Das Nachzwölfreich
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 374
ISBN: 978-3-7116-0221-3
Erscheinungsdatum: 10.02.2026
Friedo, der Erfinder der Lachmaschine, rettet einem anderen Jungen das Leben und ist ein Held. Doch sein eigenes Kinderglück zerbricht jäh, als sein Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt … Ein Plädoyer für Frieden und Menschlichkeit.
I - Der Würdewürger
Gefangenschaft: Die Zwillinge, so verschieden, noch frei.
Düü, düüüd, düüüd, düüüüd. „Essen ist fertig!“
Valeska Benedikta, Friedolin Donatus. Zwei von ihnen kommen die Treppe heruntergejagt.
„Langsam …, bis mal einer die Treppe runterfällt! Was ist mit Händewaschen?“
„Das blöde Händewaschen!“, denken sie und strecken die Patschhändchen entgegen.
„Entfällt, derart saubere Hände“, muss sich die Rufende wundern. Am ersten Tag der Sommerferien will man nicht so pingelig sein. Große Ferien für kleine Menschen, die gerade das 1. Schuljahr überstanden haben.
Vier Stühle am Tisch, vier Gedecke, einer in der Ecke, Einkaufstaschen, Krimskrams, Klippkram.
Alte Messer, Gabeln, Löffel, lang schon im Gebrauch, dennoch glänzend, picobello sauber, blitzblank.
„Elfi Victualia, wo bleibt sie denn? ‒ Wir fangen mal an, seid wohl hungrig wie die Wölfe!“
„Wieso sagt man das, hungrig wie ein Wolf?“
„Dumian, hast du noch nie einen Wolf gesehen?“
„Nein, tu du nicht so, du hast keinen gesehen, nicht. Tu mehr lesen.“
„Ich weiß, dass der Wolf die sieben Geißlein gefressen hat, gell, Mutter, das hat der?“
„Ja.“
„Konstanze hat gesagt, sieben Geißlein passen in den Wolf gar nicht, das sei gelogen.“ „Konstanze ist verzogen.“
„Was?“
„Gelogen!“
„Ist es nicht.“
„Ist es wohl.“
„Mutter, Märchen sind nicht gelogen!?“
„Nein.“
„Bätsch!“
„Selber Bätsch. Bitte, bitte Gulasch.“
„Ist genügend da. Du könntest ruhig mit der Gabel essen, mit dem Löffel …, wie eine Schaufel hältst du den.“
„Hört auf mit dem Gezanke! Diese ewige Rivalität …!“
„Was – Riwwvalätit, was ist das?“
„Feindschaft!“
„Ach, Elfi, hab dich gar nicht kommen hören. Diese zwei Rabauken!“
„Wir sind keine Feinde, Elfi, du spinnst. Mutter, was heißt Rabaute?“
„Später, jetzt lasst mal eure Schwester in Ruhe essen. ‒ Elfi, wie war’s in der Fabrik?“
„Bis jetzt ging es, eben immer das Gleiche.“
„Warum tut Elfi in der Fabrik arbeiten, warum tut sie nicht im Krankenhaus arbeiten?“
„Lass die Elfi.“
„Wieso macht sie eine Schnute?“
„Sie macht nichts. ‚Zieht‘ heißt das, Friedolin.“
„Sie macht nichts, sie zieht nichts, sie will essen, basta. Lass sie fragen, sind halt neugierig wie alle gscheiten Kinder.“
„Jupidu, ich bin gschert …, gescheit.“
„Ich auch.“
„Nicht so gscheit wie ich.“
„Ruhe, sonst gibt es keinen Nachtisch!“ Ruhe kehrt ein. Und Eigenlob stinkt.
„Gschert, was ist das? Warum lacht die Elfi?“
„‚Gschert‘ heißt ‚dummer Ochse‘.“
„Nein.“
„Letzte Verwarnung, sonst kriegt das Schwein oder der Hund euren Nachtisch.“
Endgültig kehrt Ruhe ein. Elfi erklärt den Neugierigen, Gscherten, Gescheiten, wieso sie als gelernte Krankenschwester nicht in einem Krankenhaus arbeitet, sondern in der Fabrik. Sie erklärt das mit Geschick, ohne Vereinfachungen, als ob sie es einer Freundin erzählen würde, die Kinder kommen mit.
„Geht die Elfi in die Fabrik zurück?“ Vorher einige Zurufe an die Kleinen, an Friedolin vor allem.
