Cover: Dauerlauf zu den Sternen

Dauerlauf zu den Sternen


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 474
ISBN: 978-3-99146-909-4
Erscheinungsdatum: 05.08.2024
Tristesse im Job, Selbstzweifel, Liebeskummer und ein Staubsauger zu Weihnachten! Barbara findet ihren Alltag durchaus steigerungsfähig. Die schicksalhafte Begegnung mit ihrem Lieblingssänger bringt neuen Schwung und eine alte Liebe in ihr Leben.
Barbara Blume macht Schluss



Im Jahr 2011, Anfang Januar


Trennung! Barbara Blume macht Schluss mit ihrem Liebhaber.

So könnte ein Titel in der GALA lauten. Wenn ich berühmt wäre. Dann hätte ich der Klatschpresse einiges zu bieten. Wäre ich Julia Roberts oder Verona Pooth, wären für mich mindestens ein halbes Jahr lang die Titelseiten sämtlicher Boulevardzeitungen reserviert. Ich würde den ganzen Tag nur Interviews geben und hätte eine Armee von Paparazzi rund um die Uhr vor meiner Wohnung. Selbst meine Nachbarn und Freunde würden reich von den Gagen für ihre Auskünfte über mich und mein Liebesleben. Wie das wohl wäre, so ein Leben als VIP? Ich würde alle Neuigkeiten meiner filmreifen Geschichte jeden Morgen selbst lesen können. Ich würde mal über einen roten Teppich spazieren. Oder ich würde bei Frauke Ludowig zu einer Sondersendung von „Exclusiv“ eingeladen. Ja, wie das wohl wäre? Eigenartig? Beängstigend? Aufregend? Ich gerate ein bisschen ins Träumen bei der Vorstellung, mein Leben könnte für andere Menschen interessant sein. Natürlich bin ich nicht berühmt, und werde es voraussichtlich auch nicht werden. Ich bin eine völlig unbekannte Bürokauffrau, die sich mit einer Kollegin ein abgelegenes Büro teilt. Ist auch unwahrscheinlich, in meinem Job Ruhm zu erlangen. Es sei denn, man überweist eine Million auf sein eigenes Konto und wird zur Fahndung ausgeschrieben. Und für so was mangelt es mir an krimineller Energie und Nervenstärke. Also bleibe ich unbedeutend in der Weltgeschichte und in der Klatschpresse. Niemand wird von meinem mutigen Schritt erfahren. Ich bin nur Barbara Blume. Meine engen Freunde nennen mich Barbi. Nicht zu verwechseln mit der berühmten Barbie, die vorzugsweise pink trägt. Ich bin Barbi aus Bielefeld, die kein Mensch kennt, und die aus ihrem Kummer keinen Profit schlagen kann, weil es keine Sau interessiert.
Es ist nicht so, dass ich mich nach Berühmtheit sehne. Im Gegenteil. Die armen Stars und Sternchen tun mir schon leid, wenn sie morgens nicht unbehelligt im Out-of-Bed-Look zum Bäcker gehen können. Als Frau hast du es besonders schwer. Du musst immer gut aussehen, sonst wirst du irgendwo am Strand ungefragt abgelichtet, und die Presse stürzt sich auf deine Problemzonen wie Aasgeier auf ihre jüngst verstorbene Beute. Selbst ich als normal Sterbliche habe vor meinem Sommerurlaub immer das dringende Bedürfnis, noch eine Radikal-Diät zu machen in Verbindung mit ganz vielen Situps, Chrunches und Plank Hip Dips. Ich bin nicht mehr die Jüngste und es wird immer schwieriger, die Kaffeestreifen und Pizzen kurzfristig zu verbrennen.
Vor drei Monaten habe ich meinen 40. Geburtstag gefeiert. Ich hatte, meinem Alter angepasst, Freunde zum Brunch eingeladen. Irgendwann wurden die Partys unbeliebt, die bis in den frühen Morgen dauern und mit einem fiesen Kater enden. Mancher Gast ist heute froh, wenn man an einem Samstagvormittag um 11:00 einlädt. Spätestens um 14:00 werden kreative Entschuldigungen gefunden, um sich zu verabschieden. Man hat in unserem Alter schließlich noch so viel anderes zu tun. Die Wäsche muss gewaschen und gebügelt werden, der Garten muss gepflegt werden, die Kinder wollen vom Fußball abgeholt und die Schwiegermutter will zum Kaffeekränzchen gefahren werden.
