Cover: Das Schattenkind

Das Schattenkind
Vietnam mon amour


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 112
ISBN: 978-3-7116-1518-3
Erscheinungsdatum: 06.08.2026
Inga folgt ihrem Fernweh und ihrem Herzen über Grenzen hinweg. Zwischen Liebe, Verlust und Neubeginn sucht sie ihren Platz im Leben – und ahnt nicht, welchen Preis ihre Entscheidungen fordern werden.
Bonjour Tristesse


Inga schaute aus dem Fenster der Pariser Klinik. Was sie sah, war nur ein graues Gemäuer, das dem Himmel gnädigst eine kleine Lücke überließ, die sich aber keineswegs farblich vom tristen Gestein abhob.

Typischer hätte man sich einen Freitag, den 13. November, nicht vorstellen können. Die Stadt der Liebe und Fröhlichkeit zeigte sich wahrlich von ihrer Kehrseite.

Da lag es nun, das Neugeborene in seinem Körbchen, ausstaffiert mit einem blaugeblümten, freundlichen, hellen Stoff.

Das Kind – ein Junge – weinte, als wüsste es, dass es in dieser feindseligen Welt nicht willkommen war; denn es war das Opfer einer wechselhaften und verfahrenen Beziehungsgeschichte.

Inga hatte geplant, den Vater des Kindes zu heiraten, doch dann begab sie sich in die Arme einer früheren Liebe aus der Pariser Zeit, die urplötzlich in Erscheinung trat. Ja, sie hatte ihn nie vergessen – den fürsorglichen und warmherzigen Menschen. Sein Amt im halb-diplomatischen Dienst hatte ihn nach Asien zurückbeordert. Sie dachte zurück an die Osterzeit, als er bei einem Passionsspiel vor der Notre-Dame seine Jacke um sie legte, als es kalt wurde, und selbst in seinem dünnen Hemd fror wie ein Schneider. Sie erinnerte sich an das „Cave des Oubliettes“, wo sie ihre beiden Namen in eine Säule ritzten. Dieses Kellergewölbe diente einst als Gefängnis, in dem man die Gefangenen vergessen hatte, die dann dort elendig verhungerten. Erst viel später fand man die Skelette.

Inga hatte immer wieder versucht, in Kontakt mit ihrem Liebsten zu treten – vergeblich; auch Einschreibebriefe blieben unbeantwortet. Hätte er nur eine Postkarte geschickt, wäre ihm Ingas Treue sicher gewesen. So aber wandte sie sich Tang zu, einem romantischen Ersatz. Tang war mit Trauer erfüllt, als Inga ihm eröffnete, dass sie nunmehr mit Duc weggehen würde – und natürlich mit seinem Kind unter ihrem Herzen.

Duc stand am Fußende des Bettes und warf dem kleinen Wesen dolchartige Blicke zu Und obwohl der Winzling schlief, durchdrangen die scharfen Geschosse das kleine Herz. Es begann zu weinen bei geschlossenen Augen, denn die zarten Lider boten keinen Schutz vor dem bösen Blick. Duc hatte sich ein blondes, blauäugiges Kind vorgestellt, kein schwarzhaariges mit scharfem asiatischen Augenschnitt. Als Inga die feindliche Aura spürte, übermannten sie Mutterinstinkte, und sie sagte zu sich: „Kleines, ich habe dich geboren und werde dich immer beschützen. Liebes Kind, ich übergebe dich einer Welt, in der es viel Kampf gibt. Ich werde dir beistehen. Dennoch habe ich Angst um dich, weil ich nicht immer da sein werde.“ Nicht Frohsinn, sondern tiefe Ängste und Trauer, eingebettet in ein Gefühl der Melancholie, beherrschten die Stimmung.

