Das Schicksal heißt Alex

Das Schicksal heißt Alex

Heidi Vogel


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 84
ISBN: 978-3-99026-868-1
Erscheinungsdatum: 25.04.2013
Alex ist von Geburt an behindert und leidet sehr unter dieser Situation. Als er versucht das Beste daraus zu machen, stürzt er sich in ein unrealistisches Vorhaben nach dem anderen.

Er heißt Alex. Er ist zwölf Jahre alt. Und er ist anders. Das bekommt er leider oft zu spüren. „Meine Geschwister machen mir das Leben schwer“, denkt er. „Der elfjährige Fritz und die neunjährige Anna sind beide verfluchte Lausebengel.“ Er beklagt sich bei Fritz. „Du machst mir das Leben absichtlich schwer. Habe doch ein wenig Mitleid mit mir!“ Fritz schüttelt den Kopf. „Akzeptiere dein Leben. Das Schicksal hat einen Namen. Es ist für mich auch nicht einfach, dein Bruder zu sein. Das Schicksal heißt Alex.“ Diese Aussage verletzt Alex unbeschreiblich.

Aber jetzt hat er einen Entschluss gefasst: Er will die Welt besser machen. „Ich lebe nach dem Motto: ‚Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können die Welt verändern.‘“ Er zieht sich in sein Zimmer zurück und überlegt, wie er nun vorgehen soll. Das Zimmer teilt er mit seinem Bruder Fritz. Eigentlich hat er da auch gar nichts dagegen. Er unterhält sich oft mit ihm bis spät in die Nacht. Doch heute denkt er überhaupt nicht an seinen Bruder, sondern notiert eifrig Möglichkeiten, wie er sein Vorhaben in die Realität umsetzen könnte. Es dauert lange, denn Schreiben bereitet ihm doppelt so viel Mühe wie Lesen. Seine Geschwister lachen ihn deswegen oft aus. „Das konnte ich schon im Schlaf, bevor ich in die Schule kam“, prahlte seine Schwester. „Das glaube ich dir nicht“, antwortete Alex. „Wo hättest du das lernen sollen?“ „Das habe ich mir selbst beigebracht. Frag Mama, sie wird es dir bestätigen.“ Alex hat seine Mutter nie gefragt, ob die Schwester die Wahrheit sagte, er hat sich vor der Antwort gefürchtet. Er schämt sich, dass er nicht gut lesen und schreiben kann. Wenn er nur von seinen Geschwistern ausgelacht würde, wäre es ja noch erträglich. Aber auch die Nachbarkinder lachen ihn aus. Für Alex war es der schlimmste Tag seines Lebens, als er erfuhr, dass er die Schule verlassen musste. Der Klassenlehrer hatte zwei Wochen nach Schuljahresbeginn seine Eltern zu einem Gespräch eingeladen. Alex war nicht dabei gewesen. Er hatte sich gar keine Sorgen gemacht. Er hatte sich gedacht, es wäre normal, wenn die Eltern zu Beginn der Schulkarriere ihres Nachwuchses sehr genau über dessen schulische Leistungen informiert wurden. Als die Eltern zurückkamen, merkte er sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. „Was ist los?“, fragte er ängstlich. Der Vater schluckte. „Komm, wir setzen uns alle an den Küchentisch. Wir müssen mit dir sprechen. Ich glaube, es ist das Beste, wenn deine Geschwister auch gleich erfahren, was mit dir geschehen wird, Alex.“ Wenig später war die ganze Familie in der Küche versammelt. Erwartungsvoll blickten die Kinder den Vater an. Mutter starrte unbeweglich ins Leere. Der Vater räusperte sich und wandte sich an Alex: „Gefällt es dir in der Schule?“ „J… ja!“, stammelte Alex verwirrt. „Das ist schon mal gut“, nickte der Vater. „Aber ist dir noch nie aufgefallen, dass du dich von deinen Mitschülern unterscheidest?“ Alex überlegte einen Moment. „Eigentlich nicht oft“, sagte er dann langsam. „Nicht oft“, bestätigte der Vater. „Hier kommen wir der Wahrheit schon ziemlich nahe: nicht oft, aber immer öfter.