, und wir brausen dahin. Die Stadt, meine Familie, alle Bekannten und die Berge bleiben hinter mir, nur meine Gedanken, die kommen mit mir.
Es regnet in Strömen, der Flughafen ist von dichten, schwarzen Wolken bedeckt, und es prasselt auf das Dach, als würde die Welt untergehen.
Mit Verspätung rollt der Bus heran, wir quetschen uns hinein und werden zum einzigen Flugzeug gebracht, das auf diesem verlassenen Flughafengelände steht.
Die Maschine rollt zur Startbahn hinaus, erzittert, macht Volldampf, drückt mich in den Sessel und schießt los. Wir fliegen den Wolken entgegen, tauchen ein in eine undurchdringliche Wand und schaukeln gewaltig, wie es immer weiter nach oben geht.
Ich schaue hinaus auf das Wolkenmeer, auf diese unendliche Weite, will an mich glauben, alleine zu sein, es fällt mir aber unglaublich schwer. Die Sonne ist verschwunden, es wird Nacht, das Licht im Flieger wird gedämmt, die Finsternis ist da.
Es kommen mir Tränen, ich weine, bin innerlich verzweifelt. Ich versuche zu kämpfen, möchte all die Gedanken verdrängen, doch ich schaffe es einfach nicht, denn Anna ist nicht mit mir. Ich schaue hinunter auf die Lichter der vielen Dörfer und Städte, die von hier oben glücklich und zufrieden ausschauen und mich begleiten, bis ich in Istanbul gelandet bin.
Der Landeanflug ist phänomenal, da wir unendlich lange über ein Lichtermeer und den Bosporus kreisen, bevor wir aufsetzen, als wären wir eine Feder. Wir landen auf dem neuen Flughafen und rollen über ein Flugfeld, dessen Ausmaße überwältigend sind. Es sind spektakuläre Dimensionen, die sie hier für eine der größten Flotten der Welt geschaffen haben.
So schön und gewaltig alles ist, bekomme ich es schön langsam mit der Angst zu tun, da ich durch die Verspätung langsam, aber sicher in Zeitnot gerate.
Die Uhr läuft, der Flieger rollt und rollt, und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht. Bei der Anzahl an Gebäuden, den unzähligen Fliegern, die herumstehen, kann ich nur hoffen und beten, dass mein Anschlussflug nicht allzu weit entfernt ist und wir einen Fahrer
bekommen, da mit einem Flughafenbus wahrscheinlich nichts mehr zu retten wäre.
Endlich, nachdem wir über eine halbe Stunde herumgeschlichen sind, docken wir an.
Schnell bin ich draußen in einer weitläufigen Halle und versuche mich an all den Zahlen, die über mir hängen, zu orientieren. Erst laufe ich in die falsche Richtung, was aber nicht an meiner Dummheit liegt, sondern an einem Phänomen, das es an einem Flughafen, noch dazu einem der größten, nicht allzu oft geben wird. Denn nach einem kurzen Sprint habe ich mich im Griff und kann kaum glauben, dass ich wieder am Gate stehe, aus dem ich gerade gekommen bin. Wie ich kurz darauf auch noch meinen Sitz bekomme, hätte ich eigentlich all mein Gepäck im Flieger lassen können.
Mit wildem Getöse starten wir bald darauf in die Nacht hinein, der Flieger brummt und zittert, beruhigt sich aber, kurz nachdem wir Istanbul verlassen haben.
Die Nacht wird unruhig, denn die innere Spannung steigt, und der Appetit vergeht mir bereits während der Frage, ob ich was essen will. Lieber nehme ich ein Bier und hoffe, dass ich damit ein wenig zur Ruhe kommen kann.
Wir fliegen über das Schwarze Meer, wären dabei fast in Panik geraten, da uns Winde das Fürchten lehren, bevor es über Georgien und Aserbaidschan weiter zum Kaspischen Meer geht.
