Das wahre Leben oder mehr Schein als Sein
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 266
ISBN: 978-3-7116-1207-6
Erscheinungsdatum: 01.12.2025
Zerrissen zwischen Hoffnung und Schmerz, kämpft eine junge Frau um Liebe, Freiheit und sich selbst. Eine schonungslose Reise voller Mut, Leidenschaft und tiefgreifender Wendepunkte. Dieses Buch lässt niemanden unberührt.
WIE ALLES BEGANN
Als ich die Band 1998 kennenlernte, arbeitete ich als Kellnerin in Radeberg. Ich hatte die Jungs vorher noch nie gesehen, war aber sehr gespannt, denn auf dem Plakat sahen sie schon mal sehr schnucklig aus.
Die Rock’n’Roll-Show dieser Band war der Wahnsinn, vom ersten Ton an konnten sie die Gäste mitziehen. Die Energie, die von ihnen ausging, war berauschend. Man konnte die Liebe zur Musik und die Leidenschaft spüren, wenn sie spielten. Mit Witz und Charme überzeugten sie die Menge, auch ich war wie beflügelt. So hatte ich beim Bedienen die ganze Zeit ein Grinsen auf meinem Gesicht, was sich auch positiv auf mein Trinkgeld auswirkte.
Die Musikrichtung der 50er- und 60er-Jahre mochte ich schon immer gern. In der Zeit des Petticoats hätte ich mich auch gern gesehen, zumindest in der Mode, der Musik und natürlich den Tollelocken.
Wenn mir jemand damals gesagt hätte, wie sich diese Begegnung in der Zukunft entwickeln würde, hätte ich ihn bestimmt schief angesehen. Mit den vier Jungs, die mein Alter waren, sowie der Crew verstand ich mich auf Anhieb und sie hatten es nicht eilig, wieder nach Leipzig zu fahren.
So entstand über Jahre eine gute Freundschaft mit Gery, einige heiße Nächte mit Andy (wäre sonst auch Ressourcenverschwendung gewesen) sowie viele lustige, spannende, surreale Momente mit allen – wie in einer anderen Zeit – und später eine feste Beziehung mit Rob.
Rob hatte, immer wenn wir uns auf Muggen begegneten, versucht, mich zu beeindrucken. Für mich war das oft nur ein Spiel. Er wusste, dass ich ein Tête-à-Tête mit Andy hatte.
Was ich da noch nicht ahnte – für Andy war ich nur eine leckere Zwischenmahlzeit. Als es ihm zu eng wurde, sagte er mir: „Du bist eine Frau zum Heiraten, aber leider nicht für mich!“
Seine Worte hallten noch lange in mir nach. Autsch, aber so ist das Leben.
Rob dagegen hat einfach nicht lockergelassen, sein Charme sowie seine Ausdauer haben mich dann überzeugt. Wegen ihm bin ich dann in die Nähe von Leipzig gezogen, hatte meinen Job, in dem ich mich als Restaurantleiterin hochgearbeitet hatte, gekündigt, um in Grimma im Hotel Kloster Nimbschen als Restaurantleiterin neu anzufangen.
Das Sprichwort „Liebe macht blind!“ würde ich jetzt im Nachhinein jederzeit unterschreiben. Vielleicht war es aber auch nur der Reiz des neuen, abenteuerlichen, aufregenderen Lebens, das ich mir erträumte. Ich wollte ein Teil von etwas Besonderem sein.
Wir nahmen uns eine Wohnung etwas außerhalb von Leipzig, denn für die Großstadt bin ich einfach nicht geschaffen.
Den Umzug fuhren wir mit dem Band-Truck, völlig übertrieben, aber genau mein Ding.
Rob war unkompliziert, er war der ruhigere Part in unserer Beziehung. Er hatte schwarze, kurze Haare, dunkle Augen, dicke, dichte Augenbrauen und immer so ein verschmitztes Lächeln in seinem Gesicht. Er schaffte es, mich zum Lachen zu bringen. Er war schlank, hatte nicht zu übertriebene Muskeln und seine Brust war glatt wie ein Baby-Popo.
Ich hingegen war schon immer impulsiv, energisch. Ich wusste, was ich will. Meine blonden Haare trug ich oft schulterlang. Ich habe schmale, gleichmäßige Gesichtszüge. Am meisten mag ich meine Augen, sie haben einen hellen Grauton mit einem grünen Schimmer.
Meine Anziehungskraft auf Männer war schon immer groß. Ich schminkte mich selten, trug No-Name-Sachen und im Reitstall fühlte ich mich wohl. Und doch zog ich sie magisch an, was oft ein Fluch statt eines Segens war.
KAPITEL 1
Ich weiß nicht, ob das nur mir in Beziehungen so geht, aber der Alltag hatte uns schneller eingeholt als gedacht. Unsere Woche war vollgestopft mit Terminen. Wir versuchten, die ersten zwei Tage der Woche freizunehmen, denn ab Donnerstag war er mit der Band meist auf Veranstaltungen unterwegs, sodass ich mich immer freiwillig für den Wochenenddienst einteilte. Auch wenn er meistens Sonntag früh 03:00 Uhr wieder zu Hause war, war er so müde, dass er nie vor 15:00 Uhr aufstand. Ab 19:00 Uhr traf sich dann die Band mit Anhang in ihrer Lieblingskneipe, um gemeinsam die Woche noch einmal durchzusprechen, Episoden auszutauschen und natürlich die neue Woche durchzuplanen. Montag und Dienstag gehörten uns.
