Der Knall

Der Knall

Wolfgang Krauß


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 320
ISBN: 978-3-95840-657-5
Erscheinungsdatum: 05.03.2018
Peter wächst in einem thüringischen Dorf auf und entdeckt - begünstigt durch das soziale Umfeld - bereits mit neun Jahren den Alkohol für sich. Eine lebendig erzählte Zeitreise über Menschlichkeit, Idealismus und falsche Phrasen in einem bewegten Leben.
I


Der Boden der Granate begann an den Rändern zu glühen. Kein Mensch wusste, wann sie denn nun endlich explodieren würde.
Dass sie auseinanderflöge, daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Die drei Zehnjährigen, die am Rande des Feuers standen, waren sich ihres Fachwissens sicher.
Sie unterschieden mit der Miene von Experten zwischen Enfield-Karabiner und K 98, ebenso wie zwischen deutscher Pistole und russischer Tokarew.
Und sie bekamen glühende Ohren, wenn die Sechzehnjährigen sich über die Feuergeschwindigkeit der verschiedenen Maschinengewehrtypen ausließen. Doch es bot sich keine Möglichkeit, sich mit denen darüber auszutauschen.
Die Hierarchien waren streng in den Gruppen der Heranwachsenden des Nachkriegsthüringens.
Älter vor jünger, Kraft vor Schwäche, schnell vor langsam, Scharfsinn vor Dummheit. So fanden sie zueinander und gegeneinander.
Ihre Spielplätze waren von jeher Wald und Flur. Wie hätten sie auch auf der staubigen, von blauem Basaltschotter übersäten Dorfstraße einen Kreisel tanzen lassen sollen?
Unsere Bürschchen gehörten zu den Kleineren. Sie hatten gerade ihre Indianerfedern abgelegt und ihre Bögen aus Haselruten in die Ecke gestellt.
Es gab Wichtigeres zu tun. Denn es wurde Zeit, allerhöchste Zeit, dass sie den Älteren beweisen würden, zu welchen Taten sie fähig wären.
Heldentaten müssten das schon sein. Am besten, man schlüge den Gegner auf seinem eigenen Feld.
Die Gelegenheit war günstig. Westthüringens Wälder waren jetzt, zehn Jahre nach dem Krieg, noch voller Kriegsgerät. Dieser oder jener der Heranwachsenden hatte seine eigene Silberbüchse, deren Präzision Winnetou zur Ehre gereicht hätte.
Mancher Knall, der mit langem Nachhall durch eines der Täler rollte, stammte weder von einem Wilderer noch von einem Jagdkommando der Volkspolizei, die mitunter genauso schnell verschwanden, wie sie gekommen waren.
Der Wald hütete seine Schätze. Unter eichenen und fichtenen Dächern verbarg er vergessene Tümpel. Zwischen Feuersalamandern und Molchen blitzte es auf, wenn mitunter ein Sonnenstrahl durchs Blätterwerk drang.
Granaten aller Kaliber waren zu sehen. Von Maschinengewehren abgesehen.
Kupferne Führungsringe und massive Messinghülsen. Buntmetall in Hülle und Fülle.
Die Pflicht der Kleinen war die des Entdeckens und des Bergens, danach wurden die schon etwas Älteren aktiv. Es waren wahre Meister, die sich unter Dreizehnjährigen entwickelten, wenn es um das Entschärfen der Munition ging.
Die Schrotthändler wussten, dass in ihren Kilopreisen mitunter der Gegenwert für abgerissene Daumen und aufgeschlitzte Bäuche enthalten war. Sie schlossen die Opfer in ihre Gebete ein.
Motorräder für Achtzehnjährige, manchmal ein Fahrrad für Flaumbärtige, ab und an ein paar Bleisoldaten für die Kurzen.
An solcher Reihenfolge schien sich das Seelenheil der Beteiligten auszurichten, denn die Frau des Schrotthändlers trug Pelze.
Peter, der Anführer der drei, schob gerade einen armdicken und trockenen Kiefernast ins Feuer.
Einen Nacktfrosch, wie sie die Äste nannten, von denen die Rinde abgefallen war. Er würde die Flammen merklich in die Höhe steigen lassen. Aber auch so zuckte es schon zwischen Hellgelb und Dunkelrot fast bis in Häuserhöhe.