„Wenn sie das Krankenhaus tun wieder neu bauen, tust du wieder da schaffen?“
„Ja klar, Friedolin, du wirst dann Oberarzt.“
„Was?“
„Oberdoktor.“
„Was?“
„Der Doktor, der den anderen Doktors was zu sagen hat: ‚Bin der Friedolin, geben Sie mir sofort das Skalpell.‘“
„Was für Ska…“
„Messer zum Operieren. Du bist der, dem alle folgen, gehorchen müssen …“
Au ja, juhuu!“
„Auwei, der Friedolin doch nicht …!“
„Du bist blöde! Die wird keine Oberdoktorfrau, gell, Elfi!“
Elfi ist weg, hört das nicht mehr.
„Doktorin, du Blödian.“
„Selber.“
Dann trennen sich die Zwillinge. Der eine geht zu den Buben, Fußball spielen, seine Schwester zu den Mädchen, Gummi hopfen. Heile Menschen in einer heilen Welt. Elfi in die Fabrik, die Mutter macht die Hausarbeit, bügelt für die Leute, putzt. Sie haben ein wenig Erspartes, ein kleines Erbe von der Großtante, die vor einigen Wochen gestorben ist, eine kleine Witwenrente, Halbwaisenrente, und so kommen sie gut über die Runden.
Haut der freche Derk die Schwester, weint die, schreit die, geht der Friedolin energisch dazwischen, ballt die babyspeckigen Fäustchen. Zwar fliegen nicht die Fäuste, das macht der Friedolin nicht, droht aber. Seine Drohgebärde wirkt, so gibt er der Schwester Schutz, starke Protektion.
„Tu der Valeska bloß nichts, sonst …“
„Sonst … holst du deinen Papi.“
„Du bist blöd und gemein.“
„Lass ihn, Friedolin, wir gehen heim.“ Gehen sie.
„Herr Doktor Müller-Eisenbart, mein Bein, ich glaube, es ist gebrochen, es schmerzt so sehr.“ Fängt die Valeska zu weinen an, weint der Friedolin mit.
„Du Dummian, ich spiele das nur, ich habe kein gebrochenes Bein“, will sie sagen, sagt es nicht.
„Was soll ich machen?“
„Geben Sie mir eine Spritze, Herr Oberdoktor Müller-Eisenbart!“
„Ja, Vala.“
„Ich heiß doch Frau Vogelbein! Schnell, ich verblute!“ Rennt der Friedolin hektisch, in wirklicher Angst, fast aufgelöst im Kinderzimmer herum.
„Schnell eine Spritze, dann hört es auf zu bluten!“ Die Schwester dem Bruder weit voraus.
„Ich tu keine Spritz finden!“
„Schauen Sie in Ihrem Koffer. Aua, aua …“ Kommt der Oberdoktor mit einem Stecken. „Nein, das ist keine Spritze, dort im Gang sind welche.“
„Wo denn?“
„In dem Kästchen, wo die Nähnadeln, Stricknadeln von der Chefärztin sind.“
„Was ist Chefärztin?“
„Die von Mutter!“
Rennt er raus wie ein Sausewind, nimmt vom Nadelkissen eine Nähnadel. Wimmert, schreit die Vala.
„Ist da oben alles in Ordnung?“
„Ja, Mutter, wir spielen! Herr Doktor, helfen Sie mir, bitte.“ Kommt der Doktor mit einer Nähnadel, setzt sie an.
„Nein, das ist die falsche Nadel“, wimmert die Vala. Kommt er mit der Sicherheitsnadel.
„Wenn ich verblute, sind Sie schuld.“
Rastet der Bruder fast aus, blind vor Eifer, ängstlich, er vergisst, dass alles nur ein Spiel ist, er realisiert das nicht, nicht mehr.
Die Schwester, eine sehr gute Schauspielerin, fischt sich eine rote Schnecke aus dem Jäckchen, setzt sie an den Hals.
„Herr Doktor, ich verblute, Hilfe, eine Schnecke frisst an meinem Hals!“
Kommt der Friedolin vom Treppenhaus, wollte die Mutter zu Hilfe holen, die ist einkaufen gegangen.
„Die Schnecke frisst mein Blut, sie ist ganz blutrot schon, Friedolin, ich bin bald tot.“
Stürzt er rein, reglos die Schwester, die Augen aufgerissen. Weint der Bub herzzerreißend. Schnellt die Schwester auf. Nimmt ihn in die Arme.
„Ist ja gut.“
Will er sich nicht mehr beruhigen.