Eigentlich hatte ich noch nie richtig mit jemandem zusammengewohnt. Mit 18 Jahren hatte meine erste große Liebe, Roman, zwar schon eine eigene Wohnung, aber wenn wir uns gestritten hatten, konnte ich jederzeit zu meinen Eltern zurück und den Streit da aussitzen. Ich verbrachte viel Zeit mit meiner Familie, wenn einer Hilfe benötigte, war immer jemand zur Stelle.
Bei Rob war das ganz anders. Er hielt sich so viel wie möglich von seiner Familie fern. Jedes Mal, wenn ich auf seine Familie zu sprechen kam, lenkte er ab.
Die erste Begegnung mit seiner Schwester werde ich nicht vergessen. Wir waren in Leipzig mit dem Auto unterwegs, an einer Ampelkreuzung mussten wir warten und ich spürte einen stechenden Blick auf mir. Ein Mädchen stand auf dem Bürgersteig und fixierte mich regelrecht.
„Schau mal, das Mädchen, wie sie zu uns rüberschaut. Kennst du sie? Sie tötet uns gerade mit ihrem Blick.“
Rob schaute an mir vorbei. Er verzog keine Miene.
„Ja, kein Wunder. Das ist meine Halbschwester“, sagte er emotionslos.
„Was? Das ist deine Schwester?“, ich war etwas fassungslos.
„Sollen wir anhalten?“
„Auf gar keinen Fall! Ich hätte ihr eh nichts zu sagen.“
Seine Stimme war immer noch ruhig, aber härter. Er hatte zwar erwähnt, dass er eine Schwester hat, aber weder sie noch sonst jemanden aus seiner Familie hat er mir vorgestellt. Ich versuchte, mehr zu erfahren, aber er blockte wieder ab.
„Sei froh, dass du sie nicht kennst. Ich bin nicht umsonst so zeitig von zu Hause ausgezogen.“
Ich konnte Traurigkeit in seiner Stimme hören.
„Deshalb habe ich mir damals in dem Mietshaus eine Wohnung genommen, wo Gery sowie auch dessen Eltern eine Wohnung hatten. Sie sind für mich wie eine Familie.“
„Wie lange hast du deine Schwester jetzt schon nicht gesehen?“
Ich wollte noch etwas mehr aus ihm herausbekommen.
„Ich weiß nicht genau, bestimmt über drei Jahre.“
Seine Stimme war wieder völlig emotionslos.
„Was, so lange?“
Ich konnte mir das gar nicht vorstellen.
Klar, seit ich hier wohnte, sah ich meine Familie auch viel seltener, aber ich fuhr einmal im Monat über das Wochenende immer nach Radeberg, um Zeit mit ihnen zu verbringen, und seine Familie wohnte in derselben Stadt.
Ich sah zu ihm rüber, aus seiner Mimik konnte ich nichts ablesen.
„Und du hast zu niemandem aus deiner Familie Kontakt?“, hakte ich noch einmal nach.
„Was an ‚Nein‘ hast du eigentlich nicht verstanden? Können wir jetzt bitte das Thema wechseln?“
An seiner Tonlage merkte ich, dass hier die Unterhaltung beendet war. Den Rest der Fahrt verbrachten wir schweigend.
KAPITEL 2
Meine Familie hat Rob vom ersten Tag an mit offenen Armen empfangen. Auch wenn sie ihn seltener sahen als mich. Denn wenn ich einmal im Monat an den Wochenenden in Radeberg war – auch um meinen Stalldienst zu erledigen – war er ja meistens auf irgendwelchen Veranstaltungen unterwegs.
Dennoch versuchte ich ihm, so oft wie möglich zu zeigen, was Familie ausmacht.
Wenn ich in Radeberg war, schlief ich in meinem alten Kinderzimmer. Alles war noch genauso, wie ich es verlassen hatte. Die Schlafcouch hatte ein undefinierbares Muster – zu der Zeit litt ich definitiv an Geschmacksverirrung – aber man konnte sie unkompliziert zu einem Doppelbett zusammenschieben, was meine Kaufentscheidung definitiv beeinflusst haben muss.
Darüber hing ein großes Poster. Es zeigte ein Paar. Der Mann lag mit freiem Oberkörper – zu meinem Entzücken unbehaart – am Strand. Seine Muskeln glänzten in der Sonne. Die Frau lag auf ihm. Ihre nassen schwarzen Haare lagen auf ihrem Rücken. Ihr weißes T-Shirt war ebenfalls nass. Man konnte die schlanken Konturen durch das Shirt sehen und die Wellen umspielten ihre Körper.
Als meine Oma – sie war damals 80 Jahre – das erste Mal dieses Poster in meinem Zimmer sah, war sie so schockiert. Wie konnte ich mir nur so etwas Pornografisches an meine Wand hängen?
Was? Beide hatten sogar Unterwäsche an!
O.k., in ihrer Jugend durfte man zum Date nur mit Anstandsdame in Begleitung gehen und Küssen in der Öffentlichkeit war ein Tabu. Aber das ist auch schon wirklich lange her.
Ein großer Kleiderschrank stand an der Wand neben der Tür sowie ein kleines Regal mit Erinnerungen an frühere Zeiten.
Wenn ich hier war, fühlte ich mich immer zu Hause, als wäre ich nie weg gewesen.