Nach drei Tagen wurde es Zeit für Inga, die Klinik zu verlassen, denn ihr Budget erlaubte keinen längeren Aufenthalt. Ihr Mann Duc war bereits zu ihren Eltern nach Köln vorausgefahren, und sie sollte nachkommen. Es war kalt geworden, und sie brauchte dringend einen Wintermantel, den sie auch bei „Printemps“ fand. Es war ein schönes, Chanel-artiges Kleidungsstück mit schwarzer Litze und gezwirbelten Knöpfen, es kostete jedoch 300 NF, die sie nicht mehr zur Verfügung hatte. Da fiel ihr ein, dass Ausländer ja die Mehrwertsteuer direkt in Abzug bringen konnten – also 30 NF weniger. Es war ein aufwendiges Prozedere, aber es klappte.

Bien, ein guter Freund, holte Inga in der Klinik ab, fuhr sie mit dem Taxi zum Bahnhof und überreichte ihr ein Bahnticket erster Klasse – welch hilfreicher Mensch in der Not!




Rückblick:
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Asiaten hatten Inga schon lange in ihren Bann gezogen. Ihr unbestechliches Faible für diese Menschen begann mit zwei Filipinos. Ihre Freundin Gloria klingelte eines Abends bei ihr und sagte, sie habe letzten Samstag zwei nette Filipinos im „Fröhlichen Weindorf“, einem bürgerlichen Tanzlokal mit Tischtelefon, getroffen, und sie hätten vor, diesen Samstag wiederzukommen. Misstrauisch verzog Inga das Gesicht, denn sie war solch fremdartigen Menschen noch nie begegnet und hatte erhebliche Vorurteile. „Du wirst dich wundern“, sagte Gloria, „wie liebenswürdig sie sind.“ Tatsächlich faszinierten Inga ihre geschmeidigen Tanzbewegungen, ihr duftendes schwarzes Haar, ihre schönen Augen und die glatte braune Haut – und alle Vorurteile waren hinfällig. Hinzu kam, dass sie reinen Sekt für die beiden bestellten, denn bis dahin hatte man sich nur Traubensaft leisten können. Ihre vornehme Zurückhaltung kam Ingas sensibler Phase als Teenager sehr entgegen. Sie trafen sich, gingen Hand in Hand durch den Rheinpark spazieren, und ab und zu gab es ein Küsschen auf die Wange. Inga hasste männliche Draufgänger, die einem die Zunge bis in den Hals steckten oder grob in den Schritt fassten.

Am Abend ging es zum Tanzbrunnen, und der späte Mond ließ das Ambiente in einer romantischen Gefühlswolke schweben.

Die beiden waren Praktikanten bei Bayer und mussten alsbald in ihre Heimat zurückkehren, aber der Eindruck dieser Begegnung hinterließ tiefe Spuren in Ingas Seele.




Leben in Paris


Nach einer kurzen Zeit in England, wo Inga ihre Freundin aus Wien kennenlernte, fuhr sie mit Ingrid – so hieß sie – nach Paris. Es war schon abenteuerlich, denn beide hatten wenig Geld und suchten Jobs als Au-pair oder Ähnliches. Zunächst wohnten sie in einem Wohnheim für Afrikaner. Das Heim war armselig – es gab eine Toilette, aber kein Waschbecken zum Händewaschen. Zu essen hatte Ingrid nur noch zwei überreife Birnen, die ihre Mutter ihr mit auf den Weg gegeben hatte. Ingrid war eine Schönheit mit slawischem Einschlag. Es bedurfte nur weniger Minuten, bis sie schon Verehrer fand und ins Restaurant eingeladen wurde, doch sie scheute sich, von einem Schwarzen vielleicht angefasst zu werden. „Ach“, sagte Inga, „was macht’s – halt einfach ein paar Stunden Händchen, dann haben wir die zwei Birnen für morgen.“ Die beiden studierten die Angebote am schwarzen Brett der Alliance Française, einer Sprachenschule, denn sie wollten ja auch ihre Französischkenntnisse aufbessern. Sie fanden eine Anstellung bei Monsieur Riffart, einem Spirituosenhändler am Seineufer, der die beiden für diverse Tätigkeiten sowie für den Verkauf an amerikanische Kunden einzusetzen gedachte. Jedoch waren die Verständigungsschwierigkeiten groß, weil er z. B. kein „H“ sprach. Er diktierte Hennessy, aber Inga verstand „and see“ und schrieb das auch. Ingrid und Inga wurden alsbald entlassen, und auch ihr Zimmer unter dem Dach – eine „chambre de bonne“ – wurde ihnen gekündigt.

