Sonstiges & Allerlei

Das Schwesternkarzinom

Susanne Bönsch & Martina Grill

Das Schwesternkarzinom

Leseprobe:

22. November 2007


Er drehte sich zu uns um. „Tja, da müssen wir wohl noch mal neu planen.“ Gerade hatte er mit meiner Schwester den Termin für ihre Brust-OP festgelegt. Jetzt hing die Aufnahme meiner Mammografie am Leuchtschirm. „Wie meinen Sie das?“ „Nun, so wie ich Sie kenne, wollen Sie das gemeinsam durchstehen. Also müssen wir noch mal über den Termin sprechen.“ Er hatte uns schon nach kurzer Zeit die Siamesischen genannt, weil ich Tini zu jeder ihrer Chemotherapien und Untersuchungen begleitet hatte. Bei ihr war im Alter von 41 Jahren ein Tumor in der rechten Brust festgestellt worden, der nun, nachdem er durch die Chemo kleiner geworden war, entfernt werden sollte. Weil unsere Mutter an Krebs gestorben war, war ich vorsorglich zur Mammografie geschickt worden. Aber was genau wollte er uns gerade sagen? Er kam unserer Frage zuvor. „Was ich hier sehe, ist sicher keine vergrößerte Drüse. Das ist ein Tumor.“ Entsetzt sahen wir uns an. Hatte es also auch mich erwischt? Das konnte doch nicht wahr sein! Alles, nur nicht das! Furchteinflößende Bilder stürmten auf mich ein, überschlugen sich in meinem Kopf. Ich schnappte nach Luft. „Können wir kurz rausgehen und uns besprechen?“ Er wurde ungeduldig, das konnten wir sehen, aber wir brauchten noch Zeit, um zu begreifen. Auf dem Flur standen wir uns fassungslos gegenüber, ließen uns auf zwei Stühle fallen. Wir hielten uns an den Händen. Stumm. Sprachlos. Dann platzte es aus mir heraus: „Ich will auf jeden Fall keine Chemo, sonst können wir ja gar nicht gemeinsam zur Kur!“ Das hatten wir uns schon bis in alle Einzelheiten ausgemalt – was würden wir und die Kinder für einen Spaß haben! „Du spinnst wohl, hier geht’s um dein Leben!“ „Aber das passt jetzt gar nicht, nächste Woche kommen doch unsere Comeniuspartner!“
Nein, der Krebs passte nicht. Nicht in mein Leben. Nicht in meine Pläne. Ich will ihn nicht. Aber er ist da und wird mich von nun an begleiten wie ein Schatten.
Auf dem Heimweg rufe ich meinen Mann an, der wieder einmal irgendwo im Westen der Republik unterwegs ist. „Wolfgang, ich habe Krebs.“ Mehr kann ich gerade nicht sagen. Es muss auch für ihn ein furchtbarer Schock gewesen sein. Ich stelle mir vor, dass in seinem Kopf eine Art Horrorfilm ablief, an dessen fulminantem Ende mein Begräbnis stand. Aber ich will leben! Mein Gott, ich will leben!
Wie sage ich’s nur den Kindern? Franzi ist gerade mal acht, Manu zwar schon 14, aber seine Behinderung setzt seinem Verstehen Grenzen. Werden sie begreifen, was das heißt: Krebs?
Ich bezweifle es, ich begreife es ja selber nicht.

Erst später wurde mir klar, dass mir an diesem Tag und durch Tinis Erkrankung das Leben gerettet worden war. Denn nur dadurch bin ich so frühzeitig zur Mammografie geschickt worden, und nur dadurch wurde der sehr aggressive Tumor in meiner linken Brust in einem ganz frühen Stadium erkannt.