Die Vorteile des Hotel Mama sind natürlich nicht zu verachten. Immer gab es was Leckeres zu essen, es war immer aufgeräumt und wenn ich Sonntag wieder nach Hause fuhr, war sogar meine Wäsche gewaschen und gebügelt zur Mitnahme bereit. Was für ein Luxus.
Ich hatte Zeit für meine Freunde und mein Pferd, das ich hier im Verein stehen hatte. Ich wollte es zurzeit noch nicht mitnehmen. Es fühlte sich noch nicht richtig an. Er wurde von meiner Reitbeteiligung immer bewegt sowie versorgt. Ich hatte Angst, hier den Kontakt zu allen zu verlieren, denn der Verein war mein zweites Zuhause.
Das Heimweh zu all dem hier hatte ich eindeutig unterschätzt, dabei bin ich es langsam angegangen.
Bevor ich mit zu Rob nach Leipzig gezogen bin, haben wir uns am Anfang unserer Beziehung immer abgewechselt. Wenn ich frei hatte, war ich in Leipzig. Die andere Woche war er zwei Tage bei mir in Radeberg. Das ging auch ein halbes Jahr gut. Für mich war es wichtig, so viel wie möglich auszutesten, ob es wirklich das war, was ich wollte und ob ich mich auf ihn verlassen konnte, denn dort – das hatte ich schnell mitbekommen – waren wir auf uns allein gestellt. Von seiner Familie konnte ich nichts erwarten. Ich hatte sie ja noch nicht einmal kennengelernt.
Der ausschlaggebende Moment für meinen Umzug war, als ich den Unfall mit meinem Pferd hatte. Rob war so besorgt, mitfühlend und hilfsbereit, dass ich mir sicher war, er könnte auf mich aufpassen.
KAPITEL 3
RÜCKBLICK
Damals ist Rob von der letzten Veranstaltung gleich zu mir gefahren. Wir hatten die nächsten Tage frei und so gehörte die Zeit uns. Ein Frühaufsteher war er nie, daran musste ich mich schnell gewöhnen, deshalb verabredete ich mich mit meiner Freundin Jana im Stall, denn vor 14:00 Uhr würde Rob nicht ansprechbar sein.
Wir hatten einen entspannten Ausritt. Obwohl es kalt war, ließen wir die Pferde noch zum Wälzen auf den Reitplatz. Meinen Junghengst holte ich noch mit dazu. Ich hoffte, das wäre für ihn eine gute Möglichkeit, sich etwas auszutoben.
Wir schauten ihnen zu, wie sie miteinander spielten.
Einstein, mein Junghengst, kam zu uns gelaufen und holte sich seine Streicheleinheiten ab. Jana betrachtete ihn genau.
„Schau mal, das ist aber komisch. Er hat gar keine Eier mehr?“ Ich schaute sein Gemächt genauer an.
„Das sieht wirklich merkwürdig aus. Nicht, dass er ein Klopphengst ist.“
Von Kryptorchismus spricht man, wenn ein oder beide Hoden nicht äußerlich sicht- oder tastbar sind. Diese Hoden können im Leistenspalt oder in der Bauchhöhle liegen.
Das wäre mir doch bestimmt schon eher mal aufgefallen?
Was mir in diesem Moment nicht einfiel, war, dass bei Männern und ihrem besten Stück in der Kälte das Gleiche passiert. Daran hätte ich mich eigentlich erinnern müssen!
„Ich schau mal bei Arius, wie es da aussieht.“
Ich ging von hinten auf das andere Pferd zu. Ohne ihn anzusprechen, griff ich von unten mit meinen kalten Händen zwischen die Beine. Nicht gerade meine beste Idee!
Er hatte mich nicht bemerkt. So reagierte er instinktiv, stellte sich auf seine Vorderbeine und schlug mit beiden Hinterbeinen nach seinem mutmaßlichen Angreifer.
Nur leider war ich sein Angreifer.
Ich flog gleich ein paar Meter weit und blieb bewusstlos auf dem Reitplatz liegen. Jana rannte zu mir. Sie schrie mich an und verpasste mir im nächsten Moment ein paar Backpfeifen, sodass ich wieder zu mir kam.
„Bleib liegen! Wo hast du Schmerzen?“
Sie kniete neben mir und schaute mich besorgt an.
„Keine Ahnung. Mir tut gerade alles weh“, fluchte ich.
Ich versuchte langsam, meine Arme zu bewegen. Von da kam der Schmerz schon mal nicht. Beim Versuch, mich aufzurichten, stöhnte ich auf. Der Schmerz kam aus der Richtung meiner Beine. Ich ließ mich wieder in den Sand fallen.
„Ich denke, es ist besser, wenn wir einen Krankenwagen rufen. Ich mache mir wirklich Sorgen. Du bist ganz schön weit geflogen.“
Ihr besorgter Gesichtsausdruck machte es mir nicht leichter.
„Oh nein! Auf keinen Fall! Ich brauch nur noch ein paar Minuten.“
Ich sah sie mit bettelnder Miene an. Mit dem Krankenwagen wollte ich auf keinen Fall weggebracht werden, das wäre in ein paar Stunden überall im Buschfunk. Arius kam mit vorsichtigen Schritten zu mir gelaufen. Dann senkte er den Kopf, und sein Schnauben streichelte mein Gesicht- wie ein stilles „Es tut mir leid“. Bei dieser Geste lief mir unwillkürlich eine Träne über die Wange.
„Na gut, noch ein paar Minuten. Ich schaffe die Pferde in den Stall und wenn es dir dann aber nicht besser geht, musst du ins Krankenhaus!“
Sie sah sehr energisch aus.