Inzwischen hatte Inga aber eine vernünftige Stelle als Englischkorrespondentin bei einer Textilfirma angenommen, und Ingrid bekam eine gute Au-pair-Stelle bei einem Anwalt. Wenn es abends spät wurde, schlief Inga bei ihrer Freundin, die früher aufstand und ihr ein Frühstückspaket unter die Matte der Dienstbotentreppe legte. Schnell lernten die beiden andere Mädchen kennen – und vor allem Monsieur Alain. Der etwas sonderbare, ja schrullige Mensch, ein Geschichtslehrer, sah ein Vergnügen darin, sich mit einer Schar deutscher Mädchen zu umgeben, die er immer „frisch und gesund“ nannte. Er lud sie ins Schwimmbad ein und auf einen Martini an der Bar. Sie durften sich Bikinis aussuchen, die er dann – nebst Trägerin – auf diversen Fotos festhielt.

Inga fiel es schwer, sich von ihrem altmodischen deutschen Badeanzug zu trennen, doch die Pariser Leichtigkeit begann mit der Kleidung. Warum Alain so großzügig war – Schwimmbad, Restaurants und Exkursionen aller Art bezahlte –, wusste niemand so recht, denn physisch näherte er sich keinem der Mädchen. Überspielte er eine gewisse sexuelle Unfähigkeit oder kompensierte er unerfüllbare Wünsche? Man konnte Alain als ein unattraktives „Spinnenmännchen“ mit schütterem, rötlichem Haar, einer starken Brille und einem froschähnlichen Mund bezeichnen. Inga schämte sich ein wenig, dass sie sich als deutsche, blasierte „Twens“ auf seine Kosten amüsierten.
Manchmal umgab sich Alain auch mit männlichen Freunden, die ihn bei seinen hohen Auslagen etwas unterstützten. So lernte Inga einen vietnamesischen Arzt kennen, der im Forschungsbereich des Institut Pasteur beschäftigt war. Er zog sie sofort in seinen Bann, und es schien ihr, als wäre er abgöttisch in sie verliebt. Sein Name war Thuc.

Neben dem Liebesleben, das Thuc Inga in all seinen raffinierten Facetten genießen ließ, bot er ihr ein vergnügliches und gefälliges Leben mit Besuchen in den teuersten Top-Etablissements von Paris wie dem „Crazy Horse“, dem „Moulin Rouge“ und dem „Lido“. Kavaliersmäßig brachte er sie spät über die enge Dienstbotentreppe in ihr „chambre de bonne“ (Dienstmädchenzimmer) zurück. Die Concierge wachte mit Argusaugen, wer den schmalen Aufgang betrat, und verbot hin und wieder den Zutritt, wenn ihr die Person nicht geheuer oder zwielichtig erschien. Thuc gab ihr seine Visitenkarte mit einem Geldschein und erkaufte sich somit das Wohlwollen der herrischen und rigiden Frau.

Arglos folgte Inga Thucs Einladung zu einem Wochenende am Meer, ins Seebad Deauville. Natürlich buchte er ein Hotelzimmer. Ja, das hatte er sich so gedacht – eine standhafte, tugendhafte Frau, die Inga ja nun einmal war, zu verführen. Ein Bad im kühlen Wasser hatte sie noch entschiedener gemacht. „Nein“, sagte sie. Vor der Ehe möchte sie mit niemandem intim werden. Thuc lächelte nur, denn er war ein langmütiger, geduldiger Asiate, der wusste, dass er irgendwann sein Ziel erreichen würde. Paris war angenehm, doch die Schattenseiten wurden spürbar, wenn man wenig Geld hatte. Es kam nicht selten vor, dass ein Mädchen sich einen gut situierten Gönner nahm, der es finanziell über Wasser hielt – das bedeutete aber auch den Verlust der jugendlichen Unbeschwertheit.