“ Alex verstand nicht, was der Vater meinte. „Dein Klassenlehrer hat sich über dich beklagt“, fuhr der Vater fort. „Du benimmst dich komisch, hast kaum Kontakt mit deinen Mitschülern, schweigst fast immer, und wenn du doch sprichst, dann in ganz langsamem Tempo. Außerdem hast du in dieser kurzen Zeit schon dreimal die Hausaufgaben vergessen.“ Alex senkte den Kopf. „Dafür schäme ich mich sehr“, flüsterte er. „Der Lehrer hat mir dafür eine Strafaufgabe aufgebrummt. Ich musste die Toiletten im Schulhaus reinigen. Meine Mitschüler lachten mich deswegen aus.“ Das war natürlich gelogen: Der Lehrer hatte ihn bloß getadelt und die Mitschüler erfuhren nichts davon. Alex brach ab, um die Reaktion seines Vaters abzuwarten. Er hoffte, der Vater würde etwas sagen wie: „Du armer Kerl“, doch dieser schwieg. „Ich dachte oft, ich hätte die Hausaufgaben bereits erledigt“, fuhr Alex fort. „Ich hätte es sogar schwören können.“ Der Vater hörte nicht zu.
„Die Schulleitung hat beschlossen, dich in eine Sonderschule zu schicken.“ Diese Worte klangen für Alex wie ein Todesurteil. „Muss das wirklich sein?“, fragte er nach einigen Minuten. Er hoffte, sich verhört zu haben. „Ja, Alex, es muss sein“, antwortete der Vater unbarmherzig. „Ich glaube, es ist Zeit, dass wir dich aufklären.“ Die Mutter zupfte den Vater am Ärmel. „Nicht jetzt“, flüsterte sie. „Lass ihn erst mal die Neuigkeit des Schulwechsels verdauen.“ Der Vater ignorierte sie. „Alex“, sagte er nachdrücklich. „Du bist kein gewöhnlicher Junge. Du bist seit Geburt behindert. Die Nabelschnur hat sich um deinen Hals gewickelt, du bekamst nicht genug Sauerstoff und darum wurde dein Hirn dauerhaft geschädigt. Sei froh, dass du bis jetzt normal leben konntest und nichts davon wusstest. Damit ist jetzt Schluss. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend die Schulleitung war, weil sie nicht genau über dich informiert worden war. Das hätten deine Mutter und ich wirklich tun sollen. Dann hätten entsprechende Maßnahmen getroffen werden können. Man wäre auf dich vorbereitet gewesen und du müsstest möglicherweise die Schule nicht wechseln. Aber in der Sonderschule wirst du kein außergewöhnlicher Fall mehr sein.“ Beim Gedanken an eine Sonderschule wäre Alex am liebsten gestorben. Doch er konnte nichts dagegen tun, alles wurde organisiert und drei Wochen später saß er bereits in der neuen ihm völlig fremden Schule inmitten von völlig fremden Klassenkameraden. Viele von ihnen saßen im Rollstuhl. Da er total überrumpelt war, sich überhaupt nicht an die Situation gewöhnen und sich darum nicht auf den Unterricht konzentrieren konnte, musste er die erste Klasse wiederholen. Dies raubte ihm den letzten Rest seines Selbstwertgefühles und er litt einige Wochen sehr darunter. Seine Eltern bemerkten es und sprachen ihn darauf an. „So geht es nicht weiter“, eröffnete ihm der Vater eines Abends. „Du musst mit jemandem darüber sprechen. Morgen nach der Schule hole ich dich ab und wir gehen gemeinsam zum Psychiater.“ Alex erschrak. „Zu einem Psychoheini? Das habe ich doch nicht nötig!“ Der Vater ließ nicht locker und so wartete Alex am nächsten Tag nach dem Unterricht niedergeschlagen vor dem Schulgebäude. „Warum spielst du nicht mit uns? Wartest du auf jemanden?“, fragte ein Schüler. „Ich warte, dass mein Vater mich abholt. Ich muss zum Psychiater“, antwortete Alex und biss sich gleich darauf auf die Lippen. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als diesen Satz ungesagt zu machen. Am nächsten Tag lachten alle Schüler über ihn, und Alex war am Boden zerstört.

