Cover: Der kleine Tycoon

Der kleine Tycoon
Ein Expat in Hong Kong


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3-99185-246-9
Erscheinungsdatum: 18.08.2026
Ein junger Jurist wagt in Hongkong einen Neuanfang – und gerät zwischen Geschäft, Moral und große Ambitionen. Zwischen Labor, Intrigen und riskanten Entscheidungen beginnt für Adrian ein Spiel um Erfolg, Macht und die Frage, wie weit man gehen darf.
Kapitel 1

Der Kapitän hatte soeben den Sinkflug Richtung Hongkong angekündigt und die Passagiere aufgefordert, die Gurte zu schließen, die Sitze senkrecht zu stellen und die Fensterblenden zu öffnen. Es war bislang ein ruhiger Flug ohne große Turbulenzen gewesen und Adrian konnte während des zweiten Teils des langen Fluges sogar einige Stunden schlafen. Er war froh, einen Fensterplatz ergattert zu haben, blieb er damit während seines Schlafes doch ungestört von über seinen Sitz kletternden Passagieren.
Der Abflug in Zürich erfolgte spätabends, sodass er nach dem Start beim Blick durch das Fenster für einige Stunden in der Dunkelheit nur hin und wieder Lichter von Städten und Dörfern sah und später mit dem geschlossenen Verdunkelungssichtschutz die Zeit mit Schlafen verbrachte. In Asien war es wegen der Zeitverschiebung bereits Nachmittag und durch die nun geöffneten Blenden spiegelte sich die hellstrahlende Sonne für sein Auge schmerzhaft auf der unterhalb liegenden Wolkendecke. Diese Decke war blendend weiß und sah aus wie zusammengeschobene, frisch geerntete Baumwollbällchen. Das Flugzeug tauchte mit einem kleinen Rumpler in diese weiße Masse ein. Die Wolken blockierten zunehmend den grellen Sonnenschein und es wurde schnell erheblich dunkler, bis das Flugzeug im Sinkflug durch die Wolke hindurchstieß und der Boden sichtbar wurde. Unten sah Adrian das Meer, darauf mehrere Schiffe, und in der Ferne tauchten einzelne Inseln auf. War vor Kurzem über den Wolken noch heller Sonnenschein, so erschien die Welt nun dunkel und trüb. Adrian wurde deutlich bewusst, dass für ihn mit dieser Reise ein neuer Lebensabschnitt begann.
Er fragte sich direkt, ob dies symbolisch darstellen sollte, dass er aus einem lichten Leben in ein viel trüberes eintauchen würde. Eine ähnliche Situation hatte er bereits einmal erlebt: Während seines Praktikums am Gericht in der Bäumleingasse als junger Jurist in der Vorbereitung auf das Anwaltsexamen lief er am Spittelsprung-Brunnen vorbei, wo ein Straßenkünstler zur Belustigung der Passanten Seifenblasen produzierte. Eine dieser Blasen flog dann Adrians Weg entlang um das Eck in die Bäumleingasse zu den Stufen des Gerichtes, wo sie zerplatzte. Anderthalb Jahre nach dieser Beobachtung war es genau auf diesen Stufen, wo ihn nach dem Anwaltsexamen der Sekretär des Gerichtes abpasste, um ihm mitzuteilen, dass er die Prüfung nicht bestanden habe und er nicht wie die anderen Kandidatinnen und Kandidaten zur feierlichen Mitteilung der Zulassung als Anwalt vor dem Gericht erscheinen könne. Seine Erwartungen waren geplatzt wie die Seifenblase. Diese Enttäuschung und sein Wunsch, sich nach den Jahren seiner Laborantenlehre und seines Studiums von dem Leben in der Wohnung seiner verwitweten Mutter zu lösen, führte ihn dazu, die Arbeitsstelle in Hongkong anzunehmen, da sie ihn weit von seinem Versagen bei der Anwaltsprüfung wegführte.