In den frühen Morgenstunden gibt es dann den fast immer wiederkehrenden, außergewöhnlichen Sonnenaufgang, der mich blendet, der mit seinen Farben spielt, der am Horizont ein Feuerwerk zu einem Spektakel verwandelt. Ich schaue raus, freue mich über das fantastische Bühnenbild, bis mir bewusst wird, dass ein neuer Tag begonnen hat.
Es kommen Tränen, und sie kullern die Wangen hinab, lassen das Spektakel ein Spektakel sein, und ich versuche mich in meinem Inneren zu verkriechen, will Bilder verdrängen und will mir einreden, dass das Mädchen in den nächsten Tagen nachkommen wird.
Es ist Tag geworden, es ist dunstig, und es gibt nur schemenhafte Bilder, wie es dort unten, wie es in Turkmenistan ausschauen wird. Doch schön langsam verzieht sich der Dunst, und es wird immer heller und klarer, während wir über eine Wüstenlandschaft fliegen, in der, wie es ausschaut, keiner was verloren hat. Ich versuche meine Tränen zu trocknen und bin gespannt, was mich erwarten wird.
Wir kreisen über seltsame Felsformationen, überfliegen ein für uns totes Land, kreisen weiter, ohne zu wissen, warum.
Die Stimme des Kapitäns reißt mich schlussendlich aus meiner Lethargie, und ich bekomme noch mit, dass wir kreisen müssen, da im Moment starker Luftverkehr ist. Kann ich mir nicht vorstellen, obwohl ich überrascht bin, da sehr viele Passagiere auch auf unserem Flieger sind.
Dann aber, nach 40 Minuten, kommt die Erlösung, und der Landeanflug beginnt. Nun tauchen Straßen auf, Häuser und kleine Farmen, ein paar Fabriken und sogar Autobahndrehkreuze, die wie abstrakte Zeichnungen den Landeanflug zu einem überraschenden, aber auch spannenden Ende führen.
Schnell bin ich durch den Finger durch und draußen in einer leeren Halle. Ich muss einen langen Korridor entlanglaufen, werde aber bald von einem Polizisten aufgehalten, der mich zu einem Corona-Nasentest bringt. Mit diesem Scheiß habe ich nun wirklich nicht mehr gerechnet und kann nur hoffen, dass es gut geht. Weiter geht es zum Schalter, um das Visum zu besorgen, da man mir nur die Einladung gesendet hat. Ich gebe dabei am Schalter meine Einladung und den Pass ab, die der Herr Polizist hinter dem Schalter entgegennimmt. Nach kurzer Prüfung der Papiere schickt er mich mit einem Zettel zur Bank gleich nebenan, an der ich erst einmal anstehen muss, um die Visumgebühr zu bezahlen.
Endlich bezahlt, bekomme ich mein Visum und kann mit ruhigem Gewissen zur Passkontrolle gehen. Kurz vor der Kontrolle mache ich mein Dokument auf und staune nicht schlecht, wie ich einen französischen Pass in meinen Händen halte.
Gott sei Dank habe ich einen Mann gesehen, der auf Geschäftsreise ist, und erwische ihn noch rechtzeitig, bevor er verschwindet, denn auch er hat nichts gemerkt. So haben wir im letzten Moment alles geklärt, sind beruhigt, und ich hoffe nun, schnell nach draußen zu kommen, da sich die Verspätungen nun immer mehr in die Länge gezogen haben.
Aber es gibt noch eine Kleinigkeit, mit der ich nicht rechnen konnte, da es nun erst richtig zur Sache geht. Ich stehe in der Reihe und schaue verblüfft zu, wie die Passagiere ihr Gepäck öffnen müssen, selbst die eingehüllten Koffer werden aufgeschlitzt, und das Handgepäck wird ausgeleert, damit den Zöllnern ja nichts entgeht.
Wie ich endlich, etwas nervös, an die Reihe komme, haben sie Erbarmen mit mir. Da ich der einzige Ausländer bin darf ich den Koffer schnell wieder schließen, und draußen bin ich, in einem neuen, hoffentlich überraschenden Land.