Sie hatten den Ort des Geschehens um einiges aus dem Wald heraus ins Feld verlegt. Mitunter fuhr der Wind jäh und unvermittelt in den glühenden Stoß trockenen Holzes hinein. Dann stob mit knatterndem Geräusch ein Strahl hell aufleuchtender Funken empor.
Die Jungs zogen schnell ihre Köpfe ein. Als empfänden sie das als Vorboten der zu erwartenden gewaltigen Explosion, des Signales großer Mannestat.
Ihrem Mut und ihrer Angst war schon vorher wirksam begegnet worden. Denn die zwei Kaufmannssöhne, die zur Gruppe gehörten, empfanden es als Selbstverständlichkeit, dass sie für das seelische Wohl der anderen zuständig wären.
Ihre Mitgliedsbeiträge bestanden aus Schnaps und Zigaretten, die sie vollständig ungerührt aus dem Laden der Mutter mitgehen ließen.
Das blieb unentdeckt, denn der Vaterbruder trank den gleichen Kräuterschnaps. Schon als Kind, sagte die Oma, hätte er es immer mit dem Magen gehabt. Was Wunder, dass er reichlich und regelmäßig trank. Und nicht immer seinem Geldbeutel gemäß.
Eine Grauzone im Schnapsbestand des Ladens war die Folge. Peter hatte nicht sonderlich viel Mühe aufwenden müssen, damit die Brüder diese Chance erkannten.
Regelmäßig brachten sie nun einen Viertelliter „Aromatique“ – im Westthüringschen „Ammedick“ – mit in den Wald. Ein Viertelliter Schnaps, das war das, was man fünfzig Jahre später in den Gastwirtschaften des erweiterten Werratales ein Kultmaß genannt hätte.
Wenn der Bus der Schichtarbeiter aus den Kaligruben um Mitternacht vor der Wirtschaft hielt, dann spie er einen Schwall lärmender Erwartungsfroher mitten in den verräucherten Eingang hinein.
„Acht Schoppen Bier und ein Viertelchen Ammedick“, so lautete die erste Bestellung.
In der Verniedlichung lag die Botschaft, dass man selbstverständlich maßhielt.
Order folgte auf Order. Zwei Stunden später, wenn sie das schläfrige Mahnen des Wirtes zu Bette trieb, dann klangen, meist an den Straßenecken, ihre Lieder durchs Dorf.
Es waren Lebensglück „im Wiesengrunde“ und froher Sinn „im Vaterhaus unter den Linden“ zu hören. Und auf diese Weise fand das Viertelchen ganz selbstverständlich seinen Platz auf der Liste der wichtigsten Begehrlichkeiten. Dem galt es zu folgen, wenn man vorhatte, dem Erwachsenwerden ein bisschen nachzuhelfen.
Peter hatte es besonders eilig in dieser Beziehung. Als Sohn der Kleinbauernfamilie Härter kam er an einem Sonntag des Jahres 1946 zur Welt. Das hatte zu bedeuten, dass er ein Glückskind würde. Er lernte fast alles schneller als andere. Sprechen, laufen, lesen, schreiben.
Aber er schiss auch länger in die Hosen als seine Altersgenossen, denn er vergaß über „Rotkäppchen“ ganz einfach den lästigen Druck auf den Schließmuskel.
Als aus „Hänsel und Gretel“ „Halbblut“ und „Kara Ben Nemsi“ geworden waren, hatte ihm das Leben seinen künftigen Weg schon deutlich vorgegeben.
Schnurgerade und schnellstens zur Lust. Und nachhaltige Tarnung vor Pflicht. Alles, was dabei half, bekam seinen Wert.
Schon vor einem Jahr hatte der damals neunjährige Peter Härter erfahren dürfen, welch selige Wirkung sich im Inneren einer Weinflasche verbergen kann. „Samos“, so stand es in großen blauen Buchstaben auf der Flasche, in der sich eine hellgelbe Flüssigkeit befand. Und darunter: „Dessertwein, gereift unter der Sonne Griechenlands“.
Die Flasche stammte aus einem Paket des Mutterbruders aus dem Westen. Und sie war als Medizin gegen Großvaters Asthmahusten gedacht.
Peter kannte das Fach im Schrank des Alten, in dem die Flasche ihren Platz gefunden hatte.