Ich blieb einfach im Sand liegen. Wenn ich mich nicht groß bewegte, konnte ich den Schmerz gut aushalten.
Ich ging meine Optionen im Kopf durch.
Jana war kleiner und zarter als ich. Sie würde es auf keinen Fall schaffen, mir zum Auto zu helfen. Aber mit Robs Hilfe bestimmt. Ich fummelte umständlich mein Handy aus meiner Jackentasche. Es war 13:00 Uhr. Ich hoffte, dass er das Klingeln hörte.
„Oh Rob, es tut mir leid, aber es ist wirklich wichtig. Du musst mich dringend vom Stall abholen!“
Ich versuchte, so normal wie möglich zu klingen. Was mir scheinbar nicht gelang, denn er fragte gleich: „Was ist passiert?“
„Ein Pferd hat mich getreten. Ich kann nicht auftreten. Könntest du mich bitte abholen?“
Ich versuchte, meine Stimme immer noch so monoton wie möglich klingen zu lassen.
„Ja klar, ich fahre sofort los. Wo bist du? Ist jemand bei dir?“
Seine Stimme klang etwas panisch.
„Ich bin auf dem Reitplatz. Keine Sorge, Jana ist bei mir. Ich bewege mich nicht weg.“
Ich wollte Rob mit meinem Scherz etwas die Angst nehmen.
„Bitte fahre vorsichtig“, wollte ich noch sagen, aber er hatte schon aufgelegt.
Es dauerte keine 15 Minuten, da hörten wir sein Auto auf den Hof fahren. Jana lief ihm entgegen. Ich wusste, sie wollte ihn überreden, einen Krankenwagen zu rufen.
Er kam zu mir gelaufen und kniete sich neben mir in den Sand.
„Ich denke, er hat dich nur getreten. Jana sagt, du warst sogar bewusstlos.“
Er war mit der Situation etwas überfordert. Mit Pferden konnte er nicht viel anfangen. Seine Stimme überschlug sich.
„Ich rufe jetzt einen Krankenwagen. Das hättest du schon längst machen können.“
Ich hörte die Angst in seiner Stimme.
„Ich will aber keinen Krankenwagen. Wir machen einen Deal. Ich lasse mich im Krankenhaus untersuchen, aber du fährst mich hin. Es sind doch nur zehn Minuten. Da sind wir schneller, wenn du fährst, eh erst der Krankenwagen kommt. Bitte!“
Mit einem flehenden Gesichtsausdruck sah ich ihn an. Zum Glück war er mit der Situation so überlastet, dass er froh war, mich an die Ärzte übergeben zu können, sodass er einstimmte.
„Ich fahre mein Auto bis vor den Reitplatz. Bis dahin musst du es mit unserer Hilfe schaffen, wenn nicht, rufe ich den Notarzt!“
Seine Stimme wurde entschlossener.
„O.k., wir versuchen es.“
Das Auto stand bereit.
Beide hackten sich jeweils auf einer Seite unter und versuchten, mich möglichst gleichmäßig hochzuheben. Ein Schmerz durchfuhr mich, sodass ich ein Stöhnen nicht unterdrücken konnte. Auf meinem linken Bein konnte ich stehen. Das rechte konnte ich nicht belasten. Ich fluchte innerlich, wieso ich immer so stark sein wollte.
„Wirst du es bis zum Auto schaffen?“
Bei Rob schwang Angst in seiner Stimme.
„Klar, wird kein Sprint, aber ich bekomme das hin.“
Jana schüttelte mit dem Kopf.
„Wieso lass ich mich eigentlich dazu überreden?“, sagte sie leise.
Wir schafften es mehr schlecht als recht bis zum Auto.
Rob hatte den Sitz ganz nach hinten gestellt, sodass ich fast liegen konnte. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen, war aber auch froh, endlich im Auto zu liegen.
Rob bedankte sich noch bei Jana, und ich versicherte ihr, mich sofort zu melden, wenn ich wusste, was los war. Dann fuhr er sofort los.
Ich spürte jedes Schlagloch, das er mitnahm. Immer wenn ich stöhnte, schaute er mich besorgt von der Seite an und trat noch mehr aufs Gas.
Er fuhr direkt zum Eingang der Notaufnahme, stieg aus und rief mir zu: „Warte hier! Ich hole Hilfe.“ und rannte auch schon zum Eingang.
Ich musste schmunzeln. Der war gut. Wo sollte ich auch hin?
Ein Sanitäter kam mit einer Trage angelaufen. Sie versuchten, mich auf die Trage zu legen. Ich schrie auf.
Wäre ich doch bloß noch ein paar Tage auf dem Reitplatz liegen geblieben, da waren die Schmerzen wenigstens erträglich. Mir kamen die Tränen.
Sie schoben mich in ein Untersuchungszimmer.
„Erzählen Sie, was passiert ist.“
Der Pfleger hatte eine ruhige Stimme. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Umso mehr ich erzählte, umso fassungsloser wurde sein Gesichtsausdruck.
„Aber von der Erfindung, die nennt sich Krankenwagen, haben Sie schon mal etwas gehört?“
Fassungslos schüttelte er den Kopf.
„Wann war Ihre letzte Tetanusimpfung?“, fragte er, wobei er mich weiter abtastete.
Was weiß ich denn. Ich hatte keine Ahnung. So muss ich ihn auch angesehen haben, denn er sagte:
„Na dann wird es scheinbar Zeit“, und rammte mir gleich eine Spritze in den Arm.