Allgemein war bekannt, dass der Anflug auf den Flughafen Kai Tak in Hongkong schwierig war, da kurz vor der Landung noch eine Kurve geflogen werden musste. Es durften einzig die dafür speziell ausgebildeten Piloten diese Landung durchführen. Adrian war gespannt auf dieses Manöver und schaute auf die nun in seinem Blickfeld auftauchenden Häuser von Hongkong. Er erblickte den Hafen und rechts den Hügel, der, gemäß dem von ihm in Vorbereitung seiner Reise studierten Reiseführer, «Peak» genannt wurde. Das Fenster des Flugzeugs war nun vom Regen nass und er wartete auf die letzte vom Piloten einzuleitende Kurve vor der Landung, doch die ließ auf sich warten, während vor ihnen die Häuser immer näherkamen. Plötzlich aber senkte sich der Flügel, womit der Pilot etwas gar abrupt die Kurve einleitete. Unmittelbar über dem Flügel, genau vor dem Fenster von Adrian bildete sich ein dichter Gischtnebel, der ihm jegliche Sicht nahm. Beim Hinausschauen erblickte er bloß noch das Grau des Gischtnebels, wurde aber in den Sitz gepresst und spürte, wie der Pilot die letzte steile Kurve flog. Ähnlich abrupt, wie er begonnen hatte, richtete der Pilot das Flugzeug auf und beendete damit das Manöver. Das Flugzeug flog wieder geradeaus und die Gischt vor dem Fenster verschwand so plötzlich, wie sie entstanden war, womit die Sicht wieder frei wurde. Adrian zuckte erschrocken zusammen, sah er doch in kurzer Distanz die Gebäude der Stadt auf etwa gleicher Höhe wie das Flugzeug. Sie schienen zum Greifen nah, als ob er bereits auf einer Straße durch die Häuser fahren würde. Kaum hatte er sich vom Schrecken erholt, berührten die Räder des Flugzeugs den Boden. Der Pilot trat voll auf die Bremsen und Adrian hing einen kurzen Moment im Sicherheitsgurt. In der Tat eine spektakuläre Landung, und Adrian mit seiner Flugangst war auch nach der Landung beruhigt zu wissen, dass der Pilot dafür extra ausgebildet war.
Nach dem Verlassen des Flugzeugs und der Passkontrolle beim Zoll konnte er dem Beamten bereits seine Arbeitserlaubnis vorweisen, die er vorab über die englische Botschaft in Bern erhalten hatte, und wurde nach peinlicher Überprüfung des Dokumentes durchgewunken. Sein akademischer Abschluss hatte dazu beigetragen, dass sein Gesuch in der Botschaft zügig bearbeitet und genehmigt worden war.
Bei dem Anstellungsgespräch wurde sein Abschluss als Doktor der Jurisprudenz zwar wohlwollend vermerkt, doch wurde ein Laborant gesucht und somit war der gute Abschluss seiner Laborantenlehre vor seinem Studium das ausschlaggebende Kriterium.
Bei der Gepäckausgabe herrschte ein riesiges Gewimmel von Reisenden. Auf dem angezeigten Ausgabeband für seinen Flug wurde noch das Gepäck eines anderen Fluges abgefertigt. Das Band blieb die ganze Zeit in Bewegung und kaum sah er, wie andere Passagiere seines Fluges ihr Gepäck vom Band nahmen, wurde bereits die Ausgabe für einen nächsten Flug angezeigt. Er musste aufpassen, um seinen Koffer unter den vielen nicht zu verpassen und herauszufischen. Er kämpfte sich durch die Menge zum Ausgang in die Ankunftshalle, die von Reisenden und deren Verwandten und Freunden überquoll. Ein überlautes Sprachengewirr verstärkte den Eindruck, in einer aufgeregten, hektischen Menschenmenge zu stecken, wie er sie bisher nur bei der Fasnacht in Basel erlebt hatte. Schließlich stand er draußen in der Abendsonne und sah beim Taxistand eine lange Schlange von wartenden Gästen, bei der er sich hinten anstellte.