Schon der erste Schluck erwies sich als Offenbarung. Es war die Sonne Griechenlands, die zu sehen war, wenn er trank. Eine Verheißung schlechthin.
Als er den Schraubverschluss öffnete, erschien ihm Kara Ben Nemsi, der, in den Konturen undeutlich, aber in der Richtung unerschrocken und zielsicher, den in der Sonne gleißenden Wüstensand durchpflügte.
Augenblicklich begann die gelbe Flüssigkeit, als sie ihm durch die Kehle geronnen war, zu wirken. Wärme kroch ihm, vom Bauch beginnend, in Arme und Beine.
Ohne Zweifel, es war der Flaschengeist, der ihn mit in sein Reich nahm. Fast schien es, als glitte er ihm gemeinsam mit einem angenehmen Kribbeln durch Kopf und Leib.
Einem Gleiten, das von Sekunde zu Sekunde an Fahrt gewann. Hinauf, hinein, in eine fast schmerzende, bunte Vielfalt vorher nie gekannter Abenteuer.
Er ritt auf Winnetous Rapphengst furchtlos durch Präriehundbaue und Dornenhecken hindurch.
Links und rechts, jeweils dicht hinter ihm, auf Falben, Old Shatterhand und Old Surehand. Mit den Gesichtern der Kaufmannssöhne. Schaumflocken flogen im Donnern der Hufe von den Nüstern. Gerade war er im Begriff, den berühmten Pfiff anzusetzen, in dessen Folge der Hengst auf der Hinterhand herumgeflogen wäre.
Als ein Glockenschlag den Fluss der Gedanken jäh unterbrach. Die Kirchturmuhr schlug.
Der Großvater käme jeden Moment. Geschwind die Flasche unter den Wasserhahn. So deckte sich der Schwindel mit dem Wein mit jenem durch den Wein. Ganz gewiss würde Großvater nur ein bisschen mehr husten.
Die Wirkung des Ammedick glich der des „Samos“. Im Schweben der Gedanken entstanden neue Träume. Bunter, und schärfer in den Konturen.
Da es aber nur von der Menge abhing, damit aus klar trübe, aus lustig trist und aus bunt grau wurde, mit dieser Erfahrung würde sich das gesamte spätere Leben des Kindes verweben müssen.
Denn mit der Wirkung kam die Lust.
Die drei hatten den Ammedick bereits ausgetrunken, bevor sie die schwere Fliegerabwehrgranate in die Mitte der Ästepyramide schoben. So glühten ihre Gesichter durch Schnaps und Feuer gleichermaßen.
Mein Gott, irgendwann musste dieses verdammte Ding doch in die Luft fliegen. Das Rotglühen des Geschossbodens bekam an den Rändern bereits einen Stich ins Weiße.
Wieder zogen sie ihre Köpfe ein. Und wieder war es ein Ast, dessen Hitzespannung sich mit schussähnlichem Knall entladen hatte.
Aus Peters Augenhöhlen waren schmale Schlitze geworden, während die Kaufmannssöhne ab und an den Atem so lange anhielten, bis ihnen die Luft mit lautem Zischen entwich.
Doch was war das, alle vier fuhren fast gleichzeitig herum. Laut und deutlich hatten sie den Schrei gehört. „Hinlegen“, immer wieder stieß der Mann das Wort hervor.
Seine Stimme überschlug sich, während Johannes Härter auf dem Fahrrad förmlich herangeflogen kam.
Peters erster Gedanke zu fliehen, wurde schon im Ansatz erstickt, als der das Gesicht des Vaters sah. Die Mütze verloren, die Augen fast vor dem Kopf stehend und aus dem Mund eine schmallippige Grimasse geworden, das Fahrrad war in hohem Bogen in den Graben des Feldweges geworfen worden.
Gleichzeitig warf er mit einer einzigen zupackenden Bewegung beider Arme die Jungs zu Boden.
Fast augenblicklich wurde es ihnen schwarz vor Augen, denn er drückte ihnen die Gesichter ins Gras. Seine Arme hielten sie im Nacken am Boden. Und über alle vier Köpfe hatte er seine dunkelgraue Feldjacke geworfen.