Es ist immer schwieriger geworden, Termine zu finden, die allen Gästen zusagen. Doch an meinem Ehrentag waren sie alle da. Sogar mein Lover kam in meine kleine, aber feine Wohnung, und es wurde ein schöner, ausgelassener Geburtstag. Das lag hauptsächlich an meiner lieben und feierwütigen Freundin Katja, die noch bis spät in die Nacht blieb, während sich die Sektflaschen in meinem Altglas-Korb stapelten. Geht doch.
Mein Leben ist an Normalität nicht zu überbieten. Ich habe einen stinklangweiligen Job in der Buchhaltung eines mittelständischen Unternehmens, das Maschinen entwickelt und herstellt. Zweimal in der Woche gehe ich zum Sport und am Wochenende laufen. Ich treffe mich mit Freunden zum Essen oder auf Stadtfesten. Regelmäßig besuche ich die Konzerte von Chris de Burgh, dem ich seit meiner frühen Jugend ein bisschen verfallen bin. Nachdem ich ihn mit 14 Jahren zusammen mit Mama das erste Mal live gesehen hatte, war ich drei Jahre lang verliebt. Seine Poster hingen über meinem Bett und seine Musik lief in Dauerschleife. Natürlich gab es noch andere Stars wie Depeche Mode oder Hubert Kah, die ich auch ganz gut fand. Niemand kam jedoch an Chris heran. Mittlerweile habe ich ungefähr 150 seiner Konzerte besucht.
Ich mag Filme wie Forrest Gump oder Schlaflos in Seattle mit Tom Hanks und natürlich Dirty Dancing. Und selbstverständlich muss ich mir auch bei Pretty Woman immer wieder die eine oder andere Träne aus dem Auge wischen, wenn die Szene läuft, in der Vivian Edward verlässt, passend untermalt von Roxettes Tränenschocker It must have been love. Ich bin ein sensibler Mensch. An schlechten Tagen bringt mich ein böses Wort von meinem Chef oder ein totgefahrener Igel seelisch aus dem Gleichgewicht. Selbst in fiktive Geschichten kann ich mich so reinsteigern, dass ich im schlechtesten Fall die nächsten zwei Wochen vor Rührung oder Drama nicht schlafen kann. Meine Lieblingsfilme habe ich hundertfach immer wieder mit Freude angesehen, meine Lieblingsbücher habe ich immer wieder gerne ein zweites oder drittes Mal gelesen. Wenn mir etwas gefällt, bin ich eine treue Seele. Das trifft auch auf meine Freundinnen zu:

Katja:
Wir kennen uns seit der Grundschule. Also aus Zeiten, als Songs aus dem Radio aufgenommen und die Hausaufgaben morgens im Bus voneinander abgeschrieben wurden. Katja versprüht immer gute Laune. Man könnte sie locker als Alleinunterhalterin engagieren. Ihr Humor und ihre Sprüche sind unschlagbar. Sie ist selbst dann fröhlich, wenn sie gar keinen Grund dazu hat. Sie kann lachen, obwohl ihr zum Weinen zumute ist. Es ist ihr immer wichtig, eine gute Tochter, eine liebe Freundin und eine verlässliche Arbeitnehmerin zu sein. Für ihr gutmütiges Verhalten hat sie immer Erklärungen. Meistens beginnen ihre Sätze mit „Ja, aber …“. Dann werden die Bedürfnisse anderer immer als wichtiger betrachtet als ihre eigenen. Sie hat eben ein Herz aus Gold und dazu strahlend blaue Augen wie ein Saphir. Ich bin froh und stolz, dass sie meine Freundin ist.