So schipperte zum Beispiel Ingas Freundin Gloria mit einem älteren Grafen namens Lafitte auf dessen Jacht durchs Mittelmeer. In den Häfen gingen sie chic aus und speisten in den besten Restaurants. Bis eines Tages Gloria bewusst wurde, dass sie ihre Jugend für ein Luxusleben eingetauscht hatte. Einmal, in einem Hotel, wo Jugendliche ihren Abschlussball feierten, riss die Musik Gloria vom Hocker. Madison und Twist – ja, das hätte sie so gerne mitgetanzt, aber die Behinderung des Grafen ließ eine solch überschäumende Bewegung nicht zu. Da übermannte sie plötzlich ein Gefühl des Verlorenseins und der Lebensferne. Sie war mit ihren 20 Jahren noch jung und keine Anwärterin fürs Altenheim.

Thuc versuchte, Inga das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Dennoch, unterschwellig zogen dunkle Wolken im Hinterzimmer von Ingas Seele auf. Hatte ihre Verbindung überhaupt eine Chance? Thuc war designiert, das Institut Pasteur in Saigon zu übernehmen – eine Tätigkeit mit weitreichender wissenschaftlicher Verantwortung. Derweil quälten ihn die politische Dimensionen und die Repräsentationspflichten, die mit einer solchen Aufgabe verbunden waren. Thuc aber sagte, dass Inga seine Königin sei, und stellte sie auf ein Podest. Gesellschaftlicher Ruhm und wissenschaftliche Karriere seien ihm weniger wichtig als sein persönliches Glück. Dagegen traten düstere Gedanken in Ingas Bewusstsein. Sie trug einen Ring mit einem in Gold gefassten schwarzen Onyx, den ihr einst ein verschmähter Liebhaber geschenkt hatte. Sie dachte an Karl Marx, der geschrieben hatte, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Nein, hier war es umgekehrt. Ihr Innerstes bemerkte plötzlich – wie nie zuvor – diesen schwarzen Stein. Ihn als böses Omen deutend, zog sie ihn vom Finger.

Dann geschah wieder etwas Seltsames. Die Cité universitaire war ein Campus, auf dem vornehmlich ausländische Studenten untergebracht waren. Es gab immer Events wie Tanz, Musik bzw. sportliche Veranstaltungen usw. Der Name des Gründers dieses Areals war in einen großen Stein gemeißelt. „Stell dich mal davor“, sagte Inga zu Thuc, „ich mache ein Foto von dir.“ Wie heftig erschrak sie, als sie sich das Foto später ansah. Thuc stand dort, wie von einem Grabstein eingehüllt und umringt von Dornenzweigen. „Verdammt“, sagte Inga, „kündigt dieses Bild ein unheilvolles Ereignis an?“

Der von Dornen umwundene Körper erinnerte Inga an die Dornenkrone Jesu. Wie konnte Inga das stechende Geflecht beim Fotografieren übersehen haben, das mysteriöserweise auf dem Bild erschien. Sie hätte schwören können, dass es vorher nicht da war.

Thuc teilte sich eine Wohnung mit seinem Schwager in einer Stadt, die Maisons-Alfort hieß. Die beiden Männer fuhren weg, um einige Einkäufe zu tätigen. „Ruh dich aus“, sagte Thuc, „wir sind gleich wieder zurück.“ Währenddessen blieb Inga allein in der Wohnung. Warum aber beschlich sie eine so undefinierbares, aber heftiges Angstgefühl? Dieses nahm eine höllische Dimension an, als sie über der Eingangstür eine Fratze – halb Totenkopf, halb Dämon –, wahrnahm, kurz, aber intensiv. Sie lief aufgewühlt im Zimmer umher und wünschte sich nichts sehnlicher als die Rückkehr der beiden Männer.