„Das war bloß ein Spiel. Das spielen wir nie mehr, nie, nie mehr. Versprochen. Komm, wir gehen nach draußen, lassen die Schnecke laufen.“
„Schnecken sind böse.“
„Wieso?“
„Weil sie Kinder fressen.“
„Iwo, nein, Friedolin, das machen Schnecken nicht, das war ich, ich habe die Schnecke an meinen Hals getan. Wir spielen das nie, nie, nie mehr. Abgemacht? Heiliges Apatschenehrenwort.“
„Ja, ich gelobe …, mein Apatschenehrenwort.“
„Was ist gelobe?“
„Schwören …, lassen wir die Schnecke frei.“
„Ja. Spielen wir Räuber und Schäänndarm? Ich bin der Mann von der Polizei.“
„Ich habe keine Lust.“
„Dann Kauboit und Indianer!“
„Nein, wir gehen mit dem Tasso spazieren.“
„Das dürfen wir nicht, die Elfi sagt, wir sind zu klein, der zieht so an der Leine, der ist bärenstark.“
„Das war vor zwei Jahren, da hat die Elfi das gesagt. Jetzt sind wir stark, zeig mal deine Muskeln.“
Friedo pumpt die Muskeln, bläht die runden, roten Backen, zittert das Ärmchen.
„Hart wie Pudding.“
„Du bist blöd.“
„Nein, hart wie Stahl, ich habe nur Spaß gemacht, kapier das. Du darfst nicht alles so ernst nehmen, das ist Ironie, darfst nicht alles für bare Münze nehmen.“
„Du sollst anders reden, tust mich ärgern, tust gescheit. Was ist Iberonik?“
„Wenn ich schreie und es gar nicht wehtut, das ist Ironie.“
„Das ist blöd und gemein!“
„Wo ist die Leine? Ich bin zuerst bei Tasso, wetten?“
Diese Wette verliert sie, Friedolin ist schnell, wieselflink ist der. Tasso im Hundemittelalter japst, jault, winselt, bellt, freut sich nach Hundeart, zieht das Hündchen mächtig an der Leine. Hechelt der, geht es nach draußen in die weite Welt, das ist sie wirklich für die Kinder, den Tasso: eine heile Welt.
„Wenn der bloß die Leine sieht, weiß der, es geht dada, der ist gscheit, der Tasso.“ „Sicher … dada, sag ‚spazieren‘, ‚rausgehen‘, ‚Gassi gehen ‘.“
„Dada, warum darf ich das nicht sagen?“
„Es ist wegen der anderen.“
„Deshalb soll ich nicht ‚dada‘ sagen?“
„Die fangen an zu lachen.“
„Sollen die doch.“
„Ich will aber nicht, dass die mich wegen dir auslachen.“
„Du bist böse auf mich, gell, du magst mich nicht.“
„Du Quatschkopf, natürlich mag ich dich!“
„Wirklich? Dann belobe.“
„Gelobe. Schwör es, tu’s schwören.“
„Jetzt glaub mir endlich, ich mag dich, ganz arg.“ Fängt der Bub spontan an, glucksend zu lachen.
„Ganz arg, ganz arg.“
„Ja.“
Gehen sie mit Tasso.
Sehen die Leute ein wenig neidisch auf das Paar. „Können die sich einen Hund leisten? Der Oskar schuftete den ganzen Tag, der hätte auch gerne einen Hund wie vor dem Krieg, da hatten wir drei, einer schöner als der andere. Wenn einer im Krieg bleibt, kann sich für die Frau, die Witwe lohnen …“
Gehässig waren die Erwachsenen, die mündigen Leute. Die Kinder waren auf nettere Art neidisch, unbeholfen, direkt, die Gehässigkeit, die sie hatten, einzig übernommen von den Alten, ihren. Die Zwillinge ließen jeden an die Leine, den Tasso einmal führen, diesen Prachtkerl, Prachthund. Der Erzfeind Derk, die Erzfeindin Tilla nie. Wer meine Schwester klopft, der ist mein Feind. Wer meinen Bruder Hosenscheißer nennt, Hosenbrunzer, Hosenseicher, der ist mein Erzfeind bzw. meine Erzfeindin. Wenn Kinder nicht miteinander auskommen, fremde wie verschwisterte, ist zu einem nicht geringen Teil das Elternhaus daran schuld. Die Eltern – an der Feindschaft zwischen Kindern sind die Eltern zu einem sehr, sehr großen Teil, einem großen Stück schuld, ein Stück, das Kindern im Halse drückt, der Gurgel. Sie husten es raus, ersticken daran, schlucken es, dieses Stück, bis es auf das Herz drückt. Das Stück ist unausscheidbar. Wohl denen, die dieses Stück nie essen müssen, schlucken, mit ihm nicht in Berührung kommen! Es sind wenige. Die Rumsbecks feiern den Kriegsbeginn, die Krümmer den Beginn des Russlandfeldzuges gleich doppelt, zweimal, weil an diesem Tag Valeska Berta Benedikta und Friedolin Hans Donatus geboren sind, nur deshalb. Es gibt Leute, die feiern aus anderen Gründen, das Kriegsende ist für die kein Grund zu feiern, eher ein Grund zu trauern. Das ist keine Ironie, das ist eine Tatsache.