Juli 2005


Meine Chefin hat mich nach Österreich geschickt, ganz in die Nähe von Gmunden, das ich aus meinen Kinder- und Jugendtagen von Familienurlauben her schon kenne. Ich soll dort an einem Start-up-Treffen teilnehmen, zu dem das Thüringer Kultusministerium eingeladen hat. Es dient dem Zweck, im Rahmen des von der EU initiierten Comenius-Programms für lebenslanges Lernen Partnerschaften von Schulen aus EU-Staaten zu stiften. Verkehrssprache wird Englisch sein, Englischkenntnisse sind also vonnöten. Der Veranstaltungsort liegt unweit des einmalig schönen, zum Weltkulturerbe gehörenden Tauerngebiets.
Vom Hotel sind es knapp fünf Minuten zum verwunschen gelegenen Traunsee. Entfernt man sich weiter vom Parkplatz und der Bootsanlegestelle, führen einen weiche Waldpfade am Ufer entlang an Stellen, wo die Zweige der Weiden im Wind die Wasseroberfläche kitzeln und der Blick frei ist auf einen imposanten Bergrücken, der sich scheinbar direkt aus dem Wasser heraus steil ansteigend dem Himmel entgegenstreckt. Es ist herrlich hier!
Natürlich gibt es mehrere Englisch-Lehrer an unserer Schule. Die Schulleiterin selbst unterrichtet Englisch, aber sie ist zum Zeitpunkt des Treffens verhindert. Sie hat mich gebeten, sie zu vertreten, weil sie weiß, dass ich schnell mit anderen in Kontakt komme (wenn ich will) und auch konzeptionell denken kann. Darum soll es nämlich gehen: Wir sollen Partner finden, mit denen wir ein über mehrere Jahre angelegtes gemeinsames Projekt erdenken und dann auch durchführen sollen.
Ich tue mein Bestes, um ihre Erwartungen zu erfüllen und führe etliche Gespräche mit Vertretern dänischer, spanischer, holländischer, englischer, französischer, italienischer, polnischer, norwegischer, tschechischer, luxemburgischer, portugiesischer, irischer und auch österreichischer Schulen, um zu sondieren, ob sich bei dem einen oder anderen ein Ansatzpunkt für ein gemeinsames Projekt bietet. Und es macht mir richtig Spaß! Ich finde es toll, mal über den Tellerrand und über Stunden-, Lehr- und Stoffverteilungspläne, über Korrekturvorgaben und Erwartungshorizonte hinaus zu blicken. So bahnt sich nach zwei, drei Tagen eine engere Zusammenarbeit mit einer polnischen, italienischen, spanischen, portugiesischen und einer österreichischen Schule an. Wir einigen uns auf ein vorläufiges Projektthema und besprechen die nächsten Arbeitsschritte. Zunächst müssen, wie sollte es anders sein, Anträge geschrieben und bei den nationalen Comenius-Agenturen zur Prüfung eingereicht werden.

Leider kann ich an der gemeinsamen Abschlussfahrt in die Bergwelt der Tauern nicht teilnehmen. Ich muss zurück nach Hause, in zwei Tagen wird Manuel zur Reha an der Ostsee erwartet, und Franzi und ich werden ihn begleiten. Der Ausflug muss traumhaft gewesen sein. Meine Comenius-Partner in spe schwärmen davon in den höchsten Tönen und schicken mir atemberaubende Bilder.

Die nationalen Agenturen von Österreich und Portugal sagen leider Nein zu unserem Projekt, so werden eine polnische, eine italienische und eine spanische Schule unsere Comenius-Partner. In den nächsten vier Jahren werden wir gemeinsam an unserem Projekt, das wir „Crossroads“ genannt haben, arbeiten. Vieles wird per E-Mail-Kontakt erledigt werden, aber wir werden uns auch regelmäßig gegenseitig besuchen. Ich freue mich darauf!

Hätte ich damals geahnt, wie schnell es mit meiner Mutter zu Ende gehen würde, hätte ich auf jeden Fall auf der Rückfahrt einen Zwischenstopp bei ihr eingelegt. Aber sie hörte sich am Telefon noch so munter an, war noch voll da und ganz die, die sie eben war.