Noch viele Jahre danach hätten sie nicht sagen können, ob sie nun Sekunden oder Minuten unter der Jacke und den Männerarmen zugebracht hatten.
Aber die Gerüche blieben ihnen deutlich im Gedächtnis. Kunstdünger, Schweiß, Frühstücksbrot, Kautabak. Jeder roch das Seine.
An den Knall an sich erinnerten sie sich später nur undeutlich.
Nur daran, dass noch lange ein tiefes Grollen durch die entlegenen Täler gerollt war.
Vater und Sohn gingen langsamen Schrittes auf das Dorf zu. Die Hand des Jungen war fast ganz in der Männerhand verschwunden. Mit der anderen schob der Mann das Fahrrad.
Nur ab und an, wenn Vorder- und Hinterrad durch ein Schlagloch des Feldweges hüpften, vernahmen sie ein kurzes Klappern des Schutzbleches. Aber auch das klang, als dämpfe ein dicker Wattepfropfen das blecherne Scheppern.
Beiden, dem Kind wie dem Mann, hing noch der infernalische Donner im Ohr, den sie gerade eben überstanden hatten.
Der Vater hielt seinen Blick auf das Dorf gerichtet. Als fixiere er das Zusammenspiel der willkürlich ineinandergeschachtelten Hausdächer mit dem Schwarzgrau des gen Osten gerichteten Kirchturmes.
Effbach kuschelte seine Häuser in die Ausläufer des Thüringer Waldes. Grün in allen nur denkbaren Schattierungen beherrschte Feld und Flur. Nur hier und da wand sich ein Weg durch die Felder. Im Rot des Buntsandsteins lagen Schönheit und Armut dicht beieinander.
Denn der Boden nährte die meisten der Kleinbauern und Häusler recht karg.
Johannes Härters Atem hatte sich noch immer nicht beruhigt. „Mein Gott“, dachte er. „Um ein Haar hätte ich mein Kind verloren.“ Und wenn es einen Gott gab, im Krieg hatte er daran gezweifelt, dann hatte er gerade eben eingegriffen.
Oder aber die göttliche Neugier der langen Else – einer Offizierswitwe – war es, die sie zum Fernglas hatte greifen lassen.
Mit wehendem Kopftuch, vollständig außer Atem, das Artillerieglas noch am Hals baumelnd, so war sie herangejagt. „Schnell, Johannes, schnell“, dann war sie heran. „Dein Peter und zwei andere Jungs haben am Wald eine große Granate in einen Reisighaufen geschoben und das Ganze dann angezündet.“
Mehr hatte er schon nicht mehr gehört. Als er das Fahrrad durch die Hoftür schob, hörte er noch: „Nimm den Waldweg.“
Härter sah hinab auf seinen Sohn. Mein Gott, dieses Händchen in seiner mit Schwielen besäten Männerhand. Er umschloss es etwas fester, doch mit der Vorsicht, als hielte er ein rohes Ei.
Haut und Haare waren ganz die Mutter. Dunkel und nussfarben, mit schräg gestellten Augenschlitzen, die vollständige Macht über das sonnenverbrannte Gesicht des Jungen auszuüben schienen.
Und die ganze Neugier des Zehnjährigen lag in ihnen. Pechschwarz und tief, dabei glänzend und blitzend wie Herzkirschen im Frühsommer.
Es zuckte verdächtig um die Mundwinkel des Mannes. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, als er wie von Sinnen mit dem Fahrrad zum Waldrand gehetzt war, diesem Bürschchen würde er, wenn die Sache einen guten Ausgang genommen hätte, aber ganz gewaltig den Arsch versohlen.
Als er aber dann die Jungs unter seiner Jacke liegen hatte, schlug die Wut in Sorge um, schließlich in fürchterliche Angst.
„Tach Johannes, na, hat alles geklappt, wie ich sehe.“ Härter zuckte zusammen, dann sah er sich um. Seine Hand lag noch immer auf der Schulter seines Sohnes. Etwas irritiert, so, als offenbare er Ungehöriges, versenkte er seine Hand in der Hosentasche.
Die lange Else stand am Ortseingangsschild. Genau an der Stelle, an der sich der Hohlweg in das Dorf hineinwand. Johannes Härter bemerkte, als er aufsah, dass sie eigentlich eine Schönheit gewesen sein musste.