„Ich muss Ihre Hose aufschneiden, oder können Sie diese allein ausziehen? Ansonsten kann ich Sie nicht richtig untersuchen.“
...
Als ich die Band 1998 kennenlernte, arbeitete ich als Kellnerin in Radeberg. Ich hatte die Jungs vorher noch nie gesehen, war aber sehr gespannt, denn auf dem Plakat sahen sie schon mal sehr schnucklig aus.
Die Rock’n’Roll-Show dieser Band war der Wahnsinn, vom ersten Ton an konnten sie die Gäste mitziehen. Die Energie, die von ihnen ausging, war berauschend. Man konnte die Liebe zur Musik und die Leidenschaft spüren, wenn sie spielten. Mit Witz und Charme überzeugten sie die Menge, auch ich war wie beflügelt. So hatte ich beim Bedienen die ganze Zeit ein Grinsen auf meinem Gesicht, was sich auch positiv auf mein Trinkgeld auswirkte.
Die Musikrichtung der 50er- und 60er-Jahre mochte ich schon immer gern. In der Zeit des Petticoats hätte ich mich auch gern gesehen, zumindest in der Mode, der Musik und natürlich den Tollelocken.
Wenn mir jemand damals gesagt hätte, wie sich diese Begegnung in der Zukunft entwickeln würde, hätte ich ihn bestimmt schief angesehen. Mit den vier Jungs, die mein Alter waren, sowie der Crew verstand ich mich auf Anhieb und sie hatten es nicht eilig, wieder nach Leipzig zu fahren.
So entstand über Jahre eine gute Freundschaft mit Gery, einige heiße Nächte mit Andy (wäre sonst auch Ressourcenverschwendung gewesen) sowie viele lustige, spannende, surreale Momente mit allen – wie in einer anderen Zeit – und später eine feste Beziehung mit Rob.
Rob hatte, immer wenn wir uns auf Muggen begegneten, versucht, mich zu beeindrucken. Für mich war das oft nur ein Spiel. Er wusste, dass ich ein Tête-à-Tête mit Andy hatte.
Was ich da noch nicht ahnte – für Andy war ich nur eine leckere Zwischenmahlzeit. Als es ihm zu eng wurde, sagte er mir: „Du bist eine Frau zum Heiraten, aber leider nicht für mich!“
Seine Worte hallten noch lange in mir nach. Autsch, aber so ist das Leben.
Rob dagegen hat einfach nicht lockergelassen, sein Charme sowie seine Ausdauer haben mich dann überzeugt. Wegen ihm bin ich dann in die Nähe von Leipzig gezogen, hatte meinen Job, in dem ich mich als Restaurantleiterin hochgearbeitet hatte, gekündigt, um in Grimma im Hotel Kloster Nimbschen als Restaurantleiterin neu anzufangen.
Das Sprichwort „Liebe macht blind!“ würde ich jetzt im Nachhinein jederzeit unterschreiben. Vielleicht war es aber auch nur der Reiz des neuen, abenteuerlichen, aufregenderen Lebens, das ich mir erträumte. Ich wollte ein Teil von etwas Besonderem sein.
Wir nahmen uns eine Wohnung etwas außerhalb von Leipzig, denn für die Großstadt bin ich einfach nicht geschaffen.
Den Umzug fuhren wir mit dem Band-Truck, völlig übertrieben, aber genau mein Ding.
Rob war unkompliziert, er war der ruhigere Part in unserer Beziehung. Er hatte schwarze, kurze Haare, dunkle Augen, dicke, dichte Augenbrauen und immer so ein verschmitztes Lächeln in seinem Gesicht. Er schaffte es, mich zum Lachen zu bringen. Er war schlank, hatte nicht zu übertriebene Muskeln und seine Brust war glatt wie ein Baby-Popo.
Ich hingegen war schon immer impulsiv, energisch. Ich wusste, was ich will. Meine blonden Haare trug ich oft schulterlang. Ich habe schmale, gleichmäßige Gesichtszüge. Am meisten mag ich meine Augen, sie haben einen hellen Grauton mit einem grünen Schimmer.
Meine Anziehungskraft auf Männer war schon immer groß. Ich schminkte mich selten, trug No-Name-Sachen und im Reitstall fühlte ich mich wohl. Und doch zog ich sie magisch an, was oft ein Fluch statt eines Segens war.
KAPITEL 1
Ich weiß nicht, ob das nur mir in Beziehungen so geht, aber der Alltag hatte uns schneller eingeholt als gedacht. Unsere Woche war vollgestopft mit Terminen. Wir versuchten, die ersten zwei Tage der Woche freizunehmen, denn ab Donnerstag war er mit der Band meist auf Veranstaltungen unterwegs, sodass ich mich immer freiwillig für den Wochenenddienst einteilte. Auch wenn er meistens Sonntag früh 03:00 Uhr wieder zu Hause war, war er so müde, dass er nie vor 15:00 Uhr aufstand. Ab 19:00 Uhr traf sich dann die Band mit Anhang in ihrer Lieblingskneipe, um gemeinsam die Woche noch einmal durchzusprechen, Episoden auszutauschen und natürlich die neue Woche durchzuplanen. Montag und Dienstag gehörten uns.