Thuc wurde völlig überraschend vom Institut Pasteur zu einem Lehrgang ins Serum Institut Kopenhagen beordert. Das bedeutete für die beiden eine vorübergehende Trennung – zunächst jedoch nicht für lange. Denn Thuc hatte Sehnsucht nach Inga und buchte übers Wochenende einen Flug nach Paris. Am Sonntag ging’s zurück. Vom Place des Invalides fuhr ein Bus zum Flughafen. Auf dem Rückweg führte eine innere Stimme Inga zum Dôme des Invalides. Niemand außer ihr befand sich in diesem Gotteshaus, das mehr ein Denkmal für die in den Schlachten gefallenen Soldaten darstellte. Den Chor schmückten lauter bunte Fahnen – einige zerfetzt und verblichen –, standhaft hielten Stangen sie fest. Trotzig und heroisch zeugten sie von dramatischen Schlachten, unbeirrt durch jegliches Schicksal – ob gewonnene oder verlorene Kämpfe.

Dies schien Inga der richtige Ort zu sein, um inständig ein Gebet zum Himmel zu schicken: „Lieber Gott, du weißt, dass wir keine Zukunft haben. Seine Bestimmung geht in eine andere Richtung. Als Leiter des Institut Pasteur in Saigon wird er in wissenschaftliches und politisches Geschehen eingebunden sein. An seine Seite gehört eine akademisch gebildete, zierliche Frau – und kein ‚Trampeltier‘ wie ich. Bitte, lieber Gott, trenne unsere Wege, aber so, dass keiner dem anderen wehtut.“

Thuc hätte schon seit drei Tagen aus Dänemark zurück sein sollen. Inga vermisste seine Visitenkarte, die er immer durch einen Spalt in der Tür schob – doch diesmal drang nur ein kalter Windstoß durch die Ritze. Es war der Tag vor Allerheiligen, und Inga bat ihre Freundin Gloria, bei ihr zu übernachten. Der 1. November war ein Feiertag; man hätte lange schlafen und gemütlich frühstücken können. „Du, Gloria“, sagte Inga, „ich hatte einen fürchterlichen Traum. Ich träumte, dass Thuc einen Autounfall hatte und pornografische Fotos über die Straße verstreut lagen.“ Das rief ein Schamgefühl in Inga hervor.

„Na endlich“, dachte Inga, als es an die Tür klopfte. Doch die Enttäuschung war groß: Nicht Thuc, sondern sein Schwager stand vor der Tür.

„Ich muss dir eine traurige Nachricht überbringen.“ „Nein, sag bitte nichts.“ Inga bebte vor Angst. „Thuc ist tot, ich habe es geahnt.“ Er hatte auf der Heimreise von Dänemark einen Autounfall. In Deutschland war er auf einen unbeleuchteten Lastwagen aufgefahren, der mitten auf der Straße parkte. Er lebte noch drei Tage im Krankenhaus, aber die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen. Selbst wenn er überlebt hätte, wären erhebliche Behinderungen zurückgeblieben. Ingas Schmerz ließ die Tränen überall kullern – in der Métro, im Büro. Sie durchtränkten sogar das Brot, das sie aß.

Ingas Kollegin, Madame Vautrain, hatte Mitleid mit ihr und empfahl ihr, zu einem Medium zu gehen, das Kontakt zu Ingas verstorbenem Freund aufnehmen könne. Sie selbst war Witwe und hatte positive Erfahrungen mit dem Medium Madame Suzie gemacht. Sie hielt ihre Séancen in einem kleinen Saal ab. Madame Suzie ließ einen Hut durch das Publikum gehen, um einen kleinen Obolus zu sammeln. Ingas Freundin aus Wien weigerte sich, einen Beitrag zu leisten, gab jedoch ein Bild ihres damaligen Freundes ab. Madame Suzie nahm Gegenstände oder Bilder der Verstorbenen oder der gesuchten Person an sich.