Auch, wenn sie sich viel Mühe zu geben schien, das vor dem zufälligen Betrachter zu verbergen.
Ganz in Gummi.
Militärmantel und Stiefel, über der mageren Brust das Prismenglas baumelnd. Als trüge sie ein letztes Stück vom Gewesenen.
Johannes Härter registrierte wohl noch, dass sie das Haar wie immer hoch, in einem hölzernen Reifen hineingesteckt, trug. Aber bei dem Gedanken, wie sie wohl reagierte, wenn sich eine Männerhand um den mageren Nacken legte, war er schon weitergegangen.
Dabei hatte er kaum bemerkt, dass ihnen die Kaufmannssöhne mit zwei Schritten Abstand in das Dorf hinein gefolgt waren.
Er selbst, noch immer das Fahrrad schiebend, sah nun, dass sich seine Vorahnungen in vollständiger Weise bestätigten.
Der Donner der geborstenen Granate hatte die Hausfrauen Effbachs alarmiert. Hier und da hatten sie sich in Grüppchen zu dreien oder zu vieren zusammengefunden.
Die Sorge in ihren Blicken war bereits der Neugier gewichen. Das bedeutete nichts anderes, als dass nun die Urteilsfindung begänne.
Sie waren meist schwarz gekleidet. Denn wenn sie die Vierzig erreicht hatten, dann gab es in jeder Familie einen Trauerfall.
Die Frauen waren die Vermittler und Träger von Botschaften. So lag es in der Natur der Dinge, dass aus ihnen ab und an auch Erfinderinnen wurden.
Vor allem aber formten sie jede sich anbahnende Geschichte in den ersten Momenten ihres Entstehens.
Härter war klar geworden, dass sich das Haupttribunal vor dem Kaufmannsladen befinden würde Daher grüßte er auch mit der Unbefangenheit, die ihm nach der letzten halben Stunde geblieben war, nach allen Seiten.
Wohl wissend, Worte blieben Worte. Und richtig, schon schob sich Wärts Anna nach vorn, die rechte Hüfte voranschiebend, inmitten einer Gruppe von sechs oder sieben Frauen, die bereitwillig zur Seite getreten waren. Sie trat neben die Kaufmannsfrau, als wäre das eine Selbstverständlichkeit.
So standen sie nun, zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können.
Beide in Schwarz. Aber feingliedrig und figurbetont die eine. Dabei mit einer Haut aus Milch und Honig, die im schattigen Reich von Bonbon und Sauerkraut zu fraulicher Reife gelangt war.
Gewaltig die andere. Schwarze Strümpfe umspannten säulenartige Beine, um die ein schwer hinabfallender Rock schwang. Zwischen kleinen, blassblauen Äuglein saß eine schiefe und große Nase, deren Auf und Ab ihrer Rede den Takt gab.
Das Haar von strohigem Rot, mit dem mehligen Schleier der Mittfünfzigerin, war von einem schwarzen Tuch bedeckt.
Wärts Annas Stimme war ein Organ, das im Rhythmus einem Schiffdiesel und in der Lautstärke einer Posaune glich.
Die Verkündigung und das Gewissen des Dorfes.
Sie hatte es schwer genug gehabt. Drei Jungs, in kürzester Zeit nacheinander gekommen, entwickelten ihren ersten großen Hunger.
In einer Zeit, da Hunger nichts galt, weil ihn alle hatten, und die man später die Weltwirtschaftskrise nennen würde.
So war die Schwindsucht über die Familie gekommen. Und als sie wieder ging, hatte man ihren Mann schon lange mit den Füßen voraus über die Türschwelle getragen.
Anna schwang die Sense, den Rechen und die Mistgabel mit dem Gleichmut und der Selbstverständlichkeit, mit denen sie ihren Jungs den Schmerz von Beinen und Seele blies, wenn sie sich die Füße am Basaltschotter der Dorfstraße aufgeschlitzt hatten.
Sie hielt den Hof. Von den Kühen bis zu den Hühnern. Die Jungs gediehen schneller, als sie wuchsen. So wurde aus ihr das, was man später eine starke Frau nennen würde.
Nur manchmal, wenn hier oder da ein Seufzer aus einem der geöffneten Schlafzimmerfenster drang. Wenn er, kaum wahrnehmbar, sich sogleich im Gewisper der schwülen Sommernacht verlor.