Liest die Gerlinde Elfi Flora einen Zettel, dass er nur noch ist, kein Schreiben mehr mit Stempel, Unterschriften, fehlte nur noch das Siegel. Es ist ein Zettel, über und über mit Knicken, Dellen, rau das Papier, nicht, weil es holzig, nein, wegen der Tränen. Sie studiert den Zettel mit den paar Zeilen, als könnte er ein Geheimnis aufweisen, irgendetwas, was sie übersehen hatte.
„Sehr geehrte Frau Krümmer …, es tut uns aufrichtig leid …, der als vermisst gemeldete, angezeigte, Schreiben e/erz, der ausstellenden Behörde, ordnungsgemäße Aufnahme der vermissten Listen, des internationalen roten Kreuzes …, des ehemaligen Befehlsstabes der …, nunmehr als tot zu bezeichnen …, nicht eindeutig identifizierbar … Wirren ., die Papiere sichergestellt, die Sie einsehen dürfen, auf Antrag erhalten, von Amts wegen, mit größter Wahrscheinlichkeit unter dem Vorbehalt der nie auszuschließenden Irrtümer …, sie werden wegen eines Versorgungsanspruches von uns hören, wir verbleiben mit aufrichtiger Anteilnahme, Mitgefühl … J. F. Zornspeier …“
Das war vor fünf Jahren. Den Wehrausweis hielt sie unter Verschluss, auch die Fotos, das eine, das versengt war, Spuren des totalen Krieges, der vor so banalen, unwichtigen, sentimentalen, lächerlichen Dingen, wie es Fotografien sind, keinen Halt macht.
1 - Die Mondsichel der Angst
Das versengte Bild sah sie oft an. Die Erinnerung. War sie, die kleine Elfi, der Mann, auf einem großkarierten Wollteppich sitzend, unter einem knorrigen Birnenbaum, im Hintergrund eine, die, ihre Flusslandschaft, ein Erinnerungsfoto. Manchmal fragt sich die Frau: „Soll ich dieses Bild verbrennen? Nein, nie, ich werde mich hüten. Zu schön sind die Erinnerungen an einen, sensiblen, treuen, kinderlieben jungen Mann. Der sich nie Sorgen machte, hatte er auch einmal keine Arbeit. …“ Erkannte sie jetzt, wie recht er hatte, damals. Da hatten sie keine Sorgen, erst später mit dem verfluchten Krieg. Er sorgte sich nicht um sie, die kleine Elfie, was die Leute unter „versorgt“, „besorgt“, „Versorgung“ verstanden, damals wie heute verstanden, er liebte sie. Seine Zwillinge hat er nie gesehen, wahrscheinlich wusste er nicht einmal von ihnen. Dieser eine Brief blieb unbeantwortet, war er wahrscheinlich schon tot.
Die Flora machte sich ständig Sorgen, war ihre Art, und dieser bittere Verlust des Mannes … Was wäre, wenn … „Noch ein Verlust in der Familie, ich würde es nicht überstehen.“ Mächtig stolz war sie auf sich, die Kinder. Stolz, wem Stolz gebührt, konnte sie sein, Stolz muss nicht immer was Anrüchiges sein, es kann. Er kann wunderbar duften. Für einige Mündige trug sie den Kopf zu hoch, das waren aber Kriegsblinde, Kriegsbeschädigte und hatten keinen Schaden, keine Blindheit, kein Gebrechen und waren es dennoch. Blind, aber nicht tastend wie ein Blinder, sondern alles niederrennend, mähend, viele, nicht alle, die meisten, nicht alle, fast alle, nicht alle …
Im Garten hinten, in einem großen Hühnerhaus, so sah das Haus aus, mit etwas Fantasie war es ein Gebäude, wohnte die Schwiegermutter Berta Annarosa Anneliese. Die Alte sorgte für sich, hatte den Mann verloren beim Pflügen. War eine Fliegerbombe, war das Pflügen aus. Ein alter Ackergaul war geblieben, Gott, wie hat der Gaul geschrien! War halb zerfetzt, überall Blut, Eingeweide, alle kümmerten sich um den toten Mann. Nichts ist ihr mehr in Erinnerung geblieben als dieses markerschütternde Schnauben, Zischen, Röcheln, dieses erbarmungswürdigste Geschrei, das immer leiser wurde wie das Zucken der Muskeln, des Körpers langsamer.
Sie sah die Sichel der Angst, wie sie in dieser Deutlichkeit, Aufdringlichkeit, Nacktheit nirgends auf Gottes Boden sichtbarer werden kann.
Diese aufgerissenen Augen, diese Weiße, das man sah, die weiße Mondsichel der Angst, das Maul aufgerissen, das Pferd, im Speichel Blut.