Brunhild, genannt Bruni:
Ich kenne sie seit dem Abitur, mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Rechnungswesen. Damals kam sie jeden Freitagnachmittag nach der Schule mit zu mir nach Hause. Halb verhungert warteten wir sehnsüchtig auf den Moment, in dem Mama vom Einkaufen kam. Dann gab es Mettbrötchen, und anschließend schauten wir ALF. Bis heute zitieren wir gerne Sprüche wie: „Kate, wo ist denn die Auflaufform? Die Katze passt nicht in den Toaster.“ oder „Meine Erklärung für das kaputte Fenster geht in Richtung Einstein: das Versagen der Schwerkraft.“ Bruni beeindruckt nicht mit Mode, außer mit einem verdienten Negativpreis für die schlimmste Jogginghose, die ich in meinem Leben zu Gesicht bekommen habe. Ich habe mich immer kaputtgelacht, wenn sie mich zu Hause empfing in einem dunkelgelben, durchlöcherten Exemplar, deren Knie so ausgeleiert waren, dass jeweils ein Wombat dort Platz gehabt hätte. Bruni überzeugt mit Klugheit und kennt sich super mit Computern aus. Außerdem ist sie sehr kreativ, was man in der Kombination nicht oft findet. Sie ist im Inneren ein sensibler Mensch, aber sie ist alles andere als schwach. Sie kann hart sein in ihren Entscheidungen und manchmal auch zu sich selbst. Ich habe sie selten weinen sehen. Sie ist eine besonders wichtige und enge Freundin.

Marina:
Auch sie kenne ich seit der Höheren Handelsschule. Sie hat schmale Wangen und dunkle Mandelaugen, für die ich damals hätte morden können. Mit ihr bin ich oft einen trinken gegangen, wenn wir nach der Schule Langeweile hatten. Sie war die erste meiner Freundinnen, die Sex hatte, und da hörte ich etwas neidisch ihrer Berichterstattung zu. Marina ist eine selbstbewusste Frau. Schüchternheit ist ein Fremdwort für sie. Sie kann gut reden und sich gut präsentieren. Damit ist sie bisher gut durchs Leben gekommen. Ihr Selbstwertgefühl ist im Gegensatz zu meinem verlässlich, und ihre Ratschläge sind beängstigend ehrlich. Wäre sie nicht meine Freundin, wäre das eine Katastrophe.
Ich brauche dringend diese Freundinnen, die mich unterstützen. Denn ich habe seit acht Jahren ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann. Na ja, jetzt ja nicht mehr.
Eine Woche ist nun vergangen, seit ich Schluss gemacht habe. An dem verhängnisvollen Tag überredete mich Katja, den Abend mit ihr, ihrem neuen Freund und ein paar anderen Leuten zu verbringen. Es war der letzte Tag im Jahr, und das musste natürlich gefeiert werden. Ich bin kein großer Fan von Silvester. Die Erwartungen an diese Nacht sind meistens sehr hoch. Mit Freunden nur zu Hause hocken und Fondue machen reicht schon lange nicht mehr. Und am 1. Januar wollen einige ihr komplettes Leben ändern, obwohl es bis dahin ja völlig ok war. Mehr Sport, mit dem Rauchen aufhören, weniger arbeiten, mehr Geld sparen etc. Mein guter Vorsatz war, dass ich mir keinen machte. Ich wünschte mir nur, den Abend zu überleben. Und schlimmer konnte mein Leben auch nicht mehr werden.
„Keine Widerrede, du kommst heute mit. Verkrieche dich nicht und hab ein bisschen Spaß mit uns. Du musst unbedingt Felix kennenlernen. Er ist Polizist“, teilte Katja mir mit, und ich wusste, dass sie ein Nein nicht akzeptieren würde.
Da hat sich meine Freundin also einen Polizisten geangelt. Also einen Mann, der mit Schusswaffen umgehen kann, was ja schon klischeehaft einen Reiz auf Frauen ausübt. Ich habe etwas gemischte Gefühle. Einerseits kann man sich sehr beschützt fühlen, wenn man mit einem Freund und Helfer unterwegs ist. Andererseits schaut der natürlich genau hin, wenn man es vielleicht mal mit den Gesetzen nicht so genau nimmt. Also nicht, dass ich das vorhätte, ich meine das natürlich rein hypothetisch.
Katja liebt Karneval, Weihnachten, Geburtstage und Silvester und lässt auch sonst keine Gelegenheit aus, um zu feiern. Und wenn sie Lust auf eine Party hat, möchte sie alle ihre Liebsten dabeihaben. Nachdem ich versucht hatte, mein Äußeres halbwegs vorzeigbar zu machen, was aufgrund meiner vorausgegangenen Heulattacken wirklich eine top Leistung war, trafen wir uns im Stadtpalais. In Insiderkreisen nennt man den Schuppen auch gerne die „Restetruhe“.