Ihre Hände glitten über das Bild von Thuc, um dessen Aura zu ertasten. Sie strich mehrmals darüber und sagte, dass eine Frau bitterlich um ihn weine und fragte, ob er noch seine Mutter habe. Das wusste Inga nicht – aber wer konnte die junge Frau sein? Madame Suzie fuhr fort, dass Inga und Thuc gemeinsam ein Buch gelesen hätten. Das stimmte, doch es war sicher kein Werk seelischer und geistiger Erbauung gewesen, sondern hatte Inga die Schamröte ins Gesicht getrieben. Hoffentlich nannte das Medium nicht den Titel des Buches, denn der lautete „Kamasutram“. Ihr widerstrebte es, dieses indische Lehrbuch der Erotik als Verbindungselement zum Verstorbenen zu betrachten. Das Medium erkannte, dass der Mann auf dem Bild Asiate war und sagte so nebenbei: „Vorsicht, die eurasischen Kinder tendieren zum Suizid.“ Inga hatte noch keine Kinder. Sollte dies eine Voraussage für später sein? Dann sprach sie von einem gut aussehenden Mann in Uniform, der sie aufforderte, nach Hause zu kommen, ein „Zuhause, wo man Weihnachten groß feiert“. War es ihr Großvater, der Französisch sprach und im Ersten Weltkrieg zwar als Gegner kämpfte, aber dennoch frankophil eingestellt war und kein Verlangen danach hatte, wieder nach Deutschland zurückzukommen?

Madame Suzie ließ Ingrids Bild liegen. Alle hatten den Saal schon verlassen, und sie ging auf Madame Suzie zu, um ihr Bild abzuholen. Madame Suzie hatte bemerkt, dass Ingrid kein Geld in den Hut geworfen hatte und sagte: „Mademoiselle, was wollen Sie denn hier, Sie glauben ja ohnehin nicht an Telepathie.“ Ingrid sah sich durchschaut und stotterte ganz verwirrt: „Ich wollte nur wissen, ob die Verbindung mit diesem jungen Mann bleibt?“ „Ganz und gar nicht. Kommen Sie nicht wieder“, antwortete Madame Suzie.
Gleichwohl beunruhigte Inga die bitterlich weinende junge Frau. Thuc war bereits 27, und eine Frau im jugendlichen Alter konnte schwerlich seine Mutter sein. Inga setzte sich mit Phu, seinem Schwager, in Verbindung und schilderte ihm, was Madame Suzie in dem Bild gesehen hatte.
Der Schwager druckste herum und wollte nicht so richtig mit der Sprache heraus. „Ja“, sagte er, „man sollte immer ein gutes Bild von einem Toten bewahren und möglichst negative Dinge meiden. Da du aber schon eine Ahnung hast, will ich mich mit der Wahrheit auch nicht länger zurückhalten. Thuc war in Vietnam mit einer Apothekerin verheiratet. Sie hatten einen kleinen Sohn, der aber im Alter von einem Jahr am plötzlichen Kindstod starb.“ „O Gott“, dachte Inga, „das habe ich mit dem an den Herrgott gerichteten Trennungsbegehren nicht gewollt. Die arme Frau – erst das Kind, dann auch noch den Mann verloren.“
In ihrem Zimmer hielt Inga es alleine nicht mehr aus. Ingrid zeigte sich als wahre Freundin und half Inga bei der Trauerbewältigung, so gut es ging. Sie lebten zusammen einige Tage in ihrem „chambre de bonne“.

Auf Dauer war diese beengte Wohnsituation natürlich keine Lösung, und Inga war begeistert, als ihre deutsche Kollegin Ingeborg ihr ein Angebot machte, ein kleines Appartement – natürlich unter dem Dach – mit ihr zu teilen.
...

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