Inzwischen hat er sich aber wieder aufgerappelt. Er sieht auch das Gute an seiner Situation: Er kann besser vom Schulstoff profitieren. Da er ab und zu ins Krankenhaus muss, kann er zwischendurch zwangsweise nicht zur Schule gehen. In der Sonderschule kann er die verpasste Unterrichtszeit problemlos aufholen, das wäre in der Regelschule kaum möglich gewesen.
Er kann jeden Abend nach Hause zurückkehren und in seiner vertrauten Umgebung übernachten. Viele seiner Mitschüler haben diese Möglichkeit nicht und müssen im zur Sonderschule gehörenden Internat wohnen. Dort sind sie in den Freiheiten eingeschränkt. Aber er, Alex, kann selbst entscheiden, was er tun will. Und da hat er jetzt ein großes Ziel in Augenschein genommen: Er will die Welt verbessern. „Die Menschheit wird zum Beispiel einsehen, dass jeder Krieg sinnlos ist.“ Er überlegt, wie er das erreichen kann. „Wenn ich es über das Radio mitteile, geht es bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus. Die Leute sollen meine Botschaft über das Auge aufnehmen. Vielleicht sollte ich mich an das Fernsehen wenden und einen Werbefilm drehen. Nein, das ist auch schlecht. Das prägt sich ja fast so wenig ein wie eine Nachricht im Radio. Ich mache alles schriftlich. Ich schreibe auf ein Blatt Papier groß: „Ab heute Frieden auf der ganzen Welt“ oder so etwas Ähnliches.“ Alex wird von einem wunderbaren Gefühl ergriffen. Er ist stolz, dass ihm diese tolle Idee eingefallen ist. Er setzt sich an den Schreibtisch und beginnt zu schreiben. Es fällt ihm schwer, den Filzstift zu führen. Eine Stunde später hat er erst zehn Blätter beschriftet. Zweimal hat er einen Rechtschreibfehler gemacht und darum das Blatt in den Papierkorb werfen müssen. „Es ist mühsam“, stöhnt er. Dann fällt ihm plötzlich etwas Besseres ein. „Ich Esel!“ Er tippt sich an die Stirn. „Ich kann ja alles kopieren. Das geht viel schneller.“ Doch gleich wird sein Glücksgefühl gedämpft. Wo gibt es einen Kopierapparat? Da hat er eine noch bessere Idee. „Ich schreibe es auf dem PC. Dann ist es sehr gut lesbar. Und ich kann das Dokument so oft ausdrucken, wie ich will.“ Einen PC kann Alex gut allein bedienen. „Das muss man heute einfach können“, denkt er bei sich. Er geht zum Büro seines Vaters und öffnet die Tür. Der Vater sitzt mit dem Rücken zum Eingang konzentriert am PC. Alex weiß, dass sein Vater abends oft am Computer arbeiten muss. Er will die Tür rasch schließen, doch … Erstaunt dreht sich der Vater um. „Was willst denn du hier?“, fragt er verwundert. „Sonst machst du um mein Büro doch immer einen großen Bogen, weil du wohl Angst hast, ich würde dir Arbeit aufdrängen.“ Alex antwortet nicht und schließt die Tür wortlos. Er will dem Vater nichts von seinem Vorhaben erzählen. Der Vater wird nicht ewig am PC arbeiten. Vielleicht kann er noch heute die ersten Blätter drucken: Ab heute Frieden auf der ganzen Welt. Zwei Stunden später verlässt der Vater endlich das Büro. Alex hat die ganze Zeit vor dem Zimmer versteckt gewartet. Nun schlüpft er blitzschnell und unbemerkt ins Büro. Der PC ist ausgeschaltet. Alex stellt ihn wieder an. Ängstlich späht er zur Tür. Hoffentlich kehrt sein Vater