Eigentlich hatte ich noch nie richtig mit jemandem zusammengewohnt. Mit 18 Jahren hatte meine erste große Liebe, Roman, zwar schon eine eigene Wohnung, aber wenn wir uns gestritten hatten, konnte ich jederzeit zu meinen Eltern zurück und den Streit da aussitzen. Ich verbrachte viel Zeit mit meiner Familie, wenn einer Hilfe benötigte, war immer jemand zur Stelle.
Bei Rob war das ganz anders. Er hielt sich so viel wie möglich von seiner Familie fern. Jedes Mal, wenn ich auf seine Familie zu sprechen kam, lenkte er ab.
Die erste Begegnung mit seiner Schwester werde ich nicht vergessen. Wir waren in Leipzig mit dem Auto unterwegs, an einer Ampelkreuzung mussten wir warten und ich spürte einen stechenden Blick auf mir. Ein Mädchen stand auf dem Bürgersteig und fixierte mich regelrecht.
„Schau mal, das Mädchen, wie sie zu uns rüberschaut. Kennst du sie? Sie tötet uns gerade mit ihrem Blick.“
Rob schaute an mir vorbei. Er verzog keine Miene.
„Ja, kein Wunder. Das ist meine Halbschwester“, sagte er emotionslos.
„Was? Das ist deine Schwester?“, ich war etwas fassungslos.
„Sollen wir anhalten?“
„Auf gar keinen Fall! Ich hätte ihr eh nichts zu sagen.“
Seine Stimme war immer noch ruhig, aber härter. Er hatte zwar erwähnt, dass er eine Schwester hat, aber weder sie noch sonst jemanden aus seiner Familie hat er mir vorgestellt. Ich versuchte, mehr zu erfahren, aber er blockte wieder ab.
„Sei froh, dass du sie nicht kennst. Ich bin nicht umsonst so zeitig von zu Hause ausgezogen.“
Ich konnte Traurigkeit in seiner Stimme hören.
„Deshalb habe ich mir damals in dem Mietshaus eine Wohnung genommen, wo Gery sowie auch dessen Eltern eine Wohnung hatten. Sie sind für mich wie eine Familie.“
„Wie lange hast du deine Schwester jetzt schon nicht gesehen?“
Ich wollte noch etwas mehr aus ihm herausbekommen.
„Ich weiß nicht genau, bestimmt über drei Jahre.“
Seine Stimme war wieder völlig emotionslos.
„Was, so lange?“
Ich konnte mir das gar nicht vorstellen.
Klar, seit ich hier wohnte, sah ich meine Familie auch viel seltener, aber ich fuhr einmal im Monat über das Wochenende immer nach Radeberg, um Zeit mit ihnen zu verbringen, und seine Familie wohnte in derselben Stadt.
Ich sah zu ihm rüber, aus seiner Mimik konnte ich nichts ablesen.
„Und du hast zu niemandem aus deiner Familie Kontakt?“, hakte ich noch einmal nach.
„Was an ‚Nein‘ hast du eigentlich nicht verstanden? Können wir jetzt bitte das Thema wechseln?“
An seiner Tonlage merkte ich, dass hier die Unterhaltung beendet war. Den Rest der Fahrt verbrachten wir schweigend.
KAPITEL 2
Meine Familie hat Rob vom ersten Tag an mit offenen Armen empfangen. Auch wenn sie ihn seltener sahen als mich. Denn wenn ich einmal im Monat an den Wochenenden in Radeberg war – auch um meinen Stalldienst zu erledigen – war er ja meistens auf irgendwelchen Veranstaltungen unterwegs.
Dennoch versuchte ich ihm, so oft wie möglich zu zeigen, was Familie ausmacht.
Wenn ich in Radeberg war, schlief ich in meinem alten Kinderzimmer. Alles war noch genauso, wie ich es verlassen hatte. Die Schlafcouch hatte ein undefinierbares Muster – zu der Zeit litt ich definitiv an Geschmacksverirrung – aber man konnte sie unkompliziert zu einem Doppelbett zusammenschieben, was meine Kaufentscheidung definitiv beeinflusst haben muss.
Darüber hing ein großes Poster. Es zeigte ein Paar. Der Mann lag mit freiem Oberkörper – zu meinem Entzücken unbehaart – am Strand. Seine Muskeln glänzten in der Sonne. Die Frau lag auf ihm. Ihre nassen schwarzen Haare lagen auf ihrem Rücken. Ihr weißes T-Shirt war ebenfalls nass. Man konnte die schlanken Konturen durch das Shirt sehen und die Wellen umspielten ihre Körper.
Als meine Oma – sie war damals 80 Jahre – das erste Mal dieses Poster in meinem Zimmer sah, war sie so schockiert. Wie konnte ich mir nur so etwas Pornografisches an meine Wand hängen?
Was? Beide hatten sogar Unterwäsche an!
O.k., in ihrer Jugend durfte man zum Date nur mit Anstandsdame in Begleitung gehen und Küssen in der Öffentlichkeit war ein Tabu. Aber das ist auch schon wirklich lange her.
Ein großer Kleiderschrank stand an der Wand neben der Tür sowie ein kleines Regal mit Erinnerungen an frühere Zeiten.
Wenn ich hier war, fühlte ich mich immer zu Hause, als wäre ich nie weg gewesen.
Die Vorteile des Hotel Mama sind natürlich nicht zu verachten. Immer gab es was Leckeres zu essen, es war immer aufgeräumt und wenn ich Sonntag wieder nach Hause fuhr, war sogar meine Wäsche gewaschen und gebügelt zur Mitnahme bereit. Was für ein Luxus.