März 2005


Rückblickend denke ich, dass das Comenius-Treffen für mich die beste Zeit des Jahres 2005 war.
Im März hatte sich Tini bei einem Reitunfall einen Trümmerbruch am Gelenk unterhalb der Kniescheibe zugezogen. Sie musste operiert werden und zwei Wochen im Krankenhaus verbringen. Dass ich sie dort häufig bereits am Vormittag besuchte, wenn ich doch eigentlich in die Schule gehörte, ist ihr erst klar geworden, als sie wieder zuhause war. Ich habe ihr auch nicht erzählt, dass ich krankgeschrieben bin. Auf ihre Fragen hätte ich sowieso keine Antworten gewusst. Ich wusste selber nicht, wie und warum sie gekommen war, die Depression, die sich über die Osterferien bei mir eingenistet hatte, aber sie war da. Vielleicht war einfach alles zu viel geworden. Wolfgang war seit Jahren unter der Woche weg, hatte eine kleine Wohnung an seinem 150 Kilometer entfernten Arbeitsort. Meist kam er zwar mittwochabends und fuhr Donnerstag früh wieder, aber der Mittwochabend war oft verplant für Treffen mit Freunden und Aktivitäten in der Kirchgemeinde. An den Wochenenden suchte er Entspannung, die er oft vor seinem Computer am Flugsimulator fand, mit dem er Stunden verbringen konnte.

Ich hatte mein Tun, meine Berufstätigkeit mit den häuslichen und ehrenamtlichen Aufgaben und den Terminen der Kinder, insbesondere den Therapien von Manuel, in Einklang zu bringen. Und ich wollte meine Zeit mit den Kindern haben, sie sollten auf keinen Fall zu kurz kommen. Immer wieder passierte es, dass auch ich nach der Gute-Nacht-Geschichte sofort ins Bett ging, so müde war ich. Am Wochenende war ich zudem oft beschäftigt mit Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung. Für mich und meine Bedürfnisse blieb nur wenig Zeit.

Die Gute-Nacht-Geschichte war ein festes Ritual, ohne sie war an Schlafen nicht zu denken.
Und es war nicht nur eine, denn jedes Kind durfte sich drei von den dreihundertfünfundsechzig aus dem dicken Buch aussuchen, das die Kinder bis heute vor jeder meiner Wegwerf- oder Verschenkaktionen gerettet haben. Die musste ich dann vorlesen, und selbstverständlich mussten auch die dazugehörigen Bilder eingehend besprochen werden. Richtig spannend wurde es aber erst, nachdem ich ihnen vom Zu-Bett-geh-Ritual aus Tinis Kindertagen erzählt hatte – ein folgenschwerer Fehler! Die durfte sich nämlich allabendlich eine von mir ausgedachte Geschichte wünschen, in der Wörter vorkommen mussten, die sie mir vorgab.
Natürlich wollten das meine zwei Süßen jetzt auch. So saß ich dann abends an ihrem Bett und verbog mir fast das Hirn, um aus Igel – Teller – Haare – Ei – Lampe – Blatt und ähnlich gewagten Aneinanderreihungen eine halbwegs sinnvolle Geschichte zu stricken.