nicht zurück. Nun wendet er sich wieder dem PC zu, der inzwischen schon halb aufgestartet ist. Jetzt hat Alex ein Problem: Er wird aufgefordert das Kennwort einzugeben. Das weiß er natürlich nicht. Soll er einfach raten? Nein, er würde es niemals herausfinden. Pech gehabt … Enttäuscht will Alex den PC ausschalten. Da fällt sein Blick auf einen am Monitor befestigten Zettel. Darauf steht: „­KA-ZX29T334“. „Das wird das Kürzel samt Kennwort sein“, denkt er erleichtert. Er tippt die Buchstaben und Zahlen sorgfältig ein und gleich darauf erwacht der PC zum Leben. Zehn Minuten später hat der Drucker zwanzig Blätter mit der Aufschrift „Ab heute Frieden auf der ganzen Welt“ ausgespuckt. Alex lächelt zufrieden. Er schaltet den Computer aus, verwischt alle Spuren, schnappt sich die Blätter aus dem Drucker und verlässt das Büro schnell. Sein Herz klopft. „Niemand darf mich sehen“, denkt er. Es ist schon spät, er ist müde und will schnell ins Bett. Er hält die Blätter verkrampft in der Hand, während er zum Zimmer schleicht. „Ich muss leise sein“, schärft er sich ein. „Fritz wird schon schlafen.“ So leise wie möglich öffnet er die Tür und lässt sie einen Spalt breit offen, damit etwas Licht vom Gang her ins Zimmer dringt. Fritz rührt sich nicht. Alex versteckt die Blätter im Nachttischchen und zieht sich aus. Bevor er die Tür schließt, prägt er sich den kurzen Weg von der Tür zu seinem Bett ein, denn wenn er die Tür zumacht, ist es vollkommen dunkel, sodass er nichts mehr sehen kann. Gewöhnlich gehen Fritz und er gleichzeitig zu Bett, und Fritz übernimmt das Lichtausmachen. Alex hat noch gar nie daran gedacht, dass Fritz immer einige Meter im Dunkeln tappen muss. Endlich liegt Alex im Bett und
denkt über sein Vorhaben nach. „Das habe ich gut gemacht“, denkt er zufrieden. „Ich könnte mir selbst auf die Schulter klopfen. Doch nun sollte ich schlafen.“ Plötzlich ist er so hellwach, als hätte ihn jemand ins Wasser geworfen. Er hat vergessen, den Drucker auszuschalten. Deswegen wird man gleich morgen merken, dass er etwas im Schilde führt, und, so bildet er sich ein, man wird sofort herausfinden, dass er Blätter mit einer Friedensbotschaft gedruckt hat. Das muss er unbedingt verhindern! Leise steht Alex auf. Ängstlich späht er zum Bett des Bruders. Dieser rührt sich nicht. Auf Zehenspitzen will Alex zur Tür schleichen. Im Zimmer ist es stockfinster. Es ist viel schwieriger, den Weg vom Bett zur Tür zu finden, denn jetzt sieht er gar nichts. Doch er schafft es. Er erschrickt, als er hört, wie sich Fritz bewegt. Blitzschnell verlässt er das Zimmer. Draußen brennt glücklicherweise noch immer das Licht. Mühelos gelangt Alex ins Büro. Doch da muss er überlegen. „Weswegen bin ich überhaupt hierher gekommen? Ich habe doch viele Blätter gedruckt, den Arbeitsplatz aufgeräumt und …“ Er wendet sich zum Gehen. „Ich will schlafen“, denkt er. Da fällt es ihm plötzlich ein. „Der Drucker! Habe ich den Drucker ausgeschaltet?