Der Guide wartet bereits seit mehr als einer Stunde, begrüßt mich und lässt den Fahrer den Wagen holen. Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergangen ist, denn wir haben bereits frühen Vormittag.
Während der Fahrt in die Stadt werde ich von weißen Autos geblendet, erlebe trotz der Müdigkeit Außergewöhnliches an Bauwerken, an Parkanlagen und Straßen, deren Breite einzigartig ist. Die gesamte Stadt scheint weiß zu sein, da all diese Wohnhäuser, Bürohäuser, Krankenhäuser und Ministerien mit italienischem Marmor verkleidet sind.
Nach den ersten Überraschungen dauert es nicht mehr allzu lange, bis wir zu unserem Hotel einbiegen, das russischer gar nicht sein kann, was mir aber relativ egal ist, da ich endlich, fürchterlich müde, angekommen bin.
Wir steigen aus, ich wandle abwesend in Richtung Rezeption, bin froh, dass mein Guide alles erledigt und mir den Schlüssel für das Zimmer gibt. Als er sieht, dass ich kaum noch die Augen offen habe, verabschiedet er sich, geht aber nicht, bevor er den Aufzug geholt hat, als wäre ich sein Kind. Er ruft mir noch zu, dass ich bis 14:00 Uhr fit sein soll, und ist verschwunden.
Ich versuche, ein wenig zu schlafen, kann aber nicht, was in diesen intensiven, ersten emotionalen Stundenallein im Zimmer kein Wunder ist. Ich komme mir verdammt verlassen vor, und mir schwirren Gedanken durch den Kopf, die mir zu denken geben, warum ich das alles überhaupt alleine machen will.
Doch ich glaube, es ist der richtige Weg, hoffe, dass ich recht habe, dass es mir etwas besser geht, wenn ich diese Reise beendet habe.
Mein Guide ist da, und ich steige ein, um diese außergewöhnliche Stadt, das surreale Aschgabat, kennenzulernen. Es wird eine unglaubliche Fahrt, mit dem Eintauchen in die abstrakte Welt der Architektur, mit Gebäuden, die schräger nicht sein können, und die uns selbst an den Ausgrabungen der antiken Stadt Nissa vorbeiführt, deren Hochblüte leider längst erloschen ist.
Wir erreichen auf fast leeren Megastraßen Monumente, das gläserne Hotel das ein Wahrzeichen ist, goldene Skulpturen, außergewöhnliche Bauten und an jedem Kreisverkehr kunstvolle, verrückte und außerirdische Kunstwerke, die mit Metall, Spiegeln, Gold und Silber verziert sind. Immer wieder steige ich aus und wieder ein, staune bei all der Fantasie, die hier geboten wird, und muss weiter, da es noch viel zu sehen gibt. Auch wenn die Stadt unglaubliche Weite zeigt, mit ihren markanten weißen Stadtteilen und dem russischen Teil mit zweistöckigen Häusern, in denen die Normalität zu Hause ist, ist sie überschaubar, auch wenn zu Fuß fast nichts zu erreichen ist.
Menschen auf der Straße sind fast überhaupt nicht zu sehen, und ich frage mich, wo sie geblieben sind. Es gibt drei große Einkaufs-Malls in der weißen Stadt, deren Baustil genauso die Verrücktheit der Stadt widerspiegelt. Doch es gibt auch die kleinen Märkte und einfachen Geschäfte im russischen Viertel, mit den alten Häusern,, was gut für die Bevölkerung ist.
Am Abend bringt mich mein Guide, darüber freue ich mich, in unser russisches Viertel, da auch mein Hotel hier steht, nicht weit davon entfernt, in ein nettes Restaurant, so wie ich es mir erhofft habe.