Seine künftigen Arbeitgeber hatten ihm einen Zettel mit der Adresse zukommen lassen, geschrieben in chinesischen Schriftzeichen. Er sollte diesen dem Taxifahrer zeigen, um ans Ziel zu gelangen. Die recht lange Warteschlange bewegte sich zügig vorwärts, kamen doch in hoher Frequenz Taxis, luden die Passagiere ein und fuhren sofort los. Als er schließlich an der Reihe war, öffnete sich hinten am Taxi die Klappe für den Kofferraum, während der Fahrer am Steuer sitzen blieb und wartete, bis Adrian den Koffer verstaut und sich ins Taxi gesetzt hatte, worauf er sofort losfuhr und dann einen Laut wie «Mhh» hervorbrachte. Adrian erkannte darin die Frage nach dem Ziel der Fahrt, zückte seinen Zettel mit der Adresse und reichte ihn nach vorne. Der Fahrer nahm zuerst zwei Kurven und warf auf der darauffolgenden geraden Straße einen Blick auf den Zettel, stoppte sofort sein Taxi am Wegrand und begann auf Adrian einzureden, doch dieser verstand kein Wort Kantonesisch. Als der Fahrer dies erkannte, stieg er aus und begann zu winken, bis schließlich ein weiteres Taxi vor ihnen anhielt. Adrian wurde mit Handzeichen gebeten, das Taxi zu wechseln, was er folgsam tat und dem neuen Taxifahrer den Zettel zeigte. Dieser nickte, fuhr los und brachte ihn durch heftigen Verkehr und einen langen Tunnel nach etwa einer halben Stunde vor ein Gebäude, auf das er deutete und dann unmissverständlich den Preis für die Fahrt verlangte. Adrian hatte vorsorglich in der Schweiz bereits genügend Geld gewechselt. Also bezahlte er, stieg aus, nahm seinen Koffer und ging zum Eingang des Gebäudes. Er fand dort auf einer angeschlagenen Liste in der Tat den Firmennamen seines künftigen Arbeitgebers, «Chemical B & S Trading Ltd.» (abgekürzt CB & S), der im fünften Stock seine Büros hatte.
Als er sich auf das Inserat in der Zeitung gemeldet hatte, kam es sehr schnell zum Treffen mit den Eigentümern der Firma in der Schweiz.
«Ich bin Stefan Schwyzer und das ist Bodo Brill. Wir suchen einen Chemiker oder Laboranten, der in Hongkong die Substanzen, mit denen wir handeln, auf deren Qualität prüft. Bodo kümmert sich um die Kunden und ich um Einkauf, Lieferung, die Buchhaltung und das Personal.»
«Wir haben unsere Firma in den letzten drei Jahren aufgebaut und nun läuft sie gut und wächst», fiel ihm Bodo ins Wort.
«Hongkong ist als Handelsort zwischen China und der westlichen Welt von zentraler Bedeutung und vermutlich momentan die aufregendste Stadt der Welt», setzte Stefan seine Erläuterung fort. «Du findest dort alles: gutes Essen aus aller Welt und 24 Stunden Betrieb, Unterhaltung jeder Art, sogar Konzerte mit klassischer Musik werden inzwischen geboten.»
«Und Asiatinnen … Bangkok und die Philippinen sind in der Nähe. Kennst du das Buch ‹Suzie Wong›?» Die Bemerkung zeigte, wessen Geistes Bodo war.
«Oder ‹Noble House›, ein etwas neueres Buch, dann lernst du Hongkong kennen», ergänzte Stefan.
«Außer den Wohnungen und Autos ist praktisch alles billig. Wir haben eine Wohnung für dich angemietet: Ein kleines Studio, das sehr spartanisch und trotzdem aus Schweizer Sicht sehr teuer ist.
Wir erwarten, dass unser Geschäft stark wachsen wird. In China sind die Produktionskosten viel niedriger, da die Löhne in China nur ein kleiner Bruchteil dessen sind, was im Westen für die gleiche Arbeit bezahlt werden muss. Das Land hat sich dem internationalen Handel geöffnet und wird zur Werkbank der Welt werden. Umweltauflagen gibt es kaum, Chemieanlagen zu bauen ist billig, da Land von der Regierung günstig angeboten wird, sofern man eine Fabrik bauen und Leute beschäftigen will.»