In den Armen den toten Mann, der sah trotz dieser Zerstörungskraft der Bombe fast unversehrt aus. Hab einer Erbarmen, schlag doch einer den armen Ackergaul tot!
...
Gefangenschaft: Die Zwillinge, so verschieden, noch frei.
Düü, düüüd, düüüd, düüüüd. „Essen ist fertig!“
Valeska Benedikta, Friedolin Donatus. Zwei von ihnen kommen die Treppe heruntergejagt.
„Langsam …, bis mal einer die Treppe runterfällt! Was ist mit Händewaschen?“
„Das blöde Händewaschen!“, denken sie und strecken die Patschhändchen entgegen.
„Entfällt, derart saubere Hände“, muss sich die Rufende wundern. Am ersten Tag der Sommerferien will man nicht so pingelig sein. Große Ferien für kleine Menschen, die gerade das 1. Schuljahr überstanden haben.
Vier Stühle am Tisch, vier Gedecke, einer in der Ecke, Einkaufstaschen, Krimskrams, Klippkram.
Alte Messer, Gabeln, Löffel, lang schon im Gebrauch, dennoch glänzend, picobello sauber, blitzblank.
„Elfi Victualia, wo bleibt sie denn? ‒ Wir fangen mal an, seid wohl hungrig wie die Wölfe!“
„Wieso sagt man das, hungrig wie ein Wolf?“
„Dumian, hast du noch nie einen Wolf gesehen?“
„Nein, tu du nicht so, du hast keinen gesehen, nicht. Tu mehr lesen.“
„Ich weiß, dass der Wolf die sieben Geißlein gefressen hat, gell, Mutter, das hat der?“
„Ja.“
„Konstanze hat gesagt, sieben Geißlein passen in den Wolf gar nicht, das sei gelogen.“ „Konstanze ist verzogen.“
„Was?“
„Gelogen!“
„Ist es nicht.“
„Ist es wohl.“
„Mutter, Märchen sind nicht gelogen!?“
„Nein.“
„Bätsch!“
„Selber Bätsch. Bitte, bitte Gulasch.“
„Ist genügend da. Du könntest ruhig mit der Gabel essen, mit dem Löffel …, wie eine Schaufel hältst du den.“
„Hört auf mit dem Gezanke! Diese ewige Rivalität …!“
„Was – Riwwvalätit, was ist das?“
„Feindschaft!“
„Ach, Elfi, hab dich gar nicht kommen hören. Diese zwei Rabauken!“
„Wir sind keine Feinde, Elfi, du spinnst. Mutter, was heißt Rabaute?“
„Später, jetzt lasst mal eure Schwester in Ruhe essen. ‒ Elfi, wie war’s in der Fabrik?“
„Bis jetzt ging es, eben immer das Gleiche.“
„Warum tut Elfi in der Fabrik arbeiten, warum tut sie nicht im Krankenhaus arbeiten?“
„Lass die Elfi.“
„Wieso macht sie eine Schnute?“
„Sie macht nichts. ‚Zieht‘ heißt das, Friedolin.“
„Sie macht nichts, sie zieht nichts, sie will essen, basta. Lass sie fragen, sind halt neugierig wie alle gscheiten Kinder.“
„Jupidu, ich bin gschert …, gescheit.“
„Ich auch.“
„Nicht so gscheit wie ich.“
„Ruhe, sonst gibt es keinen Nachtisch!“ Ruhe kehrt ein. Und Eigenlob stinkt.
„Gschert, was ist das? Warum lacht die Elfi?“
„‚Gschert‘ heißt ‚dummer Ochse‘.“
„Nein.“
„Letzte Verwarnung, sonst kriegt das Schwein oder der Hund euren Nachtisch.“
Endgültig kehrt Ruhe ein. Elfi erklärt den Neugierigen, Gscherten, Gescheiten, wieso sie als gelernte Krankenschwester nicht in einem Krankenhaus arbeitet, sondern in der Fabrik. Sie erklärt das mit Geschick, ohne Vereinfachungen, als ob sie es einer Freundin erzählen würde, die Kinder kommen mit.
„Geht die Elfi in die Fabrik zurück?“ Vorher einige Zurufe an die Kleinen, an Friedolin vor allem.
„Wenn sie das Krankenhaus tun wieder neu bauen, tust du wieder da schaffen?“
„Ja klar, Friedolin, du wirst dann Oberarzt.“
„Was?“
„Oberdoktor.“
„Was?“
„Der Doktor, der den anderen Doktors was zu sagen hat: ‚Bin der Friedolin, geben Sie mir sofort das Skalpell.‘“
„Was für Ska…“
„Messer zum Operieren. Du bist der, dem alle folgen, gehorchen müssen …“
Au ja, juhuu!“
„Auwei, der Friedolin doch nicht …!“
„Du bist blöde! Die wird keine Oberdoktorfrau, gell, Elfi!“
Elfi ist weg, hört das nicht mehr.