Als ich ankam, stand Katja mit einem Mann an der Theke, den sie aus dem Tennisclub kannte. Nach einer kreischenden Begrüßung und Umarmung stellte sie mich vor.
„Er ist Millionär“, flüsterte sie mir ins Ohr. Sie fand das offenbar erwähnenswert, als wäre das eine besonders gute, hervorzuhebende Eigenschaft eines Mannes. Rolf, der Millionär, musste so um die 60 sein. Er befand sich in Gesellschaft von reichlich jungen Damen, die sich in einer Menschentraube versammelt hatten und warteten, bis sie an der Reihe waren, mit ihm Champagner zu trinken.
Offensichtlich war er ziemlich angetrunken, als er mir seine Visitenkarte mit seiner Privatnummer in die Hand drückte.
„Ich gebe dir hier meine Nummer, bitte stecke sie sofort weg und zeige sie niemandem. Ich würde dich gerne wiedersehen. Bitte ruf mich an.“
Ich nahm die Karte an mich und steckte sie diskret in meine Jeans. Offenbar genoss ich Rolfs Vertrauen.
„Was möchtest du trinken? Champagner?“
„Ja, sehr gerne“, piepste ich etwas schüchtern.
Anscheinend hatte er Interesse an mir und begann eine Unterhaltung. Die war jetzt aber nicht so spannend. Ich stellte fest, dass Männer mit Geld sehr von sich überzeugt sein können und auch gerne Umgangsformen außer Acht lassen, ohne sich dafür auch nur im Geringsten zu schämen. Rolf kam mir mit seinem Gesicht so nah, dass ich seine feuchte Aussprache deutlich spürte. Es war lediglich der Tatsache geschuldet, dass ich zur Höflichkeit erzogen wurde, dass ich nicht auf der Stelle das Weite suchte. Ich habe als Kind noch gelernt, jemanden ausreden zu lassen, ob es mir gefällt oder nicht. Und Rolf konnte reden. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, widmete er sich einer anderen Dame, die ihn freudig begrüßte. Ich beobachtete, wie hübsche und wahrscheinlich halbwegs intelligente Frauen ein regelrechtes Battle veranstalteten, um bei dem Typen Eindruck zu machen, der außer Geld und Spucke nichts zu bieten hatte. Also sorry, da musste ich wirklich nicht mitmachen.
Auf meiner Flucht vor Rolf begegnete ich einem Paar dunkler Augen, die mich lüstern anblickten. Es war Toli, ein weiterer Bekannter von Katja, den sie mal am Ballermann kennengelernt hatte. Er sagte mir direkt und unverblümt, ich sei sehr süß, und fragte, ob er mich drücken dürfe. Dabei grinste er breit. Also wirklich! Was war denn das für eine plumpe Anmache? Ich ließ mich für einen Moment darauf ein, bereute es aber sofort, als ich Tolis Hände auf meinen Hüften fühlte. Ich hielt nach Katja Ausschau. Da kennt sie haufenweise solche zwielichtigen Typen, und ich muss zusehen, wie ich mit denen klarkomme. Ich sah sie eng und innig mit ihrem neuen Freund Felix auf der Tanzfläche. Toli musste wohl den Eindruck bekommen haben, ich sei sehr liebesbedürftig und bereit, denn er fing an, mich zu küssen. Ich redete mir ein, ich müsste es meinem Ex mal so richtig zeigen, und küsste zurück.
Wie lange würde es wohl dauern, bis der Trost meines Herzschmerzes einsetzte? Da stand ich nun knutschend mit einem Unbekannten in einem Club und tat so, als wäre mein gebrochenes Herz gar nicht mehr da, frisch nach dem Motto Girls just want to have fun. Ich musste mir eingestehen, dass es gar keinen Spaß machte. Vielmehr empfand ich mehr und mehr eine gewisse Abneigung gegen meinen Knutschpartner, dessen Küsse viel zu nass, viel zu plump und viel zu lieblos waren. Wirklich zu dumm, dass ich so was nicht genießen kann. Ich frage mich, wie andere das machen. Marina zum Beispiel kann ständig die aufregendsten Sex-Erlebnisse mit unterschiedlichen Partnern haben, es sei denn, sie ist gerade in einer festen Beziehung. Aber mir liegt der One-Night-Stand nicht. Sex ohne Liebe? Das geht bei mir nicht. Er ist nicht mal annähernd ein kleiner Trost. Es ist nur eine traurige Bestätigung, dass so ein missglückter Artgenosse desjenigen, der mein Herz erobert hat, es niemals schaffen würde, mich in sinnliche Sphären zu katapultieren. Und das tut nicht gut, nein, es tut weh! Und so tat ich das Einzige, was mir in dieser Situation noch blieb. Ich ging heulend zum Ausgang. Katja begleitete mich.