Bodo lachte: «Als Ausländer können wir davon aber nicht direkt profitieren, da wir noch zu wenig Geld haben, um eine eigene Fabrik zu errichten und auch mit lokalen Partnern arbeiten müssten, was grundsätzlich abschreckend ist. Den Handel können wir aber aus Hongkong heraus betreiben.»
«Wir haben unsere Büros im fünften Stock in einem Bürohochhaus nahe dem Zentrum auf der Hongkong-Seite. Es ist eigentlich der vierte Stock, doch wegen des Aberglaubens bezüglich der Ziffer vier gibt es wie in vielen Gebäuden keinen vierten Stock und wir haben diesen ‹fünften› Stock für einen etwas geringeren Mietpreis erhalten, da er eben doch der ‹vierte› Stock ist und deshalb lokale Unternehmer den dritten oder sechsten Stock vorziehen.»
Adrian erinnerte sich an diese Erklärung, drängte sich mit Koffer und Handgepäck in den sich schnell füllenden Lift und quetschte sich auf dem «fünften» Stockwerk mit Mühe durch die Gruppe der anderen Liftbenutzer auf den Flur, um zum Büro der CB&S zu gelangen.
Nachdem er durch die Eingangstür ging, landete er unmittelbar in einem fensterlosen, vollgestopften Raum mit vier schmalen Bürotischen. Überall am Boden neben den Tischen befanden sich aufgestapelte Aktenbündel und an den Wänden Regale mit Gefäßen, die offensichtlich Chemikalien enthielten, mit denen die Firma handelte. Von dem am Eingang nächstgelegenen Tisch schaute ein etwas älterer Inder auf und begrüßte ihn mit «Hello». Nachdem er sich vorgestellt hatte und sich nach den beiden Eigentümern erkundigte, die ihn erwarten würden, wurde er in den nächsten Raum verwiesen, der zwar klein war, aber immerhin ein Fenster nach außen hatte und offensichtlich als Besprechungsraum diente. Ein offener Korridor führte zu weiteren Büros, aus denen die beiden Eigentümer heraustraten und Adrian begrüßten. Der Inder am Eingang hatte beide von Adrians Ankunft per Telefon informiert.
Die Begrüßung durch die beiden Eigentümer, die ihn in der Schweiz angestellt hatten, fiel für Adrian etwas weniger enthusiastisch aus, als er es sich vorgestellt hatte. Beim Anstellungsgespräch hatten sie ihm Hongkong in den hellsten Farben geschildert. Davon war beim nun angeschlagenen geschäftsmässigen Ton nichts mehr zu spüren. Er fragte sich auch bald, wo er denn seine Arbeit erledigen sollte, denn diese Büroräumlichkeiten waren klar ungeeignet für die von ihm erwarteten chemischen Analysen.
«Wie war dein Flug?» erkundigte sich Bodo Brill, der etwas ältere Eigentümer der Firma. «Bist du mit dem Taxi gut hergekommen?»
«Der Flug war gut, eine aufregende Landung. Mit dem Taxi war es etwas schwieriger. Ich nahm eines, musste es aber nach kurzer Zeit wechseln. Keine Ahnung, warum.»
«Du bist vermutlich in der Schlange für die Taxis in Kowloon angestanden und hast deshalb in ein Taxi für die Insel wechseln müssen. Hongkong ist im Grunde zweigeteilt: Hier sind wir auf der Insel und auf der anderen Seite des Hafens ist Kowloon, eine Halbinsel, und die New Territories. Unter dem Hafen gibt es den Autotunnel und die Untergrundbahn MTR, die die beiden Teile verbinden. Früher gab es nur die Star Ferry und private Taxi-Boote, um von einem Teil zum anderen zu kommen. Das war aber noch vor meiner Zeit.
Nun bist du aber hier angekommen, vermutlich müde von der Reise. Jane wird dich zu deiner neuen Wohnung bringen und danach können wir uns auf einen Absacker in einer nahen Bar treffen. Jane zeigt dir die Bar, wir werden in circa einer Stunde dort sein. Merk dir den Weg gut, es ist nicht ganz einfach, die Wohnung zu finden.»