„Doktorin, du Blödian.“
„Selber.“
Dann trennen sich die Zwillinge. Der eine geht zu den Buben, Fußball spielen, seine Schwester zu den Mädchen, Gummi hopfen. Heile Menschen in einer heilen Welt. Elfi in die Fabrik, die Mutter macht die Hausarbeit, bügelt für die Leute, putzt. Sie haben ein wenig Erspartes, ein kleines Erbe von der Großtante, die vor einigen Wochen gestorben ist, eine kleine Witwenrente, Halbwaisenrente, und so kommen sie gut über die Runden.
Haut der freche Derk die Schwester, weint die, schreit die, geht der Friedolin energisch dazwischen, ballt die babyspeckigen Fäustchen. Zwar fliegen nicht die Fäuste, das macht der Friedolin nicht, droht aber. Seine Drohgebärde wirkt, so gibt er der Schwester Schutz, starke Protektion.
„Tu der Valeska bloß nichts, sonst …“
„Sonst … holst du deinen Papi.“
„Du bist blöd und gemein.“
„Lass ihn, Friedolin, wir gehen heim.“ Gehen sie.
„Herr Doktor Müller-Eisenbart, mein Bein, ich glaube, es ist gebrochen, es schmerzt so sehr.“ Fängt die Valeska zu weinen an, weint der Friedolin mit.
„Du Dummian, ich spiele das nur, ich habe kein gebrochenes Bein“, will sie sagen, sagt es nicht.
„Was soll ich machen?“
„Geben Sie mir eine Spritze, Herr Oberdoktor Müller-Eisenbart!“
„Ja, Vala.“
„Ich heiß doch Frau Vogelbein! Schnell, ich verblute!“ Rennt der Friedolin hektisch, in wirklicher Angst, fast aufgelöst im Kinderzimmer herum.
„Schnell eine Spritze, dann hört es auf zu bluten!“ Die Schwester dem Bruder weit voraus.
„Ich tu keine Spritz finden!“
„Schauen Sie in Ihrem Koffer. Aua, aua …“ Kommt der Oberdoktor mit einem Stecken. „Nein, das ist keine Spritze, dort im Gang sind welche.“
„Wo denn?“
„In dem Kästchen, wo die Nähnadeln, Stricknadeln von der Chefärztin sind.“
„Was ist Chefärztin?“
„Die von Mutter!“
Rennt er raus wie ein Sausewind, nimmt vom Nadelkissen eine Nähnadel. Wimmert, schreit die Vala.
„Ist da oben alles in Ordnung?“
„Ja, Mutter, wir spielen! Herr Doktor, helfen Sie mir, bitte.“ Kommt der Doktor mit einer Nähnadel, setzt sie an.
„Nein, das ist die falsche Nadel“, wimmert die Vala. Kommt er mit der Sicherheitsnadel.
„Wenn ich verblute, sind Sie schuld.“
Rastet der Bruder fast aus, blind vor Eifer, ängstlich, er vergisst, dass alles nur ein Spiel ist, er realisiert das nicht, nicht mehr.
Die Schwester, eine sehr gute Schauspielerin, fischt sich eine rote Schnecke aus dem Jäckchen, setzt sie an den Hals.
„Herr Doktor, ich verblute, Hilfe, eine Schnecke frisst an meinem Hals!“
Kommt der Friedolin vom Treppenhaus, wollte die Mutter zu Hilfe holen, die ist einkaufen gegangen.
„Die Schnecke frisst mein Blut, sie ist ganz blutrot schon, Friedolin, ich bin bald tot.“
Stürzt er rein, reglos die Schwester, die Augen aufgerissen. Weint der Bub herzzerreißend. Schnellt die Schwester auf. Nimmt ihn in die Arme.
„Ist ja gut.“
Will er sich nicht mehr beruhigen.
„Das war bloß ein Spiel. Das spielen wir nie mehr, nie, nie mehr. Versprochen. Komm, wir gehen nach draußen, lassen die Schnecke laufen.“
„Schnecken sind böse.“
„Wieso?“
„Weil sie Kinder fressen.“
„Iwo, nein, Friedolin, das machen Schnecken nicht, das war ich, ich habe die Schnecke an meinen Hals getan. Wir spielen das nie, nie, nie mehr. Abgemacht? Heiliges Apatschenehrenwort.“
„Ja, ich gelobe …, mein Apatschenehrenwort.“
„Was ist gelobe?“
„Schwören …, lassen wir die Schnecke frei.“
„Ja. Spielen wir Räuber und Schäänndarm? Ich bin der Mann von der Polizei.“
„Ich habe keine Lust.“
„Dann Kauboit und Indianer!“
„Nein, wir gehen mit dem Tasso spazieren.“
„Das dürfen wir nicht, die Elfi sagt, wir sind zu klein, der zieht so an der Leine, der ist bärenstark.“
„Das war vor zwei Jahren, da hat die Elfi das gesagt. Jetzt sind wir stark, zeig mal deine Muskeln.“
Friedo pumpt die Muskeln, bläht die runden, roten Backen, zittert das Ärmchen.