“ Mit einem Blick vergewissert er sich, dass dieses wichtige Gerät tatsächlich noch seine Arbeit erledigen würde, wenn man am Computer den Druckbefehl geben würde. Alex’ Finger, die inzwischen recht kalt sind, drücken auf den Knopf, mit dem der Drucker ausgeschaltet wird. Endlich kann er zurück ins Bett. Erleichtert macht er sich auf den Weg. Zum Glück ist ihm noch eingefallen, dass er etwas Wichtiges vergessen hat. Sonst hätten womöglich alle erfahren, dass er sich für den Frieden einsetzen will. Doch eigentlich wird es in ein paar Tagen sowieso die ganze Welt wissen. Vielleicht ist diese kleine nächtliche Aktion sinnlos gewesen. Alex ärgert sich. „Scheiße!“, flucht er. Fritz knipst die Nachttischlampe an und richtet sich auf. „Was ist scheiße?“, fragt er. „Wo bist du gewesen?“ Alex erschrickt. Er will Fritz nichts verraten. Doch dann kommt ihm der rettende Einfall. „Auf der Toilette“, lügt er und gibt sich Mühe, völlig sorglos zu klingen. Fritz betrachtet ihn zweifelnd. Doch dann sinkt er ins Kissen zurück und knipst die Lampe aus. „Gute Nacht“, murmelt er. Alex ist erleichtert. „Das ist ja nochmals gut gegangen“, denkt er. Am nächsten Morgen wird er unsanft von der Mutter geweckt. „Alex, ich muss mit dir sprechen!“, sagt sie streng. Verschlafen öffnet Alex die Augen. „Was hast du in der Nacht getan?“, fragt die Mutter lauernd. „Weshalb bist du in der Wohnung herumgeschlichen?“ Alex überlegt blitzschnell. „Ich bin nicht in der Wohnung herumgeschlichen!“, wehrt er sich in recht überzeugendem Ton. „Aber Fritz behauptet das.“ „Fritz lügt! Warum sollte ich herumschleichen? Ich habe mein Bett überhaupt nicht verlassen!“ „Mir hast du gesagt, du seiest auf der Toilette gewesen!“, fährt Fritz dazwischen. „Wer lügt hier?“ Alex wird wütend. „Du suchst Gründe, um mich bei den Eltern anzuschwärzen! Warum tust du das? Deine Lügen sind gemein!“ Er beginnt zu weinen, doch seine Tränen sind nicht echt. Die Mutter wendet sich an Fritz. „Ich glaube tatsächlich, dass du Alex zu Unrecht beschuldigst“, sagt sie langsam. „Du hast ja überhaupt keine Beweise. Dafür musst du bestraft werden. Du kriegst drei Wochen lang kein Taschengeld mehr.“ Alex triumphiert, doch das macht er nur im Stillen, denn jetzt darf er sich ja nichts anmerken lassen. „Siehst du?“, sagt er unter den falschen Tränen zum Bruder. „Jetzt bist du noch schlimmer dran als ich. Ich bekomme nur sehr wenig Taschengeld, viel weniger als du. Du bekommst jetzt gar keines. Dann siehst du, wie es mir ergeht.“ Damit ist das letzte Wort gesprochen und die Sache damit abgeschlossen. Alex beobachtet in den folgenden Wochen, wie Fritz oft sehnsüchtig Süßigkeiten betrachtet, die er nicht kaufen kann, weil er zu wenig Geld hat. Früher hat er dieses Problem nicht gehabt. Doch als Fritz’ Strafe vorüber ist und er wieder Taschengeld bekommt, kriegt Alex ein schlechtes Gewissen. Wenn Fritz an seiner Stelle so gehandelt hätte, wäre ihm das auch nicht recht gewesen. Soll er sich entschuldigen? „Nein“, denkt er. „Fritz wird nie erfahren, dass ich ihn he­reingelegt habe, wenn ich nichts sage. Aber ich will zur Entschädigung besonders nett zu ihm sein. Das wird ihm kaum auffallen, aber ich kann so mein Gewissen beruhigen.