Die junge Frau begrüßte Adrian mit einem trockenen «Hallo» und bat ihn, ihr zu folgen, womit sie unmittelbar davonlief. Adrian griff schnell nach seinem Gepäck, um ihr zum Lift zu folgen, wo sie offenbar bereits erwartet hatte, dass sie warten müssen. Unten angekommen und nach der ersten Umrundung einer Ecke zeigte sie auf eine Bar und ließ ihn wissen: «Hier das Bier», und mit der fortgesetzten Armbewegung in die Gegenrichtung fügte sie hinzu: «Star Ferry.»
Sie schien sich der Notwendigkeit bewusst zu sein, dass sie diesem Neuling den Weg zu seiner Unterkunft deutlich machen musste.
Auf der etwas größeren Straße ging es durch einen Strom von Menschen vorwärts und Adrian begann auch gleich zu schwitzen, war er doch nicht nur die Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit nicht gewohnt, sondern hatte auch Koffer und Handgepäck zu tragen. Jane zeigte nach einigen Schritten auf die gegenüberliegende, in die Straße einmündende Seitenstraße und zählte «Eins».
Damit fuhr sie fort, bis sie an der fünften Seitenstraße über den Fußgängerstreifen lief, um abzubiegen und durch die Seitenstraße bis zur nächsten Querstraße zu gehen, diese ebenfalls überquerte und dann der Querstraße folgend begann, den ansteigenden Hügel emporzulaufen. Bei der zweiten Abzweigung ging es zuerst nach rechts, danach nach links und wieder ein Stück in die Höhe, bis sie vor einer Tür auf der rechten Straßenseite vor einem niedrigen, in den Hang gebauten Haus stehen blieb.
Sie holte einen Schlüssel hervor, stieg die eine Stufe zur Tür hoch und öffnete mit der Bemerkung: «Deine Wohnung». Anschließend ging sie in den Flur des Hauses und wendete sich vor einer steilen Treppe nach links, um eine weitere Tür zu öffnen und ihn mit einer Handbewegung zu bitten, einzutreten.
Mit fragendem Gesicht blickte sie ihn an und bemerkte: «Okay?», und als er kurz nickte, drückte sie ihm den Schlüssel in die Hand und verabschiedete sich mit einem knappen «Bye».
Adrian sah sich in seiner neuen Bleibe um. Rechts neben dem Eingang befand sich eine Tür, die er öffnete und nicht unerwartet eine bodenebene Kauer-Toilette vorfand, die offensichtlich gleichzeitig auch als Abfluss für die oben angebrachte Dusche verwendet wurde. Unter der Decke führte ein kleiner Ventilator in ein Rohr, das oberhalb der Eingangstür nach draußen führte. Gegenüber der Tür zur Toilette, gleich links vom Eingang, befand sich ein Fenster auf die Straße und davor eine fix angebrachte Planke, die offensichtlich als Tisch diente. Weiter im Raum war an der Außenwand der Toilette ein kleiner, mit Gas betriebener Durchlauferhitzer und darunter ein Waschbecken, wobei die Wasserversorgung sowohl die Spülung der Toilette, die Dusche als auch dieses Waschbecken bediente. Zwei Schritte von dem Waschbecken entfernt war an der inneren Wand eine Pritsche mit einer etwas fleckigen Matratze und am hinteren Ende des Raumes ein geöffneter, halbhoher Vorhang und dahinter ein knapp unter der Decke angebrachter Draht mit vier Kleiderbügeln. Dies war offenbar nach dem Schließen des Vorhangs das, was man als «Kleiderschrank» eingerichtet hatte.