„Süße, du warst so tapfer den ganzen Abend. Das hätte ich nicht durchgehalten.“
„Ich will doch nur meinen Brummbär“, antwortete ich schluchzend. „Warum tut der denn nichts? Er hat nicht mal eine SMS geschickt zum Neujahr.“
Sie schaute mich mitfühlend an. „Kommst du klar, oder soll ich dich nach Hause begleiten?“
„Nein, ist lieb, aber da muss ich allein durch. Viel Vergnügen noch mit Felix, dem Kommissar.“
Ich ging raus in die kalte Neujahrsnacht. Die Luft war frostig und zum Teil lag Schnee auf den Gehwegen. Die Kälte drang tief in mein Gemüt ein. Sie stieg in mir hoch wie der Gefrierbrand an einer Tiefkühlpizza. Ich ging zur Haltestelle, um den Nachtbus zu nehmen. Meine Schritte knirschten im Schnee. Was, wenn ich jetzt einfach erfriere? Meine Füße fühlten sich schon an wie abgestorben. Wann würde mein Herz erfrieren? Kann es sein, dass ich eines Tages wach werde und nicht mehr an ihn denken muss? An das, was wir hatten? An das, was hätte sein können, wenn er nicht so feige gewesen wäre und mir eine Chance gegeben hätte?
Am nächsten Morgen wachte ich mit höllischen Schmerzen auf. Unter dem Einfluss des restlichen Alkoholgehaltes im Blut krabbelte ich aus dem Bett, um die Toilette aufzusuchen und dann Glassplitter zu pillern. Ich bin ja eigentlich tough, aber das tat echt verdammt weh. Doch da war noch etwas, das noch mehr schmerzte als die schlimmste Blasenentzündung aller Zeiten: die Trennung von Brummbär! Der Versuch, mich abzulenken, war ja total gescheitert. Obwohl ich immerhin zwei Telefonnummern mit nach Hause gebracht hatte. War das vielleicht doch ein Erfolgserlebnis? Konnte ich stolz darauf sein, zwischen einem Millionär mit feuchter Aussprache und einem Grabscher wählen zu können? Wer kann das schon von sich behaupten? Das beweist doch, dass ich zumindest noch Chancen auf dem Markt habe. Eine kleine Hoffnung, dass vielleicht irgendwann jemand dabei ist, den ich so lieben könnte wie Herrn Björn Schatz.
Bei einem Blasen-Nieren-Tee dachte ich darüber nach. Hatte er sich vielleicht gemeldet? Ich checkte mein Handy: negativ. Ich checkte meine E-Mails: nichts. Ach, was hatte ich denn erwartet? Der Herr ist wahrscheinlich jetzt gekränkt, weil man ihm sein Spielzeug weggenommen hat. Ganze acht Jahre hatte ich ihm als solches gedient. Acht Jahre meines Lebens war ich das Mittwochabend- und das Samstagvormittag-Entertainment. Damit ist jetzt Schluss, Herr Schatz! Ach, wäre es schön, wenn ich dich jetzt ganz schnell vergessen könnte. Das tun, was du verdient hast. Dich aus meinem Leben verbannen und mich sofort mit Rolf UND Toli verabreden. Ich könnte deiner Frau noch ein paar eindeutige, heiße Bilder ihres treulosen Ehemannes zukommen lassen, damit du auch nicht glücklich wirst. Ja, das wäre gerecht. Auf meinem Computer hatte ich einen Ordner Erotik genannt. Dort sind Fotos zu finden, auf denen mein Ex-Geliebter in eindeutigen Posen zu bestaunen ist. Zum Beispiel Brummbär mit Plüsch-Handschellen ans Bett gefesselt, Brummbär nackt am Strand von Formentera oder Brummbär nur mit Schürze bekleidet in meiner Küche beim Nudeln kochen. Was wäre das für ein Skandal, wenn ich seiner Frau diesen Beweis für das Doppelleben schicke, das ihr Mann seit geraumer Zeit führt! Was für ein Triumph wäre es, wenn ich auch sein Leben zerstören würde! Das wäre die Rache, die er verdient hätte.