“ In den folgenden Tagen widerspricht Alex nicht, wenn Fritz das Fernsehprogramm wechseln will. Dies hatte nämlich schon oft zu Streit geführt. Alex drängt Fritz auch nicht dazu, abends die Nachttischlampe auszuschalten, obwohl es ihn gehörig nervt, wenn Fritz die Lampe so lange brennen lässt, weil er noch liest. Alex kann dann nicht einschlafen. In den drei Wochen hat er vor Scham und Angst ganz vergessen, seinen Plan, die Welt zu verbessern, weiterzuverfolgen. Jetzt fällt ihm ein, dass er ja viele Blätter mit einer Friedensbotschaft bedruckt hat, die er nun verteilen kann. Wo soll er anfangen? Einfach draußen vor dem Haus? Beim Bahnhof? Alex entscheidet, dass er spontan draußen vor dem Elternhaus stehen und den Leuten Blätter in die Hand drücken will. Er verlässt die Wohnung. Draußen ist es kalt, es regnet, die Leute gehen mit gesenkten Köpfen eilig vorüber. Alex versucht einige Male, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch es gelingt ihm nicht und schließlich gibt er es enttäuscht auf. Er kehrt in die Wohnung zurück. Doch er will sein Vorhaben nicht begraben. Gleich morgen möchte er sein Glück am Bahnhof versuchen. Am nächsten Tag regnet es nicht mehr. Alex geht mit einem guten Gefühl die lange Strecke zum Bahnhof. Er entnimmt der Plastiktasche, die er auf dem Weg sorgfältig unter dem Arm getragen hat, die Werbeblätter. „Nun spreche ich die Leute einfach an“, denkt er. „Guten Tag, ich …“, sagt er zu einem Mann, doch dieser würdigt ihn keines Blickes und eilt vorbei. Alex ist enttäuscht. Er wendet noch dreimal dieselbe Strategie an. Da er nicht beachtet wird, ändert er seine Taktik: „Wollen Sie die Welt auch verbessern?“, fragt er und schon beim dritten Versuch bleibt eine Frau stehen, die ihn aber mit einem seltsamen Blick mustert. „Was meinst du damit?“, fragt sie uninteressiert. Alex ist aufgeregt. Mit zitternden Händen reicht er der Frau ein Blatt. „Lesen Sie meine Botschaft“, stammelt er nur. Die Frau nimmt das Papier wortlos entgegen und geht weiter. Alex beobachtet sie mit klopfendem Herzen. Er stellt fest, dass die Frau dem Blatt gar keine Beachtung schenkt und es ungelesen in einen Abfalleimer wirft. Alex seufzt. Doch er spricht weiter Leute an. Schließlich merkt er, dass der Bahnhof auch kein guter Ort für seine Aktion ist. Denn hier sind die Leute in Eile, die meisten müssen ja schnell ihren Zug erwischen. Alex verlässt enttäuscht den Bahnhof und macht sich auf den Heimweg. Als er beim Spielplatz vorbeigeht, fällt ihm etwas ein: „Diese Kinder sind nicht in Eile, sie haben Zeit und werden die Botschaft intensiv lesen. Sie werden dann auch ihren Eltern davon erzählen.“ Er betritt den Rasen. Einige Kinder rennen schreiend und lachend herum. „Hallo zusammen“, ruft Alex. „Wollt ihr meine Botschaft vernehmen? Hier, lest selbst!“ Die Kinder verstummen und schauen ihn erstaunt an. Dann beginnen sie zu kichern. „Was willst du uns sagen?“ „Hier, lest selbst“, sagt Alex ungeduldig und zeigt den Kindern ein Blatt. „Das ist interessant“, gluckst ein Mädchen mit blonden Zöpfen. „Aber ich kann gar nicht lesen.“ „Woher weißt du dann, dass es interessant ist?“, fragt der Junge, der neben ihm steht. „Das ist wohl alles Unsinn! Kommt, wir spielen weiter!