Ich hatte Zeit für meine Freunde und mein Pferd, das ich hier im Verein stehen hatte. Ich wollte es zurzeit noch nicht mitnehmen. Es fühlte sich noch nicht richtig an. Er wurde von meiner Reitbeteiligung immer bewegt sowie versorgt. Ich hatte Angst, hier den Kontakt zu allen zu verlieren, denn der Verein war mein zweites Zuhause.
Das Heimweh zu all dem hier hatte ich eindeutig unterschätzt, dabei bin ich es langsam angegangen.
Bevor ich mit zu Rob nach Leipzig gezogen bin, haben wir uns am Anfang unserer Beziehung immer abgewechselt. Wenn ich frei hatte, war ich in Leipzig. Die andere Woche war er zwei Tage bei mir in Radeberg. Das ging auch ein halbes Jahr gut. Für mich war es wichtig, so viel wie möglich auszutesten, ob es wirklich das war, was ich wollte und ob ich mich auf ihn verlassen konnte, denn dort – das hatte ich schnell mitbekommen – waren wir auf uns allein gestellt. Von seiner Familie konnte ich nichts erwarten. Ich hatte sie ja noch nicht einmal kennengelernt.
Der ausschlaggebende Moment für meinen Umzug war, als ich den Unfall mit meinem Pferd hatte. Rob war so besorgt, mitfühlend und hilfsbereit, dass ich mir sicher war, er könnte auf mich aufpassen.
KAPITEL 3
RÜCKBLICK
Damals ist Rob von der letzten Veranstaltung gleich zu mir gefahren. Wir hatten die nächsten Tage frei und so gehörte die Zeit uns. Ein Frühaufsteher war er nie, daran musste ich mich schnell gewöhnen, deshalb verabredete ich mich mit meiner Freundin Jana im Stall, denn vor 14:00 Uhr würde Rob nicht ansprechbar sein.
Wir hatten einen entspannten Ausritt. Obwohl es kalt war, ließen wir die Pferde noch zum Wälzen auf den Reitplatz. Meinen Junghengst holte ich noch mit dazu. Ich hoffte, das wäre für ihn eine gute Möglichkeit, sich etwas auszutoben.
Wir schauten ihnen zu, wie sie miteinander spielten.
Einstein, mein Junghengst, kam zu uns gelaufen und holte sich seine Streicheleinheiten ab. Jana betrachtete ihn genau.
„Schau mal, das ist aber komisch. Er hat gar keine Eier mehr?“ Ich schaute sein Gemächt genauer an.
„Das sieht wirklich merkwürdig aus. Nicht, dass er ein Klopphengst ist.“
Von Kryptorchismus spricht man, wenn ein oder beide Hoden nicht äußerlich sicht- oder tastbar sind. Diese Hoden können im Leistenspalt oder in der Bauchhöhle liegen.
Das wäre mir doch bestimmt schon eher mal aufgefallen?
Was mir in diesem Moment nicht einfiel, war, dass bei Männern und ihrem besten Stück in der Kälte das Gleiche passiert. Daran hätte ich mich eigentlich erinnern müssen!
„Ich schau mal bei Arius, wie es da aussieht.“
Ich ging von hinten auf das andere Pferd zu. Ohne ihn anzusprechen, griff ich von unten mit meinen kalten Händen zwischen die Beine. Nicht gerade meine beste Idee!
Er hatte mich nicht bemerkt. So reagierte er instinktiv, stellte sich auf seine Vorderbeine und schlug mit beiden Hinterbeinen nach seinem mutmaßlichen Angreifer.
Nur leider war ich sein Angreifer.
Ich flog gleich ein paar Meter weit und blieb bewusstlos auf dem Reitplatz liegen. Jana rannte zu mir. Sie schrie mich an und verpasste mir im nächsten Moment ein paar Backpfeifen, sodass ich wieder zu mir kam.
„Bleib liegen! Wo hast du Schmerzen?“
Sie kniete neben mir und schaute mich besorgt an.
„Keine Ahnung. Mir tut gerade alles weh“, fluchte ich.
Ich versuchte langsam, meine Arme zu bewegen. Von da kam der Schmerz schon mal nicht. Beim Versuch, mich aufzurichten, stöhnte ich auf. Der Schmerz kam aus der Richtung meiner Beine. Ich ließ mich wieder in den Sand fallen.
„Ich denke, es ist besser, wenn wir einen Krankenwagen rufen. Ich mache mir wirklich Sorgen. Du bist ganz schön weit geflogen.“
Ihr besorgter Gesichtsausdruck machte es mir nicht leichter.
„Oh nein! Auf keinen Fall! Ich brauch nur noch ein paar Minuten.“
Ich sah sie mit bettelnder Miene an. Mit dem Krankenwagen wollte ich auf keinen Fall weggebracht werden, das wäre in ein paar Stunden überall im Buschfunk. Arius kam mit vorsichtigen Schritten zu mir gelaufen. Dann senkte er den Kopf, und sein Schnauben streichelte mein Gesicht- wie ein stilles „Es tut mir leid“. Bei dieser Geste lief mir unwillkürlich eine Träne über die Wange.
„Na gut, noch ein paar Minuten. Ich schaffe die Pferde in den Stall und wenn es dir dann aber nicht besser geht, musst du ins Krankenhaus!“
Sie sah sehr energisch aus.
Ich blieb einfach im Sand liegen. Wenn ich mich nicht groß bewegte, konnte ich den Schmerz gut aushalten.
Ich ging meine Optionen im Kopf durch.