Ja, Rache ist süß! Es tut gut, den Ex leiden zu sehen, selbst wenn es nur in deinen Gedanken geschieht. Und das ist nichts Verwerfliches, sondern normal. Jeder Liebeskummer-Ratgeber beschreibt diese Phasen bei einer Trennung. Nach der Trauerphase kommt die Phase der Wut, in der ich mich jetzt wohl befinde. Na bitte, dann läuft doch alles nach Plan, wie bei jedem Liebeskummer halt. Das ist doch auch irgendwie beruhigend! Statt meine möglichen Verehrer anzurufen oder mich einem Racheakt hinzugeben, legte ich mich wieder ins Bett. Ich wollte nur die Decke über den Kopf ziehen und die böse Welt draußen lassen. Träumen von einem Leben mit meinem Liebsten, das ich nie wieder haben werde. So verschlief ich den kompletten Neujahrstag. Ich hatte allerdings auch nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Außer meiner Mutter hatte niemand versucht, mich zu erreichen. Ich musste sie zurückrufen und ihr ein frohes neues Jahr wünschen. Mama ist eine herzensgute Frau mit großen Träumen und wenig Mut, im Inneren Rebellin, außen ein sanfter Engel. Sie hat sich ihr ganzes Leben immer mit viel zu wenig zufriedengegeben. Zum Beispiel mit meinem Vater. Die Heirat war eine reine Vernunft-Entscheidung. Anschließend hatte sie eine oder zwei Affären, die ich ihr wirklich von Herzen gegönnt habe. Das Schicksal meinte es nicht gut. Ihr außerehelicher Freund starb mit 41 an einem Herzinfarkt. Ich war noch klein, doch ich erinnere mich sehr gut und schmerzlich an die Wochen, in denen meine Mama von morgens bis abends nur weinte. Nur ihr Ehemann merkte von alledem nichts. Mein Vater ist ein unsensibler, unerotischer, gleichgültiger Zeitgenosse, der sich nie um die Gefühle seiner Frau gekümmert hat. Wäre ich ein exakter Mix aus meinen Eltern, wäre ich jeweils zur Hälfte Langeweile und Anregung. Halb Enthusiasmus, halb Schlaffheit. Halb Reisefreund, halb Stubenhocker. Ich wäre Träume gegen Nüchternheit. Zum Glück komme ich wesentlich mehr nach meiner Mutter.
Mittlerweile haben sich meine Eltern damit arrangiert, dass es in ihrer Ehe nicht um Liebe geht. Es geht um Sachen wie: Was wird heute gekocht? Oder: Können wir die Ausgaben für die Medikamente von der Steuer absetzen? Oder: Wann holen wir die Pflaumen bei Tante Regine ab? Meine Mutter hatte nie den Mut, meinen Vater zu verlassen. Aus der aktiven Frau mit Hang zum Träumen und ein bisschen Verrücktheit in ihren Genen ist eine alte und ängstliche Person geworden. Allerdings widmet sie sich gerne meinem Leben, unterstützt mich und gibt mütterliche Ratschläge, egal was ich gerade verbockt habe.
„Barbara, wie geht es dir? Ich mache mir Sorgen.“
Was sollte ich sagen? Dass es mir hundeelend geht, ich einen schlimmen Kater habe und kurz davor bin, das Bild von einem nur mit Schürze bekleideten Brummbär an seine Frau zu schicken?
„Ach Mama, es ist gestern spät gewesen, aber ich hatte einen schönen Abend. Ich hatte mich vorhin nochmal hingelegt.“
„Ach so, na ja, dein Vater und ich haben zu Mitternacht auch ein Glas Sekt getrunken, dann sind wir schnell ins Bett gegangen. Hat sich dein Brummbär noch mal gemeldet?“

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