“ Gleich darauf wird Alex nicht mehr beachtet. Er startet noch einen verzweifelten Versuch, den Jungen und Mädchen sein Anliegen mitzuteilen. „Die Botschaft lautet: „Ab heute Frieden auf der ganzen Welt“. Wenn dieses Ziel erreicht würde, wäre das doch toll, oder?“ Der Versuch scheitert, er wird nicht beachtet. Niedergeschlagen will er nach Hause gehen. „Hoffentlich hat Mutter nichts von meiner erfolglosen Aktion bemerkt“, denkt er traurig. Da kommt ihm eine attraktive junge Frau entgegen. Alex entscheidet blitzschnell, sie anzusprechen, um vielleicht doch noch einen Erfolg verbuchen zu können. „Guten Tag“, sagt er schnell zu ihr. „Bitte lesen Sie meine Botschaft.“ Er streckt ihr das Flugblatt entgegen. Stirnrunzelnd liest sie es. Dann lacht sie und gibt ihm das Papier zurück. „Ich weiß, wo du hingehörst“, kichert sie. „Geh ins Kloster.“ Sie geht weiter. Alex ist enttäuscht und macht sich auf den Heimweg. Zu Hause wartet seine Mutter bereits auf ihn. „Wo warst du?“, fragt sie gleich. Alex will ihr für kein Geld der Welt erzählen, was er versucht hat. „Nirgends“, murmelt er, wobei er seine Mutter nicht anschaut. Er will an ihr vorbei ins Zimmer schleichen. Die Mutter ergreift sein Kinn und zwingt ihn, ihr in die Augen zu schauen. „Sag die Wahrheit!“, fordert sie streng. „Wenigstens sagst du etwas, wo man gleich merkt, dass du lügst. Du kannst nicht „nirgends“ gewesen sein.“ Alex zögert. „Ich muss einfach lügen“, denkt er und fährt möglichst beiläufig fort: „Ich war im Wald spazieren.“ „Alex!“, ruft die Mutter streng. „Lüg jetzt nicht, das tust du sonst schon oft genug. Ich erhielt fünf Telefonanrufe von Leuten, die dich beobachtet haben, wie du Flugblätter verteilen wolltest. Sogar die Polizei meldete sich bei uns und fragte, ob wir unseren Jungen vermissen!“ Alex lächelt. „Das glaube ich dir nicht. Woher sollten diese Leute wissen, wer ich bin und wo sie anrufen sollten?“ Die Mutter setzt sich auf einen Stuhl. „Alex“, sagt sie in einem etwas ruhigeren Ton. „Du bist sehr bekannt, viele Leute kennen dich, weil du ungewöhnlich bist. Du bist behindert, wie du ja weißt. Die Leute haben Mitleid mit dir …“ Sie macht eine Pause und fährt dann etwas leiser fort: „… und auch mit mir und deinem Vater.“ „Warum denn?“, fragt Alex erstaunt. Die Mutter seufzt. „Sie denken, dass wir dir sehr viel Zeit widmen müssen und mit deiner Erziehung ganz schön Schwierigkeiten haben. Wir würden wohl unsere anderen Kinder vernachlässigen.“ Alex schaut seiner Mutter in die Augen. „Und?“, fragt er. „Stimmt das?“ „Was?“, fragt sie. „Dass wir unsere anderen Kinder vernachlässigen? Soll ich ehrlich sein? Ja, das stimmt! Papa und ich geben uns aber sehr viel Mühe, die Vernachlässigung so gering wie möglich zu halten.“ Alex fühlt sich, als hätte ihn seine Mutter geohrfeigt. Er geht in sein Zimmer, kriecht unter die Decke und weint bittere Tränen.
5 Sterne
Unterhaltsam - 14.05.2015

Zuerst etwas holprig zum Einsteigen. Dann wurde ich Wärmer und mit der Steigerung der Ereignisse und der Witzigkeit der Folgen wurde ich neugierig und wollte wissen, wie es weitergeht. Das Zusammenkommen von Realitäts Konfrontation durch die Familie und seiner Verarbeitung war eindrücklich.

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