Dann war Annas Fenster zu.
Das vollkommene Gegenstück zu ihr war die Kaufmannsfrau. Vor zwanzig Jahren hatte sie ihr Mann von der Werra nach Effbach geholt.
Sie war klein und von der Blässe der Vornehmen. Unempfindlich gegenüber dem figürlichen Vernichtungswerk von Schweinefleisch und Kochkäse, schien sie sich ihrer Vorzüge bewusst.
Sie zelebrierte das Füllen von Heringsgläsern mit Grazie, das Verschließen der Zuckertüten auch.
Außerdem, und das wurde im Laufe der Jahre ihr Hauptvorzug, gehörte sie zu jenen Menschen, die Rede und Erfindung in ihrem Zusammenspiel zur Meisterschaft bringen. Der Kaufladen bot reichlich Gelegenheit.
Alle Dinge, die Effbach in irgendeiner Weise bewegten, kamen durch die Hausfrauen als Sätze in den Laden hinein. Und als spannende Geschichten fanden sie zusammen mit ihren Trägerinnen wieder heraus.
Aufbereitet durch die Kaufmannsfrau. Und mit Annas Kraft in Fasson und Wert gebracht.
Härter wusste natürlich, dass sein pfiffiges Söhnchen in Lausbubenkreisen die Meinungsschöpferinnen mit Rundfunksendern verglich. Und so nannte man Wärts Anna in Effbach schon ein Weilchen hinter vorgehaltener Hand den „Hessischen Rundfunk“.
Natürlich war klar, dass es ihr selbst schon bald zu Ohren gekommen war. Dass bedeutete Vergeltung. So hatte der zehnjährige Peter Härter in einem Alter, in dem man seit vielen Jahrzehnten die erste Zigarette probierte, sein erstes Etikett erhalten. Anna nannte ihn einen Taugenichts. Rache musste schon auch sein.


5 Sterne
Der Knall das drama des Nachtwächters von Dresden  - 09.01.2019
E. Häbold

Ich habe das Buch innerhalb von 3 Tagen verschlungen ! Der erste Teil, die Kindheit des Autors betreffend, weckte eigene Erinnerungen an Sommerferien bei Verwandten in einem thüringischen Dorf im Eichsfeld... Auch wenn ca. 15 Jahre später... die Lebensverhältnisse waren zum großen Teil unverändert geblieben...Eine heute kaum noch vorstellbare archaische Dorfgemeinschaft, geprägt von jahrhunderte alten Traditionen, Gesetzmäßigkeiten und gegenseitiger Hilfsbereitschaft. Aber auch gefüllt mit Feierkultur, die ohne Schnaps, Likör und Bier in den 50er und 60er Jahren diese Bezeichnung nicht verdient hätte ! Die Kinder feierten mit ! Der darauf folgende Teil der Erzählung beschreibt den privaten und beruflichen Werdegang des Autors in der DDR bis zum Fall der Mauer im November 1989. Es ist unglaublich, zu lesen, wie es möglich war, beruflich andauernd über viele Jahre die Stelle zu kündigen und in den unterschiedlichsten Metiers fast problemlos wieder Fuß zu fassen . Auch hab ich nicht vermutet , dass so viele Menschen in der DDR mit einer Planstelle als Funktionär ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Familie verdient haben. Wie der Autor beschreibt, konnten diese Zustände langfristig nur zur Schwächung der Volkswirtschaft und letztlich zum Niedergang des gesamten Systems führen ! Der Alkohol, anfangs nicht mehr als ein Stimuli und ein Pinsel , der die Wirklichkeit etwas bunter malte, wurde zunehmend benötigt, um eben diese immer größer werdende Dissonanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus der DDR nicht zu deutlich zu sehen ! Dass auch das private Leben und ganz besonders seine Ehe unter der zerstörerischen Wirkung des Teufels Alkohol leiden musste, war unvermeidlich. Was dem Protagonisten selbst lange, zu lange, wohl gar nicht bewusst war...! Wer in der DDR gelebt hat, wird beim Lesen dieses Buches an vielen Stellen in die Vergangenheit und in sein eigenes früheres Leben zurück entführt und erfährt ein Deja - vue an Erinnerungen der ganz besonderen Art...

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