Wir bekommen ein gutes Essen, ein eiskaltes Bier, auch die Musik ist angenehm, sodass ich endlich ein wenig entspannen kann. Bald geht es aber zu Fuß zurück ins Hotel, nicht aber ohne mit Staunen die faszinierenden Beleuchtungen, die Lichtermeere, Wasserspiele und Lichtshows mit ins Zimmer zu nehmen.
Über eine vierspurige Autobahn verlassen wir am nächsten Tag die Stadt, und ich komme weiterhin nicht aus dem Staunen heraus, was hier an Verrücktem, Überdimensionalem, im normalen Leben Unvorstellbarem entstanden ist. Seit heute weiß ich auch, dass neben den weißen Autos silberne wie goldene erlaubt sind, wobei einige in Silber, aber bis jetzt noch keines in Gold aufgetaucht ist. Farbige Autos dürfen nicht in die Stadt fahren. Wir biegen zu einer Hütte ab, die zu einem Kamelmarkt gehört. Einige Kamele stehen und fressen bei einem Heuhaufen, all die anderen stehen in den Ställen, die keine Seitenwände haben.
Die Stuten warten, bis sie gemolken werden, und alle zusammen, bis irgendein Käufer kommt, um eines oder mehrere dieser Tiere zu kaufen und gleich mitzunehmen. Da hier nicht nur Tiere verkauft werden, sondern auch Milch und Käse produziert wird, bekomme ich gleich mal zwei Tassen Kamelmilch angeboten, da sie gesund sein soll. Sie schmeckt dann auch um einiges besser als das optische Bild vermuten lässt, das mir in der Tasse geboten wird.
Die vierspurige Autobahn wird schmaler, was aber in unseren Breitengraden immer noch dreispurig ist. Bald schon biegen wir in eine Seitenstraße ab und fahren auf die Bergkette zu, hinter der, nur wenige Kilometer entfernt, der Iran liegt.
Wenn ich zurück an den Anflug nach Aschgabat denke, bei dem ich nur Wüste gesehen habe, überraschen mich hier weite Felder mit Weinbau, Felder mit Gemüse, Melonen und Obstbäumen, die an den hier fruchtbaren Hügeln und fruchtbaren Feldern angebaut werden. In der Nähe liegt auch ein großer See, der die Sicherheit der Gegend ist, sollten trockene Jahre mit wenig Regen kommen.

Wir erreichen bald darauf Köw Ata, unser Ziel. Hier liegt ein Untergrundsee, der 38 chemische Elemente enthält, für viele Krankheiten wertvoll ist und 65 Meter unter uns liegt.
Einige weiß gestrichene Steinblöcke verdecken den Eingang zur Höhle, in der ich zum See hinabsteigen soll. Steil führt dabei eine Treppe hinunter in die Finsternis. Kleine Vögel schwirren herum, kreischen und lassen das Konzert durch den Widerhall mehr als doppelt so laut erscheinen. Fledermäuse segeln vorbei, sausen zwischen bizarren Felsen hindurch, die wie grässliche Dämonen von allen Seiten auf mich herunterschauen. Bei schummriger Beleuchtung taste ich mich die Stufen nach unten, erschrecke, wenn ein Vogel streift, auch wenn es nur sein Flügelschlag ist, und ignoriere Schatten, die nach mir greifen wollen.
Der Einstieg, das Tageslicht ist nicht mehr zu sehen, Finsternis fast überall, außer den schummrigen Lampen, die versuchen, den Weg nach unten zu beleuchten. Ich bleibe stehen, glaube, dass ich angekommen bin, und Gedanken erdrücken mich, Totenstille umgibt mich, mir ist, als würde meine Seele schweben. Doch wohin, wem soll sie folgen, denn die Seele, die ich verloren habe, werde ich auch hier nicht mehr finden.
Längst ist kein Vogel mehr zu hören, während ich die letzten Treppen weiter nach unten steige, immer weiter nach unten, dem Ende dieses Steiges entgegen. Meine Seele ist noch bei mir, ich brauche sie, ich will noch leben, und erreiche den See, der so viele Krankheiten heilen kann, nur meine nicht.