„Hart wie Pudding.“
„Du bist blöd.“
„Nein, hart wie Stahl, ich habe nur Spaß gemacht, kapier das. Du darfst nicht alles so ernst nehmen, das ist Ironie, darfst nicht alles für bare Münze nehmen.“
„Du sollst anders reden, tust mich ärgern, tust gescheit. Was ist Iberonik?“
„Wenn ich schreie und es gar nicht wehtut, das ist Ironie.“
„Das ist blöd und gemein!“
„Wo ist die Leine? Ich bin zuerst bei Tasso, wetten?“
Diese Wette verliert sie, Friedolin ist schnell, wieselflink ist der. Tasso im Hundemittelalter japst, jault, winselt, bellt, freut sich nach Hundeart, zieht das Hündchen mächtig an der Leine. Hechelt der, geht es nach draußen in die weite Welt, das ist sie wirklich für die Kinder, den Tasso: eine heile Welt.
„Wenn der bloß die Leine sieht, weiß der, es geht dada, der ist gscheit, der Tasso.“ „Sicher … dada, sag ‚spazieren‘, ‚rausgehen‘, ‚Gassi gehen ‘.“
„Dada, warum darf ich das nicht sagen?“
„Es ist wegen der anderen.“
„Deshalb soll ich nicht ‚dada‘ sagen?“
„Die fangen an zu lachen.“
„Sollen die doch.“
„Ich will aber nicht, dass die mich wegen dir auslachen.“
„Du bist böse auf mich, gell, du magst mich nicht.“
„Du Quatschkopf, natürlich mag ich dich!“
„Wirklich? Dann belobe.“
„Gelobe. Schwör es, tu’s schwören.“
„Jetzt glaub mir endlich, ich mag dich, ganz arg.“ Fängt der Bub spontan an, glucksend zu lachen.
„Ganz arg, ganz arg.“
„Ja.“
Gehen sie mit Tasso.
Sehen die Leute ein wenig neidisch auf das Paar. „Können die sich einen Hund leisten? Der Oskar schuftete den ganzen Tag, der hätte auch gerne einen Hund wie vor dem Krieg, da hatten wir drei, einer schöner als der andere. Wenn einer im Krieg bleibt, kann sich für die Frau, die Witwe lohnen …“
Gehässig waren die Erwachsenen, die mündigen Leute. Die Kinder waren auf nettere Art neidisch, unbeholfen, direkt, die Gehässigkeit, die sie hatten, einzig übernommen von den Alten, ihren. Die Zwillinge ließen jeden an die Leine, den Tasso einmal führen, diesen Prachtkerl, Prachthund. Der Erzfeind Derk, die Erzfeindin Tilla nie. Wer meine Schwester klopft, der ist mein Feind. Wer meinen Bruder Hosenscheißer nennt, Hosenbrunzer, Hosenseicher, der ist mein Erzfeind bzw. meine Erzfeindin. Wenn Kinder nicht miteinander auskommen, fremde wie verschwisterte, ist zu einem nicht geringen Teil das Elternhaus daran schuld. Die Eltern – an der Feindschaft zwischen Kindern sind die Eltern zu einem sehr, sehr großen Teil, einem großen Stück schuld, ein Stück, das Kindern im Halse drückt, der Gurgel. Sie husten es raus, ersticken daran, schlucken es, dieses Stück, bis es auf das Herz drückt. Das Stück ist unausscheidbar. Wohl denen, die dieses Stück nie essen müssen, schlucken, mit ihm nicht in Berührung kommen! Es sind wenige. Die Rumsbecks feiern den Kriegsbeginn, die Krümmer den Beginn des Russlandfeldzuges gleich doppelt, zweimal, weil an diesem Tag Valeska Berta Benedikta und Friedolin Hans Donatus geboren sind, nur deshalb. Es gibt Leute, die feiern aus anderen Gründen, das Kriegsende ist für die kein Grund zu feiern, eher ein Grund zu trauern. Das ist keine Ironie, das ist eine Tatsache.