Reiten war damals wieder meine große Leidenschaft. Ich hatte fünf Jahre zuvor von Volker ein Pferd geschenkt bekommen. Was für eine Freude! Aber natürlich auch eine zeitintensive Freizeitbeschäftigung. Um es in Einklang mit meinen Kindern zu bringen, infizierte ich sie … Beide hatten großen Spaß daran, bis Philipp einmal hart gestürzt ist und die Lust daran verloren hat. So verbrachten dann vor allem Sarah und ich gemeinsame Zeit bei den Pferden. Mein Pferd war etwas schwierig zu reiten, deshalb wollte Sarah lieber andere Pferde haben.
Bei uns im Dorf hatte eine Frau zwei Pferde auf einer Koppel stehen, und eines Tages fragte sie mich, ob ich ihr helfen könne, das junge davon einzureiten. Sie erklärte mir, dass es ganz zahm sei und sie ihm im Stall schon den Sattel aufgelegt hätte usw. Ich habe nicht lange darüber nachgedacht und gemeint, dass ich es ja mal probieren könnte. Auch im Hinblick darauf, dass Sarah das Pferd dann eventuell reiten könnte. Gesagt, getan! Wir haben uns für den Ostersonntag verabredet. Ihr Vater war mit Fotoapparat und guten Tipps zur Stelle. Ich hatte so was vorher noch nie gemacht, und meine Reitkünste waren auch nicht die besten, aber ich wollte helfen … Wir führten also den kleinen Wallach an diesem herrlichen Sonntagvormittag auf eine kleine eingezäunte Wiese und starteten das Projekt Pferdeflüsterer. Übrigens hatte ich mich von meiner Familie bis zum Mittagessen verabschiedet. Ich dachte, viel länger könne das ja nicht dauern. Wie naiv! Ok, sie hielt das gesattelte Pferd, das ich vorher noch mit Leckerlis bestochen hatte, und wollte einfach wie gewohnt aufsteigen. Da er aber mit dem plötzlichen Gewicht nichts anfangen konnte, rannte er los. Das Zaumzeug baumelte wild um ihn rum, und er versuchte sehr erfolgreich, mich loszuwerden. Leider verhedderte ich mich im Steigbügel, und er zog mich einige Meter hinter sich her, bis endlich der Lederriemen nachgab. Ich wusste sofort, dass etwas Schlimmes passiert war und versuchte nicht einmal aufzustehen. Volker wurde herbeigerufen, und er trug mich, nachdem er sich noch mit den Nachbarn angelegt hatte, weil er in seiner Panik in ihrer Einfahrt geparkt hatte, zum Auto und dann sofort in die Notaufnahme ins Krankenhaus. Die Diagnose war niederschmetternd! Trümmerbruch des Kugelgelenks unterhalb der Kniescheibe. Oh je! Ich sah mich schon den Rest meines Lebens im Rollstuhl … So schlimm war es dann zum Glück doch nicht, aber sehr, sehr langwierig. Da Feiertag war und der nächste Tag auch noch wurde ich buchstäblich kaltgestellt, bis dann dienstags die Vorbereitungen für die OP stattfanden. Was für ein Glück, dass Mami da war. Sie hat wie immer sofort das Zepter in die Hand genommen und die Rundumbetreuung der Kinder übernommen. Wie dankbar war ich, nicht nur in diesen Momenten großer Not, sondern meistens, wenn sie da war.

Obwohl wir öfter mal aneinandergerieten, wenn sie zu Besuch kam. Denn sie hatte eine völlig andere Vorstellung davon, wie wir leben sollten. Susi versuchte dann immer, wenigstens für die Zeit ihres Aufenthalts, kürzerzutreten und sich ihr mehr zu widmen. Wie es eben so ihre Art ist: Es allen rechtzumachen und die eigenen Bedürfnisse ganz hintenanzustellen. Mir gelang das leider nicht so gut. Ich erinnere mich an zwei Situationen, in denen wir uns im Streit getrennt haben. Das eine Mal war eigentlich geplant gewesen, dass ich sie nach Hause fahre. Ihr Koffer war gepackt, aber wie so oft kam bei mir alles Mögliche dazwischen, das die Abfahrt immer wieder verzögerte. Irgendwann hatte sie dann die Nase voll und beschloss, mit dem Zug zu fahren. Weil sie so in Rage war, verwechselte sie das Bahngleis und fuhr erst mal in die andere Richtung. Als sie mir das am Abend erzählte, konnten wir zum Glück schon wieder gemeinsam darüber lachen. Das andere Mal dauerte es länger bis zur Versöhnung. Sie verabschiedete sich damals von Philipp mit den Worten: „Werde groß und stark!“ Es hat Wochen gedauert, bis wir uns wieder ganz ausgesöhnt hatten.