Ich höre in die Stille hinein, schließe die Augen und lasse den Tränen freien Lauf. Sehnsüchte, Träume, Erinnerungen überkommen mich, und ich wünschte mir sehnlichst, in diesem Augenblick nicht alleine hier unten in der Finsternis zu stehen.
Ich werfe ein paar Steine in den matt glänzenden See, höre das Platschen, sehe zwei-, dreimal kleine Fontänen und schaue den kreisenden Wellen zu, die in der Dunkelheit verschwinden.
Langsam steige ich wieder die steilen Treppen hinauf ins Leben zurück, steige hinauf in die Wirklichkeit. Ich kämpfe mit der Luft, das Herz pocht, die Knie zittern, doch ich muss weiter, dem Ausgang der Höhle entgegen. Ich höre wieder die Vögel kreischen, sehe Fledermäuse, die ihre Runden drehen, und atme tief durch, als das Tageslicht endlich wieder durch den Eingang fällt. Auf der Heimreise gibt es dann eine Abwechslung, wie es sie nur bei solchen Machthabern geben kann. Auf dem Weg nach Aschgabat biegen wir ab, um eine neue Stadt zu besuchen, die erst vor wenigen Wochen eröffnet wurde.
Selbst mein Guide wie auch der Fahrer haben die Stadt bisher noch nicht gesehen.
Eine weiße Stadt mit unglaublichen Ausmaßen, vergoldeten Ampeln, gläsernen Straßenüberführungen, goldenen Skulpturen, prunkvollen Tieren und Idolen sowie breiten Straßen, grünen Gärten und Parkanlagen.
Alles in Marmor, alles irre, ob die Wohnhäuser oder die Kliniken, eigene Ministerien und Bürohäuser, alles gebaut einzig und allein nur für diese Stadt. Es gibt das Konzerthaus und natürlich ein Stadion, eine Pferderennbahn und, man kann es nicht glauben, auch noch einen Zoo.
Eine Welt, die vor Kurzem noch nicht existiert hat, eine Welt, die neu erfunden worden ist, mitten in einer unwirklichen, trockenen Gegend, gezeichnet, geplant, zum Leben erweckt für Tausende an Menschen, die hier wohnen werden, in dieser glänzenden Marmorstadt.
So bleibt mir eine letzte Nacht, bevor der Abschied aus Aschgabat gekommen ist, einer Stadt, die in dieser Art, wie sie sich präsentiert, einzigartig, aber nicht im Geringsten unsympathisch wirkt.
Pünktlich um 12:00 Uhr werde ich abgeholt. Wir verlassen den russischen Teil der Stadt und tauchen schnell ein in das weiße, unvergessliche Ensemble von Wohnhäusern, extravaganten Hochhäusern und sogar dem futuristischen Flughafen, den ich bei der Ankunft nicht so recht registriert habe.
Wir halten an einem überraschend gut ausgestatteten Supermarkt, um für die kommende Nacht einzukaufen, da wir in die Wüste gehen. Nach einem kurzen Mittagessen verlassen wir dann endgültig das architektonische Wunderwerk und kommen nun an nichtssagenden Vororten vorbei, bevor wir über die Autobahn in Richtung Norden rauschen.
Wüste, nichts als Wüste, eine Stunde lang, mit Büschen, vielleicht einem Baum, einem Kamel und ein paar Ziegen. Endlich eine Stadt, na ja, ein größeres Dorf, mitten im Sand, was unglaublich bitter, trostlos und unwirklich ausschaut. Und ich frage mich, wie man hier eine Stadt gründen kann. Wir halten kurz an, da in einer ausdruckslosen Hütte ein kleiner Minimarkt untergebracht ist und ich die Chance habe, noch ein kaltes Bier zu trinken. Weiter geht es durch die Wüste, mit Sträuchern, Kamelen und wie aus dem Nichts einem großen See, der in der Sonne dunkelblau leuchtet. Die Straße ist schon lange ein Hindernislauf zwischen den Schlaglöchern, über die wir unvermeidlich drüberdonnern.