Liest die Gerlinde Elfi Flora einen Zettel, dass er nur noch ist, kein Schreiben mehr mit Stempel, Unterschriften, fehlte nur noch das Siegel. Es ist ein Zettel, über und über mit Knicken, Dellen, rau das Papier, nicht, weil es holzig, nein, wegen der Tränen. Sie studiert den Zettel mit den paar Zeilen, als könnte er ein Geheimnis aufweisen, irgendetwas, was sie übersehen hatte.
„Sehr geehrte Frau Krümmer …, es tut uns aufrichtig leid …, der als vermisst gemeldete, angezeigte, Schreiben e/erz, der ausstellenden Behörde, ordnungsgemäße Aufnahme der vermissten Listen, des internationalen roten Kreuzes …, des ehemaligen Befehlsstabes der …, nunmehr als tot zu bezeichnen …, nicht eindeutig identifizierbar … Wirren ., die Papiere sichergestellt, die Sie einsehen dürfen, auf Antrag erhalten, von Amts wegen, mit größter Wahrscheinlichkeit unter dem Vorbehalt der nie auszuschließenden Irrtümer …, sie werden wegen eines Versorgungsanspruches von uns hören, wir verbleiben mit aufrichtiger Anteilnahme, Mitgefühl … J. F. Zornspeier …“
Das war vor fünf Jahren. Den Wehrausweis hielt sie unter Verschluss, auch die Fotos, das eine, das versengt war, Spuren des totalen Krieges, der vor so banalen, unwichtigen, sentimentalen, lächerlichen Dingen, wie es Fotografien sind, keinen Halt macht.
1 - Die Mondsichel der Angst
Das versengte Bild sah sie oft an. Die Erinnerung. War sie, die kleine Elfi, der Mann, auf einem großkarierten Wollteppich sitzend, unter einem knorrigen Birnenbaum, im Hintergrund eine, die, ihre Flusslandschaft, ein Erinnerungsfoto. Manchmal fragt sich die Frau: „Soll ich dieses Bild verbrennen? Nein, nie, ich werde mich hüten. Zu schön sind die Erinnerungen an einen, sensiblen, treuen, kinderlieben jungen Mann. Der sich nie Sorgen machte, hatte er auch einmal keine Arbeit. …“ Erkannte sie jetzt, wie recht er hatte, damals. Da hatten sie keine Sorgen, erst später mit dem verfluchten Krieg. Er sorgte sich nicht um sie, die kleine Elfie, was die Leute unter „versorgt“, „besorgt“, „Versorgung“ verstanden, damals wie heute verstanden, er liebte sie. Seine Zwillinge hat er nie gesehen, wahrscheinlich wusste er nicht einmal von ihnen. Dieser eine Brief blieb unbeantwortet, war er wahrscheinlich schon tot.
Die Flora machte sich ständig Sorgen, war ihre Art, und dieser bittere Verlust des Mannes … Was wäre, wenn … „Noch ein Verlust in der Familie, ich würde es nicht überstehen.“ Mächtig stolz war sie auf sich, die Kinder. Stolz, wem Stolz gebührt, konnte sie sein, Stolz muss nicht immer was Anrüchiges sein, es kann. Er kann wunderbar duften. Für einige Mündige trug sie den Kopf zu hoch, das waren aber Kriegsblinde, Kriegsbeschädigte und hatten keinen Schaden, keine Blindheit, kein Gebrechen und waren es dennoch. Blind, aber nicht tastend wie ein Blinder, sondern alles niederrennend, mähend, viele, nicht alle, die meisten, nicht alle, fast alle, nicht alle …
Im Garten hinten, in einem großen Hühnerhaus, so sah das Haus aus, mit etwas Fantasie war es ein Gebäude, wohnte die Schwiegermutter Berta Annarosa Anneliese. Die Alte sorgte für sich, hatte den Mann verloren beim Pflügen. War eine Fliegerbombe, war das Pflügen aus. Ein alter Ackergaul war geblieben, Gott, wie hat der Gaul geschrien! War halb zerfetzt, überall Blut, Eingeweide, alle kümmerten sich um den toten Mann. Nichts ist ihr mehr in Erinnerung geblieben als dieses markerschütternde Schnauben, Zischen, Röcheln, dieses erbarmungswürdigste Geschrei, das immer leiser wurde wie das Zucken der Muskeln, des Körpers langsamer.
Sie sah die Sichel der Angst, wie sie in dieser Deutlichkeit, Aufdringlichkeit, Nacktheit nirgends auf Gottes Boden sichtbarer werden kann.
Diese aufgerissenen Augen, diese Weiße, das man sah, die weiße Mondsichel der Angst, das Maul aufgerissen, das Pferd, im Speichel Blut.
In den Armen den toten Mann, der sah trotz dieser Zerstörungskraft der Bombe fast unversehrt aus. Hab einer Erbarmen, schlag doch einer den armen Ackergaul tot!
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