Ich verbrachte zweieinhalb Wochen im Krankenhaus und bekam auch von meinen Reiterfreunden viel Besuch. Wir waren zu dieser Zeit eine tolle Truppe, die sich sonntags morgens traf, um gemeinsame Ausritte zu unternehmen oder uns vom Alten Fritz in der Halle herumscheuchen zu lassen. Es wurde uns zur lieben Gewohnheit, diese Treffen mit ein oder manchmal auch zwei Gläsern Sekt zu beenden. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass jeder Besucher mir ein Fläschchen mitbrachte, um mich etwas aufzuheitern. Evelin schoss dabei den Vogel ab, sie brachte nicht nur Sekt, sondern auch Gläser und eine Kleinigkeit zu essen mit, sodass wir dann gemeinsam mit Andre und Suse ein Picknick im Krankenhausgarten machten. Es blieb nicht das einzige, und als ich das Krankenhaus verließ, schepperte es sehr verdächtig in meiner Tasche voller Leergut.
Wochenlang durfte ich mein Bein nur wenig belasten und bin mit Krücken und Tasche um den Hals unterwegs gewesen und habe treppauf, treppab auf dem Hosenboden absolviert. Die Schmerzen, die ich beim Knien oder langem Stehen hatte, waren erst Geschichte, als im nächsten Frühjahr die Schrauben und Schienen entfernt wurden.

Nach zwei Wochen war ich wieder im Dienst. Meine Hausärztin verschrieb mir Antidepressiva und riet mir, einen Therapeuten aufzusuchen. Das hatte ich vor 20 Jahren schon einmal gemacht und es total doof gefunden, dass immer nur ich erzählte, während er seine „Hmmms“ und „Ahas“ äußerte. Nein, das wollte ich nicht. Aber meine Freundin Gisela sagte, sie kenne einen Therapeuten, der anders ist, und besorgte mir einen Termin bei ihm. Er kam von außerhalb und reiste ein- bis zweimal pro Monat mit dem Zug an, um in den Räumen der Caritas eine kleine Schar von Patienten vor Ort zu betreuen. Vielleicht war es ja doch einen Versuch wert, und er würde passen. Er passte. Leider hatten wir nur vier oder fünf gemeinsame Sitzungen, dann kam er nicht mehr. Das lag aber nicht an mir, sondern an seiner Parkinson-Erkrankung, die ihm mit der Zeit leider das Reisen unmöglich machte.





August 2005


Wer jetzt denkt, das wär’s gewesen, kennt meine Gisela nicht. Seit 1995 kannten wir uns, und sie war mit den Jahren zu einem festen Bestandteil unserer Familie geworden. Sie sprang ein, wenn ich Probleme hatte, Termine und Kinder unter einen Hut zu bringen, hatte immer ein wachsames Auge auf mich und verordnete mir ab und zu eine Auszeit, in der sie dann die Kinder übernahm.
Jetzt ruhte sie nicht, bis sie mich zu einer Kur im Adelheid-Stift überredet hatte, einer Einrichtung, die speziell auf Mütter mit behinderten Kindern ausgerichtet ist. Als ich meiner Schwiegermutter berichtete, dass ich dorthin fahre, lachte sie und erzählte, dass sie dort nach 1945 Wolfgangs Vater kennengelernt hat. Das Stift war damals noch ein Krankenhaus, sie als Krankenschwester dort tätig, er ihr Patient – wie klein die Welt doch ist! Mittlerweile nahmen also Mütter mit behinderten Kindern hier eine Auszeit. Wenigstens würde ich mich dort nicht ausgegrenzt fühlen, so wie damals, als ich mit Manuel das erste Mal zur Kur war. Außerdem war der Standort der Einrichtung für mich äußerst attraktiv, denn sie lag nur eine halbe Stunde Autofahrt von meinem Elternhaus entfernt – Mami, ich komme! So hatte ich mir das gedacht. Einmal, gleich am zweiten Tag nach unserer Ankunft, bin ich hingefahren. Die Kinder hatte ich in ihren Tagesgruppen abgegeben, bis zum späten Nachmittag würden sie dort gut aufgehoben sein. Wir haben es genossen, ganz ungestört reden zu können. Ich verabschiedete mich mit dem Versprechen, bald wiederzukommen. Aber dann gab es einen Knall. Nicht, wie man jetzt vielleicht meinen könnte, auf der Straße, sondern in der Turnhalle des Stifts.
Am nächsten Morgen stand nach der Versorgung und Abgabe der Kinder für die Muttis Gymnastik auf dem Plan. Zum Warmmachen liefen wir kreuz und quer durch die Halle, mal im Seitgalopp, mal mit einem Hüpfer zwischendrin, mal rückwärts, und da gab es einen Knall. Er war so laut, dass alle erschrocken innehielten. Ich lag am Boden. Verdutzt sah ich mich um: Woher war der Knall gekommen? Warum war ich gefallen? Ich versuchte aufzustehen – und knickte sofort wieder um. Ich konnte meinen linken Fuß nicht aufsetzen, hatte ihn nicht unter Kontrolle, er hing einfach da unten an meinem Bein rum.
Ein Therapeut wurde gerufen. Ihm schwante nichts Gutes: „Wahrscheinlich die Achillessehne.“ Also ab ins nahe Kreiskrankenhaus zur Notaufnahme. Er behielt recht: Die Achillessehne war gerissen. Man riet mir zu einer sofortigen Not-OP, damit sich die Sehne nicht verkürzen würde.
Mir war egal, ob heute, morgen, übermorgen, Auto fahren würde ich eh so schnell nicht wieder können. Aber ich wollte am Abend wieder bei den Kindern sein, deshalb entschied ich mich gegen eine Vollnarkose. Ich war während der OP von der Lende an betäubt, „oben“ aber noch voll da, auch meine Ohren funktionierten. Ich habe zwar Kopfhörer aufgesetzt bekommen, konnte mir eine Musik wünschen – ich glaube, ich wählte Bruce Springsteen oder war es Eric Clapton, egal, die Ärzte konnten trotzdem mit mir reden. „Die Sehne war aber schon vorgeschädigt, Frau Bönsch, die ist ja schon ganz faserig, hätte nicht mehr lang gehalten.“ Mir doch egal, aber für die Ärzte wohl etwas kniffliger.
Tatsächlich konnte ich am Nachmittag wieder abgeholt werden. Mit Gips am Bein und im Rollstuhl wurde ich zu meinen Kindern gebracht.