Bodo und Stefan hatten ihm bereits in der Schweiz beim Anstellungsgespräch erläutert, dass seine Unterkunft ein «bescheidenes Einzimmerapartment» sein werde, doch hatte er sich angesichts des dafür erwähnten Mietzinses von nicht ganz 40 Prozent seines künftigen Lohnes dennoch etwas weit Besseres vorgestellt als dieses Loch. Seine Sehnsucht, gleich wieder in die Schweiz zurückkehren zu wollen, unterdrückte er sofort mit dem Gedanken, welche Blamage er erleiden würde, wenn er all seinen Verwandten und Bekannten nach der grandiosen Ankündigung seiner Anstellung in Hongkong erklären müsste, wo er gelandet war. Er entschloss sich, auf alle Fälle mindestens ein Jahr durchzuhalten und sagte sich, dass er im Militärdienst in der Schweiz bereits in ähnlich üblen Unterkünften hatte nächtigen müssen. Er benutzte die Toilette und war froh, dass der frühere Bewohner noch eine halbe Rolle Toilettenpapier hinterlassen hatte. Er hängte noch seinen Anzug, eine weitere Hose und zwei seiner Hemden auf und begann gedanklich eine Liste der Dinge zu entwerfen, die er sich unbedingt zulegen musste, wollte er hier ein Jahr überleben. Gleich darauf machte sich dann aber auf den Weg in die Bar, um seine Arbeitgeber zu treffen, wobei er sich nochmals den Weg zu seiner Unterkunft einprägte.
Bodo und Stefan saßen bereits vor einem halb geleerten Humpen Bier und waren offensichtlich in Feierabendlaune und damit bedeutend besser gelaunt als noch im Büro.
«Deine Wohnung hat dich vermutlich geschockt», leitete Stefan das Gespräch ein. «Ich war in meiner ersten Zeit in Hongkong zunächst als Expat besser untergebracht. Als ich mich mit Bodo selbstständig gemacht habe, musste ich in der ersten Zeit ebenfalls unten durch. Doch nach einem halben Jahr liefen die Geschäfte und ich konnte mein Leben hier verbessern. In Hongkong sind zwei Dinge teuer: Wohnungen und Autos. Kleider und Essen sind billig, speziell wenn du hin und wieder selbst kochst. Du brauchst eine Herdplatte, einen Reiskocher und einen kleinen Kühlschrank, dann kommst du mit sehr wenig Geld aus.»
«Und wie gesagt», fiel Bodo ein, «wenn es gut läuft, bekommst du wie ein fetter Banker einen Bonus.»
«Auf einen fetten Bonus wie ein Banker freue ich mich heute schon», erlaubte sich Adrian leicht scherzend zu antworten, erntete damit aber nur ein unmerkliches Verziehen des Mundes von Bodo, während Stefan grinste.
«Du findest alles, was du brauchst, in den Läden rund um deine Bleibe, und zwar günstig. Etwas weiter in Richtung Central ist dann auch ein Markt mit Gemüse und Fleisch, wo man ebenfalls günstig einkaufen kann», erläuterte Stefan weiter.
«Die Hühner musst du zwar nicht selbst töten, immerhin, aber selbst rupfen und ausnehmen, falls du das kannst», ergänzte Bodo und lachte.
«Komm morgen um neun Uhr ins Büro, dann zeigen wir dir das Labor und du kannst hoffentlich bereits erste Analysen machen. Es gibt viel zu tun, wir haben dringend auf dich gewartet. Abends hast du genügend Zeit für deine Einkäufe, die Geschäfte haben lange offen, eventuell schon heute.»
Stefan schien sich deutlich mehr um ihn und generell die Angestellten sowie um die täglichen geschäftlichen Abwicklungen zu kümmern als Bodo, der sich, wie bereits im Bewerbungsgespräch erwähnt, in erster Linie um die in Deutschland vorhandenen Kunden kümmerte. Die Unterhaltung plätscherte noch unverbindlich weiter und Adrian war überrascht, welches Aufhebens Bodo machte, dass ihm als Willkommensdrink das Bier von seinen Arbeitgebern bezahlt wurde. Adrian dämmerte, dass der ursprünglich so enthusiastische Ton des Anstellungsgesprächs, nun da er in Hongkong war, durch eine eher raue Gangart ersetzt wurde.
Mit den Worten «Wir sehen uns dann morgen um neun Uhr im Büro» wurde er schließlich von Bodo verabschiedet.
Auf dem Heimweg in seine Wohnung fand er in einem Laden in der Nähe Betttücher, ein Kissen und eine Decke, Getränke und etwas Essen, womit er das Nötigste für seine erste Nacht in Hongkong besorgen konnte.

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