Wir besuchen auf unserem Weg durch Niemandsland noch einen mit Wasser gefüllten Krater, der, wie man sagt, bei der Suche nach Gas entstanden ist.

Bald darauf biegen wir dann aber ab und fahren über eine Sandpiste ins Hinterland hinein. Es sind nur einige Kilometer, die wir fahren, um am späten Nachmittag am nächsten Krater anzukommen. Unser Fahrer hält an, ich steige aus und gehe nach vorne, um hinein in den Krater zu schauen, aus dem eine gewaltige Hitzewelle kommt. Der Krater brennt, und das Erstaunliche dabei ist, dass er bereits mehr als dreißig Jahre brennt, und man damals geglaubt hat, dass es vielleicht zwei bis drei Tage dauern wird, bis das Gas erloschen ist.
Sogar bei Tageslicht ist es beeindruckend, und ich bin gespannt, wie es später in der Nacht ausschauen wird, wenn ich hierher zurückkommen werde.
Wir fahren weiter zu unserem Camp, das gemütlich errichtet oben auf einem Hügel steht. Es wird mir meine Jurte gezeigt und drinnen ein Bett gerichtet, während das zweite eingerollt bleibt. Ich lege ein paar meiner Sachen hinein, schlucke ein paar Mal, als ich das zweite Bett in der Jurte sehe, reiße mich zusammen und laufe rüber zur Kochhütte, um mir ein Bier zu holen, das mein Guide glücklicherweise mitgebracht hat. Ich habe den Krater erreicht, jenen Ort, vor dem ich mich schon zu Hause am meisten gefürchtet habe.
Ich setze mich auf einen Stuhl im Sand, mache einen Schluck, schaue auf die wenigen Jurten, die hier stehen, blicke raus aufs Land und beobachte kleine Wüstentiere, auch Käfer und Heuschrecken, die hier ganz schön groß geworden sind.
Bald gibt es Abendessen, natürlich vom Grill, das aber mit Leidenschaft zubereitet wird. Aber wie immer kommen zum Huhn und zum Schaschlik Gemüse, Kräuter und Salate auf den Tisch, was selbst für vier Personen zu viel gewesen wäre.
In der Zwischenzeit ist die Nacht hereingebrochen, ein Aggregat gibt uns ein wenig Licht, und ich mache mich fertig, zum Krater hinunterzugehen. Mit dem Strahl des Handys folge ich Spuren, wie m Schnee. Es dauert nicht lange, da habe ich den von Weitem leuchtenden Krater erreicht.
Ich filme, ich fotografiere, bin fasziniert von der Dramaturgie der Flammen, der Hitze und der Mystik, die mich umgibt. Meine Augen schwimmen, werden trüb, denn hier wären wir gewesen, wären wir gestanden, und nicht so wie jetzt, ich ganz allein. Ich schaue runter auf die Feuer, die leidenschaftlich lodern, brennen wie aus Geisterhand, rund um den ganzen Krater herum.
Es schüttelt mich, ich frage mich, kann es immer wieder nicht verstehen, wahrscheinlich niemals bis in die Ewigkeit. Ich komme mir vor, als würde ich am Rande der Hölle sitzen, spüre das Feuer, spüre die Hitze, wie sie nach oben schlägt. Ich kann weinen, da mich hier keiner hören kann, atme heiße Luft ein und schließe die Augen, um nur noch das Fauchen der Flammen zu hören.
Doch die Seele nimmt mich mit in die Finsternis, bringt mich durch die Nacht zu meiner Jurte hinauf, bringt mich hinein zu meinem Bett, zu einem Bett, in dem ich mich verkrieche und in dem ich hoffe, irgendwann, irgendwo, wieder zu zweit zu sein.
...

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