Ein Anruf meiner Schwester, es war so jämmerlich. Mit leiser Stimme erzählte sie mir am Telefon, dass sie einen Unfall gehabt hätte und sie nicht wisse, wie es nun weitergehen soll. Au, Mann! Kann denn nicht mal was funktionieren! Sie hatte sich auf diese Auszeit sooo gefreut. Wir verblieben miteinander, dass ich mich wieder melde. Wer mich kennt, weiß, dass ich sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt habe, um so schnell wie möglich bei ihr zu sein. Ich organisierte die Kinder- und Hundebetreuung, sagte in der Firma Bescheid und packte meine Sachen. Noch am selben Tag war ich bei ihr. Es war ein Bild des Jammers. Sie lag mit dem Gesicht zur Wand mit Gips am hochgelegten Bein im Bett. Ich hatte ihr nicht gesagt, dass ich komme. So war die Überraschung groß. Die Kinder freuten sich riesig, mich zu sehen, Susi etwas verhalten. Sie war ja doch leicht sediert. Egal, ich konnte sie überreden, am Abend in ein nahe gelegenes Lokal zu gehen. Dort verbrachten wir einen feucht-fröhlichen Abend. Und ich konnte Susi ein wenig von ihrer Krise ablenken. Ich hatte Glück, denn es gab im Stift sogar ein kleines Zimmer für mich. Am nächsten Tag starteten wir dann gleich nach dem Frühstück in Richtung Mama …

Ich freundete mich schnell mit dem Rollstuhl an. Gisela war ganz überrascht, wie flink ich damit unterwegs war, als sie mich eine knappe Woche später im Stift besuchte. Natürlich kam mir dabei entgegen, dass das Haus behindertengerecht ausgestattet war. Gisela fuhr mich und die Kinder zu Mami, dort räumte sie uns den Weg zu ungestörten Gesprächen frei und besuchte gemeinsam mit meinem Bruder und den Kindern das Stadtfest. Die gute Gisela!


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 270
ISBN: 978-3-95840-562-2
Erscheinungsdatum: 01.03.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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