Jana war kleiner und zarter als ich. Sie würde es auf keinen Fall schaffen, mir zum Auto zu helfen. Aber mit Robs Hilfe bestimmt. Ich fummelte umständlich mein Handy aus meiner Jackentasche. Es war 13:00 Uhr. Ich hoffte, dass er das Klingeln hörte.
„Oh Rob, es tut mir leid, aber es ist wirklich wichtig. Du musst mich dringend vom Stall abholen!“
Ich versuchte, so normal wie möglich zu klingen. Was mir scheinbar nicht gelang, denn er fragte gleich: „Was ist passiert?“
„Ein Pferd hat mich getreten. Ich kann nicht auftreten. Könntest du mich bitte abholen?“
Ich versuchte, meine Stimme immer noch so monoton wie möglich klingen zu lassen.
„Ja klar, ich fahre sofort los. Wo bist du? Ist jemand bei dir?“
Seine Stimme klang etwas panisch.
„Ich bin auf dem Reitplatz. Keine Sorge, Jana ist bei mir. Ich bewege mich nicht weg.“
Ich wollte Rob mit meinem Scherz etwas die Angst nehmen.
„Bitte fahre vorsichtig“, wollte ich noch sagen, aber er hatte schon aufgelegt.
Es dauerte keine 15 Minuten, da hörten wir sein Auto auf den Hof fahren. Jana lief ihm entgegen. Ich wusste, sie wollte ihn überreden, einen Krankenwagen zu rufen.
Er kam zu mir gelaufen und kniete sich neben mir in den Sand.
„Ich denke, er hat dich nur getreten. Jana sagt, du warst sogar bewusstlos.“
Er war mit der Situation etwas überfordert. Mit Pferden konnte er nicht viel anfangen. Seine Stimme überschlug sich.
„Ich rufe jetzt einen Krankenwagen. Das hättest du schon längst machen können.“
Ich hörte die Angst in seiner Stimme.
„Ich will aber keinen Krankenwagen. Wir machen einen Deal. Ich lasse mich im Krankenhaus untersuchen, aber du fährst mich hin. Es sind doch nur zehn Minuten. Da sind wir schneller, wenn du fährst, eh erst der Krankenwagen kommt. Bitte!“
Mit einem flehenden Gesichtsausdruck sah ich ihn an. Zum Glück war er mit der Situation so überlastet, dass er froh war, mich an die Ärzte übergeben zu können, sodass er einstimmte.
„Ich fahre mein Auto bis vor den Reitplatz. Bis dahin musst du es mit unserer Hilfe schaffen, wenn nicht, rufe ich den Notarzt!“
Seine Stimme wurde entschlossener.
„O.k., wir versuchen es.“
Das Auto stand bereit.
Beide hackten sich jeweils auf einer Seite unter und versuchten, mich möglichst gleichmäßig hochzuheben. Ein Schmerz durchfuhr mich, sodass ich ein Stöhnen nicht unterdrücken konnte. Auf meinem linken Bein konnte ich stehen. Das rechte konnte ich nicht belasten. Ich fluchte innerlich, wieso ich immer so stark sein wollte.
„Wirst du es bis zum Auto schaffen?“
Bei Rob schwang Angst in seiner Stimme.
„Klar, wird kein Sprint, aber ich bekomme das hin.“
Jana schüttelte mit dem Kopf.
„Wieso lass ich mich eigentlich dazu überreden?“, sagte sie leise.
Wir schafften es mehr schlecht als recht bis zum Auto.
Rob hatte den Sitz ganz nach hinten gestellt, sodass ich fast liegen konnte. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen, war aber auch froh, endlich im Auto zu liegen.
Rob bedankte sich noch bei Jana, und ich versicherte ihr, mich sofort zu melden, wenn ich wusste, was los war. Dann fuhr er sofort los.
Ich spürte jedes Schlagloch, das er mitnahm. Immer wenn ich stöhnte, schaute er mich besorgt von der Seite an und trat noch mehr aufs Gas.
Er fuhr direkt zum Eingang der Notaufnahme, stieg aus und rief mir zu: „Warte hier! Ich hole Hilfe.“ und rannte auch schon zum Eingang.
Ich musste schmunzeln. Der war gut. Wo sollte ich auch hin?
Ein Sanitäter kam mit einer Trage angelaufen. Sie versuchten, mich auf die Trage zu legen. Ich schrie auf.
Wäre ich doch bloß noch ein paar Tage auf dem Reitplatz liegen geblieben, da waren die Schmerzen wenigstens erträglich. Mir kamen die Tränen.
Sie schoben mich in ein Untersuchungszimmer.
„Erzählen Sie, was passiert ist.“
Der Pfleger hatte eine ruhige Stimme. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Umso mehr ich erzählte, umso fassungsloser wurde sein Gesichtsausdruck.
„Aber von der Erfindung, die nennt sich Krankenwagen, haben Sie schon mal etwas gehört?“
Fassungslos schüttelte er den Kopf.
„Wann war Ihre letzte Tetanusimpfung?“, fragte er, wobei er mich weiter abtastete.
Was weiß ich denn. Ich hatte keine Ahnung. So muss ich ihn auch angesehen haben, denn er sagte:
„Na dann wird es scheinbar Zeit“, und rammte mir gleich eine Spritze in den Arm.
„Ich muss Ihre Hose aufschneiden, oder können Sie diese allein ausziehen? Ansonsten kann ich Sie nicht richtig untersuchen.“
...

